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Im Frühjahr 1985 macht sich ein englischer "Smash Hits"-Musikjournalist zum Gespött der gesamten Redaktion, als er verkündet, seinen Job zugunsten einer Popstar-Karriere an den Nagel zu hängen. Eine Woche nach seiner folgenschweren Entscheidung veröffentlicht das Blatt einen Nachruf: "In wenigen Wochen wird seine Band Geschichte sein und er auf Knien zu uns zurückgekrochen kommen, ha ha ha!"
Stattdessen steht die Pet Shop Boys-Single "West End Girls" ein halbes Jahr später auf Platz eins der Charts in halb Europa und der Ex-Redakteur Neil Tennant gibt nun seinerseits Interviews, übrigens auch den alten Kollegen von "Smash Hits".
Die Geschichte eines der erfolgreichsten Duos der britischen Popgeschichte beginnt in einem Elektronikladen in der Londoner King's Road. Dorthin schleppt der am 10. Juli 1954 geborene Neil Francis Tennant im August 1981 seinen frisch erworbenen Synthesizer, um sich einen Adapter anfertigen zu lassen, mit dem er das Gerät an seine heimische Stereoanlage anschließen kann. Während ein Angestellter im Hinterzimmer seinem Wunsch nachgeht, betritt Chris Lowe (geboren am 4. Oktober 1959) das Geschäft.
Beide beteuern später, sie könnten sich nicht erklären, warum sie den jeweils anderen damals angesprochen hätten, da sie beide als Person eher von zurückhaltender Natur seien. Jedenfalls entdeckt man die gemeinsame Vorliebe für David Bowie, Giorgio Moroders Italo-Disco, Schallplatten und Kunst und man beschließt, sich bald zu treffen. Neil gibt Chris seine Telefonnummer mit und der ruft drei Tage später zurück. Natürlich glaubt zum damaligen Zeitpunkt keiner der beiden, dass nun eine große Popstar-Karriere vor der Tür steht.
Der Nordengländer Tennant wächst in Newcastle auf und hat bereits 1970 ein kurzes Intermezzo in der Hippie-Band Dust, macht 1975 aber brav seinen Abschluss in Geschichte an einer Londoner Fachhochschule. Anschließend übersetzt er zunächst für Marvel Comics amerikanische Comicvorlagen in anständiges britisches Englisch. Hierbei interviewt er übrigens den großen Comic-Fan Marc Bolan, der Tennant während des Gesprächs dezent darauf hinweist, dass dessen Aufnahmegerät nicht läuft. Ende der 70er Jahre arbeitet Tennant für zwei Buchverlage, ehe er 1982 beim Popblatt "Smash Hits" einsteigt.
Der aus Blackpool stammende Chris Lowe macht als Sohn eines Posaunisten seine ersten musikalischen Erfahrungen mit der Posaune und spielt damit sogar drei Jahre in einer Tanzband bekannte Evergreens. Nachdem er einige Klavierstunden absolviert, wagt er sich als Keyboarder sogar in eine Progressive Rock-Band vor. Dennoch treibt ihn der Wunsch, Architekt zu werden 1978 auf die Uni und in Folge eines Arbeitspraktikums 1981 nach London.
Zu den ersten Songs, die das Duo Tennant/Lowe zu Papier bekommt, zählen "West End Girls" und "Opportunities". Lowes erste Komposition, "Jealousy", schafft es erst 1990 auf einen Tonträger. Da die beiden Musikfans ganz versessen auf die Produktionen des New Yorkers Bobby Orlando sind, insbesondere von dem Flirts-Hit "Passion", fasst Tennant 1981 einen teuflischen Plan ins Auge. Da ihn "Smash Hits" zu einem Police-Interview in den Big Apple schickt, will er dort auch Bobby O. treffen. Der Plan gelingt: Tennant findet seine Telefonnummer heraus und trifft den Disco-Produzenten in einem Restaurant, wo er ihn auch gleich noch überredet, den Song "West End Girls" zu produzieren. Der gerappte Teil in den Strophen belegt nebenbei die anfängliche Vorstellung des Duos von sich als "britische Rapband" (Tennant).
Nachdem sie sich von West End in Pet Shop Boys umbenennen, erscheint die Debütsingle 1984 auf Bobby O.s Label, wird aber nur in San Francisco, New York, Frankreich, Holland und Belgien ein kleinerer Hit. In England erscheint der Song unbemerkt über Epic. Unzufrieden mit den Entwicklungen des Songs entscheiden sich die Boys kurz darauf, bei Parlophone zu unterschreiben. Nach einigen Diskussionen mit Orlando, der bis heute die Rechte an der Originalversion hält, erscheint "West End Girls" 1985 in einer neuen Version in ganz Europa. Im Gegensatz zur kurz zuvor bereits veröffentlichten Single "Opportunities (Let's Make Lots Of Money)" chartet die Nummer sofort.
Um diese Zeit herum lässt Tennant auch ein sehr liebevolles Zitat hinsichtlich der musikalischen Sozialisation des Duos fallen: "Italienische Discomusik zählt zu den großen unerforschten Gebieten. Es ist brilliant weil es wie Punk ist. Es ist voller dummer und verrückter Ideen und es hat diese wunderschönen traurigen Melodien, unterlegt mit einem Discobeat." Lassen sich die Pet Shop Boys bis 1984 noch deutlich von der New Yorker Straßenmode beeinflussen, indem sie Nike-Sportklamotten tragen, kristallisiert sich 1985 vor allem dank des "West End Girls"-Videos bald das binäre Profil der Gruppe heraus: der belesene Sänger mit Hemd und langem Mantel ist stets im Vordergrund, der scheinbar unbeteiligte Keyboarder mit Baseballkappe und Lederjacke ein paar Meter dahinter. Dieses Image des leicht gelangweilten Duos sticht im konsumwütigen Party-Jahrzehnt der Duran Durans und Spandau Ballets deutlich heraus und findet auf den zahlreichen PSB-Plattencover in der Folge seinen Niederschlag.
Die englische Presse ist schnell begeistert: "The Smiths zum Tanzen", lesen Tennant und Lowe etwa über ihre Kompositionen. Tatsächlich legen sie wie kaum eine andere Band bereits mit dem Debütalbum "Please" (1986) ein feines Gespür für dramatisch-eleganten, massentauglichen und doch hintersinnigen Dance-Pop vor. Vor allem außerhalb Englands lässt die kompromisslos eingängige musikalische Verpackung gerne vergessen, dass die Texte Tennants durchaus neues Terrain betreten: der ehemalige Journalist und Geschichtsstudent wählt kluge, ironisch-witzige ("Shopping"), oftmals politisch-hintergründige ("Rent") oder schlicht alltägliche Formulierungen ("What Have I Done To Deserve This?"), um damit die unterschiedlichsten Facetten des alltäglichen Lebens darzustellen. Der Albumtitel sei extra für die englischsprachigen Fans konzipiert worden, witzeln die Urheber. Diese könnten in den Plattenladen gehen und einfach sagen: "Can I have the new Pet Shop Boys album, please?"
Das Jahr 1987 wird zum goldenen Jahr für die Band. Neil Tennant rätselt später selbst beinahe fassungslos: "Damals schienen wir die Popmusik-Formel einfach gefressen zu haben." Die Singles "It's A Sin", "Rent", "What Have I Done To Deserve This?" (mit Dusty Springfield) und "Heart" vom "Actually"-Album stürmen die Hitlisten dies- und jenseits des Atlantiks. Dies ist umso überraschender, wenn man sich vor Augen führt, dass die Band bis dato noch immer nicht ein einziges Mal auf Tournee gegangen ist. Tennant hat natürlich auch dafür eine Begründung: "Ich hätte schon Spaß daran, im Tourbus zu sitzen, das Essen als erster zu bekommen, in der Hotel-Lobby Autogramme zu geben und in den Swimming Pool zu gehen. Worauf ich hingegen weniger Lust habe, ist auf einer Bühne zu stehen und ziemlich lange singen zu müssen."
Später gesteht er ein, dieser Satz sei einer frivolen Laune und seinen fröhlichen Erfahrungen als Journalist auf Tournee mit Depeche Mode 1984 geschuldet gewesen. Die schwer tanzbare Elvis-Coverversion "Always On My Mind" (Platz 1 in Deutschland und England, 2 in USA) beendet ein Wahnsinnsjahr für die Boys. 1988 komponiert man für Patsy Kensits Band Eighth Wonder den Hit "I'm Not Scared" und im Folgejahr produzieren die Boys die Alben von Dusty Springfield und Liza Minnelli. Außerdem beteiligt sich Tennant noch am Projekt Electronic, das von Ex-Smiths-Gitarrist Johnny Marr und New Order-Sänger Bernard Sumner gegründet wurde und singt bei "Getting Away With It und "The Patience Of A Saint" mit.
Nach der Veröffentlichung des Rave-beeinflussten Remixalbums "Introspective" zieht es das Duo 1989 aber doch auf die Straße: die extravagante Kostümshow-Tournee unter der Regie Derek Jarmans bekommen allerdings nur Fans in England, Hong Kong und Japan zu Gesicht. Unmittelbar nach der Tournee reist das Duo nach München, um mit Produzent Harold Faltermeyer "Behaviour" aufzunehmen. Das eher introvertierte Album hält u.a. die Hitsingles "So Hard" und "Being Boring" bereit. In den Staaten ist der Stern der Boys jedoch bereits am Sinken, nachdem das '89er Video zu "Domino Dancing" aufgrund angeblicher, von der Band nicht intendierter homoerotischer Anspielungen den selbsternannten Moralwächtern sauer aufstößt.
Die mutige Coverversion von U2s sakrosanktem Rockklassiker "Where The Streets Have No Name" und dessen Zusammenführung mit dem Four Seasons-Heuler "I Cant Take My Eyes Off You" schafft es 1991 nochmal in die europäischen Top Ten. Die irischen Superstars lassen sich sogar zu einer Antwort hinreißen. Der Kommentar ist so kurz wie vielsagend: "What Have WE Done To Deserve This?" Anschließend unternimmt das Duo eine weitere aufwendige Tournee, die den Titel "Performance" trägt und diesmal auch in Deutschland Station macht.
Als kurz darauf die Grunge-Bewegung und damit einhergehend die Echtheit implizierende Karohemden-Mode explodiert, verlieren die Pet Shop Boys ihr Interesse am Natürlichkeits-Image und fliehen in Traumwelten. Die Kampagne zum '93er Album "Very" basiert voll und ganz auf Künstlichkeit, Neil und Chris tragen spitze Hüte und übergroße Sonnenbrillen und stolzieren im Album-Booklet und in ihren Videoclips durch cartoonartige Computerlandschaften. Kommerziell schlägt die Platte gut ein, Platz eins in Deutschland und England, angetrieben von der Nummer Eins-Single "Go West". Dem Latin-Nachfolger "Bilingual", der 1996 deutlich vom Tourtrip in Südamerika beeinflusst ist, bleibt ähnlicher Charterfolg vorenthalten.
