5. August 2008

"Das Feuer war beängstigend!"

Interview geführt von

Daron Malakian; Songwriter und Gitarrist von System Of A Down, feiert derzeit mit seinem Nebenprojekt Scars On Broadway Erfolge. Wir wollten u.a. von ihm wissen, wie es mit SOAD weitergeht.Donnerstagnacht, 1 Uhr. Wie vereinbart klingelt das Telefon, eine Stimme mit deutlich amerikanischem Akzent meldet sich und erklärt mir, dass sie mich gleich mit Daron Malakian, Frontmann von Scars On Broadway, verbindet. Aber erst dauert es noch ein bisschen, ich sitze in einer Schleife fest, die mich mit total unpassender Musik bedudelt.

Zehn Minuten später lande ich dann endlich bei Daron und kann meine Fragen loswerden. Dem Befragten merkt man allerdings an, dass er schon einige Interviews absolviert hat. Er antwortet knapp und in gedämpft professioneller Stimmung. Keine lästige Pflicht, die er gerade absolviert, aber immer noch eine Pflicht. Trotzdem scheint hinter der Pressefassade ein sympathischer und nachdenklicher Mann durch.

Hey, hier ist Daron, von Scars on Broadway.

Hey, hier ist Volker! Ähm, wo bist du jetzt gerade?

Ich bin in Los Angeles in meinem Haus.

Was sind deine Pläne für die nahe Zukunft? Geht ihr auf Tour?

Ja, wir promoten unser Album. Wir touren durch Europa und sind auch drei Wochen in Deutschland.

Wie zufrieden bist du bisher mit den Reaktionen auf euer Album?

Den meisten Leuten gefallen die Songs gut. Es fühlt sich alles sehr positiv an.

Wann hast du denn mit Scars angefangen?

Naja, ich wusste, dass ich eine neue Band machen würde, als ich an den letzten zwei System Of A Down-Alben geschrieben habe. Zu der Zeit habe ich schon daran gearbeitet. Ich denke, mein Schreiben hat eine Wendung genommen, eine Veränderung. Die Lieder sind mehr von einer Rock-Note getrieben, als von einer Metal-Note … Es fühlt sich einfach richtig an, es so zu tun.

Also hast du das schon länger geplant?

Ja, ich wusste, dass ich etwas Neues machen musste, weil die Leute von System anfingen, andere Sachen zu machen. Also war es Zeit, auch andere Sachen zu machen.

Würdest du gerne noch mal komplett von vorne beginnen, ohne den System-Hintergrund zu haben? Oder bist du froh darüber, dass dir das schon viele Türen öffnet?

Ein bisschen von beidem. Manchmal wünsche ich mir, wir würden bei Null anfangen. Aber manchmal ist es gut, der Hintergrund, den ich mit System habe. Es wird immer Leute geben, die Scars mit System vergleichen, von daher wünsche ich mir manchmal, wir würden bei Null beginnen. Aber das machen wir auch, es fängt alles bei Null an. Es ist ja nicht so, dass wir große Arenen oder so etwas bespielen. Wir spielen kleine Clubs, Theater, … es fängt alles von neuem an.

Und das gefällt dir?

Ja, ich habe eine Menge Spaß!

"Ich bin einfach auf Scars fokussiert"


Aber du hast auch ein paar Statements über System gemacht, die sich für Fans nichts sehr gut anhören. Du sagtest, dass es in nächster Zukunft kein System-Album geben wird. Stimmt das?

Naja, es liegt ja nicht nur an mir, ob es ein neues Album geben wird (lacht). Und ich will, dass die Fans die Wahrheit wissen, deshalb bin ich ehrlich mit ihnen. Manchmal, wenn du ehrlich bist, mag nicht jeder was du sagst, aber gleichzeitig ist es wahr! John und ich sind 100-prozentig auf Scars konzentriert. Es ist ja nicht so, dass System nicht wieder zurück kommen und spielen - somewhere down the line. Da hätte ich nichts etwas dagegen.

Ok, du hättest nichts dagegen. Aber willst du es auch?

So wie es jetzt ist, bin ich einfach auf Scars fokussiert. Frag mich vielleicht noch mal in fünf, sechs, sieben Jahren, ich weiß es nicht.

In fünf, sechs, sieben Jahren?

Möglicherweise.

Vielleicht liege ich ja falsch, aber ich habe das Gefühl, die Lyrics von Scars seien weniger politisch. Bist du froh darüber, nicht mehr so politisch sein zu müssen wie mit System?

Mit System hatten wir nie das Gefühl, wir müssten politische Erwartungen erfüllen. Ich glaube, da ist immer noch Politik in den Scars-Texten, aber auf meine Weise, anders als Serj es macht. Es gibt nicht nur entweder oder. Es ist einfach der Style. Der Style und die Lyrics die ich schreibe, sind anders als die Lyrics und der Style von Serj. Serj tendiert dazu, auf politische Themen und solche Dinge einzugehen. Und ich denke über Politik, aber fokussiere nicht auf spezielle Themen wie Öl oder bestimmte Kriege oder so. Meine Lyrics sind vielmehr sozial bewusst, über die Gesellschaft und über die Welt.

