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Es sieht zunächst wie eine ganz normale Party aus, die am Abend des 30. Juni 1977 im Norden Londons stattfindet. Ein paar Jungs unter 20 laden gleichaltrige Freunde ein und drei davon bringen halt ihre Instrumente mit. Mike Barson (keys), Chris Foreman (g) und Lee Thompson (sax) nennen sich The North London Invaders und spielen eine schräge Ska-/Punk-Mischung, die noch ziemlich auf Anfängerniveau dümpelt.
Lustig scheints trotzdem gewesen zu sein, finden zumindest die Partygäste Graham "Suggs" McPherson (voc) und Carl Smythe (voc, trumpet), die kurz darauf in die Band einsteigen. Nach mehreren Umbesetzungen rekrutiert man schließlich Ende 1978 Mark Bedford (b) und Drummer Dan Woodgate, der von der Heavy Metal-Band Steel Erection (!) abgeworben wird.
Zwischenzeitlich als Morris And The Minors unterwegs, benennt man sich bald nach einer Hitsingle der jamaikanischen Ska-Legende Prince Buster in Madness um. Nebenbei weist der neue Name auch diskret auf den partytauglichen Verrücktheitsgrad der Sieben hin. Ende '78 haben sie erste eigene Songs beisammen und geben energiegeladene Auftritte, bei denen Smyth alias Chas Smash ausnahmslos als Ansager ("One Step Beyoooooond") und Tänzer fungiert. Zusammen mit den bereits angesagten Specials treten Madness in England eine Ska-Euphorie los, die das Independent-Label 2-Tone ins Zentrum des Musikgeschehens wirbelt. Dort erscheint Ende 1979 auch die Debütsingle "The Prince", die wiederum Prince Buster gewidmet ist.
Nach einer umjubelten 2-Tone-Tour mit den Specials entscheidet man sich allerdings sehr zum Unmut der vom Indie-Gedanken gefesselten Ska-Anhänger für das Major-Label Stiff Records. Mit 2-Tone hatte die Band jedoch ohnehin nur einen Single-Deal vereinbart. Das Prince Buster-Cover "One Step Beyond" sowie das gleichnamige Album katapultieren die selbsternannten Nutty Boys europaweit an die Spitze der Charts.
Ergebnis: Multiplatin für die Teenager. Bis dahin ziehen sie auch besonders junges Publikum an, nicht zuletzt dank der schillernden Videos, in denen sie schon mal als Safari-Jäger durch die Wüste ziehen ("Night Boat To Cairo") oder eine Schule unsicher machen ("Baggy Trousers").
Mit den Alben "Absolutely" (1980) und "7" (1981) schlagen Madness erstmals auch melancholische Töne an ("Embarrassment", "Grey Day") und mausern sich unter den Augen der scharfzüngigen britischen Kritikerzunft nach und nach als ernstzunehmende Songwriter. In den Fan-Bastionen Deutschland, Holland und Frankreich kommen die Nutty Boys vom Image der Teenieband dagegen nur schwer los.
Für die Hitsingles ist meistens Mike Barson zuständig, dennoch liefern bei Madness alle Mitglieder Texte und Musik ab. Bis zur Trennung im Jahre 1986 avanciert die Band mit nahezu 20 Hits zu einer der erfolgreichsten englischen Combos und wird in einem Atemzug mit den Kinks als nationales musikalisches Erbe anerkannt.
Der Smash-Hit "Our House" knackt 1982 erstmals die Top 10 der US-Charts und zeigt die Band auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. In den Texten des dazugehörigen Albums "The Rise & Fall" verarbeitet die Band Kindheitserinnerungen und begeistert erneut mit detailreichen Beobachtungen des Londoner Alltagslebens. Dennoch vermissen Kritiker auf dem Album die Spritzigkeit der Vorgänger und auch in den Charts bleibt es hinter den Erwartungen zurück.
Gitarrist Foreman erklärt das folgendermaßen: "Ich denke, die Platte litt darunter, dass zu dem Zeitpunkt unsere Greatest Hits-Platte 'Complete Madness' noch in den Regalen lag. Da entscheiden sich viele Leute eben für die Platte mit den Singles." Tatsächlich stützt sich die Popularität der Band bis heute derart auf ihre legendären Singles, dass die zahlreichen grandiosen Albumtracks dabei gerne unter den Tisch fallen (Bsp: "Rise And Fall", "Sign Of The Times").
Mit "House Of Fun" erklimmt 1983 zum letzten Mal eine Madness-Single den ersten Platz der UK Charts und die Band geht auf große Tour, die sie auch nach Amerika führt. Erstmals sichert sich die Band hierfür die Dienste eines Streicher-Ensembles. Ende des Jahres verlässt Hauptsongwriter Mike Barson die Band, arbeitet aber noch eine Zeitlang am sechsten Studioalbum "Keep Moving" mit. Das Ergebnis, dem die Hitsingles "The Sun & The Rain" und "Wings Of A Dove" vorausgehen, klingt ruhiger als alle bisherigen Alben und ist die letzte Veröffentlichung auf Stiff. Anschließend gründet die Band ihr eigenes Label Zarjazz, das sich im Nachhinein als finanzielles Fiasko herausstellt.
"Mad Not Mad" wird 1985 zum letzten Madness-Album, auf dem sich die Band hörbar an den Produktionsmethoden der 80er Jahre berauscht. Unter dem selbst auferlegten Anspruch, sich nicht wiederholen zu wollen, finden programmierte Drums und klinische Sounds Eingang ins Madness-Universum. Das inspirationslos wirkende Songwriting kündet jedoch bereits vom kommenden Bandsplit. Fünfzehn Jahre später gesteht Drummer Woody: "Das Album klingt wie ein Werk von sechs müden Menschen."
1988 erscheint unter dem Namen The Madness ein Album der Herren McPherson, Foreman, Thompson und Smash, dem ein kommerzieller Erfolg versagt bleibt. Smash findet Arbeit als A&R bei Go!Discs, Suggs produziert das Debutalbum von The Farm und moderiert einige TV-Shows. 1990 gründen Thompson und Foreman die Nutty Boys, veröffentlichen das Album "Crunch" und touren durch englische Clubs. Einige ihrer Songs erinnern tatsächlich an die lange vermissten Madness-Hooklines der Frühachtziger.
