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System Of A Down hat sich einen Namen als Crossover-Band der extremen Sorte gemacht, da sie eine große Zahl von unterschiedlichen Stilrichtungen zu Klangkollagen zusammen mischt. Dabei bleibt die Musik der Kalifornier immer hart und aggressiv.
Die Band gründen 1995 Serj Tankian (Gesang, Keyboards), Daron Malakian (Gitarre), Shavo Odadjian (Bass) und John Dolmayan (Schlagzeug). Drei von ihnen haben armenische Vorfahren, sind bis auf Malakian im Libanon oder Armenien geboren und lernen durch ihre Familien die Musikkultur des Nahen Ostens kennen. Sänger Tankian und Gitarrist Malakian treffen aber schon 1993 zufällig in einem Studio aufeinander, in dem sie mit unterschiedlichen Bands für Aufnahmen verweilen. Sie stellen fest, dass sie sich musikalisch gut verstehen und gründen die Band Soil.
Bassist Odadjian, der früher mehr Gitarre spielte, geht zusammen mit den beiden anderen auf eine armenische Privatschule in Hollywood. Sie verstehen sich so gut, dass Odadjian ständig mit Soil abhängt und irgendwann gefragt wird, ob er nicht ihr Manager werden möchte. Als er sich entschließt hauptsächlich Bass zu spielen, wird er richtiges Bandmitglied. Vor ihrem ersten Plattenvertrag stößt Drummer Dolmayan dazu. Der neue Bandname System Of A Down entstammt einem Gedicht Malakians.
Die Initialzündung ihrer Karriere erfolgt, als Rick Rubin sie im Club Viper Room in Hollywood sieht. Der Rauschebart, der schon den Sound von Größen wie den Beastie Boys, Red Hot Chili Peppers und Slayer veredelt hat, ist so begeistert von der Band, dass er ihnen einen Plattenvertrag bei American Records vermittelt und ihr Debütalbum von 1998 gleich selbst produziert. Darauf folgt eine Tour im Vorprogramm von Slayer und die Teilname bei der Ozzfest-Tour.
Bis das zweite Album "Toxicity" erscheint, dauert es drei Jahre, musikalisch geht es in die gleiche Richtung wie die erste Veröffentlichung. Auf beiden Alben präsentieren uns die vier Musiker ein teilweise bizarre Kombination unterschiedlicher Stile, deren Grundlage Hardcore/Heavy Metal bildet. Dazu mischen sie alle möglichen anderen Stile: Punk, Hip Hop, Gothic, Jazz und Musik aus dem Nahen Osten. Weiteres wesentliches Stilmerkmal von System Of A Down sind extreme Dynamik- und Tempowechsel, die häufig und oftmals in sehr kurzen Abständen stattfinden. Serj Tankian erklärt dazu, dass die Aggression der schnellen und lauten Teile viel besser wirke, wenn es vorher sehr ruhig gewesen ist.
Auffällig ist auch der Charakter des Gesangs. Wie bei den Instrumenten sind hier starke Wechsel in der Lautstärke, der Tonhöhen und des Ausdrucks hervorstechende Merkmale. Die Wörter werden oft sehr übertrieben, bzw. künstlich ausgesprochen, wie man es von Schauspielern im Theater hört. So rollt zum Beispiel Tankian an einigen Stellen das "R" wie Till Lindemann oder Anthony Kiedis von den Peppers.
Neben der Musik fallen vor allem die politisch provokativen Texte auf. In ihnen setzt sich die Band kritisch mit gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen auseinander. So steht zum Beispiel der Songtitel "P.L.U.C.K" für "Politically, Lying, Unholy, Cowardly Killers". "Prison Song" beschäftigt sich mit der amerikanischen Drogenpolitik und der Verteufelung des Drogenkonsums, "D-Devil" mit den ethischen Fragen der Gentechnik. Damit stehen SOAD textlich in der Tradition von Bands wie denDead Kennedys oder The Clash.
Ihr drittes Werk "Steal This Album" bringen System Of A Down 2002 nur auf Drängen der Plattenfirma raus. Darauf finden sich Songs aus den Toxicity-Sessions, die es aber nicht auf das Durchbruch-Album geschafft haben, aber die sich natürlich gut vermarkten lassen. Da die Band keine Energie in Promotermine steckt, konzentriert sich vor allem Tankian auf neue Steckenpferde wie sein Label Serjical Strike Records. Zusammen mit Tom Morello (Audioslave, Rage Against The Machine) bringt er Axis Of Justice an den Start - eine Organisation, die sich gegen Ungerechtigkeit in der Welt einsetzt. Im Sommer 2004 veranstaltet Axis Of Justice eine Konzerttour durch die USA, an der sich viele bekannte Künstler aus dem Alternative-Bereich beteiligen. Das Ziel wird knapp verfehlt - US-Präsident George W. Bush gelingt die Wiederwahl.
Für System Of A Down geht es danach zurück ins Studio. Dort spielt sich das Quartett in solch einen Rausch, dass gleich ein Doppelalbum entsteht. Die Ankündigung, dieses werde in Form zweier regulärer Einzel-Alben veröffentlicht, lässt einige Fans zwar bereits "Abzocke" brüllen. Als dann aber 2005 erst "Mezmerize" und sechs Monate darauf "Hypnotize" in die Plattenläden krachen, verstummt die Kritik sogleich wieder. Der Doppelschlag kommt genauso verspielt, überdreht, aggressiv und melodisch wie die Vorgänger daher. Indem Gitarrist Malakian öfter als Sänger in Erscheinung tritt, ist sogar eine musikalische Weiterentwicklung festzustellen - ob zum Guten oder Schlechten, liegt daran, wie man zur oftmals kreischigen Stimme des Saitenhexers steht.
