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Bis die Red Hot Chili Peppers 1991 mit ihrem "Blood Sugar Sex Magik"-Album den Siegeszug um die Welt antreten sollten, hatten sie in acht Bandjahren bereits mehr erlebt, als andere Combos in ihrer ganzen Karriere. Ständige Personalwechsel, üppiger Drogenkonsum und nicht zuletzt der Tod eines Bandmitglieds; all das konnte die Chili Peppers nicht am Weitermachen hindern.
1983 gründen die Schulfreunde Michael "Flea" Balzary (b), Hillel Slovak (g) und Jack Irons (dr) in L.A. die Red Hot Chili Peppers und überzeugen ihren Kumpel Anthony Kiedis, seine Gedichte mit in den Proberaum zu bringen. Mit gehörig Acid im Schädel bestreitet der Vierer unter dem Namen Tony Flow and the Miraculously Majestic Masters of Mayhem den ersten Gig. Die wirre Mischung aus Hip Hop-, Funk- und Rockelementen kombiniert mit durchgehend absurden Bühnenshows spricht sich schnell herum. Als die Peppers eines Abends beim Hendrix-Cover "Fire" nur mit Socken am Gehänge bekleidet die Bühne stürmen, ist der Party-Ruf perfekt.
Gerade als sich auch der Plattenkonzern EMI angetan zeigt, verlassen Slovak und Irons die Band, da die Peppers für sie zu dem Zeitpunkt nur noch als Zweitband fungieren. Doch kaum ist das Debüt mit den Ersatzmännern Cliff Martinez (dr) und Jack Sherman (g) eingespielt, fliegt letzterer auch schon wieder raus, da Slovak erneut Interesse an der Peppers-Gitarre bekundet. Kam Flea schon früher mit Heroin in Berührung, zeigen sich auf der '84er Tour nun Kiedis und Slovak nicht mehr abgeneigt. Für "Freaky Styley" ergattert die Band ein Jahr darauf ihr Funk-Idol George Clinton als Produzenten, der den Bühnen-Crossover aus Punk, Funk und Metal der Liveshows erstmals zu aller Zufriedenheit abmischt. Trotz eines vielbeachteten Auftritts beim Loreley-Festival und einem UK-Gig bleiben die Plattenverkäufe außerhalb Kaliforniens gering.
Auf der anschließenden US-Tour steht mit der Rückkehr von Drummer Irons zwar wieder die Originalbesetzung, Gitarrist Slovak rutscht aber immer tiefer in die Drogenspirale hinab und vergisst live auch mal seine Noten. Die Aufmerksamkeit wächst dennoch: "The Uplift Mofo Party Plan" verkauft sich 1987 besser als alle Vorgängeralben zusammen und die Band erregt weiter Aufsehen mit Nacktauftritten. (Drummer Irons wird zu der Zeit auf dem Londoner Flughafen Heathrow mit einem Plastiktitten-Hut gesichtet) Mit dem Erfolg steigt auch die Größe der Peppers-Spielorte, wo nun Bands wie die Beastie Boys und Faith No More für die Red Hots einheizen.
1988 fliegt die Band nach England, um für das Cover der "Abbey Road"-EP den berühmten Beatles-Zebrastreifen in Socken-Montur zu überqueren. Slovak ist mittlerweile so fertig, dass seine Kumpels ernsthaft einen Rauswurf in Erwägung ziehen, von dem sie jedoch ablassen. (Kiedis selbst flog 1986 einen Monat aus der Band wegen seiner Abhängigkeit) Kurz danach erliegt Gitarrist Slovak nicht unbedingt unerwartet seiner ungezügelten Heroinsucht. Die Band ist geschockt, Kiedis entsagt dem Stoff und Drummer Irons bezichtigt seine Kumpels der Mitverantwortung am Tod Slovaks und verlässt verbittert die Band (ein paar Jahre später steigt er bei Pearl Jam ein).
Flea und Kiedis dagegen wollen zum Gedenken an ihren Freund weitermachen. Gitarrist Blackbyrd McKnight bleibt nur ein Lückenfüller. Der erst 18 Jahre alte Gitarrist John Frusciante erweist sich als Glücksfall: der RHCP-Fan bewegt sich nicht nur identisch zu seinem Idol, er imitiert auch Slovaks Gitarrenspiel perfekt. Als schließlich noch Drummer Chad Smith über eine Anzeige zum Vorspielen erscheint und er sein obszönes Gebrüll mit einem wahnsinnigen Groove unterlegt, ist auch er dabei. Das Gold-Album "Mother's Milk" lässt erstmals Europa aufhorchen, der Song "Show Me Your Soul" gelangt gar auf den Soundtrack zum Schmachtfetzen "Pretty Woman".
Dennoch sollte es bis 1991 dauern, dass die tätowierte Band unter der Ägide des Def Jam-Chefs Rick Rubin die vorhandene Magie ihres teuflischen Funk-Crossovers richtig kanalisiert. "Blood Sugar Sex Magik" gerät zum Meilenstein, der sich mit Hilfe der Hitsingle "Under The Bridge", in der Kiedis seine Drogenerlebnisse in Downtown L.A. im Jahr 1986 thematisiert, und dem preisgekrönten Video zu "Give It Away" zwei Millionen Mal verkauft. Der Gipfel des Rock-Olymps ist gerade erklommen, da verlässt der junge Frusciante während einer Asien-Tour urplötzlich die Band, um sich ausgiebig seiner Drogenkarriere zu widmen. Seine Kollegen reagieren geschockt. Auf eine Zeitungsannonce melden sich kurze Zeit später bereits am ersten Tag 5000 Interessierte zum Vorspiel. Nach den Live-Gitarristen Arik Marshall (später bei Macy Gray) und Jesse Tobias findet man erst 1994 mit Ex-Janes Addiction-Gitarrist Dave Navarro einen geeigneten Nachfolger für Frusciante.
Das '95er Werk "One Hot Minute" verkauft sich zwar ordentlich, lässt im Vergleich zum Multiseller von 1991 aber Federn. Navarros 70er Rock-Faible und seine Liebe zum Wah Wah-Pedal verbannen den Funkspirit aus dem Bandsound. Nach einer erfolgreichen Welttour verlässt Navarro 1998 schließlich als siebter Gitarrist Pepper-Land. Zu dieser Zeit fällt Kiedis kurzzeitig zurück in alte Heroin-Abhängigkeiten.
Frusciante, zu dem nur noch Flea über die Jahre Kontakt hielt, nahm unterdessen zwei unbeachtete Soloalben auf. 1998 ist Frusciante nur noch von Yoga abhängig, einem RHCP-Comeback steht nichts mehr im Weg. So unerwartet wie sein damaliger Ausstieg, finden die alten Kumpels plötzlich wieder zusammen und begraben alte Kriegsbeile. Der bahnbrechende Erfolg, den das Album "Californication" nach sich zieht, konnte niemand erahnen. Die Verkaufszahlen ihres '91er Sellers werden übertroffen und auch eine umjubelte Welttour treibt den gereiften Frusciante nicht mehr zum Ausstieg. Parallel zu den Peppers treibt er ab 2001 seine Solokarriere voran.
Im Herbst 2001, die Band arbeitet bereits am kommenden Album, macht Bassist Flea von sich reden. In L.A. eröffnet er seine eigene Schule. In angemieteten Studioräumen gibt er mit rund 20 weiteren ausgesuchten Lehrkörpern die hohe Kunst des Musizierens an den Nachwuchs weiter. Zum Sound der Platte "By The Way", die Mitte 2002 erscheint, sagt Gitarrist Frusciante: "Sie unterscheidet sich sehr von "Californication", wobei die Seele der Platte noch immer wir vier Typen sind, die in einem Raum zusammen spielen. Aber wir haben diesmal einen riesigen Haufen Sounds verwendet, viele unterschiedliche Stile ausprobiert und mit Gesangsharmonien gearbeitet."
