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1996 ist das Jahr der Trauer: die Ramones lösen sich auf. Die Band, eine Legende. Vier Typen, Jeans, Lederjacken, Topffrisur. Rock'n'Roll. Punk. Pop. Hits. Angesichts dessen ist die traurige Tatsache, dass die Vier niemals mit einem Song den großen Chartserfolg einfuhren, von dem einige Mitglieder heimlich träumten, beinahe tragisch.
Gut, "Sheena Is A Punk Rocker" knackte einst die Top 40 in England, aber damit lässt sich auf Dauer eben auch kein Eigenheim finanzieren. Wenngleich solch bürgerliche Vorstellungen den New Yorker Jungs sicher fremd war, zumindest als sie Anfang 1974 gemeinsam die Ramones gründen. Im Stadtteil Queens verbringen Jeffrey Hyman (Joey), John Cummings (Johnny) und Douglas Colvin (Dee Dee) ihre Jugend mit Kiffen, Rumlungern und jeder Menge Platten ( bevorzugt hören sie Stooges, New York Dolls, Beatles, und 60s Surfsound).
Ihr Hass gilt bald den angesagten Glamrock- und Prog Rock-Bands, die mit Acht-Minuten-Gitarrensoli und Eunuchengesang den Nerv der Zeit treffen. Das muss doch auch anders gehen.
Zusammen mit Tom Erdelyi (Tommy), der später als ihr Manager fungiert, setzen die drei Teenager die Idee einer Band um, die auf sämtliche Konventionen einen großen Haufen macht und stattdessen einfachste Zwei-Minuten-Songs zur Kunstform stilisiert.
Die Instrumentenverteilung ist nur anfangs ein Problem: Joey, der zunächst an den Drums sitzt, wechselt bald ans Mikro, dafür setzt sich Manager Tommy an die Schießbude. Johnny fungiert als Gitarrist, Dee Dee als Basser. "1-2-3-4": Während ihrer gesamten Karriere gehört das kurze Einzählen Dee Dees vor jedem Song essentiell zur Performance.
Nebenbei sehen es die Ramones nicht als ihre Bestimmung an, kryptische Weisheiten unters Volk zu streuen, sondern erzählen in ihren Liedern vom (zumeist dreckigen) Alltag, der sie im Moloch New York umgibt. Der Filmemacher Jim Jarmusch ("Dead Man") pries die lyrischen Verdienste der Band einmal folgendermaßen: "Keine Band vor den Ramones traute sich, Texte für eine Jugend zu schreiben, deren Alltag sich maßgeblich um White Castle Burger-Läden und B-Movies drehte."
Ihr rockiger Bubblegum-Pop findet im CBGB, Kultspielstätte späterer New Yorker Berühmtheiten (Talking Heads, Blondie, Television), schnell Anklang. Die Band überredet den Besitzer gleich zu Anfang, in dem Laden als Residents aufspielen zu dürfen, was ihm nach und nach ein größeres Publikum beschert.
In vielerlei Hinsicht ist die Geschichte der Ramones die große Geschichte von Sex, Drugs & Rock'n'Roll. Im Interview-Roman und US Punk-Referenzwerk "Please Kill Me" von Legs McNeil und Gillian McCain ist einiges über die turbulente Anfangszeit der Band zu lesen. Zum Beispiel Anekdoten wie die von Dee Dee Ramone, der mit zarten 15 Lenzen im Central Park zu seinem ersten Dope kommt. Später sollte bei ihm auch Heroin ins Spiel kommen.
Nach zahlreichen, stürmischen Auftritten gelangen die Ramones Ende 1975 als erste New Yorker Punkband an einen Plattenvertrag. Das selbstbetitelte Debütalbum klettert kurz darauf bis auf Platz 111 der amerikanischen Charts, nicht gerade ein umwerfender Erfolg, aber der Grundstein ist gelegt.
Ende 1976 erscheint der Zweitling "Leave Home". Der Titel sollte in den folgenden zwanzig Jahren symptomatisch für die Ramones sein. Es gab und gibt wohl keine andere Band, die so oft und so regelmäßig auf Reisen geht, wie diese Jungs. Nach 22 Jahren Karriere blicken sie auf stolze 2262 Shows zurück.