Dafür finden Tennant und Lowe zunehmend Spaß am Remixen: 1994 bearbeiten sie Blurs "Girls & Boys", danach den Song "Falling" von Kylie Minogue, 1996 darf sich sogar Tina Turner freuen ("Confidential"). Nachvollziehbarer ist da schon der Job für den alten Hero David Bowie, dessen "Hello Spaceboy" die Boys mit "Space Oddity" mixen. Sehr zum Gefallen des Komponisten übrigens. 1998 lernt zumindest Tennant das Ex-Boygroup-Mitglied Robbie Williams kennen, dessen "No Regrets" er mit einsingt. 1999 setzen die ergrauten Herren zum großen Präventivschlag an: ein neues Album als Appetizer für die erste Welttournee seit 1991.
Bis zu diesem Zeitpunkt kann das Pop-Duo auf 24 Millionen weltweit verkaufte Tonträger zurück blicken. Auf "Nightlife" findet sich u.a. eine gelungene Kollaboration mit Kylie Minogue ein, in der sich Tennant ungewohnt offen zum Thema Homosexualität äußert. Außerdem erscheint Faithless-Rollo zu zwei Tracks ins Studio. Die "Nightlife"-Reise verläuft erfolgreich, nicht zuletzt dank der Village People-Hommage "New York City Boy", die mal wieder tief in den Mainstream und die Clublandschaft greift. Von der Weltreise erscheint 2001 das Video-DVD-Album "Montage - The Nightlife Tour".
Im Januar 2002 erscheint bereits das neue Studioalbum, an dem zu großen Anteilen auch der alte Bekannte Johnny Marr mitarbeit. Zur Feier des gitarrenlastigsten PSB-Werkes "Release" geht die Band auf Lowes Idee hin auf eine kleine Tournee durch englische Universitäten. Eine reguläre Album-Tour folgt im Sommer. Etwas überraschend erscheint Anfang 2003 der dritte Teil der remixorientierten "Disco"-Reihe, die den Gitarren von "Release" wieder Synthie-Pop folgen lässt. Mit insgesamt fünf neuen Songs, die teilweise aus der 80er Frühphase der Boys stammen, gerät "Disco 3" zu mehr als einem bloßen Remixalbum.
Im Herbst 2004 führt das Duo am Londoner Trafalgar Square gemeinsam mit den Dresdner Sinfonikern unter der Leitung von Jonathan Stockhammer den Stummfilm-Klassiker "Panzerkreuzer Potemkin" (Sergej Eisenstein, 1925) auf. Der auf einem realen Ereignis im Jahre 1905 basierende Film behandelt eine Meuterei auf einem russischen Kriegsschiff und gilt bis heute als einer der wichtigsten Filme in der Geschichte. Später erscheint die dazugehörige CD "Battleship Potemkin" unter der Künstler-Bezeichnung Tennant/Lowe.
Im Mai 2006 berührt "Fundamental" deutschen Boden. An Bord befindet sich wieder einmal Trevor Horn, der bereits an einem Großteil des "Introspective"-Albums beteiligt war. Die Single "I'm With Stupid" thematisiert unterschwellig die Beziehung zwischen Tony Blair und George W. Bush. In der Folge können sich die Fans über den hochklassigen Bildband "Catalogue", der die Karriere des Duos in großformatigen Abbildungen hochleben lässt und das Remixalbum "Disco 4" freuen.
Auf "Yes", das im März 2009 erscheint, zeigen sich Tennant und Lowe so beschwingt und federleicht wie seit vielen Jahren nicht mehr. Wieder einmal ist Johnny Marr mit von der Partie. "Wir wollten einfach wieder eine positive Platte machen", so Tennant. Als dank bescheren ihnen die Fans die kommerziell erfolgreichste Platte seit vielen Jahren.
Die Zeit bis zu den nächsten regulären Alben "Elysium" (2012) und "Electric" (2013) füllen die Jungs mit dem CD-DVD-Live-Set "Pandemonium", zwei weiteren Kompilationen ("Ultimate", "Format") und den Arbeiten am Ballett-Stück "The Most Incredible Thing", eine Adaption des Hans Christian Andersen-Märchens "Das Unglaublichste". Zwischenzeitig begleiten sie Take That auf deren "Progress"-Tournee als exklusive Vorgruppe.
Selbstreflexiv, würdevoll, leicht exzentrisch, hellwach und schon seit Ewigkeiten im Geschäft sind die Pet Shop Boys zu einem zweigeteilten Helmut Schmidt der Pop-Musik geworden. Neben der Queen dürfte es nur wenige Englänger geben, die seit so langer Zeit verlässlich und auf hohem Niveau ihren Job im Rampenlicht bestreiten.
Zwei Engländer in L.A.: Tennant und Lowe über Beverly Hills, Jay Leno, laktosefreie Milch mit Litschi-Geschmack und das Altern im Pop.
Die Pet Shop Boys sind so etwas wie die Helmut Schmidts der Popmusik: Selbstreflexiv, würdevoll, leicht exzentrisch, verlässlich hellwach und schon seit Ewigkeiten im Geschäft.
Ein Gespräch mit Chris Lowe und Neil Tennant, der selbst als Musikjournalist gearbeitet hat, ist daher ein Spaziergang: Obwohl die Briten sich seit zwei Tagen im garstigen Kölner Hotel Hyatt den Mund für die Presse fusselig reden, braucht es kaum Input vom Interviewer, um einen freundlichen Selbstläufer mit den irgendwie symbiotisch verzahnten Gentlemen zu entspinnen. Nur ein bisschen Tee ab und zu.
Die Rollen sind dabei klar verteilt; Tennant gibt den aufrecht sitzenden, eloquenten Stichwortgeber, Lowe fläzt an seiner Seite und ergänzt mit sardonischen Bemerkungen.
Ursprünglich wollte ich euch gern woanders treffen, aber das hat aus Zeitgründen nicht mehr geklappt. Als ich das Video zu "Invisible" gesehen habe, dachte ich an einen Rundgang im Museum Ludwig.
Tennant: Oh, tatsächlich? Die Idee ist eigentlich schön, aber wir sind schlecht im Reden beim Laufen. Wir können jeweils nur eins von beidem. Aber wir gehen sehr gern in Kunstausstellungen. Was gibt es denn da?
Zum Beispiel riesige Wandbilder des britischen Künstlerpaars Gilbert & George, mit denen ihr ja oft verglichen werdet.
Tennant: Das stimmt, und ich habe mich schon immer gefragt, wieso eigentlich. Ich glaube, die Gründe sind wie folgt: Sie sind zu zweit und englisch. Das war's dann auch, oder? Chris, ich hätte zum Beispiel keine Lust, im Partnerlook mit dir herumzulaufen. Gilbert and George tragen in der Öffentlichkeit immer identische Anzüge.
Lowe: Um das noch weiter zu entmystifizieren, sie sind noch nicht mal beide englisch. Einer von beiden ist Italiener. Diese Schwindler!
Je nach Sozialisation liest man irgendwann: "Die Pet Shop Boys sind die Gilbert & George der Popmusik" oder eben andersherum: "Gilbert & George sind die Pet Shop Boys der Kunstwelt". Aber ihr habt schon mal zusammengearbeitet, oder?
Tennant: Nun ja, wir haben sie mal gebeten, ein Plattencover für uns zu entwerfen.
Lowe: Das war doch kein Cover. Ein Poster war das.
Tennant: Ach, richtig. Wir haben mal bei ihnen geklopft in den Achtzigern. Und wir wurden auch reingebeten, also, in das Foyer ihres Hauses. Aber ihre Antwort war: Nein, wir machen nichts vorsätzlich.
Lowe: Genau wie wir.
Aber was ist mit den Videoclips, zum Beispiel zu "It's A Sin"? Da kann man doch Parallelen in der Arbeit erkennen, weil sich die beiden auch sehr deutlich mit der katholischen Kirche auseinandersetzen.
Tennant: Aber die Videos waren eine andere Sache – das waren sie selbst. Die haben sich darüber vom Anfang bis zum Ende Gedanken gemacht, es ging nicht von uns aus.
Lowe: Die beiden waren ja auch berühmt für ihre Living Sculpture-Arbeiten, sie haben sich nicht bewegt. Das ist es vermutlich, was die Leute so an uns erinnert. In unseren früheren Auftritten waren wir nämlich sehr, sehr statisch. Wir haben uns kaum gerührt. Und die Leute fanden uns im Vergleich zu anderen Popgruppen eher öde.
Und jetzt?
Lowe: Ha! Meine Güte, wir sind ein Varietétheater im Vergleich zu damals. Wir tanzen beide in der aktuellen Show!
Tennant: Hast du uns noch nicht gesehen? Ich mache folgendes - halte mal bitte den Tee, Chris (steht auf und tanzt mit ernsthafter Miene einen hölzernen Stehblues).
Lowe: Wenn das keine Tanzperformance ist, dann weiß ich auch nicht!
Dann seid das auch ihr, die sich im "Invisible"-Video in Camouflage und Kostümen vor gleichfarbigen Hintergründen bewegen?
Tennant: Das kam anders zustande. Wir waren in Los Angeles, um unser Album "Elysium" aufzunehmen, und sind zwischendurch immer mal wieder in Galerien im Art District gegangen. Eines Tages kamen wir in eine Ausstellung von Brian Bess, und seine Arbeiten waren sehr Pet-Shop-Boys-mäßig. Seltsame Filme auf Videomonitoren an der Wand, klare Farben, große Flächen. Da dachten wir sofort: Hm, der könnte doch ein Video für uns machen!
Also haben wir ihn angerufen und unser Stück vom Telefon vorgespielt. An seinem PC lief dazu eine seiner Arbeiten – und es passte perfekt. Brian war ganz begeistert und sagte: "Ich möchte das nie wieder ohne diese Musik dazu sehen", es funktionierte wirklich auf Anhieb. Dann stellte sich auch noch heraus, dass unser Lied und sein Video genau dieselbe Länge hatten.
Der Clip hat irgendwas, das nach Pet Shop Boys aussieht; die Figuren mit den komischen Hüten, die dort verschwinden und wieder auftauchen, könnten tatsächlich wir sein. Und der Song nimmt mit dieser visuellen Ebene ein verhaltenes Pathos an, der uns sofort gefiel. Aber eigentlich war alles schon vorher da, wir mussten es nur zusammenpuzzlen.
