Mitte der Achziger in West-Berlin: Alle reden vom New Wave, fünf Jungs wollen Teil dieser Jugendbewegung sein. Sven Regener (Gesang, Gitarre, Trompete), Jakob Ilja (Gitarre), Paul Lukas (Bass), Jürgen Fabritius (Saxophon) und Uwe Bauer (Drums, Ex-Fehlfarben) gründen Element Of Crime nach dem gleichnamigen Kultfilm von Lars von Trier aus dem Jahr 1984.
Bereits im Herbst des selben Jahres nehmen sie in fünf Tagen ihr englischsprachiges Debüt "Basically Sad" auf, das im Sommer 1986 erscheint. Kurz danach steigt Uwe Bauer aus, ihn ersetzt Richard Pappik. Jürge Fabritius entschließt sich, es Bauer gleichzutun und verlässt die Band. Zwar testet die Band andere Saxophonisten, allerdings beschließen sie nach einiger Zeit, auf die Blechtröte in Zukunft zu verzichten. Der Weg für die Trompete als Trademark ist damit frei. Noch 1986 signt Polydor die Band, verantwortlich für den Deal ist niemand geringerer als der junge Tim Renner.
Im Frühjahr 1987 kommt ihr in London aufgenommenes Album "Try To Be Mensch" auf den Markt, das wegen der John Cale'schen Produktion in der Musikpresse für gehörigen Aufruhr sorgt. Element Of Crime werden bald so populär, dass sie sogar in der Zionskirche in Ost-Berlin auftreten. Natürlich ohne offizielle Erlaubnis. Für die Aufnahmen ihres dritten Albums "Freedom Love & Happiness" zieht es die Band Anfang 1988 nach New York. 1989 nehmen sie "The Ballad Of Jimmy & Johnny" in Berlin auf, auf diesem Album findet sich der erste deutschsprachige Song, "Der Mann Vom Gericht".
1991 wagen sie den Sprung, bringen mit "Damals Hinterm Mond" das erste komplett deutschsprachige Album heraus. Dennoch wird das Album ein Erfolg, wohl auch wegen der musikalischen Öffnung für Streicher und andere Instrumente. Im folgenden Jahr touren sie mit Grönemeyer.
Im folgenden Jahr pausiert die Band bis auf ein paar Auftritte, Paul Lukas verlässt Element Of Crime und am Bass heuert Christian Hartje an. Etatmäßiger zusätzlicher Gitarrist ist mittlerweile Dave Young.
In den folgenden Jahren lassen sie es ein wenig ruhiger angehen und beschäftigen sich mit anderen Projekten (Ilja unter anderem mit den 17 Hippies, die mit ihrer Musik durch den Film "Halbe Treppe" bekannt wurden). 1998 entsteht "Psycho", das Album schrammt nur knapp an den Top Ten der Albumcharts vorbei. Ein ungewöhnliches Projekt gehen die melancholischen Musiker 2000 an, als sie für eine Theater-Inszenierung Leander Haußmanns die Musik schreiben.
2002 hängt Christian Hartje den Bass an den Nagel, ihn übernimmt der bis dato dritte Gitarrist David Young. Damit ist die Band wieder ein Quartett. 2003 nimmt die Band wieder eine Auszeit und pflegt Solo-Aktivitäten. Ilja schreibt Theater- und Filmmusik, Pappik macht alleine Musik und Regener vervollständigt seinen ersten Roman "Herr Lehmann", der später von Leander Haußmann mit Christian Ulmen in der Hauptrolle verfilmt wird. Noch bevor ein weiteres Album erscheint, schiebt er den zweiten Roman hinterher. "Neue Vahr Süd", das die Jugend von Herr Lehmann in Bremen beschreibt, wird im Herbst 2004 veröffentlicht.
Durch die Umbesetzungen in der Band ist der Sound auf "Mittelpunkt Der Welt" (2005) wieder etwas überschaubarer geworden, was allerdings keinerlei Qualitätseinbußen mit sich bringt. Garant für den Erfolg bleiben dabei die Gänsehauttexte Sven Regeners, die menschliche Gefühle ungeschönt in schimmernde Hüllen verpacken.
Melancholische Lebensfreude könnte man Regeners Grundeinstellung nennen, dabei nicht zu vergessen seine augenzwinkernde Selbstironie und das kritische Ausleuchten einer Welt, die sich wie ein unerwartetes, komplexes Schreckenswunder jeden Tag neu vor ihm aufbaut und ihm Seltsames ins Ohr flüstert.
Element of Crime lebt vom zartbitteren Nachgeschmack der zerfransten Melodien, die durchzogen von Akkordeon und Blasinstrumentenklängen erst die richtige Basis für die Texte bilden. Ihre Musik ist zeitlos und bringt Gefühlssaiten im Hörer zum Schwingen, die altersunabhängig jedem bekannt sein dürften.
Sven und Richard über Kartoffelgigant Pfanni und den Plural von Erdbeereis.
Zur Veröffentlichung von "Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie" am 18. September empfangen Sven Regener und Richard Pappik die Münchner Presse in einem Biergarten. Dann kann ja nichts mehr schief gehen.
