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Am Anfang steht ein tragischer Todesfall: Andrew Wood, Sänger der Band Mother Love Bone, der auch Stone Gossard (geboren am 20. Juli 1965) und Jeff Ament (10. März 1963) angehören, stirbt 1990 an einer Überdosis Heroin. Der Tod des Sängers bedeutet das Ende der Band. Dabei war der Erfolg der Truppe gerade ein wenig ins Rollen gekommen: Man landet dank Gene Simmons von Kiss mit einem Video bei MTV und hat einen Deal mit einem Majorlabel in Aussicht.
Woods Zimmergenosse, Soundgarden-Sänger Chris Cornell, nimmt daraufhin einige Songs über diesen Verlust als Tribut für Wood auf. Das Projekt mündet in einem Album: "Temple Of The Dog". Hier stößt Mike McCready (5. April 1966) zu Ament und Gossard. Ihre Musik gelangt wiederum über ein Demo in die Hände des kalifornischen Tankwarts Eddie Vedder (23. Dezember 1964). Dieser ersinnt einige Vocalspuren, mixt sie über die Musik und schickt das neue Tape an die Band zurück. Ament, Gossard und McCready zeigen sich beeindruckt und gründen mit dem zu diesem Zweck nach Seattle übersiedelnden Vedder nach zwei Namensänderungen die Band Pearl Jam.
Ihr auf Epic erscheinendes Debütalbum "Ten", das die halbe Welt als Rückkehr der Gitarre feiert, trifft im Jahr 1992 haargenau den Zeitgeist. Das Werk verkauft sich bis zum Jahr 2002 weltweit neun Millionen Mal. "Alive", "Even Flow" und "Once" hört man wochenlang auf jeder Radiostation. "Jeremy" gewinnt Preise bei den MTV Video Awards und die Band tritt im Hollywood-Blockbuster "Singles" als Band von Film-Grunger Matt Dillon auf. Bald gehören Pearl Jam mit ihren emotionsgeladenen Auftritten zu den erfolgreichsten Rockcombos der westlichen Welt, was ihnen ein Jahr später zum Verhängnis wird: Als sich Kurt Cobain erschießt, ist Vedder für die Weltpresse plötzlich der alleinige, noch lebende Heilige des zum Kult avancierten Seattle-Sounds.
Die Band reagiert mit medialer Abschottung. Ab dem zweiten Album "Vs." beschließt man, keine Videoclips mehr zu drehen. Interviews sind rar, und die einzigen Schlagzeilen verursachen von nun an ausgefallene Konzerte, weil Pearl Jam die Preispolitik der US-Monopolisten von Ticketmaster nicht akzeptieren. 1993 gehen sie mit Neil Young auf Tour, zwei Jahre später nehmen sie mit dem Altmeister das Album "Mirrorball" auf. 1994, nach dem kommerziell erfolgreichen "Vitalogy"-Album, verlässt Drummer Dave Abbruzzese die Band. Ihn ersetzt der ehemalige Chili Pepper Jack Irons.
Nebenbei pflegen einige Bandmitglieder fleißig ihre Zweitprojekte (Brad, Three Fish, Mad Season), die wohl auch dafür sorgen, dass die Musik von Pearl Jam im Laufe der Zeit etwas ruhiger wird. Auf "No Code" treten die Amis 1996 erstmals auf die Bremse. Nur noch Punkfeger wie "Habit" oder "Lukin" erinnern an die früheren, harten PJ-Momente. Der wieder rockigere Nachfolger "Yield!" von 1998 gilt dagegen allgemein als Flop. Zwar schaffen es Pearl Jam in den USA damit auf Rang 2, weltweit gesehen bleibt das Werk aber hinter den Erwartungen zurück. An den Drums gibt es erneut einen Besetzungswechsel: Matt Cameron ersetzt den scheidenden Jack Irons, und kommt somit auf dem 98er Livealbum "Live On Two Legs" zu seinem ersten Pearl Jam-Tonträgereinsatz.