Als 2006 das Doppelalbum "Stadium Arcadium" erscheint, ahnt noch niemand, dass es die letzte RHCP-Arbeit mit John Frusciante sein würde. Zwar fasste er den Entschluss bereits nach der Welttournee 2007, an die Öffentlichkeit gelangt die Nachricht jedoch erst Ende 2009. Die Band arbeitet fortan mit Josh Klinghoffer als festem Gitarristen, der Kiedis und Co. schon live unterstützte. Außerdem trat er auf Songs von Beck, PJ Harvey und seinem engen Freund John Frusciante in Erscheinung. Das erste Album in neuer Besetzung ist "I'm With You", das im August 2011 erscheint.
Anthony Kiedis und Josh Klinghoffer über den Promogig in Köln und die neue Band-Ära.
RHCP-Sänger Anthony Kiedis und Bandfrischling Josh Klinghoffer sprachen mit uns über "I'm With You", die neue Besetzung, das Leben als Rockstar, Fleas Liebe zum Klavier und den Kölner Promogig.
Locker und humorvoll präsentierte sich die Abordnung der Red Hot Chili Peppers beim Interview im Kölner Hyatt Hotel. Es ist der Tag nach dem "I'm With You"-Promogig am 30. August im E-Werk, der in Hunderte Kinosäle weltweit übertragen wurde.
Während der alte Hase Anthony die Fragen so smart und routiniert parierte, dass er nebenher noch genügend Zeit fand, kunstvolle Zeichnungen aufs Papier zu werfen, gab sich Bandfrischling Josh im Interview eher bescheiden: ein entspanntes Doppel, keine Frage.
Mir hat euer "I'm With You"-Premierengig gut gefallen, aber es gab offenbar technische Probleme auf der Bühne, ihr musstet ein Lied wiederholen.
Josh: Ja, es gab einen Fehler, noch bevor gesendet wurde.
Anthony: Das war weniger auf der Bühne ein Problem, als es für die Leute im Kino geworden wäre. Die Vocals fürs Kinosignal waren ausgefallen. Aber am Ende hat ja alles geklappt. Trotzdem, es ist schon verrückt. Es gibt enorme technische Herausforderungen, wenn man so eine Show fährt: Einen guten Gesamtsound produzieren, und ihn dann an hunderte Kinos rausschicken. Aber gut, die Sache mit dem Sound ist unser Job. Damit hast du als Band immer zu kämpfen, etwa weil du dauernd die Venues wechselst. So ist das eben.
Josh: Als wir den Song zum zweiten Mal spielten, wars für mich viel relaxter. Die Nummer ("Did I let You Know", die Red.) fällt mir aufgrund der unterschiedlichen Gitarrensounds wohl am schwersten. Beim zweiten Mal liefs besser. Fand ich ganz lustig, zumal man das den beiden Versionen anhören kann.
Anthony: Der zweite Durchgang lief auch bei mir besser.
Ich fand ganz lustig, dass ich während eures Gigs zwei Mal auf die Toilette musste - und jedes Mal hörte ich denselben Song.
Anthony: Gut, dass du nicht drei Mal pissen musstest, oder? Sonst hätten wir die Nummer noch mal spielen müssen (alle lachen).
Ist es eigentlich besser, ein Album am Stück durchzuspielen oder eine individuelle Setlist zu erstellen?
Eine Platte am Stück spielen, finde ich schwierig. Wir haben das bis gestern auch noch nie vorher gemacht. In der Regel hat das Zusammenstellen einer Livesetlist viel mit Dynamik zu tun - ein großer Unterschied zum Erstellen einer Albumtracklist. Dazu kommt, dass die Scheibe auch für uns noch neu ist: Die Hälfte der Stücke haben wir bis gestern noch gar nie live gespielt. Ich musste mich stark konzentrieren. Ehrlich gesagt hätte uns mehr Vorbereitungszeit nicht geschadet, aber die gabs halt nicht.
Warum habt ihr eigentlich nach dem Album nicht noch mehr alte Gassenhauer drauf gelegt?
Josh: Satellite time.
Anthony: Eigentlich wollten wir noch mal auf die Bühne, um weiterzuspielen. Aber um ehrlich zu sein, habens wirs irgendwie nicht mehr auf die Reihe gekriegt.
War trotzdem ein ganz spezieller Gig. Und "Give It Away" habt ihr ja gespielt ...
Anthony: Außerdem kommen wir bald wieder nach Deutschland zurück.
Steht eigentlich schon fest, wie lange ihr mit dem neuen Album touren werdet?
Anthony: Ich glaube, die Antwort darauf will ich eigentlich gar nicht wissen! Ein Jahr fände ich angenehmer als zwei, aber daraus wird vermutlich nichts ... ich freue mich zwar aufs Touren, aber ich möchte mit Josh gerne neue Songs schreiben ... bevor ich 50 werde (alle lachen).
Wir brauchen hier in Deutschland immer gute Festivalheadliner, beispielsweise für Rock am Ring, da habt ihr ja schon vor Jahren gespielt ...
Anthony: Aha? Okay ... Ich denke, für kommenden Sommer stehen auch Festivalshows an.
Gut, das hab ich auf Band!
Anthony: Ich werde es im wundervollen Dekolletee von Emma verstecken. Darf man hier so was eigentlich sagen?
Josh: Bestimmt.
Anthony: Ich liebe Emma.
Wer ist Emma?
Anthony: Sie ist unsere Bookerin - nein, schon eher ein Art Familienmitglied.
Anthony: Das spricht schon mal nicht für eine erfolgreiche Single ...
Das wäre eine tolle Single!
Anthony: Hast du beim Singen grundsätzlich Schwierigkeiten?
Ja, wahrscheinlich.
Anthony: Was bist du von Haus aus? Tenor, Barriton?
Ziemlich tief.
Anthony: Vielleicht solltest du es mal mit Joshs Parts versuchen. Andererseits übernimmt er die hohe Stimme ... Wie auch immer, das war ein sehr spontaner Melodieeinfall. Ich kam drauf, als ich Josh und Flea beim Spielen zuhörte. Es war ein tolles Gefühl, als ich diese Chords und Rhythmen hörte, es klang sehr harmonisch. Die Vocalmelodie machte den Sack endlich zu.
Der Song wurde zuvor immer wieder umgeschrieben. Wir wussten nicht so recht, wie wir die heavy Parts mit den anderen verbinden sollten, wie lang diese sein sollten usw. Am Ende haben wir doch was Schlüssiges hingekriegt. Ich wär froh, wenns die nächste Single werden würde. Ich weiß nicht genau warum, aber ich freu mich riesig, dass wir dieses Stück gemacht haben.
Jedenfalls kann man zu einigen Songs richtig gut tanzen.
Josh: Das finde ich gut! Tanzbarkeit ist sehr wichtig für mich. Eines der wichtigsten Dinge, wenn man Musik macht, aus meiner Sicht.
Anthony: Das kommt mir sehr entgegen. Tanzen kann dir das Gefühl geben, dich mit dem ganzen Kosmos zu vereinigen. Schön, wenn wir dafür den Soundtrack liefern.
Manch alter Peppers-Fan findet das nicht so toll und meint, das sei kein Funkrock mehr, schon eher Pop oder sogar Dance (Josh lacht).
Anthony: Ich liebe die Hater. Ich liebe sie. Auch sie werdens irgendwann kapieren. Es ist funky, es wird funky. Der Funk ist nicht mehr so offensichtlich, er wird trügerisch, er kommt aus dem Verborgenen. Wer ihn nicht mehr findet, hat den Funk wahrscheinlich selber verloren.
Wie auch immer, auf der neuen Platte zeichnen sich meiner Meinung bereits Liveklassiker ab. "Look Around" zum Beispiel, da ging das Publikum gestern voll mit.
