laut.de-Kritik

Eine musikalische Revolution. Mehr Original geht nicht.

Review von

Bereits mit ihrem Debüt legen System Of A Down 1998 den Grundstein für ihren unverkennbaren Stilmix. Vielleicht sind die Songs in punkto Melodien und Struktur noch nicht so ausgearbeitet wie auf späteren Alben. Doch wie die KPD-Hand auf dem Cover gehen sie dem Hörer an die Gurgel und lockern den Schüttelgriff erst wieder nach 40 Minuten.

In diesen 40 Minuten passiert nichts weniger als eine musikalische Revolution. Die bis heute anhält. Auch wenn System Of A Down bisweilen in die Nu Metal-Ecke gedrängt werden, wird ihnen dieses Prädikat nicht einmal ansatzweise gerecht. Weder mit Slipknot noch mit Limp Bizkit haben die Hollywood-Armenier unter den Fittiche Rick Rubins sonderlich viel gemein. Zu viele verschiedene Stile vereinen sie in ihrer Musik.

Folk, Pop, Thrash, Rock, Prog, Alternative, Avantgarde, Punk, Hardcore, Swing? In Ansätzen irgendwie alles vorhanden. Und auch mit einigen Jährchen auf dem Buckel büßen die Songs nichts von ihrer Frische ein. Noch immer gibt es nichts Vergleichbares. System Of A Down haben ihr ureigenes Genre kreiert. Wer in diesen Bereich eindringen will, klingt unweigerlich nach einer billigen Kopie. Mehr Original geht nicht.

So sieht man sich bereits beim Opener "Suite-Pee" mit einem Monstrum konfrontiert, das gleichzeitig verspielt, voll auf die Fresse, psychedelisch und zudem auch noch eingängig ist. Dabei besteht das Hauptriff aus gerade mal zwei drop-gestimmten Powerchords plus Griffbrettslide – quasi der Inbegriff der Simplizität. Serj Tankian legt dazu in zweieinhalb Minuten eine schier unglaubliche Vocal-Bandbreite an den Tag. Er schreit, growlt, shoutet, screamt, frisst das Mikro, predigt, beschwört, und clean singen kann er auch noch. Im Hintergrund kreischt Daron Malakian "like a motherfucker".

Womit wir beim Text wären. Skurril wie scharf, lyrisch wie absurd. Die Interpretationen der Netzphilosophen reichen von Religionskritik über Sexorgie, Leichtgläubigkeit der Masse und LSD-Trip bis hin zum politischen Rechtekampf. Daron Malakian kündigte "Suite-Pee" live einmal folgendermaßen an: "This is a song about nothing". So präzise SoaD-Lyrics bisweilen sein können, ihre Interpretationsoffenheit zeichnet sie aus. Niemand wird zu einer Meinung gezwungen, wer will, darf sich aber gerne eine bilden.

So reiht sich Genozid ("P.L.U.C.K.") an Popcorn ("CUBErt"), und alle finden's toll. "Sugar" besingt "kombucha mushroom people", Russisches Roulette und häusliche Gewalt unter Drogeneinfluss. Oder doch etwas ganz anderes? Jedenfalls lässt niemand sonst ein dermaßen mieses Riff so verdammt geil klingen wie Daron Malakian und seine Bandkumpel. "Sugar" ist das Musterbeispiel dafür, dass es vor allem darauf ankommt, wie ein Riff innerhalb eines Songs funktioniert und nicht, wie es auf sich allein gestellt klingt. Nicht umsonst ist Track Nummer drei des Debüts der am meisten live gespielte SoaD-Song überhaupt.

Angesprochenes Arrangementgeschick ist auch der Grund, warum Daron Malakian in meiner persönlichen "Best Guitarists"-Liste schon seit Jahren ganz oben rangiert. Technisch mögen andere versierter sein. An Leidenschaft und Gespür für einen Song können ihm nur ganz wenige das Wasser reichen. Dazu pflegt er seinen ganz eigenen Style. Spielt seine Sachen erst einmal nach. Ich wette, es findet sich niemand, der sie auch nur annähernd so tight rüberbringt, wie ihr Erfinder. Außerdem: Metalbands mit nur einem Gitarristen sieht man doch recht selten. Malakian meistert seine Einzelkämpfertätigkeit mit Bravour. Auch dafür gebührt ihm Respekt.