Ungewohnte Chartehren feiern die Jungs aus Seattle 1999 mit der Coverversion von Wayne Cochrans Song "Last Kiss", der zunächst nur für Fanclub-Mitglieder des Ten Clubs erhältlich ist, später aber als Single erscheint. Ein Jahr darauf veröffentlichen Vedder und Co. innerhalb weniger Monate uneigennützig Livemitschnitte der "Binaural"-Tour, insgesamt über 70 CDs mit ca. 142 Stunden Musik. Plötzlich steigen fünf PJ-Alben gleichzeitig in die amerikanischen Billboard-Charts ein: Das hat es vorher noch nie gegeben. Das einzige Konzert der Tour, dessen Mitschnitt nicht veröffentlicht wird, ist der Unglücks-Gig vom Roskilde Festival, bei dem Ende Juni 2000 neun Menschen zu Tode getrampelt werden.
Im Herbst 2001 macht Gitarrist Stone Gossard abseits seines Nebenprojekts Brad mit dem ersten Solowerk "Babyleaf" (Epic) von sich reden. Das hört sich dann - wen wunderts - ein bisschen nach der Hauptband an, lässt aber auch Gossards Vorlieben an Stoner Rock durchklingen. Das siebte Studioalbum "Riot Act" sowie die Single "I Am Mine" bringt das Quintett 2002 nach dem erneut nur mäßig erfolgreichen Vorgängeralbum zurück in die Schlagzeilen.
Vedder betont zwar, dass das neue Album kein Statement zur 9/11-Tragödie darstellt, dennoch darf man es als musikalisch friedvollstes Werk ihrer Karriere ansehen. Dass die Plattenverkäufe nicht mehr alten Kategorien gerecht werden, kümmert die Band wenig und sie will dies auch nicht aus eigener Kraft ändern: "Wir könnten wohl schon wie U2 zwei Jahre lang auf Tour gehen, sämtliche Award-Shows mitnehmen und auch noch Super Bowl", sinniert Basser Ament 2002 in einem Interview mit USA Today, "aber das wäre es wahrscheinlich nicht wert. Wir mögen die Vorstellung, eine kleine Band zu haben und ein ausgeglichenes Leben zu führen".
Im Sommer 2004 erscheint mit "Benaroya Hall October 22nd 2003" erstmals in der Karriere Pearl Jams ein Akustik-Livealbum, aufgenommen in der Heimatstadt Seattle. Unter den 24 Songs befinden sich auch Coverversionen von Johnny Cash, den Ramones und Bob Dylan.
Das Jahr ist noch nicht zu Ende, da steht auf einmal die mit "Rearviewmirror (Greatest Hits 1991-2003)" betitelte erste Best Of von Pearl Jam in den Läden. Eigentlich sind Pearl Jam ja keine Single-Band, und gerade deshalb ist es etwas vermessen, von einer Sammlung von Hits zu sprechen. Die Einheit der Songs im Album-Kontext machte immer das Besondere der PJ-Alben aus. Abgesehen von der Anfangsphase mit Krachern wie "Alive", "Jeremy" oder "Even Flow" konnte sich kaum ein Track oben in den Charts platzieren. Angereichert mit B-Seiten und neuen Mixes alter Sachen bietet "Rearviewmirror" trotzdem einen guten Querschnitt der Pearl Jam-Karriere.
Ihr achtes, selbstbetiteltes Studioalbum nehmen Pearl Jam mit Soundgarden-Produzent Adam Kasper auf. Im Mai 2006 kommt die Scheibe, mit der die Band nach eigener Aussage mal wieder einen größeren kommerziellen Erfolg einfahren will, in die Läden. In Maßen gelingt das auch: "Pearl Jam" verkauft sich weltweit besser als der Vorgänger "Riot Act", bleibt aber hinter den Verkaufszahlen von "Binaural" (2000) zurück.
In den Folgejahren bleibt die Band ihrer Liebe zu Live-Alben treu und versammelt sich hin und wieder zur Freude ihrer treuen Fans für neues Material im heimischen Bandstudio. Auch Soloausflüge ihres Frontmanns Vedder ("Into The Wild") entzweien die Harmonie nicht. Als Belohnung erlebt die Grunge-Ikone im Jahr 2011 ihr 20. Bandjubiläum und feiert dies im großen Stile mit einem Geburtstagskonzert (u.a. mit The Strokes, Queens Of The Stone Age, Mudhoney), einem Livealbum ("Twenty - Original Soundtrack") und einer von Cameron Crowe festgehaltenen Film-Dokumentation ("Twenty").
