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Eigentlich will Joshua "Josh" Homme seinen Schulabschluss nachholen, als er 1995 bei Kyuss die Klampfe niederlegt. Er schafft aber nicht den Absprung von der Bühne und spielt aushilfsweise bei befreundeten Bands wie Screaming Trees, Earthlings? und Soundgarden. Außerdem konzentriert er sich auf seine Experimentalreihe "Desert Sessions", einer Aufnahmeserie im Mojave Desert Studio mit befreundeten Musikern von Monster Magnet, Soundgarden, Fu Manchu und Co. 1996 releast Homme unter dem Projektnamen Gamma Ray eine 2-Track-EP bei Frank Koziks Man's Ruin Records.
Der Name Queens Of The Stone Age geht gerüchteweise auf die Aufnahmesessions zum Kyuss-Album "Blues For The Red Sun" zurück, als Produzent Chris Goss (Masters Of Reality) entzückt verlauten lässt: "Oh Mann, ihr Typen klingt echt wie die Königinnen der Steinzeit!". 1997 rekrutiert Josh die Ex-Kyuss-Legionäre Alfredo Hernandez (Drums) und Nick Oliveri (Bass/Gesang), um wieder fett ins Business einzusteigen. Oliveri rockte sich zwischenzeitlich bei den Dwarves den Bart ab. Ebenfalls mit an Bord ist Gitarrero David Catching von den Earthlings?.
Man zieht sich ins kalifornische Palm Desert zurück, um einen neuen Sound abseits eines bloßen Kyuss-Remakes zu kreieren. Aus dem Bauch heraus entsteht ein schwerer und zäher Rock, gepaart mit ausgetüftelten Gitarrenriffs, minimalistischen Drumpatterns und hypnotisch geloopten Arrangements. Ein Monster psychedelischer Musik, das Josh später als "Robot-Rock" und Oliveri als "Kokain-Pop" bezeichnet.
Das 98er Debüt erscheint auf Stone Gossards Loosegroove-Label, hierzulande via Roadrunner. Presse und Fans zeigen sich begeistert, die Single "If Only" läuft sogar in einigen Alternative-Radios. Erstaunen löst die Tatsache aus, dass Josh vorwiegend selbst die Vocals übernimmt. Im Gegensatz zu Garcia verzichtet der Gitarrist völlig auf Schreiausbrüche und übt sich stattdessen in cleaner Melodieführung.
Eine knapp zweijährige Tour bringt das Album live rund um die Welt, u.a. steht man mit Rage Against The Machine, Ween und den Pumpkins auf der Bühne. Nebenbei frickelt Josh weiter an den "Desert Sessions" herum, was ihn schließlich zur Arbeit am zweiten Album inspiriert. Zwischenzeitlich ändert sich das Line-Up (Gene Troutman bearbeitet die Drums), Saitenschamane Josh und Bass-Exhibitionist Nick gelten aber weiterhin als Kern der Band.
2000 ist die Zeit reif. Zunächst schlicht "II" benannt, ändert die Band den Titel kurzfristig noch in "Rated R" um. Mit der Single-Auskopplung "Feel Good Hit Of The Summer" mausern sich QOTSA zu Everybodys Darlings der alternativen Musikszene. Der Text der Single besteht ausschließlich aus der Aufzählung von Drogen: "Nicotine, Valium, Vicadin, Marijuana, Ecstasy, Alcohol", im Refrain wird noch ein deftiges "Co-co-co-co-co-cocaine" hinterher geschoben. Judas Priests Rob Halford grölt übrigens im Background. Mit Monster Magnet starten QOTSA 2000 eine Co-Headliner-Tour durch europäische Hallen. Vor allem stürmt jedoch die Single "The Lost Art Of Keeping A Secret" die Radiostationen und mausert sich zum Szenehit.
Im Frühsommer 2001 verstärkt Mark Lanegan von den Screaming Trees die Band an der Gitarre und übernimmt auch einige Vocalparts. Trotz vollem Tourkalender haben die Queens bald neues Material zusammen und spielen ab Mitte 2001 u.a. mit Lanegan das dritte Album "Songs For The Deaf" ein. Das Album gilt schon bald nach dem Release als Meilenstein des Genres - zumal Dave Grohl seine ersten Drumparts seit dem Foo Fighters-Debüt einspielt und die Queens auch noch auf Tour begleitet. Auch Dean Ween, Pete Stahl (Earthlings?), Alain Johannes sowie Ehefrau Natasha Shneider (Eleven) und Twiggy Ramirez schauen zuvor im Studio vorbei.
Im Frühjahr 2004, die Hommes Nebenprojekt Eagles Of Death Metal tourt gerade in Europa mit den Distillers, verkündet die QOTSA-Plattenfirma Interscope überraschend den Ausstieg Oliveris bei den Queens: Er und Josh Homme seien "in den letzten 18 Monaten so häufig aneinander geraten, dass eine fruchtbare Zusammenarbeit innerhalb der Band nicht länger gewährleistet ist". Auch Lanegan habe die Band verlassen, um sich auf die Arbeiten an seinem kommenden Soloalbum zu konzentrieren. Zumindest Lanegan wird aber beim Nachfolger wieder zurückkehren.
Jenes vierte QOTSA-Album "Lullabies To Paralyze" erscheint im März 2005. Zur Besetzung zählen neben Homme und Lanegan Ex-Perfect Circle- und Sweethead-Mann Troy Van Leeuwen (Gitarre), Joey Castillo (Drums) und für Liveeinsätze auch Ex-Monster Magnet-Basser Dan Druff. Ebenfalls zum Jammen schaute die ZZ Top-Legende Billy F. Gibbons in Los Angeles vorbei. Das Album steigt auf Platz 5 in die US-Charts ein und wird zum bislang größten kommerziellen Erfolg der Band.
Im Januar 2006 stehen bis dato ungewohnte Freuden im Hause Homme an: Partnerin Brody Dalle bringt am 17. Januar Tochter Camille zur Welt. Deswegen belässt es der Meister aber noch lange nicht beim Windeln wechseln. Zunächst produziert er das zweite Album der Eagles Of Death Metal. Anschließend setzt er sich in sein nun wohl nicht mehr ganz so stilles Kämmerlein in Hollywood, um neue Songs für die Queens zu schreiben.
"Era Vulgaris" wird ein vergleichsweise sperriges Album, was schon die Single "Sick Sick Sick" ankündigt. Dennoch schafft es die Platte hierzulande auf Rang 5, QOTSAs beste Platzierung in Deutschland. Dass er weiterhin für musikalische Überraschungen gut ist, beweist Homme 2009. Unter dem Signet Them Crooked Vultures trifft er sich erneut mit Grohl und Led Zeppelin-Basser John Paul Jones zu einer Supergroup-Jamsession, die auch ein gefeiertes Album produziert.
2011 sorgt Homme bei Longtime-Fans für Schreikrämpfe, da er sein QOTSA-Debütalbum in voller Länge auf die Bühne bringt. Zu diesem Zeitpunkt weiß noch niemand, dass der Sänger zuvor vier Monate in der Horizontalen verbrachte, nachdem es zu Komplikationen bei einer überfälligen Knie-Operation kam. Homme erzählt dem NME später sogar, er sei für wenige Sekunden tot gewesen. In der Folge erleidet er eine Depression, die dem mittlerweile zweifachen Vater kurzzeitig die Lust an der Musik austrreibt.
Schreibblockaden und bandinterne Probleme führen letztlich dazu, dass der "Era Vulgaris"-Nachfolger "...Like Clockwork" erst 2013 erscheint. Dafür mit einer Gästeliste, die sich sehen lassen kann: Dave Grohl, Jon Theodore, Mark Lanegan, Nick Olivieri, Alex Turner, Jake Shears und Elton John schauen in Hommes Studio in L.A. vorbei. Drummer Castillo hat die Band nach sieben Jahren verlassen.
Dem alten QOTSA-Hauruck-Rock sagt die Platte weitgehend Adieu, selbst Klavierballaden integriert Homme scheinbar mühelos in ein kohärentes, düsteres Soundkonzept. Die Meinungen ob dieses Richtungswechsels gehen zwar auseinander, was jedoch nicht verhindert, dass "...Like Clockwork" in Deutschland, Großbritannien und Amerika zum erfolgreichsten QOTSA-Album aufsteigt. Eine späte Würdigung für das bereits jetzt außergewöhnliche Lebenswerk eines Gitarristen, den viele bereits in der Champions League neben stilprägenden Ikonen wie Jimmy Page, Eric Clapton, Slash oder David Gilmour sehen.
