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Zu behaupten, dass Nick Cave aus jeder Pore seine Körpers Charisma ausströmt, wäre wahrscheinlich noch eine Untertreibung. Der Mann, der mit seiner Band The Bad Seeds einige Klassiker veröffentlicht und mit dem Kylie-Duett "Where The Wild Roses Grow" kurz mit dem Mainstream geflirtet hat, ist aus der heutigen Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken.
Alles beginnt am 22. August 1957, als Nicholas Edward Cave, Sohn eines Englisch-Lehrers und einer Bibliothekarin, in Warracknabeal, Australien, das Licht der Welt erblickt. Als Kind genießt er eine strenge anglikanische Erziehung, die sich später auf seine Texte auswirkt. Nach dem Besuch der Caulfield Grammar School, geht er für zwei Jahre an die heutige Monash University und studiert dort Kunst. Schon in Caulfield lernt er den Multiinstrumentalisten Mick Harvey kennen, mit dem er eine Highschool-Band gründet, aus der sich The Boys Next Door entwickeln.
Musikalisch sitzen sie tief in der Punkszene und veröffentlichen 1978 ihre erste Single "These Boots Were Made For Walking", der schon bald das Debütalbum "Door Door" folgt. Neben Cave und Harvey besteht die Band aus Tracy Pew, Phillip Calvert and Rowland S. Howard. Es folgen noch eine EP und ein paar Singles, ehe die Boys nach London umsiedelt und den Namen ändern. Obwohl einige Pressungen noch den Titel "The Birthday Party By The Boys Next Door" haben, bleibt der letzte Teil bald auf der Strecke und man spricht nur noch von The Birthday Party.
In der britischen Metropole schinden sie, dank ihrer Liveshows mit einer musikalischen Mischung aus Punk, Blues und Rock, enormen Eindruck. Auch der legendäre Radiomoderator John Peel ist begeistert von der Band und dürfte auch einen gewissen Einfluss auf den Deal mit Virgin Records haben, den The Birthday Party unterzeichnen. 1981 erscheint "Prayers On Fire", ein Jahr später "Junkyard". Es folgen zwei EPs namens "The Bad Seed" und "Mutinity", wobei vor allem letztere das stellenweise extreme Kunstverständnis der Herren Musiker zeigt.
Die Mitglieder sind inzwischen nach West-Berlin gezogen, finden dort aber keinen gemeinsamen Nenner mehr für ihre musikalischen Visionen und gehen auseinander. Cave zieht vorübergehend nach Los Angeles, wo er das Drehbuch für einen Film schreibt, den John Hillcoat und Evan English später als "Ghosts ... Of The Civil Dead" verfilmen. Doch die Musik lässt ihn nicht los, und so sucht er sich mit seinem Partner-in-Crime Mick Harvey eine neue Band zusammen: The Bad Seeds. Auf den Namen kommt Nick durch den Film "Bad Seed" von Mervin LeRoy, 1956, der auf dem gleichnamigen Stück von Maxwell Anderson und dem Buch von William March basiert.
Dafür sichert er sich zunächst die Mitarbeit des Einstürzende Neubauten-Chefs Blixa Bargeld als Gitarristen. Des weiteren dabei sind Barry Adamson (Gitarre, Klavier), Hugo Race (Gitarre), Tracy Pew (Bass) und Anita Lane. Diese Besetzung ist 1983 auf dem Debüt "From Her To Eternity" zu hören. Zurück in Berlin macht sich Cave an die Niederschrift seines ersten Romans, der den Titel "Und die Eselin sah den Engel" trägt. Die Themen, die er in seinem Buch behandelt, beschäftigen ihn auch auf dem nächsten The Bad Seeds-Werk "The First Born Is Dead" (1985).
Das Album, einspielt nur vom Quartett Cave, Harvey, Bargeld und Adamson, ist das bis dahin blueslastigste und treibt die Vorliebe des Australiers für biblische Themen auf einen neuen Höhepunkt. Das darauf folgende "Kicking Against The Pricks" (1986) setzt sich aus Coverversionen von Tim Rose, Velvet Underground und Gene Pitney zusammen. Als Drummer ist inzwischen Thomas Wydler (Ex-Die Haut) eingestiegen.
