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So verschwommen ("to blur") sind die Mitglieder von Blur gar nicht. Alles beginnt damit, dass der Sänger und Songwriter Damon Albarn Anfang der 80er Jahre als Student der Musik und Schauspielerei mit seinem in Deutschland geborenen Schulkameraden Graham Coxon die Möglichkeit einer Bandgründung erörtert. Als Ende der 80er Bassist Alex James und Trommler Dave Rowntree hinzustoßen, steht dem Projekt nichts mehr im Wege.
Zunächst läuft alles unter dem Namen Seymour. Musikalisch sind die vier jungen Briten noch eher in Sachen Punk unterwegs. 1989 steht dann der neue endgültige Name fest. Im Zuge des frühen Rave-Fiebers um die Stone Roses folgt der Plattenvertrag bei Food Records auf dem Fuß. Die erste Single "She's So High" erregt jedoch kaum Aufsehen. Erst der Nachfolgetrack "There's No Other Way" im eingängigen Indie-Style begeistert ein größeres Publikum.
Nicht zuletzt für den Erfolg verantwortlich ist der bekannte Produzent Stephen Street, der auch schon für die Smiths, Morrissey und The Cranberries gearbeitet hat. Bis 1997 sitzt er für Blur hinter den Reglern.
Das Debütalbum "Leisure" erscheint im Sommer 1991. Einflüsse von Pink Floyd und den Liverpooler Pilzköpfen werden sogleich diskutiert. Es folgt eine lange Tournee, die gegen Ende in den USA immer desaströser gerät, als sich die selten nüchternen Bandmitglieder beinahe gegenseitig an die Gurgel gehen. Der düstere Song "1992" auf dem '99er Album "13" erinnert später an diese ebenso düstere Zeit.
Doch man rauft sich zusammen. Mit dem zweiten Album "Modern Life Is Rubbish" von 1993 etablieren sich Blur im Königreich als Hoffnungsträger des Britpop, ein Versprechen, das das Quartett ein Jahr darauf mit "Parklife" prompt einlöst.
Hitsingles wie "Girls & Boys", das sogar die Pet Shop Boys remixen, sowie der Albumtrack sorgen auch in Resteuropa für Furore. Neben reichlich Kritikerzuspruch hagelt es 1995 dann auch Trophäen: Blur gewinnen sagenhafte vier Brit Awards. Der Song "Parklife" wird als beste Single und als bestes Video ausgezeichnet, der Longplayer wird zum besten Album und Blur zur besten Band gekürt.
Als bester Newcomer kommt 1995 übrigens eine Band namens Oasis zum Zuge, die im Folgejahr immerhin drei Awards für ihr zweites Album "What's The Story Morning Glory" einheimst. Jenes Werk erscheint Ende des Jahres 1995 zeitgleich mit dem Blur-Album "The Great Escape", was die englische Presse veranlasst, eine mediale Schlammschlacht in der Art der Beatles/Stones-Fehde der 60er Jahre anzufachen.
Im Mittelpunkt steht die Frage, welcher der beiden großen Hoffnungsträger britischer Popmusik wohl die legitime Beatles-Nachfolge antreten wird. Beide Bands verkörpern im Sinne des neu entwickelten Nationalbewusstseins von nun an die Britpop-Bewegung, obwohl der Sound doch eigentlich ziemlich wenig Gemeinsamkeiten aufweist.
Tatsache ist aber auch, dass beide Bands vom Medienrummel profitieren, so dass man auch Blurs ersten beiden Alben über britische Grenzen hinaus Beachtung schenkt. Das Geheimnis ihres Erfolgs: eingängige Melodien, beatleske Chöre, Plastikkeyboards neben Alphörnern und die erklärten Einflüsse von Heroen des Königreichs Marke Bowie, Madness und Kinks.
Obwohl sich "The Great Escape" nicht tausendfach verkauft wie der Oasis-Zweitling, erweitern Blur darauf ihre Vorstellung von Pop um ausgefeiltere Kompositionen und noch absurdere Arrangements. Mit "Country House" und "Charmless Man" finden sich auch wieder Hits für die Masse.
1997 dann der Break: Blur werfen Pomp und Glimmersound über Bord und lassen die Gitarren sprechen. "Song 2" wird vor allem in den USA zum Clubhit und zeigt die Band von einer bis dahin unbekannten, harten Seite, was sogar gestandene Rockbarden wie Dave Wyndorf beeindruckt. Mittlerweile arbeiten Blur mit Producer William Orbit zusammen, der auch für Madonnas "Ray Of Light" verantwortlich zeichnete.