Wie groß SOAD sind, zeigt sich auf der Ozzfest-Tour 2006, wo die Band dem legendären Ozzy manches Mal die Headliner-Position abluchsen kann. Doch immer häufiger kommen Gerüchte auf, dass hinter den Kulissen nicht mehr alles zum Besten steht. Tatsächlich geben System Of A Down im Mai bekannt, dass sie für längere Zeit eine Pause einlegen wollen. In den Ohren vieler Fans klingt das schon wie das Totenglöckchen. Die Enttäuschung ist grenzenlos, das Rätselraten aber genauso: Denn ihre Beweggründe dafür, getrennte Wege einzuschlagen, behalten die System-Musiker eisern für sich.
Serj Tankian verliert keine Zeit und haut schon ein Jahr später sein erstes Soloalbum raus. Daron Malakian und John Dolmayan spannen unter dem Banner Scars On Broadway zusammen, jedoch mit deutlich weniger Enthusiasmus als ihr bärtiger Kompagnon. Die geballte Power und den Wahnsinn des System-Kollektivs vermissen viele jedoch bei beiden Projekten. Ihnen bleibt aber nichts übrig, als Geduld zu haben. Erst im November 2010 kommt die sehnlichst erwartete Botschaft: System Of A Down kehren für einige Festivalshows 2011 auf die Bühne zurück.
Die Reunion-Tour führt die Band von Kanada über Deutschland und Russland bis nach Südamerika. Die elektrisierten Fan-Massen lechzen natürlich gleich nach mehr, und so spielen System Of A Down auch 2012 und 2013 Konzerte in aller Welt. In Interviews auf die Möglichkeit eines neuen Albums angesprochen, lautet die Antwort stets gleich: "Wir nehmen es Schritt für Schritt", erklärt Dolmayan. Und Tankian, der weiterhin fleißig Soloalben veröffentlicht, beteurt: Man habe einfach noch nie ernsthaft darüber diskutiert.
Im Mai 2013 lässt Shavo Odadjian erkennen, dass da offenbar einiges an Quark erzählt wird: Einzig Tankian halte die Band zurück, schreibt der Bassist in einem wütenden Beitrag auf seiner Facebook-Seite. Die drei anderen wären bereit, ins Studio zu gehen. Und er stellt die unerhörte Frage in den Raum: Sollen System mit neuem Sänger weitermachen? Das Dementi der Band (oder wer auch immer ihr Facebook-Profil bearbeitet) folgt auf dem Fuß: System Of A Down gibt es nur in der Originalbesetzung. Punkt.
Trotzdem: Im Fanlager gibt es nun wieder einiges zu diskutieren. Halt genau wie beim Sound der Metal-Punk-Stoner-Jazz-Folklore-Freaks: Langweilig wird es nie.
Daron Malakian über sein Gastspiel bei Rammstein und die Zukunft von SOAD.
Daron Malakian; Songwriter und Gitarrist von System Of A Down, feiert derzeit mit seinem Nebenprojekt Scars On Broadway Erfolge. Wir wollten u.a. von ihm wissen, wie es mit SOAD weitergeht.
Donnerstagnacht, 1 Uhr. Wie vereinbart klingelt das Telefon, eine Stimme mit deutlich amerikanischem Akzent meldet sich und erklärt mir, dass sie mich gleich mit Daron Malakian, Frontmann von Scars On Broadway, verbindet. Aber erst dauert es noch ein bisschen, ich sitze in einer Schleife fest, die mich mit total unpassender Musik bedudelt.
Zehn Minuten später lande ich dann endlich bei Daron und kann meine Fragen loswerden. Dem Befragten merkt man allerdings an, dass er schon einige Interviews absolviert hat. Er antwortet knapp und in gedämpft professioneller Stimmung. Keine lästige Pflicht, die er gerade absolviert, aber immer noch eine Pflicht. Trotzdem scheint hinter der Pressefassade ein sympathischer und nachdenklicher Mann durch.
Hey, hier ist Daron, von Scars on Broadway.
Hey, hier ist Volker! Ähm, wo bist du jetzt gerade?
Ich bin in Los Angeles in meinem Haus.
Was sind deine Pläne für die nahe Zukunft? Geht ihr auf Tour?
Ja, wir promoten unser Album. Wir touren durch Europa und sind auch drei Wochen in Deutschland.
Wie zufrieden bist du bisher mit den Reaktionen auf euer Album?
Den meisten Leuten gefallen die Songs gut. Es fühlt sich alles sehr positiv an.
Wann hast du denn mit Scars angefangen?
Naja, ich wusste, dass ich eine neue Band machen würde, als ich an den letzten zwei System Of A Down-Alben geschrieben habe. Zu der Zeit habe ich schon daran gearbeitet. Ich denke, mein Schreiben hat eine Wendung genommen, eine Veränderung. Die Lieder sind mehr von einer Rock-Note getrieben, als von einer Metal-Note … Es fühlt sich einfach richtig an, es so zu tun.
Also hast du das schon länger geplant?
Ja, ich wusste, dass ich etwas Neues machen musste, weil die Leute von System anfingen, andere Sachen zu machen. Also war es Zeit, auch andere Sachen zu machen.
Würdest du gerne noch mal komplett von vorne beginnen, ohne den System-Hintergrund zu haben? Oder bist du froh darüber, dass dir das schon viele Türen öffnet?