1978, nach Veröffentlichung des dritten Albums "Rocket To Russia", verlässt Tommy die Band und macht den Weg frei für Marc Bee von Richard Hells Voivods, der sich flugs in Marky Ramone umbenennt und an den Drums Platz nimmt. Mit "Road To Ruin" schaffen es die Ramones 1978 erstmals, eine Albumlänge von dreißig Minuten zu übertreffen.
Die Besetzung mit Joey, Dee Dee, Johnny und Marky hält sich bis 1990. Kurz nach "Brain Drain" (inklusive "Pet Semetary") verlässt Dee Dee die Band, um als Dee Dee King eine Rap-Karriere zu starten, die jedoch heftig floppt. Ersatz ist Christopher John Ward aka CJ Ramone.
Bis 1996 sind die Vier noch aktiv, dann werfen sie nach insgesamt zweiundzwanzig Jahren Karriere das Handtuch. Dies tut ihrer Popularität jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil. Die Zahl der Leute, die die Ramones gerne einmal live bestaunen würden, steigt seither unablässig an. Mit der erfolgreichen Alternative Rock-Bewegung Anfang der 90er, die prominente Fürsprecher wie Chris Cornell, Eddie Vedder, aber auch Heavy Metal-Größen wie Motörhead-Lemmy von den New Yorkern schwärmen lässt, kommt allmählich auch der Begriff Kultband ins Spiel.
Auch die Neo-Punk-Bewegung mit Bands wie Green Day und Offspring verdankt den Ramones den richtigen Groove.
Doch noch ehe sich Reuniongerüchte verdichten können, erliegt Sänger Joey im April 2001 in einem New Yorker Krankenhaus 49-jährig einem Krebsleiden. Produzent Daniel Rey, mit dem Joey seit 1995 an Solomaterial arbeitete, bringt im Februar 2002 unter dem Titel "Don't Worry About Me" das Vermächtnis von Joey Ramone in die Plattenläden. Im Spätsommer 2004 stirbt mit Gitarrist Johnny bereits der dritte Original-Ramone. Der 1990 ausgestiegene Dee Dee wurde bereits Mitte 2002 nach einer Überdosis Heroin tot in seinem Haus in L.A. aufgefunden.
Derweil gibt es im neuen Jahrhundert eine wahre Flut an DVD-Veröffentlichungen. Zuerst wäre da 2004 der Film "Raw", im Großen und Ganzen zusammengestellt von Marky. Kurz darauf folgt mit "We're Outta Here" ein Live-Dokument. Im Jahr darauf zeichnet "End Of The Century" die Geschichte der Ramones nach und im Herbst 2007 veröffentlicht Warner die von Tommy zusammengestellte Compilation von Live-Mitschnitten "It's Alive".
Marky, der mit Joey noch dessen Soloalbum eingespielt hatte, sitzt von 2000 bis 2005 bei den Misfits hinterm Schlagzeug. Nebenher betreibt er seit 2001 die Band Marky Ramone & The Speedkings. Ansonsten reist er um den Erdball, um das Erbe an die Ramones wach zu halten.
CJ gründet nach dem Split von '96 Los Gusanos. Sie nehmen ein Album auf und trennen sich 1998 schon wieder. Mit The Warm Jets versucht er es erneut, die Band nennt sich jedoch bald in Bad Chopper um.
Tommy fängt in den späten Neunzigern an, sich mit Bluegrass zu beschäftigen. Zusammen mit der Songwriterin Claudia Tienan betreibt er das Duo Uncle Monk. Die beiden spielen Alternative Bluegrass, ihr selbst betiteltes Album erscheint 2007. Er sieht sich, ähnlich wie Marky, als Verwalter des Ramones-Erbes.
Tommy spricht über das Erbe der Ramones und den Bluegrass.
Pünktlich klingelt das Telefon. Ich werde von Deutschland nach England durchgestellt, von dort in die USA. Tommy, das letzte lebende Gründungsmitglied der Ramones, meldet sich aus der Stadt, in der Punk erfunden wurde. Die Urväter haben eine neue DVD am Start, Grund genug, sich mal das Erbe des Quartetts anzusehen. Und einen Blick auf das zu riskieren, was Tommy heute so treibt.