Anthony: Danke. Chris, unser Mädchen für alles auf der Bühne, wär da sicher sofort dabei. Manchmal spielt er Keyboard, wirft den Klick an oder macht die Drums startklar.
Josh: Er hat immer ein Auge auf Chad. Damit nichts schief geht
Anthony: Und ich immer eins auf Chris. Er fing gestern Abend bei "Look Around" an.
Josh: Als Babysitter taugt er auch noch.
Josh: Ja, im Sinne von: Vier Freunde machen zusammen Musik. Wir sind eben befreundet, und die anderen liegen mir sehr am Herzen. Insofern wars leicht.
Wie hat sich denn der Songwritingprozess mit Josh verändert?
Anthony: Eine neue Person bringt automatisch Veränderung mit sich, aber es war trotzdem sehr leicht für uns alle, zusammen Musik zu machen. Wir haben nicht darüber nachgedacht, sondern es passieren lassen. Viel wichtiger war, es zu tun, einzustöpseln und loszulegen. Der Rest passiert von alleine, wenn man wirklich zusammen Musik machen will. Im Prinzip läuft das seit unseren Anfangstagen so: Man jammt, bringt neue Ideen auf, baut auf diesen auf, hört sich gegenseitig zu.
Flea spielt neuerdings auch Klavier. Eine Trompete hört man auch mal ...
Anthony: Flea spielt schon lange Trompete, länger als er Bass spielt. Auf der neuen Scheibe spielt er sie aber nicht. Das war Michael Bulger.
Josh: Momentan sieht sich Flea eh nicht als Trompeter. Das ist auch eines der Instrumente, denen du dich wirklich mit aller Aufmerksamkeit widmen musst.
Das Klavier spielt auf der neuen Platte aber eine ziemlich wichtige Rolle.
Anthony: Ja, das war eines der Dinge, die er während unserer Auszeit anpackte. Flea wollte seine Fähigkeiten am Klavier erweitern und fürs Songwriting nutzen. Er hat auch ein paar Semester Musiktheorie studiert und die Theorie dann am Klavier umgesetzt. Ein durchaus dominantes Element auf der neuen Platte. Eine coole Sache. Hat unsere Möglichkeiten definitv erweitert.
Themenwechsel: Anthony, du bist mittlerweile ja Vater. Ich hab selber zwei kleine Söhne - welche Auswirkungen hat das auf dein tägliches Leben, besser dein Rockstarleben?
Anthony: Eine wundervolle Sache. Aber ich finde nicht, dass ich das Leben eines Rockstars führe ...
Wohl eher nicht mehr ...
Anthony: Ich habe das so nie empfunden. Ich weiß auch nicht, was das heutzutage bedeutet. Natürlich führte ich ein exzentrisches, interessantes Leben, würde das aber nicht als Rockstarleben kategorisieren. Das sagt mir nichts, scheint mir auch nicht erstrebenswert zu sein. Das machte in den Siebzigern Sinn, aber seitdem fühlt sich das eher wie ein Softdrink an. Jedenfalls begleitet mich mein Sohn auch auf Tour, er genießt sozusagen eine 'Education on the road'. Seine Lehrer heißen Josh Klinghoffer, Chad Smith und Flea, von den Nannys mal abgesehen.
Wenn ihr auf euren Backkatalog und die neue Platte schaut - zeichnet sich schon ab, wohin die Reise musikalisch gehen wird?
Josh: Wir planen da nichts, das passiert alles natürlich. Wir haben jede Menge Songs zusammen gemacht - ohne vorherige konkrete Vorstellungen - und haben dann die genommen, die am besten harmoniert und für uns alle funktioniert haben.
Anthony: Ich habe keinen Masterplan, empfände ich auch als Einschränkung. Wir leben im Moment. Gerade geht es um die neuen Songs, und wir sind in Köln. Morgen in Paris, dann in London, das wird spannend, weil wir dort in einem kleinen Club spielen. Das wollen wir genießen und auskosten, statt darüber nachzudenken, was wohl in einem Jahr oder so sein könnte.
Josh: Ich hatte eine wunderbare Zeit, als ich Songs schrieb und sie mit der Band aufnahm. Ich hoffe, dass das so bleibt. Ist das schon ein Masterplan? Keine Ahnung. Hat einfach Spaß gemacht.
Zur Veröffentlichung seines vierten Soloalbums "Shadows Collide With People" treffen wir John Frusciante in Köln zum Interview. Wie schon vor drei Jahren besteht die größte Schwierigkeit darin, dem Mann ins Wort zu fallen.
Es ist Karneval in Köln. Während draußen der Mob tobt, geht es im Foyer des Hilton Hotels geradezu friedlich zu. Das vornehme Erscheinungsbild der flanierenden Hotelgäste lässt keine Rückschlüsse auf die närrische Zeit zu. Sympathisch und sicher auch im Sinne von John Frusciante, der im dritten Stock Pressevertreter empfängt, um über sein viertes Soloalbum zu sprechen. Unser Termin ist der letzte des Tages, was in der Regel weniger erstrebenswert ist, doch der Abgesandte der Plattenfirma WEA versichert uns, dass John noch durchaus bei Laune sei und obendrein sehr gesprächig. Was wiederum daran liegen könnte, dass er später nach Hamburg fliegen und dort mit Neu!-Musiker Michael Rother dinieren wird.
Tatsächlich treffen wir einen äußerst interessierten Mann an, dem das Reden über seine Musik auch nach fünf Stunden noch so viel Spaß zu machen scheint, wie das eigentliche Komponieren. Zunächst soll es aber um Kunst gehen, was ihn gleich noch munterer macht.
Das Plattencover deines neuen Albums hat der amerikanische Dichter und Künstler René Ricard gestaltet, der bereits in den 60er Jahren in Andy Wahrhols Factory Bilder anfertigte. Welchen Einfluss hat moderne Kunst auf dein musikalisches Schaffen?
Ja ... (zögert) Künstler aus dem 20. Jahrhundert sind zweifellos eine große Inspiration für mich, wobei es natürlich auch Leute davor gab, die ich bewundere, Van Gogh zum Beispiel. Wisst ihr, fünf Jahre lang habe ich versucht, so viel wie möglich über Kunst und Malerei zu lernen und es auch selbst zu praktizieren. Am Anfang lief es gut, da ich mit meinem ganzen Herzen bei der Sache war. Aber nach einer Weile trat ich mit meinen Versuchen zunehmend auf der Stelle anstatt mich weiter zu entwickeln. Deshalb begann ich vor etwa fünf Jahren wieder mit der Musik und versuche, all das, was ich in meiner Zeit mit der Malerei an Wissen anhäufen konnte, in die Gitarre zu transformieren. Denn hier habe ich nunmal all die technischen Fertigkeiten, die mir in der Malerei versagt geblieben sind. Wenn ich über Musik nachdenke, geschieht dies immer noch besonders aus der Perspektive eines Malers, obwohl ich selbst mittlerweile nicht mehr male. Jetzt male ich nur noch mit meinem Instrument.
Aber zurück zu René Ricard: meine damalige Freundin Stella, die Tochter von Julian Schnabel, ist sehr gut mit René befreundet. So kam ich bald mit all seinen Bildern in Berührung, auf denen immer diese Worte prangten, und sie gefielen mir auf Anhieb. Das Bild von meinem Cover hat Stella irgendwann in der Garage gefunden und meinte, René solle doch ein paar Worte darauf schreiben. So kam das zustande. Ohne Kunst wäre die Welt nur ein halb so wundervoller Ort, egal ob man darunter jetzt Fotos, Gemälde oder Filme versteht. Doch Musik inspiriert mich am meisten. Ich kann tagelang dasitzen und Platten anhören ohne dass mein Hirn auch nur eine Sekunde abschaltet. Ich könnte das nicht mit Filmen oder Gemälden machen. Naja, eine Zeit lang habe ich tatsächlich damit verbracht, tagelang Bilder anzustarren. Fünf Jahre lang steckte mein Kopf ganz tief in Kunstbüchern. Das war gut.