Ein bisschen von beidem. Manchmal wünsche ich mir, wir würden bei Null anfangen. Aber manchmal ist es gut, der Hintergrund, den ich mit System habe. Es wird immer Leute geben, die Scars mit System vergleichen, von daher wünsche ich mir manchmal, wir würden bei Null beginnen. Aber das machen wir auch, es fängt alles bei Null an. Es ist ja nicht so, dass wir große Arenen oder so etwas bespielen. Wir spielen kleine Clubs, Theater, … es fängt alles von neuem an.
Und das gefällt dir?
Ja, ich habe eine Menge Spaß!
Naja, es liegt ja nicht nur an mir, ob es ein neues Album geben wird (lacht). Und ich will, dass die Fans die Wahrheit wissen, deshalb bin ich ehrlich mit ihnen. Manchmal, wenn du ehrlich bist, mag nicht jeder was du sagst, aber gleichzeitig ist es wahr! John und ich sind 100-prozentig auf Scars konzentriert. Es ist ja nicht so, dass System nicht wieder zurück kommen und spielen - somewhere down the line. Da hätte ich nichts etwas dagegen.
Ok, du hättest nichts dagegen. Aber willst du es auch?
So wie es jetzt ist, bin ich einfach auf Scars fokussiert. Frag mich vielleicht noch mal in fünf, sechs, sieben Jahren, ich weiß es nicht.
In fünf, sechs, sieben Jahren?
Möglicherweise.
Vielleicht liege ich ja falsch, aber ich habe das Gefühl, die Lyrics von Scars seien weniger politisch. Bist du froh darüber, nicht mehr so politisch sein zu müssen wie mit System?
Mit System hatten wir nie das Gefühl, wir müssten politische Erwartungen erfüllen. Ich glaube, da ist immer noch Politik in den Scars-Texten, aber auf meine Weise, anders als Serj es macht. Es gibt nicht nur entweder oder. Es ist einfach der Style. Der Style und die Lyrics die ich schreibe, sind anders als die Lyrics und der Style von Serj. Serj tendiert dazu, auf politische Themen und solche Dinge einzugehen. Und ich denke über Politik, aber fokussiere nicht auf spezielle Themen wie Öl oder bestimmte Kriege oder so. Meine Lyrics sind vielmehr sozial bewusst, über die Gesellschaft und über die Welt.
Geht es dabei auch um dich selbst?
Manche von ihnen sind über mich. Es ist eine Mixtur verschiedener Sachen, ich kann nicht einfach sagen, meine Texte handeln von etwas Bestimmten. Es gibt so viele verschiedene Sachen im Leben, nicht nur in meinem, sondern in der ganzen Welt. Ich fokussiere nicht auf ein Thema, weder auf mich selbst noch auf die Welt.
Ich frage deshalb, weil oft ein innerer Konflikt durch deine Texte scheint. Und ich frage mich, wo der herkommt?
Frustration, meinst du?! Ich denke es ist eine frustrierende Zeit, in der wir gerade leben. Wenn ich etwas überlege, dann sage ich den Leuten nicht: Mach das nicht und tu das nicht! Ich bin genauso schuldig daran was abgeht, wie jeder andere auch. Ich bin genauso darin verwickelt. Deshalb sag ich den Leuten nicht, du solltest das nicht tun und das nicht. … Es geht mehr darum: das ist die Welt, in der ich lebe, und manchmal sehe ich, dass die Welt falsch ist. Und manchmal sehe ich, dass Dinge, die ich tue, falsch sind. Ich weiß nicht, verstehst du?
Ok! Also was ist falsch mit der Welt?
In einem Wort? Das kann man nicht sagen. Viele Dinge sind falsch und viele Dinge sind richtig. Es ist ein Mix von vielen Dingen. Es passieren Sachen, die ungerecht sind, aber weißt du, du musst mit der Zeit gehen. … Aber was mit der Welt falsch ist, ist, dass viele Leute sagen, es ist das Ende der Welt. Ich glaube nicht, dass das sehr gesund für die junge Generation ist (lacht), wenn sie noch so viel Leben vor sich haben. Viele Dinge sind falsch und viele Dinge sind richtig, aber du musst damit klar kommen.
Das hört sich mehr nach einer generellen Frustration an. Oder gibt es etwas Bestimmtes, das dich stört?
Es gibt nichts Spezielles. Es gibt nichts, wo ich dir sagen könnte, genau das stört mich. Aber manchmal verstört mich die Menschheit und die Widersprüche der Menschheit, verstehst du? Ich kann es dir nicht in einer exakten Form klarmachen. Es gibt nicht die eine Sache, auf die ich fokussiert bin und die mich stört.
Überhaupt nicht. Zumindest habe ich keine Probleme mitbekommen. Ich bin ja in Los Angeles aufgewachsen, mit vielen armenischen Leuten. Es war nicht so, dass ich der einzige Armenier unter lauter Weißen war. Also es war komfortabel, vielleicht weil ich in L.A aufgewachsen bin. Wenn ich in Kansas aufgewachsen wäre, wäre das vielleicht schwieriger, weil es dort keine Armenier gibt.
Stimmt es, dass du Totenköpfe sammelst?
Ich habe ein paar, aber ich gehe nicht wirklich herum und sammle sie. Ich mag es, mit der dunklen Seite des Lebens zu spielen (lacht).
Hast du schon Ideen für das nächste Scars-Album?