Tommy klingt ruhig, ja betont gelassen, aber nicht gelangweilt. Genau so, wie man sich ihn vorstellt, wenn man aktuelle Bilder von ihm sieht. Graue, lange Haare trägt er, einen Bart und meist einen Hut. Er hat an der Zusammenstellung der Doppel-DVD "It's Alive" mitgewirkt, kommt aber natürlich nur dafür nicht über den Teich. Klar, alles, worauf Ramones steht, geht in Europa auch über den Ladentisch, auch ohne dass er es dem Fan persönlich in die Hand drückt.
Hallo Tommy, wo befindest Du Dich gerade?
Ich bin in New York.
Macht es Dir noch Spaß, Promo für ein Ramones-Produkt zu machen?
Ach, weißt Du, ich bin sehr stolz auf das, was die Ramones erreicht haben, und ich habe immer noch Lust, darüber zu sprechen, was sie gemacht haben und sie den jüngeren Leuten vorzustellen, die sie vielleicht noch nicht so gut kennen.
Musst Du die jungen Leute wirklich bearbeiten, oder hast Du das Gefühl, dass sie noch einen guten Bezug zu den Ramones haben und die Band vielleicht von alleine entdecken?
Nein, es ist immer gut, die Initiative zu ergreifen und sich an die jungen Leute zu wenden. Es gibt ja so viele Musik da draußen. Mit den ganzen verschiedenen Medien, dem Internet, Videospielen, Bands, Filmen ... Es hilft, ein bisschen Promotion zu machen.
Was würdest Du einem ganz normalen Teenager sagen, der Punkrock hört und die Ramones noch nicht kennt?
Ich würde einfach sagen: "Check out this band! Vieles von dem, was Du hörst, hat seinen Ursprung in diesen Kerlen. Die Chancen stehen gut, dass Du es mögen wirst!" - Weißt Du, diese DVD ist eine großartige Zusammenstellung. Es sind vier Stunden Livemitschnitte, von den ganz frühen Tagen im CBGB's und den ersten Touren an. Alle möglichen Aufnahmen, zum Teil auch vom Publikum aufgenommen. Man kann die Ramones auf ihrem jugendlichen Höhenflug sehen. Da sind wichtige Shows dabei! Auf der zweiten DVD siehst du dann die reifen Ramones, wie sie die Welt erobern. Man kann sehr gut die Entwicklung der Band nachvollziehen, und wie sie sich über die Jahre verändert haben.
Oh ja, das stimmt. Bei den ersten Gigs, die Ihr gespielt habt, war ich noch nicht einmal geboren! Was für Gefühle kommen in Dir hoch, wenn Du die alten Aufnahmen siehst?
Es ist interessant, wenn man sich selbst sieht. Manchmal ist es, als sähe man eine andere Person. Es ist schwer zu begreifen, dass man sich selbst sieht. Du unternimmst eine Zeitreise, das ist echt faszinierend. Das ruft eine Menge Erinnerungen wach, die man vielleicht schon längst vergessen hat.
Gute Erinnerungen?
Alle möglichen! Gute und nicht so gute ...
Was denkst Du, wenn Du Dich selbst siehst?
Ich denke: "So schlimm hast Du Dich damals gar nicht angestellt!"
Alle diese Filme, die herausgekommen sind, sind sehr unterschiedlich. Es sind historische Mitschnitte, die die Geschichte dieser Band nachzeichnen. Auf der zweiten DVD ist es fast wie eine Seifenoper. Dann gibt es Markys Video, "Raw", das ist eigentlich ein Film über die späten Jahre der Band. Es zeigt eine neue Seite der Ramones. Und dann gibt es dieses Video, das einfach nur die Shows zeigt.
War es schwierig, das Filmmaterial zusammen zu tragen?
Wir haben einen Aufruf rausgeschickt, dass wir Livemitschnitte suchen. Das Lizenzieren hat viel Arbeit gemacht. Insgesamt haben wir etwas über drei Jahre gebraucht, um die DVD fertig zu stellen. Es ist ein interessantes Resultat geworden. Das ist diese Art von Video, die man sich immer wieder ansehen kann, wegen der verschiedenen Abschnitte. Es gibt immer wieder was zu entdecken.
Du bist der letzte Überlebende der Ur-Ramones. Ist das Erbe der Band manchmal eine Belastung für Dich?