Mike McCready über die Wirkung von deutschem Bier, Woodstock und Twitter.
Pearl Jam haben nicht nur Nirvana, sondern zig andere Seattle-Bands überlebt und präsentieren sich 2009 in einem äußerst vitalen Zustand.
Sie ist wohl doch aufgegangen, die Strategie des großen Eddie Vedder, Frontmann und enfant terrible der Ex-Grunger Pearl Jam. Gemeint ist natürlich der Rückzug aus der Öffentlichkeit, damals in den Neunzigern. Ganze sechs Jahre: keine Interviews, keine Videos. Ergebnis: Pearl Jam haben nicht nur Nirvana, sondern zig andere Seattle-Bands überlebt und präsentieren sich 2009 in einem äußerst vitalen Zustand. Nicht zuletzt das neue, immerhin schon neunte Studioalbum kündet davon. "Backspacer" erscheint am 18. September.
laut.de trifft Gitarrist Mike McCready im Backstage der Berliner Freiluftarena Wuhlheide wenige Stunden vor Pearl Jams umjubelten Auftritt - dem einzigen Deutschland-Konzert einer sehr kurzen Europatour im August. Eddie Vedder signiert artig CDs, lässt sich fotografieren, raucht und trägt nicht nur ein rotfarbiges Getränk (sieht nicht nach Rotwein aus!), sondern allem Anschein nach auch eine ordentliche Portion gute Laune mit sich herum.
McCready ist so entspannt wie aufmerksam, nur einmal verliert er kurz den Faden (siehe unten). Unter seinem olivgrünen T-Shirt ragen Tätowierungen hervor. Die Sonnenbrille lässig ins kurze Haar geschoben, dunkle Dreiviertel-Hosen, weiße Socken in schwarzen Sneakers, dazu ein silbernes Armband. Mit dem Grunge-Look früherer Tage hat das nicht mehr allzu viel zu tun. Und dann kommt der sympathische Mittvierziger dem laut.de-Autor auch noch mit seiner ersten Frage zuvor:
Für wen schreibst du denn?
Für laut.de, ein großes deutsches Online-Magazin für Musik
Ich lese keine deutschen Magazine, da ich kein Deutsch kann, obwohl mein Großvater mütterlicherseits aus Deutschland kam.
Oh, wirklich?
Es muss hier irgendwo eine Gegend mit dem Namen Weipke geben. Und ich frage immer alle, ob sie davon gehört haben – Weipke? Da kam mein Ururgroßvater her, als er nach New York ging. Ich habe also deutsche Wurzeln.
Du sprichst aber kein Deutsch?
Nein, ich spreche kein Deutsch. Nur Englisch, Mann. Ich bin halb deutsch, und halb schottisch-irisch.
Und wie macht sich der deutsche Teil in dir bemerkbar?
Hmmm, meine Mutter ist sehr stoisch, sehr fokussiert und organisiert. Ich habe auch ein bisschen davon, eine gute Arbeits-Ethik, ich möchte immer pünktlich sein. Das sind vielleicht alles Verallgemeinerungen über die Deutschen, aber ein etwas davon stimmt ja meist doch.
Fast alle Artikel, die ich vor dem Interview gelesen habe, beginnen damit, Pearl Jam seien die letzte Band einer Ära, der Grunge-Ära, die letzten Überlebenden. Was glaubst du, warum sich alle so darauf kaprizieren?
Das machen die wohl auch aus historischen Gründen: Alle Bands aus dieser Szene sind weg, nur noch diese eine ist dabei. So wie die Stones eben heute auch noch dabei sind. Oder Prince aus der Minneapolis-Szene. Ich bin auch wirklich sehr froh, dass wir noch dabei sind. Wir haben hart gearbeitet, hatten aber auch einfach Glück. Auch, dass wir noch Fans haben, ist ganz wunderbar.
Das britische Q Magazine hat euch unlängst gar als "rock elder statesmen" bezeichnet
(Lacht) Diese Bastarde! Ja, wir sind alt. Wir sind ja alle in den Vierzigern.
Was ja heutzutage im Rock-Business auch kein Alter mehr ist
Ja, vielleicht nicht mehr ganz so wie früher, aber trotzdem gilt ja Rock immer noch als younger mens game. Wir fühlen uns immer noch recht jung, auch wenn wir uns da vielleicht täuschen. Auf jeden Fall haben wir das Gefühl, dass wir noch die Energie haben, um all das hier zu tun. Wir müssen uns aber auch fit halten.