1992 steigt mit dem "Madstock"-Festival im Londoner Finsbury Park erstmals nach acht Jahren wieder ein Madness-Konzert in der Originalbesetzung. Mit dabei sind im Vorprogramm die guten Freunde Morrissey und Ian Dury & His Blockheads. Die Tickets gehen so schnell weg, dass ein zweiter Tag angehängt werden muss. Insgesamt feiern 70.000 Zuschauer den "Return der Magnificent 7".
1995 veröffentlicht Sänger Suggs sein erstes Soloalbum "The Lone Ranger", das sehr reggaelastig ausfällt und die Hit-Singles "Camden Town", "Cecilia" (Simon & Garfunkel) und "I'm Only Sleeping" (Beatles) featuret. In Deutschland erregt das Album wenig Aufsehen. Unter dem Projektnamen Three Pyramids Club bringt Suggs 1998 sein zweites Werk auf den Markt, das auch in England floppt. Dafür sorgt das Madness-Comeback-Album "Wonderful" 1999 wieder für Freude unter den Fans.
Im Juni 2000 stirbt der langjährige Freund und Musikerkollege Ian Dury an Krebs. Madness treten mit weiteren Stars in der Brixton Academy bei einer Wohltätigkeitsshow für die Krebshilfe auf. Ende 2001 laden die bekennenden Madness-Fans No Doubt Mike Barson ein, Keyboards auf dem Song "Everything In Time" zu spielen. Ein Jahr später spielen The Prodigy eine Coverversion von "Night Boat To Cairo" auf dem Reading Festival, von dem ein anwesendes Madness-Mitglied wenig begeistert gewesen sein soll.
Am Londoner Cambridge Theatre startet derweil das Madness-Musical "Our House", das die Erfolgsgeschichte der Band nachzeichnet. Dies bedeutet allerdings nicht das Ende des Septetts. Mit "The Liberty Of Norton Folgate" (2009) und "Oui Oui, Si Si, Ja Ja, Da Da" (2012) erscheinen weiterhin neue Alben. Der Kult um Madness scheint nicht abzureißen, Jahr für Jahr erschließen die legendären Songs der Truppe neue Fangenerationen.
Über den Pädophilie-Skandal der BBC-Legende Jimmy Savile und ein Treffen mit Tom Hanks im Buckingham Palast.
Sie hören einfach nicht auf: 33 Jahre nach dem Klassiker-Debüt "One Step Beyond" haben die Skapopper auch wieder Spaß im Studio. Mit "Oui Oui Si Si Ja Ja Da Da" erschien gerade wieder ein neues Studioalbum.
Eins kann man sagen: Madness tragen ihren Namen zu Recht. Ursprünglich ist unser Telefonat mit dem zweiten Sänger Chas Smash nachmittags angesetzt, dann wird es vorgezogen. Schließlich trudelt eine Nummer vom Hotel ein, allerdings die der Rezeption. Die Zimmernummer konnte die Managerin auf die Schnelle nicht eruieren. Drei Stunden vor dem avisierten Interview: Die Managerin glaubt, er sei in Zimmer 15. Man könne sich ja mal durchstellen lassen. Smash sei als Cathal Smythe eingecheckt, sein Geburtsname.
Ginge es auch schon 20 Minuten früher, wird gefragt. Ja klar. Leider hätte ich nun aber doch nur 15 Minuten Zeit, da Cathal danach direkt zur Probe muss. Ja klar. Dann ändert sich das Hotel noch einmal. Ansonsten bleibt alles gleich: Bitte in Zimmer 15 durchstellen lassen. Ich wähle die Nummer.
Hello, könnten Sie mich bitte mit Zimmer 15 verbinden, Mr. Cathal Smythe?
Ja, hier Chas Smash, verbinden unnötig.
Oh. Hi Chas. Schön, dass es mit dem Interview noch geklappt hat.
Gerne, wo bist du denn?
In Konstanz, das ist in Süddeutschland, direkt am Bodensee nahe Zürich.
Okay. Ist da Garmisch-Partenkirchen in der Nähe?
Ja, kann man so sagen. Bekanntes Skigebiet.
Yeah, in den 60ern war ich da ein paar Mal. Zugspitze und so, tolle Gegend. Mein Vater hat mir und meinem Bruder damals Lederhosen angezogen, ich war damals acht und er sechs, und alle dachten, wir seien Deutsche, haha.
Das ist jetzt über 40 Jahre her. Seither hast du mit Madness eine beeindruckende Pop-Karriere gemacht. Wachst du eigentlich immer noch manchmal morgens auf und denkst, du hättest alles nur geträumt und musst dir jetzt eine richtige Arbeit suchen?
Absolutely. Gerade gestern habe ich daran gedacht, dass ich als Kind immer Dichter werden wollte. Ich kann also ganz zufrieden sein mit meinem Werdegang. Doch, es fühlt sich sehr gut an.
Erinnerst du dich an eine Zeit, als sich die Arbeit mit Madness wie ein normaler Job anfühlte?
Da muss ich schon ein bisschen nachdenken, aber ja: Das muss so um 1984 herum gewesen sein. Wir haben drei Alben relativ schnell hintereinander veröffentlicht, waren dauernd auf Tour und jeder von uns fühlte sich allein, weil Freunde und Familie so weit weg waren. Damals hatten wir das Gefühl, wir würden alles nur noch für die Plattenfirma machen. Die Lust an der Sache ging langsam flöten. Aber das ist lange her. Jetzt als älterer, weiser Mann genieße ich das Privileg, das wir mit unserer Band haben, natürlich viel mehr.
Vor drei Jahren erschien euer letztes Album "The Liberty Of Norton Folgate", eine Art Konzeptalbum über eure Heimat London. Und eigentlich schien das so etwas wie das perfekte letzte Studioalbum für die Londoner Band Madness zu sein. Hattest du dieses Gefühl auch?
"Liberty Of Norton Folgate" fühlte sich für uns alle vor allem wie ein Neuanfang an. So gesehen hatten wir alle eher die Befürchtung, dass die neue Platte jetzt unser schwieriges zweites Album würde, aber zum Glück ging es uns total locker von der Hand.
Damals habe ich Suggs und Woody zum Interview getroffen, als ihr auf der Londoner Regent Street ein Konzert gegeben habt. Als ich sie auf einige englische Presseartikel hinwies, die "Norton Folgate" mit "Sgt. Pepper's" verglichen haben, reagierten sie eher zerknirscht, denn dies würde ja bedeuten, dass ihr noch ein "White Album" und ein "Abbey Road" abliefern müsst.
