Porträt

laut.de-Biographie

The Velvet Underground

Wenn es ein Musikerkollektiv gibt, das die Rockmusik nachhaltig geprägt hat, indem es massiven Einfluss auf zahllose Bands ausübte (Sonic Youth, The Smiths, The Strokes, Nirvana), das aber erst lange nach der eigenen Auflösung zu Ruhm und Anerkennung gelangte, dann kann nur The Velvet Underground gemeint sein.

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Im Band-Oeuvre von fünf Studioalben konzentriert sich die Lobpreisung im Wesentlichen auf das Debütalbum "The Velvet Underground & Nico", die berühmte "Bananenplatte", mit der Lou Reed, Sterling Morrison, Mo Tucker und John Cale 1967 neue Maßstäbe setzen. Lärmige Rückkopplungen, holpriges Minimal-Schlagzeug und bittersüße Melodien umschmiegen die schonungslos rauhen Texte Reeds, die dem trostlosen Großstadtdschungel des 60er Jahre New York Rechnung tragen. Am Meisterwerk sind auch die deutsche Actrice Nico und Pop Art-Papst Andy Warhol beteiligt, der der Band mit seiner Publicity und Kohle überhaupt erst zum Plattenvertrag verhilft.

Davon können die Vier im November 1965 nur träumen, als sie - der Legende nach - an der Summit High School in New Jersey ihren ersten Gig spielt. Zuvor hatte sich Reed (Gesang, Gitarre) mit seinem Studienfreund Morrison (Bass) und dem in klassischer Musik ausgebildeten Violinist Cale zusammen getan, um erste Demos aufzunehmen. An den Drums sitzt für kurze Zeit ein gewisser Angus MacLise; in die Rockannalen sollte aber "Mo" Tucker eingehen, die den chronisch unpünktlichen und kunstverrückten MacLise noch im selben Jahr ablöst.

Die Band benennt sich nach einem billigen Sexroman und absolviert erste Auftritte, bei denen Reed und Cale mit dem Rücken zum Publikum stehen, um sich ganz auf ihre Feedback-Schleifen konzentrieren zu können. "Es ist kein Wunder, dass wir nicht wussten, wer damals im Publikum war. Wir haben nie hingeschaut.", erinnert sich Cale ein Vierteljahrhundert später. Begeisterung für ihre verzweifelten und in der Beat-Euphorie ziemlich radikal anmutenden Songskizzen erntet die Band jedenfalls nicht.

Im Gegenteil: Eine ihrer Stamm-Bars, das Cafe Bizarre in Greenwich Village, entzieht ihr nach einer wiederholt ausufernden, kakophonischen Krach-Orgie namens "The Black Angel's Death Song" die Auftrittserlaubnis. Glücklicherweise besuchte der aufstrebende Avantgarde-Künstler Andy Warhol kurz zuvor eine Performance im Bizarre. Für ein ihm vorschwebendes Multimedia-Projekt, das Rock'n'Roll mit Kunst vereinigen soll, ist er auf der Suche nach einem Soundtrack, den er in der zarten, fatalistischen Schönheit von Velvet Undergrounds Kompositionen entdeckt.

Als Teil des Deals besteht Warhol auf der Eingliederung des Factory-Starlets Nico ins Bandgefüge, die bei einigen Songs den Leadgesang übernimmt und Live-Auftritte mehr durch ihr Charisma und ihre Schönheit als durch ihr Tamburinspiel aufwertet. Nach anfänglich heftigem Widerstreben gibt die Band nach und Reed komponiert Nico die schaurig schönen Songs "All Tomorrow's Parties", "Femme Fatale" und "I'll Be Your Mirror" auf den Leib. Mit der Multimedia-Show "The Exploding Plastic Inevitable" nimmt New York zum ersten Mal von Velvet Underground Notiz. Als schließlich die Plattenfirma Verve mit einem Angebot aufwartet, scheint es richtig loszugehen, in Wahrheit beginnen nun erst die Probleme.

Anstatt den Hype der Stunde auszunutzen, verschludert Verve die Veröffentlichung des Albums um beinahe ein Jahr. Grund dafür ist die verstärkte Konzentration auf den anderen Major-Act The Mothers Of Invention und Schwierigkeiten bei der Auslieferung des Plattencovers. Die Originalausgabe zeigt eine "schälbare", also abziehbare Warhol-Banane, hinter der sich eine rosafarbene verbirgt. Als das Album schließlich 1967 erscheint, wird es nur spärlich promotet, während die Band, die sich bereits von Warhol und bald darauf auch von Nico getrennt hat, auf Konzertreise ist.

Mit Ausnahme von Mo Tucker experimentieren mittlerweile alle Musiker mit harten Drogen. Morrison dazu: "Wir waren nie eine Marijuana-Band. Wir glaubten an die Effektivität von harten Drogen. Größere Probleme hatten wir damit nie. Das wurde im Nachhinein alles überbewertet. Ich persönlich stand schon immer am meisten auf Bier."