Josh Homme und Troy van Leeuwen sprechen über die "Era Vulgaris".
Freitag 4. Mai, nachmittäglicher Ortstermin in der Berliner Universal-Niederlassung, 6. Stock, Listening Session: Der Promoter traut heute seinen Ohren nicht recht und legt deshalb die Feinjustierung des Sounds ganz in unsere Hände. Er verlässt den Raum, kommt kurze Zeit später mit spärlichem Begleittext zurück, dann sind wir allein. Allein mit der kopiergeschützten, gewatermarkten und wahrscheinlich überhaupt nur mit der hauseigenen Stereoanlage kompatiblen "Era Vulgaris". Also Bleistifte angespitzt, Lautstärke nach oben geregelt und push play. 47 Minuten später herrscht verhaltene Ratlosigkeit. Einstimmig vermisst wird: der rote Faden. Keine ganz unwichtige Komponente für die Albumrezeption.
Wir erinnern uns: "Rated R" hatte das Filmische als Leitmotiv, "Songs For The Deaf" ging über den Äther und "Lullabies" schließlich des Nächtens in den Wald. Letztgenannte Platte bedeutete nach Josh Hommes Worten ein Ende, ein zusammenfassender Schlusspunkt der bisherigen Ära QOTSA - und der Schlüssel zur Era Vulgaris: "This time I had nothing to say really." Völliger Konzeptverzicht als Konzept? Fragen wir den Bandkopf doch einfach selber. Vorhang auf für die beeindruckende One-Mann-Show des Joshua H.
Sonntag, 6. Mai, gegen halb vier in Berlin-Mitte, die Lounge des Luxushotels The Westin Grand:
"I need no make-up!" Ein rothaariger, gut gefütterter 6"4'-Hüne und ein sonnenbebrillter Dandy im Sonntagsanzug stürmen aus dem Salon heraus, an uns Wartenden vorbei und winken zur Begrüßung erst einmal grinsend ins Nichts. Wir stutzen, die altgediegene Kaffeegesellschaft in der Lobby stutzt. Im nächsten Moment ist Homme schon wie die XXL-Version eines harngetriebenen Schuljungen die Treppe Richtung Toilette hinuntergestürmt, während Gitarrist van Leeuwen auf einem Sofa Platz nimmt und sich dann doch schminken lässt: Fototermin. Einige weitere Minuten vergehen, bis wir uns zum 2+2-Gespräch in einen Winkel des Stockwerks zurückziehen.
Josh Homme: Es klingt cool, oder? (schnappt sich das Mikrofon, steht auf und croont: "Everybody loves to go in the sunshine ... talking about tools and times…") Nun ja, "Era Vulgaris" bedeutet "Common Era", also die Zeit, in der wir leben und die wir jetzt gerade miteinander teilen. It's very much about now. In dieser Hinsicht eine sehr moderne Platte.
Modern oder eher postmodern? Eine Albuminfo zitiert dich mit der Aussage, dass wir in einer Zeit der Unentschlossenheit leben: Die nachwachsenden Generationen schieben Lebensentscheidungen so weit wie möglich auf. Es gibt in unserer Gegenwart unüberschaubar viele Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Jeder versucht sich selbst, probiert verschiedene Lebensentwürfe aus, anstatt einem stromlinienförmigen Weg zu folgen.
J: Yeah! Vielleicht geht es euch ja genauso: Ihr wisst nicht hundertprozentig, was genau ihr mit eurer Zeit anfangen sollt. Bis es so weit ist, testet ihr hier und da kleine Portionen Wahrheit, die euch bei der Entscheidung helfen. Genauso mache ich das auch. Ich habe mich sogar entschlossen, mich niemals zu entscheiden. I wanna do it all. Okay, ich weiß, dass ich jetzt nicht unbedingt in einer Mine oder in einem Stahlwerk arbeiten möchte. Und niemals wieder werde ich Bauarbeiter sein. Mein Eindruck ist, dass eigentlich jeder einzelne in unserer Generation so denkt. Oder hast du Bock auf den Bauarbeiterjob?
Ganz sicher nicht.
J: Alright then, here we go! (lacht)
Welche Bedeutung kann Rockmusik in dieser Ära der Unentschiedenheit noch haben? J: Nun, es gab viele Momente, in denen ich mich gefragt habe: 'Gott, ist das, was ich tue, eigentlich noch relevant?' Aber dann höre ich zufällig diesen abgefahrenen Song, der an meine Säfte rührt ... dieses Schmetterlingsgefühl im Bauch. Ich werde ganz aufgeregt. In diesem Augenblick fühle ich wieder, wie bedeutend Musik ist. Wenn du verwirrt bist oder dich verliebst, wenn du wütend bist oder über große philosophische Fragen nachdenkst - es gibt keinen besseren Weg, die immateriellen Werte des Lebens zu erklären.
Dieses Gefühl von Sich-nicht-festlegen hat das Album offensichtlich stark geprägt. Es gibt den klassischen QOTSA-Heavyrock, Elektronisches, Psychedelisches, ein Pianostück ...
J: Auf jeden Fall.
Troy van Leeuwen: Wie Josh eben meinte: Es ist selbst für uns ein sehr modernes Album geworden.
J: So klingen wir, wenn wir total auf high-tech machen. (lacht)
T: Modern zu klingen bedeutet für uns, dass wir versuchen, immer die beste Version von uns einzufangen. Deshalb schlucken wir auch jeden Morgen Vitamine ...
Vitamine, genau. Was uns Josh und Troy daraufhin auf den Tisch legen, ist astreines Codein. "Wanna try?" Wir sind natürlich feige, sagen Danke und versprechen artig, die Pillen später zu schlucken.
Bei "Era Vulgaris" habe ich das Gefühl, dass ihr auf ein stringentes Konzept zum ersten Mal keinen allzu großen Wert legt.
J: Bei jeder Platte gibt es irgendwo einen lockeren inhaltlichen Faden, der die Songs zusammenhält. Bei diesem Album ist es die Abwechslung. Das Füllhorn der Musik! (lacht) Wir sind wie eine Handvoll Kartoffeln, ein wenig Getreide, ein bisschen Fleisch, eine Portiönchen Salat, etwas Pasta ... und schon hast du einen riesigen Fettsack! (lacht)
T: This is fat music. A fat record, fat sounds.
J: Viele verschiedene Styles auf einmal. Weil das die Art ist, wie ich Musik konsumiere: Ich höre die Musik, die mir gefällt. Ganz gleich, welchem "Genre" sie angehört.
Josh, du hast "Era Vulgaris" hart genannt. Kannst du genauer erklären, was du unter Heaviness verstehst?
J: Härte ist in meinen Augen nicht mit Distortion gleichzusetzen. Das war eines der ersten wirklich wichtigen Dinge, die ich begriffen habe, als es mit Kyuss zuende ging: Es ist nicht die Distortion, die die Heaviness ausmacht - es sind Inhalte und die Art, wie man das Gesagte an den Hörer heranträgt. It's the way you deliver something. "Suture Up Your Future" zum Beispiel. Es beginnt mit fast nichts, bewegt sich aber unaufhaltsam auf ein furioses Ende zu. Dieses Stück empfinde ich als mindestens genauso heavy wie das brutale "Battery Acid".
Würdet ihr das Album als euer inhaltlich bislang härtestes bezeichnen?
T: Es steckt jedenfalls eine große Intensität in den Songs. Vor allem, weil in jedem Stück extrem viel Musikalität steckt... viele Tiefen, viele Schichten... So gesehen ist es tatsächlich unser härtester Output so far. Aber nicht auf diese "Dude, wir sind so heavy!"-Art.
J: Ehrlich gesagt würde ich gar nicht beurteilen wollen, ob es nun das härteste Album ist oder nicht. Denn das scheint mir kaum von Bedeutung.
Du hast es bezeichnet als "dunkel, hart und elektrisch. Wie ein Bauarbeiter."
J: Yeah! (lacht) Ich liebe einfach diesen schwulen Verweis. Wenn ich sage, dass es dunkel, hart und elektrisch ist, okay. Aber durch das Bild vom Bauarbeiter denkt man augenblicklich an einen Typen in Jeanshorts. (lacht) Das erinnert mich an Jesse [Hughes, Eagles Of Death Metal]. He's a huge jeanshorts guy.
Im Gegensatz zum genannten Zitat von dir referieren bisherige Höreindrücke eher auf dich bzw. deine Stimme. Die klingt an mancher Stelle neuerdings sehr melodiös, sehr Pop.