Der angesprochene Großformatmaler Julian Schnabel besorgte das Cover zum Chili Peppers-Album "By The Way". Bist du derjenige in der Band, der Vorschläge in künstlerischer Hinsicht macht?
Ja. Damals wurde ich fast verrückt vor lauter Gedanken, die ich mir zu unserem Cover-Artwork machte. Eines Morgens rief Julian an und meinte, er könne sowas im Schlaf für uns machen. Also sagte ich: Okay, dann mach mal! (lacht)
Warst du auch derjenige, der auf die Idee kam, euer Video zu "Can't Stop" von den "One Minute Sculptures" des Österreichers Erwin Wurm inspirieren zu lassen?
Nein, das war unser Regisseur Mark Romanek. Wir bekamen etliche Vorschläge für Clip-Konzepte und die waren einfach alle schrecklich, während seine Idee ganz interessant klang ...
Ich drehe mich kurz zu Kollege Mengele um.
Wieso schaust du ihn an? Hat der auch Ideen eingeschickt? (allgemeines Lachen)
Ähh nee, ich wollte nur nachsehen, ob er schön zuhört.
Ahh, okay. Na jedenfalls waren alle Ideen total schlecht und so nahmen wir die von Mark, obwohl ich sein Skript zuerst völlig missinterpretierte. Aber ich muss sagen, ich mag das Ergebnis, denn eigentlich bin ich kein großer Fan des Video-Mediums.
Ähnlich vieler Werke Schnabels, sind auch Ricards Farben auf deinem Cover sehr ausdrucksstark, fast leuchtend, und mit dickem Pinselstrich aufgetragen. Kommt diese Maltechnik deinem persönlichen Empfinden beim Musikmachen nahe?
Nun, als ich noch mit Stella zusammen war, hing da ein Gemälde von René in ihrem Haus, vor dem habe ich tatsächlich halbe Ewigkeiten verbracht. Dieses Bild vermittelt exakt das Gefühl, das mir meine Musik gibt, seit ich ein kleines Kind bin. Ich kann das gar nicht in Worte fassen. Wenn ich mir dieses Bild von René anschaue, hallt dasselbe ästhetische Echo durch meinen Kopf wie damals, als ich anfing Musik zu machen. Das führte dann schließlich dazu, dass ich bei ihm wegen des Plattencovers anfragte.
Am Anfang des letzten Jahrhunderts versuchten zahlreiche Maler wie Wassily Kandinsky, die Farbe vom Gegenstand zu lösen. Von Kandinsky kennt man ja auch Experimente, die als Farbmusik berühmt wurden, und die sollen ihn schließlich zu dem Satz geführt haben: "Ich wünschte, meine Bilder könnten an die ungeheure Ausdruckskraft der Musik heran reichen." Würdest du auch sagen, dass Gefühle mit Musik besser auszudrücken sind?
Well ... (überlegt eine Weile, beginnt einen Satz und bricht wieder ab) Gefühle laufen ja auf nicht-sprachlicher Ebene ab. Für mich existiert kein verstandesmäßiger Weg, meine Gefühle zu transportieren. Der Verstand hilft mir aber dabei, Ideen auszuarbeiten. Als Musiker geht es mir darum, an einer Idee so lange zu feilen, bis sie Dinge zusammen führt, die so vorher noch nicht zusammen geführt wurden oder ich versuche eine Idee zu entwickeln, die gegensätzliche Konzepte vereint. Wenn ich Musik mache, will mein Kopf die Wirklichkeit mit Worten in einer Art neu ordnen, wie die Wirklichkeit selbst dazu nicht imstande ist. Gefühle sind eher wie ein Geschenk, ich meine, ich habe ein Herz und das ist in allem drin, was ich tue. (zögert) Als ich noch gemalt habe, kamen am Ende immer präzise und technische, von meinem Verstand diktierte Bilder heraus, was allerdings einer der Gründe dafür ist, warum ich nicht mehr male.
Breitbeinig fläzt John in seinem Sessel. Er überlegt lange, um einer Antwort den richtigen Dreh zu geben. Manchmal hält er mitten im Satz inne, als wüsste er nicht mehr weiter, bevor er zum nächsten Gedankensprung ansetzt.
Mich faszinierten eben schon immer die mechanischen Bilder und Zeichungen von Francis Pacabia oder von Marcel Duchamp, ihrer Konzeption fühle ich mich sehr nahe. Oder nimm Leonardo Da Vincis architektonische Zeichungen, all diese verstandesmäßigen Werke inspirieren mich, aber Gefühle sind kein Teil von ihnen. Es ist vielmehr die Vermittlung von Gefühlen, wozu all diese Künstler imstande sind. Wären diese Werke von irgendwelchen daher gelaufenen Geschäftsmännern angefertigt, hätten sie sicher nicht diese unglaubliche Wärme und Ausdruckskraft. Die Gefühle fließen in die Werke mit ein, aber es kommt auf die Idee an. Der Wunsch, Neues zu kreieren, steht an vorderster Stelle. Das ist auch meine Herangehensweise an Musik. Ich versuche ständig, verschiedene musikalische Stile zu vereinen, verschiedene Instrumente zu benutzen usw. Wären da keine Gefühle im Spiel, würde ich natürlich überhaupt nichts erschaffen, aber sie sind nicht der zentrale Punkt.
Woher weißt du, wann ein Song fertig ist?
Wenn er fertig ist. (grinst) Als ich 21, 22 Jahre alt war, also etwa 1991, hatte ich ziemliche Probleme, Songs zu Ende bringen. Ich wusste, welche Gefühle ich transportieren wollte, aber ein Mittelteil oder ein Schluss wollte mir einfach nicht einfallen. Ich glaube, dank der Erfahrungen, die ich in den Jahren 1992 bis 1997 gesammelt habe, als mein Leben langsam aber sicher den Bach runter ging, kann ich heute Songs vollenden. Wenn mir heute eine Idee kommt, setze ich mich hin und konzentriere mich so lange darauf, bis sie ausgearbeitet ist. Dass mir eine Idee kommt und ich sie nicht richtig ausleuchten kann, passiert mir sehr selten. Aber es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich vergeblich versuchte, einzelne Songfragmente aneinander zu reihen. Heute glaube ich, dass das daran lag, weil ich mit meinem Leben nicht voran kam. Dieses Leben hätte im März 1998 beinahe geendet, stattdessen nahm es eine unerwartete Wende hin zum Guten. Davon handeln nun meine Songs, und daher rührt wohl auch die Fähigkeit, sie zu vollenden.
Wie lange hast du Freude an einem Song, nachdem er fertig ist?
Nun, ich stehe hinter allen Sachen, die ich gemacht habe, zum Großteil zumindest. Ja, es macht mich glücklich, meine Musik anzuhören. Das fängt schon mit den Demos an. Bei der neuen Platte war es zum ersten Mal so, dass ich vom Beginn bis zur Fertigstellung genau wusste, was ich wollte. Musikalisch bin ich diesmal wirklich bis ans äußerste Limit gegangen. Darauf bin ich stolz und das verschafft mir auch eine Befriedigung, wenn ich die Songs anhöre. Gleichzeitig stellt es nicht das Level dar, auf dem ich mich gerade befinde, mittlerweile bin ich schon wieder ganz woanders. Wisst ihr, diese Platte wurde schon im April 2003 gemastert und fertig gestellt. Für mich gehört sie also bereits der Vergangenheit an.
Wie schon auf dem letzten Album begeistert mich erneut dein intimes Songwriting mitsamt den wunderbaren Background-Chören. Allerdings scheinst du besonders an deinem Gesang gearbeitet zu haben ...