1987 spielt Cave in Peter Sempels Film "Dandy" (u.a. Blixa, Campino und Nina Hagen) und in Wim Wenders "Der Himmel über Berlin"mit. Auf dem im selben Jahr erscheinenden "Your Funeral, My Trial" ist die Band um den ehemaligen Cramps/Gun Club-Basser Kid Congo Powers angewachsen, der den abgegangenen Adamson ersetzt. Ebenfalls neu dabei ist der Keyboarder Roland Wolf.
1988 ist ein ereignisreiches Jahr, denn Cave veröffentlicht nicht nur sein zweites Buch "King Ink", sondern tritt mit den Bad Seeds in Wim Wenders Film "Wings Of Desire" auf. Damit und dem Album "Tender Prey" fertig, zieht er nach Sao Paulo zu Viviane Carneiro, die er während einer Tour kennen gelernt hat und mit der er einen Sohn zeugt. "The Good Son" (1990) hört man den Brazil-Einfluss nur zu deutlich an. Das Album gilt allgemein als das bis dato melodischste und freundlichste Werk des Künstlers. Im selben Jahr erscheint auch die Tourdokumentation "The Road To God Knows Where".
Nachdem 1992 "Henry's Dream" auf dem Markt ist, gehen Nick Cave And The Bad Seeds auf Welttournee. Auf dieser schneiden sie ihre erste offizielle Live-CD "Live Seeds" mit, die 1993 das zehnjährige Bandjubiläum feiern soll.
1994 arbeitet Cave auf "Let Love In" mit seinem alten Freund Tony Cohen als Produzenten und spielt auch erneut in einem Film von Peter Sempel mit. Für den experimentellen Dokumentarfilm "Jonas In The Desert" steht der Australier neben Al Pacino und Dustin Hoffman vor der Kamera. Dem folgt zwei Jahre später der Streifen "Rhinoceros Hunting In Budapest" von Michael Haussman. Für beide Filme schreibt Cave auch die Soundtracks.
Doch es ist vor allem das 1996er-Album "Murder Ballads", das diese Zeit für die Band so erfolgreich macht. Die Zusammenarbeit mit Kylie Minogue für "Where The Wild Roses Grow" und mit PJ Harvey (mit der Cave eine stürmische Beziehung durchlebt) auf "Henry Lee" zahlt sich mehr als nur aus. Inzwischen wieder in London ansässig, hat sich das Line-Up der Bad Seeds erneut verändert, denn Warren Ellis (The Dirty Three) darf Violine spielen, während NoWave-Drummer Jim Sclavunos seine Stöcke schwingt.
Regisseur John Hillcoat gewinnt derweil Cave, Harvey und Bargeld erneut als Komponisten für den Soundtrack zu seinem neuen Film "To Have And To Hold", und auch "King Ink II", die zweite Sammlung aus Lyrik und Essays, kommt auf den Markt. Die Nominierung als "Best Male Artist" bei den MTV Music Awards lehnt Cave allerdings dankend ab. Deutlich wichtiger ist ihm die Arbeit am mittlerweile zehnten Studioalbum, das 1997 erscheint.
"The Boatman's Call" unterscheidet sich von "Murder Ballads" beinahe wie Tag und Nacht, und das nicht nur lyrisch. Musikalisch ist das Album auf das Wesentliche reduziert und setzt auf große Atmosphären. Die Seeds spielen in der Royal Albert Hall, wo sie auch ein paar Aufnahmen mitschneiden. Die tauchen auf den Erstpressungen von "The Best Of Nick Cave And The Bad Seeds" auf, die neben eine Video-Collection im folgenden Jahr erscheint.
Schließlich gönnt sich der Australier etwas Ruhe, um sich von seiner jahrelangen Alkohol- und Heroinsucht zu befreien. Er heiratet das Model Susie Bick und kümmert sich um seine zwei Kinder aus vergangenen Beziehungen. Solo erscheint von ihm 2000 "The Secret Life Of The Love Song, The Flesh Made Word, Two Lectures by Nick Cave".