Und es stimmt ja auch nicht ganz, dass ihr die letzten aus der Seattle-Szene seid. Alice in Chains haben ein neues Album, auch wenn der Originalsänger nicht mehr dabei ist ...
Die haben doch auch gerade in Amsterdam gespielt.
Ja, vor kurzem auch in Berlin. Ich habe auch Mudhoney-Plakate gesehen, die auch demnächst hier spielen
Ja, die machen's immer noch.
Sind das vielleicht Zeichen für eine Renaissance des Grunge?
Ja, vielleicht, die Geschichte wiederholt sich in Zyklen. Alle zehn Jahre gibt es neue Sachen, und ich würde mir eine Renaissance schon wünschen. Ich hoffe auch, dass die Leute zu Alice in Chains gehen und deren Platte kaufen. Die waren so lange weg und als Freund freue ich mich darüber, dass sie wieder Musik machen. Und Mudhoney sind eh Arbeitspferde, die gehen einfach raus und ziehen ihr Ding durch.
Da gibt es aber doch einen entscheidenden Unterschied: Mudhoney spielen in einer kleinen Halle, auch Alice in Chains haben vor kleinerem Publikum gespielt. Iihr dagegen habt heute die große Wuhlheide ausverkauft ...
Ja, das ist schon ein großer Unterschied (lacht). Ähm, sorry, muss gerade mal meiner Frau eine SMS schreiben. Frag einfach weiter ...
Das ist schon sehr beeindruckend, so viele Fans ...
Ja, wirklich beeindruckend. Ich weiß auch nicht, warum bei uns so viele Fans kommen. Ich weiß nur, dass unsere Musik einigen etwas bedeutet und dass ich dafür sehr dankbar bin. Es sieht auch so aus, als ob junge Fans dazukommen sowie Leute aus anderen Ländern. Das ist mir schon alles sehr wichtig. Vielleicht liegt es daran, dass wir seit 20 Jahren dabei sind.
Verbreitet ist auch die Meinung, ihr hättet überlebt, weil ihr euch so lange den Medien verweigert habt, jahrelang keine Interviews gegeben, keine Videos gemacht habt. Obwohl diese Strategie innerhalb der Band umstritten war. Du sollst ja dafür gewesen sein, weiterhin Videos zu drehen ...
Ich wollte einfach die privilegierte Position, in der wir uns damals befanden, weiterhin nutzen. Ich habe ja seit ich elf war, in Bands gespielt und 1978 bei meinem ersten professionellen Konzert 100 Dollar verdient. Ich wollte es einfach immer als Rockstar oder Musiker schaffen. Und damals bei Pearl Jam dachte ich: Lasst uns diese einmalige Chance nicht vermasseln, das Fenster öffnet sich nur einmal, die Chance kommt vielleicht nie wieder. Ich war also gegen diesen Rückzug, die Band hat mich dann aber überstimmt. Eddie wollte sich zurückziehen, da es für ihn zu crazy wurde. Für ihn war es auch viel schwieriger als für mich. Für mich war es zwar auch hart, zugleich aber sehr spannend. Wenn wir uns damals nicht für diese Strategie entschieden hätten, würden wir heute nicht hier sein. Wir hätten uns wohl aufgelöst.
Heute bist du dankbar für die damalige Entscheidung?
Ja, wir hätten uns aufgelöst. Eddies Instinkte sind einfach sehr gut.
Du hast in einem Interview gesagt, dass ihr einer Band-Auflösung ein paar Mal sehr nahe wart. Welches war denn der kritischste Moment? Sicherlich war die Zeit nach dem Roskilde-Ereignis die traurigste, schwierigste und schrecklichste in unserer Karriere. Wir haben stundenlang darüber geredet, ob wir weiter machen sollen. Es war sehr hart und es ist immer noch hart, daran zu denken und darüber zu reden. Das war auf jeden Fall eine Zeit, in der wir ans Aufgeben gedacht haben. Ein anderes Mal war 1994. Wir waren auf Tour unterwegs mit einem Flugzeug, nur Eddie fuhr mit einem Van. Nach jedem Konzert hat er noch eine Radioshow gemacht und ist Hunderte Meilen zum nächsten Gig gefahren, während wir mit dem Flieger unterwegs waren. Wir haben in dieser Zeit nicht miteinander geredet. Dann mussten wir auch noch eine große Show in San Francisco vor 50.000 Leuten absagen, weil Eddie krank wurde. Das war echt beschissen. Wir haben den Rest der Tour gecancelt und hatten ein großes Meeting. Das waren wohl die zwei schwierigsten Momente.