Danke. Ja, seit ungefähr drei Jahren arbeite ich ziemlich hart daran. Diesmal schnappte ich mir mit Josh einfach das Beatles-Songbook und wir sangen uns durch alle Songs, übten die Harmonien und feilten lange an der richtigen Betonung herum. Anschließend machten wir dasselbe mit Songs von Simon & Garfunkel, John Denver, Depeche Mode und The Velvet Underground. Jeden Song mit interessanten Harmonien spielten wir auf unseren Akustikgitarren rauf und runter, wir riefen auch Leute an und sangen ihnen ihre Anrufbeantworter voll. (lacht) Für die letzte Chili Peppers-Platte habe ich ja auch schon viel Zeit für das Einüben von Harmonien aufgebracht. Großen Anteil daran hat übrigens auch mein Gesangslehrer, der übrigens auch Björk trainiert. All diese Dinge führten dazu, dass ich mehr Kontrolle über meine Stimme gewinnen konnte und ich sie heute teilweise Geräusche erzeugen lassen kann, von denen ich früher nichtmal wusste, dass sie existieren.
Als wir uns 2001 in Hamburg trafen, erwähntest du musikalische Einflüsse wie Faust und Neu! - auf dieser Platte scheinen sie deutlicher als jemals zuvor durch zu schimmern.
Danke. Ja, ich liebe ihre Musik. Ähh, irgendwie erzählst du mir eher etwas, anstatt mir Fragen zu stellen, oder? (lacht)
Stimmt. Also, ich will natürlich auf die Instrumentals hinaus ...
Right. Die Instrumentals sind eigentlich alle genau in dem Augenblick entstanden, in dem sie im Studio aufgenommen wurden. Das unterscheidet sie vom Rest des Albums, für das Josh und ich natürlich Demos vorbereitet hatten. Es ist diese Fähigkeit zu experimentieren, wofür wir Band wie Neu!, Cluster oder Kraftwerk so bewundern, vor allem die ersten drei Kraftwerk-Platten. Der Moment, in dem Josh und ich "Negative 00 Ghost 27" aufnahmen, gehört zu meinen glücklichsten Augenblicken während des gesamten Aufnahmeprozesses. Ich stellte nur den Sound ein, holte Josh dazu, sagte ihm "Spiel C-Moll", er stellte sich ans Keyboard, ich drehte sieben Minuten lang an den Knöpfen, und fertig war das Stück. Es war so aufregend, anschließend dazusitzen und etwas anzuhören, was wir für brillant hielten, aber dennoch nicht richtig begreifen konnten, wie wir es geschaffen hatten. Diese Balance zwischen Perfektion und Makel macht es für mich interessant, und gerade mit diesen Experimenten erschlossen sich für mich in der Hinsicht neue Welten.
"In Relief" und "Omission" gehören zu meinen Album-Favoriten, für letzteren Song hat sogar dein Kumpel Josh Klinghoffer Credits eingeheimst. Hast du von Beginn an geplant, dass Gäste wie er, Chad und Flea mitwirken würden?
Josh war von Anfang an fester Bestandteil der Platte. Wir dachten sogar kurz daran, sie unter einem Bandnamen zu veröffentlichen. Nach und nach zeigte sich aber, dass es doch eine Soloplatte werden würde, es waren halt meine Songs. Wir machten also die ganzen Demos mit ihm an den Drums und uns beiden an den restlichen Instrumenten und da merkte ich, dass die Songs von der Beziehung zweier Menschen profitierten. Die meisten Sachen, die ich früher solo aufgenommen habe, hatten ja nie Drums dabei. Es war traurige elektronische Musik.
Aber bei den neuen Songs spürte ich, dass sie nicht programmiert werden wollten, sie schrien förmlich nach einem richtigen Drummer. Und Josh ... er ist wohl der einzige Schlagzeuger, der genauso denkt wie ich. Aber nun war er das erste Mal in so einem großen Studio, genau wie ich in meiner Funktion als Produzent und irgendwie bekam ich es nicht richtig hin, ihn mit der Situation vertraut zu machen. Josh ist vorher nie unter diesem Druck gestanden, man fühlt sich da wie unter einem Mikroskop. So war es letztlich einfacher und besser für alle, Chad mit Joshs Drum-Parts vertraut zu machen und ihm unsere Vorstellung des Drummings nahe zu bringen. Danach fühlte sich auch Josh wieder besser. Ja ... ähh, wie war noch mal die Frage?
Ob du die Gäste ...
Oh yeah, also nach außen hin ist es jetzt halt meine Soloplatte, aber eigentlich ist es das Album von Josh und mir. Ich habe die Songs zwar geschrieben, aber er hat ebenso viel dazu beigetragen. Naja okay, ich habe natürlich schon mehr gearbeitet als er. (lacht)
Wofür habt ihr Flea benötigt?
Flea besitzt einen Steh-Bass, und auf einem Song wollten wir halt so einen Steh-Bass verwenden. Für Flea war es das erste Mal, dass er ihn für eine Plattenaufnahme eingespielt hat und er war sich zuerst gar nicht sicher, ob er es hinbekäme. Aber er übte fleißig und spielte es dann ziemlich gut runter. Für den Song "Chances" fragte ich Omar Rodrigues von The Mars Volta, ob er vorbei kommen wolle. Seine Band war gerade im gleichen Studio mit dem Mixing ihrer Platte beschäftigt. Mein Gitarrenspiel auf "Chances" klang mir irgendwie zu glatt, deswegen brauchte ich jemanden, der Abstand dazu hatte, um dem Song eine neue Dimension zu verleihen. Das haute dann gut hin mit Omar und so blieb er einfach einen Tag länger und spielte noch auf einem elektronischen Song mit.
Mit den Chili Peppers spielst du diesen Sommer auf einigen Festivals. Meinst du, ihr habt genug Power, um euch gleich anschließend wieder an Songs für eine neue Platte zu setzen?
Was mich angeht schon. Für den Aufnahmeprozess braucht man zwar wieder viel Energie, aber eigentlich geht es ruckzuck. Wir gehen rein, nehmen die Songs auf, ich mache meine Overdubs und fertig. Okay, mittlerweile habe ich die zusätzliche Aufgabe, Background zu singen. Ich muss also auf Anthonys Gesangslinien warten, bis ich dran komme. Aber eigentlich haben die Aufnahmen zu einer Chili Peppers-Platte nie länger als ein paar Wochen gedauert.
Das Interview führte Michael Schuh.
Am 7. Juni rockten die Red Hot Chili Peppers das Dach des Saturn-Gebäudes in Hamburg vor auserwähltem Publikum. Am Tag darauf hatte LAUT die Gelegenheit, Chad Smith ins fünfzehnminütige Verhör zu nehmen.
Nach einem ansehnlichen Gig auf dem Dach des Saturn-Gebäudes in Hamburg, bei dem RHCP ihr am 8. Juli erscheinendes Album präsentierten, stellte sich Drummer Chad Smith unseren neugierigen Fragen zu dem neuen Album, der grassierenden Internetpiraterie, dem Einfluss des Krautrock und der Drogenvergangenheit gewisser Bandmitglieder.
Großartige Show, die ihr Jungs da abgeliefert habt!
Yeah, Mann! Freut mich zu hören, dass ihr Spaß hattet!
Ja, und es war das erste Mal, dass ich dieses Stück "Can't Stop" hören durfte. Das hat mich echt weg geblasen. Ein echter Funkrock-Brenner!
Jaja, wir haben's drauf mit dem Funkrock. Das ist halt unser Ding. Eigentlich war es gestern das erste Mal, dass wir dieses Stück live vor Publikum gespielt haben. Es war einfach großartig auf dem Dach zu spielen. Das hat uns viel Spaß gemacht. Und wir hatten ziemlich Glück, dass es nicht geregnet hat. Die Götter haben einfach auf uns herunter gelächelt! Mir waren da allerdings zu wenig Fans am Start. Man hat schon gemerkt, dass man hier vor der deutschen Musik-Journaille spielt. Da waren so ein paar Typen dabei, die einfach nur mürrisch rumstanden. Aber wir haben das ja nicht anders erwartet. Ich hätte lieber vor den Fans gespielt, die auf dem Dach des Gebäudes gegenüber abrockten!