Haha, ja, ich hörte von diesen Vergleichen. Ich habe damals gleich gesagt, unser nächstes Album muss dann "Pet Sounds" sein. Ich weiß nicht, ob es geklappt hat, aber man sollte sich immer Ziele setzen.
Du würdest "Pet Sounds" also dem "White Album" vorziehen?
Ähm, vielleicht (lacht). Ich meine, unser Auftritt auf dem Dach des Buckingham Palasts in diesem Sommer war ja in gewisser Weise unsere Version des Auftritts auf dem Dach von Apple Records. Gleichzeitig würde das aber bedeuten, dass wir jetzt nicht auf Tour gehen könnten, sondern uns auflösen müssten.
Bleiben wir doch bei dem Queen-Jubiläum: Ich habe gelesen, dass eines deiner Highlights der Moment war, als deine Tochter Tom Hanks getrofffen hat.
Yeah, ich habe sie einander vorgestellt. Meine Tochter ist Schauspielerin und er ist einfach ein unglaublich charmanter Kerl. Sie sprachen ein wenig und er motivierte sie und gab ihr Tipps. Meine Tochter lief rot an, als er vor ihr stand, was ich ehrlich gesagt noch nie an ihr gesehen habe. Ich sagte: 'Was ist los? Du wirst rot', und sie 'Dad, es ist Tom Hanks.' Ich muss wirklich sagen, dass ich beeindruckt bin von seiner offenen, liebevollen Art.
Was war sonst noch beeindruckend an diesem sehr besonderen Tag?
Mit einer Kippe aus dem Fenster des Buckingham Palasts zu schauen, die Leute beim Shoppen zu beobachten. Und auch wenn es klischeehaft klingt, aber ich musste in dem Moment an meinen Vater denken, was hätte er wohl gesagt, wenn er dabei gewesen wäre? Der ganze Tag war irreal, wie eine wundervolle Betäubung. Als würde man in Slow-Motion durch das Leben eines anderen gehen. Und man fühlt sich schon ein bisschen wie der Großvater, der im Eck sitzt und alles beobachtet. Die Tage der Rebellion sind gezählt, so viel ist klar.
Du kennst ja sicher die Geschichten über junge Bands, die es nach 3 oder 4 Jahren nicht mal mehr im selben Zimmer aushalten. Sag doch mal: Wie steht man so eine Karriere in einer Band denn 36 Jahre lang durch?
Da muss man schon ganz eng miteinander verbandelt sein. Neulich war ich mit meiner Tochter bei den Q Awards und habe Plan B einen Preis überreicht. Kurz davor waren Underworld dran und sprachen über ihre gemeinsame Zeit, wie sie die Probleme, die sie hatten, lösen konnten und wie sie ihre schwierigen Phasen überwunden haben. Danach kamen Muse raus und erzählten praktisch das Gleiche und das berührte mich dann irgendwie.
Denn das sind Künstler, die es geschafft haben, ihre riesigen Egos in den Griff zu bekommen. Um auf deine Frage zurück zu kommen: Ich denke, das Rezept ist, einfach immer weiter zu machen. Nicht wegen Lappalien alles hinwerfen. Und natürlich geht es nicht ohne Respekt für den anderen.
In den 80ern hattet ihr vor allem im Ausland dieses Party-Image der lustigen Nutty Boys, die am besten gleich morgens um 8 Witze reißen sollten. Erinnerst du dich?
Ja sicher, die Leute haben das nicht alle verstanden. Es ist wie bei einem Clown: Wenn er seine Sache gut macht, sieht es ganz leicht aus, aber du musst verdammt gut sein, damit es so aussieht. Wir haben uns von Anfang an fröhlich und ungezwungen präsentiert. Unsere Kernmotivation für gute Texte hat diese Darstellung jedoch nie getrübt. Unsere Arbeit war uns immer sehr ernst. Aber nach außen hängen wir deswegen nicht die Schwermütigen raus.
Aber das hat sicher viele Leute verwirrt. Das Schlimmste waren immer die Bands, die uns Demos geschickt haben im Glauben, sie hätten einen Madness-Song geschrieben. Die Songs waren immer furchtbar. Die Balance zwischen Intensität, Pathos und Melodien hat immer gefehlt.
Auf "Oui Oui Si Si Ja Ja Da Da" ist dein Song "Death Of A Rude Boy" vertreten - ein Abgesang auf die alten Zeiten?
Es geht ein bisschen um die Anfänge, um meine Einflüsse und ein bisschen um die Gegenwart. Ich bin älter geworden und diese Zeit liegt hinter mir. Ich meine, neulich auf dem Buckingham Palast stand kein Rude Boy, sondern ein britischer Bürger.
Aus dem Songtitel spricht aber quasi, dass es Leute gibt, die von dir immer noch erwarten, der Rude Boy von Madness zu sein.
Natürlich und es gibt ja schon dieses Element in mir, das dieser Kerl ist. Ich höre immer noch gerne Ska und rauche gerne eine Tüte. Was mein Rebellentum angeht, naja, ich bin politisch jedenfalls immer noch eher links als rechts, eher liberal als konservativ. In gewissen Dingen habe ich mir für meine Begriffe eine subversive Haltung bewahrt, in der ich mich ein wenig rebellisch fühlen kann. Es kommt nur ein bisschen wohlerzogener rüber als früher.
"Never Knew Your Name" vom neuen Album kommt super rüber, die Melodie ist einfach enorm kräftig. "Leon" ist auch klasse. Am Schluss eines Konzerts geht mir "It Must Be Love" sehr ans Herz, aber auch "Our House" kickt mich immer noch, einfach weil es um mein Zuhause geht und um den Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Letztes Jahr gab es im britischen Fernsehen eine Werbung, in der ein Typ nur den Text spricht, also ohne Musik, und mir kamen zuhause buchstäblich die Tränen. Es war einfach eine sehr poetische und warmherzige Umsetzung.
Es geht immer wieder das Gerücht, in eurer Band hätten alle Mitglieder ein Double, so dass Madness praktisch immer auf Tour gehen können, egal ob mal einer fehlt.
Haha, nein, das ist Unfug. Wir hatten mal Ersatz dabei für Lee, Mark, Chris und Mike. Suggs zu ersetzen würde ziemlich schwierig werden, und was mich betrifft, naja gut, ich könnte ersetzt werden, da muss man ehrlich bleiben. Aber das ist ja bislang noch nicht passiert. Wenn ich nicht zu einem Konzert gekommen bin, hat man wohl keinen Ersatz gefunden.