Nein, so weit bin ich noch nicht. Hier und da habe ich ein paar Sachen geschrieben, aber ich hab bisher nicht wirklich darüber nachgedacht, was ich als Nächstes mache. Ich bin einfach sehr fokussiert darauf, was gerade passiert. Das Album kam gerade raus, es gibt eine Menge Pressearbeit zu tun, da habe ich nicht so viel Zeit zu schreiben und kreativ zu sein.
Du hast mal mit Rammstein gespielt, wie kam das?
Die brauchten jemanden, der Gitarre bei ihnen spielte, weil ihr Gitarrist krank war. Also habe ich ein paar Songs gelernt und bei ihnen mitgemacht. Es war etwas beängstigend, weil es so viel Feuer gab, aber es war cool, eine gute Erfahrung. Sie haben mir eine von ihren Rammstein-Jacken gegeben. Die hab ich sogar immer noch in meinen Kleiderschrank. Das sind nette Jungs, es war cool, ein bisschen zusammen zu touren.
Und du willst Cannabis legalisieren?
Mit der politischen Seite von Cannabis hatte ich nie wirklich was zu tun. Ich rauche es einfach. Wenn sie es legalisieren möchten, bitte, nur zu! Und wenn nicht, dann rauche ich es trotzdem!
Ich hab keine Fragen mehr. Willst du noch was loswerden?
Nein Mann, ich denke du hast es.
Dann vielen Dank fürs Interview.
Vielen Dank!
SOAD über Zukunftspläne, das Lied vom Hasen und Bush-Hasser allerorten.
In einem noblen Hotel am Potsdamer Platz bittet die Plattenfirma zum Interview. Den Fragen der versammelten Journalisten stellen sich, separat aufgeteilt, Bassist Shavo Odadjian und Schlagzeuger John Dolmayan. Ersterer genießt offensichtlich den Luxus, ein geräumiges Zimmer für die Interviews zur Verfügung zu haben.
Auf einer Anrichte steht frisches Obst neben teuer aussehenden Karaffen mit Alkoholika. Der Raum ist modern eingerichtet und bietet einen exzellenten Blick auf den weihnachtlichen Potsdamer Platz. System Of A Down haben mit "Hypnotize" ein Album im Gepäck, das es in sich hat, und sind dementsprechend gut gelaunt.
Hey, schickes Hotelzimmer! Macht ihr öfter Promotermine in solchen Räumen?
Nein, nicht so oft. Aber das ist schon ziemlich klasse hier! Das ist wahrscheinlich eines der schicksten Hotels, in denen ich je gewesen bin. Mein Zimmer ist nicht so modern eingerichtet wie dieses hier, aber es ist klasse.
Woher kommst du gerade?
Wir kommen aus Paris. Ich hatte heute ein wenig Zeit zum Chillen, ich habe mir eine Mütze gekauft (er setzt sich eine dieser Fellmützen aus "alten Sowjet-Armeebeständen" auf, die man in Berlin überall kaufen kann), die nehme ich als Erinnerung an Deutschland mit nach Hause, lege sie in eine Ecke und werde sie wahrscheinlich nie wieder tragen. Ich habe Maronen gekauft und drei Würstchen gegessen. Da vorne ist ein kleiner Weihnachtsmarkt. It's bad ass! Ich habe Bier auf offener Straße getrunken! Ein Riesenbier. Dann noch einen Crêpe mit Nutella gegessen. Was kann man mehr verlangen?
Klingt wie ein perfekter Tag!
Ja, gleich haben wir noch die Pre-Listening-Party und danach wird gefeiert. Der Flug nach Hause geht um sechs Uhr früh! Also kann ich die ganze Nacht über Party machen und mich dann im Flieger ausruhen. Ich hoffe, auf der Party gibt es nette Mädels. Ich bin jetzt schon eine Weile Single, anderthalb Jahre. Jetzt bin ich wieder da, Mann. Weißt du, wie das ist, wenn du eine lange Beziehung beendest? Alles ist schrecklich, und du brauchst deine Zeit.
Jetzt kannst du wieder an Frauen denken.
Ich habe die ganze Zeit über an sie gedacht!
Aber jetzt hasst du sie nicht mehr!
Ich habe sie nie gehasst! Es ist nur dieser schreckliche Prozess des Ich-Seins, nachdem man so lange ein Wir war. Aber da musste ich wohl durch.
Aber eigentlich sind wir ja wegen eurem zweiten Album in einem Jahr hier.
Eigentlich ist es nur eine Platte. Jetzt kommt die zweite Hälfte heraus. Wenn du es bekommst, wirst du verstehen, warum. Natürlich machen sie auch einzeln Spaß, aber eigentlich sind es zwei Teile. Das ist wie eine A-Seite und eine B-Seite. Nur dass es auf der einen Seite elf Songs gibt und auf der anderen zwölf. Mit der Verpackung, in der es kommt. Dann sieht man, wie die Platten zusammengehören. Ich habe das Artwork entworfen. Ich meine, ich musste es malen lassen, aber ich habe das Konzept entwickelt. Es ist großartig, ich bin sehr gespannt.
Es kommt einfach so. Daron schreibt soviele großartige Songs, Serj und ich steuern unseren Teil dazu bei. Daraus wird dann System Of A Down. Wir alle tragen mehr dazu bei, als nur unsere Instrumente zu spielen. Wenn man das zusammen bringt, dann entsteht System Of A Down. Wir haben da keinen Plan. Ich hatte ja noch nicht mal den Plan, dass wir jemals ein Album veröffentlichen würden. Als ich "Sugar" schrieb, habe ich nicht gedacht, dass sie es jemals im Radio spielen würden. Wir haben das ja nur zum Spaß gemacht. Jetzt machen wir es immer noch aus Spaß, aber es ist halt auch ein Job daraus geworden. Bring it on! Ich bin ein glücklicher Mann!