Könnt mir etwas mehr über L.A. erzählen? Wie war es für euch, dort zwei Monate zu leben?
Tennant: Interessant. Die Ankunft war seltsam, kurz vorher hatten wir in Sydney an Silvester gespielt und dann eine Woche in einem komischen Hotel an der Küste Australiens verbracht. Dann flogen wir 20 Stunden und kamen wegen der Zeitverschiebung doch nur eine Stunde später als beim Abflug an. Und es war kalt! Die Leute trugen Pelzmäntel.
Lowe: Das tun sie dort allerdings auch, wenn es heiß ist.
Tennant: Wir hatten ein hübsches Haus sehr weit oben in Beverly Hills gemietet, mit einem Swimmingpool und einem kleinen Auto. Man hatte eine fantastische Aussicht von da oben, glitzernde Lichter und um die Ecke wurde Sharon Tate von der Manson Family ermordet. War ein bisschen gruselig. Das haben wir erst nach einer Weile herausgefunden, es gibt in L.A. natürlich eine ganze Menge solcher historisch-gruseliger Ecken.
Um sieben haben wir morgens das Haus verlassen, fuhren runter nach Hollywood zum Studio und waren bis acht Uhr abends mit Andrew Dawson und den Tracks dort beschäftigt. Aber es war keine harte Arbeit. Wenn wir zur Produktion kommen, ist die meiste Arbeit unsererseits ja eigentlich schon getan – das Songwriting. Wir geben dem Produzenten 25 Demos und suchen uns 12 Songs zum Bearbeiten aus.
Dann ändern wir vielleicht die Harmonien und ich muss alles nochmal einsingen, dann klingt es oft zu hoch, wie ein Mädchen, und dann machen wir alles wieder tiefer. Es macht Spaß und ist ein bisschen wie beim Film: Viel rumsitzen. Ich hab manchmal zu Chris gesagt: (flüstert) "Was machen wir hier gerade?" Und er: "Ich weiß nicht. Gehen wir zum Friseur. Andrew, wir gehen uns die Haare schneiden lassen!"
Es gab immer eine Ausstellung zu besuchen, wir haben Lars Von Trier-Filme gesehen, fuhren viel in der Gegend herum und abends hatten wir viel Spaß mit dem Fernsehprogramm. Sehr gut war diese gehässige Late Night Show, Chelsea Lately. Und Jay Leno! Er ist um Längen besser als David Letterman. Wir haben ihn fast jeden Abend geguckt, und er hat für volle zweieinhalb Monate denselben Witz gerissen, jedes Mal. Wie war das noch? Rick Santorum is so right-wing ... Chris, wie war das noch?
Lowe: Jetzt hast du den Witz leider schon kaputtgemacht. Er ging so: Rick Santorum is so conservative, when he goes to KFC he only orders right wings.
Tennant: Haha, genau! Und wenn er zur Darmspiegelung muss, geht er danach beichten. Einfach faszinierend, dieser endlose Kommentar auf die amerikanische Lebensweise in diesen Programmen.
Lowe: Manchmal sind wir auch zum 24h-Supermarkt an den Sunset Boulevard gefahren, was absolut fantastisch war. Wusstest du, was die für eine Auswahl an Milch haben?! Eine ganze Kühlwand voller Varianten. Ich habe mir jeden Tag eine andere gekauft, jedes Mal mit weniger Milchbestandteilen. Am Ende war das so eine Art flüssige Seide, da war gar nichts mehr drin. Unglaublich. Laktosefrei, fettfrei, mit extra Vitaminen und Litschi-Geschmack. Das ist offenbar das, was man dort von Milch erwartet.
Lowe: Ach, das ist eine wunderschöne, romantische Vorstellung von der Industrie. Stockbrot grillen mit Joni Mitchell am Lagerfeuer, und schau, da hinten kommt Brian Wilson über den Hügel! Und er hat Beck mitgebracht, um ein paar Licks für uns zu spielen. Leider war es nicht so. Aber wir haben viele Kultureinrichtungen besucht und sind abends gut essen gegangen. Und dann waren auch noch die Oscarverleihungen und man konnte diese ganzen Leute beobachten, die in Beverly Hills in ihre Limousinen steigen und runter zur Verleihung fahren. Wie ein Pilgerstrom. Nichts für uns. Zur Grammyverleihung mussten wir aber. Wir wurden gezwungen.
Über die Arbeit mit eurem letzten Produzententeam Xenomania für "Yes" habt ihr gesagt, ihr hättet gelernt, härter an Melodien zu arbeiten und euch nicht so schnell mit der eigenen Arbeit zufriedenzugeben. Was habt ihr diesmal gelernt?
Tennant: Eine Menge über Raum. Dinge wegzulassen. Wir sind – oder ich ganz speziell – instinktive Überproduzierer. Chris ist ja schon meistens mit der ersten Demo zufrieden, danach verliert er schnell das Interesse (Lowe wackelt pikiert mit dem Kopf). Ich möchte immer noch an allen Ecken und Enden ändern, aufhübschen, hier und da Schnickschack hinzufügen.
Andrew hat uns beigebracht, dass weniger mehr ist und dass es schwer ist, das zu erreichen. Ich mag an dem Album, dass es so viel Raum darin gibt. Ich würde es nicht gerade als ein orchestrales Album bezeichnen. Gleichzeitig hat Andrew geholfen, dem Ganzen etwas Groove zu verleihen.
Das war auch mein Eindruck, das Album ist recht gedämpft und zurückgenommen. Das sind aber eigentlich Attribute, die ich nicht direkt mit amerikanischen Hollywood-Produktionen in Verbindung bringen würde. Wie genau würdet ihr denn den L.A.-Sound beschreiben, nach dem ihr laut der Presseinfo bei Andrew Dawson gesucht habt?
Tennant: Der englische Sound ist oft komprimierter, klingt gepresster und manchmal auch rezitierender als amerikanische Produktionen. Wir wollten Wärme und Fluss in unseren Songs transportieren, ohne zu überladen. Und wir hatten Lust auf viele tolle Backing Vocals - und in L.A. kann man fantastische Sessionmusiker kriegen, mit denen wir den Chören mehr Gewicht verleihen konnten.
Zum Beispiel hat uns Andrew mit der Waters Family bekannt gemacht, die schon auf Michael Jacksons "Thriller" und mit den Jackson 5 auf "Got To Be There" gesungen haben. Als sie reinkamen, dachte ich zunächst: Wow, die sind aber alt. Sie sind alle Armeekinder, ich glaube sogar, sie sind in Deutschland aufgewachsen. Jedenfalls sind sie unglaublich reizende, süße, höfliche Menschen und tolle Musiker. Sie können alles. Einer von ihnen kann sogar singen wie Autotune, wenn er will.
Die Songs scheinen sich oft um das Altern zu drehen, was ja ein recht paradoxes Thema für zeitlose Popmusik ist.
Tennant: Tja, das ist einfach Realität, wir altern eben auch, nicht? Es ist tatsächlich ein gerne ausgespartes Thema in der Popwelt und bringt allerlei halbphilosophische Ansätze mit sich. Allein schon der Anspruch, dass Pop zeitlos sein soll. Und es gehen seltsame Verwicklungen damit einher: In dem Song "Breathing Space" singe ich zum Beispiel über mich. Und dann kommt direkt dahinter "Ego Music", dass davon handelt, dass Popstars nur noch über sich selbst reden: "It's all about me".
Und dann wiederum gibt es Songs, die auf uns zurückreflektieren: Die Floskeln aus "Your Early Stuff" wurden mir alle genau so von Taxifahrern in London zugeworfen, zum Beispiel "It's bad in a good way, you know?" Oder: "What's in it for you now? You need the money?" Vielleicht kommt da auch der Journalist in mir durch, das war eine Art O-Ton-Reportage, eine Collage von recht brutalen Vermutungen über uns und unsere Arbeit heute.
Lowe: Das neue Album sollte kontrastierend zu "Yes" klingen. Zuerst dachten wir daran, komplett eine einzige Stimmung durchzuhalten, nämlich das schon erwähnte gedämpfte Midtempo oder sogar Downtempo. Dann kam aber "Ego Music" mit dieser jazzigen Harmonie dazu, und schließlich haben wir die ursprünglich recht eindringlichen, düsteren Chöre von "Everything Means Something" zu einer eher erhebenden, trippy Stimmung umgearbeitet. So gefällt mir der Song auch viel besser.
Tennant: Wir haben es nicht für die Olympischen Spiele geschrieben. Letztes Jahr waren wir mit Take That auf Tour, und jede Nacht spielten sie diesen Song "Greatest Day", bevor wir dran waren - und das ganze Stadion ging mit. Chris meinte dann, dass wir gar keine Midtempo-Hymne hätten, während die direkt drei hintereinander spielen. "Winner" schrieben wir dann, als wir auf dieser Tour zwei Wochen lang im Hotelzimmer in Manchester verbrachten. Wir dachten an etwas wie "We Are The Champions". Die Idee war, einen Song über Erfolg zu schreiben, der nicht zu überheblich ist.
Es geht um den Prozess und um Momente, die dein ganzes Leben verändern können – als Kontrast zum hirnlosen Triumph. "We Are The Champions" ist ein bisschen so, "no time for losers" stört da irgendwie. Obwohl wir den halbfertigen Song eigentlich einer Boyband geben wollten – die Akkordwechsel, wir dachten, das passe gut – mochte Andrew ihn sehr gerne und beharrte darauf, ihn aufzunehmen. Und weil das Album im September rauskommt, hätte jeder gefragt, wieso ein Song namens "Winner" nicht schon während der Olympischen Spiele erschienen ist. Also haben wir uns für zwei Singles entschieden, "Leaving" und "Winner." Aber wir haben uns nicht hingesetzt und einen strategischen Plan für die Olympischen Spiele ausgefuchst. Es ist einfach passiert.
Aber ihr seid eine Planerband. Ihr überlasst selten etwas dem Zufall ...
Lowe: Okay, um ganz ehrlich zu sein, wollten wir den Song eigentlich der BBC für den Eurovision Song Contest geben, das war unsere ursprüngliche Idee. Die haben uns schon zweimal angesprochen. Selbst möchten wir nicht teilnehmen, das würden wir nie tun - aber einen Song einreichen, warum nicht? Es hätte also schlimmer kommen können.
"Hold On" hat aber auch hymnische Qualitäten, finde ich.
Tennant: Ja, "Hold On" ist eine Hymne für die Rezession. Und weißt du, woher dieses Hymnische kommt? Es ist barock. Dieser kleine Synthiepart beruht auf einem ganz berühmten Händel-Stück, ich vergesse es nur immer wieder. Er bekommt auch die Credits auf dem Album. "Händel/Lowe/Tennant", gut, oder?