Ich glaube, dass es meine Aufgabe ist, die Message der Ramones weiterzutragen. Das ist mein Job, und ich empfinde es als Privileg, ein Teil dessen gewesen zu sein. Ich bin sehr stolz auf das, was die Ramones erreicht haben. Ich mache das von ganzem Herzen und mit dem gebührenden Enthusiasmus. Aber letzten Ende ist das nur eines der Dinge, die ich tue.
Wie werden die Ramones heute in den USA rezipiert?
Die Ramones sind heute größer denn je, zumindest in kommerzieller Hinsicht. Mehr Leute kennen sie als früher. Also, man hat die Ramones auch früher schon gekannt, aber man hat nicht verstanden, worum es bei den Ramones ging. Die Leute kennen die grundlegende Geschichte der Band, aber nicht unbedingt ihre Bedeutung. Dieses Video wird uns dabei helfen. Je mehr Jahre vergehen, desto größer werden die Ramones.
Hier in Deutschland gibt es ein Ramones-Museum in Berlin, vor zwei Jahren hat sogar mal jemand ein Ramones-Musical auf die Bühne gebracht. Bekommst Du so etwas mit, interessiert es Dich?
An dem Musical war ich ja beteiligt. Aber was die anderen Dinge angeht, so freut es mich, dass da was passiert, aber ich habe da nicht viel mit zu tun. Der Typ mit dem Museum in Berlin ist, so weit ich weiß, in finanziellen Schwierigkeiten ... Ich habe gehört, dass sie es schließen wollen, ach, ich weiß nicht genau. Das sind halt einzelne Leute, die so etwas machen. Es gibt ja auch eine ganze Menge Tribute Bands und Fanclubs und Fanzines. Das macht mich alles sehr froh, aber ich habe persönlich nichts damit zu tun.
Im Oktober werden die Ramones in die Long Island Music Hall Of Fame aufgenommen. Bedeutet Dir eine solche Ehrung etwas?
Klar, jede Ehrung ist mir wichtig. Was diese einzelne jetzt genau bedeutet, kann ich Dir nicht wirklich sagen.
Wenn alle ehemaligen Ramones eine große Familie wären, welches Familienmitglied wärst Du dann?
Ich wäre wohl der gütige Onkel gewesen.
Nicht so sehr den Punk-Sektor, mehr die generelle Indie-Schiene. Alles, was im Alternative-Bereich rauskommt. Ich denke, dass das alles die Enkel der Ramones sind! Die Ramones haben ja so viel beeinflusst, New Wave und Indie ... Ich sehe mir das gesamte Bild an. Da kommen schon interessante Sachen raus, wie die White Stripes oder die Yeah Yeah Yeahs. Wenn jemand etwas Besonderes hat, etwas, das ein bisschen anders ist, dann höre ich da mal rein. Es gibt viel da draußen, aber nichts, was die Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Aber wer weiß, vielleicht kommt so etwas ja bald.
Gibt es denn Bands, bei denen Du direkt Einflüsse der Ramones heraushörst?
Ja, klar, manchmal hört man schon die eine oder andere Band, die ganz klar von den Ramones beeinflusst ist. Aber mich interessieren diejenigen, die ein eigenes Talent haben. Was auch immer das sein mag. Klar findet man dann auch mal eine Band, die von den Ramones beeinflusst ist und gleichzeitig Eigenständigkeit hat. Das finde ich spannend. Ich finde die subtilen Einflüsse spannender, bei denen man hier und da nur eine Idee davon bekommt und das Gefühl hat, da macht jemand sein eigenes Ding.
Was für Musik hörst Du privat im Moment?
Seit ungefähr zehn Jahren habe ich mich sehr mit Bluegrass beschäftigt, mit der Musik aus vergangenen Tagen. In den letzten Jahren habe ich mir einige Instrumente angeeignet, die Mandoline zum Beispiel. Oder das Banjo und die Violine. Und die Dobro-Gitarre. Ich habe so eine Art moderne Indiemusik daraus geschafften und betreibe ein Duo, das sich Uncle Monk nennt. Das macht einen Riesenspaß! In diesem Jahr haben wir unser erstes Album in die Läden gebracht. It's growing in a grassroots way. Wir bauen das ganz langsam auf, wir wollen die Leute nicht ins Gesicht schlagen mit unserer Musik.
