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"Bring me the head of Evan Dando!", prangte es von der Bassdrum des Social Distortion-Drummers herab. Anfang der Neunziger zeigte der Beliebtheitsgrad des Lemonheads-Sängers so weit nach unten, dass es sogar ein Fanzine namens "I Hate Evan Dando" zu erstehen gab. Grenzenloser Hass auf den Schönling, den gefeierten Teenie-Star und Herzensbrecher, der mit beinahe allen High-Society-Schnittchen anbändelte und mit wehendem langem Haar die Tapeten in den Zimmern der weiblichen High-School-Girls verschönerte: Evan Dando ist wohl eine der zwielichtigsten Personen der Indie-Kultur.
Der im Sommer der Liebe 1967 geborene Sohn eines Bostoner Anwalts und eines Models gründet mit zwei Klassenkameraden von der High School die Band The Whelps. Ein Tag nach dem Erhalt ihres Abschlusszeugnisses der High School veröffentlichen sie noch in ihrem Gründungsjahr (1986) ihre erste EP "Laughing All The Way To The Cleaners" (2011 der Titel ihrer Best Of) auf ihrem eigenen Label Huh-Bag, allerdings unter dem neuen Namen Lemonheads. Darauf regiert der von Bands wie Hüsker Dü beeinflusste krachige und schlecht aufgenommene Punkrock, bei dem das Mikro durch Dandos Schreie ziemlich in Mitleidenschaft gezogen wird.
Das ebenfalls in Boston ansässige Indie-Label Taang! Records wird durch die EP auf die Jungspunde aufmerksam und signed die Lemonheads am Ende des Jahres. Danach beginnt das muntere Besetzungsspiel in den Reihen der Band, das bis heute kein Ende gefunden hat. Ein neuer Schlagzeuger, Dough Trachten, wird eingestellt, während Dando und Gründungsmitglied Jesse Peretz sich die Gitarren-, Bass-, und Gesangsarbeit teilen.
Das sehr Hardcore-trächtige "Hate Your Friends" erscheint 1987. Danach verlässt Trachten wieder die Band und die Lemonheads spielen ihren Zweitling "Creator" mit dem Black Babies Drummer John Strom ein. Mit der Veröffentlichung des 90er Albums "Lick", und der Singleauskopplung des Suzanne Vegas Covers "Luka" können die Lemonheads erstmalig eine größere Aufmerksamkeit in der Presse erreichen. Das Leben in der Öffentlichkeit tut der Band aber weniger gut: Evan Dando und sein High School-Kumpel Ben Diely kriegen sich über die Führung der Band mächtig in die Haare und gehen ab sofort getrennte Wege. Damit ist von der ursprünglichen Band nur noch Kopf Evan Dando geblieben.
Doch dann kommt das vielversprechende Angebot auf den Major Atlantic Records zu wechseln. Dando willigt ein und holt sich mal wieder einen neuen Drummer. Diesmal ist David Ryan an der Reihe, mit dessen Hilfe er 1990 das bis dato meistbeachteteste Werk der Lemonheads, "Lovely", aufnimmt.
Zwei Jahre später holt er sich noch Juliana Hatfield, die wie "Creator"-Drummer John Storm auch von den Black Babies kam. Mit ihr und Ryan spielt er "It's A Shame About Ray" ein. Als Atlantic dann nach einigen Monaten dem Album das Simon & Garfunkel-Cover "Mrs. Robinson" hinzufügt, explodieren die Verkaufszahlen. Auf einmal sind die Bostoner die neuen Stars der Alternative-Szene und Dando gern gesehener Gast auf V.I.P-Parties. "Mrs. Robinson" wird der Hit des Jahres der amerikanischen College-Radios, aber auf dem Mainstream-Markt kann er nie richtig Fuß fassen. Ganz oben ist noch weit weg.
Mit "Come On Feel The Lemonheads" will Evan Dando es dann endgültig wissen, und die Zeiten dafür sind besser als je zuvor. Im Zuge des Massenkonsums von Indie-Rock durch den Nirvana-Hype sind die Lemonheads mit ihren sanften Melodien zwischen Schrammel-Rock und Folk drauf und dran, Superstars zu werden, wäre da nicht Dandos selbstzerstörerischer Drug-Lifestyle und die fehlende Durchbruchssingle ("Into Your Arms" konnte den Erfolg von "Mrs. Robinson" bei weitem nicht einholen). Der Über-Zitronenkopf beginnt sich immer mehr in den Drogenschlund zu stürzen und füllt mit seinen Eskapaden die Titelblätter der Boulevardzeitungen. Mitte 1994 versumpft der einzige Orginal-Lemonhead dann endgültig im Reich der Rauschmittel: Dando gibt zu, dass er so viel Crack geraucht hat, um seine Stimme für mehrere Wochen komplett zu ruinieren.