Mit dem zugehörigen Album "13" zeigen die Briten, dass sonstwie geartete Britpop-Images ein für allemal ausgedient haben. Songs wie "Bugman" oder "B.L.U.R.E.M.I" verweisen deutlich auf die Punkwurzeln der Gruppe.
Traurig-narkotische Popballaden, die Albarns Trennung von der langjährigen Partnerin und Elastica-Sängerin Justine Frischman thematisieren ("No Distance Left To Run"), bestimmen das Gesamtbild. Einzig "Tender" legt unter Mitwirkung eines Gospel-Chors noch einmal die melodischen Stärken der Band offen.
Im neuen Jahrtausend beschäftigen sich die vier smarten Engländer zunächst mit ihren Nebenprojekten. Graham bringt sein zweites Soloalbum "The Golden D" heraus, den Nachfolger des 1998 erschienenen "The Sky Is Too High". 2000 erscheint denn auch die erste "Best Of"-Scheibe der Band mit dem Bonus-Track "Music Is My Radar". Die gemeinsame Aufnahme beendet allerdings nicht die Blur-Pause.
Coxon veröffentlicht ein weiteres Soloalbum, Damon Albarn ist mit dem Überraschungserfolg der Gorillaz mehr als ausgelastet. Erst Ende 2001 kommen alle vier wieder im Studio zusammen, um für das neue Album von Marianne Faithfull den Song "Kissin Time" gemeinsam mit der 60s-Ikone aufzunehmen.
Im Mai 2002 nehmen Blur das siebte Studiowerk in Angriff. Schon im September mehren sich allerdings Gerüchte, wonach Gitarrist Coxon bei den Aufnahmen in Marokko, denen auch Produzent Fatboy Slim beiwohnt, gar nicht anwesend sei. Ja, dass er vielmehr ausgestiegen sei. Blur-Manager Chris Morrison dementiert prompt, doch kurz darauf lässt Coxon gegenüber dem Q-Magazine die Bombe selbst platzen: Er habe die Band verlassen, nachdem ihn der Manager aufgefordert habe, seine Alkohol- und Drogenprobleme in den Griff zu bekommen.
Auch ohne Coxon bringen Albarn und Co. mit "Think Tank" ein hochklassiges Album zustande, das im Mai 2003 in die Läden gelangt. Es verbindet die Experimentierfreude des Vorgängers mit einer weltmusikalischen Entspanntheit.
Nach langer Auszeit geht das Quartett mit sechs zusätzlichen Musikern (Percussion, Backgroundgesang und natürlich Gitarre) wieder auf Tournee, die in acht Monaten um die ganze Welt führt. Aufgrund der positiven Resonanz und aufgeladener Akkus setzen sich die Bandmitglieder gleich anschließend wieder an neue Songs, die 2004 in Form einer EP erscheinen sollen - was sich letztlich jedoch als Albarns Soloprojekt "Democrazy" entpuppt.
Hauptsächlich werkelt er wieder mit seinen neuen Gorillaz-Partnern an Songs, die 2005 auf dem Album "Demon Days" erscheinen. Auch anschließend bleibt das Thema Blur erstmal Nebensache, so dass Workaholic Albarn im Spätsommer 2006 seine neue Band vorstellt, in der neben Paul Simonon (Ex-The Clash) und Tony Allen auch Simon Tong (Ex-The Verve) mitspielt, der Blur schon 2003 als Coxon-Ersatz begleitete.
Das zunächst nur als Albumtitel angedachte The Good, The Bad & The Queen entwickelt sich schließlich zum Bandnamen. Zur gleichen Zeit äußert sich Blur-Basser Alex James in einem Interview sehr zuversichtlich, dass 2007 ein neues Blur-Album in Angriff genommen werden könnte, vielleicht sogar unter Mitwirkung des ausgestiegenen Gitarristen Graham Coxon.