J: Nun, ich habe mich bemüht, anders zu singen. Zur Zeit der ersten Platte war ich der einzige Sänger, obwohl ich das gar nicht wollte. Ich wollte bloß Gitarre spielen. Ich verstand nicht viel vom Singen. Deshalb hatte ich eine sehr konservative Herangehensweise, ich holte schließlich Mark und Nick zu mir ans Mikrofon. Jetzt sind sie gegangen und ich habe gelernt, das Singen wirklich zu genießen. Ich fühle mich wohl dabei. Mein Ziel war, die Leute fragen zu lassen: 'Ist das Josh, der da singt?'
Hast du dafür Gesangsunterricht genommen?
J: Nein, ich habe mir nur große Mühe gegeben, nach Plätzen abseits meiner normalen Stimmlage gesucht und versucht, die Tonalität zu ändern. Unterricht hab ich nicht genommen, weil ich kein guter Schüler bin. Aber ich habe viel getrunken. Momente völliger Stille, die mir geholfen haben, alles zu vergessen. (lacht)
Alkohol hat den Songwriting-Prozess demnach stark geprägt.
J: Nein, aber Alkohol war ein großes Hindernis! (lacht) Was allerdings die hohe Stimmlage von Songs wie "I'm Designer" betrifft: Ich fühle mich künstlerisch freier als jemals zuvor und habe nicht das Gefühl, dass mir solche Neuerungen Schwierigkeiten bereiten. Ich verstehe mich selbst immer besser. Von Platte zu Platte habe ich mehr Spaß an dieser Entwicklung.
Stichwort Entwicklung: Verstehst du die Platte als abgeschlossen oder mehr als work in progress, als Momentaufnahme, die sich live jederzeit verändern kann?
J: It's 'a journey to' along the way. Ich denke, wir fangen gerade erst an, uns den "excentric steam" einzuverleiben.
T: Die Platte gleicht einer Sammlung von Schnappschüssen auf einer Urlaubsreise, Richtung unbestimmt.
J: Momentan befinden wir uns auf Promotour durch Europa. Das hier ist ein Schnappschuss von dieser Reise, und kein Foto vom Ziel selbst.... kleinen Augenblick, ich brauch 'ne Zigarette. (springt hoch und läuft singend in den Salon: "Must have cigarette, must have cigarette").
Diese Schnappschüsse unterscheiden sich voneinander viel stärker als auf den vorherigen Alben. Troy, wie sicher bist du dir, dass eure Fans problemlos Zugang zu diesem größeren Variantenreichtum finden werden?
T: Wenn es etwas gibt, was alle Fans wissen, ist das die Tatsache, dass wir niemals nur diese eine Schiene fahren werden. Wir machen die Musik, die uns am besten gefällt...
(Homme kommt mit Zigarette im Mundwinkel zurück.)
J: Habt ihr Feuer?
Nein, sorry.
J: (tut empört) Dickheads! (läuft Feuer holen)
T: Wir hoffen, dass unsere Anhänger smart genug sind und selbst das Gespür für Vielfalt besitzen, um sich unsere Version von "different stuff" anzuhören. Darauf vertrauen wir.
Schon zu "Lullabies To Paralyze" gab es nicht wenige Stimmen, die die alten explosiveren, sehr straighten Queens vermissten.
T: Yeah, diverse Leute wollten ein "Songs For The Deaf II". Wir haben das genaue Gegenteil gemacht. "Lullabies" hat uns erlaubt, unser Repertoire zu erweitern und etwas Neues zu erschaffen. Danach stand der Weg für die aktuelle Platte offen.
J: Ich denke, dieses Selbstverständnis ist etwas, was wir schon immer in uns getragen haben. Ich meine, wir lieben unser Publikum. Wir wollen es nicht verlieren, sondern gemeinsam mit ihm auf die Reise gehen. Manchmal schreiten Bands in ihrer Entwicklung zu schnell vorwärts und lassen die Fans dabei zurück. Dann geht dieses Etwas verloren, wofür man eine Band schätzt. Das ist der Grund, warum Fans so oft sagen 'Ich liebe von jeder Band die ersten drei Platten, aber dann ...' Wenn wir uns langsam und gemeinsam verändern und dabei auch noch zusammen Spaß haben, könnte unsere 15. Platte die beste werden. Dieses bewusste Abbremsen ist das Schwierigste an der Entwicklung als Band.
Ihr fürchtet demnach nicht, dass schon mit "Era Vulgaris" Fans auf der Strecke bleiben? Manch einer wird sich im Angesicht der Stilvielfalt vielleicht nur die persönlichen Rosinen rauspicken – sei es jetzt ein schneller Song wie "Sick, Sick, Sick" oder das soulige "Make It Wit Chu".
T: Darüber mache ich mir keine Sorgen. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich glaube auch nicht, dass diese Gefahr wirklich besteht.
Rechnet ihr auf der anderen Seite mit neuen Fans? Kann sich ein durchschnittlicher Teenager wohl genauso für die Mixtur von "Era" begeistern wie bei den Alben zuvor?
J: Wir werden nicht unseren Weg verlassen, bloß um irgendwen zu gewinnen oder zu verlieren. Wir ziehen unser Ding durch und vertrauen darauf, dass unsere Handlungen bei den Leuten auf Gefallen stoßen. Bei uns zählen Handlungen mehr als Worte. Wir sind weder Hirnchirurgen noch Intelligenzbestien noch Arschlöcher. We just love to play. Wir hoffen, dass das, was wir denken, eine Verbindung zu anderen Menschen herstellt. Und mit jedem neuen Album stellen wir uns den Fans neu vor, erweitern unser Spektrum. Dass sich unsere Hörer ihre Favoriten aussuchen, ist ja kein neues Phänomen der iPod-Generation. Wir hatten für "Era Vulgaris" die Erfahrung von vier Alben im Rücken. Deshalb denke ich, dass wer nur einen Song dieser Platte mag, die anderen auch mögen wird. Aus unserer Sicht enthält die CD kein Füllmaterial. Aber ob sie von jedem geliebt werden wird, liegt letztlich nicht in meiner Hand, nicht in Troys Hand, nicht in Joeys. Wir lassen die Songs frei und lassen es passieren, you know.
Josh, 2005 sagtest du, "Lullabies" solle dem Hörer mehr Fragen aufgeben als Antworten. Passt diese Aussage deiner Meinung nach heute auch noch?
J: Ich glaube, "Era" ist eher eine Feier. Und lyrisch unser bisher unkryptischster Output.
Okay, wovon handelt denn zum Beispiel "Suture Up Your Future"?
J: "Suture Up Your Future" dreht sich darum, zu verstehen, dass die Vergangenheit erledigt ist. Es gibt keinen Grund, sie wie Gepäck überallhin mitzuschleppen. Anstatt sich mit seiner Vergangenheit abzukämpfen, kann man auch sagen: "Fuck it. Ich nehme lieber meine Zukunft in die Hand."
"I'm Designer"?
J: Handelt davon herauszufinden, was im Leben eigentlich wirklich Wert besitzt. Es ist sozusagen meine Version von "My Generation". The comedy of it all. Einige Menschen fordern für sich schamlos Medienruhm dafür ein, dass sie Dinge nicht auf die Reihe kriegen und Scheiße bauen. Andere wollen auf keinen Fall berühmt sein und sind es dennoch ... Es geht darum, einige Werte unserer Zeit in Frage zu stellen. Leute sagen mir: 'Du solltest dich nicht verkaufen.' Was zum Teufel soll das bedeuten? Der Song enthält die Textzeile "You're insulted because you can't be bought or sold". In der Übersetzung heißt das ja nichts anderes als 'Dein Angebot ist mir zu niedrig.' Als würde jemand sagen: 'Du kannst mich nicht kaufen – für diesen Preis!' There are just some things you can't own. Period.
Bei so viel Reflektion stellt sich mir die Frage, wie viel Humor in dieser Platte steckt.
J: (mit ernster Stimme) We're very fucking serious! No. (lacht)
Schon das Cover könnt ihr nicht vollkommen ernst meinen…
T: Das ist ein perfektes Beispiel. Wir nehmen die Musik ernst genug, aber wir nehmen uns selbst nicht zu ernst.
J: Wir sind keine Horde Priester.
Die amerikanische Humoristin Erma Bombeck soll auf dem Album einen Gastauftritt haben.
J: Das ist witzig. (lacht) Und eine der kreativeren Lügen, die sich um "Era" ranken. Sie war in den 60ern berühmt und damals schon nicht mehr gerade jung. Sie ist jetzt elf Jahre tot. Ihre Zeit war 20 oder 30 Jahre vor unserer. Also ja, wir sind schwer beeinflusst von Erma Bombeck. Auch der Carl's Jr.-Stern war wichtig für unseren Werdegang [eine US-Fastfoodkette, die einen grinsenden Stern in ihrem Logo trägt]. Ronald McDonald - ebenfalls ein großer Einfluss. Wegen ihm haben mir meine Eltern rote Haare gegeben. Und der Hamburglar! (lacht)
T: He's a fucking thief man! I fucking love him!