Erzähl doch bitte mal kurz etwas über Claudia Tienan, Deine musikalische Partnerin.
Sie hat eine lange Geschichte in der Indieszene. Sie ist aus Minneapolis in Minnesota. Ich habe sie in New York kennen gelernt, am College. Wir hatten eine Band zusammen, die auch Uncle Monk hieß, mit elektrischen Instrumenten. Sie spielte Bass und wir hatten einen Drummer. Über die Jahre hat es sich dann in einen Acoustic Act entwickelt. Sie spielt jetzt Gitarre und ich die ganzen Instrumente, die ich vorhin nannte. Sie ist ein großartiger Songwriter. Sie hat eine etwas dunklere Weltsicht als ich. Ich bin etwas optimistischer, aber die Mischung ist gut.
Musst Du Dich auf Grund Deines derzeitigen Musikstils manchmal vor alten Ramones-Fans rechtfertigen?
Nein, sie sind schon verständnisvoll. Man muss sie allerdings an die Musik heranführen. Viele von ihnen haben nie akustische Musik gehört. Das ist wohl etwas komisch für sie, aber wenn sie es hören, gefällt es ihnen in der Regel auch. Wenn sie es verstehen, können sie es auch wertschätzen.
Hast Du mal überlegt, ob Du in Uncle Monk nicht den Namen Tommy Ramone benutzt?
Ja, ich benutze beide Namen, Tommy Ramone und meinen bürgerlichen. Aber der Name Tommy Ramone öffnet Türen, die Leute wissen, wer Tommy Ramone ist. Das ist nicht so lästig. Aber ich benutze beide Namen.
Machst Du außer Uncle Monk noch etwas im Moment?
Nein, momentan konzentriere ich mich darauf. Es macht uns großen Spaß! Im Frühjahr haben wir eine lange Tour begonnen, und ich bin gerade voll dabei. Wir wollen im nächsten Jahr auch nach Europa kommen, aber wir müssen uns erst um die Basis hier in den USA kümmern.
Letzte Frage: Gibt es noch etwas, was Du in Deinem Leben noch machen möchtest?
Ich mache eins nach dem anderen. Wir wollen jetzt erst mal Clubs und Festival spielen. Was alles weitere angeht: Schreiben hat mir immer Spaß gemacht und ich hatte immer schon viel mit Film zu tun. Aber man kann ja nur eins nach dem anderen machen. Ich habe so viele Interessen, wer weiß, was ich als nächstes machen werde?
Bobby "Blitz" Ellsworth über den Gesangsstil toter Vögel, den Faktor Energie und lustige Erlebnisse mit den Ramones.
Overkill-Frontförster Bobby "Blitz" Ellsworth ist trotz Krebserkrankung, Hirnschlag und Motorradunfälle nicht nur fit wie ein Turnschuh, sondern auch einer der lebenslustigsten Menschen im ganzen Musik-Universum. Nach einem unglaublichen Auftritt auf dem Rock Hard Festival 2005 bietet sich noch eine Gelegenheit zum gemeinsamen Plausch.
Meine Fresse, nach der Show, die ihr da gerade abgeliefert habt, beneide ich Sentenced nicht gerade, dass sie nach euch auf die Bühne müssen.
Das war gar nicht schlecht, oder? (In dem Moment werden wir ein wenig weiter nach hinten in den Gang gescheucht und stehen schließlich vor der Damentoilette.) Hm, scheint so, als sähen wir heute ein wenig nach Pussies aus, hahaha. Egal, wenn du auf so einem Festival spielst, ist alles immer etwas chaotisch. Kein Soundcheck, keine Vorbereitung, es heißt einfach irgendwann "GOOOOOO!" hahaha. Und dann rennst du raus und legst los. Aber du hast Recht, das Publikum war heute extrem gut drauf.
Ihr habt ja auch von Anfang an Gas gegeben und aus allen Rohren gefeuert.
Das ist doch auch die Idee hinter so einem Festival, dass man sich gegenseitig immer höher pusht. Du nimmst die Energie der Fans auf, bringst sie in deine Show ein und stachelst die Menge damit um so mehr an. Die Energie wird quasi immer hin und her transformiert, das hat heute extrem gut geklappt.