München im Juli: Element Of Crime-Sänger Sven Regener und Drummer Richard Pappik haben es sich bei überraschend sommerlichen Temperaturen im Außenbereich des Hofbräukellers bequem gemacht, wie etwa hundert weitere Durstige. Ich treffe die beiden zur Mittagszeit. Anstatt nach Krustenbraten oder Butterbrezn steht mir der Sinn allerdings nach Kartoffeln. Genauer gesagt nach einer Firma, die die Knolle seit 60 Jahren weiter verarbeitet und auf dem neuen Element Of Crime-Album eine besondere Stellung einnimmt.
Ich möchte mit der Songzeile beginnen, die euer neues Album überstrahlt: "Was für Cloppenburg Pfanni ist / bist du für mich". Wahnsinn. Wie kamst du auf die Idee, eine Marke in einen Songtext zu integrieren?
Sven: Ja, wie kommt man auf so ne Scheiße? Also, von Pfanni hab ich dafür nix bekommen. Keine Ahnung, ich mach mir da auch keine Notizen oder so. Zuerst kommt immer die Musik und danach die Texte. Ist Pfanni nicht sogar ein bayerisches Phänomen? Jedenfalls steht in der Mitte von Cloppenburg ein großer Turm, auf dem "Pfanni" steht. So war das zumindest vor 20 Jahren, ich war ja lange nicht mehr da. Da leben lauter Geflügelbauern drum rum, aber auch viele Schweinebauern.
Liegt in deiner Schublade ein Notizblock für solche ausgefallenen Metaphereinfälle?
Sven: Nein, ich bin kein Zettelkastenmann. Was ich aber okay fände, das wäre ja ganz praktisch. Grundsätzlich denke ich aber, wenn man eine Idee nicht im Kopf behält, dann war sie es auch nicht wert. Die guten Sachen setzen sich durch. Ich bin da eher spontan. Also gerade dieser Text ist ja sehr assoziativ und die Sachen grätschen da so von rechts und links rein.
Das Lied hat auch so was Lustiges, Bo Diddley-haft Leichtes. Aber gleichzeitig haut da die Faust ins Gesicht. Vielleicht liegts an der Musik, dass sich sowas aufdrängt. Ich kann auch tagelang darüber nachdenken, warum da überhaupt so ein Turm steht und was das zu bedeuten hat.
Weißt du sofort, ob etwas gut klingt? Wenn dir etwa Getränke Hoffmann aus deiner Jugend zufliegt?
Sven: Nee, Getränke Hoffmann war da ja gar nicht. In Iprump soll es mal einen Getränke Hoffman gegeben haben, aber eigentlich ist das ja ne Berliner Firma, Berlin und Umgebung, das geht vielleicht noch bis Potsdam-Mittelmark rein. Aber das ist mir auch egal. Wenn so ein Satz kommt wie "Was für Cloppenburg Pfanni ist / bist du für mich", dann find ich das gut. Man braucht ja eh erstmal so drei Minuten, um überhaupt zu kapieren, was da gesagt wird. Was, wie? Cloppenburg, Pfanni? Du für mich? Was?
Richard: Auch wegen der Atempause, das liegt an der Rhythmik. Mir ging das auch so, ich habs erst so beim dritten Mal verstanden.
Sven: Das finde ich auch gut, wenn sich manches erst mit der Zeit entschlüsselt.
Kommt Sven schon mit solchen textbezogenen Rhythmusideen an oder entsteht sowas gemeinsam?
Richard: Da wird schon ordentlich rumgedudelt auf der Musik, bevor da ein Text kommt.
Sven: Bei diesen Bo Diddley-Patterns ist der Weg bei uns ja kurz. Damit haben wir ja schon so viele Lieder gemacht. Das muss man ja jetzt auch mal sagen, wie sehr wir von Bo Diddley beeinflusst wurden. Das macht einfach wahnsinnig viel Spaß. Und dann singt man halt was dazu, erstmal ohne Text. Die Wörter kommen später.
Richard: Der Bo hätte sich gefreut. Jetzt ist es zu spät.
Sven: Das glaub ich auch. Aber vielleicht war Bo auch ein Riesenarschloch. Man weiß es nicht, man kennt die ja persönlich nicht.
Richard: Auf den Bildern sah er immer aus wie ein freundliches Arschloch.
Sven: Bo Diddley, Supertyp echt. Auf der Bühne Gott. Master on the telecaster.
Richard: Er kam ja damals in den Proberaum rein: "Bo Diddley ist tot!" Und steigt dann sofort ein: Da-da-da-da Da-da.
Diddley scheint ja eine große Inspiration gewesen zu sein.
Sven: Auf der "Try To Be Mensch" gibt es das Lied "She’s Gone", da ist der Beat noch ein bisschen versteckt. Bei der nächsten Platte auf "Welcome To The World" spiele ich das auch. Also es gab da immer wieder solche Stücke, zum Beispiel auch "Immer Unter Strom". Eigentlich zieht sich Bo Diddley – obwohl da noch nie auch nur irgend jemand drauf gekommen ist – wie ein roter Faden durch unsere Geschichte. Er ist einer der wichtigeren schwarzen Einflüsse auf die Musik von Element Of Crime.
Sven: Wie für Bo Diddley auch. (alle lachen) Bei dem war das ja auch egal, oder? Bo Diddley habe ich immer nur als alten Mann gesehen, wobei der auch mal jung gewesen ist. Bei Element Of Crime war immer klar, dass man damit in Ruhe alt werden kann ohne größere Beträge im Fitnessstudio zu lassen.
