Porträt

laut.de-Biographie

Blur

So verschwommen ("to blur") sind die Mitglieder von Blur gar nicht. Alles beginnt damit, dass der Sänger und Songwriter Damon Albarn Anfang der 80er Jahre als Student der Musik und Schauspielerei mit seinem in Deutschland geborenen Schulkameraden Graham Coxon die Möglichkeit einer Bandgründung erörtert. Als Ende der 80er Bassist Alex James und Trommler Dave Rowntree hinzustoßen, steht dem Projekt nichts mehr im Wege.

Zunächst läuft alles unter dem Namen Seymour. Musikalisch sind die vier jungen Briten noch eher in Sachen Punk unterwegs. 1989 steht dann der neue endgültige Name fest. Im Zuge des frühen Rave-Fiebers um die Stone Roses folgt der Plattenvertrag bei Food Records auf dem Fuß. Die erste Single "She's So High" erregt jedoch kaum Aufsehen. Erst der Nachfolgetrack "There's No Other Way" im eingängigen Indie-Style begeistert ein größeres Publikum.

Nicht zuletzt für den Erfolg verantwortlich ist der bekannte Produzent Stephen Street, der auch schon für die Smiths, Morrissey und The Cranberries gearbeitet hat. Bis 1997 sitzt er für Blur hinter den Reglern.

Das Debütalbum "Leisure" erscheint im Sommer 1991. Einflüsse von Pink Floyd und den Liverpooler Pilzköpfen werden sogleich diskutiert. Es folgt eine lange Tournee, die gegen Ende in den USA immer desaströser gerät, als sich die selten nüchternen Bandmitglieder beinahe gegenseitig an die Gurgel gehen. Der düstere Song "1992" auf dem '99er Album "13" erinnert später an diese ebenso düstere Zeit.

Doch man rauft sich zusammen. Mit dem zweiten Album "Modern Life Is Rubbish" von 1993 etablieren sich Blur im Königreich als Hoffnungsträger des Britpop, ein Versprechen, das das Quartett ein Jahr darauf mit "Parklife" prompt einlöst.

Hitsingles wie "Girls & Boys", das sogar die Pet Shop Boys remixen, sowie der Albumtrack sorgen auch in Resteuropa für Furore. Neben reichlich Kritikerzuspruch hagelt es 1995 dann auch Trophäen: Blur gewinnen sagenhafte vier Brit Awards. Der Song "Parklife" wird als beste Single und als bestes Video ausgezeichnet, der Longplayer wird zum besten Album und Blur zur besten Band gekürt.

Als bester Newcomer kommt 1995 übrigens eine Band namens Oasis zum Zuge, die im Folgejahr immerhin drei Awards für ihr zweites Album "What's The Story Morning Glory" einheimst. Jenes Werk erscheint Ende des Jahres 1995 zeitgleich mit dem Blur-Album "The Great Escape", was die englische Presse veranlasst, eine mediale Schlammschlacht in der Art der Beatles/Stones-Fehde der 60er Jahre anzufachen.

Im Mittelpunkt steht die Frage, welcher der beiden großen Hoffnungsträger britischer Popmusik wohl die legitime Beatles-Nachfolge antreten wird. Beide Bands verkörpern im Sinne des neu entwickelten Nationalbewusstseins von nun an die Britpop-Bewegung, obwohl der Sound doch eigentlich ziemlich wenig Gemeinsamkeiten aufweist.

Tatsache ist aber auch, dass beide Bands vom Medienrummel profitieren, so dass man auch Blurs ersten beiden Alben über britische Grenzen hinaus Beachtung schenkt. Das Geheimnis ihres Erfolgs: eingängige Melodien, beatleske Chöre, Plastikkeyboards neben Alphörnern und die erklärten Einflüsse von Heroen des Königreichs Marke Bowie, Madness und Kinks.

Obwohl sich "The Great Escape" nicht tausendfach verkauft wie der Oasis-Zweitling, erweitern Blur darauf ihre Vorstellung von Pop um ausgefeiltere Kompositionen und noch absurdere Arrangements. Mit "Country House" und "Charmless Man" finden sich auch wieder Hits für die Masse.

1997 dann der Break: Blur werfen Pomp und Glimmersound über Bord und lassen die Gitarren sprechen. "Song 2" wird vor allem in den USA zum Clubhit und zeigt die Band von einer bis dahin unbekannten, harten Seite, was sogar gestandene Rockbarden wie Dave Wyndorf beeindruckt. Mittlerweile arbeiten Blur mit Producer William Orbit zusammen, der auch für Madonnas "Ray Of Light" verantwortlich zeichnete.

Mit dem zugehörigen Album "13" zeigen die Briten, dass sonstwie geartete Britpop-Images ein für allemal ausgedient haben. Songs wie "Bugman" oder "B.L.U.R.E.M.I" verweisen deutlich auf die Punkwurzeln der Gruppe.

Traurig-narkotische Popballaden, die Albarns Trennung von der langjährigen Partnerin und Elastica-Sängerin Justine Frischman thematisieren ("No Distance Left To Run"), bestimmen das Gesamtbild. Einzig "Tender" legt unter Mitwirkung eines Gospel-Chors noch einmal die melodischen Stärken der Band offen.

Im neuen Jahrtausend beschäftigen sich die vier smarten Engländer zunächst mit ihren Nebenprojekten. Graham bringt sein zweites Soloalbum "The Golden D" heraus, den Nachfolger des 1998 erschienenen "The Sky Is Too High". 2000 erscheint denn auch die erste "Best Of"-Scheibe der Band mit dem Bonus-Track "Music Is My Radar". Die gemeinsame Aufnahme beendet allerdings nicht die Blur-Pause.