Im Januar 2007 nährt James die Hoffnung vieler Fans gegenüber der Sunday Times mit dem Verweis auf ein Treffen mit Coxon. Dieser zeige sich zumindest nicht abgeneigt. Dennoch steht und fällt wohl alles mit den Plänen von Tausendsassa Albarn. Der weiß nämlich bekanntlich nicht wohin mit seiner kreativen Energie, während James samt Ehefrau Claire Neate und 400 Schafen gemütlich auf einer Farm in der britischen Naturregion Chipping Norton wohnt, wo er sogar eigenen Käse herstellt.
Nicht Albarn, sondern Graham Coxon zerschlägt schließlich vorerst die Hoffnungen der Fans, als er im Januar 2008 im Interview mit dem NME die Reunion-Gerüchte dementiert. Alles Pustekuchen! Ein Jahr später tritt die Band zum ersten Mal nach neun Jahren wieder gemeinsam auf. Als Headliner beim Glastonbury Festival und bei zwei Konzerten im Londoner Hyde Park werden sie lautstark abgefeiert, wie der Dokumentarfilm "No Distance Left To Run" belegt.
"Fool's Gold" ist 2010 der erste gemeinsame Song in Originalbesetzung seit 2003 und der Startpunkt für weitere Kollektiv-Erlebnisse: 2012 werden Blur bei den Brit Awards für ihr Lebenswerk geehrt. Im selben Jahr treten sie mit New Order und den Specials auf der Abschlusszeremonie der Olympischen Sommerspiele im Londoner Hyde Park statt.
Hört hört: "Wir sind zu alt, um für junge Menschen zu sprechen"
Ein Gespräch mit den The Good The Bad & The Queen-Starmitgliedern Damon Albarn und Paul Simonon über eine Existenz ohne Musikvideos, Songwriting im Kollektiv und die Youtube-Generation.
Alltag im Musikjournalismus: Eine geile Band kommt auf Tournee, die man unbedingt interviewen möchte. Das Label hat dann wiederum die Aufgabe, einem mitzuteilen, dass man mit diesem Wunsch nicht alleine dasteht. So geschehen bei The Good, The Bad & The Queen. Verständlich für all jene, die die Namen Paul Simonon und Damon Albarn musikhistorisch einzuordnen wissen. Der eine ist Maler und war früher mal Bassist bei The Clash, der andere ist Gorillaz-Erfinder und Sänger von Blur, letzteres zumindest noch auf dem Papier.
Alleine an ihm liegt es zu entscheiden, wann bzw. ob er je wieder ein Blur-Album aufnimmt. Geplant ist derzeit nichts. Außerdem musizieren bei The Good, The Bad & The Queen die Herren Simon Tong, ehemals The Verve-Gitarrist und bei Blur Live-Ersatz für Graham Coxon, sowie Tony Allen. Der 66-jährige Drummer gilt als legendärer Erfinder des Afrobeats, wie Albarn in keinem Interview müde wird zu betonen (auch in unserem nicht).
Das Label bietet mir im Vorfeld aufgrund der knappen Promozeit einen so genannten Roundtable an, was auf der Beliebtheitsskala von Journalisten ungefähr knapp hinter Soundfile-Bemusterung rangiert. Aber da muss man jetzt durch. Damon und Gitarrist Simon sollen meine Gesprächspartner sein, was für mich als alten Blur-Fan natürlich reizvoll genug klingt, dem zweiten Roundtable seit 2003 mit Martin Gore beizuwohnen. Als Albarn dann auch noch in Begleitung von Clasher Paul Simonon den "Girls"-Dressing Room im Berliner Postbahnhof betritt, ist die Freude natürlich groß. Simonon schloss sich kurzerhand lieber seinem Sänger an, als der Label-Vereinbarung zu folgen, mit Tony Allen eine Gruppe zu bilden. Clash of the titans, also (huar).
Nun liegt es jedoch im Wesen eines Roundtables, dass jeder Teilnehmer seine eigens erdachten Fragen möglichst fett rausballern will sowie in der Natur der Sache, dass die individuellen Recherchen zum Thema qualitativ, sagen wir, schwerstens individuell ausfallen. So auch hier: das Gespräch ist eine Art Miniatur-Pressekonferenz, was für den immer wieder als Journalistenschreck hochgeschriebenen Damon Albarn erfreulicherweise überhaupt kein Problem darstellt, schon gar nicht für seinen ohnehin schwer lässigen Kollegen Simonon.