Ich hatte gerade die Ehre, schon vorab in euer neues Album "By The Way" reinhören zu dürfen. Der erste Eindruck: Es klingt sehr intim und ruhig. Wie würdest du es beschreiben?
Ich glaube, das sind vielleicht die besten Songs, die wir je geschrieben haben. Wir haben uns diesmal von so viel Neuem beeinflussen lassen. Klar, die Leute erwarten immer diese Funkrockbrecher, und das ist ja auch ein Teil von uns. Aber wir vermeiden es, uns dauernd selbst zu wiederholen. Für jeden Künstler ist es wichtig, sich neuen Impressionen nicht zu verschließen. So gibt es jetzt viele unterschiedliche Stilrichtungen auf dem neuen Album. Alle unsere Alben hatten deshalb einen unterschiedlichen Sound, aber am Ende klingen sie doch alle nach Red Hot Chili Peppers. Das kommt daher, das diese vier einzigartigen, durchgeknallten Typen sich gefunden haben um diese Musik zu machen. Wir können glücklich sein, uns auf diesem Planeten getroffen zu haben. Das ist was Besonderes und wir sehen das nicht als selbstverständlich. Unsere Herzen sind weit offen und wir sind ehrliche Typen, die davon überzeugt sind, das Richtige zu tun. Und dieses Zusammengehörigkeitsgefühl schlägt sich auch auf das neue Album nieder. Es zeigt, wo wir uns gerade befinden.
Ja, Mann. Ich kann es kaum erwarten, bis das Teil im Laden steht. Ich hätte gerne jetzt schon ne Kopie.
Tja, da musst du wohl leider noch einen Monat warten. Weißt du, die Leute von der Plattenfirma sind ein wenig ängstlich wegen der Internetpiraterie und all dem Scheiß. Sorry!
Hast du persönlich auch Angst vor der Raubkopiererei?
Das Internet ist ein großartiges Werkzeug für jedermann. Aber wenn es um Musikmarketing geht, verstehen die Plattenfirmen keinen Spaß mehr, wenn dadurch die Verkaufszahlen herunter gehen. Ich persönlich würde die Platte gleich morgen rausbringen. Das sind halt Verkaufsstrategien ...
Letztes Jahr haben wir mit John gequatscht. Der hat uns vor allem von seiner Liebe zu den alten deutschen Rockern von Neu! und Can erzählt. Er sagte, diese Musik hätte großen Einfluss auf die neue Platte, die jetzt rauskommt. Stimmt das?
John ist ein Riesenfan dieser Musik. Ich glaube, dass alles, was uns im Leben je beeinflusst hat, irgendwann auch in unserer Musik heraus kommt. Vor allem natürlich musikalische Eindrücke. Aber du wirst keine direkte Verbindung hören, so dass man sagen könnte: "Oh ja, das klingt nach Can!", oder "das Teil klingt nach Kraftwerk!". Das kommt daher, weil hier vier Bäcker den ganzen Kuchen backen! Aber irgendwo im Unterbewusstsein schlummert das alles vor sich hin und irgendwie muss es ja auch nach außen dringen. Zum Beispiel in diesem neuen Song "Cabron" hört man ganz klar die Einflüsse der mexikanischen Kultur, die uns ja in L.A. sehr prägt und die das Leben dort so lebenswert macht. Das ist einfach ein Produkt unserer Umwelt, ein Teil von dem, was wir sind und wie wir leben.
Auf dem neuen Album liebäugelt ihr viel mit elektronischer Musik, vor allem bei dem Track "This Is The Place". Auf wessen Kappe geht das?
Ach, wir mögen eigentlich alle vier gerne elektronische Musik. Aber ich glaube, das geht vor allem auf John zurück. Er hat alle Instrumente auf seiner Soloplatte selbst eingespielt und wie du weißt, ist er ein großer Fan von Musik aus den 80er Jahren. Ja, das ist eine Art Dynamik, die John da in unser Album miteingebracht hat. Ich als Trommler halte nicht so viel von elektronischen Drums, obwohl wir sogar auch welche auf "The Zephyr Song" eingesetzt haben. Wir benutzen manchmal Johns Drummachine zum Jammen, quasi um uns warm zu spielen. Das ist eigentlich auch was Neues für uns und wir probieren immer neue Sachen aus, die uns herausfordern. Keep it fresh!
Habt ihr wieder in Fleas Garage gejammt, wie damals 1998 bei der Aufnahme zu "Californication"?
Nee, Flea ist umgezogen. Er hat ein neues Haus, leider ohne Garage! Wir sind dann in ein richtiges Probestudio umgezogen. Ihr müsst wissen: Wir sind nicht länger die Garagenband von früher! Wir sind jetzt erwachsen! (lacht)
Das neue Album wurde wieder von Rick Rubin produziert.
Yeah, Mr. Rick Rubin, indeedeedoo!
Wie kriegt er nach so vielen Jahren noch das Beste aus euch raus?
Rick lässt uns einfach uns selbst sein. Er versucht nicht, uns einen "Rick Rubin-Sound" aufzudrücken. Er lässt uns viel herum improvisieren und hilft uns dann später, aus diesen Fragmenten die Konsistenz des Songs heraus zu filtern. Er hat einen großartigen Musikgeschmack und ein geübtes Ohr. Er ist einfach ein witziger Typ. Außerdem sind wir natürlich jahrelang eng befreundet. Ursprünglich wollten wir diesmal mit jemand anders zusammen arbeiten. Aber als wir dann einen Haufen Material zusammen getragen hatten, fiel die Wahl dann doch auf ihn, weil wir wussten, dass er der richtige Mann ist, uns bei der Umsetzung zu helfen. Es ist immer gut, seine differenzierte Perspektive zu haben. Er kann sich immer gut in das Material einarbeiten und bringt dann großartige Ideen mit. Wir mögen ihn einfach. Er ist ein guter Kerl!
Wir wollten noch was über das Coverartwork wissen, das dieses Mal vom berühmten Filmemacher Julian Schnabel stammt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Julian ist außerdem ein sehr berühmter Maler. Ihr kennt ihn vielleicht nur vom Film, aber er arbeitete damals in Warhols Factory zusammen mit Basquiat. Die Verbindung entstand eigentlich deshalb, weil John mit Julians Tochter Stella verlobt ist. Julian hat sich unsere Platte angehört, dann angerufen und gesagt, er liebe dieses eine Lied so sehr. Er sang uns den Song dauernd auf den scheiß Anrufbeantworter. Er meinte, er sei total inspiriert und wolle unbedingt einen Beitrag zu der Platte leisten. Also haben wir ihn ausgesucht, das Artwork und die Fotos zu machen. Wir sind ziemlich glücklich und stolz mit der Wahl. Ich glaube, er ist ein großer Künstler.
Du wirst als Ruhepol der Band gehandelt, weil du dich immer aus den Drogengeschichten rausgehalten hast. Schöpft die Band auch aus ihren schlechten Erfahrungen?
Ja, sicher. Nach alle den Jahren zusammen haben wir heraus gefunden, dass die Chemie zwischen uns Vieren - John, Anthony Flea und mir - etwas sehr Spezielles ist. Davor haben wir das alles zu selbstverständlich hingenommen. Heute, da John wieder in der Band ist, wissen wir es mehr zu schätzen, was wir da haben. Wir sind einfach glücklich, zusammen Musik machen zu können. Wie lange das dauern mag, weiß ich nicht. Ich habe keine Kristallkugel, um in die Zukunft zu sehen. Aber im Moment sind wir alle sehr glücklich und vor allem gesund. Alles, was wir durchgemacht haben, hat uns nur wachsen lassen und uns zu den Musikern werden lassen, die wir heute sind. Von dem her glaube ich schon, dass alle diese Erfahrungen wichtig sind, um erwachsener zu werden.