Nach zwei Jahren Drogenentzug melden sich die Lemonheads mit "Car Button Cloth" zurück. Obwohl das Comeback großspurig angekündigt wird, lässt der Erfolg erstaunlicherweise zu wünschen übrig. Es scheint fast unmöglich, an den alten "Mrs. Robinson"-Erfolg anzuknüpfen. Nach der Veröffentlichung wird es wieder sehr ruhig um Evan Dando, bis Atlantic Records 1996 als Abschluss ihrer Liaison mit den Lemonheads mit einem "Best Of"-Album noch ein bisschen Geld verdienen wollen.
Von da an beginnt die Person Dando richtig zu zerbröckeln. Ab und zu rafft er sich noch zu einem Solo-Gig auf, aber die großen Zeiten sind wohl endgültig vorbei. Ende 2001 gibt es mit dem Akustik-Album "Evan Dando: Live At The Brattle Theater" dann wieder eine Meldung aus Boston. Außerdem wird er wieder in einer Band aktiv: mit den beiden Ex-Pumpkins James Iha und Melissa Auf Der Maur sowie dem Whiskeytown-Sänger Ryan Adams gründet er die Band The Virgins, die 2002 ihr erstes Album vorlegen wollten. Dazwischen kommt ihnen aber zunächst eine Hand-Verletzung von Ryan Adams und schließlich auch die vollgepackten Zeitpläne der anderen Mitwirkenden.
2003 veröffentlicht Dando sein erstes Soloalbum "Baby, I'm Bored", das durchweg auf positive Resonanz stößt. Angeblich drogen- und alkoholfrei erfreut der Sänger seine Fans hier wie zu seinen besten Tagen. Mitgeholfen haben u.a. Howe Gelb (Giant Sand), Joey Burns und John Convertino (Calexico) und mit Tom Morgan sogar ein alter Lemonhead. Der ist drei Jahre später allerdings nicht mehr dabei, als Dando, beinahe vierzigjährig, zum großen Lemonheads-Comeback bläst.
Exakt zehn Jahre nach "Car Button Cloth" erscheint am 29. September 2006 bei Vagrant Records/Universal das schlicht "The Lemonheads" betitelte neue Studioalbum. Mit dabei sind diesmal die zwei ehemaligen Descendents-Mitglieder Karl Averez und Bill Stevenson (der auch produzierte), Garth Hudson (The Band) sowie auf zwei Songs auch der gute alte J. Mascis. Bereits die Vorabsingle "No Backbone" beweist, dass Dando die Indie Rock-Hitformel nach wie vor gefressen hat. Im Oktober kommt die Band nach Europa, anschließend geht es in Amerika und Kanada auf Tournee. Dort trifft man dann am Bass Josh Lattanzi und hinter den Drums John Kent an.
Green Day? Madonna? Morrissey? Evan Dando über gute und schlechte Covers.
Er stellte sich Studenten, Hausfrauen und Autofahrern Anfang der 90er Jahre mit einer Coverversion vor und hat mit "Varshons" nun erstmals ein Album voller Fremdkompositionen aufgenommen. Was läge also näher, als sich mit Lemonheads-Songwriter Evan Dando über Coverversionen zu unterhalten?
"Evan Dando schafft es doch nicht zum Club", teilt mir die Label-Vertraute telefonisch mit, während ich noch versuche, den Standort der Münchner Bar Substanz anzufahren, wo mittags das Interview und abends sein Solokonzert statt finden soll. Zu meinem Glück will der Sänger trotzdem sprechen und zwar in seinem nahe gelegenen Hotelzimmer.
Dorthin führt mich Dandos Manager, öffnet die Tür und erhält Antwort von jemandem, der an einer launigen Konversation offensichtlich eher mit Abstrichen interessiert ist. Als sich die Rauchschwaden verziehen, sehe ich Dando in Trainingshose, T-Shirt und Augenringen auf seinem Doppelbett liegen. Sein Gitarrenkoffer samt Inhalt an der Stelle, wo früher diverse Models lagen und sich heute nur noch Ehefrau (und Ex-Model) Elizabeth Moses räkelt.