Mit 30-minütiger Verspätung - nach dem ersten Interview mit MTV hatte das Abendessen Vorrang - läuft das Star-Doppel im edlen Nadelstreifen-Partnerlook ein und nimmt vor drei ausgestreckten Radiomikros und einem vergleichsweise unscheinbaren Tischmikro meinerseits Platz. Die Atmosphäre ist angenehm, beide stellen sich den lästigen Anforderungen der Albumpromotion professionell und nicken höflich, als unserer Vierergruppe kurze Zeit später noch zwei weitere Pressekollegen zugelotst werden, die sich mit ihren situativen Gesprächspartnern Simon Tong und Tony Allen dann doch etwas verarscht vorgekommen sein müssen. "Pull up a seat", raunt ihnen Damon mit überraschend tiefer Stimme zu, die in Kombination mit seinen massiven Augenringen eine Ahnung dessen vermittelt, wie der Körper auf den Lifestyle eines Workaholics reagiert.
Es ist bei aller gegenteiliger Annahme gar nicht so ein ungleiches Paar, das da vor einem sitzt. Auf der einen Seite der 51-jährige, in Brixton aufgewachsene Simonon, Typ lässig-sympathischer Kneipenbuddy, mit einem baumelnden Schlüssel an einer silbernen Halskette, drei Goldringen an der rechten Hand, einem schwarzem Kunststoff-Hut und einer reizenden Zahnlücke. Daneben der dem gehobenen Bürgertum entstammende, 38-Jährige Albarn, ein Peace-Button am Jacket-Revers und einen auf den silbernen Siegelring farblich abgestimmten, schnörkellosen Armreif tragend. Und weils an Simonon nun wirklich geil aussieht, scheint sich auch Albarn kurzerhand für einen Zahnlücken-Look entschieden zu haben, was die Verbundenheit auf die Spitze treibt.
Auch abends auf der Bühne sind es nur Albarn und Simonon, die ausschweifend Kippen rauchen und zwischen den Songs scherzen. Tony Allen wird von Albarn zumindest noch mit motivierenden Blicken bedacht, während Gitarrist Simon Tong vom Geschehen unbeteiligt am Bühnenrand seine Arbeit verrichtet und somit ungewollt die in der Öffentlichkeit verbreitete Ansicht zementiert, im Star-Kollektiv nicht mehr als Albarns Wasserträger zu sein. Dabei ist er noch vor Simonon in der Band gewesen. Nachdem Drummer Allen für dessen "Homecooking"-Album im Jahr 2002 Albarn kontaktierte, jammte man über ein Jahr gelegentlich in Albarns Londoner "13"-Studio, bevor beide mit Simon in die nigerianische Hauptstadt Lagos flogen. "Dort nahmen wir ein Album mit 22 nigerianischen Musikern auf, mit einer richtigen Big Band. Das Ergebnis klang dann so durch und durch nigerianisch, dass ich mich erstmal eher zurück hielt", erinnert sich Albarn.
"Wir kamen wieder nach Hause und ich verwarf das Album. Erst als ich mit Danger Mouse am Gorillaz-Album arbeitete, meinte er, wir sollten uns mal den ein oder anderen Track vornehmen. Das Problem an den Aufnahmen in Nigeria war auch, dass viele Musiker sich sehr an Tony Allen orientierten, verständlicherweise, denn er ist der Godfather des Afrobeats. Daher klang die Musik nicht neu genug. Dann kam mir eben die Idee, Paul anzurufen und ihn zu fragen, ob er mal vorbeischauen wollte. Es war reiner Zufall, dass er nur ein paar Straßen bei mir ums Eck wohnte. Ab diesem Zeitpunkt waren wir eine Band, in der jedes Mitglied gleichberechtigt Songideen einbrachte. So entstand alles. Es war ein langer Prozess, insgesamt fast fünf Jahre."
Den Bass nahm Paul, dem die "Guns Of Brixton"-Version von Nouvelle Vague im Übrigen gut gefällt, tatsächlich nur wegen Damon wieder in die Hand: "Ich schätze Damons Musik sehr und auch seine Gedanken als Mensch. Ich fand es zum Beispiel gut, dass er seinerzeit die Einladung, in die Downing Street Nr. 10 zu kommen, ablehnte und der Partei eine Absage schickte. Das ist ein Standpunkt, den ich teile. Und musikalisch ist es eben das, was ich mag. Seine Anfrage kam außerdem zu einem Zeitpunkt, als ich gerade das Gefühl hatte, ich könnte noch etwas anderes tun. Weißt du, wenn man immer nur Leinwände anmalt, tut es auch mal gut innezuhalten und sich an einer Skulptur zu versuchen. Oder eben Musik zu machen", findet Simonon. Produzent Danger Mouse kommt bei The Good The Bad & The Queen die Rolle eines fünften Bandmitglieds zuteil, durfte er doch in Eigenregie entscheiden, welche Tracks überhaupt aufs Album kommen. Damon spricht von ihm während des Gesprächs übrigens als Danger Mouse, Paul nennt ihn bei seinem Geburtsnamen Brian.