Wir haben irgendwo gelesen, dass du an Fleas Musikschule unterrichtest.
Nein, ich habe bisher noch nicht unterrichtet. Aber ich habe ein Stipendium eingerichtet, für das Flea jedes Jahr einen Schüler auswählt. Da ich das Stipendium sponsere, muss es natürlich ein Drummer sein. Es geht darum, dem Kid zu ermöglichen, ein Jahr umsonst Trommelunterricht nehmen zu können. Aber ich werde ganz sicher noch an Fleas Schule ein paar Seminare halten, yeah! Das mit der Schule ist einfach eine Spitzenidee!
Wie viele Studenten gibt es dort?
Ich glaube, so um die 100 Leute. Es ist eine offene Schule für jede Art von Instrumenten.
Welche Vorkenntnisse müsste ich mitbringen, um dort aufgenommen zu werden?
Du musst Geld mitbringen! (allgemeines lachen) Nein ernsthaft. Du musst einfach ein aufrichtiger Musiker sein, naja, vielleicht nicht zu aufrichtig. Aber vor allem musst du jemand sein, der Musik machen und sein Instrument lernen will. Und zwar von jedem Level aus, ob du nun Anfänger oder Fortgeschrittener bist, egal. Es gibt Lehrer für alle verschiedenen Kenntnisgrade. Du musst einfach die Leidenschaft für die Musik mitbringen!
Chad, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast!
Diskutiert man über die besten Rock-Gitarristen, fällt früher oder später der Name John Frusciante. Die beiden erfolgreichsten Alben der Red Hot Chili Peppers "Blood Sugar Sex Magik" (1991) und "Californication" (1999) gehen mit auf sein Konto. Vor wenigen Tagen erschien Frusciantes drittes Solo-Album.
Grund genug für LAUT, den Peppers-Gitarristen in einem Hamburger Hotel zum Interview zu treffen. In entspannter Runde erzählte er vom Musizieren mit und ohne seine Band-Kollegen, der Wichtigkeit elektronischer Musik, seinem Verhältnis zu Eminem und Marilyn Manson sowie von deutschen Bands, die selbst deutsche Musik-Freaks nur am Rande kennen. Am Abend zuvor hatte Frusciante ein Show-Case in der Prinzenbar absolviert. LAUT: John, du hast bereits drei Solo-Shows in Europa hinter dir. Wie fühlt es sich an, ohne die Chili Peppers auf der Bühne zu stehen? John: Weißt du, wenn ich alleine auf die Bühne gehe, ist das etwas ganz anderes im Vergleich zu den Chili Peppers-Shows. Ich liebe es, meine Songs auf der Gitarre zu spielen. Wenn ich einen neuen Song komponiert habe, spiele ich ihn nicht nur meinen Freunden in der Band vor. Alle meine Freunde kriegen ihn zu hören, egal wo ich bin. Das kann bei mir zuhause sein oder im Tourbus, einfach überall. Und sie mögen alle meine Songs. Wenn ich alleine auf die Bühne gehe, denke ich eher an diese Art des Spielens. Das ist nicht zu vergleichen mit dem Gefühl, mit den Chili Peppers auf die Bühne zu gehen. Denn da kommt diese gewaltige Energie hoch, die entsteht, wenn wir vier zusammen sind. Niemand fühlt sich für den anderen verantwortlich, es sind einfach wir vier zusammen. Aber wenn ich Leuten meine eigenen Songs vorspiele fühle ich eine Energie, die ich selbst mit meinem Leben entfacht habe. LAUT: Warum spielst du nur so wenig Solo-Shows? Wie man hört, warten die Chili Peppers schon im Studio auf dich ... John: Well, es stimmt schon, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt zurück sein muss, denn die Chili Peppers haben eine Show in L.A. und wir beginnen auch mit den Aufnahmen zu unserem nächsten Album. LAUT: Also würdest du gerne mehr Shows spielen. John: Klar, würde ich gerne. Ich habe es wirklich genossen, die letzten beiden Shows zu spielen, und kann die nächste kaum erwarten. Jetzt kommt noch ein Gig in Paris und einer in Amsterdam, im März spiele ich in New York, weil dort auch die Chili Peppers etwas zu tun haben und dann kommt noch L.A. Also, ich würde schon noch gerne einige Gigs spielen, aber gleichzeitig freue ich mich noch mehr auf die Arbeiten an der nächsten Chili Peppers-Platte. LAUT: Was bedeutet es dir, wieder mit deinen Kumpels Musik zu machen? John: Weißt du, die Zeiten, in denen ich Tag für Tag über neuen Songs für die Band gebrütet habe, gehören zu den besten Zeiten in meinem Leben. Meine einzige Lebensbestimmung besteht darin, morgens aufzuwachen, Musik zu hören, und mit der Gitarre zu Songs zu spielen, von denen ich mich beeinflussen lassen möchte. Wenn mir dann Ideen kommen, schnappe ich mir den Tape-Recorder. Das ist es, was mich glücklich macht. Ich denke, die beiden schönsten Momente in meinem Leben waren die Aufnahmen zu "Blood Sugar Sex Magik" und "Californication". Deswegen freue ich mich wieder sehr darauf. LAUT: Spielt es für dich eine Rolle, wie Freunde deine Musik beurteilen? John: Oh yeah, meine Freunde lieben es. LAUT: Auch deine Bandkollegen? John: Bei Chad weiß ich es nicht, ich habe ihm nie Sachen von mir gegeben. Aber Flea und Anthony lieben beide meine Musik. (überlegt) Wisst ihr, schon bevor diese Solo-Platte von mir rauskam habe ich zwei CDs gemacht, die nicht veröffentlicht wurden - also ich meine jetzt nicht meine beiden alten Alben. Diese Platten habe ich 1999 über das Jahr aufgenommen, bevor ich angefangen habe, die Songs für meine neue Scheibe zu komponieren. Und die habe ich dann unter meinen Freunden verteilt. Jetzt werde ich nach und nach Songs von den beiden Alben als B-Seiten herausbringen, wie die vier Bonustracks auf meiner neuen Single "Going Inside". So bringe ich langsam das alte Zeug unter das Volk, denn es ist gut. (lacht) LAUT: Zum neuen Album: für mich bergen vor allem die Instrumental-Tracks "Ramparts" und "Murderers" eine Atmosphäre, die mich an dein Gitarrenspiel auf "Californication" erinnert. Wie bestimmst du die Kriterien, dass ein Song zum Beispiel ein Chili Peppers-Song wird? John: Also, ich habe mein Album auf der "Californication"-Tour aufgenommen. Auf Tournee ist außer mir niemand interessiert daran, Songs aufzunehmen. "Ramparts" und "Murderers" habe ich im März 2000 geschrieben und wenn ich einen der Songs für die Chili Peppers hätte reservieren wollen, würde ich heute noch warten ... Obwohl, halt, es gibt doch einen Song für die Peppers, den ich damals auf meinem Drumcomputer eingespielt habe. Irgendwie kam mir die Idee, Gitarrenlines im Stile der UK-Surf Music à la The Ventures oder The Shadows mit Technobeats zu unterlegen. Anthony mochte eine meiner Aufnahmen und wollte unbedingt einen Song daraus machen. Also meinte ich, ok, wenn du glaubst, du kannst etwas darauf singen, dann bringe ich es nicht raus. LAUT: Es gibt also keine musikalischen Konflikte? John: Nein, nein. Anthony und Flea unterstützen mich wo sie können. Wenn ich ihnen gesagt hätte, ich möchte fünf Monate lang mein Soloalbum promoten, hätten sie gesagt: alles klar, mach das, solange es dich glücklich macht. Aber natürlich sind sie froh, dass ich es nicht mache ... (alle lachen) LAUT: Was die Instrumentierung des Albums angeht, erfuhr man, dass dich vor allem New Order und