Diese Double-Geschichte ging los, als Mike beschloss, immer im August auf buddhistische Pilgerreise zu gehen. Aber für uns ist das jetzt keine große Sache, auch wenn es keine ideale Situation sein mag. Ich sehe es so, dass die Sippe, dieser ganze Familienstrang, auch mal ohne ein Mitglied zusammen weiter macht. Wir sind mehr als nur eine Band. Mittlerweile sind schon Enkel in die Sache involviert. Wenn man das so hört, sind wir schon auf eine ziemlich einzigartige Weise schräg.
Ihr wart ja in den 80er Jahren öfter bei "Top Of The Pops" als manch andere britische Popband. In welchem Ausmaß warst du geschockt, als sich heraus stellte, dass dieser scheinbar harmlose, exzentrische BBC-Moderator Jimmy Savile ein Kinderschänder gewesen ist?
Überhaupt nicht. Ehrlich gesagt: Es war ein offenes Geheimnis, dass er eine sehr seltsame Type war. Es gab seit Ewigkeiten Gerüchte. Der Comedian Jerry Sadowitz hat bereits in den 80ern Savile-Sketche gebracht, die unter dem Strich nichts anderes sagen, als dass er ein Pädophiler ist. Du kannst sie dir auf Youtube anschauen.
Es ist eine Schande, dass diese Kultur des Schweigens bis heute so ausgeprägt ist. England ist ein gefährlicher Ort, wenn es darum geht, jemanden öffentlich zu diffamieren. Denn nur deshalb konnte diese Savile-Geschichte so lange geheim bleiben. Alle hatten Angst davor, in die Öffentlichkeit zu gehen.
Savile war in England ja auch eine Art Heiliger, eine nationale Legende.
Das kommt noch dazu. Er war einer der ersten DJs in den 70ern. Wenn man sich diese Zeit aus heutiger Sicht betrachtet, muss man sagen, dass da einiges falsch gelaufen ist. Rassismus, Sexismus, Frauenfeindlichkeit: Mir kommen die 70er geradezu prähistorisch vor.
Und wie habt ihr Savile erlebt, als ihr in 'Top Of The Pops' aufgetreten seid?
Wir waren nicht nur da, auch in seiner Kindershow "Jim'll fix it". Wie habe ich ihn erlebt? Du musst wissen, in den 70ern hatten fast alle DJs einen an der Klatsche. Das waren allesamt glatte, ölige Typen. Wenn man die sah, ging einem als erstes durch den Kopf: Wo zur Hölle bist du denn groß geworden? Das war einfach so.
Ganz klar: The Fink Brothers. Suggs und ich waren große Fans der "2000 AD" und nahmen Mitte der 80er eine Spaßplatte zu Ehren des Comics auf. Schau es dir auf Youtube an, Fink Brothers, F-I-N-K. Grottenschlecht und superpeinlich.
Auf der neuen Scheibe heißt es an einer Stelle: "It was very late at the discotheque." Werden hier Erfahrungen eurer Kinder verarbeitet?
Das ist einer von Mikes Songs, wobei ich anmerken würde, dass Mike noch nie eine Disco von innen gesehen hat. Meine Kinder gehen ins Amnesia, ins Pacha oder ins Space, von mir kann die Zeile also auch nicht stammen. Die Melodie ist großartig und der Text, du weißt ja, wir haben sieben Leute im Studio. Da muss man Kompromisse machen.
Nun habt ihr ja mal mit neuen Produzenten gearbeitet und trotzdem ist euer Signature-Sound unzerstörbar. Woran liegts?
Tja leider - oder auch: zum Glück - klingt ein Song immer nach Madness, sobald wir ihn spielen. Selbst Produzenten können das nicht ändern. Es war eine interessante Erfahrung, einmal nicht mit Clive Langer zu arbeiten, rückblickend muss ich aber sagen: Mit einem einzelnen Produzenten macht es mehr Sinn.
Aber zufrieden bist du schon mit dem Ergebnis ...?
Oh ja, so gut das eben möglich ist. Lass es mich so erklären: Stephen Street änderte an einem meiner Songs, "How Can I Tell You", etwas an den Bläsern. Aber mir gefiel es nicht, also machte ich es rückgängig, spielte es der Band vor und die fand meine Version auch besser. Was ich damit sagen will: Es ist schwierig, jemanden von außen einzuladen, ihm freie Hand zu lassen und ganz tief drinnen zu spüren, dass man eigentlich selbst genau weiß, wie etwas zu klingen hat.
Anfang der 90er warst du es, der die ganze Sippe zu einem Madstock-Reunion-Open Air überredet hat, das ihr dann gleich zwei Mal hintereinander ausverkauft habt. Du bist in dem Fall schuld an der späten Karriere der Band, richtig?
Absolutely. Ich löste die goldenen Handschellen meiner dreijährigen Bürotätigkeit beim Go Disc-Label und drängte auf die Reunion, weil die Band mir so am Herzen lag. Ich bin froh, diesen Schritt getan zu haben und die anderen hoffentlich auch, obwohl es wahrscheinlich niemand öffentlich zugeben würde. Aber schau uns an: Hier stehen wir 20 Jahre später, als eine Art Unikat britischer Kultur. Auch wenn wir die Welt nicht im Sturm erobert konnten, haben wir unseren Platz jetzt gefunden.
Gab es noch irgendeinen Auslöser für die Reunion damals? Nostalgie-Anflüge spätabends im Pub?
Nein, aber ich hörte damals zufällig von dem Plan einer "Greatest Hits"-Veröffentlichung und hatte sofort das Gefühl: Das ist der richtige Moment. Jetzt könnten wir zurück auf die Bühne. Wenn es jetzt nicht klappt, dann nie mehr.
Zu Besuch in London: Mit Pop-Legenden auf dem Dach und live auf der Straße.
Die legendären Madness nach Jahren mal wieder live erleben, unter freiem Himmel im Sommer, mitten in ihrer Heimat London. Melden gerade die MTV News. Verlockende Perspektive. Da wird nicht lange gefackelt. Die Reiseroute steht schneller als Steve Blame seine Abmoderation spricht.
Wie zum Teufel ich im Jahr 1994 an Tickets für ein London-Konzert in der Prä-Internet-Ära gekommen bin, weiß ich zwar nicht mehr. Dass der Marathontrip zum zweiten Madstock-Festival sage und schreibe zwölf Stunden dauerte, da er die damals herkömmlichen und einzig bezahlbaren Transportmittel Zug und Fähre in Mitleidenschaft zog, allerdings schon.