Euer Label findet, dass die Platte rauher klinge als "Mittelpunkt der Welt". Meiner Meinung nach trifft dies vor allem auf den Titeltrack und das erste Stück zu, zwei aggressive Songs. Der Rest knüpft dann aber doch schön nachvollziehbar an den Vorgänger an.
Sven: Aber das kann ja trotzdem rauher klingen, ich finde das gar nicht so falsch. Christian Komorowskis Geige hat ja auch so nen rauhen folkigen Charme und klingt naturbelassen und ungeschliffen. Man kann es natürlich auch anders sehen.
Könnt ihr als Beteiligte solche stilistischen Einordnungen überhaupt selbst vornehmen?
Sven: Naja, das bringt ja nix.
Richard: Man vergleicht nicht die kleine Schwester mit dem großen Bruder.
Sven: Das sind halt die Songs, die wir hatten. Wir fanden die gut. Und als alles fertig war, fanden wir: Super Platte.
Richard: Super Pladde.
Sven: Genau, super Pladde. So wie man das als Idiot aus Bremen-Ost eben sagt. Aber im Ernst: Es ist ein Problem, wenn man so viele Platten gemacht hat und dann anfängt, das selbst ins Verhältnis zu stellen. Dass es alle anderen tun ist völlig in Ordnung. Aber als Künstler fängt man dann an, die neue Platte gegen die alte zu machen. Wir müssen jetzt mal anders sein. Daraus resultiert immer verkrampfter Quatsch. Wie soll das denn auch gehen? Plattenfirmen sagen das gern: Hey, die letzte war super, genau so nochmal. Das ist doch geil gelaufen.
"Mittelpunkt der Welt" ist auch geil gelaufen.
Sven: Ja genau. Aber das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Genau so nochmal - sollen wir sie nochmal aufnehmen, oder was? (lacht) Natürlich klingen wir immer nach Element Of Crime, selbst wenn wir unterschiedliche Platten gemacht haben. Wir habens nie drauf angelegt. Wir singen halt heute nicht mehr so wie vor 20 Jahren. Wir schreiben auch nicht mehr Songs wie vor 20 Jahren, aber manchmal eben schon. Es ist eindeutig dieselbe Band. Erklären kann ich das auch nicht.
Bekommt ihr in eurem Alltag manchmal Lust, eine alte Platte anzuhören?
Richard: Manchmal macht man das. Ich habe gerade neulich wieder mal eine aufgelegt und dann denkt man: Oh, ist ja eigentlich super.
Sven: Oft sind die auch ganz anders, als man sie in Erinnerung hat.
80er oder 90er Jahre?
Beide: Egal eigentlich.
Sven: Ich höre mir die nie bewusst an. Selbst wenn wir Stücke wieder ins Liveprogramm aufnehmen, die von 1988 sind. Ich bin meistens schon froh, wenn ich mich noch an den Text erinnere, ohne das Lied nochmal anhören zu müssen. Ich blättere auch nicht in alten Fotoalben, bin ich nicht der Typ. Ich würde sonst denken: Oh Mann, das müsste man ganz anders machen. Was ja eine total bescheuerte Sichtweise ist. Wenn ich dann aber mal einen Song in der Kneipe höre, nehme ich das gar nicht mehr persönlich.
Meistens merkt man in diesem Geräuschpegel erst gar nicht, dass man das selber ist. So gings mir mal mit der "Freedom Love & Happiness". Ich hörte das beiläufig und dachte: Mann, ist das ne gute Platte. Geiler Sound, Mensch, das müssen ja ganz wilde Vögel sein. Bis dann der Punkt kam: Ach du Scheiße, das sind ja wir!
Man hatte das ganz anders in Erinnerung, so als leichte Pop-Platte und dann hört man plötzlich diesen Transistor-Gitarrenamp-Trash. Das ist toll. Aber eben auch weit weg. Sonst wärs ja auch kokett: Sich selbst toll finden. Daher sollte man das mit dem Anhören eigener Platten nach Möglichkeit auch vermeiden.
In dem Song "Euro und Markstück" erzählst du von den Teletubbies in einer für meine Begriffe sehr kenntnisreichen Art und Weise. Schaust du dir das privat an?
Sven: Ja klar.
Richard: Immer.
Sven: Also es gibt private Gründe, warum ich mich mit Kindersendungen ganz gut auskenne. Und ich sag dir eins: Für Kinder wird tolles Fernsehen gemacht. Wenn hinter dem Erwachsenen-Fernsehen auch nur halb so begabte Leute stehen würden, dann hingen wir den ganzen Tag vor dem Fernseher. Da sitzen zum Teil echte Genies, zum Beispiel die Erfinder der Teletubbies. Das ist einfach genial und gleichzeitig unglaublich neben der Spur und psychedelisch.
Allerdings. Ich konnte mir noch keine Folge in voller Länge anschauen.
(Richard lacht laut.)
Sven: Ja eben. Das meine ich ja. Diese komische, anonyme Befehlsgewalt oder auch der strahlende Turm, der Bilder auf ihren Brüs ... äh, wie kommt man auf sowas? Als jemand, der wirklich großen Spaß am Verrätselten und Absurden hat, der Texte mag wie Dylans "Highway 61 Revisited", muss man die Teletubbies eigentlich lieben. Man muss aber natürlich auch eine gewisse innere Ausgeglichenheit und Härte mitbringen.