Als ihr die beiden Alben aufgenommen habt, "Mezmerize" und "Hypnotize" ...
Es ist nur ein Album. "Mezmerize/Hypnotize". Confusing, hm? I love it! (lacht)
Insgesamt sind die Songs dann ja schon recht alt ...
Manche von ihnen sind über drei Jahre alt. Wir haben sie nicht vor so langer Zeit aufgenommen, aber sie wurden damals schon geschrieben.
Was hältst du mit dem gebührenden Abstand von den Songs?
Ich habe Bock, sie zu spielen, habe Lust, sie zu hören. Wir haben "Hypnotize", "Kill Rock'n Roll" und "Holy Mountains" sogar schon vor Publikum gespielt. Das letzte Mal als wir in Berlin waren und beim Hurricane Festival.
Ich muss gestehen, ich habe euch noch nicht live gesehen.
Dann hast du uns noch nie gehört! Weil wir live nicht dasselbe spielen. Wenn du das Album hören möchtest, komm nicht zur Show! Bei unseren Shows siehst du etwas völlig anderes! Wir werden wohl im Mai wieder da sein, du solltest vorbeikommen.
Und Daron war derjenige, der entschieden hat, welche Songs aufs Album kommen?
Nein, das machen wir alle zusammen. Daron hat sie nur in die richtige Reihenfolge gebracht. Daron und ich haben die Platte festgenagelt. Wir stimmen immer gut überein. Jeder tut das, was er macht. Jeder tut das, was er am besten kann. Was macht ein gutes Rugby-Team aus? Ich liebe Rugby! Jeder Spieler hat seine Position, und auf dieser Position ist er gut. Dann helfen sie sich gegenseitig. Dieses Team gewinnt zusammen. Wenn die Leute hinten nicht gut spielen, können die vorne nicht gewinnen! Also, wenn man den besten Sänger der Welt hat, aber die Musik Scheiße ist, kann man es nicht schaffen. Es ist Teamwork.
Ich habe den Eindruck, dass die Songs auf "Hypnotize" gut zum Titel passen, dass sie etwas ruhiger ...
Nein!
Dass sie nicht so aggressiv sind wie die von "Mezmerize".
Du machst Witze, oder? Siehst du, jeder hat seine Meinung. Der Einstieg ist doch sehr hart.
Ja, aber dann wird es schon fast getragen.
Du meinst wahrscheinlich "Lonely Day". Aber wir haben keine bewusste Entscheidung getroffen, welche Songs auf welches Album kommen. Wir hatten dieses Set, und es ging darum: Welcher Song erzählt eine Geschichte? Was passt gut zueinander? Manche der Songs gehen ineinander über. Da passiert eine ganze Menge.
Ist es dann Teil eines Konzeptalbums?
Ja, vielleicht. Das Konzept, zwei Alben in einem zu machen.
Es hat mehr Konzept als "Use Your Illusion I & II" von Guns N'Roses.
Sollte das ein Konzeptalbum sein? Ich hab es mir damals an dem Tag gekauft, als es herauskam!
Ich glaube, das sollte ein Konzeptalbum sein. Auch wenn ich das Konzept nicht verstanden habe.
Ich auch nicht! Aber es sind trotzdem gute Alben! Großartige Songs!
Ich habe nicht alle Songs gemacht. Ich habe die ersten zwei gemacht, "Chop Suey" nicht, auch wenn ich die Idee dazu hatte. "Boom!" und "Spiders" hab ich auch nicht gedreht. An dem Rest war ich beteiligt. "B.Y.O.B." habe ich geschnitten und einige Ideen einfließen lassen. Bei "Toxicity", "Aerials", "Question!" und "Hypnotize" habe ich Regie geführt. Bei "Hypnotize", das habe ich gemalt, das ist nicht irgendein Computerzeug. Ich habe zu dem Song gemalt.
Was können wir denn von den nächsten Videos erwarten?
A lot. A lot of crazy shit! Ich habe viele Ideen, aber die kann ich dir natürlich nicht verraten. Ich habe die Ideen, bevor ich einen Song dazu habe. Manchmal denke ich, "Das wäre eine gute Idee für ein Video!", und wenn ich dann einen passenden Song habe, mache ich das. Ich wollte zum Beispiel immer schon mal Musik malen. Jetzt war die Zeit gekommen, als tat ich es. Ich bin Maler. Also lege ich inspirierende Musik auf, keinen Nu Metal, sondern klassische Musik oder Jazz. Langsame Musik. Und dann male ich was Sexuelles. Das sind dann nur Striche, aber es sind sexy Striche. Es gibt dieses Wu-Tang-Gemälde von mir. Ich nenne es so, weil ich beim Malen einen Wu-Tang Clan-Song gehört habe. Ich hatte vom "Hypnotize"-Video noch Farbe und eine Leinwand übrig, also habe ich die bemalt. Als der Song zu Ende war, war das Gemälde fertig.
System Of A Down wird ja oft als politische Band gesehen.
Wir sind keine politische Band. Wir sind eine soziale Band. Politik spielt eine wichtige Rolle in der Gesellschaft. Das ist heute so, und das war damals so, als wir "Prison" oder als wir "Boom!" geschrieben haben. Bloß weil wir über politische Dinge singen, macht uns das noch nicht zu einer politischen Band. Wir singen auch übers Pogen oder über Hasen. "Lonely Day" ist kein politischer Song, auch wenn man das in ihn hineinlesen könnte.
