Porträt

laut.de-Biographie

Sven Regener

Seine Band mag ein typisches Berliner Pflänzken sein. Sven Regener hingegen ist ein typischer Bremer. Wer den komplexen Hanseaten auf schnödes Rocksängertum reduziert, dem entgeht vieles und vielseitiges.

Seine Jugend verbringt Regener zwischen Grünanlagen und Häuserblöcken in Blockdiek, Neue Vahr. Doch die Provinz hält ihn nicht lange. Die Neugier des Kreativen treibt zu Anfang recht absonderliche Blüten. So sammelt der junge Künstler erste Erfahrungen in kuriosen Combos wie dem Spielmannszug des Kommunistischen Bunds Westdeutschland (KBW).

Der Weg mit seiner Haus- und Hofkapelle Element Of Crime soll hier nicht weiter vertieft werden, Regener bekommt sein eigenes Kapitel.

Noch bevor er den Bestsellerautor in sich entdeckt, fährt er Achtungserfolge als Produzent ein. Der Mainstream war ihm dabei stets egal. So produziert er für Lothar Gärtners Strange Ways, die Anfang der 90er viel beachtete Künstlerin Barbara Gosza ("Becket & Buddha") oder das Berliner Underground-Urgestein Das Holz.

Die Hinwendung EOCs zur deutschen Sprache ("Damals Hinterm Mond") lässt den Wahlberliner nicht kalt. Mehr und mehr entwickelt sich parallel zum Musiker ein ernstzunehmender Autor, dessen Erstling "Herr Lehmann" ganz Deutschland popkulturell durchrüttelt. Sogar Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, der Rockmusikern erklärtermaßen skeptisch gegenüber steht, bricht in ungewohnt überschwängliche Lobhudelei aus.

Mit dem vielschichtigeren Wälzer "Neue Vahr Süd" erreicht Regener 2004 vorläufig seinen sprachlichen wie erzählerischen Zenith. Ausführlich behandelt er das Thema Wehrpflicht: "Die Wehrpflicht ist ein Zwangssystem und beraubt die Wehrpflichtigen wesentlicher Freiheitsrechte. Man braucht gute Argumente, um Menschen ihre Freiheit zu rauben. Das kann man nicht einfach nur machen, um Geld zu sparen."

Nicht weniger unterhaltsam geraten die gelegentlichen Äußerungen des norddeutschen Freigeistes über das Showbiz. Seine meist betonhart zementierte Meinung nebst einem Schuss Ironie und gelegentlichem Sarkasmus hält einiges, nur niemals hinter dem Berg.

Regeners Lebensstil orientiert sich dagegen deutlich an der Sex&Drugs-Attitüde alter britischer Rockikonen. "Einmal im Jahr zogen sie die Gummistiefel aus, die Lederschuhe und -jacken an, zogen raus und legten eine Spur der Verwüstung durch die Welt. Und dann kamen sie wieder zurück in ihr Schloss zur Familie. Dieser Lebensstil hat mich immer sehr beeindruckt."

In künstlerischer Hinsicht gibt sich das bestechend humorvolle Allroundtalent für deutsche Pop-Verhältnisse erfrischend kompromisslos und sehr deutlich. So lehnt Regener Livemitschnitte im Allgemeinen und DVDs im Besonderen rigoros ab. "Es ist völlig in Ordnung, wenn man für ein Livekonzert den Arsch hochkriegen und ins Konzert gehen muss. Wir haben zu DVDs wenig Beziehung."

Fragen nach biografischer Herleitung und dokumentarischem Wahrheitsgehalt seiner Texte hält der gelegentlich grantelnde Exzentriker ebenso grundsätzlich für wenig zielführend. "Ja, ich empfinde das auf eine gewisse Weise als Kränkung. Weil ich im Grunde reduziert werde auf die Fähigkeiten eines Reporters. Ich bin ja eben nicht nur für eine Reportage gut."

Doch zum totalen Rundumschlag holt der Element Of Crime-Boss erst im Frühjahr 2012 aus. Im Rahmen des Kulturkampfes im Spannungsfeld zwischen Filesharern, GEMA und Künstlern ergreift Regener klar und mutig Partei gegen die aggressive Strömung des Zeitgeistes:

"Es wird so getan, als ob wir Kunst machen als Hobby. Das Rumgetrampel darauf, dass wir uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt und sagt: 'Euer Kram ist nichts wert. Wir wollen das umsonst haben.' Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert."

"Zu glauben, irgendwann käme das Sozialamt um die Ecke und würde die Bezahlung der Künstler übernehmen und dabei würde noch gescheiter Rock'n'Roll rauskommen", wettert Regener, "das kann man knicken."

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