Wenn ich dann sehe, wie das für Kinder funktioniert, finde ich das toll. Grundsätzlich können alle gültigen Kunstwerke, überhaupt alles, was in der Welt passiert, Eingang finden in einen Element Of Crime-Song. Die Frage ist eben nur: Wie? Wie tauchen Pfanni und Cloppenburg auf. Oder eben die Teletubbies.
Sven: Ach ja, entschuldige mal, wir leben also in einer Welt, in der lauter sprachgestörte Kinder Opfer der Teletubbies geworden sind? Man muss die Kirche auch mal im Dorf lassen. Außerdem sprechen alle vier Teletubbies auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Po spricht ganz anders als Tinky-Winky. Die Kinder gucken das ja so zwischen einem und höchstens drei Jahren an und da ist immer einer von denen auf der entsprechenden Entwicklungsstufe oder ein bisschen drüber. Das ist superklug gemacht.
Aber der Vorwurf an sich ist ja alt: Wenn ein Kind sprachgestört ist, muss die Kunst schuld sein, sei es das Fernsehen oder Rockmusik. An Amokläufen dann Marilyn Manson und vor 35 Jahren wars Stanley Kubricks "Clockwork Orange". Oder gleich Shakespeare. Eigentlich verdirbt der doch die Moral der Jugend.
Svens Handy klingelt.
Hallo? Naa? Hast du es gut überstanden? Nee! Scheiße! Aber dass du da auch noch Auto gefahren bist, Mensch, das habe ich ja gar nicht beachtet. (zu uns) Macht ihr schon mal weiter.
Richard, wie geht ihr generell mit Svens Texten um? Habt ihr da ein Vetorecht, wenn euch irgend etwas zu hart erscheint? Redet man da drüber?
Richard: Man spricht eher zufällig über die Texte. Wir finden ja alle, dass Sven sowas wie ein Dichter ist. Und wenn so ein Text, ein Gedicht, ein Bild oder ein Film fertig ist, dann schaue ich mir das an und sehe eine Qualität, nach der ich oft weit und breit suche. Da ist Kritik überhaupt nicht angebracht. Wir haben ja vorher immer schon ein musikalisches Thema, das ihn dann zu bestimmten Worten inspiriert, die irgendwie gut darauf klingen. Erst wenn Worte und Musik zusammen kommen, erst in dem Moment zieht sich dieses Lied endlich zusammen.
Sven kommt wieder an den Tisch. So, tschuldigung.
Richard: Kein Problem.
Worüber seit zwei Wochen jeder spricht ist der Tod von Michael Jackson. Wo oder wie habt ihr denn diese musikalische Zäsur erlebt?
Richard: Das mit Michael Jackson war ja eher ein großer Medienevent. Über den Tod von Bo Diddley haben wir mehr nachgedacht. Warte mal, unser Lichtmann hatte mich an dem Morgen angerufen und meinte: "Du, der Michael ist tot" und darauf meinte ich sowas wie "Ohh, wirklich?". Das wars dann eigentlich auch schon.
Sven, in einem neuen Song gibt es ja die Stelle, wo du sinngemäß singst: Es ist schlecht, wenn man eine Monatskarte hat und am Monatsanfang stirbt. Damit hast du Jackos Tod ja praktisch prophezeit.
Sven (lacht): Wenn auch mal wieder ohne es zu wissen. Sagen wir so: Anschutz Entertainment Group hatte die Monatskarte, aber dann ist die Straßenbahn aus den Schienen gesprungen.
Sven, in "Am Ende denk ich immer nur an dich" bildest du den Plural von Eis als Eise. Gefällt mir gut. Ich habe dann aber trotzdem mal im Duden nachgeschaut und da steht "Eises".
Sven: Echt? "Wie viele Erdbeereises muss noch der Mensch noch essen?" Nee, das ist nicht okay. Da muss man mal mit der Redaktion ein ernstes Wort reden. Das geht nicht. Speiseeise - klingt ja auch toll eigentlich - also ich finde, Speiseeise sollten schon als Eise in der Mehrzahl gebildet werden.
Im technischen Bereich, zum Beispiel bei Gasen, ist Eise auch sehr verbreitet.
Sven: Genau. Aber ich weiß noch, wie damals ein Freund zu mir kam und sagte: "Du, Erdbeereise, da denk nochmal drüber nach!" Darauf ich: Hab ich schon, ich steh dazu. (alle lachen)
Das ist dir beim Schreiben also schon aufgefallen.
Sven: Ja klar. Schon über die Konstruktion: "Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen?" Das ist ja eher ne Hommage an eine andere Art von Songtext. Mit anderen Mitteln. Das hat ja auch was Sperriges. Da sind wir wieder bei Cloppenburg und Pfanni. Diese Effekte mag ich eben gern, das hält sich eine Weile.
Im selben Song gehts ja auch um Spielplätze, wo du dich scheinbar auch gut auskennst.
Sven: Naja gut, aber man muss sich ja nicht auf Spielplätzen rumtreiben, um sich so eine Geschichte auszudenken. Dass ein Kind beim Schaukeln einen Schuh verliert ... also ich hab zum Beispiel noch nie eine Frau auf einem Spielplatz über das Bein eines Kindes stolpern sehen.
Okay, ich fand die Thematiken Teletubbies, Spielplatz und den Kinderchor am Ende der Platte eben ziemlich auffällig.
