7. April 2005

"Wir würden in der Türkei spielen - bei garantierter Meinungsfreiheit"

Interview geführt von

An manchen Tagen laufen Dinge anders, als man es sich erhofft. So auch heute: Das Interview mit Serj Tankian, dem Sänger von System Of A Down muss wegen Verständigungsproblemen doch per Telefon stattfinden. Und: Eine Möglichkeit, das neue Album "Mezmerize" zu hören, gibt es nur vor Ort in Köln. In einem sagenumwobenen Pre-Listening Raum, mit Bodyguards vor der Tür, die checken ob auch das Handy, das man ohnehin vorher abgeben musste, nicht doch etwas aufgenommen hat. Ein Fort Knox der Musikindustrie. Alles top secret. Wenn dann noch das Aufnahmegerät an einer Stelle streikt, an der man es gar nicht gebrauchen kann, hilft nur noch Feierabendbier und mitschreiben, was die ohnehin strapazierte Hand hergibt.

Es meldet sich ein sehr freundlich und aufgeräumt wirkender Serj Tankian am anderen Ende der Leitung. Der zurück liegende Interviewmarathon hat entweder keine Spuren hinterlassen oder er versteht es gut, sie zu überspielen. Seine Stimme klingt stark und bestimmt, wie bei jemandem, der genau weiß, was er sagt und wie es auf andere wirkt. Er sieht die Sache mit der Geheimniskrämerei um das neue Album etwas anders: "Ich weiß nicht, ob ich es top secret nennen würde. Wir sind einfach ziemlich vorsichtig, etwas von den neuen Sachen preiszugeben. Wir haben ja zwei Alben aufgenommen und eins kommt erst Ende des Jahres heraus, da überlegen wir uns gut, wo wir welche Sachen spielen." Zugleich kann der mittlerweile schwarz bemähnte Schlacks mit einem Gerücht aufräumen, das besagt, die Band habe auf einem Konzert vor Veröffentlichung von "Steal This Album" einige gebrannte CDs eben dieses Albums an das Publikum verteilt. No way. Da geht dann doch das Copyright vor.

Um das neue Album ranken sich weniger Gerüchte dieser Art. Eher gibt es eine allseits gespannte Vorfreude, es ähnelt ein wenig dem Gefühl unmittelbar vor der weihnachtlichen Bescherung früher als Kind. Eine doppelte Ladung soll es sein, bestehend aus dem zweieiigen Zwillingspärchen "Mezmerize" und "Hypnotize". Auf die Frage, wie er das neue Album beschreiben würde, ist durch das Telefon zu hören, wie Tankian sich windet und überlegt, bevor er eine Antwort gibt. "Ich höre mir die Sachen an, die Journalisten, die es gehört haben, darüber sagen. Ich selbst stecke zu sehr drin, ich bin zu sehr Teil des Ganzen, als dass ich einfach einen Schritt zurückgehen könnte, um darauf zu schauen und sagen zu können, was anders oder was gleich geblieben ist." Schließlich versucht der Sänger dennoch einen Schritt zurück nach hinten zu gehen, um zumindest eine grobe Aussage über das Opus zu machen: "Ich denke, das progressive Zeug ist progressiver, es gibt auf jeden Fall auch lustige Sachen. Es gibt eine Menge der Dinge, die System gut macht, wie das Personalisieren von Politik. Aber auch persönliche Geschichten, politisches und theoretisches Zeug lassen sich auf dem Album finden."

Da hat er in seiner ganzen Vagheit recht, wie sich schließlich beim Hören der fertigen CD herausstellt. "Mezmerize" hat viele lustige, ironische und sarkastische Momente, die dem Hörer zwangsläufig ein Schmunzeln ins Gesicht treiben. Hinter allem stehen meist jedoch sehr ernsthafte Aussagen, wie es bei den Kaliforniern üblich ist. Gewaltverherrlichende, stark sexualisierte Filme im Fernsehprogramm, die Kriegsindustrie oder auch Massenmedien im allgemeinen dienen als Zielobjekte. Alles, was die Band musikalisch ausmacht, scheint stärker herausgearbeitet zu sein. Die Gitarren sind einen Tick härter, die Melodien eine Idee eingängiger - alles in allem bleibt "Mezmerize" ein Album prall gefüllt mit sehr starken Songs. Dennoch: Eigentlich hätten die Songs von "Mezmerize" und "Hypnotize" auch auf einem Doppel-Album Platz gefunden. Warum also diese Trennung?