So sei es. Vielen Dank für das Gespräch!
21:27 Uhr am selben Tag im Columbia Club. Summa Summarum:
Die exklusive Clubshow vor 600 Zuschauern bestätigt wenig später das Diktum von der Bandevolution, die alte Fans nicht zurücklässt. Zwischen brandneuen Songs bedienen Josh, Troy, Joey Castillo und die zwei Tourmusiker immer wieder auch die Wünsche des Publikums. Für Klassiker wie "The Lost Art Of Keeping A Secret", "Go With The Flow" und "Feel Good Hit Of The Summer" bleibt genügend Raum. Bemerkenswert und sympathisch: Die Queens haben auch im zehnten Jahr ihres Bestehens nichts an Spielfreude eingebüßt und sich ihre bodenständige Grundhaltung bewahrt. Insgesamt mag "Era Vulgaris" vielleicht nicht ihr allergrößter Streich sein. Manch funkelnde Songperle verursacht heute aber nichtsdestotrotz zusammengekniffene Lider. Schon weil der Schweiß ununterbrochen in die Augen läuft.
Das Interview führten Matthias Manthe und Christoph Dorner.
Neu-Gitarrist Troy Van Leeuwen spricht über die Arbeit am neuen Album "Lullabies To Paralyze" und über die unterschiedlichen Arbeitsweisen von Josh Homme und A Perfect Circle-Chef Maynard James Keenan.
In Köln und Berlin sollten Ende Februar nicht nur zwei Clubshows der Queens Of The Stone Age stattfinden, sondern die Presse auch die Möglichkeit erhalten, die Bandmitglieder über das neue Album "Lullabies To Paralyze" (21. März) auszufragen. Doch Bandchef Josh Homme erlitt eine schwere Lungeninfektion und musste noch vor den Gigs zurück in die Staaten fliegen, weswegen die Plattenfirma Universal nun flugs ein paar Telefon-Interviews organisiert hat.
Für ein Gespräch mit Queens Of The Stone Age bleibt man ja gerne mal länger im Büro, auch wenn man nicht mit Josh Homme, sondern mit Neu-Gitarrist Troy Van Leeuwen verbunden wird. Schließlich ist das vierte Album der Band gleichzeitig auch das erste ohne Langzeit-Basser Nick Oliveri. Doch die Fragen zu ihm sollte ich leider nicht mehr stellen dürfen.
21 Uhr, das Telefon klingelt pünktlich. Hi, hier ist Neil von Interscope. Ich habe Troy in der Leitung, wenn du bereit bist. Kurz darauf spricht aber erneut Neil, und zwar dass er "so sorry" sei, das Gespräch müsse mit zehnminütiger Verspätung stattfinden. Um 21.14 Uhr meldet sich Ryan von Interscope, der mich zunächst fragt, ob ich mich denn gut fühle, um anzuschließen, dass er, sollte ich bereit sein, eine Verbindung zu Troy von Queens Of The Stone Age herstellen könne. Nun, ich finde die Idee herzallerliebst. Genau wie sein Versprechen der zwanzig Minuten Interviewzeit, die sich später ohne nähere Angabe von Gründen auf dreizehn verkürzt. Nach weiteren Sekunden meldet sich schließlich der Gitarrist, allerdings ist die Verbindung nun nicht mehr ganz so einwandfrei. Auch diese Sache klärt sich später auf.
Hi Michael, hier ist Troy. Alles klar bei dir?
Oh, ich kann nicht klagen. Ich habe Feierabend und sitze hier mit meinem Bier am Telefon.
Ach schön. Ich wünschte, für mich wäre es auch schon Zeit für Bier.
Kommt bestimmt noch. Wie geht es denn deinem Freund Josh inzwischen?
Es geht ihm allmählich besser. Genau genommen hat er erst jetzt wieder angefangen zu singen. Zunächst konnte er ja eine Woche lang nichtmal sprechen. Am Anfang haben wir uns wirklich große Sorgen um ihn gemacht, aber nun geht es wieder aufwärts.
Auf eurer Website habt ihr versprochen, für die Ticket-Inhaber der ausgefallenen Konzerte in Köln und Berlin Geschenke mitzubringen, wenn ihr im Sommer auf Tournee kommt.
Ja, irgendwie kriegen wir das auch hin. Auf diese Weise wollen wir uns bei den Fans bedanken. Das sind wir ihnen schuldig, denn sie haben sich mindestens so auf die Shows gefreut wie wir. Worum es sich bei dem Geschenk dreht, steht aber momentan noch nicht fest. (Josh ließ mittlerweile auf qotsa.com verlauten, dass er Vinylsingles im Visier hat).
Auf "Lullabies To Paralyze" sind ja doch einige Soundveränderungen erkennbar. Vor allem die ruhigeren Songs wie "I Never Came" und "Long Slow Goodbye" zeigen eine neue, romantische Seite der Band auf und sind ein echter Fortschritt.
Was wäre die Welt ohne Herausforderungen? Es ist halt wichtig, dass man sich keine Stilgrenzen setzt. Während den Aufnahmen merkten wir nach und nach, dass uns diese Songs sogar leichter von der Hand gingen als zunächst angenommen. Und weißt du, Heavy Rock zu spielen, ist für uns alltäglich. Da muss man schon sehen, dass man sich nicht wiederholt. Wir wollen nicht nur wütend sein und herum schreien. Es war wichtig, musikalisch ein Stück weiter zu kommen und auch mehr Emotionen mit reinzubringen.
Siehst du deinen Part als Gitarrist eher als Job oder als Freundschaftsdienst an?
Nun, es ist weder ein normaler Job, noch ein Akt der Obsession, wenn du das meinst. Ich bin halt hier, weil ich die Musik liebe und die Philosophie der Band schätze. Es ist eine Herzensangelegenheit.
Hast du auch Songwriting-Credits auf dem Album?
Den Song "In My Head" habe ich mitgeschrieben. Meine Rolle in der Band konzentriert sich aber vor allen Dingen darauf, Joshs Vision zu unterstützen. Schon lange bevor ich Mitglied wurde, war ich ein großer Fan der Band. Ich schätze Joshs Songwriting-Talent und seine Art zu singen und möchte meinen Teil beitragen. An irgendwelchen Ego-Kämpfen um Songwriting-Credits habe ich kein Interesse. Wenn ich seinen Songs etwas hinzufügen kann, ist das großartig.
Josh hat also nicht gefordert, dass du dich über dein Gitarrenspiel hinaus mehr einbringst?
Naja, es gibt schon Sachen, die wir alle mit in den Proberaum gebracht haben. Manches davon schafft es dann auf die Platte, manches nicht, so ist der Lauf der Dinge. Wichtig war, dass am Ende ein in sich geschlossenes Album heraus kommt. Da bleiben zwangsläufig Songs auf der Strecke. Diesmal hatten wir fünf Songs, die nicht in den Rahmen der Platte hinein passten.
Kann man sagen, dass "Lullabies To Paralyze" die Vision einer Person ist, die von einer Band aufgenommen wurde?
Es ist die Vision ... nun, Queens Of The Stone Age ist ganz klar die Vision von Josh Homme (sprich: Dschasch Ommi). Die Aufgabe der Mitspieler ist es, alles zu geben, um diese Vision zu einer Vollendung zu bringen. Da gehört der Prozess des Songwritings genauso dazu, wie die Fähigkeit, im weiteren Verlauf songdienlich und frei von Egos zu arbeiten. Das ist die Philosophie der Band. Wir sind sehr glücklich, Musik zu machen, die die ganze Welt interessiert und wir nehmen diese Aufgabe sehr ernst.
Würdest du die Arbeit mit einem Musiker wie Josh im Vergleich zu A Perfect Circle-Sänger Maynard James Keenan als einfacher bezeichnen?