Ich hab das auf Radio 3 gehört und dachte, das könnte fast ein Popsong sein. Nachdem Chris das Stück programmiert hatte, habe ich ihm den Text gegeben und er hat eine neue Melodie dafür geschrieben, und zwar über die Akkordwechsel von Händel. Dann haben wir noch das Händelstück selbst bearbeitet, so dass es zu einem neuen Riff wurde, ein elend langer Prozess.
Das zum ersten Mal zu singen war eins der schlimmsten Dinge, die ich je tun musste. Es sieht einfach aus und hört sich leicht an, aber tatsächlich ist es eine unheimlich komplizierte Melodie. Ich bin fast daran verzweifelt. Ich habe zu Chris gesagt, lass uns lieber einen Sänger engagieren, ich krieg's nicht hin.
Also doch kein Singalong für's Stadion?
Tennant: Doch, "Hold On" ist ja easy! Aber der andere Teil (räuspert sich, dirigiert und singt): "Dididi DIIDII didididii didiidii!"
Lowe: Jetzt kannst du das ja ganz gut! Und der Part wiederholt sich nicht einmal, die ganze Zeit ändert sich das (freut sich diebisch).
Tennant: Chris hat mich immer ausgeschimpft, "Nein, nein, nein! Das ist ein Es, kein E!" Tja, und in Los Angeles musste ich das ganze Teil noch einmal singen. Dafür werde ich es nicht live singen, niemals. Da holen wir die Backgroundsänger!
Und der Text ist ein Kommentar auf den Abschwung, gegen das Aufgeben der Hoffnung. Es muss einen Weg und eine Zukunft geben oder die Welt endet heute. Es gibt da ein regelrecht apokalyptisches Szenario zum Weltuntergang im Text: "The sun will melt away" und so weiter. Aber dann wirds optimistischer. Wäre doch schade drum.
Neil und Chris über Morrissey/Marr, Comebacks und Bärte in der Popmusik.
Neil Tennant und Chris Lowe genießen Legendenstatus im internationalen Popgeschäft. Sie sangen im Duett mit Dusty Springfield, coverten U2, schrieben Songs für Madonna und Robbie Williams und remixten Rammstein. Gerade erschien mit "Yes" ihr tanzbarstes Album seit Jahren.
Wie eh und je empfängt das Duo die Presse vor der Veröffentlichung eines neuen Albums in Köln, Standort ihrer Plattenfirma EMI. Interviews gehören nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen der beiden, was angesichts der smarten Eloquenz Tennants schwer zu glauben ist. Sie sitzen an einem Glastisch in ihrer geräumigen Hotelsuite, Tennant aufrecht im Sessel, Lowe lümmelnd auf der Couch. Vor ihnen steht ein Kelch Wasser und zwei volle Gläser. Doch der einzige, der trinkt, ist Tennant. Neil, zunächst möchte ich mich noch bei dir bedanken. Als wir im Zuge eurer "Fundamental"-Tournee miteinander sprachen, unterhielten wir uns über Italo Disco und du kamst das gesamte Gespräch über nicht auf den Namen von Alexander Robotnick. Als er dir zehn Minuten nach unserem Gespräch wieder einfiel, riefst du einfach kurz in der Redaktion durch. Sowas erlebt man auch nicht alle Tage.
Neil: Tatsächlich, ich erinnere mich. Robotnick, great.
Chris: Dir fiel der Name nicht ein? Haha. Es ist aber sicher nicht sein richtiger Name.
Glaube ich auch nicht, aber zumindest ein sehr passender, was elektronische Musik angeht.
Neil: Absolut.
Selbst nach über 25 Jahren Musikbusiness auf dem Buckel veröffentlicht ihr immer noch von Kritikern und Publikum gefeierte Alben. Da muss es doch irgendein Geheimnis geben?
Neil: Das würde ich bezweifeln. Ich denke wirklich, es hängt schlicht und ergreifend damit zusammen, dass sich an unserer Motivation in all den Jahren nichts geändert hat. Dieser Job ist großartig und wir wollen ihn richtig machen. Ich wache morgens auf und denke: Was für ein tolles Leben.
Dabei könntet ihr doch alle paar Jahre die "West End Girls"- oder "Go West"-Revivaltour lostreten und harmlose Studioalben aufnehmen.
Chris: In erster Linie mögen wir an unserer Arbeit das Songschreiben. Und die Vorstellung, ein- und denselben Song immer und immer wieder zu schreiben, ist nicht so verlockend.
Neil: Außerdem eignet sich "West End Girls" dafür schlecht.
Chris: Gut, ehrlich gesagt hätte ich nichts dagegen, nochmal einen Song mit solch immensem Einfluss zu schreiben. (lacht)
Neil: (lacht) Tja, aber wir müssen der Wahrheit leider ins Auge sehen.
Chris: Aber selbst wenn es wahrscheinlich alle gerne sehen würden, dass wir dieses Stück übertreffen: Es stand damals schon für sich allein. "West End Girls" ist sozusagen sein eigenes Genre.
Neil: Unser Impetus ist, einem Popsong immer wieder eine neue Drehung zu geben. Manchmal haut es hin, manchmal nicht.
Neu im Sinne von anders als die eigenen, alten Stücke?
Neil: Ja, es geht um die Herausforderung, neue Melodien oder einen unerwarteten Akkordwechsel zu erschaffen. Wenn das gelingt, fühlst du dich sehr glücklich und manchmal hört man das dem Song auch an. "Did You See Me Coming?" fällt mir da als erstes ein. Habt ihr der Neuerfindung wegen in den letzten Jahren eure Arbeitsweise verändert?
Chris: Nö. (lacht)
Neil: Nicht wirklich. Eine Zeit lang arbeiteten wir aber mit einem Studio-Programmierer zusammen, der für die ganzen Geräte zuständig war. Jetzt macht Chris das wieder allein, wie zu Beginn unserer Karriere eigentlich.
Bono meinte kürzlich in einem Interview, das Geheimnis des stetigen Dranges zur Weiterentwicklung in einer Band ist schlicht und ergreifend Freundschaft. Man sähe das bei den Rolling Stones, wo Mick und Keith ...
Neil: ... sich beide hassen!
Das vielleicht nicht, aber sie hörten irgendwann auf, Freunde zu sein und gingen stattdessen eine Geschäftsbeziehung ein und das würde man deren Musik eben anhören.
Neil: Da hat Bono wohl den Punkt getroffen. Ich bin natürlich froh, dass Chris und ich noch eine freundschaftliche Beziehung zueinander pflegen. Zusammen Songs zu schreiben ist ja oft auch so ein Wettbewerbsding, Lennon/McCartney ist da wohl das klassische Beispiel. Das ist schon eine spezielle Form von Freundschaft.
Neil: Eigentlich nicht.
Chris: Von Xenomania haben wir aber gelernt, dass man sich nicht zu schnell mit Melodien zufrieden geben sollte.
Neil: Manchmal hatte ich eine neue Melodie und einen Text zusammen und nach dem Einsingen dachte ich: "Das ist ja großartig!" Dann kam Brian Higgins und sagte: "Okay, schreibe noch eine Melodie." Als ich danach wieder mit neuer Melodie und Text ankam, schickte er mich wieder weg.
Chris: Brian will immer auswählen. Und du wirst nach einem Punkte-System benotet, so in der Art: Das war jetzt 7/10.
Neil: Ja, er verteilt Zettel mit Noten und kurzen Kommentaren, zum Beispiel "scheiße". Oder auch "herausragend, fünf Sterne". Es ist als wäre man wieder in der Schule. Man ertappt sich dabei zu denken: "Brian hat meiner Strophe fünf Sterne gegeben. Bin ich nicht fantastisch?" (beide lachen)
Chris: Das könnte ich mir in der Zukunft wieder vorstellen.
Fällt es euch leicht, solche Kommentare zu bekommen?
Chris: Ja, das ist überhaupt kein Problem. Wenn jemand was scheiße findet, so what? (lacht laut auf)
Neil: In manchen Fällen mussten wir Brian natürlich auch beibringen, dass er die Stelle nicht aufmerksam genug angehört hat.
Chris: (mit sanfter Stimme) Da liegst du falsch, Brian. Es ist nämlich ziemlich spitzenmäßig.
Neil: Das beste Beispiel ist unser Song "Pandemonium", den wir beide super finden. Brian Higgins hörte ihn sich an und meinte, er klinge altmodisch. Nun bemerke ich eine diebische Freude in mir aufsteigen, wenn ich Reviews lese, in denen dieser Song herausgehoben wird. Wir sollten eigentlich T-Shirts machen lassen mit dem Aufdruck "Pet Shop Boys. Quaint."
In Deutschland erscheint "Yes" mit nur wenigen Wochen Abstand von zwei anderen Schwergewichten britischer Melancholie, Morrissey und Depeche Mode.
Chris: Echt? Kommt eine neue Depeche Mode?
Neil: Ja, im April.
Meine Frage wäre: Von welcher der drei Bands seid ihr am meisten überrascht, dass es sie heute noch gibt?
Neil: Puh, Depeche Mode sind sicher noch fünf oder sechs Jahre länger dabei als wir. Wenn man ehrlich sein will, müsste unsere Brit Award-Auszeichnung an Depeche Mode gehen. Wir hätten in dem Fall gerne noch ein Jahr gewartet. Die haben ja auch weltweit eine riesige Fangemeinde. Ich denke nicht, dass Depeche Mode in ihrer Heimat den Respekt erfahren, den sie verdienen.
Chris: Das Beeindruckende an der Band ist für mich ihr Werdegang. Sie fingen an mit harmlosen Synthiepop-Liedchen Mitte der 80er ... oder wars früher?
Neil: Klar, 1980/81.
Chris: Okay, jedenfalls arbeiteten sie sich nach und nach zu diesen dunklen Industrial-Sounds vor. Ich würde sagen, dass alle diese Bands heute zu Recht noch da sind.
Neil: Wobei die Pet Shop Boys nicht ausschließlich melancholisch sind, wir sind sogar die fröhlichsten von den dreien. Was meiner Meinung nach alle Bands auszeichnet, ist absolute Integrität. Alle drei haben es geschafft, mit ihren Songs eine eigene Welt zu erschaffen, ein Aspekt, der uns von Anfang an wichtig war.
Du könntest zum Beispiel ohne Weiteres einen Depeche Mode-Cartoon erfinden, der nur in ihrer Welt spielt und dasselbe ginge auch mit Morrissey und den Pet Shop Boys. Leider gibt viele Bands heutzutage, bei denen das nicht geht. Unendlich viele.
Interessieren euch die Platten der alten Weggefährten oder findet ihr Popmusik der jüngeren Generation wie Girls Aloud spannender?