Und wenn sich Daron auf die Melodieschiene begibt, bricht dank Shavo Odadjian das Fundament ja keinesfalls weg. Die "Mind" durchziehenden Quäketöne klängen nicht einmal halb so geil, würde die Bassfront fehlen. Das galoppierende "Ddevil"-Riff erfährt seine Vorstellung von vornherein durch den glatzköpfigen Zwirbelbart. Apropos "Ddevil": keiner kicher-grunzt so schön in einen Song wie Serj Tankian.

Der Sänger verteilt seine Glanzmomente zwar auf das gesamte Album, zweifellos dazu gehört aber "War?". Dessen Mittelteil avanciert zu einer One-Man-Show. Die Instrumente sind plötzlich nurmehr Beiwerk. Als Mahner hebt Tankian zur Rede an: "We must call upon our bright darkness / Beliefs, they're the bullets of the wicked / One was written on the sword / For you must enter a room to destroy it! / Now international security / The call of the righteous man / Needs a reason to kill man / History teaches us so / The reason he must attain / Must be approved by his God / His child, partisan brother of war". Perspektivenwechsel: Mit Schlachruf geht es zurück in den brachialen "We will fight the heathens"-Refrain.

Brutale Stimmungsumschwünge und Charakterzüge von Schlaflied, King Kong und Schunkeltanz machen das unmittelbar nachfolgende "Mind" zum vielleicht feinsinnigsten wie gleichzeitig aggressivsten Track des Albums. Es muss aber nicht durchgehend im Höllentempo zwischen Bulldozer-, Tom-und-Jerry- und Gaukler-Parts hin und her gesprungen werden. "Spiders" repräsentiert die ruhigere, weniger chaotische Seite System Of A Downs, die auf späteren Alben noch öfter zum Vorschein kommen sollte.

Ein weiterer essenzieller Bestandteil des System Of A Down-Sounds: die folkloristischen Rhythmen und Melodien, die immer wieder die Metalfassade durchbrechen. Sei es im Gitarrensolo ("Soil") oder in Form einer stampfenden Tuba wie in "Peephole" – Volksmusikalische Ausflüge in Richtung Kaukasus, Orient und Co. flicht die Band, deren Name mit "S" beginnt, um nah bei Slayer im Verkaufsregal stehen zu können, in allen erdenklichen Variationen und mit traumwandlerischer Sicherheit in ihre Kompositionen.

Textlichen Verbundenheit zur armenischen Heimat der vier Musiker weist vor allem "P.L.U.C.K." auf. Der Song nimmt Bezug auf den während des Ersten Weltkriegs an ihrem Volk verübten Genozid, für dessen weltweite Anerkennung die Band auch 2015 auf der Wake Up The Souls-Tour warb. In besonderem Maße verdeutlicht "P.L.U.C.K." das von System Of A Down häufig provozierte Aufeinanderprallen unbeschwerter, fast fröhlicher Musik und ernster Thematik – von Gesellschafts- und Politikkritik über Trauer bis hin zur Warnung. Im Tanzrhythmus besingt Tankian den Völkermord. Unter Anleitung Daron Malakians folgt dann der Wutausbruch, bevor im Refrain zweistimmig der Klageteil einsetzt. Der aus einem Gedicht Malakians hervorgegangene Bandname findet sich variiert im Text wieder.

Die rhythmische Finesse des Tracks vervollständigt "P.L.U.C.K." nicht nur zum Höhepunkt des Albums, sondern des gesamten bisherigen Schaffens System Of A Downs. Allein der "Elimination"-Part nach dem an "Welcome To The Jungle" erinnernden Einstieg erzeugt Gänsehaut.

Apropos "Welcome To The Jungle": Wenn es um Debütalben geht, kann nicht einmal "Appetite For Destruction" mit "System Of A Down" mithalten. 13 Tracks, von denen man jeden einzelnen in Dauerschleife hören könnte. Besonders auch "Suggestions" und "Darts", die im bisherigen Text leider noch keine Nennung erfuhren, diese aber mehr als verdient haben.