Als wir uns die Tapes und Remixe von "Ten" noch mal angehört haben, haben wir uns an die Zeit erinnert, als wir jung waren und für Alice in Chains Konzerte eröffneten. Das war so ein großer Spaß. Es hat mich auch daran erinnert, wie es war, meinen regulären Job zu kündigen und mit einem Van die Westküste rauf und runter zu touren und mal vor 30, mal aber auch vor 200 Leuten zu spielen. Wir klangen damals recht heavy, fast ein bisschen gefährlich.
Und ihr werdet jetzt sukzessive auch die nächsten Alben als Reissues herausbringen?
Genau, als nächstes kommt "Vs.", wahrscheinlich aber erst im nächsten Jahr. Das alles soll in einen Film münden, den wir mit Cameron Crowe herausbringen. Er schaut sich dafür altes Filmmaterial von uns an. Visuelle Eindrücke von jeder Tour. Er arbeitet sich gerade durch 700 Stunden Filmmaterial.
Eine Art Dokumentation?
Ja, es soll aufregend und cool werden. Ein wenig so wie "The Kids Are Allright". Interviews wird es wohl nicht geben. Vor allem Live-Aufnahmen. Wir werden sehen.
Apropos "Ten": Ich habe mir vor dem Interview noch mal das Bandfoto im Booklet zur Platte angesehen und musste doch ob des Kleidungsstils von damals schmunzeln. Seltsame Farben, graue Socken, die aus Doc Martens rausgucken ...
Ja (lacht). Das war Eddie oder ich. Wahrscheinlich Ed, denn der hatte Shorts an. Ich hatte so eine Art Cowboy-Hut auf und Löcher in meinen Jeans.
Was denkst du heute über diesen Stil?
Etwas altmodisch, wir fanden damals, wir sähen echt cool aus. Wenn ich mir das heute ansehe, frage ich mich, was ich mir dabei gedacht habe. Ich hatte wohl einen Hut auf, weil ich wie Stevie Ray Vaughan aussehen wollte. So ist man eben damals in Seattle herumgelaufen. Mit kurzen Hosen und langer Unterwäsche, weil es sehr kalt werden konnte. Mother Love Bone haben sich auch so angezogen.
Tragt ihr immer noch Doc Martens?
Ich glaube, Eddie macht das schon noch. Vielleicht hat er sie sogar heute an. Ich mache das nicht mehr. Ich bin raus aus meiner Doc Martens-Phase.
Heute ist ein besonderer Tag. Genau vor 40 Jahren begann das Woodstock-Festival
Wirklich? Wow.
Da müsst ihr eigentlich nachher beim Konzert etwas zu sagen
Ja, ich weiß gar nicht, ob Eddie sich dessen bewusst ist.
Glaubst du, dass Pearl Jam oder Nirvana bei Woodstock aufgetreten wären, hätte es sie 1969 schon gegeben?
Wow! Wenn wir eingeladen worden wären, sicher schon. The Who waren ja auch dabei, die Eddie sehr liebt, ich mag Jimi Hendrix sehr. Sly and the Family Stone, Santana, so ein tolles Programm. Viele Bands haben das ja auch abgelehnt, die das bestimmt bereut haben. Als die gefragt wurden, wussten sie natürlich nicht, wie groß das alles wird.
Man spricht immer von den Punk- und Metal-Elementen im Grunge. Ich frage mich, ob es da nicht auch eine Hippie-Seite gab?
Diese ganzen Begriffe sind sehr relativ. Ich weiß auch nicht genau, was Hippie bedeutet. Von der Philosophie her vielleicht: Wir haben ja auch Fans, die uns hinterher reisen wie bei den Grateful Dead. Da sind wir auch sehr stolz drauf, dass die das tun. Wir fünf haben aber alle verschiedene Backgrounds. Ich bin mit Musik der 60er groß geworden, habe auch Metal gehört. Ed ist vom Punk beeinflusst, Matt eher vom Classic Rock. Das kommt bei Pearl Jam alles zusammen.