Neil: Oh, mich interessiert alles. Ich mag Depeche Mode, wenngleich sie sich für meinen Geschmack in letzter Zeit etwas wiederholen. Ich höre sie mir aber auch eher beiläufig an. Was nicht heißt, dass sie nicht immer wieder einen klasse Song abliefern.
Martin Gores Stimme gefällt mir allerdings besser. Die Gesangsharmonien, die haben sie drauf, die sind immer großartig auf ihren Alben. Im Gegensatz zu uns kommen sie aber aus der puristischen Electro-Ecke. Auf unseren Platten waren immer alle möglichen Instrumente vertreten. Morrissey ... er ist eher ein Chris-Ding.
Chris: Ich liebe seine Liveshows. Ich schaue ihn mir auf jeder Tour an. Worauf ich total stehe, sind seine Geschichten, die er zwischen den Songs erzählt. Du erfährst, was er am Tag so gemacht hat, was ihn im Fernsehen in den 18-Uhr-Nachrichten aufgeregt hat, kurz bevor er zur Halle musste ... oder der Klassiker: was die Zeitungen über sein Konzert am Vorabend geschrieben haben.
Eins ist mir besonders in Erinnerung geblieben, einmal sagte er: "Die Kritiker finden, ich sei älter und grauer geworden. Mal ehrlich: Wollen wir wirklich jünger werden?" Großartig. Auch seine Körpersprache, das Herumwirbeln mit dem Mikrofonkabel ... Man bekommt was für sein Geld bei Morrissey. Natürlich habe ich Johnny Marr davon nichts erzählt ...
Neil: Ich schon!
Chris: Du hast ihm erzählt, dass ich ..?
Neil: Nein, aber ich habe ihm gesagt, dass Morrissey ein großer Live-Performer ist. Das ist schon Jahre her. Weißt du nicht mehr, damals in der Albert Hall, Mark Anderson stand hinter uns ...
Chris: Ahh, klar, wo er als der Bucklige von Notre Dame auf die Bühne kam, mit den Glocken und allem und so die ganze Show absolvierte, haha.
Neil: Genau. Wir waren völlig baff und fragten uns: Was ist nur mit Morrissey passiert? Also rief ich Johnny an, um ihm alles zu erzählen.
Johnny Marr hat auf "Yes" wieder einige Gitarrenspuren eingespielt.
Neil: Und Mundharmonika. Auf zwei Songs.
Die Gitarren sind diesmal aber nicht leicht herauszuhören.
Chris: Die Gitarren sind weniger als solche erkennbar, sondern eher ins Arrangement eingearbeitet.
Neil: War das nicht schon immer so? Johnny ist nicht gerade für Soli berühmt.
Chris: Hmm, sein Solo am Anfang von "Did You See Me Coming?" ...
Neil: ... ist typisch Johnny Marr, einverstanden. Für "Pandemonium" hatte übrigens er die Idee, den Rhythmus leicht zu verändern. Dafür ist die Mundharmonika im selben Song und in "Beautiful People" nicht zu überhören. Obwohl noch andere Gitarristen aus dem Xenomania-Umfeld auf der Platte spielen, hört man Johnny bzw. seine Gitarre manchmal gar nicht raus.
In "Building A Wall" baten wir ihn zum Beispiel so zu spielen, als würde Robert Fripp sich an Bowies "Heroes" versuchen. Diese lustigen Melodielinien klingen zwar wie ein Synthesizer, sind aber Gitarren. Das finde ich ohnehin das Herausragende an ihm, dass man sein Spiel nicht zwangsläufig als Johnny Marr identifizieren muss. Er kann sich einem Song auch unsichtbar nähern, indem er sich dem Gesamtsound komplett fügt und unterordnet.
War es nicht schwierig, ihn dieses Mal zu gewinnen, wo er doch jetzt auch ein beschäftigter Dozent in Manchester ist?
Chris: Was ist er?
Neil: Ja, in Salford. Chris: Er ist ein Dozent?
Neil: Klar, das hat er doch erzählt. Er ist Gastprofessor an der Uni.
Chris: Professor? Hahaha!
Neil: Ja, er macht da ....
Chris: Professor Marr, haha!
Neil: Ja, er sprach über Outsider im Popbusiness.
Chris: Sieh an, sieh an, Professor.
Neil: Aber zu deiner Frage: Es war nicht schwierig, wir schickten ihm einfach eine Mail, in der stand: Wir brauchen dich!
Chris: Wobei er zur Zeit ziemlich beschäftigt ist, Modest Mouse läuft ja auch noch, dann arbeitet er mit den Cribs und verbringt außerdem viel Zeit in den USA.
Neil: Er war aber auch sehr gespannt auf das Studio von Xenomania. Und schließlich spielte er sogar auf einem Song von Girls Aloud mit.
Wie kam es eigentlich zu eurer Kollaboration mit den Girls - ich schätze, es gibt unzählige Anfragen von Bands, die gerne Songs mit euch schreiben würden.
Neil: Es war eigentlich keine Kooperation. Wir hatten den Song "The Loving Kind" beinahe fertig, als wir mit Brian Higgins alle Album-Kandidaten durchgingen und Chris befand die Nummer dann als nicht passend für uns. Und Brian meinte sofort: "Dann kriegt ihn Girls Aloud." Mit denen arbeitete er auch gerade an einem Album. Umso schöner, dass es eine Single geworden ist.
Hättet ihr den Song auch freigegeben, wenn ihr keine Fans von Girls Aloud wärt? Oder wenn ihr etwa die Sugababes favorisiert hättet?
Chris: Nein, wir fanden das toll.
Neil: Zumal dieser Song wirklich melancholisch ist. Was mit ein Grund sein dürfte, warum Chris ihn nicht so mag. Jedenfalls fand ich genau diesen Punkt sehr interessant, Girls Aloud eine melancholische Nummer zu geben.
Neil: Ja, aber irgendwie funktioniert es. Das "Yes" sprach aus der Musik heraus. Einige Leute meinten ja, das ginge in die Richtung "Yes we can - Obama", aber damit hat es gar nichts zu tun.
"Yes" entsprang also euren tanzbaren, neuen Songs.
Chris: Ja, und es klingt fast wie "Very". Wir wollten wieder ein Album machen, das sehr positiv und zufrieden klingt.
Wenn ihr "Yes" in der "Very"-Tradition seht, wie steht ihr dann zu euren letzten beiden Alben, die ich persönlich sehr mag, da sie streckenweise äußerst - hier nochmal - melancholisch ausgefallen sind?
Neil: Diese beiden Alben und ganz besonders "Release" sind stark unterbewertet. Sie haben beide einen ganz speziellen Sound-Charakter.
Kommerziell oder künstlerisch unterbewertet?
Neil: Was die Kritiken betrifft, bin ich nicht sicher, ganz sicher kommerziell. Es war nicht so, dass die Fans "Release" nicht mochten, aber es wurde allerorten als unser Akustikalbum beschrieben. Ich liebe es. Einer meiner Pet Shop Boys-Lieblingssongs überhaupt ist "Home And Dry".
Mit dem fantastischen Mäusevideo.
Neil: Mit dem berüchtigen Videoclip. Brandon Flowers erzählte uns, dass seine Frau, nachdem er von einer Welttour zurück kommt, immer als erstes "Home And Dry" auflegt. Ist das nicht süß? Außerdem meinte er kürzlich, dass seine Pet Shop Boys-Haupteinflüsse von unseren letzten drei Alben kommen.
Als ich mit ihm eine Killers-Weihnachtssingle einsang, meinte ich nebenbei, dass wir sowas auch einmal für den Fanclub gemacht hätten und er antwortete sofort: "Birthday Boy". Ich hätte ja niemals erwartet, dass er den Song überhaupt kennt. Er meinte dann, er war 19, als die Platte rauskam. Und er sah uns mit "Release" das erste Mal live in Las Vegas.
Ich habe gelesen, dass du Brandon unterstellt hast, einen Bart zu tragen, damit er nicht als Popstar missverstanden wird. Ich frage mich: Was ist schlecht an Bärten?
Chris: Genau! Haha!
Neil: Nein, nein, ich habe das nicht zu Brandon gesagt, sondern zu einem Journalisten vom Guardian. Es war ein Gespräch über Bärte in der Popmusik und ich sagte, dass Brandon aller Wahrscheinlichkeit nach nicht seinen Bart abnehmen wird, da Bärte in der Rockmusik auf ein ernstes, künstlerisches Statement hinweisen. Wohingegen eine frische Rasur eindeutig Pop kennzeichnet. Schau nur mal in die Geschichte der Popmusik: Immer wenn Bärte wachsen, klingeln schon die Alarmglocken. Den Beatles wuchsen sie und kurz darauf war Feierabend. Das ist so, das ist eine Tatsache. (alle lachen)
Oder das Mojo Magazine, ein ganz klares Bärte-Magazin, ein gutes übrigens. In der Popmusik ist sowas selten. Gut, abgesehen von George Michaels komischen Stoppeln. Aber der Clou meiner Theorie ist: Mit "Sam's Town" wollte Brandon tatsächlich ein Zeichen setzen. Den neuen Killers-Song "Human" kannst du als Bärtiger dagegen überhaupt nicht bringen. Das ist ganz klar ein Song für einen rasierten Sänger. "Read My Mind" genauso. Wie dem auch sei, ich habe mich bei Brandon für meine dreisten Worte entschuldigt.
Er hat in diesem Bart-Konflikt allerdings auch geantwortet und zwar, dass er dir gerne ein paar seiner Barthaare für dein etwas licht gewordenes Haupt aufbewahrt.
Neil: Haha, das habe ich irgendwo im Internet gelesen. Ja, er hat dem Q Magazine gesagt, dass er im Falle einer Rasur alle Haare in eine Dose steckt und sie mir schickt.
Euer letztes Nummer Eins-Album in England liegt 16 Jahre zurück: "Very". Sind Charterfolge noch relevant für euch bzw. ärgert ihr euch, wenn "Yes" nur in die Top 20 einsteigt?
Neil: Nun, in erster Linie willst du, dass deine Arbeit wahrgenommen wird. Zur Öffentlichkeit durchzudringen ist heute schwieriger denn je. Wir leben in einer Zeit, in der die Leute dich danach beurteilen, wie oft dein Name in der Zeitung steht. Musterbeispiel Amy Winehouse: So berühmt ihre Platten auch sind, die Person Amy Winehouse ist berühmter.