2001 ruft Cave wieder die Bad Seeds zusammen, um am Material für "No More Shall We Part" zu arbeiten. Das Album ist vertonte Melancholie und zeigt erneut, welche Emotionen der Mann allein mit seiner Stimme erzeugen kann. Die geplante US-Tour fällt wegen dem Attentat am 11. September aus, steht 2002 dafür ebenso auf dem Programm, wie ein paar Gigs in der alten Heimat Australien.
Neben Beiträgen zum Soundtrack zu "I Am Sam" und einer Pulp-Single steht das Jahr 2002 ganz im Zeichen diverser Touren und vor allem den Arbeiten an "Nocturama". Das Album steht im Februar 2003 in den Regalen, doch kaum einen Monat später schockt Blixa Bargeld mit der News, dass er The Bad Seeds verlassen hat. Die anschließenden Touren fallen äußerst knapp aus, wohl auch weil die Veröffentlichung der "God Is In The House"-DVD ansteht, die aber wegen technischer Mängel nur bedingt überzeugt.
Deutlich besser fällt das Urteil für die zweite DVD "The Videos" aus. 20 Clips der Band sind zu sehen, zu denen Cave höchstpersönlich Kommentare abgibt. Doch dies ist nicht die einzige Veröffentlichung des Meisters 2004. Mit "Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus" erscheint eine Doppel-CD, der es jedoch nicht wirklich gelingt, an die alten Klassiker anzuknüpfen.
Dafür kann sich der geneigte Käufer der 3-CD-Box "B-Sides And Rarities" vor Klassikern kaum retten. So ziemlich alle B-Seiten der Singles und jede Menge Skurrilitäten sind auf insgesamt 56 Songs verteilt und bringen somit einige Augen zum Leuchten.
2006 triumphiert der Australier bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig, wo er für das Drehbuch zum Western "The Proposition" den Gucci Award erhält. Der Film spielt in der australischen Pionierzeit und zeigt den brutalen Kampf der Ureinwohner gegen das Gesetz in ziemlich ungeschminkten Bildern. Selbstverständlich arbeitete Cave auch am Film-Soundtrack mit.
Andere Künstler ziehen sich nach solch einer Arbeitsoffensive erst mal für ein oder zwei Jahre zurück. Nicht so Cave. Zusammen mit seinen alten musikalischen Weggefährten Ellis, Casey und Sclavunos gründet er Grinderman und holzt im Nu eine Platte ein. Ebenfalls "Grinderman" betitelt, erscheint der Longplayer im März 2007 und kredenzt der Öffentlichkeit eine recht radikale Bluesrock-Kost, die von Dissonanzen lebt und somit ein wenig an Caves Vergangenheit bei Birthday Party erinnert.
Angesichts dessen ist es nicht überraschend, dass das nächste Seeds-Album "Dig, Lazarus, Dig!!!" wieder rockiger ausfällt. Nicht nur der Titel weist darauf hin, dass der Australier wieder seine Vorliebe für die düsteren Seiten der Bibel ausgegraben hat. Bei so viel Schaffenskraft scheint durchaus möglich, dass die Bad Seeds - nach Blixa Bargeld - einen weiteren prominenten Abgang verkraften: Mitbegründer Mick Harvey beendetet im Januar 2009 die 25 Jahre währende Zusammenarbeit mit Nick Cave "aus verschiedenen persönlichen und geschäftlichen Gründen".
Best Of (1998), The Boatman's Call (1997), Murder Ballads (1996)
Live Seeds (1993), Henry's Dream (1992), The Good Son (1990), Tender Prey (1988), Your Funeral My Trial (1986), Kicking Against The Pricks (1986), The First Born Is Dead (1985), From Her To Eternity (1983)
Fanseite mit Lyrics zu allen Cave-Songs bis 2001.
http://home.iae.nl/users/maes/cave/
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