Aber Serj ist Mitbegründer der Axis Of Justice und wird oft als eine der Speerspitzen der Bewegung gegen George Bush gesehen. Nervt euch das manchmal?
Ja, manchmal schon. Ich bin nicht so wahnsinnig politisch. Aber ich kann schon drüber reden.
Wird das in den USA vielleicht auch anders wahrgenommen als in Europa?
Nein, das ist gleich. Überall denken die Leute, wir seien politisch. Wir müssen das immer erst erklären und sagen, dass wir nicht politisch sind. In den USA gibt es auch viele Bush-Hasser. Überall auf der Welt gibt es Bush-Hasser. Wir hassen niemanden. Wir möchten keinen Hass verbreiten.
Ihr singt lieber über Hasen.
Genau! Weil dieser Hase irgendetwas mit unserem Leben zu tun hatte, als wir den Song geschrieben haben. "Kill Rock'n Roll" ist sein Song über einen Hasen. Im Mittelteil heißt es da: "Eat all the grass that you want, because accidents happen in the dark."
Irgendeine Frage hatte ich doch noch ...
Du wolltest mich bestimmt wegen meinem Nebenprojekt fragen. Ich werde ein Album mit GZA machen. Wir schreiben gerade an einer Geschichte, die in Buchform erscheinen soll. Ich werde den Bass zu jedem Kapitel einspielen. Das wird ein sehr visuelles Projekt sein, da GZA ein sehr visueller Rapper ist. Er wird Bilder malen mit seinen Worten und ich mit meiner Musik. RZA wird auch dabei sein und Serj, Daron spielt Drums bei einem Stück. Ich möchte viele Leute dabei haben. Viele verschiedene Stimmen. Masta Killa sollte auch dabei sein. Es wird sicher cool. Aber nicht so ein Rock/Rap-Ding. Es wird keine Rockgitarren geben. Der Bass wird eine zentrale Rolle spielen. Wir haben mit den Jungs zusammen ja schon "Shame On A Nigga" gecovert. Die Jungs sind Freunde von mir. Sie sind sehr cool, ich respektiere sie und bin ein Fan ihrer Musik. Ich bin ein Fanatiker! Das Ding mit GZA wird groß.
System Of A Down-Sänger Serj Tankian über "Mezmerize", seine Organisation "Axis Of Justice" und das Verhältnis seiner Band zur Türkei.
An manchen Tagen laufen Dinge anders, als man es sich erhofft. So auch heute: Das Interview mit Serj Tankian, dem Sänger von System Of A Down muss wegen Verständigungsproblemen doch per Telefon stattfinden. Und: Eine Möglichkeit, das neue Album "Mezmerize" zu hören, gibt es nur vor Ort in Köln. In einem sagenumwobenen Pre-Listening Raum, mit Bodyguards vor der Tür, die checken ob auch das Handy, das man ohnehin vorher abgeben musste, nicht doch etwas aufgenommen hat. Ein Fort Knox der Musikindustrie. Alles top secret. Wenn dann noch das Aufnahmegerät an einer Stelle streikt, an der man es gar nicht gebrauchen kann, hilft nur noch Feierabendbier und mitschreiben, was die ohnehin strapazierte Hand hergibt.
Es meldet sich ein sehr freundlich und aufgeräumt wirkender Serj Tankian am anderen Ende der Leitung. Der zurück liegende Interviewmarathon hat entweder keine Spuren hinterlassen oder er versteht es gut, sie zu überspielen. Seine Stimme klingt stark und bestimmt, wie bei jemandem, der genau weiß, was er sagt und wie es auf andere wirkt. Er sieht die Sache mit der Geheimniskrämerei um das neue Album etwas anders: "Ich weiß nicht, ob ich es top secret nennen würde. Wir sind einfach ziemlich vorsichtig, etwas von den neuen Sachen preiszugeben. Wir haben ja zwei Alben aufgenommen und eins kommt erst Ende des Jahres heraus, da überlegen wir uns gut, wo wir welche Sachen spielen." Zugleich kann der mittlerweile schwarz bemähnte Schlacks mit einem Gerücht aufräumen, das besagt, die Band habe auf einem Konzert vor Veröffentlichung von "Steal This Album" einige gebrannte CDs eben dieses Albums an das Publikum verteilt. No way. Da geht dann doch das Copyright vor.
Um das neue Album ranken sich weniger Gerüchte dieser Art. Eher gibt es eine allseits gespannte Vorfreude, es ähnelt ein wenig dem Gefühl unmittelbar vor der weihnachtlichen Bescherung früher als Kind. Eine doppelte Ladung soll es sein, bestehend aus dem zweieiigen Zwillingspärchen "Mezmerize" und "Hypnotize". Auf die Frage, wie er das neue Album beschreiben würde, ist durch das Telefon zu hören, wie Tankian sich windet und überlegt, bevor er eine Antwort gibt. "Ich höre mir die Sachen an, die Journalisten, die es gehört haben, darüber sagen. Ich selbst stecke zu sehr drin, ich bin zu sehr Teil des Ganzen, als dass ich einfach einen Schritt zurückgehen könnte, um darauf zu schauen und sagen zu können, was anders oder was gleich geblieben ist." Schließlich versucht der Sänger dennoch einen Schritt zurück nach hinten zu gehen, um zumindest eine grobe Aussage über das Opus zu machen: "Ich denke, das progressive Zeug ist progressiver, es gibt auf jeden Fall auch lustige Sachen. Es gibt eine Menge der Dinge, die System gut macht, wie das Personalisieren von Politik. Aber auch persönliche Geschichten, politisches und theoretisches Zeug lassen sich auf dem Album finden."