Lily Allen ist bekannter als ihre Platten. Wenn beides zusammenkommt, ist das toll, Lily Allens Platte ist ja auch gut geworden. Die Pet Shop Boys haben sowas immer vermieden und ich weiß, dass wir gerade ein Interview führen und dafür immerhin zwei volle Tage in Köln sind. Aber wir wollten nie Celebritys sein und unsere Freiheit aufgeben. Wenn dich diese Fotografen jagen, ist das nur noch schrecklich. Aber so sind die Zeiten: Ruhm verkauft deine Platten.
Gibt es etwas, das ihr in eurer Laufbahn von anderen Bands lernen konntet?
Chris: No! Neil: Lernen ... wie meinst du das?
Zum Beispiel, dass ihr bei Freunden oder Weggefährten Fehler mitbekommen und euch daraufhin fest vorgenommen habt, diese bei den Pet Shop Boys zu vermeiden.
Chris: Also ich finde die Auflösung von Take That damals war großartig. So wie die hätten wir es auch machen sollen. Dann hätten wir jetzt ein fettes Comeback feiern können.
Neil: Der optimale Weg, sich aufzulösen, ist ohne Zweifel der von Take That. Was im Nachhinein natürlich einfach zu behaupten ist.
Chris: Im Fernsehen in Tränen auszubrechen und dann eine Nummer Eins-Single nachzuschieben, perfekt. Besser geht es nicht.
Neil: Wenn wir uns nach der Veröffentlichung von "Go West" aufgelöst hätten, damals waren wir immerhin auf Platz eins, und wären zehn Jahre später wieder gekommen ... Nein, das Comeback von Take That ist inzwischen schon kein Phänomen mehr, sondern eher ein verschwörerisches Mysterium. Es ist unfassbar.
Chris: Die spielen vier Nächte hintereinander im Wembley-Stadion. Neil: Meine Theorie ist: Das Publikum von Take That ist eins zu eins identisch mit Robbies. Nicht in Deutschland, ich weiß, Robbie ist bei euch beliebter. Aber genau in dem Moment, als sein "Rudebox"-Album nicht so gut ankam, verkündeten Take That ihr Comeback. Mit einer erstaunlicherweise guten Platte. "Patience" ist vielleicht ihre beste Single überhaupt, mit Ausnahme von "Back For Good".
Jedenfalls: Robbies Publikum, das vermutlich einst von Take That zu ihm wechselte, konnte dadurch problemlos wieder zu Take That zurück morphen. Robbie war natürlich auch noch so gnädig, für die gesamte Zeit nicht auf der Bildfläche zu erscheinen. Und ich befürchte, das geht noch ein paar Jahre so weiter. Aber sollte Robbie wieder mit einem tollen Album zurück kommen, wäre die Welt wieder bereit für ihn.
Chris: Übrigens: Nein, Take That haben uns nicht eingeladen, sie bei ihren vier Stadion-Konzerten zu begleiten.
Neil: Das hätte ich sowieso nie gemacht.
Chris: Och, vier Abende in einem Stadion? Gutes Geld ...
Neil: Egal, niemals.
Neil Tennant über Italo Disco und die Kritik zu Robbies "Rudebox"-Album.
Die Pet Shop Boys gehen wieder groß auf Tour, und bei dieser Gelegenheit vergibt der Tour-Veranstalter Interviews, verteilt auf eher ungemütliche 10-Minuten-Plätze. Aber da sind wir mal nicht so.
Lust auf ein Telefon-Interview mit Neil Tennant zur Tournee?, ruft Kollege Dobler mir neulich zu. Gut, wir hatten letztes Jahr schon eins, aber hey, it's Neil Tennant! Logo, brülle ich also zurück und mache mir erst danach Gedanken, was ich ihn nach dem Gespräch über "Fundamental" eigentlich noch fragen könnte. Aber darum geht es ja gar nicht. Mit interessanten Menschen kann man sich immer unterhalten.
Der Pet Shop Boys-Bildband "Catalogue" wurde von der Association for Recorded Sound Collections als beste Untersuchung aufgenommener Rockmusik nominiert. Damit seid ihr zwischen Fats Domino und Cat Stevens. Wie fühlt man sich da?
(lacht) Fühlt sich nach einem seltsamen Sandwich an, haha. Aber klar, natürlich habe ich mich gefreut, auch wenn ich von dieser Gesellschaft vorher noch nie etwas gehört habe. "Catalogue" war wirklich ein ernstes Projekt, das alle visuellen Aspekte unserer Vergangenheit aufzeigt. 20 Jahre, alles in einem Buch. Chris und ich saßen am Anfang buchstäblich staunend davor, und konnten wir nicht fassen, dass wir das alles gemacht haben. Es ist schon befriedigend, dies alles auf einem Fleck zu sehen, zumal in solch schöner Gestaltung. Ich mochte es schon immer, wenn Popkultur ernst genommen wird, weil darin eine Menge Arbeit, Anstrengung und Fantasie steckt. Mehr als die Leute mitunter denken.
Im Buch fand ich auch ein fast schon philosophisch zu nennendes Zitat aus deinem Munde aus dem Jahr 1985 über Italo Disco, erinnerst du dich an die entsprechende Zeile?
Nein, wie lautet sie?
"Italienische Discomusik zählt zu den großen unerforschten Gebieten. Es ist brillant, weil es wie Punk ist. Es ist voller dummer und verrückter Ideen und es hat diese wunderschönen traurigen Melodien, unterlegt mit einem Discobeat." Würdest du das heute auch noch so ausdrücken?
Yeah, das klingt ziemlich treffend für mich und einleuchtend. Ich denke, es ist genau diese Kombination, die wir heute noch hinzubekommen versuchen. Verrückte Ideen führten schon so oft zu guter Popmusik. Wir liebten die italienische Discomusik damals, denn die Gruppen sangen zwar auf englisch, aber es klang immer etwas falsch. Ich stand schon immer auf gebrochenes Englisch, denn manchmal klingt das schon fast poetisch. Wir bekommen oft Fanpost von Leuten, die nicht so gut englisch schreiben können und das klingt dann so großartig, vor allem wenn Japaner es versuchen, dann klingt es wirklich wie ein Gedicht.
Ich sprach kürzlich mit Danny von Ladytron, er ist ebenfalls ein großer Italo Disco-Fan und erzählte mir, dass er Jonathan Righeira zu seiner Show in Mailand eingeladen hat und sich nach dem Konzert dann ein Autogramm von ihm holte. Hast du auch einen Lieblingskünstler dieser Epoche?
Wer ist Jonathan Righeira?
Oh, ein Teil des italienischen Italo-Duos Righeira.
Aha ...
Die Band von "Vamos A La Playa".
(schreit) "Vamos A La Playa"! Ich liebe "Vamos A La Playa"! Immer wenn ich in Spanien bin, versuche ich den Drang zu unterdrücken, "Vamos A La Playa" zu singen, denn mehr Worte kenne ich nicht auf spanisch (lacht). Nein, ich mochte vor allem ... äh ... Mist, wie hieß der noch gleich ... gibts doch nicht. Fällt mir nicht ein, tut mir leid. Ein bekannter Kerl aus der Italo-Szene.
Aber nicht Divine?
Oh nein, ich rede von einem italienischen Kerl, nein nein, Divine, klar, der war unser Held von Bobby O., nach dem waren wir verrückt. Aber nein, wie hieß denn dieser Italiener noch mal ... (klopft nervös auf die Tischplatte, das Telefon oder den Hörer)
Der hatte diese 12"-Maxis mit den großen Löchern in der Mitte, unglaublich schön, das haben wir später kopiert, als wir unser eigenes Label hatten. Eine Schande, ich komme nicht auf den Namen. Er ist immer noch am Start und wir haben auch schon mal über eine Kooperation nachgedacht ... naja, mach mal weiter.
Ähm, ich mag die Szene, in der Robbie erklärt, wie wir ihn ins "Heaven" mitnehmen, den Schwulennachtclub in London. Er hatte unglaublichen Bammel, dass die Schwulen ihn hassen würden, da er damals gerade eine Klage gegen jemanden laufen hatte, der ihn als Schwulen bezeichnete. Also hätte man ihn als Heuchler brandmarken können, aber egal, es ist die offene Art, mit der er das erzählt, die mir gefällt. Und ich fand es sehr schmeichelhaft, wie Brandon Flowers über uns spricht. Wie er zum ersten Mal in einer Disco zu "New York City Boy" getanzt hat. (lacht) Er ist einfach so ein süßer Typ. Es ist einfach eine Ehre, so viele bekannte Leute in der Dokumentation zu sehen.
Robbies Album "Rudebox" kam letztes Jahr ja nicht so gut weg, teilst du die Kritik?
In England kam Robbie Williams' Album vor allem in Sparten und Magazinen ganz gut an, in denen er früher immer total durchfiel. Der NME feierte das Album zum Beispiel ab und auch einige ernstere Publikationen. Aber es stimmt, die leichteren Magazine, die ihn eigentlich lieben, watschten ihn ab. Ich finde, man muss Robbie zugestehen, dass er etwas Neues ausprobiert hat, dass er als Künstler in eine neue Richtung wachsen wollte und nicht als reine Pop-Formel enden wollte.
Und nebenbei: Die Platte verkaufte sich viereinhalb Millionen Mal. Ich meine, das ist so viel wie unsere beste Platte jemals verkauft hat (lacht). Wenn Robbies Tragödie also die Größe unseres bestverkauften Albums hat, ist es wohl eine nicht ganz so große Tragödie. Die Platte soll ja auch seine Zukunft andeuten, dass er neue Dinge ausprobieren will und so.
Wir nennen es "An evening of electronic entertainment". Genau das ist es eigentlich, ein Multimedia-Konzert mit sieben Leuten auf der Bühne und jeder Song wird visuell begleitet. Wir hoffen, dass wir den Songs dadurch mehr mitgeben können, und natürlich macht es das auch für die Zuschauer interessanter. Über die Jahre haben wir viele Theater-Shows gemacht, jetzt haben wir einen Londoner Designer, der schon oft in deutschen Opern, im Londoner Nationaltheater und kürzlich auch für Kanye West gearbeitet hat. Ich denke, es ist eine gute Show, sehr poporientiert, sehr hell, aber auch mit Momenten der Dunkelheit.
Ist es dieselbe Show wie auf der am 11. Mai erscheinenden Live-DVD "Cubism"?
Ja, es ist eine andere Version derselben Show, da der Würfel wegfallen musste. Wir konnten ihn nicht tagtäglich von A nach B schleppen. Er wurde vor allem für Festivals designt. Und wir spielen auch ein paar andere Songs als in Mexiko auf der DVD, Chris spielt "Paninaro" ... aber es sind diesselben Leute auf der Bühne.
Okay, meine Zeit ist um, vielen Dank für das Interview.