Ob der Sound von The Good The Bad & The Queen für die Kids von heute eine tiefere Bedeutung haben könnte, wissen beide nicht zu beantworten. "Keine Ahnung, wir sind zu alt, um für junge Menschen sprechen zu können", grinst Simonon. Die Bedeutung der Internet- und Blogszene für das Bekanntwerden ihrer Band ist ihnen dagegen sehr wohl bewusst, insbesondere natürlich Albarn: "Wir haben ja nichts, womit die kommerziellen Radiosender arbeiten können und wir drehen auch keine Videos, die auf MTV laufen könnten. Also mussten wir einen anderen Weg finden, um an die Leute zu kommen. Aus dieser Perspektive betrachtet ist es eine sehr moderne Platte. Dass die ganze Blog-Landschaft über uns berichtet hat und man uns auf Youtube sehen konnte, war eine sehr positive Erfahrung für uns." Daraus resultierend kommt Albarn zu dem optimistischen Schluss: "Du kannst heute auch mit guter Musik überleben. Zwar wirst du dir keinen Bentley leisten können, aber du kannst damit leben und mit der guten Musik wachsen."
Sagt sich natürlich immer leichter, wenn man sich schon eine Handvoll Bentleys leisten kann, klar. Doch lässt sich aus der Antwort auch Albarns Ekel vor dem inhaltsleeren Massenpop unserer Tage ablesen. Gleichzeitig müssen sich junge Bands von heute noch immer an Verkaufszahlen orientieren, um ihren Marktwert, ihren Erfolg bemessen zu können. Albarn selbst hat da inzwischen andere Kriterien: "Es ist schön, dass unsere Platte ganz gut anzukommen scheint, aber Erfolg bemisst sich doch eher danach, wie lange wir noch in der Band miteinander klarkommen und ob die Platte auch in zehn Jahren noch als gutes Album angesehen wird."
Apropos Bandzukunft; trotz Albarns ständiger Verwandlungen könnte es tatsächlich zu einem zweiten Album der Supergroup kommen. Genug Songs seien schon vorhanden und selbst Albarn ist der Idee nicht abgeneigt. Die Hauptsache sei, wer hätte es gedacht, dass man sich nicht wiederhole, denn so zerstöre man all die gute Arbeit, die zuvor abgeliefert wurde, weiß Albarn. Da auch die Gorillaz ein zweites Album einspielten, könnte es also durchaus zu einer Neuauflage der "political love songs" kommen, wie Albarn seine Kompositionen für TGTBATQ selbst umschreibt. Zumal die Message eines politischen Songs im Vergleich zu den 60er Jahren heutzutage kaum noch Gewicht habe. "Politische Bands von heute, sofern es überhaupt noch welche gibt, agieren meist sehr dogmatisch und vergessen, dass es bei der Musik um Schönheit geht und nicht ums Predigen", so Albarn.
Zu den 60ern hat der Blur-Sänger ohnehin eine enge Beziehung und komponierte sogar Songs für die letzten beiden Alben der damaligen Jagger-Geliebten Marianne Faithfull. Ein Song davon, "Green Fields", fand nun auch den Weg auf das TGTBATQ-Debütalbum. Laut Albarn purer Zufall: "Ich habe den Song nicht wirklich für Marianne komponiert. Ursprünglich dachte ich damals (2004), ich würde ihn irgendwann mal mit ihr im Duett singen. Aber das ist dann nie passiert. Ich hatte schon wieder vergessen, dass ich ihn überhaupt geschrieben habe, als sie eines Abends bei mir war und mir nochmal das Demo vorspielte. Der Song kam dann sehr spät in die Tracklist rein, passte aber hervorragend zur Stimmung auf unserer Platte."