Es kommt auf das Jahr an. Bestimmte Organisationen unterstützen meine Frau und ich persönlich. Einen Prozentsatz der Band-Einnahmen geben wir jedes Jahr an Organisationen, die wir bei einem gemeinsamen Treffen festlegen. Wir spenden kollektiv als Band, aber auch jeder für sich. Wir sind dankbar, dass wir das tun können.
Glaubt ihr, dass dies der Beginn einer besseren Weltordnung ist? Nun, mit Obama als Präsidenten?
Sicher, ja. Wir haben dunkle acht Jahre voller schrecklicher Entscheidungen verlassen, in denen wir auf niemanden gehört haben, auch nicht unsere Verbündeten in Deutschland. Das war eine sehr einseitige Zeit, die Amerika fast im Kern zerstört hat. Etwa, was die Bürgerrechte angeht. Obama ist klug und diplomatisch, Präsident Bush war das nicht. Ein beschissener Idiot.
In ein paar Wochen wählt auch Deutschland. Kennst du die Kandidaten?
Nein, die kenne ich nicht. Ich wünschte, ich könnte dazu etwas sagen.
Ihr habt das neue Album nach der Obama-Wahl geschrieben. Wie hat dieses Ereignis die Musik beeinflusst?
Es hat uns auf eine spirituelle Art beeinflusst. Wir sind ja mittlerweile alle Eltern und da möchte man auch Teil des politischen Prozesses sein. Eddies Texte allerdings zu einigen der neuen Songs sind viel introspektiver als beim letzten Album.
Einer der introspektiveren neuen Songs, "Just Breathe"… Das ist mein Lieblingssong von der Platte!
Da musste ich jedenfalls sofort an Eddies Soundtrack zum Film "Into The Wild" denken
Ja, Eddie ist auch für sich alleine wirklich gut. Wir können uns glücklich schätzen, dass er noch mit uns spielen möchte (lacht). Er könnte das auch alles alleine machen und würde trotzdem gut klingen. Er hat Aspekte des "Into The Wild"-Albums mitgebracht. Etwa das Fingerpicking, das er sehr beherrscht. Ich mag an dem Song, wie die Vocals und Harmonien anfangen. Ein tolles Stück, das immer mehr wächst.
Apropos: "Just Breathe". Was macht ihr, um zu entspannen, meditiert ihr? Du hast mal erzählt, dass du beim Gitarrespielen in eine Art meditativen Zustand geraten kannst?
Ja, das kann ich. Beim Spielen kann ich relaxen. Ich gehe aber auch zum Workout und nehme in Seattle Boxstunden. Ich schwimme und bin sehr mit meinen Kids beschäftigt. Zeit zum Meditieren bleibt da nicht wirklich.
Und, hast du schon mal Eddie zum Boxkampf herausgefordert?
Ich weiß nicht, ob ich das machen würde. Er hat ja auch mal als Security Guard gearbeitet und kennt deswegen bestimmt ein paar dreckige Tricks. Ich boxe auch erst seit zwei Jahren.
Stimmt es, dass zu Eddies Hobbys auch das Axtwerfen gehört?
Er wirft mit Äxten, ja. Er nimmt einen Baumstumpf, sprüht eine Zielscheibe 'rauf, nimmt die Axt und dann: (Mike macht ein Geräusch, das eine fliegende Axt darstellen soll). Sein Freund Laird Hamilton, ein Big Wave Surfer, hat ihn dazu gebracht. Die beiden haben da wohl irgendein Machoding am Laufen. Wir haben das auch mal probiert. Gar nicht so leicht. Ich bin mir sicher, dass die das in Europa seit Tausenden von Jahren machen. Wir Amerikaner hinken da etwas hinterher. Ich würdet uns im Axtwerfen sicher fertig machen.
Was für ein Hobby!
Wenn Ed mit einem Hobby anfängt, dann macht er das auch richtig.
Eddie ist auch ein großer Surfer. Ich habe gelesen, "Amongst The Waves" sei so etwas wie das Kernstück der Platte?
Ich weiß nicht, ob es das Kernstück ist, aber vielleicht hält es alles zusammen. Ein richtiger Rocker, wie aus den 70ern.