Zurück ins Jetzt: Madness absolvierten inzwischen bereits fünf solcher Madstock-Auftritte, ihr Kult-Debütalbum "One Step Beyond" feiert 30-jähriges Jubiläum und unsere stürmische Festival-Begegnung liegt runde 15 Jahre zurück.
Live-Auftritt "in the middle of our street"
Einer dieser Gründe war der Stadt London offensichtlich mal wieder die besondere Ehrung wert, mit der Regent Street eine der Hauptverkehrsadern Central Londons an einem Sonntag im September für ein Open Air abzusperren. Ausrichter der Veranstaltung ist ein städtischer Radiosender namens Absolute Radio, der überdies Geburtstag feiert und neben dem Top-Act noch ein paar weitere Programmpunkte für die Feier verpflichtet hat.
Im Gegensatz zu den klingenden Namen Dawn Penn oder Ian Dury & The Blockheads, die ich vor 15 Jahren erleben durfte, stehen heute haufenweise Bands im Nachmittagsprogramm, die mit Ausnahme von Feelgood-Singer/Songwriter Newton Faulkner wahrscheinlich nur Absolute Radio-Stammhörern ein Begriff sind, etwa The Yeah You's, Theory Of A Deadman oder Scarlett & Viva. Aber man sollte sich nicht beschweren, zumal die Anreise in die Hauptstadt mit eineinhalb Stunden vergleichsweise paradiesisch ausfällt.
Interviews kurz vor der Show
Wie sich beim späteren Interview heraus stellt, besteht zumindest zwischen einem Live-Programmpunkt ein Link zu Madness. Scarlett und Viva heißen mit Nachnamen nämlich McPherson, genau wie Madness-Sänger Suggs. Ihren Auftritt, den der berühmte Papa nicht ganz unbelästigt zwischen Shoppern und Fans vor der Bühne studiert, sehe ich allerdings nicht, da ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg zum ebenfalls im Londoner Westend gelegenen Hotel befinde, wo die Interviews stattfinden.
Anlässlich des Konzerts (Stream-Ausschnitte in den Surftipps) und des nahenden Wiederveröffentlichungstrubels haben drei bis vier von sieben Madness-Mitgliedern eingewilligt, vor ihrer um 19 Uhr anberaumten, einstündigen Show ein paar Interviews zu geben. Auf meinem Zettel stehen Sänger Suggs und "ein weiteres Bandmitglied", letztlich ist es Drummer Woody Woodgate.
"Hast du meine Töchter gesehen? Haha!"
Anstatt in eine luxuriöse Suite führt mich der Labelkollege die schmalen Hoteltreppen hinauf ins Freie, wo es sich auf einer Dachterrasse mit Platz für 50 Personen ungefähr 70 bequem gemacht haben. Es herrscht dicht gedrängte Konzertatmosphäre: Menschen nippen an ihrem Getränk, Familienangehörige der Band drängen an die Bar und irgendwo singt La Roux ihr "Bulletproof", vielleicht auch auf der Terrasse, wer vermag das schon genau zu sagen.
Als ich mich dem Tisch von Suggs und Woody nähere, klärt der Sänger seinen Taktgeber hinter zwei Flaschen Becks gerade über den Auftritt seiner Töchter auf: "Hast du sie gesehen vorhin? War in Ordnung. Ich sags dir, sie haben ihre Tanzschritte die ganze Nacht lang geübt, aber noch heute Morgen sah das alles andere als toll aus, haha!"
In den folgenden 25 Minuten lässt es sich nicht vermeiden, dass die eine oder andere Tochter, Ehefrau, ein Neffe oder auch Medienmenschen den Madness-Sänger vom Gespräch ablenken. Da ihr Tisch genau am Terrasseneingang postiert ist, käme alles andere auch einem Affront gleich.
Woody: Sehr interessante Frage.
Suggs: Es gibt auf der Welt einige Orte, die mir sehr ans Herz gewachsen sind.
Ihr seid aber nie weggezogen.
Suggs: Nein, eigentlich nicht. Oh, da kommt meine Familie: Hallo Sue, hallo Ann. Jamie, kannst du mal den Besucherstrom nach oben etwas einschränken in einer möglichst zivilierten Art und Weise? Schick sie an die Bar oder sowas, vielen Dank.
Ihr spielt heute mitten auf der Regent Street. Ist das eine Art Krönung eurer Karrirere, sowas wie das Abbey Road-Dachkonzert?
Woody: Das dürfte schwierig werden, denn wir stehen nicht auf einem Dach, sondern auf einer Bühne. Ich denke, es wird ein ganz normaler Auftritt, der nur zufällig mitten in unserer Straße stattfindet. (sagt tatsächlich: "in the middle of our street)
Suggs: Ich finde den Vergleich gar nicht so schlecht. Wir treten heute am Rande der Carnaby Street auf, in der Nähe von Saville Row, wo die Beatles ihr Ding gemacht haben. Dass eine große Straße in Central London für eine Band komplett abgeriegelt wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Für mich ist es wirklich ein Privileg, durchaus vergleichbar mit dem Dachkonzert der Beatles.
Ist das jetzt ein ähnliches Gefühl so kurz vor dem Auftritt, wie vor einem eurer großen Madstock-Auftritte?
Woody: Nein, der Unterschied ist, dass wir heute ganz London, also das wahre London, unterhalten müssen. Die Leute werden von uns bespielt werden, ob sie wollen oder nicht. Ich habe heute schon mit ein paar Leuten gesprochen, die nur zum Shoppen gegangen sind und gar nicht wussten, was da heute geplant ist.
Suggs: Unser Publikum besteht heute aus glücklichen Shoppern. Nein, Madstock ist unser Festival für unsere Fans. Und obwohl ich annehme, dass auch heute einige wegen uns kommen werden, ist es doch ein schöner Gedanke, dass die Leute einfach nur einkaufen wollen und dabei trotzdem Madness sehen. Wenn wirklich eine halbe Million Leute kommen, wird das das größte Konzert sein, das wir je gespielt haben. Gleichzeitig aber auch das für die wenigsten Menschen, die je wegen uns gekommen sind.
Ihr feiert gerade mit einer großen Deluxe-Veröffentlichung euer 30 Jahre altes Debütalbum "One Step Beyond". Erinnert ihr euch noch an die Aufregung damals, als die Platte gerade erschienen ist?
