Porträt

laut.de-Biographie

John Cale

John Cale ist sicherlich einer der bekanntesten und vor allem einflussreichsten Musiker des Alternative Rock. Und das, obwohl er sich selbst nie als Rocker im engeren Sinn verstand, sondern vielmehr als Grenzgänger zwischen den Genres.

Sein Studium der klassischen Musik, zunächst an der Universität von London, später an der Berkshire School of Music, prägt seine Kompositionstechnik, die Zusammenarbeit mit John Cage und La Monte Young dürfte bereits Mitte der 60er Jahre seine Begeisterung für die radikale Reduktion geweckt haben - nicht umsonst gilt Cage als einer der geistigen Väter des Punk. Mit anrührenden Melodien und herkömmlichen Songstrukturen nähert seine Musik sich oft dem Mainstream. Um allerdings kommerziell wirklich erfolgreich zu sein, sind vor allem seine Solowerke zu komplex und zu vielschichtig.

Am 9. März 1942 kommt John Cale in Garnant, Wales als Sohn eines Bergmanns und einer Lehrerin zur Welt. Die Eltern fördern die Talente des Kleinen, der bald lokale Berühmtheit als musikalisches Wunderkind erlangt, bereits mit acht Jahren die Orgel der Dorfkirche spielt und noch im Grundschulalter seine erste eigene Komposition für die BBC aufnehmen darf. In der Folge profitiert Cale von berühmten Förderern und Gönnern: Nachdem er bereits in London einige Zeit Musik studiert hat, verhelfen ihm Leonard Bernstein und Aaron Copland zu einem Stipendium, ab 1963 studiert er an der Berkshire School of Music Viola und Klavier.

Bereits im selben Jahr bestreitet er gemeinsam mit John Cage eine 18-stündige Klavier-Aufführung in New York. Wenig später wird er Mitglied von LaMonte Youngs Dream Syndicate, zu der Zeit eines der führenden Ensembles der Minimal Music. In New York, Mitte der 60er Jahre das kulturelle Zentrum der Welt, trifft Cage mit vielen herausragenden Künstlern wie Andy Warhol oder Lou Reed zusammen, die alle die Überzeugung teilen, dass die scharfe Trennung zwischen ernster und unterhaltender Kunst aufzuheben sei.

So gründet er 1965 gemeinsam mit der Sängerin Nico und Lou Reed, mit dem er zuvor schon zum Gelderwerb als Straßenmusikant aufgetreten war, Velvet Underground, eine der wichtigsten Bands der Rockmusik. Über die Rivalitäten zwischen den beiden Bandgründern ist viel geschrieben worden. Doch auch wenn Reed als Hauptsongwriter und Leadsänger oft im Vordergrund stand, ist doch auch Cales Einfluss vor allem auf den spezifischen Bandsound unverkennbar. Ohne seine singenden Viola-Parts wären Songs wie "Venus In Furs" oder "Heroin", ohne sein stampfendes Klavier Stücke wie "I'm Waiting For The Man" undenkbar. Und die repetitiven Elemente der VU-Arrangements dürften recht direkt auf Cales Lehrjahre bei LaMonte Young zurückzuführen sein.

Nach nur drei Jahren steigt John Cale 1968 bei Velvet Underground aus. Bis zum heutigen Tag ist nicht eindeutig geklärt, wer dazu den Anstoß gab, fest steht lediglich, dass die beiden Super-Egos Cale und Reed nicht mehr miteinander klar kamen. Für eine Weile verabschiedet sich Cale von der Bühne, doch seine Erfolge als Produzent erweisen sich bald als nicht minder spektakulär. Ende der 60er produziert er die ersten Alben von Nico und den Stooges, mit stilprägenden Meisterwerken wie dem 70er-Album "Horses" von Patti Smith untermauert er seinen Ruf als spiritus rector von Punk und New Wave. Später betreut er Nick Drake, Element Of Crime und die Happy Mondays als Produzent und arbeitet auch mit Brian Eno (Roxy Music) zusammen.

1970 erscheint mit "Vintage Violence" seine erste Solo-Scheibe. Es ist zugleich eines seiner besten und eingängigsten Werke; dass er auch anders kann, dass er sich vom Avantgarde-Gedanken noch lange nicht verabschiedet hat, beweist gleich das folgende "Church Of Anthrax"-Album (1971), das er mit dem Minimal Musiker Terry Riley aufnimmt. Festlegen lässt er sich auch in der Folge nicht gern: Ende der 70er etwa überrascht er seine Anhänger mit martialischen Auftritten als Hardrocker, der auf der Bühne auch mal ein echtes Hühnchen meuchelt.

Spätestens ab "Music For A New Society" (1982) gibt Cale sich wieder eher nachdenklich bis vergrübelt, musikalisch bleibt er aber ein freidenkerischer Grenzgänger. Zeitweilig verabschiedet er sich sogar ganz aus dem Popgeschäft und produziert Soundtracks oder Ballettmusik. So lassen sich seine mittlerweile recht zahlreichen Solowerke auch kaum auf einen Nenner bringen, einen guten Überblick über Cales stilistische Vielfalt gibt die 2-CD-Retrospektive "Seducing Down The Door".

Höhepunkte von Cales späterem Schaffen sind die Hommage an den Velvet Underground-Mentor Andy Warhol ("Songs For Drella", 1990 mit Lou Reed) und die Arbeit mit Bobby Neuwirth am Songzyklus "The Last Day On Earth" (1994). Dazu besinnt er sich seiner ästhetischen Pianistenseite. Zwischen "Drella" und der kurzlebigen VU Reunion geht er auf Acoustic Tour. Das formidable Ergebnis in Form des bei Fans und Feuilleton gleichermaßen geschätzten "Fragments Of A Rainy Season" gilt seither als emotionales Meisterwerk unter den Unplugged Alben dieser Welt.

In seinen letzten "HoboSapiens" und "Black Acetate" scheint Cale sein Schaffen noch einmal zu rekapitulieren, die Versöhnung der Extreme Harmonie und Missklang, Traditionalismus und Avantgarde gelingt ihm hier so überzeugend wie selten zuvor.

Diesen frischen Eindruck unterstreicht der Waliser auf der nachfolgenden Tour. Zwischen totaler Harmonie und völliger Dekonstruktion pendelnd, entwickeln seine Sets sich zu hypnotischen Rockmessen. Auch die Stimme Cales klingt Jahre nach seiner Suchtüberwindung gelassen und kraftvoller denn je. Der Live-Mittschnitt "Circus Live" dokumentiert die Höhepunkte der Konzerte und weist den Musiker als alterslosen Performer aus.

Nach dem 70.Geburtstag kehrt der Mann, der u.A. Patti Smith entdeckte, mit seinem erst 15. Solowerk in 50 Jahren zurück in die Öffentlichkeit. Die schöne neue Pro Tools-Welt gibt dem ewigen Zweifler endlich die Freiheit, seine musikalischen Visionen zwischen akribischem Aufbau und Dekonstruktion nahezu autark umsetzen zu können. Schöne Melodien und ein Jam mit Danger Mouse peppen das Ganze zusätzlich auf. So geht er wieder auf Tour, um die zur Welt gebrachten Songs ein wenig wachsen zu lassen. Eine Produktion ist erst komplett, wenn man sie auf Tour bringt und auf ein Publikum loslässt.

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John Cale - Hobosapiens: Album-Cover
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  • Redaktionswertung: 5 Punkte

2003 Hobosapiens

Kritik von Joachim Gauger

Harmonie und Missklang, Traditionalismus und Avantgarde. (0 Kommentare)

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