Da hat er in seiner ganzen Vagheit recht, wie sich schließlich beim Hören der fertigen CD herausstellt. "Mezmerize" hat viele lustige, ironische und sarkastische Momente, die dem Hörer zwangsläufig ein Schmunzeln ins Gesicht treiben. Hinter allem stehen meist jedoch sehr ernsthafte Aussagen, wie es bei den Kaliforniern üblich ist. Gewaltverherrlichende, stark sexualisierte Filme im Fernsehprogramm, die Kriegsindustrie oder auch Massenmedien im allgemeinen dienen als Zielobjekte. Alles, was die Band musikalisch ausmacht, scheint stärker herausgearbeitet zu sein. Die Gitarren sind einen Tick härter, die Melodien eine Idee eingängiger - alles in allem bleibt "Mezmerize" ein Album prall gefüllt mit sehr starken Songs. Dennoch: Eigentlich hätten die Songs von "Mezmerize" und "Hypnotize" auch auf einem Doppel-Album Platz gefunden. Warum also diese Trennung?
"Das ist eine gute Frage. Beide Alben sind im Grunde ein Ganzes, und wenn man beide Alben kauft, das zweite kommt ja sechs Monate nach 'Mezmerize', sieht man die Verbindung beider Alben auch im Artwork und der Verpackung. Wir haben die Songs aufgeteilt, weil in unserer Musik eine Menge geschieht. Deswegen ist es sehr schwer, jedem Song den Raum und die Aufmerksamkeit zu geben, die er braucht. Es könnte auch ganz schön anstrengend sein, all diese Songs von uns auf einmal zu hören. Also dachten wir, es sei das Beste, wenn die Leute den ersten Teil verdauen, bevor sie sich mit den anderen Songs beschäftigen."
Doch nach welchen Kriterien wurde entschieden, welcher Song auf welches Album kommen soll?
"Die Songs müssen miteinander tanzen. "
"Daron hat sich um die Reihenfolge der Songs gekümmert, er hat das großartig gemacht. Ich habe selbst auch einige Vorschläge gemacht, aber es ging darum, welche Songs gut miteinander funktionieren. Einige fantastische Songs haben wir ganz herausgelassen, die aber vielleicht auf andere Weise ihren Weg machen werden. Das wichtige ist der Fluss einer Platte, ein Album hängt nicht nur von den Songs selbst ab. Sie müssen gut miteinander tanzen. Das war auch unser Grundprinzip. Für mich hat 'Mesmerize' eine etwas positivere Konnotation als 'Hypnotize', das einen etwas düsteren, unheimlichen Aspekt hat. Aber es sind beides sehr ähnliche, wenn nicht sogar der gleiche Zustand der Existenz."
Was steht hinter diesen Wörtern? Was bedeuten sie im Kontext eurer beiden Alben?
"Wir mögen es eigentlich nicht, alles exakt auszudeuten, ob es jetzt um die Texte oder das Konzept eines Albums geht. Sogar der Bandname ist offen für Interpretationen. Jeder nähert sich Dingen vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen, Theorien, moralischen Werte oder Standpunkte an. Wenn du etwas für dich selbst verinnerlichst, es zu einem Teil deiner Erfahrungen machst, zu einem Teil von dem, was du fühlst, dann ist das viel wichtiger und stärker als das, was ein Künstler denkt, was es bedeuten könnte."
Auch das neue Zweiergespann produzierte wieder der Entdecker und Mentor von System Of A Down, Rick Rubin, in Zusammenarbeit mit Gitarrist Daron Malakian. Seit dem Debüt sind viele Jahre vergangen und die Band ist gewachsen, legte konstant gute Alben hin. Vielleicht auch ein Verdienst des bärtigen Def Jam-Gründers?
"Es ist einfach, mit ihm zu arbeiten. Er unterstützt die Künstler, mit denen er arbeitet sehr. Er versteht die Vision der Musik und was wir tun wollen und versucht, die Sache zu stärken. Die meisten seiner Kommentare sind sehr effektiv, ob es um ein Arrangement geht, oder darum, einen Part im Song zu ändern oder hinzuzufügen. Seine Kommentare stärken die Songs und verbessern sie."
"Toxicity", mit dem die Band ihren Durchbruch feierte, liegt mittlerweile vier Jahre zurück. Dazwischen gab es nur "Steal This Album" (2002), das letztlich eine Resteverwertung des Materials seines Vorgängers ist - wenn auch auf sehr hohem Niveau. In der Pause wandten sich die Bandmitglieder anderen Aufgaben zu.
Serj Tankian zum Beispiel gründete zusammen mit dem Musikaktivisten Tom Morello (Audioslave, Rage Against The Machine) die Organisation "Axis Of Justice". In Deutschland wirkt diese Organisation immer wie ein Zusammenschluss von Musikern, die gegen Bush opponieren und wurde immer wieder mit der "Vote For Change"-Tour von Bruce Springsteen verglichen. Immerhin fiel die Konzertreihe samt CD ziemlich eng mit der letzten Wahl in den Vereinigten Staaten zusammen. Doch da ist wesentlich mehr:
"Wir sind eine Organisation mit dualer Ausrichtung. Auf der einen Seite ist es eine politische Organisation mit einer Radiosendung und einer Website für weitere Informationen. Wir machen Benefizkonzerte und wir haben ein Album samt DVD gemacht, die 'Axis Of Justice Concert Series Vol. 1'. Auf der nicht politischen, gemeinnützigen Seite haben wir eine Art Fond, aus dem wir an andere Organisationen spenden, zum Beispiel an Essenseinrichtungen und Obdachlosenunterkünfte."