Woody: Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als wir mit den Specials und Selecter auf Tournee gegangen sind und als das Album erschienen ist. Es war der 19. Oktober 1979, mein 19. Geburtstag. Im Roundhouse in Chalk Farm begann damals eine wundervolle Tournee, die mehr Aufregung mit sich brachte, als wir uns je erträumen konnten. Es waren einfach aufregende Zeiten damals.
Allein der Augenblick, als wir das erste Mal unser Album in der Hand hielten, mit unserer Band vorne und unseren Namen hinten drauf, das war - für uns als große Schallplattensammler - unglaublich. Vinyl ist ein haptisches Stück Geschichte. Dass die Platte dann noch so großen Zuspruch fand, war natürlich ebenso fantastisch.
Die Platte wurde praktisch über Nacht ein Erfolg. Wie hat der plötzliche Ruhm euer Privatleben verändert?
Suggs: Ich erinnere mich an zwei Fans, die eines Nachts auf mein Dach kletterten und meinen Namen riefen. Zumindest nehme ich an, dass es Fans waren, sie hatten gestreifte Pullis und Masken an und trugen große Säcke auf dem Rücken. Ja, es war seltsam am Anfang. All diese Leute, die einen belagerten. Ich erinnere mich, als ich einen Scheck über 30.000 Pfund bekam, was nach wie vor und in jeglicher Hinsicht eine große Menge Geld ist. Aber damals war es wie ein Scheck über drei Millionen.
Ich weiß noch, wie ich zu Dave Robinson (damaliger Boss von Stiff Records) sagte, dass ich das beängstigend finde und ich aus der Nummer vielleicht wieder raus will. Das passierte alles unglaublich schnell. Wir waren zwar schon eine ganze Weile zusammen seit den ersten Bandproben und spielten auch schon viele Konzerte, aber als es dann plötzlich abging - "One Step Beyond" stieg auf Platz 5 der Charts, als wir die Two Tone-Tour spielten, auch in Deutschland und Frankreich - waren wir plötzlich mitten in diesem unglaublichen Wirbelwind.
Wir hatten buchstäblich keine Zeit mehr, uns darüber Gedanken zu machen. Wir veröffentlichten ein Album und drei bis vier Singles pro Jahr, drehten Videos und wurden andauernd zu "Top Of The Pops" eingeladen.
Woody: Mein Privatleben änderte sich eigentlich vor allem dadurch, dass fremde Leute mich auf meinem Weg zur Wäscherei plötzlich mit meinem Vornamen grüßten. Ich hatte damals nämlich keine Waschmaschine und hing deshalb oft in der Wäscherei ums Eck herum.
Suggs: Eine Geschichte von damals ist relativ bekannt: Wir kamen einmal auf dem Flughafen Heathrow an und plötzlich empfingen uns tausende, kreischende Mädchen. Während wir uns noch an dem Anblick ergötzten, stürmte der Mob plötzlich über uns hinweg, weil der Flieger mit Duran Duran neben uns landete. Da waren zwei fette Mädchen mit Rucksäcken dabei - gut, fett darf man heute nicht mehr sagen - also, ich erinnere mich an zwei außergewöhnlich runde Mädchen ... (lacht) Insgesamt waren Madness am Anfang aber vor allem eine Jungs-Band. Erst als wir "My Girl" rausbrachten, änderte sich das ein wenig.
Aber wie Woody schon sagte, wir haben immer versucht, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben. Niemand von uns wurde von diesem Popstar-Virus infiziert, zumindest nicht übermäßig. Acht von zwölf Monaten im Jahr waren wir von zuhause weg wegen Tourneen und Albumaufnahmen, so dass die größten Beeinträchtigungen eigentlich jene waren, deine Freunde und deine Heimat so lange nicht zu sehen. Und übrig bleibt meistens nur schmutzige Wäsche, in Teilen öffentlich gewaschen.
Ihr habt die Specials erwähnt, die dieses Jahr eine triumphale Live-Rückkehr in England gefeiert haben. Habt ihr eine Show gesehen?
Woody: Nein, leider nicht, aber ich habe gehört, dass sie sehr gut waren. Es ist zwar etwas seltsam, dass Jerry Dammers nicht mehr dabei ist, aber der kocht wohl sein eigenes Süppchen in Sachen Specials. Ich hätte sie aber sehr gerne gesehen.
Sie holten Amy Winehouse auf die Bühne eines Festivals für "Ghost Town". Wenn ihr einen Gast einladen würdet, auf wen fiele eure Wahl und für welchen Song?
Suggs: Wir hatten Prince Buster mal für ein paar Songs auf der Bühne im Finsbury Park. Das war für uns als große Fans seiner Musik natürlich klasse, zumal nach 25 Jahren. Tja, wen würden wir einladen ... (wird abgelenkt) Hi Jim, die anderen hängen da hinten ab, siehst du? Dort drüben, genau ... Entschuldigung, wie war nochmal die Frage? Genau, mit wem wolltest du denn schon immer mal singen, Woody?
Woody: Also ich muss sagen, es gibt für mich keinen besseren Sänger als Suggs.
Suggs: Haa Haa Haa. (schaut rüber zur Bar:) Jim, wenn du schon auf dem Weg bist, bring mir doch noch ne Flasche Bier rüber, vielen Dank. Bei "Night Boat To Cairo" haben wir ja irgendwann mal angefangen, unsere Familien auf die Bühne zu holen, die ganzen Kinder eben und das wurde dann ein Selbstläufer und jetzt kommen immer Zuschauer zu uns hoch. Wir haben da gar keinen Einfluss mehr drauf.
Suggs: Da sind wir jetzt natürlich mittendrin in einer alten Endlosdiskussion, denn manche würden gerne mehr machen und manche gerne weniger. Ich meine, wir haben oft mit einem Mann weniger live gespielt, weil der eine mal ein Baby bekam oder der andere einen Nervenzusammenbruch.
Es ist allerdings ein interessanter Punkt: Für mich persönlich sind Madness tatsächlich nur diese sieben Leute zusammen, deshalb ist es dieses Jahr auch so großartig. Nur unser Gitarrist Chris war zu Beginn der Albumaufnahmen zeitweise abwesend, aber wir warteten brav und irgendwann kam er wieder zurück. Ohoo, darf ich vorstellen, Ross Williams, der größte Radio-DJ des Landes.
Tach auch.