Die Jungs vom Rock Hard haben sich auch kaum mehr halten können vor Begeisterung.
Ja, stimmt, wir sind alles gute Freunde, seit ich ihren Arsch ein paar Mal in New York vor irgendwelchen Gangs gerettet habe, buahahaha.
Ihr habt einen neuen Drummer, wie ich gesehen habe. Was ist mit Tim?
Der hat die Band quasi drei Tage vor der Tour verlassen, weil er sich um seine Familie und seinen Job intensiver kümmern will. Er hat geheiratet, und die Kinder seiner Frau haben auch schon Kinder, weswegen er so was wie ein Instant-Grandpa ist. Sozusagen von Overkill zur Social Security, buhahaha. Eines seiner Stief-Enkelkinder ist sehr krank, und da möchte er eben da sein, um seine neue Familie zu unterstützen, und das respektieren wir voll und ganz. Es kam deswegen immer wieder zu ein paar Konzertabsagen, und da wir wussten, dass so was wieder passieren kann, haben wir eben mit Ron Vorbereitungen getroffen. Er war schon oft bei Shows von uns und saß auch backstage mit uns zusammen. Dan Lorenzo von Hades (Rons Ex-Band) hat ihn uns vorgestellt. Er kommt auch aus New Jersey, wir verstehen uns super. Hoffentlich bleibt er bei uns. Wir haben einfach alle die selbe Mentalität aus High Level Energy, ernsthafter Verbundenheit und etwa 35% Kriminalität, buahahaha. So ähnlich wie bei den Sopranos, hahaha.
Momentan seid ihr auf Tour in Deutschland, wie lange spielt ihr da jeden Abend?
Etwa 90 Minuten, und das quasi jeden Abend. Es ist schon hart, eine Songauswahl für 90 Minuten zu treffen aber wenn wir wie heute nur eine Stunde haben, ist es noch viel härter. Wir haben etwa 140 Songs, wähl da mal zehn bis zwölf aus, ohne dass sich einer angepisst fühlt, weil du einen bestimmten Song nicht gespielt hast. Das ist unmöglich! Wir versuchen also ein paar Alltime-Favorites zu spielen und richten uns ansonsten nach unserem eigenen Geschmack.
Ich hab mich ja beinahe nass gemacht vor Freude, dass ihr "Old School" gespielt habt. Der Song läuft bei uns jedes Mal in der Radioshow, und ich habe ihn als mp3 auf meinem Handy als Klingelton.
Als ich den Text zu dem Song geschrieben habe, erinnerte ich mich an unsere Anfänge in einem Club in New Jersey, in dem wir bald so was wie die Hausband wurden und vor tausend Leuten gespielt haben, ohne eine Plattenvertrag. Der nächste Schritt nach vorne war das Ritz, und das coolste dabei war dann, dass ich endlich etwas hatte, was ich mit meinem Namen Blitz reimen konnte, buahahaha.
Ein kleiner Egomane, hä? Wer hatte denn die Idee für diesen Song?
D.D. ist ein alter Punk. Vor Overkill spielte er schon in einer Punk-Band namens The Lubrucunts, die sich schwer an den Ramones orientiert hat. Im Grunde seine Herzens ist D.D. ein Punk, der vorgibt, in einer Metal-Band zu spielen. Wir hatten schon immer ein paar Songs, die definitiv mehr Punk als Metal waren, von der "Fuck You"-Coverversion ganz zu schweigen, die fester Bestandteil jeder Show ist. Wir wurden schon oft von unterschiedlichen Leuten gefragt: "Seid ihr ne Punk- oder ne Metal-Band", und wir konnten nur antworten: "Keine Ahnung, Mann. Vielleicht finden wir das mit der Zeit raus, aber es ist uns auch scheißegal." Als ich das Demo zu dem Song hörte, habe ich mich halb tot gelacht, weil D.D. den Chorus singt, und er hat nicht gerade die Stimme eines Vogels, buahahaha.
Na ok, aber es passt doch super, und außerdem kommt das ja auf den Vogel an, oder?