15 Minuten später: Mein Chef hebt den Telefonhörer ab und beginnt plötzlich englisch zu sprechen, irgendwas stimmt da nicht. Dann steht er auf und ruft: "Michel, da ist jemand für dich aus England."
Ja, hallo?
Hi, this is Neil Tennant. Mir ist der Name wieder eingefallen, der Name von diesem Italo Disco-Typ.
Äh, oh, das ist ja nett.
Alexander Robotnick. Gerade eben komme ich drauf. Robotnick war unser Held. Wollte ich dir nur noch durchgeben.
Ich bin entzückt, vielen Dank.
Kein Problem, ciao.
Tennant und Lowe über die Arctic Monkeys, Rammstein und dumme Politiker.
Am 19. Mai erscheint mit "Fundamental" das siebte Studioalbum der Pet Shop Boys. Im Interview sprechen Neil Tennant und Chris Lowe über die Arbeit mit dem legendären Produzenten Trevor Horn, Diskussionen mit der Plattenfirma und die Vorzüge von Madonna-Songs.
18 Uhr, im Flur vor der Händel-Suite in einem großen Kölner Hotel: Gleich werde ich die Pet Shop Boys treffen, die von insgesamt zweieinhalb Promo-Tagen den zweiten in Kürze hinter sich gebracht haben. Nach mir, um genau zu sein. Der Zeitplan hinkt bereits um eine knappe Stunde hinterher. Willkommen zurück, Journalistenpanik. Weitere 20 Minuten Arbeit warten auf das Duo. Die werden sich freuen.
Wenngleich Neil Tennant noch am Mittag so entzückt über den Besuch des im Auftrag des Groove-Magazins erschienenen Kompakt-Chefs Wolfgang Voigt gewesen sein soll, dass er dessen terminierte Redezeit mit einer knappen Handbewegung in Richtung der herein stürmenden Label-Mitarbeiter kurzerhand verlängerte. Leider bin ich nicht Wolfgang Voigt und habe auch kein florierendes Elektro-Label, dafür Fragen en masse. Beim Eintreten in die geräumige Suite empfängt mich unerwartete Heiterkeit, die die Bandmanagerin mit einer Flasche Rotwein sogleich weiter anzuheizen versucht. Im Gegensatz zu Sänger Tennant bleibe ich alkoholtechnisch standhaft, und das obwohl ich just in diesem Moment Keyboarder Chris Lowe ohne dessen obligatorische Sonnenbrille und Kopfbedeckung auf der Couch erblicke.
Der Mann mit kurzer grauer Stoppelfrisur und rotem Kapuzenpulli lässt zum ersten und bei weitem nicht letzten Male ein trockenes, dreckiges Lachen erklingen, als ich um ein Glas Wasser bitte. "We're going to a German Bierkeller tonight", grinst er mich stolz an, während ich mein Aufnahmegerät auspacke und die Frage provoziere: "Wird das hier ein Podcast?" Das neue Pet Shop Boys-Album mag in Teilen hemmungslos auf dem 80s-Trip surfen, technisch sind die Boys natürlich nach wie vor mitten im Jetzt (Im Gegensatz zu uns, denn meine Antwort ist: Nein!) Neil Tennant, schwarzer Kapuzenpulli, Jeans und Dunlop-Sneakers, balanciert sein Weinglas auf der Sessellehne und scheint sich auf das Gespräch zu freuen, so als sei dies sein erstes Interview. Dann los.
Ihr habt für "Fundamental" erstmals seit 1989 wieder mit der Produzentenlegende Trevor Horn zusammen gearbeitet. Fühlt man sich da nicht wie in einer Zeitblase und vergisst über der Quatscherei das Arbeiten?
Neil Tennant: Nein. Dass wir seit damals nicht mehr miteinander gearbeitet haben, heißt ja nicht, dass wir uns seither nicht mehr gesehen haben. Da wir ziemlich oft in seinem Studio zu Gange sind, war immer mal Zeit für Lunch oder ein Abendessen. Aber er ist schon ein redseliger Mensch, genau wie wir. Die ganzen Diskussionen bringen auch den Spaß im Studio. Zum Beispiel wenn Trevor lustige Geschichten aus den 70ern erzählt, als er noch in Dance-Bands spielte. Bei der Gelegenheit hören wir dann natürlich brav zu.
Habt ihr ihn nach der Zusammenarbeit gefragt?
Tennant: Ja, so läuft das. Als wir vor über zwei Jahren das Greatest Hits-Album machten, kontaktierten wir Diane Warren, um uns von ihr einen Song schreiben zu lassen. Wir waren einfach von der Idee begeistert, die Powerballaden-Königin Diane Warren einen Song für die Pet Shop Boys schreiben zu lassen. Schließlich gab sie uns den Song "Numb", den sie bereits Aerosmith gegeben hatte. Doch die lehnten ab, da sie gerade an einem Blues-Album saßen und keine Powerballade gebrauchen konnten. Wir mochten den Song sofort und wollten ihn von Trevor produzieren lassen, da der gerade seinen Klasse-Pophit mit t.A.T.U. hatte. Doch dann nahmen wir ihn damals doch nicht auf die Platte und hoben ihn für uns auf.
Als wir mit dieser Platte begannen, planten wir eigentlich ein Minimal-Album. Irgendwann merkten wir aber, dass die Songs ziemlich episch ausfallen, allen voran "The Sodom And Gomorrah Show". Und plötzlich hatten wir total Lust auf eine große und teure Trevor Horn-Produktion wie bei "Slave To The Rhythm", "The Look Of Love" oder "Two Tribes". In diese Richtung sollte es gehen. Und dann war da dieses Konzert für Trevor angesichts seines 25-jährigen Jubiläums im Musikbusiness, auf dem wir auch spielten und all diese Bands von damals wieder trafen, Propaganda, ABC, Seal ... ich denke, dadurch kam uns sein spezieller Sound auch wieder ins Gedächtnis.
Chris Lowe: Oh, I like that. (zu Tennant:) Das müssen wir unbedingt zitieren: Klingt wie eine Greatest Hits-Platte. Cool. (lacht) Für uns geht es nach wie vor darum, gute und interessante Popsongs zu schreiben, die gut produziert sind und die die Menschen unterhalten.
Tennant: Ich denke, die Abwechslung macht es. Der Greatest Hits-Gedanke mag auch dadurch zustande gekommen sein, da jeder Song absolut für sich alleine stehen kann. Das ist eben auch Trevor Horn: jeder Song wird haarklein durcharrangiert. Die Songs sind aber auch sehr melodiös, sprich: kommerziell. Auf unserem letzten Album hatten wir Songs, mit denen wir diesen kommerziellen Weg nicht einschlagen wollten. Das Ergebnis war eher experimenteller Natur. (zu Lowe:) Wobei du ja "Birthday Boy" und "Love Is A Catastrophe" kommerziell fandest, nicht?
Lowe: Ja, das waren für mich die eindeutigen Singles. (wieder dreckiges Lachen, wahrscheinlich weil keiner der beiden Songs als Single veröffentlicht wurde)
Tennant: Tja, vielleicht hattest du Recht. Aber ich finde auch, dass jeder Song auf der neuen Platte eine Single ist. Nicht dass es so kommen wird, ich spreche nur vom Potenzial. Für mich ist die Platte ein leuchtendes Pop-Album mit düsterem Unterton. Nur so funktioniert es, sonst läuft man Gefahr, banal zu klingen. Manche meinten ja, der Opener "Psychological" sei für den Anfang zu dunkel. Das sehe ich überhaupt nicht. Es hat diesen tollen Groove ....
Allerdings. Ein sehr progressiver Groove. Hat mich ein wenig an Miss Kittin erinnert.
Lowe: Wirklich? Keine Ahnung, der Groove war plötzlich einfach da. Ich kann ihn auch gar nicht kategorisieren. Die meisten wollten Kraftwerk heraushören, aber das liegt wohl hauptsächlich am minimalen Gewand. Wobei, die Topline ist schon ein wenig Kraftwerk. Es lag aber nicht in unserer Absicht, wie eine andere Band zu klingen.
Mit welcher eurer Platten würdet ihr "Fundamental" am ehesten vergleichen?
Lowe: "Very". Allein der ähnliche Titel. Nein, aber beide Alben gehen zurück bis zu den Ursprüngen, den "fundamentals of Pop".
Tennant: Stimmt. "Very" war unser Superpop-Album. Es gibt aber auch Parallelen in den Lyrics. Ich fand "Very" textlich sehr stark, sehr kompliziert.
Es könnte sein, dass euch mit "Fundamental" der Vorwurf begegnet, ihr wolltet mit all den 80s Trademarks an eure Erfolge aus den 80er Jahren anknüpfen. Wie seht ihr das?
Tennant: Ehrlich gesagt, sehe ich einen offensichtlichen 80s-Bezug nur in zwei Songs: "I'm With Stupid" und "Integral". Und "I'm With Stupid" sind auch gar nicht unsere 80s, sondern anhand der Bassline vielmehr die von Michael Jackson. Ich kann mir Michael genau vorstellen: (singt) "Who's bad? / Oo-oh I'm With Stupid / Who's bad?" Wir haben solche Platten damals gar nicht gemacht. Für mich steckt da ein wenig Quincy Jones drin. Der andere Song, "Integral", steht dagegen für das, was wahrscheinlich viele für unsere 80er halten, in Wahrheit aber unsere 90er sind, naja. Four-to-the-floor eben.
Lowe: Sehr hymnisch. Das ist wohl der 80er-Bezug.
Tennant: Was den Soundvorwurf angeht, denke ich vielmehr, dass der Song den Pet Shop Boys-Sound wieder in neue Ebenen stößt. Jede einzelne unserer Platten hat ihren Teil dazu beigetragen, dorthin zu kommen, wo wir mit "Fundamental" sind. Wir waren uns auch sehr bewusst über Trevors großes Erbe, übrigens viel mehr als umgekehrt. So versuchte ich mir zum Beispiel oft vorzustellen, wie Trevor Horn dies oder das nun umsetzen würde. Was im Song "The Sodom And Gomorrah Show" zu einer lustigen Geschichte führte: Dort ist diese Stelle (singt) "I heard about their way of life" - und im Hintergrund macht es (kiekst wie eine Chorsängerin) "Ha-ha-ha-ha".
Lowe: Hehe.
Tennant: Ich fand das großartig, denn es erinnerte mich an Dollar, kennst du die noch?
Ja, eine frühe Trevor Horn-Band.
Tennant: Genau. (singt:) "Gimme back my heaaaaart". Und dort geht der Background auch immer so: (erneutes Kieksen) "Ha-ha-ha-ha". Aber Trevor meinte nur: Oh no, not Dollar. Oh, ich könnte dir ein paar lustige Geschichten über Dollar erzählen, aber lassen wir das.