Suggs: Ross, wir sind hier gerade mittendrin in einer deutschen Radioshow.
Naja, sagen wir Online-Show.
Suggs: Meine Rede.
Ross Williams: Sieh an, ich dachte, ihr seid privat hier.
Suggs: Okay, sind wir auch. Wusstest du nicht, dass wir immer den Taperecorder mitnehmen, um unsere Gespräche aufzuzeichnen?
Es folgen ein zwei kurze Insider-Gags, bis sich der "größte DJ des Landes" dankenswerter Weise erbarmt und uns wieder alleine lässt.
Obwohl ihr schon Anfang der 80er Jahre eure Ska-Wurzeln zügig hinter euch gelassen habt, seid ihr den Ruf der archetypischen Ska-Band nie losgeworden. Auch zu euren Fans zählten stets zahlreiche Skinheads. Hat euch das nicht manchmal auch genervt?
Woody: Nein, man kann ja nicht sagen, dass man von den eigenen Fans genervt wäre, oder? People are people, aren't they? Wenn sie zu unseren Konzerten kommen und Spaß haben, sind wir glücklich. Wir können ja eh nicht bestimmen, wer unsere Musik hört und wer nicht.
Suggs: In den 80ern hatten wir tatsächlich mit dem Problem zu kämpfen, dass ein sehr geringer Teil unseres Publikums nicht nur kurze Haare hatte und sich amüsierte, sondern auch grässliche Weltanschauungen mit sich herum trug. Diese Leute sind - Gott sei es gedankt - längst verschwunden. Ich fand es immer toll, Menschen zu sehen, die die Ska-Musik lieben und gleichzeitig die Mode.
Dieser Style hatte auch auf uns einen großen Einfluss. Ansonsten gebe ich dir Recht: Wir wollten nie eine Ska-Band sein, wir hatten einfach nur ein paar Ska-Songs in unserem Repertoire. Und das ist bis heute so. In erster Linie machst du Musik ja, um selbst Spaß zu haben. Wenn das Publikum das genau so sieht, umso besser.
Woody: Ich glaube, am meisten haben uns immer die Menschen in der Band genervt.
Suggs: Haa haa, sehr schön gesagt. Ja, du solltest uns mal an einem typischen Samstag Abend erleben.
Bei eurem ersten Madstock Festival im Finsbury Park 1992 trat unter anderen Morrissey bei euch im Vorprogramm auf (1988 trat Suggs auf dessen Solodebüt "Viva Hate" als Gastsänger auf, Anm. d. Red.). Als er mit einer Union Jack-Flagge auf die Bühne kam und dazu den Song "National Front Disco" anstimmte, wurde er von euren Fans gnadenlos ausgepfiffen, mit Getränken beworfen und brach den Auftritt ab. Wie erinnert ihr euch an diesen Vorfall?
Woody: Er hat sich jeden einzelnen Gegenstand, der ihm um die Ohren flog, ehrlich verdient. Orangensaft, habe ich gelesen.
Woody: Ja, kann sein. Sehr zum Wohle, Morrissey.
Suggs: Morrissey ist einfach ein provokanter Hund. Er wusste ganz genau, welchen Bären er mit solch einer Aktion aus dem Käfig lässt.
Du meinst, das war alles von langer Hand geplant?
Suggs: Ja klar. Hinter ihm waren ja auch Fotos von Skindheads auf einer großen Leinwand und dann ka er noch mit dem Union Jack. Zur damaligen Zeit war das in England einfach eine sehr provokante Idee für eine Livebühne.
Demnach haben euch Morrisseys Kommentare über die Einwanderungsprobleme Englands vor zwei Jahren wohl nicht sonderlich gewundert, nehme ich an. Habt ihr diese Debatte mitbekommen?
Suggs: Nein, Morrissey redet viel, wenn der Tag lang ist. Er weiß genau, was er sagen muss, damit es die Zeitungen drucken.
Glaubst du wirklich? Alles nur heiße Luft?
Suggs: Na logisch. Ich meine, ein in Italien lebender Ire redet von Einwanderungsproblemen in England, das ist doch völlig absurd. Er höre am Kensington Market keinen englischen Akzent mehr, soll er gesagt haben. So what? In Camden Town höre ich manchmal auch keinen englischen Akzent. Wir sind hier in London, diese Stadt ist voller Einwanderer, ist es immer gewesen. Was hätte er denn zu seinen Eltern gesagt, als die damals nach Manchester gezogen sind? Mum, Dad, ihr habt keinen englischen Akzent?
Euer Blick auf die Stadt und ihre Kultur ist so ziemlich das Gegenteil dieser Aussagen. In einem eurer neuen Songs heißt es: "Can we make it if we all live together as one big family".
Suggs: So ist es. Natürlich verstehe ich die soziale Problematik, wenn eine sehr große Zahl an Einwanderern in einem schmalen Zeitraum an einen bestimmten Ort ziehen. Wenn jemand von Ägypten nach Addis Abeba zieht, gibt es auch immer Menschen, denen das missfällt, weil sie Angst um ihre Kultur haben. Das ist verständlich. Aber ich persönlich glaube, man muss in dieser Hinsicht optimistisch sein.
Woody: Ein Freund von mir ist großer Verfechter der Theorie, dass die Menschheit wieder eng zusammen rückt, wenn die Aliens uns bedrohen.
Suggs: Ein weiterer, interessanter Ansatz. Ansonsten würde ich es so zusammenfassen: Wenn du älter wirst, entwickelst du dich immer in eine von zwei Richtungen. Entweder du wirst konservativ und suhlst dich in deiner Vergangenheit oder du bleibst aufgeschlossen und erkennst, dass jeder seinen Teil zum großen Ganzen beiträgt. Letzteres ist mein Ansatz.
Wo seht ihr dann eurer Meinung nach die größten Probleme im heutigen England?
Suggs: Ganz klar: Deutsche Journalisten, die dumme Fragen stellen.
Woody: Großartige Antwort. Dicht gefolgt von McDonalds.
Suggs: Vielleicht die Homogenisierung der Städte. Aber das betrifft heute ja die ganze Welt. Du läufst eine Straße in London entlang und du könntest überall auf der Welt sein.
Zurück zur Musik: Als vor zehn Jahren euer "Wonderful"-Album erschien, hätte ich geschworen, dies wäre euer letztes Album.
Woody: Echt? War es tatsächlich soo schlecht? (alle lachen)
In Deutschland hattet ihr jedenfalls so gut wie keine Presse. Wie kam es nun, zehn Jahre später, zur neuerlichen Band-Zusammenkunft für "The Liberty Of Norton Folgate"?