Stimmt, er klingt wie 'n toter Vogel, muahahaha. Aber du hast schon recht, es funktioniert so echt gut. Ich denke, das liegt auch daran, dass Overkill musikalisch und technisch nie perfekt waren und es auch gar nicht sein wollten. Dafür hatten wir immer diesen X-Faktor, und dieser X-Faktor ist die Energie. Diese Energie kommt wohl einfach aus dem Punk. Ich weiß noch genau, wie ich die Ramones zum ersten Mal im CBGBs gesehen habe. Das war vor 40 Leuten, und die Energie war unglaublich. Dabei standen die Jungs auf der Bühne und haben angefangen, sich zu streiten. Joey stand da oben und sagte: "Ok, der nächste Song ist 'Blitzkrieg Bob'", und von D.D. Ramone kam nur: "Nö, 'Blitzkrieg Bob' spiel ich nicht." "Was? Du musst das verdammt noch mal spielen!" "Mach ich aber nicht." "Es steht aber zwei gegen einen!" Das Publikum stand da, und die Blicke gingen hin und her wie bei einem Tennismatch. Das war der Hammer, hahaha. Dann ging's wieder "One, two, three, four" und sie legten los. Aber zu den Ramones hab ich noch eine Anekdote. Wir hatten gerade einen unserer ersten Gigs, ebenfalls im CBGBs, und Joey Ramone sollte uns ankündigen. Ich war total nervös und aufgeregt, weil Joey einfach eines meiner Idole war. Er ging also raus auf die Bühne, schnappte sich das Mikro und meinte im gelangweilten Ton: "Ok, Leute, hier spielt jetzt gleich eine Band aus New Jersey. Die heißen, glaube ich, Overkill, und ich habe keine Ahnung, wie die überhaupt klingen. Macht euch einfach selbst ein Bild davon." Damit schlappte er wieder von der Bühnen und krallte sich das nächste Bier. Ich dachte nur: "Du blöder Arsch, 'n bisschen mehr Enthusiasmus wäre schon drin gewesen, oder?" hahaha.
Momentan sind sowohl Anthrax als auch Testament mit einem Line-Up auf Tour, das in etwa dem ihrer erfolgreichsten Zeiten entspricht. Könntest du dir so was bei Overkill ebenfalls vorstellen?
Ich weiß nicht, darüber haben wir uns eigentlich nie Gedanken gemacht. Wir sind heute von der Bühne gegangen, und es hat sich einfach großartig angefühlt. Eine unserer Philosophien ist es, das Hier und Jetzt zu genießen und zu leben und nicht großartig über die Zukunft oder die Vergangenheit nachzudenken. Das hat uns geholfen, über 20 Jahre durchzuhalten. Wenn sich eine Möglichkeit wie das Rock Hard Festival bietet, ist es meiner Meinung nach wichtig, dass da fünf Leute rauskommen und Overkill sind. Wer diese fünf Leute sind, ist dabei eher nebensächlich. Wir leben eher nach dem Motto: "Seize the day, squeeze the shit out of every opportunity and get everybody sing FUCK YOU, buahahaha."
Das Interview führte Michael Edele
We're Outta Here (1997), Adios Amigos (1995), Acid Eaters (1994), Mondo Bizarro (1993), Brain Drain (1989), Ramones Mania (1988), Halfway To Sanity (1984), Too Tough To Die (1984), Animal Boy (1983), Subterranian Jungle (1983), Pleasant Dreams (1981), End Of The Century (1980), Rock 'N' Roll High School (1979), Road To Ruin (1978), Rocket To Russia (1977)
Leave Home (1976)
6,45 €
6,45 €
19,90 €
19,90 €
19,90 €
19,90 €
19,90 €
19,90 €
24,90 €
24,90 €
So muss das sein: würdige Homepage der Punk-Veteranen.
http://www.officialramones.com/
Hach wie süß! Der Ersteller dieser Homepage schlägt sich mit dem Nachwuchs in der Familie herum, deswegen dauert das mit den Mitgliedsausweisen auch etwas länger.
http://privat.schlund.de/M/M_Ramone-Fan/
Feste Ausstellung mit T-Shirts, unveröffentlichten Fotos, Setlists, Vinyl-Schallplatten, Konzertplakaten und Tickets, sowie persönlichen Gegenständen und Schriftstücken der Bandmitglieder.
http://www.ramonesmuseum.com
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