Mit Josh kann ich sehr gut arbeiten, da wir eine Menge ähnlicher Ideen haben, was Melodien und Harmonien angeht. Das ist auch Teil der gesamten Bandchemie. Maynard ist dagegen eher der Lyriker und Sänger. Man kann ihn vielleicht eher als Künstler beschreiben denn als Musiker. Er betreibt seine Kunst auf sehr intelligente Art und Weise. Aber die Arbeit mit ihm ist total anders. Man kann das gar nicht mit Begriffen wie "leichter" oder "schwerer" umschreiben ... Ich meine, ich bewundere seine Fähigkeiten als Sänger. Aber Josh ist eben auch Gitarrist, so dass wir oft ähnliche Ideen hinsichtlich der Entstehung und Entwicklung von Songstrukturen haben. Vielleicht ist die Arbeit mit ihm deswegen ein wenig leichter. Aus der gemeinsamen Arbeit mit Maynard entstehen dafür völlig andere Resultate, die ich ebenso sehr schätze.
Wieviele Songs haben es denn dieses Mal nicht auf das neue Album geschafft?
Aufgenommen haben wir zwanzig Songs, wovon vierzehn auf die Platte kommen. Und dann hatten wir noch etwa sechs, sieben Songs, die wir noch nicht einmal aufnehmen konnten. Eigentlich sind schon wieder genug Sachen für eine neue Platte vorhanden. (lacht)
Oh schön, und wann erscheint die dann?
Well, zuerst müssen wir diese mal rausbringen. (lacht)
Der Song "I Wanna Make It Witchu", der bereits auf der letzten Desert Sessions-Platte drauf war, sollte lange Zeit auch auf "Lullabies To Paralyze" erscheinen. Wieso hat das nicht geklappt?
Tja, ich kann dir sagen, wir haben wirklich alles versucht! Jeder in der Band liebt diesen Song. Doch irgendwie wollte er nicht zu den Sachen passen, an denen wir zu einem bestimmten Zeitpunkt saßen. Wobei wir uns mehrere Male an ihm versucht haben. Aber eine unserer Philosophien ist eben auch: Wenn ein Song nach fünf Takes nicht funktioniert, fliegt er raus. Obendrein ist die Version von den Desert Sessions der erste oder zweite Take gewesen!
Ihr habt diesmal ja auch mit Frauen zusammen gearbeitet. Wann kam euch der Gedanke, dass der ein oder andere Song weiblichen Input benötigt?
Also ich denke, mir wurde das bewusst, als ich von der Bühne aus das Publikum betrachtet und in der ersten Reihe nur Männer gesehen habe. (lacht) Ich will da auch Frauen sehen. Schon bei Perfect Circle mit Paz (Lenchantin, Bass, Anm. d. Red.) mochte ich dieses weibliche Element in der Musik. Aber um es kurz zu machen: wir lieben Frauen! (lacht)
Wie lief es denn mit Shirley (Manson) und Brody (Dalle)?
Es war einfach naheliegend, da die beiden ohnehin die ganze Zeit in der Studio-Lounge abhingen und Wein tranken. Und der Song, an dem wir zu jenem Zeitpunkt arbeiteten ("You Got A Killer Scene There, Man ..."), schien nach weiblichem Background-Gesang geradezu zu schreien. Also kamen sie schnell rein und nach einer halben Stunde war alles fertig. Das ging ruckzuck.
Verursachte es keine Probleme, dass mit Brody die ganze Zeit die Freundin von Josh bei euch abhing?
Überhaupt nicht. Wir kommen ja alle gut miteinander aus. Sie ist Musikerin und wo immer wir hingehen, ist auch sie eingeladen. Ich meine, sie ist Joshs Lebensgefährtin. Bei uns gibt es keine Ansagen, die einer Freundin oder einem Freund vorschreiben, nicht im Proberaum vorbei schauen zu dürfen.
Billy Gibbons von ZZ Top kam ja auch bei euch durch. Hat er gleich ein Gefühl für den entsprechenden Song ("Burn The Witch") entwickelt oder musstet ihr ihn erst ins Gebet nehmen?
Nicht wirklich, nein. Er wusste sofort, was zu tun war. Es war toll. Er ist einfach ein echter Gentleman aus dem Süden. Billy ist ein Blues-Mann und er ist schon lange dabei. Wir waren schon froh genug, dass er überhaupt bei uns reinschaute.
Wie wichtig sind Kuhglocken für das neue Album?
Ich war der Meinung, wir brauchen mehr! (lacht)
Kommen wir zum Song "Everybody Knows That You're Insane", ist er autobiographischer Natur?
Ich würde sagen, dieser Song trifft einfach auf jede Person zu, die dir in den Sinn kommt. Auch auf den Typ im Spiegel. Eigentlich ist es ein Song für die ganze Bevölkerung. Ich denke, dass alle Menschen verrückt sind.
Wieso das?
Naja, wie jeder durch sein Leben hindurch wandert und Entscheidungen trifft. Wie Leute auf dem Freeway fahren. Wie verrückt sich manche Menschen verhalten. Oder schau mich an, ich spreche mit dir am Telefon in meinem Auto.
Du bist in deinem Auto?
Klar, ich spreche mit dir über meine Freisprechanlage und die Leute schauen mich an, als sei ich verrückt, weil sie denken, ich rede mit mir selbst.
Du bist also alleine?
Ja, bis auf den Typ, der die ganze Zeit neben mir fährt. Ich winke mal zu ihm rüber: "Hi. Hello." Der denkt, ich führe Selbstgespräche, weil er mein Telefon nicht sieht.
Wo fährst du denn gerade hin?
Ich bin auf dem Weg zur Probe.
Plötzlich meldet sich eine dritte Stimme, die Interscope-Stimme, abrupt und ohne Ankündigung zurück: Okay, hier müssen wir leider abbrechen.
Troy: Yeah.
Jetzt schon? Wir haben doch erst dreizehn Minuten gesprochen.
Interscope: Yeah, thank you. Bye.
Troy: See you.
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Das Interview führte Michael Schuh.
Man glaubt es kaum. Das Canapé in Trossingen liegt haargenau an einem Kreisverkehr am Ortseingang, der in einem 15.000-Einwohner-Städtchen schon mal ziemlich befahren ist. Hier sollen wir also mit Nick Oliveri und Brant Bjork sprechen, zwei Legenden des Desert Rock. Unglaublich.
Noch unglaublicher ist natürlich, was an jenem Abend dann tatsächlich geschah. Bekanntlich wurden Nick Oliveri und der Trossinger Mischpult-Mann keine Freunde, Oliveris Prügel-Aktion sollte später sogar Mondo Generator beinahe zum Bandsplit führen. Rückblickend liest sich unser Gespräch mit Oliveri an manchen Stellen geradezu beängstigend prophetisch, was wohl nicht einmal er selbst wissen konnte.
Der Bass-Tornado war im Interview nicht gerade der Redseligste und noch sichtbar gezeichnet von der vergangenen Nacht, der Busfahrt oder von Dingen, von denen wir nichts wissen. Dass er in irgend einer Weise gereizter Stimmung war, können wir nicht bestätigen. Brant Bjork hatte kurz darauf schon weitaus bessere Laune. Doch zunächst schlappt Oliveri langsam aus dem Tourbus zu unserem Platz am Straßenrand rüber und zündet sich 'ne Kippe an.
Nick, heute ist der letzte Auftritt in Deutschland, bist du bislang zufrieden mit allem?
Yeah, es macht viel Spaß und es ist lustig zu sehen, wie sich manches von Nacht zu Nacht ändert. Manchmal flippen die Leute richtig aus.
Hat sich denn in deinem Leben etwas geändert, seit du dich ganz auf Mondo Generator konzentrierst?
Nein. (grinst diabolisch) Es gibt da noch ein paar Akustik-Sachen, an denen ich sitze und das hier heute abend, das ist meine Band. Mehr interessiert mich momentan nicht.
Du wirst demnächst ein Soloalbum veröffentlichen. Ist es befriedigender, wenn man mal sein eigenes Ding durchziehen kann, ohne ständig Kompromisse eingehen zu müssen?
Das kann man so nicht sagen. Nachdem diese Queens-Sache passierte, kam Brant auf mich zu und fragte, ob ich nicht mit ihm auf Tour gehen wolle. Und da sonst nichts zu tun war, sagte ich zu. Es war ein günstiger Zeitpunkt. Ich musste nur die Songs auswählen, die wir spielen wollten und dann konnte es losgehen. Auf der Platte werden akustische Songs drauf sein.
Hast du ausschließlich neue Songs geschrieben?
Nein, ich habe auch ein paar ältere Nummern umarrangiert, teilweise würde man nicht glauben, dass sie in akustischer Form funktionieren. Aber sie tun es. Ich hoffe zumindest, dass sie es tun (grinst)
Die Platte heißt "Demolition Day". Klingt ziemlich destruktiv ...
(zögert) Hmm, ob ich wohl einen destruktiven Tag hatte? Nein, es geht einfach um Zerstörung und das nachträgliche Wiederaufbauen. Demolition Day. Alles wird zerlegt.