Geht es dabei auch um dich selbst?

Manche von ihnen sind über mich. Es ist eine Mixtur verschiedener Sachen, ich kann nicht einfach sagen, meine Texte handeln von etwas Bestimmten. Es gibt so viele verschiedene Sachen im Leben, nicht nur in meinem, sondern in der ganzen Welt. Ich fokussiere nicht auf ein Thema, weder auf mich selbst noch auf die Welt.

Ich frage deshalb, weil oft ein innerer Konflikt durch deine Texte scheint. Und ich frage mich, wo der herkommt?

Frustration, meinst du?! Ich denke es ist eine frustrierende Zeit, in der wir gerade leben. Wenn ich etwas überlege, dann sage ich den Leuten nicht: Mach das nicht und tu das nicht! Ich bin genauso schuldig daran was abgeht, wie jeder andere auch. Ich bin genauso darin verwickelt. Deshalb sag ich den Leuten nicht, du solltest das nicht tun und das nicht. … Es geht mehr darum: das ist die Welt, in der ich lebe, und manchmal sehe ich, dass die Welt falsch ist. Und manchmal sehe ich, dass Dinge, die ich tue, falsch sind. Ich weiß nicht, verstehst du?

Ok! Also was ist falsch mit der Welt?

In einem Wort? Das kann man nicht sagen. Viele Dinge sind falsch und viele Dinge sind richtig. Es ist ein Mix von vielen Dingen. Es passieren Sachen, die ungerecht sind, aber weißt du, du musst mit der Zeit gehen. … Aber was mit der Welt falsch ist, ist, dass viele Leute sagen, es ist das Ende der Welt. Ich glaube nicht, dass das sehr gesund für die junge Generation ist (lacht), wenn sie noch so viel Leben vor sich haben. Viele Dinge sind falsch und viele Dinge sind richtig, aber du musst damit klar kommen.

Das hört sich mehr nach einer generellen Frustration an. Oder gibt es etwas Bestimmtes, das dich stört?

Es gibt nichts Spezielles. Es gibt nichts, wo ich dir sagen könnte, genau das stört mich. Aber manchmal verstört mich die Menschheit und die Widersprüche der Menschheit, verstehst du? Ich kann es dir nicht in einer exakten Form klarmachen. Es gibt nicht die eine Sache, auf die ich fokussiert bin und die mich stört.

"Ich mag es, mit der dunklen Seite des Lebens zu spielen"


Eine andere Frage: Ist es schwierig, in Amerika mit armenischen Vorfahren aufzuwachsen?

Überhaupt nicht. Zumindest habe ich keine Probleme mitbekommen. Ich bin ja in Los Angeles aufgewachsen, mit vielen armenischen Leuten. Es war nicht so, dass ich der einzige Armenier unter lauter Weißen war. Also es war komfortabel, vielleicht weil ich in L.A aufgewachsen bin. Wenn ich in Kansas aufgewachsen wäre, wäre das vielleicht schwieriger, weil es dort keine Armenier gibt.

Stimmt es, dass du Totenköpfe sammelst?

Ich habe ein paar, aber ich gehe nicht wirklich herum und sammle sie. Ich mag es, mit der dunklen Seite des Lebens zu spielen (lacht).

Hast du schon Ideen für das nächste Scars-Album?

Nein, so weit bin ich noch nicht. Hier und da habe ich ein paar Sachen geschrieben, aber ich hab bisher nicht wirklich darüber nachgedacht, was ich als Nächstes mache. Ich bin einfach sehr fokussiert darauf, was gerade passiert. Das Album kam gerade raus, es gibt eine Menge Pressearbeit zu tun, da habe ich nicht so viel Zeit zu schreiben und kreativ zu sein.

Du hast mal mit Rammstein gespielt, wie kam das?

Die brauchten jemanden, der Gitarre bei ihnen spielte, weil ihr Gitarrist krank war. Also habe ich ein paar Songs gelernt und bei ihnen mitgemacht. Es war etwas beängstigend, weil es so viel Feuer gab, aber es war cool, eine gute Erfahrung. Sie haben mir eine von ihren Rammstein-Jacken gegeben. Die hab ich sogar immer noch in meinen Kleiderschrank. Das sind nette Jungs, es war cool, ein bisschen zusammen zu touren.

Und du willst Cannabis legalisieren?

Mit der politischen Seite von Cannabis hatte ich nie wirklich was zu tun. Ich rauche es einfach. Wenn sie es legalisieren möchten, bitte, nur zu! Und wenn nicht, dann rauche ich es trotzdem!

Ich hab keine Fragen mehr. Willst du noch was loswerden?

Nein Mann, ich denke du hast es.

Dann vielen Dank fürs Interview.

Vielen Dank!

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