Sven: Das hat natürlich schon mit dem eigenen Leben zu tun, aber nicht so, als dass man daraus viel mehr Rückschlüsse ziehen kann. Ich habe halt mit der Welt von Kindern zu tun, aber das ist bei Leuten in meinem Alter auch relativ wahrscheinlich. Vielleicht bin ich fast schon ein bisschen drüber. Als Vater bin ich ja etwas älter. Richards Kinder sind ja schon fast aus dem Haus ...
Richard: Jaaa!
Sven: ... während meine teilweise erst in der Schule sind.
Mit Blixa Bargeld hat kürzlich eine andere Berliner Kultfigur der 80er Jahre einen Gourmet-Reiseführer veröffentlicht. Interessiert euch sowas, bekommt ihr das mit?
Sven: Also ich werde nachher mal die Speisekarte hier inspizieren, ohne ihn um Rat zu fragen. Aber klar, wenn man so viel unterwegs ist und wenn einen das bewegt und man darüber ein Buch schreibt, ist doch okay. Wir machen ja auch Blogs und son Kram, wenngleich ich das auf die leichte Schulter nehme. Gastrokritik ist nicht unser Kerngeschäft. (lacht)
Hast du schon einmal darüber nachgedacht, anstatt eines Romans ein Buch über eines deiner Hobbys zu schreiben?
Sven: Nee, ich hab ja keine Hobbys. (Richard prustet los) Ich habe ja so auch schon genug zu tun. Ich habe alle Hobbys zum Beruf gemacht, das muss ich leider so sagen. Neulich habe ich in der Zeitung gelesen, dass Franka Potente ein Buch über ihr persönliches Training geschrieben hat, wie man abnimmt oder fit wird. Ich denke, das ist so ein ähnliches Genre, wo man auch das Buch von dem Blixa einordnen sollte.
Richard: Kochen und Fitness läuft ja auch grade gut.
Sven: Ist ja auch völlig legitim. Solche angenehm-lustigen Sachen mal beiläufig in Blogs abzuhandeln finde ich halt irgendwie passender. Die mag ich ja auch gerade so wegen ihrer Flüchtigkeit.
Zum Schluss: Was ist eigentlich mehr Provinz? Delmenhorst oder Berlin? Die Berliner behaupten ja gerne, dass alles außerhalb ihrer Stadt Provinz sei.
Sven: Nee, das sagen die Berliner eigentlich nicht, denn die kennen das gar nicht. Ich glaube, das spielt eher in Hamburg und München 'ne Rolle, den Berlinern ist das total egal. Oder?
Richard: Ja, man redet da eigentlich nicht drüber.
Sven: Und mal ehrlich: Delmenhorst ist überall. Auch in Spandau.
Ihr fühlt euch aber als Großstädter?
Sven: Natürlich, wir leben ja in einer großen Stadt. Ich bin nach Berlin gezogen, weil ich in einer großen Stadt leben wollte. Weiter hat das nix zu bedeuten.
Sven Regener und Richard Pappik über das Schreiben, Zensur und Delmenhorst.
In einem gemütlichen Café treffe ich Sven Regener und Richard Pappik, Sänger und Schlagzeuger der Berliner Institution Element Of Crime. Während Sven seinen sehr dünn belegten Lachsbagel zerpflückt, geht es um den Sound Of Munich, die aktuelle Platte und das Singen auf Deutsch.
Nachdem alle mit Kaffee versorgt sind - es ist noch Vormittag - kann es zur Sache gehen. Doch wo beginnt man bei einer Band, die seit gut zwanzig Jahren im Geschäft ist? Dort, wo man bei allen anderen auch beginnt: beim aktuellen Album.
Ich habe den Eindruck, dass euer neues Album weniger durchproduziert und etwas rauer klingt als eure letztes "Romantik".
Sven: Der Sinn ging uns mehr danach - vielleicht liegt es auch an den Liedern. Man weiß ja oft nicht so genau, warum man etwas so macht - aber es war deutlich, dass wir eine etwas sprödere, etwas sparsamere Instrumentierung favorisieren bei dieser Platte. Es hat sich auch so ergeben. Man macht da keinen großen Plan, das man sagt: "Wir wollen diese Platte auf jeden Fall schön spröde machen." Das wäre ja auch komisch.
Richard: Und es ist aus dem Quintett mittlerweile auch ein Quartett geworden. Wir sind einer weniger, es gibt nicht so riesige Overdubs wie mit dem Orchester beim letzten Mal. Das alles unterstreicht diesen Eindruck sicherlich. Dave, der die dritte Gitarre gespielt hat früher, spielt jetzt den Bass, da ist schon mal was weniger.
Sven: Dave hat ja sehr wichtige und auch sehr schöne Gitarren gespielt. Dadurch haben sich auch die Gewichte verschoben. Jakob macht dadurch mehr, das sind so Sachen, die will man gar nicht so ausbreiten. Die Erklärung wird dann aber einfacher als sie ist. Das hat ja auch etwas Rätselhaftes: warum macht man das Lied so?
Du würdest also sagen, es ist egal.
Sven: Ich würde sagen, dass das Schlagzeug lauter ist und eine größere, tragendere Rolle spielt. Etwas, worauf man selten achtet. Schlagzeug und Percussions sind sehr präsent. Die Sache groovt sehr stark. Insgesamt wird es durchsichtiger und das Schlagzeug kommt mehr raus. Das wirkt dann rockiger, vielleicht auch spröder. Härter für manche Ohren. Aber sie ist ja auch balladenhafter als die Letzte. Aber auch rauer. Das ist ganz komisch und sicher sehr subjektiv.