Und die Texte sind dementsprechend ...
... soft. Yeah. Soft and sweet. (Erneut grinst Oliveri uns schräg an. Keine Frage, er könnte sich schönere Dinge vorstellen, als ein Interview an einer Hauptverkehrsstraße "on the side of the road in Germany somewhere" zu geben, wie er es nach seinem Ausraster später selbst formuliert. Aber da muss er jetzt durch. Und die Josh-Fragen kommen auch noch. Uff!)
Eine DVD ist ebenfalls geplant, stimmt's?
Ja, sobald ich heim komme, schaue ich mir das Material an und dann raus damit. Ich habe zu Hause jemanden, der sich um das Zeug kümmert, wir müssen die Sachen ja auch verschicken. Die neue Mondo-EP kommt da auch mit dazu. An alle Besteller da draußen: Sorry, dass das alles so scheißlange gedauert hat. Auf der DVD sind Live-Sachen aus dem letzten Jahr drauf. In Europa haben wir um die Weihnachtszeit mit Brant an den Drums gespielt. In Deutschland leider nur zweimal, unser Zeitplan war eng. Aber es war großartig.
Sind von den Europa-Gigs auch Ausschnitte auf die DVD gekommen?
Ja, es ist ein Zusammenschnitt einiger Shows.
In Amerika hast du Support-Shows für die legendären MC5 gespielt. Wie lief es mit Wayne Kramer?
Es lief super.
Ging damit ein Kindheitstraum für dich in Erfüllung?
Das muss man definitiv so sagen. Alle Typen sind wirklich super cool und jede Minute mit ihnen war großartig. Die Jungs rocken.
Hat das Publikum dich auch gut aufgenommen?
Ähh, nein. (grinst) Ich meine, die Leute kamen natürlich, um die MC5 zu sehen. Ich denke, sie hassten es, aber da sie wussten, dass MC5 gleich dran sind, lief es okay.
MC5 hatten angeblich Gaststars mit auf der Bühne, Mark Lanegan und ...
No, Lanegan didn't do it. Aber Mark Arm war da und Evan Dando. Ich glaube Lanegan musste hier rüber kommen, um ein paar Promo-Dinge für sein neues Album zu erledigen, dass ich im Übrigen noch gar nicht gehört habe. Ich weiß nichtmal, ob es schon draußen ist.
Im April erschien in den Staaten eine "Stone Age Complication" mit alten Queens-Sachen drauf. Hattest du da auch deine Finger mit drin?
Oh nein, ich bin draußen. Das geht mich nichts mehr an. Ich glaube, Josh hat das zusammen gestellt.
Für die Fans sah es ein wenig nach einem Abschiedsgeschenk aus, da es so kurz nach deinem Weggang erschienen ist.
Tja, wer weiß. Ich habe nicht mit ihm darüber gesprochen. Es war halt Zeug, das wir schon auf B-Seiten veröffentlicht hatten. Von dieser Veröffentlichung wusste ich nichts.
Nachdem du rausgeflogen bist, sagtest du, dass die Bandchemie durch unschöne Macht- und Kontroll-Spiele vergiftet worden sei.
(stöhnt) That's old shit, man! (Eisige Stille)
Du willst nicht darüber sprechen?
Ach, das ist es nicht. (zögert) Du kannst eben nicht mit jemandem zusammen spielen und sagen "Ich bleibe in der Band, egal was du sagst". So läuft das nunmal nicht. Aber ich rege mich nicht mehr so über diese Dinge auf wie damals. (lacht) Ich meine: It sucks! Aber ich werde nicht daran zugrunde gehen. Ich habe jetzt eine gute Band und tolle Zeit.
Okay. Auf deiner Homepage schreibst du aber auch, dass es hart ist, da die Queens bei dir um die Ecke ein neues Album ohne dich aufnehmen.
Ohne Frage. Sie kamen mal vorbei und holten ein paar Amps ab. Es ist schon komisch. Naja, ich bin sicher, sie machen eine tolle Platte.
Themawechsel: Du bist auf Mark Lanegans neuer Platte "Bubblegum" zu hören, wie auch PJ Harvey, Dean Ween oder Chris Goss. Habt ihr euch dort alle getroffen?
Ich kam ein paar Mal vorbei und habe mit Dean, Chris und Josh zusammen gespielt. Die Leute kamen immer mal wieder vorbei, das waren fließende Wechsel. Ein paar Leute habe ich leider verpasst. PJ Harvey zum Beispiel. Was Lanegan aber letztlich für die Platte verwendet, weiß ich auch nicht.
Er ist der Chef!
Eben, und er hat seitdem auch wieder neue Sachen komponiert. Da könnte er also wieder 'ne Menge altes Zeug rausschmeißen.
Wie sieht deine Zukunft nach der Tour aus?
Jetzt geht's erstmal nach Hause, dann kommen wir für ein paar Festivals im August zurück.
Was machen die Mondo Generator-Albumpläne?
Wir haben gerade die neue EP fertig gemacht, die wir auch hier dabei haben. An einem Album wird frühestens Ende des Jahres gearbeitet.
Gut, letzte Frage: Was rotiert momentan in deinem CD-Player?
Ähm, zur Zeit vor allem die Dead Kennedys. Alte Sachen.
Aha, die neue Beastie Boys als schon nicht mehr? (erwähnte Nick auf seiner Homepage)
Nein, die kann ich nur zuhause hören, denn ich habe sie auf Vinyl. Und 'nen Plattenspieler kann ich nun wirklich nicht mit auf Tour nehmen.
Da hat er wohl Recht, der Nick. Wir verabschieden uns, die Atmosphäre ist freundlich, Nick sagt zweimal "Cool man" und wir wünschen ihm nichtsahnend eine gute Show. Nun der liebe Kollege Brant Bjork. Die Promoterin sieht Oliveri aufstehen und kümmert sich prompt um Nachschub. Schon von weitem erkennen wir den braun gebrannten Mann mit dem Wuschelkopf. Brant Bjork kommt zweifellos fitter rüber als sein barhäuptiger Kollege. Gewichtigster Unterschied: Er hat Lust zu reden.
Nick meinte gerade, die Tour läuft super bisher, kannst du das bestätigen?
Absolut. Es macht viel Spaß, da wir auch die Setlist jeden Abend einen Tick verändern. Die ersten vier Songs sind immer gleich, das ist quasi unser Warm Up, aber dann verändert es sich.
Heute abend eröffnet ihr für Mondo Generator, aber das ist nicht die Regel, oder?
Doch schon. Wenn wir mit Mondo spielen, lassen wir sie headlinen und wenn Nick eine Akustik-Show spielt, ist er als erstes dran. Mondo Generator ist nunmal die lautere und aggressivere Band (wohl vor allem letzteres, Anm. d. Red.) und so macht es mehr Sinn. Unser Sound ist ja eher laid back.
Ich habe dein neues Album "Local Angel" gehört, was wirklich klasse geraten ist. Ein wenig gewundert habe ich mich nur, wie leise und ja, laid back, es ausgefallen ist.
Danke. Ja, es ist irgendwie tatsächlich eine sehr intime und relaxte Platte geworden. Die Texte sind auch emotionaler ausgefallen als früher. Für Aggressivität ist auf der Platte sicherlich kein Platz. Es muss nicht laut sein.
Was hat dich während der Albumaufnahmen beeinflusst?
Also ich kann dir jetzt keine speziellen Einflüsse nennen, die Platte ist einfach so geworden, wie sie von Anfang an werden sollte. Wenn du jetzt einen Namen von mir willst, würde ich sagen, ich habe damals viel Richie Havens und so akustisches Zeug gehört. Laid back music. (überlegt weiter, schaut dann in die Luft, dann wieder zu uns. Dann zuckt er die Schultern und lacht ziemlich dreckig)
Mich erinnern die Strukturen der Songs in ihrer minimalistischen Form auch an gewisse Arten elektronischer Musik. Beschäftigst du dich mit so etwas?
Nicht gerade ausschweifend, muss ich zugeben. Aber ich mag simple Musik. Ich mag es nicht, wenn Songs zu komplex sind, dass der durchschnittliche Hörer verwirrt ist. Musik sollte dich nicht verwirren, sondern dich locker machen. Dann hast du eine gute Zeit.
Früher hast du aber auch Musik gemacht, die komplizierter und aggressiver war.
(stolz) Oh yes! Vor zwölf Jahren war ich aggressiv und laut (lacht). Da gab es Zeiten, wo man sich scheiße fühlte. Wütend. Und wenn ich mich scheiße fühlte und wütend war, machte ich aggressive und wütende Musik. Vielleicht mache ich das mal wieder (lacht). Aber im Moment bin ich laid back.