Chris Lowe: Hehe.
Tennant: Jedenfalls wollte ich nur nach Trevor Horn klingen. Er hat auch immer großartige Ideen, zum Beispiel gab es diesmal das so genannte "Neilotron". Ich musste mit dem Tontechniker in einen Raum von der Größe einer Toilette gehen und dort über drei Oktaven hinweg jede Note und alle Halbtonschritte einsingen. 16 Mal! Danach hat er alles übereinander gelegt und spielte Akkorde mit meiner Stimme auf den Keyboards, dem Neilotron. (lacht) Immer dann, wenn wir nicht mehr weiter wussten, sagte einer: Los, wirf mal das Neilotron an. Und sofort hatte man diese Chöre mit mir.
Lowe: Frag die deutsche Plattenfirma.
Tennant: Sie fanden, "I'm With Stupid" sei die bessere Single.
Lowe: Zu mir sagten sie, der Vocoder im Refrain sei zu elektronisch ...
Tennant: Ist das wirklich im Refrain?
Lowe: Klar: "M-I-N-I- ..."
Tennant: Das ist der einzige Vocoder-Part? Das war mir so gar nicht bewusst.
Lowe: Sie meinten jedenfalls, das ginge nicht mit dieser elektronisch verfremdeten Stimme. (lacht)
Tennant: Eigentlich singe ich da nur: "M-I-N-I-M-A-L / Minimal" ...
Stimmt, ich finde deinen Buchstabier-Style ja eh super, seit damals in "Shopping" vom 1987er-Album "Actually".
Tennant: Ich mache es auch wirklich erst zum zweiten Mal. Aber ich liebe es, einfach weil es so banal ist.
Lowe: Hehe.
Tennant: An "Minimal" mag ich besonders, dass die abfallende Tonfolge im Refrain bei mir die Assoziation eines Wasserfalls herauf beschwört, bei dem Wasser Schritt für Schritt die Klippen hinabgleitet. Der Song war noch nicht fertig, da wusste ich schon, dass es supercatchy wird. Und EMI liebte es auch sofort, oder naja, bis es eben hieß, es sei zu elektronisch. Als ich fragte: "Laufen Kraftwerk etwa nicht im Radio?", antworteten sie: "Nein". Stimmt das denn?
Ja. Die meisten deutschen Radiosender sind nicht gerade mutig, wenn man das so formulieren will.
Tennant: Kraftwerk laufen nicht im Radio ... mein Gott, es sollte gesetzlich festgeschrieben werden, dass Kraftwerk in Deutschland im Radio zu laufen hat.
Rammstein hört man auch fast nie.
Tennant: Was? Nicht mal im Pet Shop Boys-Remix?
Nein, viel zu progessiv.
Tennant: Oh come on, "Mein Teil" ist so ein großartiger Popsong. Und unser Remix war natürlich auch genial. Wir haben extra englische Lyrics reingepackt, für Amerika. (lacht)
Ähnlich der Entwicklung bei kleinen Labels gibt es mehr und mehr unabhängige Radiosender wie etwa unser Online-Radio, die sich nicht vorschreiben lassen, was sie spielen. Hier kommen dann auch die vernachlässigten Genres zum Tragen.
Lowe: Es gibt ja auch so viel gute Musik, die im Tagesprogramm der öffentlichen Radiosender nicht vorkommt. Und das ist immer der interessantere Teil.
Zurück zu eurer neuen Single: Es geht darin um ein ungleiches Pärchen, das deutliche Ähnlichkeiten mit Bush und Blair zeitigt, während in "Integral" die Labour Party-Idee einer verbindlichen Einführung von Personalausweisen kritisch bewertet wird. Seht ihr es heutzutage als wichtiger an, politisch Stellung zu beziehen?
Tennant: "I'm With Stupid" ist nicht in erster Linie politisch, es geht um Beziehungen. Aber es ist von Bush und Blair inspiriert. In erster Linie ist "I'm With Stupid" ein Witz, der auf T-Shirts gedruckt wird, und der besagt, dass die Person, die neben dir läuft, dumm ist.
Lowe: Ein armseliger Gag.
Tennant: Gut, aber ich stehe nunmal auf armselige Gags. Jedenfalls fand ich das bezüglich Blair und Bush ganz witzig, und dann sieht Bush ja auch noch genau so aus wie der Typ auf den Mad-Covers. Ich finde wirklich, er ist Alfred E. Neumann wie aus dem Gesicht geschnitten. Im Mittelteil kommt die Stelle "Is stupid really stupid or a different kind of smart", die meiner Ansicht nach einen treffenden Kommentar auf die amerikanische Politik darstellt. Warum seinerzeit Al Gore nicht die Wahl gewonnen hat ....
Lowe: Wieso, er hat doch gewonnen. (lacht)
Tennant: Gut. Nochmal: Der Grund, warum Al Gore seinerzeit die Wahl fälschlicherweise verloren hat, ist der: Er war zu politisch. Die Menschen mögen keine Politiker, die zu politisch sind. Da bin ich mir absolut sicher.
Lowe: Sie wollen den Typ von nebenan.
Tennant: Sie wollen Ronald Reagan. Zusammen mit Margaret Thatcher hätte der Song übrigens ebenso gut funktioniert: "Hey, I'm With Stupid".
Auf dem Album gibt es auch die Zeile: "Sometimes the solution is worse than the problem". Eine so traurige wie wahre Feststellung, übertragen auf den politischen Status Quo.
Tennant: Der Song behandelt das gesamte 20. Jahrhundert. Ich bin der Meinung, viele der heutigen Probleme finden in dieser Zeit ihren Ursprung. Nimm nur die Menschen in Afrika, denen wir im 19. Jahrhundert erklärten, wie sie zu sprechen hatten und deren natürliche Ressourcen wir ausbeuteten. Oder der heutige Irak, der von den Briten und den Franzosen installiert wurde. Für mich ist der Erste Weltkrieg der Schlüssel. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist eine der größten Tragödien in der Geschichte der Menschheit. So viele furchtbare Dinge basieren auf diesem Krieg: der russische Kommunismus, Hitler, ... Ich glaube, dass die technische Auswertung von Massenschlachtungen die Politiker für ihre Gräueltaten gefühllos machte.
Aber das begann auch schon im 19. Jahrhundert, als totalitaristische Köpfe an die Idee zu glauben begannen, menschliches Leben sei vernachlässigenswert. Und als schließlich die Kommunisten ans Ruder kamen, wollten sie natürlich an der Macht festhalten. Leider hieß ihr Mittel dafür: Terror. Doch sobald dir menschliches Leben nichts mehr wert ist, du Menschen hintergehst oder sie tötest, bist du verloren, da deine Macht nur noch durch Gewalt legitimiert ist. Nun, jedenfalls komme ich häufig zu der Feststellung, dass die Lösung schlimmer ist, als das Problem. Die Gesellschaft entwickelt sich meiner Ansicht nach am besten in organischen, langsamen Schritten. Das mag für viele unglaublich langweilig klingen, aber wenn man sich erfolgreiche Demokratien mal anschaut ...
Lowe: Dann geschieht es meist von innen. Du kannst den Menschen den Wechsel nicht aufzwingen. Und du kannst ihnen auch Demokratie nicht aufzwingen. Sie müssen es selbst wollen.
Kommen wir noch einmal zur Musik zurück: Ihr habt gerade den Madonna-Song "Sorry" geremixt. Als Dancefloor-Urväter interessiert mich natürlich euer Urteil über ihre "Confessions On A Dance Floor".
Tennant: Ich mag das Album nicht als ganzes, finde aber trotzdem, dass es eine gute Dance Pop-Platte ist. "Hung Up" ist großartig. An Madonna schätze ich besonders ihre Fähigkeit, den Songs textlichen Drive mitzugeben. Sie weiß, ihre Texte im richtigen Verhältnis zur Melodie zu setzen.
Lowe: Mir gefällt der Song, den sie über das ABBA-Sample geschrieben hat, besser als der ursprüngliche ABBA-Song. Das ist ein großer Verdienst, schließlich muss man es erst einmal schaffen, mit einem neuen Song den bekannten ABBA-Song aus den Köpfen zu kriegen. Besonders mit den Refrains hat sie es drauf. Es hat wirklich Spaß gemacht, an "Sorry" zu arbeiten, denn wenn du an einem Remix sitzt, dekonstruierst und analysierst du ihn. Das ist überhaupt der Grund, warum wir gerne remixen, um heraus zu finden, wie ein Song oder ein Arrangement funktioniert. Oder wie eine Strophe in einen Refrain mündet. Warum eine Melodie erhebend wirkt.
Hättet ihr also lieber "Hung Up" geremixt?
Beide: No!!!
Lowe: Niemals, "Hung Up" ist perfekt. "Sorry" war als Herausforderung schon groß genug.
Tennant: Rammstein zu remixen, ist allerdings noch interessanter. Aus einer Rockplatte eine Danceplatte zu machen ...
Lowe: ... etwas in eine ganz neue Richtung drehen.
Tennant: Deshalb wäre es auch cool gewesen, "Hung Up" in eine Rockversion zu überführen.
Lowe: Vielleicht bittet ja jemand die Arctic Monkeys, dies zu tun. Angeblich sollen ja die Sugababes einen Arctic Monkeys-Song gecovert haben, kennst du den?
Tennant: Ja, "I Bet You Look Good On The Dancefloor". Nun ja. Ein Cover halt, falsche Tonart. Schade.
Lowe: Hehe. Sie hätten die Arctic Monkeys eben anschreiben sollen: Könnt ihr den Song bitte in der Tonart für unsere Stimmen komponieren?
Tennant: Tja, die Arroganz der Jugend. Ist sie nicht entzückend?
Lowe: Bezaubernd.
Electric (2013)
The Most Incredible Thing (2011)
Cubism (2007)
A Life In Pop (2006)
Bilingual (1996), Alternative (1995), Disco 2 (1994), Relentless (1993), Very (1993), Discography (1991), Behaviour (1990), Introspective (1988)
| Mo | 01.07.2013 | Pet Shop Boys Dortmund (Westfalenhalle) | |
| Di | 09.07.2013 | Pet Shop Boys Zeltmusikfestival (Freiburg) | |
| Mi | 10.07.2013 | Pet Shop Boys Tollwood (München) | |
| Fr | 06.09.2013 | Pet Shop Boys Berlin Festival (Berlin) |
Schale Optik, Wahnsinnsinhalt: Du suchst Gleichgesinnte in Tschechien oder Japan? Hier entlang!
http://www.psb-discography.com
Trotz anderweitigen Titels eine PSB-Seite, die man fairerweise auch unter neiltennant.co.uk erreicht.
http://www.chrislowe.co.uk/
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