Bei kaum einer anderen Band erhält man derartig viel Abwechslung und gleichzeitige Stiltreue wie bei System Of A Down. Und das stellten Daron Malakian, Serj Tankian, Shavo Odadjian und John Dolmayan bereits auf ihrem Erstling klar. Sicher entwickelten sie sich später weiter, integrierten neue Elemente, feilten an ihren Fähigkeiten, verfeinerten die Arrangements, reiften. Wurden sie besser? Wurden sie schlechter? Keine Ahnung. Fest steht: Der Kern ihrer Arbeit, der sämtliche Voraussetzungen für spätere Entfaltung in sich trägt, heißt "System Of A Down".

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Suite-Pee
  2. 2. Know
  3. 3. Sugar
  4. 4. Suggestions
  5. 5. Spiders
  6. 6. Ddevil
  7. 7. Soil
  8. 8. War?
  9. 9. Mind
  10. 10. Peephole
  11. 11. CUBErt
  12. 12. Darts
  13. 13. P.L.U.C.K.

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21 Kommentare mit 29 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Eine der wenigen Bands, von denen ich alle Alben und alle Lieder hören kann. Und das auch noch nach gefühlten 1000mal. Wirklich ein Meilenstein und eine der wichtigsten, wenn nicht die, NuMetal Bands der Welt. Ohne SoaD wäre mir viele andere (Limp Bizkit, Linkin Park, ect.) Gruppen nie auf meinen Player gelandet. Der Meilenstein war überfällig.

  • Vor 2 Jahren

    "Eine musikalische Revolution. Mehr Original geht nicht."

    Eben gelesen, muss ich meinen Senf doch auch noch dazu geben. Ich will der Band die "Originalität" nicht absprechen, sicherlich klasse Songs geschrieben. Nur kann ich, wie oben mehrfach schon erwähnt, nicht dein nachhaltigen Einfluss auf weitere Bands/Genres erkennen, welcher für mich einen Meilenstein/Klassiker ausmacht. Album ist schon gut, auch die beiden Nachfolger. Aber (für mich) ist das aus heutiger Sicht einfach nur eine von vielen Bands, welche in der damalige New-Metal-Phase erfolgreich wurden und heute niemanden mehr hinterm Ofen hervorlocken würden.
    Da fehlen als nächste Meilensteine eigentlich noch Limp Bizkit und Konsorten ;)

    Ansonsten, wie ebenfalls erwähnt, mit Genregrenzen spielten davor schon andere Bands.

    • Vor 2 Jahren

      Ich hab laut.de mal damit gedroht, dass ich die längste Zeit hier gewesen bin, falls Limp Bizkiz jemals eine Meilensteinrezension bekommen sollte. Das hat glaub ich richtig gesessen.

      Abgesehen davon wurden schon so ziemlich alle Alben von denen besprochen.

    • Vor 2 Jahren

      SOAD ist für mich mindestens eine Qualitätsstufe über Linkin Park und Limp Bizkit. New Metal sind SOAD meiner Meinung nach nicht. Sie wurden mit der Welle vielleicht hochgespült, das war es aber auch schon.

  • Vor 2 Jahren

    Ohne SoaD würde ich vermutlich nicht Dying Fetus oder 1349 oder Defeater hören.

    Ich wurde erst bei "Chop Suey!" auf SoaD aufmerksam, aus heutiger Sicht also kein Fan der ersten Stunde. Ich kaufte mir dann beide Alben und war geflasht. Ich halte die Alben auch heute noch für sehr gut. Dass sich mein Musikgeschmack dann auch änderte, könnte vielleicht auch auf SoaD zurückzuführen sein, deren Musik - wie die Review zutreffend feststellt - sehr verschiedene Stile vereinte und dadurch einem Massenpublikum zugänglich machte. Mir persönlich haben eher die härten Lieder SoaDs gefallen, wie "Suite-Pee", "Know" oder auch "Mind" bzw. dann bei Toxicity "Prison-Song" oder "Jet Pilot".

    Aus meiner Sicht ist der Meilenstein gerechtfertigt, da SoaD es schafften den Crossover (den es ja zuvor auch schon in etablierter Weise gab, bspw. RATM), jedoch konnten SoaD ihren eigenen Stil finden und dabei sehr variantenreich vorgehen.
    Ich mag immer noch SoaD, jedoch ist mein diesbezüglicher Konsum stark zurückgegangen - vielleicht war ihr Stil dann auch ihre Achillsferse: zu speziell, zu wenig weiterentwicklungsfähig.