Erlaubt ist also so ziemlich alles im Universum des Herrn Albarn, so lange es nur der Atmosphäre zuträglich ist und in irgendeiner Form neue Wege betritt. So ließ die Band ihr Konzert im Herbst 2006 in London mitfilmen, obwohl es insgesamt erst der vierte Auftritt in dieser Besetzung war. Eine Art "globale Probe", erinnert sich Albarn, was aber durchaus auch seine guten Seiten habe. "Manchmal ist es gut, sich total zu öffnen. Daran könnten sich auch Regierungen mal ein Beispiel nehmen, denn wenn du nichts zu verbergen hast, geht es dir auch gut." Das Quartett will in diesem Jahr noch einmal für Konzerte nach Europa kommen.
Dave Rowntree, besser bekannt als "der Drummer von Blur", sitzt in England vorm Rechner und wartet auf Fragen. LAUT-Redakteurin Vicky Butscher erfüllt ihm diesen Wunsch natürlich gerne. Vor dem Chat durfte sie exklusiv vier Tracks des im Mai erscheinenden Blur-Albums "Think Tank" hören.
Seit 1999 hatte man – außer der Single "Music Is My Radar" – nichts Neues mehr von den Wahl-Londonern gehört. Nur Gerüchte, Gerüchte und noch mal Gerüchte. Aber dazu möchte Blur-Drummer Dave Rowntree später lieber selber Stellung nehmen. Vor dem Interview durfte ich exklusiv vier Tracks des am 5. Mai erscheinenden Albums "Think Tank" hören. Ein Hinweis darauf, dass Dave am liebsten über die neue Scheibe sprechen möchte. Ein Wunsch, den ich ihm natürlich nicht ausschließlich erfüllen kann. Obwohl mich schon interessiert, wie groß der Einfluss von Fatboy Slim auf die Produktion war ...
"Out Of Time" wird als Vorabsingle am 14. April veröffentlicht und klingt aufmunternd positiv. Zunächst Geschrei und Bar-Geplapper, wie es schon auf "Parklife" zu hören war. Dann beginnt der ruhige, sehr rohe, dabei aber extrem klar klingende Song, der sicher auf dem schönen, ja sanften Bassspiel ruht. Doch in die Ruhe hinein brechen immer wieder schräge Tendenzen, leicht verdaulich ist das Stück nicht. Über diese Unruhe legt sich beruhigend die wunderbar ausgefeilte Gesangslinie. Alles in allem nicht gerade einfache Kost, die man – so weit ich das nach vier gehörten Tracks beurteilen kann - auf "Think Tank" sowieso lange suchen wird.
Es folgt "Crazy Beat". Elektronisch geht's hier zu, die Stimmen sind durch den Vocoder gejagt. Nach einiger Zeit legen sich Gitarren darüber, die verdächtig nach den Sex Pistols klingen. Das passt gar nicht so schlecht und hört sich nicht nach Bastard Pop, sondern nach einer homogenen Einheit an. Im Verlauf des Songs wechseln sich elektro- mit gitarrenlastigen Parts ab. Am Schluss überwiegt aber der Punkrock.
Und nun der "Good Song". Schon wieder so ein dämlicher Songtitel. Aber der Track hat den Namen verdient, so ruhig und gutmütig kommt er daher. Er beginnt folkig und gewinnt durch den einsetzenden Bass einiges an Atmosphäre. Ein trauriger Lovesong, der einen doch zu keinem Zeitpunkt runterzieht. In meinen Ohren klingt der Gesang ein wenig nach Gorillaz. Mit diesem Vergleich war Dave allerdings überhaupt nicht einverstanden. Der meint, das Blur-Album sei von diversen Seitenprojekten unbeeinflusst.
Als letztes darf ich noch "On The Way To The Club" hören. Wieder erinnert mich der Song an eine andere Band. Diesmal sind es Pulp – die dunkle Atmosphäre und die Lyrics erinnern mich an "This Is Hardcore". Doch auch von diesem Vergleich will der Blur-Schlagzeuger nichts wissen. Auf jeden Fall hat "On The Way To The Club" wieder eine gehörige Portion elektronische Klänge abbekommen. Auch der Mann am Bass hat wieder ein Lob verdient. Ob hier Fatboy Slim produziert hat? Diese Frage ignoriert Dave später.