Die Schwülstigkeit von "Romantik" hat ja ganz gut zu eurem Sound gepasst.
Sven: Hier kommt die Schwülstigkeit dann in zerlumpteren Gewändern daher. Da sind Trompeten, die dann plötzlich komisch klingen. Es gibt ja auch Streicher, aber es ist ein wenig nackter. Ich kann das aber nicht werten, das haben wir auch nicht gemacht, gegen die andere Platte. Die Lieder sind ja auch ein bisschen rotzig. Ich hab mal einen Freund gehabt, der sagte mal: "Warum macht ihr immer so Low-Life-Musik?" Das hier hat ne ganze Menge Low-Life. Ne ganze Menge Neurosen und Psychosen und Paranoia und Dumm-Gelaufen-Zeug und Jogginganzug und Edeka des Grauens. Die abgeschabten Seiten, das war ein wichtiges Thema hier. Vielleicht hängt das ja damit zusammen. Manchmal macht man es dann aber auch extra opulent. Es gibt ja auch sehr opulente Stücke, zum Beispiel "Die letzte U-Bahn geht später". Die Streicher, die dann plötzlich da rein kommen. Vielleicht ist es auch der Kontrast, den wir wollten.
So ein Lied wie "Bring Den Vorschlaghammer Mit" findet man auf "Mittelpunkt Der Welt" aber nicht.
Sven: Aber "Finger Weg Von Meiner Paranoia" oder "Straßenbahn Des Todes" oder so, die sind von der Lautstärke und vom Tempo mindestens so wie der "Vorschlaghammer". Das ist doch das Problem: Bei einem Filmemacher würde man doch auch nicht sagen, "im Vergleich zu deinem letzten Film sehe ich da und da ne Parallele". Das bringt ja nicht viel ...
Richard: Das ist eher ein positiver Aspekt. Der eine hört das so, der andere so. Das spricht ja grade dafür, dass jeder subjektiv das wahrnehmen kann, was er will. Das kann durchaus was ganz Verschiedenes sein.
War es eine bewusste Entscheidung, dass ihr nach dem Ausstieg von Christian nicht wieder einen fünften mit an Bord genommen habt?
Richard: Wir waren ja schon mal zu viert, das hat damals ja auch ganz gut ...
Sven: Ganz zu Anfang waren wir zu fünft ...
Richard: Achja, mit dem Saxofonisten.
Sven: Und dann waren wir ganz lange zu viert, dann waren wir ne Zeit lang live zu sechst. Aber eigentlich waren wir, in dem Kreis derer, die was zu sagen hatten, eigentlich immer nur zu viert. Wir haben live halt sehr oft zu sechst gespielt und danach noch lange zu fünft.
Also war es gar nicht so eine große Umstellung für euch.
Sven: Nein! Es ist nur so: wenn ich Trompete spiele, kann ich nicht Gitarre spielen. Das heißt: in dem Moment wo ich Trompete spiele, klingt das Stück sehr viel sparsamer live, als wenn man es mit einer fünfköpfigen Band macht. Bewusst, das ist schwer zu sagen. Unser Bassist ist gegangen, der neue Bassist war Dave. Dave wollte unbedingt diesen Job haben. Und es ging einfach nicht, einen so guten Gitarristen wie Dave zu finden.
Sven: Nein, der Roger ist ein Freund von uns, der wohnt dort. Wenn er in München gewohnt hätte, wäre das Album in München gemischt worden, und wenn er in Delmenhorst gewohnt hätte, hätten wir es in Delmenhorst mixen lassen. Das was wir unter Nashville verstehen, im Hinblick auf Country-Musik, spielt lange nicht mehr so die Rolle wie früher. Ich wollte das eigentlich gar nicht draufschreiben, weil das dann immer gleich diesen Subtext hat. Nashville hat halt diesen Subtext Countrymusik. Es ist ja auch einer der drei, vier großen Musikorte in den USA, auch zu Recht, ich habe ja auch nichts gegen Countrymusik, im Gegenteil.
Es wäre aber peinlich für eine deutsche Gruppe, wenn man sich mit sowas schmücken würde: "Wir haben unsere Platte in Nashville gemixt". Ja, vielen Dank! Da steht auch nur eine Zweispurmaschine. Da steht auch nur ein Mischpult. Da gibt es keinen Genius Loci, der sich auf die Platte überträgt. Wir wollten den Mann, und darum sind wir dahin gegangen, wo der Mann war. Wie gesagt, wenn er in München gewesen wäre, dann wäre die Platte in München gemischt worden. Deshalb hätte es ja auch nicht den "Sound Of Munich" bekommen. Das hätte nicht geklungen wie der Harald Faltermeier. Es sei denn, der Harald Faltermeier hätte es gemischt.
Bei euch schwingt ja schon immer etwas Melancholisches in der Musik mit. Woher nehmt Ihr die Inspiration dafür?
Richard: Das ist, was diese Chemie, diese Band in dieser Zusammensetzung gut kann. Das Pulsieren, was da entsteht, daraus ist diese Musik entstanden.
Geht euch das nicht manchmal selbst auf die Nerven? Habt Ihr nicht manchmal Bock, einfach draufzuhauen?
Richard: In einer anderen Band kann man das machen. Aber Element Of Crime steht für was anderes.
