Porträt

laut.de-Biographie

Nico

Es ist einer der absurdesten Tode in der Geschichte des Rock'n'Rolls: Am 18. Juli 1988 schwingt sich Nico auf ihr Fahrrad; bekleidet mit einer schwarzen Lederhose und weiteren schweren Klamotten kollabiert ihr ausgemergelter Körper auf Ibiza bei 40 Grad im Schatten. Die Frau, die vielen der begehrtesten Männer der 60er Jahre den Kopf verdreht hat und auch musikalisch zur Ikone wurde, lässt an einem Straßenrand in den prallen Sonne Spaniens ihr Leben.

1938 in Köln als Christa Päffgen geboren, wird die schöne Blonde mit 16 vom Fotografen Herbert Tobias entdeckt. Der macht aus ihr ein Model und ein Sexsymbol, das bald für Vogue und Coco Chanel arbeitet und auch – als sich selbst - eine kleine Rolle in Federico Fellinis "La Dolce Vita" (1960) spielt.

Zu diesem Zeitpunkt lebt sie in Paris und hat eine Beziehung zum Filmemacher Nico Papatakis, dessen Vornamen sie übernimmt. Ihr 1962 geborener Sohn Ari entspringt allerdings aus einer Affäre mit Alain Delon, der die Vaterschaft vehement bestreitet, da er gerade mit Romy Schneider liiert ist.

Während Ari mit Delons Eltern in Südfrankreich aufwächst, siedelt Nico erst nach London um, wo sie eine Affäre mit Brian Jones hat, dann nach New York. Dort besucht sie die Schauspielschule Lee Strasbergs und lernt Bob Dylan kennen, der für sie "I'll Keep It With Mine" schreibt und sie mit Andy Warhol bekannt macht. Es ist die entscheidende Begegnung ihres Lebens, denn dem aufstrebenden Pop-Künstler schwebt ein Musikprojekt vor. 1966 verkuppelt er sie mit The Velvet Underground. Gänzlich zu Recht vermutet er, dass die kühle Blonde mit der dunklen Stimme gut zu den düsteren Existentialisten um Lou Reed und John Cale passt.

Nico geht eine Liaison mit Reed ein, der für sie "All Tomorrow's Parties", "Femme Fatale" und "I'll Be Your Mirror" schreibt. Eine tatsächlich fatale Beziehung, denn durch Reed lernt Nico den Stoff kennen, der sie die nächsten 20 Jahre begleiten wird: Heroin.

Mit dem Debütalbum "The Velvet Underground And Nico" (1967) endet der gemeinsame Weg. Auf Nicos Solodebüt "Chelsea Girl" (1967) ist neben Dylan, Reed und Cale auch Jackson Browne zugange, was zu einem mehr oder weniger eingängigen Ergebnis führt. "The Marble Index" ein Jahr später schlägt dagegen höchst düstere Töne an. "Es ist ein Kunstprodukt. Man kann Selbstmord nicht verpacken", meint Produzent Cale lapidar dazu.

Nico zieht nach Los Angeles und hat eine kurze Affäre mit Jim Morrison. Danach kehrt sie nach Paris zurück, dreht mit dem Regisseur Philippe Garrell wirre Filme und versinkt immer tiefer im Drogensumpf. "Eines Tages schleppte jemand diese verbraucht aussehende, kettenrauchende Blondine an, und die verschwand sofort in meinem Klo, von wo sie 30 Minuten lang nicht mehr herauskam. Ich fragte, wer das denn sei, und man sagte mir: 'Das ist Nico von den Velvet Underground'. Da wusste ich natürlich, was sie im Scheißhaus tat", erinnert sich ihr späterer Manager Alan Wise.

Ihre Alben spiegeln ihren Zustand wieder. So "The End... ", für das ihr Label 1973 einen makabren Marketingspruch klopft: "Warum Selbstmord begehen, wenn Sie diese Platte kaufen können?". Mit Produzent Cale und der Beteiligung Brian Enos trifft Nico damit einen gewissen Zahn der Zeit: Siouxsie Sioux, Ian Curtis, Ian Astbury und Bauhaus heben den Einfluss der Kölnerin auf die spätere Gothic-Bewegung hervor.

Neben dem Stück von den Doors ist auf "The End... " die deutsche Nationalhymne zu hören. Als Nico das Stück bei Auftritten in Deutschland dem RAF-Terroristen Andreas Baader widmet, stößt sie auf empörte Reaktionen. Für acht Jahre bleibt es ihr letztes Album. Dass sich ihr Zustand nicht bessert zeigt sich Ende der 70er Jahre daran, dass sie ihren Sohn Ari zu sich holt, ihn heroinsüchtig macht und bis zu ihrem Tod ihr Bett und lange Zeit die Nadel mit ihm teilt.

In den 80er Jahren rafft sie sich zumindest wieder soweit auf, dass sie zwei neue Studioalben aufnimmt. Die ersten Bänder von "Drama Of Exile" (1981) verschwinden jedoch nach der Fertigstellung. Ob gestohlen oder von Nico unter der Hand verscherbelt, lässt sich nicht klären. Fest steht, dass das Album später als Bootleg neben einer zweiten, neu aufgenommenen Version erscheint. Das 1985 veröffentlichte "Camera Obscura" produziert ihr einstiger Weggefährte John Cale.

Wirklich besser geht es Nico jedoch nicht: Ton- und Filmmaterial ihrer Auftritte zeigen nur noch einen ausgemergelten Schatten ihrer selbst. Schließlich entscheidet sie sich für eine Entziehungskur und sattelt auf Methadon um. Doch im Juli 1988 erliegt sie auf der Suche nach Haschisch einem Hirnschlag.

Auch nach dem Tod bleibt das Interesse an Nico hoch, wie die Veröffentlichung zahlreicher posthumer Platten zeigt. 1996 sendet das ZDF eine Dokumentation mit dem Titel "Nico Icon", von Oktober 2008 bis Februar 2009 zeigt das Museum für Angewandte Kunst in Köln Filme, Musik und Mode der Musikerin. Der hier das letzte Wort gehören soll: "Ich bereue nichts – außer kein Mann zu sein".

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