Depeche Mode beeinflusst hätten. Gehören diese Bands im selben Maße zu deinen persönlichen Favoriten wie Syd Barrett, David Bowie und Jimi Hendrix? John: Yeah, das ist für mich dasselbe. Ich bin der Meinung, dass es in jeder Epoche diesselben Energien gibt, die es ermöglichen, gute Musik zu kreieren. Aber es ist alles eine Frage der Unvoreingenommenheit, zu erkennen, dass diese Energien in verschiedenen Zeitperioden auch verschiedene Formen annehmen. Für mich sind jene Energien, die einst Jimi Hendrix dazu bewogen, neue Sounds zu schaffen diesselben, die Depeche Mode überkamen, als sie "Violator" aufnahmen; ein Album, das wie kein anderes Rockalbum zuvor klingt. Weißt du, es gab eine Zeit in meinem Leben, da war ich noch ein kleines Kind und dachte: In den 60ern war die Musik doch am besten. Aber so fühle ich jetzt nicht mehr. Denn je mehr ich mich allen Spielarten elektronischer Musik gegenüber geöffnet habe, die in den letzten 20 Jahren aufgetreten ist, musste ich erkennen, dass einige Sachen davon mindestens so wegweisend und aufregend waren wie die Musik davor. LAUT: Bei deinem Gig gestern hast du den Gitarristen Michael Rother als eine Inspiration erwähnt. Was bedeutet deutsche Musik für dich? John: Oh, also deutsche Musik wird zusammen mit bestimmten anderen Sachen ziemlich sicher zu einem neuen Element des nächsten Chili Peppers-Albums werden. Wir alle lieben Neu! und Can, Harmonia und Cluster. Und ja, Kraftwerk gehören vor allem zu Fleas und meinen Favoriten. Doch in erster Linie stehen wir alle auf Neu!, bei denen Michael Rother der Gitarrist war. Das wird mit in den Mix mit einfließen, denn alles was du anhörst, beeinflusst dich auch. Ebenso werden auch die Rhythmen und Strukturen von Dub und Technomusik einen wichtigen Teil des neuen Albums einnehmen. Natürlich wird es nach dem Sound klingen, den wir vier Typen zustande bringen. Doch ich denke, dass wir in der Lage sind, mit unseren Instrumenten einen ähnlich vielschichtigen Sound hinzukriegen wie manche Sachen aus dem elektronischen Bereich. Bei den Aufnahmen zu "Californication" haben wir zum Beispiel viel Tricky, Portishead und Björk gehört und gezielt versucht, für jeden Song eine ganz eigene Atmosphäre zu kreieren. Die nächste Platte wird aber wie gesagt wieder mehr von anderen Sachen beeinflusst sein als von Triphop. LAUT: Für uns klingt es beinahe unglaublich, wie man nach einem solch schwierigen Lebensabschnitt, wie du ihn durchgemacht hast, wieder einen derartigen Erfolg wie den von "Californication" erreichen kann. Fühlst du dich in einer Form privilegiert? John: Ja, sehr sogar. Sich von etwas loszureißen, wie das, wovon ich mich befreit habe, ist eine Sache, für die ich nicht die Verantwortung übernehmen kann. Irgendwelche Kräfte im Universum da draußen müssen mich wirklich lieben. Ich weiß, dass eine Menge unsichtbarer Mächte für mich kämpfen. Alles was ich tun kann, ist ihnen jeden Tag dafür zu danken, indem ich die beste Musik mache, zu der ich imstande bin. LAUT: Wie du vielleicht weißt, spielen auch Eminem und Marilyn Manson gerade in Hamburg. Hast du einen von beiden schon getroffen? John: (zögert) Well, Eminem habe ich noch nie getroffen, aber die Leute von Marilyn Manson. Ich hatte immer eine Art Groll gegen ihn, seit ich einmal gelesen habe, dass Manson in seinem Buch schlecht über The Smiths redet. Deswegen mag ich ihn nicht, denn ich liebe die Smiths. Aber weißt du, ein paar gute Freunde von mir sind auch Freunde von ihm, also was soll's. Ich habe nichts gegen ihn, ich versuche einfach freundlich zu sein, seit ich ihm mal bei einem Interview ins Gesicht gefurzt habe ... (lacht) Das ist Jahre her, er hat wohl damals für ein Fanzine in Florida geschrieben und behauptet, mich, Anthony und Flea für das Heft interviewt zu haben. Ich muss so um die 18 gewesen sein, ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, und ich muss ihm irgendwann wohl ins Gesicht gefurzt haben ... (alle lachen) Später hat er mir gesagt, dass er dasselbe jetzt auch mit den Interview-Leuten macht. (lacht) LAUT: Wo wir gerade bei Manson sind, findest du, dass Künstler generell für Gewaltverherrlichung verantwortlich gemacht werden können? John: Nein, denn für mich hat Kunst immer mit Gegensätzen zu tun. Ein Song, der von Traurigkeit handelt, kann jemanden zum Lächeln bringen. Das ist wie mit Punkrock, der für manche Leute um 1980 herum ja als gewaltverherrlichend galt; Punkrock war gerade das, was mich damals wieder runterbrachte. Ich konnte all meine Gefühle rauslassen, indem ich diese Musik hörte. Hätte ich damals nicht Punkrock gehabt, wäre ich vielleicht an einen Punkt gekommen, wo ich Leute umgebracht hätte. Wenn ein Mensch einen anderen Menschen umbringt, ist das Schicksal und ich glaube nicht, dass irgendeine Musik einen Menschen zu so etwas treiben kann. Da müssen viel größere Energien im Spiel sein, die man nicht stoppen kann. Wobei Musik schon die Kraft haben kann, diese Energien zu balancieren. Für mich hat Musik kein anderes Ziel als Leute zusammen zu bringen. Und Leute wie Eminem ... weißt du, Fleas Tochter war eine Zeitlang verrückt nach Eminem, bis sie irgendwann meinte, er sei ein gemeiner Kerl. Ich war nicht dagegen, als sie für ihn schwärmte, ich habe ihr auch sein Album gekauft, aber als sie es von sich aus herausfand, habe ich mich für sie gefreut. Denn ich möchte nicht, dass sie später einmal mit einem Typen wie Eminem zusammen kommt, sondern dass sie einen tollen Kerl trifft, der Charme hat und so ... (lacht) Wenn Eminem ihre Vorstellung von einem perfekten Typen ist, dann weiß ich auch nicht. (alle lachen) LAUT: Hast du eine Meinung zum "One Hot Minute"-Album? (an dem 95er RCHP-Album konnte Frusciante nicht mitwirken, weil er sich zu der Zeit ganz dem Studium der Gifte widmete, d. Red.) John: Ehrlich gesagt habe ich es mir noch nie von Anfang bis Ende angehört. Ich kenne eigentlich nur die Hitsongs. LAUT: Schmerzt es dich, wenn du die Songs hörst? John: Für mich klingt es sehr seltsam. Es ist ungefähr so, wie wenn du deine Ex-Freundin beim Sex mit einem anderen Mann beobachtest. Es ist unangenehm denn du weißt, du müsstest da jetzt sein. Und die Sachen, die ich gehört habe, gehören nicht gerade zu meinen Favoriten, in meinen Ohren klingen sie irgendwie unausgewogen. John, vielen Dank für das Gespräch.
One Hot Minute (1995), Out in L.A. (1994), What Hits? (1992)
Mother's Milk (1989), The Uplift Mofo Party Plan (1987), Freaky Styley (1985), The Red Hot Chili Peppers (1984)
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Was ist eigentlich mit den Peppers los?? Torpedo Tommy |
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Red hot chili peppers nominiert für MTV Europe Music Awards MelleBabe |
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