laut.de-Kritik

Buchstabieren Sie: Eine der Pop-Platten des Jahres.

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Als sich vor kurzem eine Million britische Fans innerhalb von 24 Stunden Tickets für die anstehende Take That-Tournee krallten, hatten sie wahrscheinlich nicht das Bedürfnis, endlich mal einer großen Elektro Pop-Show beizuwohnen. Doch da müssen die Armen jetzt durch.

"Progress" hält, was der Titel verspricht: Robbie kam nicht zurück, um mit seinen Ex-Buddies händchenhaltend im Chor zu trällern (obwohl er das auch tut). Sondern um Songs zu schreiben, die man mittlerweile weder ihm als Solokünstler noch den Barlow-Boys zugetraut hätte.

Man weiß nach den zehn Songs plus Hidden Track gar nicht, worüber man sich zuerst wundern soll: Dass Gary seine feisten Akustik-Balladen im Schrank gelassen hat? Dass die Gruppe mit der Platte einen Schritt wagt, den kaum eine Band in ihrer Position wagen würde? Oder dass das Quintett bereit ist, für die eigene musikalische Vision im schlimmsten Fall der Hardcore-Gefolgschaft (weiblich, 41,4 Jahre und mit Hang zu Vertrautem) in den Arsch zu treten?

Die Vorabsingle "The Flood" vereint noch am ehesten die alten mit den neuen Take That. Robbie und Gary führen durch den Song, dessen Hymnen-Refrain mal wieder mit dieser Cinematoscope-Geste bestückt ist, die schon bei den Vorzeige-Singles "Patience" (2006) und "Greatest Day" (2008) für runterhängende Kinnladen sorgte. Es heißt, Robbie habe sich in seinen Eremitenjahren in L.A. genau nach diesen Harmonien gesehnt.

Spätestens seit "Shame" wissen wir, dass er und Gary wieder richtig fett befreundet sind, die Yin und Yang des Boy-Pops quasi. Die Frage, auf welcher Ebene der ehemalige Banddiktator und der ehemalige Bandkasper zueinander fanden, ist mindestens ebenso spannend und unerklärbar, wie ihre zwei weiteren Song-Kollaborationen, das Bowie-Spiralen drehende "Pretty Things" und der mit leicht halluzinogener Underworld-Monotonie ausgestattete Trance-Pop in "Happy Now", zweifellos Höhepunkte der Platte.

Und was machen die anderen? Gerade Jason Orange, der einst aufgrund seiner Tanz-Skills in die Gruppe kam, stellt ja öfters mal die Sinnfrage, jetzt wo die Gruppe nicht mehr tanzt. Antwort: Er bestreitet den Hidden Track, ein sphärisch-schwebendes Stück, das sich gar nicht verstecken müsste. Everything changes but you? Aber hallo!

Howard Donald, bei dem man auch nie so genau weiß, welche Rolle er außer dem Anheben des Altersdurchschnitts eigentlich einnimmt, darf in "Affirmation" als Leadsänger ran, leider das schlechteste Stück der Platte. Und Mark Owen trieb das frisch erarbeitete Gruppengefühl zu der etwas zu freizügig geratenen Verarbeitung seiner Seitensprünge in "What Do You Want From Me". Andererseits: Mit Owens Wunsch "I still wanna have sex with you" dürfte sich so mancher Anhänger anfreunden können.

Owen ist dafür maßgeblich für den Glanz des eckigen Disco-Stomps "Kidz" zuständig, der etwas an Sam Sparros Grooves erinnert und einen der besten Refrains der Platte auffährt.

Dass es sich hier noch um die Take That von früher handelt, blitzt relativ selten auf, etwa im ausladenden Piano-Intro von "Wait", 100% klassischer Barlow. 30 Sekunden lang fließen die geschmeidigen Akkorde dahin wie in der Cappuccino-Werbung, und bis vor kurzem wusste man noch haargenau, wie dieser Take That-Song weiter geht. Doch auf "Progress" grätscht ein Drumcomputer die Barlow-Romantik ab und lässt Robbie auf einem minimalen Roland-Beat stolzieren, bevor ein warmer Pet Shop Boys-Regen fällt.

Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie, dass Robbie erst zu Take That zurück kehren musste, um das Album zu machen, das er mit "Rudebox" versprochen hatte.

Der Einfluss, den Sound-Architekt Stuart Price auf die Platte ausübte, ist offensichtlich, sollte aber nicht überhöht werden. Das von ihm produzierte Killers-Album "Day & Age" veranlasste Barlow zwar zur Kontaktaufnahme, die Songs hatte er jedoch schon vorher geschrieben. Der dicke Balladen-Barlow, man glaubt es auch nach dem dritten Hören noch nicht. Denn nach wie vor steht er bei Take That hinterm Steuer, Robbie nennt ihn sogar den "Captain".

Wie man es auch dreht und wendet: "Progress" zählt zu den Pop-Platten des Jahres. Priceless - trotz Price! "There's progress now / where there once was none / then everything came along", heißt es in "The Flood". Man muss ja nicht alles erklären können.

Trackliste

  1. 1. The Flood
  2. 2. SOS
  3. 3. Wait
  4. 4. Kidz
  5. 5. Pretty Things
  6. 6. Happy Now
  7. 7. Underground Machine
  8. 8. What Do You Want From Me
  9. 9. Affirmation
  10. 10. Eight Letters
  11. 11. Flower Bed (Hidden Track)

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