Sven:Aber wir hauen ja auch drauf. Es ist ja gar nicht wahr, dass wir durchgängig ruhige Lieder spielen. Es ist so wie es ist, wir machen genau das, was wir wollen. Wir wissen, es ginge auch anders, aber ich sage ja auch nicht zu jemandem, der für den Tagesspiegel schreibt: "Hättest du nicht mal Lust, die Witzeseite bei der Bunten zu machen?" Ich sage ja nicht zu Peter Handke: "Hast du nicht mal Lust, so nen richtigen Porno zu schreiben? Ey, erzähl mir doch nicht, dass du nicht auf Sex stehst ..." Das ist doch Quatsch. Er macht das, was er für richtig hält, und was er am besten kann. Und so sehe ich das auch. Die Band hat ihren Stil, und dafür sind wir zuständig. Dafür gibt es Element Of Crime. Es kann auch laut sein, da sind wir wie andere. Es ist nicht so, dass wir das zu Hause üben können.
Ihr habt einen Songtitel auf dem neuen Album, der heißt "Delmenhorst" ...
Sven: Es ist letzten Endes auch ein Liebeslied. Es ist die Geschichte von jemandem, der freiwillig in ein Exil geht, weil er an einen Ort gehen will, wo ihn nichts an jemand anders erinnert. Da geht es schon los, das ist eine sehr schnelle Exposition. Es geht so: "Da wo du nicht bist, ist immer Delmenhorst, es ist schön, dass es nicht mehr weh tut und da zu sein, wo du nie warst." Damit ist die ganze Situation schon mal beschrieben: Weggegangen, nach Delmenhorst. Das ist schon eine Bremer Geschichte kann man sagen: "Hinterhuchting ist ein Graben ...". Das hat mir Spaß gemacht. Auf die Idee bin ich über den Klang gekommen. (singt) "Da ist immer Delmenhorst ...", das fand ich gut.
Was kann dahinter stecken? Grundsätzlich kann man das über jede andere Stadt machen. Delmenhorst steht da für eine Stadt, die man nicht so auf der Rechnung hat. Aber was heißt, nicht auf der Rechnung haben? Die meisten Menschen in Deutschland leben wahrscheinlich in genau solchen Städten wie Delmenhorst. Wilhelmshaven, Emden, Aurich, Leer, Cuxhaven, dann hast du noch die Orte um Delmenhorst herum. So Kleinstädte, da wohnen die Leute alle. Varel, Diepholz, Cloppenburg, you name it you got it. Da gibt es tausende von. 10.000 mal 5.000 sind 50 Millionen. So sehe ich das. Jemand, der in so einer großen Stadt wohnt, der denkt da nie dran. Und dann kommt einer und sagt: "Ich bin jetzt aber nach Delmenhorst gezogen." Das war eine reizvolle Idee. Das ist natürlich auch ein Spiel mit dem Klischee Delmenhorst. Eine graue Stadt, wo nichts ist. Das sagt ja auch nichts über die Delmenhorster.
Sven: Erstmal: Dieses Lied, "Alle Fünf Minuten" ...
Vier Minuten!
Sven: Vier Minuten! Scheiße. Wenn man sich auf dem Stadtplan von Berlin auskennt, kann man sich ausrechnen, dass es sich um Kreuzberg handelt. Aber man kann auch an Prenzlauer Berg denken. Da ist auch ne Hochbahn.
Richard: Und die fährt auch in die Erde rein. Aber nicht kurz vor Schöneberg.
Sven: Stimmt. Aber kurz vor Mitte. Von daher ist es relativ sicher, dass es sich um Kreuzberg handelt. Aber es ist ja kein Kreuzberglied. Hier haben wir halt mal Delmenhorst. Straßenbahn hatten wir immer schon. Es hat viel mit Straßenbahn zu tun. Straßenbahn hat viel mit Stadt zu tun. Alles ist letztendlich songfähig. Auch Delmenhorst. Oder eine Straßenbahn. Hunde, Katzen, alles. Alles kann in einem Song vorkommen, die Frage ist nur: wie? Wie geht man damit um? Was erzählt man da eigentlich? Du hast recht, es gibt recht wenig Lieder, in denen das Wort Berlin vorkommt. Eigentlich "Jung und Schön" und "Alle Vier Minuten". Da heißt es ja auch: "Die letzten warmen Tage in Berlin" oder so.
Trotzdem hat man ja schon den Eindruck, dass ihr schon eine Band seid, die eine bestimmte Berlinbezogenheit hat.
Sven: Stell Dir das als Gratwanderung vor. Es ist genauso Quatsch, das groß zu verleugnen und zu sagen, wir kommen von nirgendwo. Gleichzeitig ist es Quatsch, ein großes Ding daraus zu machen, wo man wohnt. So bewegend ist das nicht, wenn man in Kreuzberg wohnt. Da wohnen 120.000 Menschen. Wahrscheinlich wohnen da noch viel mehr, die gar nicht angemeldet sind. Das sind viel mehr als in so mancher westdeutschen Großstadt. Das hat nicht so viel zu bedeuten, und deshalb hängt man das nicht so an die große Glocke. Verleugnet es aber auch nicht. Denn beides wäre eine Methode, es zu einer größeren Bedeutung aufzublasen, als es eigentlich hat. Die Sache wo man wohnt, ist nicht so ein großer Bedeutungsträger, wie die meisten Leute glauben.
Auch nicht für eure Musik? Würde eure Musik genauso klingen, wenn ihr in Köln oder in Delmenhorst wohnen würdet?