"Das ist eine gute Frage. Beide Alben sind im Grunde ein Ganzes, und wenn man beide Alben kauft, das zweite kommt ja sechs Monate nach 'Mezmerize', sieht man die Verbindung beider Alben auch im Artwork und der Verpackung. Wir haben die Songs aufgeteilt, weil in unserer Musik eine Menge geschieht. Deswegen ist es sehr schwer, jedem Song den Raum und die Aufmerksamkeit zu geben, die er braucht. Es könnte auch ganz schön anstrengend sein, all diese Songs von uns auf einmal zu hören. Also dachten wir, es sei das Beste, wenn die Leute den ersten Teil verdauen, bevor sie sich mit den anderen Songs beschäftigen."

Doch nach welchen Kriterien wurde entschieden, welcher Song auf welches Album kommen soll?

"Die Songs müssen miteinander tanzen. "

"Daron hat sich um die Reihenfolge der Songs gekümmert, er hat das großartig gemacht. Ich habe selbst auch einige Vorschläge gemacht, aber es ging darum, welche Songs gut miteinander funktionieren. Einige fantastische Songs haben wir ganz herausgelassen, die aber vielleicht auf andere Weise ihren Weg machen werden. Das wichtige ist der Fluss einer Platte, ein Album hängt nicht nur von den Songs selbst ab. Sie müssen gut miteinander tanzen. Das war auch unser Grundprinzip. Für mich hat 'Mesmerize' eine etwas positivere Konnotation als 'Hypnotize', das einen etwas düsteren, unheimlichen Aspekt hat. Aber es sind beides sehr ähnliche, wenn nicht sogar der gleiche Zustand der Existenz."

Was steht hinter diesen Wörtern? Was bedeuten sie im Kontext eurer beiden Alben?

"Wir mögen es eigentlich nicht, alles exakt auszudeuten, ob es jetzt um die Texte oder das Konzept eines Albums geht. Sogar der Bandname ist offen für Interpretationen. Jeder nähert sich Dingen vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen, Theorien, moralischen Werte oder Standpunkte an. Wenn du etwas für dich selbst verinnerlichst, es zu einem Teil deiner Erfahrungen machst, zu einem Teil von dem, was du fühlst, dann ist das viel wichtiger und stärker als das, was ein Künstler denkt, was es bedeuten könnte."

Auch das neue Zweiergespann produzierte wieder der Entdecker und Mentor von System Of A Down, Rick Rubin, in Zusammenarbeit mit Gitarrist Daron Malakian. Seit dem Debüt sind viele Jahre vergangen und die Band ist gewachsen, legte konstant gute Alben hin. Vielleicht auch ein Verdienst des bärtigen Def Jam-Gründers?

"Es ist einfach, mit ihm zu arbeiten. Er unterstützt die Künstler, mit denen er arbeitet sehr. Er versteht die Vision der Musik und was wir tun wollen und versucht, die Sache zu stärken. Die meisten seiner Kommentare sind sehr effektiv, ob es um ein Arrangement geht, oder darum, einen Part im Song zu ändern oder hinzuzufügen. Seine Kommentare stärken die Songs und verbessern sie."

"Toxicity", mit dem die Band ihren Durchbruch feierte, liegt mittlerweile vier Jahre zurück. Dazwischen gab es nur "Steal This Album" (2002), das letztlich eine Resteverwertung des Materials seines Vorgängers ist - wenn auch auf sehr hohem Niveau. In der Pause wandten sich die Bandmitglieder anderen Aufgaben zu.

Serj Tankian zum Beispiel gründete zusammen mit dem Musikaktivisten Tom Morello (Audioslave, Rage Against The Machine) die Organisation "Axis Of Justice". In Deutschland wirkt diese Organisation immer wie ein Zusammenschluss von Musikern, die gegen Bush opponieren und wurde immer wieder mit der "Vote For Change"-Tour von Bruce Springsteen verglichen. Immerhin fiel die Konzertreihe samt CD ziemlich eng mit der letzten Wahl in den Vereinigten Staaten zusammen. Doch da ist wesentlich mehr:

"Wir sind eine Organisation mit dualer Ausrichtung. Auf der einen Seite ist es eine politische Organisation mit einer Radiosendung und einer Website für weitere Informationen. Wir machen Benefizkonzerte und wir haben ein Album samt DVD gemacht, die 'Axis Of Justice Concert Series Vol. 1'. Auf der nicht politischen, gemeinnützigen Seite haben wir eine Art Fond, aus dem wir an andere Organisationen spenden, zum Beispiel an Essenseinrichtungen und Obdachlosenunterkünfte."

Das Zusammentreffen von Wahl und CD war also eher zufällig, das Spektrum ist wesentlich breiter, als schlicht gegen Bush zu sein.