Das Zusammentreffen von Wahl und CD war also eher zufällig, das Spektrum ist wesentlich breiter, als schlicht gegen Bush zu sein.
"Wir wollen uns nicht auf eine Sache beschränken, Ungerechtigkeit im Allgemeinen ist unsere Angelegenheit. Egal was es ist - ob es um die Umwelt geht, um den Arbeitsbereich, Absurdidäten in den Medien oder Misshandlung, wir integrieren es in unseren Arbeitsbereich."
Ihren Ausgang nahm "Axis For Justice" 2002, als Tom Morello mit Audioslave, die sich gerade in ihrer Gründungsphase befanden, auf der Ozzfest-Tour spielen sollten. Er wollte einen Informationsstand für Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) auf dem Gelände einrichten. Audioslave blieben schließlich zu Hause, und Tankian, der mit System Of A Down dabei war, setzte die Idee auf dem Ozzfest in die Tat um. Die Gründung einer eigenen Organisation war anschließend nur noch Formsache.
Stark engagiert sich die Band auch für die Belange des Volkes, in dem ihre Wurzeln liegen: Armenien. Die Musiker setzen sich dafür ein, den Völkermord an den Armeniern nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Am 24. April 1915 begann die "Jüngtürkische Bewegung", die 1908 an die Macht gekommen war, mit der Verhaftung, Deportation und Ermordung armenischer Staatsbürger. Eine genaue Zahl der Opfer gibt es nicht. Auf Todesmärschen durch die Wüste der südlichen Türkei und bei wahllosen Hinrichtungen starben damals nach uneinheitlichen Schätzungen zwischen 600.000 und 1.5 Millionen Menschen. Bis heute weigert sich die türkische Regierung, ebenso wie Regierungen der meisten Länder Europas und der Welt, das Geschehene als Völkermord anzuerkennen.
System Of A Down veranstalten jedes Jahr am 24. April, dem Gedenktag des Genozids, ein Benefiz-Konzert mit dem Titel "Souls". 2005 waren alle Karten binnen zwei Minuten (!) vergriffen. In Armenien selbst wird am 24. April auf besondere Weise der Opfer gedacht: Man zieht zu einem Mahnmal auf einen Hügel nahe Jerewan, der Haupstadt der Republik Armenien, legt Blumen nieder und erinnert an die Gräueltaten. Zwar sind die Bandmitglieder mittlerweile wegen ihres Benefizkonzertes an diesem Tag in Los Angeles zu Gange, Serj war früher aber auch einmal zu diesem Zeitpunkt in der Kaukasusrepublik.
"Hitler berief sich auf die Vernichtung der Armenier!"
"Es war sehr bewegend, an diesem Tag in Armenien zu sein. Alle von uns sind irgendwo in ihrer Familie von dem Völkermord betroffen."
Besonders folgenschwer sei die Vorbildfunktion dieses Massakers für NS-Deutschland gewesen:
"Hitler hat sich sogar in einer Rede konkret auf den Völkermord bezogen, um damit zu zeigen, wie wenig eine solche Tat die Menschen interessiert. 'Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?' - das waren seine Worte."
Mittlerweile reden wieder mehr Menschen darüber, vielleicht auch wegen System Of A Down. Aber wie steht es mit dem Verhältnis der Band zu Türkei? Haben sie auf Grund der Historie vielleicht Vorbehalte gegen dieses Land? Tankian scheint für Versöhnung zu plädieren.
"Die Menschen in der Türkei heute haben persönlich mit den Taten nichts zu tun. Wichtig ist es aber, dass die Regierung sie als Völkermorde anerkennt. Ich finde es unglaublich, dass ein Land eines Tages in die EU aufgenommen werden soll, dessen Regierung sich seiner Geschichte nicht stellen möchte. Aber auch viele andere Länder erkennen das Verbrechen an den Armeniern noch nicht als Völkermord an, darunter auch Deutschland."
Bis heute haben System Of A Down noch kein Konzert in der Türkei gespielt, obwohl sie sicherlich einige Fans dort haben. "Wir hatten die Möglichkeit, in der Türkei zu spielen, als wir mit Slayer auf Tour waren. Damals wollten wir spielen, aber nur unter der Voraussetzung, dass uns volle Meinungsfreiheit auf der Bühne eingeräumt wird. Das wollte uns niemand garantieren und deshalb haben wir nicht gespielt. Grundsätzlich würden wir aber gerne in der Türkei spielen." Serj Tankian verabschiedet sich zum Ende des Gesprächs ebenso freundlich, wie er es zuvor begonnen hat. Keine Spur von dem wild umherschwirrenden Menschen, den er auf der Bühne gibt. Musik als Ventil - bei ihm scheint es zu funktionieren.
System Of A Down (1998)
| Do | 15.08.2013 | System Of A Down A-FM4 Frequency Festival (St. Pölten) | |
| Sa | 17.08.2013 | System Of A Down Rock'n'Heim (Hockenheim) | |
| So | 18.08.2013 | System Of A Down Rock Im Pott (Gelsenkirchen) | |
| Di | 20.08.2013 | System Of A Down Berlin (Wuhlheide) |
9,90 EUR
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4,90 EUR
4,90 EUR
4,90 EUR
11,99 €
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Sounds, Pics, Daten und sonstiger Schnickschnack.
https://www.facebook.com/systemofadown
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