So, und nun ist es so weit. Ich (und mit mir zwei weitere Musikjournalisten) darf mit einem Blur-Mitglied kommunizieren. Der erste Kontakt macht nicht gerade Mut: Dave: Dieser Computer stinkt. Also los, fragt was! Ganz schön direkt, der Herr.
Auf eurer Homepage erscheint ein Popup: "No War On Iraq". Ist das ein offizielles Statement der Band oder stehen nur Teile von Blur dahinter? Das ist nur Damons Sache. Ich habe nie gesagt, ich sei für oder gegen den Krieg. Ob der Krieg im Irak ein Thema auf dem Album sei, möchte ich wissen. Nein, sagt Dave, die ganzen "Stop The War"-Sachen sind Damons Ding. Das ist keine Bandposition. Was denn dann die Bandposition sei, hakt das ungeduldige Journalistenpack nach. Doch Mr. Rowntree hat keine Lust, darauf irgend eine Antwort zu geben.
Und was macht die Stimmung bei Blur gerade? Ein neues Album, ein neuer Tourgitarrist ... was hat das bei Blur bewirkt? Im Moment seien sie einfach optimistisch, denn wir haben eine gute Platte gemacht. Da stellt sich die Frage, ob der neue Gitarrist Simon Tong (Ex-The Verve, The Shining) auch nach der Tour noch Teil von Blur bleibt. Simon wurde mit fünf anderen Musikern angeheuert, damit wir live mehr so klingen, wie auf der Platte. Wir suchen nach keinem anderen Gitarristen. Gab es Überlegungen, wer Grahams Nachfolger seien könnte? Fragen dieser Art möchte Dave am liebsten gar nicht mehr hören Da ist kein neuer Gitarrist., schreibt er empört, Graham war und wird immer Blur-Gitarrist und einer meiner besten Freunde bleiben! Wer weiß, was die Zukunft bringt. Eine genauere Auskunft werden wir an dieser Stelle nicht bekommen.
Haben Blur denn überhaupt Tourpläne? Planen sie wirklich mit neun Musikern auf Tour zu gehen? Natürlich haben sie viele Pläne, aber ob wir touren, hängt davon ab, wie das alte Material ohne Graham klingt. Der erste Auftritt mit Simon Tong wird von Blur allerdings als durchaus positiv gesehen: Es war einfach ein Showcase vor Leuten in Anzügen. Also keine tolle Atmosphäre, aber der Gig hat uns die Bestätigung gegeben, dass wir mit den neuen Musikern live gut zusammen arbeiten können.
Im Vorfeld verglich Dave "Think Tank" mit "Parklife" – wegen seiner Vielfalt? Ich werde immer wieder gefragt, wie welches Blur-Album das Neue am ehesten klingt. Ich sage, das klingt am meisten nach "Parklife". Eigentlich, sagt er später, klinge es jedoch wie keins der Vorherigen. Es sei einfach ein Album wie keins zuvor. Das ist das beste Album, das wir je gemacht haben.
Wie kamen Blur überhaupt auf die Idee mit dem Brightoner Star-DJ Fatboy Slim zu produzieren? Norman ist ein alter Freund, deshalb ist er dabei. Doch sieh an, er hat nur beim Produzieren von zwei Tracks Hand angelegt. Der Rest wurde von uns und Ben Hiller produziert. Ben hat mit uns "Music Is My Radar" aufgenommen und da hat alles gut gepasst! Deshalb ist er wieder dabei. Auch dass Norman negative Statements über Graham Coxon abgegeben hat, bestreitet Dave. Er ist ein alter Freund und mag Graham sehr. Glaube nichts, was nicht auf unserer Homepage steht!
Nach Damons Seitenprojekten denken sicher viele, dass der Blur-Frontmann seine Einflüsse von den "Gorillaz" und seiner Arbeit auf Mali ins Blur-Album eingebracht hat. Ob Alex und Dave da überhaupt noch was zum Album beitragen konnten? Konnten sie, obwohl Damon in Mali gelernt hat Gitarre zu spielen. Die Gitarrenparts, die er für das Album eingespielt hat, klingen also dementsprechend. Niemand kann Gitarre spielen wie Damon. Er sollte eingeliefert werden. Die Gorillaz haben aus Daves Sicht allerdings nur einen minimalen Einfluss. Natürlich bin ich auch Blur. Eigentlich ist das ja alles meine Idee! Ach, is klar, Herr Mastermind.