Bei Fu Manchu bist du ja nach fünf Jahren ausgestiegen. Waren die dir auf Dauer auch zu aggressiv?
So würde ich das nicht formulieren, aber es war mir irgendwann doch zu eindimensional und speziell, verstehst du? Was Fu Manchu macht, ist sehr cool. Ich bin eine musikalische Person und mag viele Formen von Musik, so dass ich irgendwann das Gefühl hatte, auf meinem Weg weiter gehen zu müssen.
Hättest du die Band nicht auch zu neuen Ufern führen können?
Nun, es ist eigentlich nicht meine Band, sondern die von Scott Hill. Fu Manchu ist seine Vision, das war schon immer so und ich respektiere das. Ich liebte diese Band schon, bevor ich mitspielen durfte. Ich wollte auf keinen Fall meine persönlichen Vibes in etwas einbringen, was strukturell schon feststeht. Es ging eher darum, meinen Dienst so lange anzubieten, wie es eben geht. Jetzt mache ich mein Ding.
Okay, zurück zu deinem Ding: Du hast zwei Coverversionen auf dem neuen Album, eine von den Ramones und eine von Jimi Hendrix. Welche Songs standen noch auf der Liste?
Oh Mann, da gibt es so viele. "Hey Joe" liebe ich einfach. Ich hatte schon vor fünf Jahren über ein Cover nachgedacht, es aber erst jetzt aufgenommen. Und "I Want You Around" ist mein Lieblingssong von den Ramones. Er klingt nicht sehr nach dem Original, aber es hat Spaß gemacht.
Ich konnte es nicht glauben, dass ausgerechnet dieses alte "Hey Joe" noch so frisch klingen kann.
Oh danke. Keine Ahnung, es ist einfach ein traditioneller Song und ich habe Jimi Hendrix' Version sehr respektiert.
Auf den "Desert Sessions 9+10" taucht dein Name nicht auf, obwohl du die Reihe einmal ins Leben gerufen hast. Wo liegen die Gründe?
Well, ich möchte mir nicht anmaßen, zu behaupten, ich hätte die Serie losgetreten. Das war schon eher Joshs Sache, selbst wenn er mit mir die Entwicklung der Desert Sessions durchgegangen ist. Hätte ich die Sessions geplant und kontrolliert, wären sie wohl etwas anders ausgefallen. In vielerlei Hinsicht ist das aber sehr cool, so wie es ist. Dass ich nun nicht mehr dabei bin, hat keine konkreten Gründe. Ich habe einfach so schon genug zu tun.
Fühlst du dich eigentlich stolz, wenn Leute dich wieder und wieder auf Kyuss ansprechen und dir erzählen wie toll diese Band doch war?
Allerdings. I love Kyuss. Es ist eine gute Band. Eine großartige Band.
Und wie stehst du zu den ewigen Reunion-Geschichten?
Ach weißt du, ich würde es machen. Na klar, warum auch nicht? Ich mochte die Musik schon immer und denke, es wäre ein großer Spaß. Aber Josh steht dieser Idee nicht so offen gegenüber und auch das ist zu verstehen. Er ist halt sehr beschäftigt mit den Queens und hat mit ihnen ein ganz neues Erfolgslevel erreicht. Für ihn wäre es also eher ein Rückschritt. Aber gut, wenn es niemals eine Reunion geben sollte, dann gibt es eben niemals eine. Wenn aber doch: Well, let's have a good time!
Mit deiner Freundschaft zu Josh und Nick dürfte es momentan sicher nicht einfach sein, was die Kommunikation angeht. Stehst du da nicht immer in der Mitte?
Weißt du, ich stehe seit 15 Jahren in der Mitte. (allgemeines Gelächter)
Zum Schluss: Du hast kürzlich bei Melissa Auf Der Maurs Soloalbum ausgeholfen. Sind weitere solcher Features in Planung?
Ja. Ein Projekt von Vic Dumonte ist in der Mache, das muss man abwarten, und ich werde mit Chris Cockrell zusammen arbeiten, mit dem ich damals Kyuss gegründet habe. Er hat eine großartige neue Platte gemacht, die wir nächstes Jahr rausbringen werden. Und schließlich werde ich eine neue Platte mit den Bros aufnehmen.
Die Interviews führte Michael Schuh.
Ende Juni läutete das Southside Festival die Open Air-Saison für den Süden Deutschlands ein. Das Wetter war grandios, 20.000 Musik-Fans kamen und feierten knapp 40 Bands. Unter ihnen: die Queens Of The Stone Age.
Es ist 15 Uhr und noch zwei Stunden hin bis zum Auftritt der Steinzeit-Königinnen. Die Sonne brennt runter wie in der Palm Desert, was unserem Gesprächspartner Nick Oliveri eigentlich bekannt vorkommen müsste. Ob der bärtige Glatzkopf-Bassist uns deswegen wohl gesonnen sein wird, wissen wir noch nicht, als wir durch sorgfältig abgeriegelte Grünflächen in den Backstage-Bereich gebracht werden, wo uns ein etwas unausgeschlafener Oliveri auf dem Flur entgegenwankt. Während des Gesprächs kam er allerdings recht schnell zu sich und zeigte sich auch sonst gut gelaunt.
Hi, Nick. Wie lief euer Gig gestern auf dem Hurricane Festival?
Nick: Großartig. Gestern wars ziemlich kühl und bewölkt. Heute ist es ja wahnsinnig heiß. Als wir hier ankamen, dachte ich erst ich wäre in LA, Mann. Aber die Crowd ging gut ab.
Wie gefällt es euch in Europa? Gibt es einen Unterschied zwischen eurer Popularität hier und in den Staaten?
Nick: Ich ziehe es vor, im Ausland zu sein. Daheim ist alles viel langweiliger. Ich mag es, herumzureisen, auf andere Leute und Kulturen zu treffen. Deutschland gefällt mir wirklich gut. In Europa sind wir auch ein wenig beliebter als in den USA. Das liegt wohl daran, dass wir nicht viel mit den gerade angesagten Bands in Amerika gemein haben. Unser Musikstil passt irgendwie nicht in die gängigen Genres. Zunächst war es schwer für uns, in den Staaten Fuß zu fassen. Jetzt sind wir aber an einem guten Level angelangt, denke ich. Manchmal füllst du 2000er-Hallen in NYC und spielst danach dann vor 300 Leuten in St. Laurence, Kansas. Amerika ist einfach verdammt groß.
Letztes Jahr haben wir euch zusammen mit Monster Magnet in Hamburg einen Hammergig abliefern sehen. Irgendwie war es aber schade, dass ihr nur so kurz gespielt habt.
Nick: Ja, das lag daran, dass wir die Opener für Monster Magnet waren. Wir mussten uns an die Setzeit halten, die uns vorgeschrieben war. Aber es war trotzdem sehr cool. Ein schnelles Rein-Raus-Spiel. Die Tour mit Monster Magnet war schon was Besonderes, denn die Typen sind ja unsere Kumpels. In England haben wir das Ganze dann umgedreht und Monster Magnet waren unsere Anheizer. Das liegt jedoch auch daran, dass wir dort populärer sind als in Deutschland.
Ist es angenehmer für euch, kürzer zu spielen?
Nick: Nein, nicht unbedingt. Es ist ok für uns, als Opener die Leute anzuheizen. Trotzdem: gib dich nie mit weniger zufrieden als du kriegen kannst. Heute haben wir ne ganze Stunde auf der Bühne, das ist eine gute Länge. Da bleibt genug Zeit, um Spaß zu haben.
In Hamburg und bei Rock In Rio hast du vor allen Leuten die Hüllen fallen lassen. In Rio hat man dich deswegen von der Bühne verhaftet. Wie war es denn im brasilianischen Knast?
Nick: Oh, ich war nicht im Gefängnis. In Rio haben sie einen Richter, der an der Seite der Bühne das Konzert überwacht. Der wollte mich zuerst unter Arrest stellen, doch letztendlich reichte ihm eine öffentliche Entschuldigung von mir aus. Also hab ich "Sorry" gesagt (lacht). Aber als mich diese Gorillas von der Bühne gezerrt haben, war mir schon ziemlich mulmig. Die ganze Zeit dachte ich: das darf doch nicht wahr sein Mann, du bist doch in Rio. Warum sollten die sich aufregen, wenn ich sowas sogar im prüden Arkansas ungestraft machen kann? Sexualität wird in Rio doch viel offener gelebt und Nacktheit ist dort praktisch allgegenwärtig.