Coxon veröffentlicht ein weiteres Soloalbum, Damon Albarn ist mit dem Überraschungserfolg der Gorillaz mehr als ausgelastet. Erst Ende 2001 kommen alle vier wieder im Studio zusammen, um für das neue Album von Marianne Faithfull den Song "Kissin Time" gemeinsam mit der 60s-Ikone aufzunehmen.

Im Mai 2002 nehmen Blur das siebte Studiowerk in Angriff. Schon im September mehren sich allerdings Gerüchte, wonach Gitarrist Coxon bei den Aufnahmen in Marokko, denen auch Produzent Fatboy Slim beiwohnt, gar nicht anwesend sei. Ja, dass er vielmehr ausgestiegen sei. Blur-Manager Chris Morrison dementiert prompt, doch kurz darauf lässt Coxon gegenüber dem Q-Magazine die Bombe selbst platzen: Er habe die Band verlassen, nachdem ihn der Manager aufgefordert habe, seine Alkohol- und Drogenprobleme in den Griff zu bekommen.

Auch ohne Coxon bringen Albarn und Co. mit "Think Tank" ein hochklassiges Album zustande, das im Mai 2003 in die Läden gelangt. Es verbindet die Experimentierfreude des Vorgängers mit einer weltmusikalischen Entspanntheit.

Nach langer Auszeit geht das Quartett mit sechs zusätzlichen Musikern (Percussion, Backgroundgesang und natürlich Gitarre) wieder auf Tournee, die in acht Monaten um die ganze Welt führt. Aufgrund der positiven Resonanz und aufgeladener Akkus setzen sich die Bandmitglieder gleich anschließend wieder an neue Songs, die 2004 in Form einer EP erscheinen sollen - was sich letztlich jedoch als Albarns Soloprojekt "Democrazy" entpuppt.

Hauptsächlich werkelt er wieder mit seinen neuen Gorillaz-Partnern an Songs, die 2005 auf dem Album "Demon Days" erscheinen. Auch anschließend bleibt das Thema Blur erstmal Nebensache, so dass Workaholic Albarn im Spätsommer 2006 seine neue Band vorstellt, in der neben Paul Simonon (Ex-The Clash) und Tony Allen auch Simon Tong (Ex-The Verve) mitspielt, der Blur schon 2003 als Coxon-Ersatz begleitete.

Das zunächst nur als Albumtitel angedachte The Good, The Bad & The Queen entwickelt sich schließlich zum Bandnamen. Zur gleichen Zeit äußert sich Blur-Basser Alex James in einem Interview sehr zuversichtlich, dass 2007 ein neues Blur-Album in Angriff genommen werden könnte, vielleicht sogar unter Mitwirkung des ausgestiegenen Gitarristen Graham Coxon.

Im Januar 2007 nährt James die Hoffnung vieler Fans gegenüber der Sunday Times mit dem Verweis auf ein Treffen mit Coxon. Dieser zeige sich zumindest nicht abgeneigt. Dennoch steht und fällt wohl alles mit den Plänen von Tausendsassa Albarn. Der weiß nämlich bekanntlich nicht wohin mit seiner kreativen Energie, während James samt Ehefrau Claire Neate und 400 Schafen gemütlich auf einer Farm in der britischen Naturregion Chipping Norton wohnt, wo er sogar eigenen Käse herstellt.

Nicht Albarn, sondern Graham Coxon zerschlägt schließlich vorerst die Hoffnungen der Fans, als er im Januar 2008 im Interview mit dem NME die Reunion-Gerüchte dementiert. Alles Pustekuchen! Ein Jahr später tritt die Band zum ersten Mal nach neun Jahren wieder gemeinsam auf. Als Headliner beim Glastonbury Festival und bei zwei Konzerten im Londoner Hyde Park werden sie lautstark abgefeiert, wie der Dokumentarfilm "No Distance Left To Run" belegt.

"Fool's Gold" ist 2010 der erste gemeinsame Song in Originalbesetzung seit 2003 und der Startpunkt für weitere Kollektiv-Erlebnisse: 2012 werden Blur bei den Brit Awards für ihr Lebenswerk geehrt. Im selben Jahr treten sie mit New Order und den Specials auf der Abschlusszeremonie der Olympischen Sommerspiele im Londoner Hyde Park statt.

Interviews

Blur: "Damon sollte eingeliefert werden!"

März 2003 "Damon sollte eingeliefert werden!"

Interview von Vicky Butscher

Dave Rowntree, besser bekannt als "der Drummer von Blur", sitzt in England vorm Rechner und wartet auf Fragen. LAUT-Redakteurin Vicky Butscher erfüllt ihm diesen Wunsch natürlich gerne. Vor dem Chat durfte sie exklusiv vier Tracks des im Mai erscheinenden Blur-Albums "Think Tank" hören. (0 Kommentare)

News

Alben

Blur - 13: Album-Cover
  • Leserwertung: 5 Punkt
  • Redaktionswertung: 4 Punkte

1999 13

Kritik von Alexander Cordas

Das einzig Berechenbare am neuen Blur-Sound ist die Unberechenbarkeit (0 Kommentare)

Blur - Parklife: Album-Cover
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1994 Parklife

Kritik von Sven Kabelitz

Diese Platte spülte unsere Ohren vom Ballast des Grunge frei. (0 Kommentare)

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