"Wir wollen uns nicht auf eine Sache beschränken, Ungerechtigkeit im Allgemeinen ist unsere Angelegenheit. Egal was es ist - ob es um die Umwelt geht, um den Arbeitsbereich, Absurdidäten in den Medien oder Misshandlung, wir integrieren es in unseren Arbeitsbereich."

Ihren Ausgang nahm "Axis For Justice" 2002, als Tom Morello mit Audioslave, die sich gerade in ihrer Gründungsphase befanden, auf der Ozzfest-Tour spielen sollten. Er wollte einen Informationsstand für Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) auf dem Gelände einrichten. Audioslave blieben schließlich zu Hause, und Tankian, der mit System Of A Down dabei war, setzte die Idee auf dem Ozzfest in die Tat um. Die Gründung einer eigenen Organisation war anschließend nur noch Formsache.

Stark engagiert sich die Band auch für die Belange des Volkes, in dem ihre Wurzeln liegen: Armenien. Die Musiker setzen sich dafür ein, den Völkermord an den Armeniern nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Am 24. April 1915 begann die "Jüngtürkische Bewegung", die 1908 an die Macht gekommen war, mit der Verhaftung, Deportation und Ermordung armenischer Staatsbürger. Eine genaue Zahl der Opfer gibt es nicht. Auf Todesmärschen durch die Wüste der südlichen Türkei und bei wahllosen Hinrichtungen starben damals nach uneinheitlichen Schätzungen zwischen 600.000 und 1.5 Millionen Menschen. Bis heute weigert sich die türkische Regierung, ebenso wie Regierungen der meisten Länder Europas und der Welt, das Geschehene als Völkermord anzuerkennen.

System Of A Down veranstalten jedes Jahr am 24. April, dem Gedenktag des Genozids, ein Benefiz-Konzert mit dem Titel "Souls". 2005 waren alle Karten binnen zwei Minuten (!) vergriffen. In Armenien selbst wird am 24. April auf besondere Weise der Opfer gedacht: Man zieht zu einem Mahnmal auf einen Hügel nahe Jerewan, der Haupstadt der Republik Armenien, legt Blumen nieder und erinnert an die Gräueltaten. Zwar sind die Bandmitglieder mittlerweile wegen ihres Benefizkonzertes an diesem Tag in Los Angeles zu Gange, Serj war früher aber auch einmal zu diesem Zeitpunkt in der Kaukasusrepublik.

"Hitler berief sich auf die Vernichtung der Armenier!"

"Es war sehr bewegend, an diesem Tag in Armenien zu sein. Alle von uns sind irgendwo in ihrer Familie von dem Völkermord betroffen."

Besonders folgenschwer sei die Vorbildfunktion dieses Massakers für NS-Deutschland gewesen:

"Hitler hat sich sogar in einer Rede konkret auf den Völkermord bezogen, um damit zu zeigen, wie wenig eine solche Tat die Menschen interessiert. 'Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?' - das waren seine Worte."

Mittlerweile reden wieder mehr Menschen darüber, vielleicht auch wegen System Of A Down. Aber wie steht es mit dem Verhältnis der Band zu Türkei? Haben sie auf Grund der Historie vielleicht Vorbehalte gegen dieses Land? Tankian scheint für Versöhnung zu plädieren.

"Die Menschen in der Türkei heute haben persönlich mit den Taten nichts zu tun. Wichtig ist es aber, dass die Regierung sie als Völkermorde anerkennt. Ich finde es unglaublich, dass ein Land eines Tages in die EU aufgenommen werden soll, dessen Regierung sich seiner Geschichte nicht stellen möchte. Aber auch viele andere Länder erkennen das Verbrechen an den Armeniern noch nicht als Völkermord an, darunter auch Deutschland."

Bis heute haben System Of A Down noch kein Konzert in der Türkei gespielt, obwohl sie sicherlich einige Fans dort haben.

"Wir hatten die Möglichkeit, in der Türkei zu spielen, als wir mit Slayer auf Tour waren. Damals wollten wir spielen, aber nur unter der Voraussetzung, dass uns volle Meinungsfreiheit auf der Bühne eingeräumt wird. Das wollte uns niemand garantieren und deshalb haben wir nicht gespielt. Grundsätzlich würden wir aber gerne in der Türkei spielen."

Serj Tankian verabschiedet sich zum Ende des Gesprächs ebenso freundlich, wie er es zuvor begonnen hat. Keine Spur von dem wild umherschwirrenden Menschen, den er auf der Bühne gibt. Musik als Ventil - bei ihm scheint es zu funktionieren.

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