Anscheinend würde er es gerne bei dieser Aussage belassen, denn plötzlich antwortet Dave nicht mehr auf Fragen zur Musik. Er möchte lieber zählen, wie viele Valentinskarten die im Chat Anwesenden bekommen haben. (Das Interview fand am 14. Februar statt.) Er habe keine bekommen. Aber dann lässt er sich doch erweichen, weiter Fragen zu beantworten.
Von den vier Tracks, die ich vom neuen Album gehört hab klingen zwei ziemlich elektrisch. War das die Absicht von Blur? Wie steuert ihr so eine Album-Entstehung überhaupt? Obwohl sie oft als verkopft gelten, machen Blur nach Daves Auskunft keine Pläne, wie die Sache am Schluss aussehen soll. Dennoch waren sie sich im klaren darüber, dass sie die Platte ihres Lebens machen mussten. Sonst hätten die Leute uns abgeschrieben.
Nun will ich wissen, was Blur bei der Arbeit zum neuen Album beeinflusst hat. Lieber nicht, das ist Journalistensache. Hey, wir sind Journalisten… Wenn du willst, kannst du über unsere Einflüsse reden. Auch nach betteln und wilden Versprechungen besteht er darauf: Kein weiterer Kommentar. Echt, das ist eine Frage, auf die es keine vernünftige Antwort gibt. Alles geht ins Gerhirn und alles muss da irgendwie wieder raus, aber wenn ich jetzt unsere "Einflüsse" aufliste, werden die Leute denken, unsere Platte klingt genau so. Und das wird sie nicht. Da sehe ich, dass hier ein Missverständnis vorliegt: Ich meinte doch gar keine Vergleiche mit anderen Bands oder Alben. Eher mit Dingen, die der Band passiert sind ...
OK, wir sitzen nicht im Studio rum und warten, bis die Inspiration zu uns kommt. Es gibt nichts besseres für's Hirn als Input. Das war's was er zu sagen hat. Welchen Intput er meint, damit rückt er nicht mehr raus.
Auch dass die Atmosphäre und die Lyrics von "On The Way To The Club" mich an Pulp erinnern, gefällt ihm nicht wirklich. Ich kann die Ähnlichkeit nicht sehen! Naja, vielleicht hab ich einfach zu viele Pulp-Platten gehört. Einen anderen Redakteur erinnert der Song eher an Beck. fight fight fight!, witzelt Dave daraufhin. Zu einem Streit zwischen Journalisten bringt er uns dann doch nicht.
Lieber eine weitere Frage aus der Klatschspalte: Was denkt der Rest der Band über Damons Seitenprojekte ... Die Presse berichtet ja immer wieder, ihr wärt ganz schön angepisst von seinen Alleingängen. Dave sieht das wieder als total übertrieben: Ich habe auf dem Gorillaz-Album mitgespielt und ich bin ein großer Fan von Mali Music. Ich habe auch bei Fat Les (der Band von Blur-Bassist Alex James, Anm. d. Red.) gespielt und mit dem Graham Experience getourt. Ich rocke. Wie ich schon erwähnt habe, ist das alles meine Idee. An dem Punkt waren wir schon mal. Der Mann neigt zu Übertreibungen ...
Darum jetzt erst Mal eine unkomplizierte Frage ... und eine unmotivierte Antwort: Was denkst du über "Idols", das englische Pendant zu "DSDS"?
Wähle immer den ganz links, das verfälscht die Wertung.
Zu guter Letzt will jemand dann doch noch mal die Lyrics des neuen Albums reden. Ich hab sie nicht geschrieben, würgt Dave das Thema ab. Und dann fällt ihm auf, dass die Interviewzeit schon einige Minuten vorbei ist. Es war schön mit euch zu reden.
Und ausgeloggt ist er. Ob er wirklich ein so kratzbürstiger Kauz ist, wie es im Chat manchmal schien? Oder hat es ihm einfach gefallen, mal alleine was zum Besten zu geben und sich dabei mit einem Augenzwinkern als das wahre Triebwerk bei Blur hinzustellen?
Blur (1997), The Great Escape (1995)
Modern Life Is Rubbish (1993), Leisure (1991)
| Fr | 06.09.2013 | Blur Berlin Festival (Berlin) |
26,99 €
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Zentral heißt auch: inklusive aller Nebenprojekte! Fett!
http://www.blurcentral.co.uk/
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