Woody: "Wonderful" erschien am Ende eines Jahrzehnts, in dem wir eigentlich nur unsere alten Sachen live gespielt haben. 1992 war die erste Reunion, danach spielten wir eigentlich jedes Jahr Weihnachtskonzerte in England, ein paar Madstocks und wagten uns ab und an auch mal nach Europa. 1999 war es dann einfach an der Zeit, mal wieder neue Musik zu komponieren. Damals kam schon kurze Zeit später die Idee auf, einfach mal ein paar Coverversionen alter Reggae- und Skanummern einzuspielen, nur zum Spaß. Bis wir das dann umsetzten, vergingen aber wieder viele Jahre, erst 2005 kam die Platte raus.
In dieser Zeit merkten wir aber, wie nah uns dieser Sound noch immer geht und so entstand nach und nach die Idee, wieder ein Album zu machen, das vom Spirit her an unsere alten Platten heran kommt, an "One Step Beyond" oder "Absolutely". Zu dieser Zeit bezogen wir auch ein neues Management und waren alle voller Engagement für diese Idee. Wir hatten die Nase voll, nur noch die ruhigen Madness zu sein, die alle paar Jahre ihre Hits raushauen. Die neue Platte gibt uns das Gefühl, einen großen Schritt nach vorne gegangen zu sein und dank unseres tollen Teams wurde die Platte diesmal im Gegensatz zu 1999 auch in Deutschland oder anderen Ländern gut beworben. Wir wissen heute einfach, worin wir wirklich gut sind.
Mit "Lovestruck" hattet ihr damals eigentlich schon die perfekte Single fürs Comeback im Gepäck.
Suggs: Wenn ich "Lovestruck" ab und zu mal im Radio höre, wundere ich mich tatsächlich immer, warum das kein Riesenhit geworden ist. Gut, in England war es in den Top 5, man sollte sich nicht beschweren. Aber wie Woody schon sagte, man braucht als Band immer ein gut funktionierendes Team um sich herum, das die eigenen Träume in die richtigen Bahnen lenkt.
Letztendlich sind wir nichts als Träumer. Vom Business haben wir keine Ahnung. Da ich aber wirklich glaube, dass wir heute als Band besser sind denn je, schauen wir heute auch mehr auf geschäftliche Dinge. Wir freuen uns zum Beispiel sehr über die anstehenden Veröffentlichungen unseres Back Catalogues. Das Zurückschauen bringt uns interessanterweise auch weiter.
Euer neues Album wird überall gefeiert, auch in Deutschland überwiegen positive Reaktionen. Habt ihr eine Idee, woran das liegt?
Woody: Da kanns nur einen Grund geben: It's a bloody good record!
Suggs: In England sprachen einige Leute von einem Meisterwerk, was ich so natürlich nicht für uns in Anspruch nehmen würde, aber wir haben verdammt viel Arbeit in diese Platte gesteckt. Nach unserem Reggae-Album vor vier Jahren reifte in mir nach und nach der dringliche Wunsch, vor meinem hoffentlich noch nicht allzu schnell eintreffenden Tod noch einmal ein richtig starkes Madness-Album abzuliefern.
Das ist ein tolles Gefühl nach all den Jahren des Trödelns und Herumlavierens. Nach dieser Platte kann ich beruhigt einschlafen und die Lider für immer schließen. Also metaphorisch gesprochen. Aber sowas sollte man ohnehin nicht laut sagen, denn es impliziert, dass man irgendwann keine bessere Platte mehr hinkriegen würde.
Immerhin hieß es, "The Liberty Of Norton Folgate" sei euer "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band".
Woody: Schlimm genug, denn dann müssen wir noch "Abbey Road" und "Let It Be" nachlegen.
Suggs: Vergiss nicht das "White Album", oder war das vor "Sgt. Pepper"?
Woody: Nein, stimmt, du lieber Himmel. Das also auch noch.
Suggs' Frau kommt an den Tisch und wirft in die Runde, dass man sie in einem umliegenden Pub finden könne. Woody nutzt die Gelegenheit, sich bei ihr zu erkundigen, ob sie später den Madness-Auftritt anschaue. Schließlich habe man sich live in letzter Zeit extrem verbessert. Anne gibt Entwarnung: Sie wird kommen.
Ich bin heute im Übrigen zum zweiten Mal in London nach 1994. Damals kam ich wegen eures Madstock-Auftritts im Finsbury Park hierher. Erinnert ihr euch an diesen Auftritt?
Woody: Ganz ehrlich: Diese Auftritte verschwimmen in der Erinnerung alle zu einem einzigen großen Gig. Das erste Madstock war natürlich fantastisch. Dann war noch ein gutes in dem Jahr, als England bei der Europameisterschaft weiter gekommen ist.
Suggs: Genau, als sie Spanien im Elfmeterschießen rauskegelten. (1996, Anm. d. Red.) Wir waren in einem Pub und kurz vor den Elfmetern fiel der Fernseher von der Befestigungsstange. An dem Tag hatten wir sogar eine Polizei-Eskorte.
Insgesamt waren natürlich all diese Konzerte toll, aber aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass wir die Shows damals mehr oder weniger als selbstverständlich betrachteten. ie kamen, wir spielten sie, fertig. Heute erinnere ich mich viel besser an verschiedene Dinge aus den letzten Jahren. In den 90er Jahren war einfach noch viel zu viel Chaos in unseren Köpfen.
Auf der Bühne ist dieses Chaos natürlich seit jeher Willkommen: Der einstündige Auftritt gerät zur kompakten Hitsause, die auch den ein oder anderen Song aus dem neuen Studioalbum enthält. Hier erstaunt vor allem, wie nahtlos sich Songs wie "NW5" oder "Dust Devil" in den Großkaliber-Songreigen der Marke "House Of Fun" oder "Baggy Trousers" einreihen. Keine Frage: Madness sind auch nach 30 Jahren noch mehr als nur eine Oldie-Band. Auf die nächsten 15!
Wonderful (1999), Heavy Heavy Hits (1998), The Business (3CD-Box) (1993), Madstock - Live (1992), Divine Madness (1992), Utter Madness (1986), Mad Not Mad (1985), Keep Moving (1984), The Rise And Fall (1982), Complete Madness (1982), 7 (1981), Absolutely (1980), One Step Beyond (1979)
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