laut.de-Kritik

Es darf gefeiert werden, denn sie leben noch. Und wie!

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Der September 2011 schickt sich an, zum wahr gewordenen Traum eines jeden Pearl Jam-Fans zu werden. Im Rahmen der Festivitäten des eigenen Überlebens nach 20 Jahren Drugs, Tragödie und Rock'n'Roll gab es spezielle Konzerte, Fernsehauftritte, eine Kanadatour und sogar eine Pressekonferenz mit der Band im feinen Zwirn. Ja, für die Premiere des großen Bandfilms "Pearl Jam Twenty" von Cameron Crowe zwängten sich selbst Eddie Vedder und Co. in ihre Anzüge. Die Dokumentation begleitet dieser von Regisseur handverlesene Soundtrack, der 29 Tracks auf zwei CDs bietet.

Die Kompilierung eines Musikfilm-Soundtracks ist alles andere als einfach. Studioversionen und Albumtracks kennt doch schon jedes Kind, neuen Score drüberlegen hilft weder der Retrospektive noch der Bindung zur Band. Also was tun? Cameron Crowe löste dieses Dilemma mit besonderen Live-Versionen und Raritäten, allesamt aus dem tiefen Fundus der Pearl Jam-Familie und seiner eigenen Kollektion geholt.

Es spricht für Crowes eigenem Fanatismus, dass hier wirklich ungehörte Cuts ihren Weg in die Öffentlichkeit finden. Besonders bei einer so sehr engagierten Fangemeinde, die sich wie keine zweite auf Bootlegmärkten herumtreibt. Da ragen für glühende Pearl Jam-Verehrer natürlich die Demoversionen "Nothing As It Seems" und "Need To Know" wie Leuchttürme im Bootlegmeer heraus. Aus letzterem wurde irgendwie der Backspacer-Track "The Fixer", die Demo mit Jeff Aments Vocals zu "NAIS" ruft auf einen Schlag träumerische Assoziationen zu Pink Floyd hervor.

Diese Demos zielen auf der mit "Rarities And Inspirations" betitelten zweiten CD klar auf die Hardcore-Fans der Band ab, die schon tiefer in den Backkatalog und die legendäre Bandhistorie eingetaucht sind. Alle anderen könnten eher ratlos vor der Alice in Chains-Coverversion "It Ain't Like That" oder dem "Times of Trouble"-Instrumental stehen. Am besten funktioniert der Genuss von Demoversionen wie immer mit dem Aha-Erlebnis, wenn die Unterschiede zum Endresultat auffallen.

Keineswegs kalt lässt hingegen Mike McCreadys Filmmusik "Be Like Wind", das mit wenigen Noten eine unheimlich dichte Spannung erzeugt. Der Lead-Gitarrist unterlegte in letzter Zeit immer mehr Film- und Fernsehproduktionen mit seinen Sounds, was ihm angesichts dieses Cuts sehr gut zu Gesicht steht. Lust auf mehr macht die Demoversion "Acoustic #1" aus dem Jahr 1991, auf dem Eddie nur phonetische Melodien ausprobiert. Zu gerne hätte man daraus ein Lied gesehen, auch der Kommentar am Ende ("That was alright") von Mike klang hoffnungsvoll.

Wie viele Songs Pearl Jam noch in der Schublade haben, weiß niemand. Fakt sind nur neun Studioalben, ein Haufen B-Seiten und schier ausuferndes Live-Material. Aus diesem setzt sich CD 1, der offizielle im Film verwendete Soundtrack, zusammen.

Die Performances ziehen sich dabei durch die gesamte Spanne von mehr als 20 Jahren Bühnenleben. Eine elektrisierende Version von "Release" wächst in einen fast religiösen Chorus, einen Moment, der viele PJ-Shows schon losgetreten hat. Danach geht es 16 Jahre zurück zu den Mookie Blaylock-Tagen und einer noch etwas unbeholfenen Version des späteren Hits "Alive". Man merkt schon: Bei den erwählten Liveversionen zog Cameron Crowe die Atmosphäre der Perfektion oder der Soundqualität vor.

Das belegt ebenso eine rohe Publikumsaufnahme von "Garden" aus dem schweizerischen Winterthur, datiert auf Februar 1992. Die Stimmen der eidgenossischen Pearl Jam-Fans kann man laut und deutlich vernehmen, Gläser klirren, Gesprächsfetzen fliegen vorbei. Da die Bühne in der Albani Music Bar zu klein war, um darauf ihre normale expressive Darbietung zu bringen, lieh sich die Band ein paar Akustikgitarren und spielte ein improvisiertes Unplugged-Set. Wenige Tage später kam die Einladung zu MTV Unplugged, von dem die legendärste Performance von "Black" stammt, die dem explodierenden "Why Go" aus der Hamburger Markthalle folgt. Folgt man solchen Geschichtsfäden, (erzählt übrigens durch die Linernotes im 36 Seiten starken Booklet) fallen die Puzzlestücke plötzlich ins große Ganze.