Geht es denn überhaupt ums Surfen?
Ich denke, dass es schon ums Surfen geht. Da musst du aber Ed fragen. Wir gehen auch alle gerne zum paddleboarding. Hier gibt es ja auch ein paar tolle Flüsse, ich wünschte, ich könnte da etwas paddleboarden. Beim paddleboarding bist du auch auf den Wellen und mittendrin, eben amongst them. Ed benutzt aber auch gern Wasser-Metaphern, es könnte also auch um etwas ganz anderes gehen.
Ja, in Berlin und der näheren Umgebung, in Brandenburg, gibt es viele Seen, viel Wasser ...
Berlin ist echt schön, mir war gar nicht klar, dass es so groß ist. Vier Millionen Einwohner ...
Ich könnte mir vorstellen, dass du persönlich besonders stolz bist auf die Gitarrenparts im neuen Stück "Supersonic"?
Ja, ich mag das Stück. Wir haben viel drüber geredet, das Stück mal live zu spielen, haben es aber noch nicht getan. Es hat so ein Ramones-Feeling, das gefällt mir sehr.
(Eine Dame von der Plattenfirma kommt vorbei und macht uns darauf aufmerksam, dass die Zeit fast rum ist)
Soll ich noch paar Fragen ganz schnell beantworten? (Schaut auf meinen Zettel mit den Fragen, und fängt an, einige selbst vorzulesen und zu beantworten)
Habe ich einen iPod? Ja, hab' ich.
Nein, ich twittere nicht.
Was heißt das? Ach, mach du doch weiter!
Ich wollte dir diese Fragen stellen, weil man manchmal den Eindruck hat, dass ihr in Sachen Technologie recht konservativ seid. Hat Eddie immer noch seine Schreibmaschine?
Er benutzt die schon noch. Aber ich habe ein iPhone, bin online, schicke meiner Frau Textnachrichten. Wir sind schon offen für Technologie, nur getwittert habe ich noch nicht.
Es heißt immer wieder, du wärest früher des Öfteren nackt auf die Bühne gerannt?
Ja, ich war nackt. Ich habe das auch in Deutschland vor Jahren gemacht. Es hatte mit Bier zu tun. Ich habe viel deutsches Bier getrunken und war sehr besoffen.
Das deutsche Bier war schuld?
(Lacht) Nicht nur das deutsche, ich habe das auch in anderen Ländern getan. Aber es gibt schon echt starkes deutsches Bier. Und warum soll man sich nicht mal ausziehen? Ich bin darauf gekommen, als wir mit den Red Hot Chili Peppers auf Tour waren. Die haben sich ausgezogen und Socken über ihre (lässt das Körperteil aus) gestülpt. Ich wollte das Ganze einen Schritt weiter tragen. Heute machst du so was gar nicht mehr?
Ich verspreche dir, dass ich das heute nicht machen werde. Vielleicht ziehe ich mein Hemd aus, wenn es heiß wird.
Macht ihr vor einem Konzert immer noch das, was man in Amerika fist bump nennt?
Das machen wir immer noch. Lass es uns mal machen (stößt seine Faust gegen meine). Genau so!
Gibt es andere Rituale vor einem Konzert?
Meine Rituale sind eher praktischer Art. Ich gehe noch mal die Songs durch, die ich weniger gut kann. Dann wärme ich mich auf, was ich früher nicht gemacht habe. Sonst ärgere ich mich während eines Gigs. Der deutsche Teil in mir möchte es eben so gut wie möglich hinkriegen.
Darf man sich auf weitere Soloprojekte freuen?
Ich arbeite an etwas, habe Klavierstunden und Gesangsunterricht genommen. Drei oder vier Stücke habe ich schon in Seattle gespielt, akustisches Zeug. Wenn wir nächstes Jahr etwas Pause machen, werde ich mich darum kümmern. Was das genau wird, weiß ich noch nicht. Wird aber Spaß machen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Immagine in Cornice (2007)
Rearviewmirror (2004), Lost Dogs (2003)
Yield! (1998), No Code (1996), Vitalogy (1994), Versus (1993)
16,99 €
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42,99 €
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07.02.08, 19:31 Dr. Kraberich |
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25.09.07, 22:04 Pumuckl |
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