Sven: Ich glaube nicht, dass es einen Zusammenhang zwischen Berlin und einem D-Dur-Akkord gibt. Aus Berlin kommen Rammstein, Mia, Rosenstolz, Die Ärzte, alle möglichen Bands und wir. Jetzt frage ich dich: Wie willst du da einen Zusammenhang herstellen? Es gibt keinen zwingenden Grund, wenn man aus Berlin kommt, so Musik zu machen wie wir. Ich kenne Bands, die sind umgezogen nach Berlin. Da hat sich die Musik auch nicht deswegen verändert. Musik ist eine andere Welt. Überall kann jede Art von Musik stattfinden. Das ist viel universaler als man denkt.
Wie lebt die Band mit Svens Schriftstellertum?
Richard: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Er hat das Buch in der Zeit geschrieben, als die Band ausgeschaltet war und alle ihren eigenen Aktivitäten nachgegangen sind. In dem Moment, in dem es mit der Band wieder losgeht, muss man sich dem auch ganz widmen. Ich glaube nicht, dass Sven während der Zeit Bücher schreiben möchte oder kann. Das geht nicht gut. Man muss entweder das eine oder das andere machen. Weil man das hundertprozentig machen muss.
Ist da denn Neugier dabei? Oder ist das so sein Ding, und da lasst ihr ihn machen?
Richard: Neugierig kann man da schon sein, aber jeder von uns hat eine kleine Galaxis, der eine macht Filmmusik, der andere hat das, und der so ... Klar, dass man sich in irgendeiner Form dafür interessiert. Klar, dass das ein Hammer ist, der Erfolg, den er jetzt mit den Büchern hatte. Im eigentlichen Sinne, im Umgang mit der Band kann das nichts verändern.
Sven: Das verändert auch sonst nicht viel. Das Buch hat man mal geschrieben, fertig, aus. Das läuft dann so und so, aber was soll das groß ändern?
Schreibst du anders, wenn du ein Buch schreibst, als wenn du einen Songtext schreibst? Oder sind das dieselben Ideen, dieselben Charaktere?
Sven: Ich bin nicht Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Das wäre ja komisch. Das sind aber zwei verschiedene Disziplinen. Das eine ist 200 Meter Rückenschwimmen und das andere ist Springreiten. Es ist beides Sport, aber es hat nicht so wahnsinnig viel miteinander zu tun. Man kann das noch nicht mal richtig vergleichen. Ich kann es Dir auch nicht sagen. Es ist ein ganz anderes Problem, eine andere Aufgabe, ein anderes Vorhaben, das man da hat. Das eine hat mit dem anderen absolut null zu tun. Ich wollte so eine Vermischung auch nicht. Darum hat Herr Lehmann sich überhaupt nicht für Musik interessiert.
Über den würdest du auch nicht singen, über so einen Typen?
Sven: Nein! Ich habe extra jemanden gemacht, der sich für Musik nicht interessiert. Dann brauch man sich in diesem Buch überhaupt nicht damit zu beschäftigen. Dazu habe ich keine Lust. Ich bin Musiker, ich schreibe nicht gerne über Musik, das kommt natürlich trotzdem vor. Bumm-Bumm-Musik und Madrugada da, die mit seinen Ohren wahrgenommen werden. Das heißt als relative Marginalie. Wenn Musiker über Musik schreiben, finde ich das nicht so toll.
Nervt es dich dann auch, wenn im Klappentext von "Herr Lehmann" oder "Neue Vahr Süd" steht: "Sven Regener, Sänger von Element Of Crime"?
Sven: Nein, das stimmt ja. Finde ich auch ganz gut, so Cross-Werbung. Dass es im Buch mal ein Lesezeichen gab mit einem Hinweis auf die Platte, auf die "Romantik" damals. Das finde ich völlig legitim, solange man nicht sagt: "Wenn Du 'Herr Lehmann' magst, wirst Du auch Element Of Crime mögen!" So ist es nämlich nicht. Oder: "'Herr Lehmann' kann man nur kapieren, wenn man auch Element Of Crime kapiert." Oder: "Element Of Crime hat zur Vorraussetzung, dass man 'Herr Lehmann' kennt." Das bringt nichts. Das meine ich mit: Nicht miteinander verrühren.
Ihr seid eine Band, die jetzt schon seit fast 15 Jahren sehr unverkrampft auf deutsch singt. Im letzten Jahr haben wir diesen Hype um junge Bands erlebt, die verkrampft unverkrampft auf deutsch singen. Damit einher ging diese Quotendiskussion ...
Sven: Daran haben wir ja auch schon einmal teilgenommen. Aber nur, weil es mir zu blöd war, dass Heinz-Rudolf Kunze uns da benennt. Als diese Moorleiche das erste Mal breitgetreten wurde, das war ja Mitte der Neunziger, alle paar Jahre kommt das wieder hoch, wie so eine Moorleiche. Da haben wir damals schon gesagt, dass das Quatsch ist. Das bringt nichts. Von den Franzosen lernen heißt nicht immer siegen lernen. Das ist eine Art von Kulturchauvinismus und Kulturprotektionismus, den man nicht unternehmen sollte. Das ist immer ein Zeichen von Schwäche und nicht ein Zeichen von Stärke. Das ist niederer Instinkt und Zensur. Und Zensur sollte nicht stattfinden.
Gitarrenakkorde zum Runterladen.
http://www.harmony-central.com/Guitar/OLGA/all/element_of_crime.html
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