Speziell nach Kalifornien zieht es VU immer wieder, wo sie die meiste Zeit am Strand herum liegen und abends in verrauchten Clubs auftreten. Doch prallen die starken Persönlichkeiten von Reed und Cale immer häufiger aufeinander. Manager Steve Sesnick wird in dem Dilemma der Yoko Ono-Part zugeschrieben. Er soll sich zwischen Reed und Cale gestellt haben, indem er den Sänger als alleinigen Star der Band etablieren wollte.

Nach den Aufnahmen zu dem weniger eingängigen "White Light/White Heat"-Album ist es mit der Harmonie jedenfalls vorbei und im Spätsommer 1968 stellt Reed seine Mitstreiter Morrison und Tucker vor die Wahl, entweder mit Cale oder ihm weiterzumachen. Im unschönen Disput behält Bandkopf Reed die Oberhand. Zwischen den Streithähnen wird die Sache nicht einmal zur Sprache gebracht, Mo Tucker muss Cale schließlich die traurige Nachricht überbringen. Am 28. September 1968 spielt er in Boston seinen letzten Gig ausgerechnet in der Stadt, aus der sein Nachfolger Doug Yule stammt.

Durch häufige Auftritte bei "Boston Tea Partys" hat die Band den Bassisten kennengelernt. Das 1969 veröffentlichte dritte Album veranschaulicht Reeds Songwriter-Qualitäten auf etwas sanftere Art als gewohnt, mit "Loaded" erzielen Velvet Underground erstmals vorzeigbare Verkaufszahlen. Kurz nach der Veröffentlichung und den ersten New York-Konzerten in drei Jahren (in Max's Kansas City) verlässt Reed am 23. August 1970 die Band, um sich ein Jahr aus dem Musikgeschäft zurück zu ziehen. 1972 erscheint die vergessene Platte "Squeeze" unter dem alten Namen, obwohl mittlerweile sogar Morrison ausgestiegen ist.

Der Mythos um Velvet Underground wird jedoch schon ab 1971 gefüttert, als der aufstrebende Glamrock-Star David Bowie damit beginnt, die Band in Interviews und Konzerten als großer Einfluss auf das eigene Schaffen darzustellen. Während Reed und Cale mit Solo-Karrieren im öffentlichen Interesse bleiben, ziehen sich Tucker und Morrison zurück.

Die Drummerin siedelt nach Georgia um, erzieht fünf Kinder und arbeitet u.a. in einem Supermarkt der Walmart-Kette. Morrison spielt in den 70ern in einigen texanischen Roadhouse Bands, bevor er an der University of Austin seine Dissertation in Englischer Literatur vollendet und ansonsten mit seinem Boot im Golf von Mexiko herum schippert.

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Nach dem Tod Warhols 1987 kommen Reed und Cale ein Jahr später erstmals wieder zusammen, um die Hommage "Songs For Drella" aufzunehmen. Im Juni 1990 befinden sich dann alle Originalmitglieder wieder in ein und demselben Raum: bei einer Warhol Retrospektive in Paris. Mit dem herumliegenden Equipment einer anderen Band geben die Velvets in einer spontanen Session die Nummer "Heroin" zum Besten. Ein Königreich für eine Zeitmaschine ...

1993 kommt es dann tatsächlich zur Reunion. Die Band gibt sich versöhnlich und will mit der Reife wohlsituierter Endvierziger noch einmal die Jugend aufleben lassen. Cales mühsam überspielte Unlust, Songs aus der Bandphase nach seiner Demontage zu spielen und die von ihm nach wie vor als schwierig bestätigte Ego-Konstellation innerhalb der Band lassen das böse Ende jedoch erahnen.

Denn wie in alten Tagen endet der Burgfrieden im Streit zwischen Reed und Cale. An die erste und letzte Europatournee der Bandgeschichte mit einigen Auftritten im Vorprogramm von U2s "Zooropa"-Tour erinnert ein Livealbum und ein Videomitschnitt. Mit dem Tod von Sterling Morrison im August 1995 ist das Kapitel Velvet Underground endgültig abgeschlossen.

Im selben Jahr erscheint mit "Peel Slowly And See" eine empfehlenswerte 5-CD-Box mit den ersten vier Studioalben der Band und bislang unveröffentlichten Demos, Songs und Livetracks auf einer Extra-CD. Das Sammlerstück wartet mit einem prächtig gestalteten Booklet auf, das den Hörgenuss mit Bildern und Biografie verfeinert.

Völlig überraschend ereignet sich im Dezember 2009 eine Reunion der anderen Art: Für eine Podiumsdiskussion der New York Public Library über den Einfluss von Velvet Underground steigen Lou Reed, Moe Tucker und Doug Yule wieder gemeinsam auf eine (Lese-) Bühne. Cale bleibt der von Rolling Stone-Redakteur David Fricke geleiteten Veranstaltung fern. Fricke gilt als VU-Experte und verfasste die Liner Notes zur "Peel Slowly And See"-Box.

2013 hält die Rockwelt kurz den Atem an: Vier Monate nach einer Leber-Transplantation stirbt Lou Reed am 27. Oktober im Alter von 71 Jahren in Long Island. John Cale twittert: "Die Welt hat einen großen Songwriter und Dichter verloren. Ich meinen alten Schulfreund."

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