Noch dazu ist Rio der Ort des Karnevals, wo die Mädels oben ohne im Fernsehen rumhüpfen. Jesus, die Brasilianer haben doch den String Tanga erfunden! Und außerdem war es heiß draußen. Normalerweise werde ich nicht mehr nervös vor Konzerten. Aber dort waren 250.000 Leute vor Ort und ich musste mich einfach ausziehen, um die Nervosität loszuwerden. In solchen Momenten musst du einen Punkt überwinden, damit es dir besser geht. Das war der eigentliche Grund dafür, warum ich mich ausgezogen habe. (lacht)
Hast du das Gefühl, dass es hier liberaler zugeht?
Absolut. In Hamburg hat sich keine Sau darum geschert. Im Gegenteil, die wussten das zu schätzen. Eigentlich mag ich überhaupt keine Klamotten anziehen. Sie sind viel zu unbequem. Außerdem bin ich nicht gerade die größte Modepuppe (lacht). Ich ziehe mir keine besonderen Klamotten an, um damit irgendein Statement zu transportieren. Ihr kennt doch das Gefühl, wenn euch einer in voller Montur in den See schmeißt, mit Jeans, T-Shirt, Socken, Stiefeln und so. Alles ist hinterher nass und schwer. So fühlt es sich für mich meistens nach einem Konzert an. Deshalb ziehe ich mich eben aus. Das ist angenehmer.
Mark Lanegan ist seit kurzem ein offizielles Mitglied der Band.
Nick: Ja, er ist zur Band dazugestoßen. Wir haben gerade ein paar Shows in England gespielt. Er sang etwa vier Songs pro Abend, z.B. "Autopilot", das ich auf dem Album singe. Dann "In The Fade", das er ja ohnehin auf der Platte singt. Dann singt er noch den ZZ Top-Song "Precious and Grace" vom "Tres Hombres"-Album. Und ähm, ja, Josh wird ihn "Walking On The Sidewalk" singen lassen. Auf dem neuen Album werden wir drei uns die Songs aufteilen, jeder wird zwischen 3 und 4 Songs singen. Es wird keinen Leadsänger geben.
Leider musste uns Mark in England schon wieder kurzfristig verlassen, weil gerade sein Soloalbum "Fieldsongs" herauskommt und er sich etwas um sein eigenes Business kümmern musste. Aber wenn wir in die Staaten zurückkommen - so um den 6. Juli - dann treffen wir uns alle im Studio und werden die neue Platte aufnehmen. Davor haben wir gerade noch einen Tag frei, um unseren Jetlag auszukurieren (lacht). Alle Songs sind schon geschrieben. Wir haben sie aber noch gar nicht live ausprobiert, weil wir die ursprüngliche Energie der Songs fürs Studio aufbewahren wollen.
Habt ihr Mark aus Freundschaft ins Team geholt oder weil er euren Gitarrensound druckvoller gestalten könnte?
Nick: Ich glaube, es war ein wenig von beidem. Er hat eine unglaubliche Röhre und ist einfach ein fabelhaft guter Sänger. Mit QOTSA haben wir jetzt hoffentlich klar gemacht, dass wir uns ständig Veränderungen unterziehen. Unterschiedliche Bandmitglieder, vielfältige Elemente, etc. Und so kam eben die Idee auf: lass uns Mark dazuholen. Er kann bei uns bleiben, solange er will und wenn er gehen will, kann er wieder gehen. Es gibt keine strengen Bindungen.
Kannst du die Gerüchte über eine Zusammenarbeit mit Dave Grohl bestätigen?
Nick: Ja und nein (lacht). Ihr wisst ja, wir haben Gene Troutman als Drummer. Aber vielleicht wird Dave Grohl bei ein oder zwei Songs auf unserer neuen Scheibe mitspielen. Das wird eine ziemlich kraftvolle Version von QOTSA geben. Außerdem hat Grohl schon seit Ewigkeiten kein Schlagzeug mehr malträtiert. Das wird sein erstes Rock-Ding an den Drums seit Nirvana. Er ist ein sehr intensiver Drummer und er hat einfach einen Trademark-Beat, verstehst du? Jeder weiß, dass es Dave Grohl ist, wenn er spielt (lacht).
Wenn ihr auf Tour seid und euch Ideen für neue Songs kommen, wie geht ihr mit dem neuen Material um? Habt ihr einen Minidisc-Player im Tourbus?
Nick: Wir haben Akustik-Gitarren im Bus, aber wir müssen uns die Ideen merken. (lacht) Josh und ich haben alle neuen Songs schon fertig, jetzt müssen wir sie nur noch der Band vorspielen. Wenn wir mit unserem Zeug fertig sind, kann's losgehen.
Aber man spricht doch über die Songs, die man schreibt.
Ja schon, wir spielen uns ab und zu gegenseitig unsere Ideen vor und ich sage: "Hey, was hältst du davon?" Josh: "Ich finds scheiße!". Okay. Dann sage ich: "Und was ist damit?" Und er: "Cool, lass uns weiter daran arbeiten." So ungefähr läuft das ab.
Aber keiner von uns kommt an und sagt: (Nick mit verstellter Stimme) "Hee Dude, ich habe jetzt die ganze Woche an dem Song gearbeitet. Du verletzt meine Gefühle!" (alle lachen). Nichts von dem Scheiß. Es ist entweder gut genug oder nicht. Vielleicht bringt man die Idee ein Jahr später noch mal an und dann passt es. Aber wenn es im Moment nicht geht, dann schafft es das Teil auch nicht auf die Platte.
Meinst du, es wird mit der neuen Platte schwierig, etwas ähnlich intensives wie "Rated R" zu schaffen?
Nick: Also, wir haben uns etwa eine Minute darüber den Kopf zerbrochen (lacht) und uns dann gesagt: es wird wesentlich einfacher! Die neue Platte wird ziemlich fette Gitarren haben, ähnlich der ersten Platte. Es wird aber auch diese dunklen Popmelodien von "Rated R" geben und viele neue unterschiedliche Elemente. Wir haben uns vorgenommen, mit jeder Platte etwas völlig anderes als auf den Vorgängern zu schaffen. Und wir werden uns immer weiterentwickeln, egal ob hinsichtlich der Bandmitglieder oder dem Songwriting. Das Ganze wird sich immer nach vorne bewegen.
Steht ihr nicht unter massivem Druck, neue Songs schreiben zu müssen?
Nick: Ab und zu schon. Aber ich glaube, wir sind ziemlich über diesen Druck hinweg, wenn die Songs erst mal stehen. Natürlich ist es stressig, immer an die neue Platte denken zu müssen, wenn noch nicht alle Tracks geschrieben sind. Aber man kann die Songs ja nicht aus sich herauspressen. Wenn sie leicht aus einem herausfließen, dann sind das meist die besten. Wir haben auch keinen Druck vom Label oder vom Management. Der Titel des Albums steht jetzt schon fest. Es wird "Songs For The Deaf" heißen. Nach dem Motto: Selbst wenn du nichts hörst, diese Scheibe wird jeder hören können! (lacht)
Es wird wohl eine ziemlich laute Angelegenheit. Dreh das Teil auf und ab geht's! (lacht) Wir müssen nur noch das Coverartwork fertig machen. Die Grundidee steht auch schon. Auf der letzten Platte hatten wir dieses Film-Ding. Dieses Mal ist es ein Radio-Thema. Die Platte wird mit den Geräuschen anfangen, die entstehen, wenn jemand am Radio herum dreht, mit diesen Störgeräuschen und dann geht's ab. Nach dem Song kommt dann wieder Rauschen, dann der nächste Song usw.
Ihr habt erst kürzlich einen Song zum Turbonegro-Tribut beigesteuert.
Nick: Yeah! "Back To Dungaree High". Ich muss mir sofort eine CD holen! Die haben uns gar keine zugeschickt. Ich war sogar auf zwei Songs vertreten! Ich spiele noch Bass auf dem Dwarves-Cover. Ich war schon immer ein Turbonegro-Fan, da gab es nichts zu überlegen, als sie uns nach einem Song fragten. Natürlich machen wir das. (lacht)
Welche Band könntest du dir noch vorstellen zu covern?
Motörhead wäre cool, etwas in diese Richtung. Oder irgendwas von Björk.
Was ist eigentlich aus deinem Nebenprojekt Mondo Generator geworden?
Nick: Wenn ich heimkomme, werde ich zunächst die neue QOTSA aufnehmen. Danach geht's gleich weiter ins Studio mit Mondo Generator. Ich war zwar noch nie mit denen auf Tour, aber es wird ganz sicher neues Material kommen.
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