Das von jeder elektrischen Trotzigkeit befreite "Black" aus jener MTV-Session zeigt einen zutiefst gebrochenen Eddie Vedder, der sein Herz auf der Zunge trägt und eine unglaublich intensive Performance hinlegt. Allein wie er die Melodie zu Beginn der zweiten Strophe abändert und um das Zehnfache intensiviert, ist eines von vielen Highlights in der Bühnenkarriere der Seattler. Wen dieser Auftritt kalt lässt, hat bei Pearl Jam nichts verloren.

Eine starke Wirkung entfaltet auch das Trio "Blood", "Last Exit" und "Not For You" von der Südostasientour im Frühjahr 1995. Nach Cobains Tod und der Ticketmaster-Fehde stand man erstmalig und mit neuem Drummer wieder auf der Bühne. Die Umstände waren widrig, die Musik nahm so eine fast meditative Wirkung ein, wie diese druckvollen Versionen belegen.

Großartige Livequalität beweist genauso das Mother Love Bone-Tribut "Crown Of Thorns". Bei diesem Konzert jährte sich der erste Auftritt von Pearl Jam zum zehnten Mal und man widmete es dem verstorbenen Andy Wood, wegen dessen tragischen Ablebens Pearl Jam erst entstehen konnte.

Etwas kurios ist hingegen "Let Me Sleep (It's Christmas Time)", das Eddie und Mike auf den Stufen der historischen Arena in Verona jammen. Ursprünglich eine Weihnachtssingle für den Fanclub, wusste man lange nichts von dieser Spontansession. Aber es sind solche Momente, die den Soundtrack spannend machen und die man auch nur den Pearl Jam-Afficionados zumuten kann. Die erfreuen sich natürlich am Neil Young-Cover "Walk With Me", entstanden beim letztjährigen Bridge Benefit. Onkel Neil spielte stets seinen Teil auf der Pearl Jam-Reise, noch fairer wäre sein Auftritt natürlich mit einer gegenübergestellten The Who-Ehrerbietung.

Die zweite Hälfte von CD 2 schließt mit glorreichen Livecuts an, die ausnahmslos das Prädikat uneingeschränkt hörenswert verdienen. Die obligatorische Watsche für George W. Bush mit "Bushleaguer" (performt genau einen Tag vor Bushs "Mission Accomplished"-Rede auf dem Flugzeugträger) muss sich gegen einige Pfiffe und Buhrufe durchsetzen, ist aber in ihrer politischen Aktivität ein unabdingbarer Baustein im Pearl Jam-Mosaik. Beim beeindruckenden Singalong in "Betterman" aus dem Madison Square Garden beschleicht einen das Gefühl, dass Eddie hier kurz überlegt, seinen Sänger-Job ganz dem abfeiernden Publikum zu übergeben.

Die 30 Sekunden Jubel nach dem ersten, komplett vom Publikum gesungenen Vers sind sinnbildend für das ganze Projekt von Pearl Jam Twenty. Es darf gefeiert werden, denn wir leben noch, und wie! Cameron Crowes Soundtrack belohnt die Hardcore-Fans mit Raritäten, mit wirklich besonderen Liveversionen den gemäßigten Fan, sollte es so etwas geben. Für einen Ersteindruck ist diese Doppel-CD ungeeignet, setzt sie doch etwas zuviel Hintergrundwissen über die Band voraus. All jenen seien die Studioalben Eins bis Neun empfohlen. Oder den Besuch eines Pearl Jam-Konzerts, denn so schnell werden wir die Kapelle nicht mehr los.

Trackliste

Pearl Jam Twenty

  1. 1. Release
  2. 2. Alive
  3. 3. Garden
  4. 4. Why Go
  5. 5. Black
  6. 6. Blood
  7. 7. Last Exit
  8. 8. Not For You
  9. 9. Do The Evolution
  10. 10. Thumbing My Way
  11. 11. Crown Of Thorns
  12. 12. Let Me Sleep
  13. 13. Walk With Me feat. Neil Young
  14. 14. Just Breathe

Rarities And Inspiration

  1. 1. Say Hello 2 Heaven
  2. 2. Times Of Trouble
  3. 3. Acoustic #1
  4. 4. It Ain't Like That
  5. 5. Need To Know
  6. 6. Be Like Wind
  7. 7. Given To Fly
  8. 8. Nothing As It Seems - Demo
  9. 9. Nothing As It Seems
  10. 10. Indifference
  11. 11. Of The Girl
  12. 12. Faithfull
  13. 13. Bushleaguer
  14. 14. Betterman
  15. 15. Rearviewmirror

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