"Setz dich", fordert er mich leicht röchelnd, aber nicht unfreundlich auf und da er wahrscheinlich nicht die Bettkante meint, nehme ich auf einem beinahe übersehenen Mini-Hocker an seinem Nachttisch Platz. Daneben liegt alles, was Evan Dando bei Interviews braucht: Eine Schachtel Marlboro, ein Aschenbecher, eine Becks-Dose und eine Tüte Haribo. Während des 25-minütigen Interviews bleiben seine Augen etwa zehn Minuten geschlossen.
Es wird dich sicher nicht sonderlich überraschen, dass ich mit dir über Coverversionen sprechen will.
Evan: (streckt sich nach einer Marlboro auf seinem Nachttisch): Äh nein, es geht ja um das neue Album, das nur Covers beinhaltet, von daher, nein.
Fangen wir gleich mit der philosophischen Frage an: Was macht eine Coverversion zu einer guten Coverversion?
Nun, zunächst mal würde ich nie einen Song von einer meiner absoluten Lieblingsbands covern. Es wird also nie ein Velvet Underground-Cover von mir geben. Oder was von den Stones und den Beatles. Also picke ich mir Songs heraus, von denen ich das Gefühl habe, dass ich sie anständig interpretieren kann, ohne am Ende als Frevler dazustehen.
Mit manchen Songs funktioniert das nicht: Ich kann nicht "Outdoor Miner" von Wire covern. Der Song ist herausragend, einfach perfekt. Oder "Waterloo Sunset". Von solchen Kalibern muss man die Finger lassen, das ist die goldene Regel.
Heißt das im Umkehrschluss, dass es den Songs, die du coverst, in gewisser Weise an Perfektion fehlt?
Oh nein! Es sind einfach Songs, die mir nicht seit Jahr und Tag viel bedeuten und daher sehr am Herzen liegen. Vor langer Zeit habe ich mal "Brass Buttons" von Gram Parsons gespielt - so nah bin ich seither nie mehr an die Grenze der goldenen Regel gekommen. Auf der neuen Platte sind Songs wie "Beautiful" oder "Dirty Robot", die ich mir privat nie anhören würde.
Wieso coverst du sie dann?
Gibby mag sie (Gibby Haynes, Butthole Surfer und Langzeit-Freund). Ich dachte, ich lasse ihn dieses Mal entscheiden und stelle nur ein paar Bedingungen. Nämlich das Gram Parsons-Stück, das ist der erste Song der Platte, das Leonard Cohen-Stück, das ich Liv versprochen habe (Liv Tyler, Anm. d. Red.), Townes Van Zandt und Wire. Das war meine Auswahl.
Und wie stehst du zu dem Original von Arling & Cameron, das ungewohnt elektronische Stück deiner Platte?
Ach, ist okay. Es hat einfach Spaß gemacht, damit ein bisschen rum zu spielen. Ich stehe ja nicht auf diese Art von Musik, aber da die neue Platte einen ziemlich leichten Charakter hat, fand ich es okay.
Hast du die Synthies programmiert?
Nein, das war mein Freund Anthony von Cornershop, er hat auch die Platte gemixt. Aber die Drums sind echt.
Ist es einfacher, einen Song zu interpretieren, der aus einer völlig anderen musikalischen Ecke kommt?
Würde ich nicht sagen. Aber es holt dich aus deiner Bequemlichkeit raus, was ich cool finde. Das war auch die Idee hinter der Wahl von Gibby als Kompilator. Es ist eine größere Herausforderung.
Bist du schon mal über einer Coverversion verzweifelt?
... so dass ich aufgeben musste? Ähm .... Also, der einzige Song, der in der Nachbetrachtung falsch war, unserer Band aber sehr geholfen hat, war "Mrs. Robinson". Den haben wir damals eigentlich nur für die Wiederveröffentlichung einer Videokassette aufgenommen, mit der wir ein bisschen Kohle machen wollten. Wir mochten den Film sehr und dachten, dass wir ihn dadurch vielleicht bei den Kids bekannter machen. Heute bedauere ich diesen Song. Im Gegensatz zu "Luka" oder "Different Drum".
Erinnerst du dich noch an die Aufregung, als "Mrs. Robinson" plötzlich zum Welthit mutierte?
Ich war nicht sehr aufgeregt, wobei er in Amerika wirklich groß wurde. Er lief auf MTV fünf Mal am Tag. Zum Glück war ich zu dieser Zeit im Ausland. Wenn ich ihn auf MTV gesehen hätte, wäre ich ausgeflippt. Das Ganze war einfach ein großes Missverständnis. Aber Rock'n'Roll ist voller Missverständnisse. Leute bekommen ihren Fuß auf hundert erdenkliche Wege in die Tür. Ich habe jetzt nicht täglich Bauchschmerzen aufgrund dieses Songs. Ich denke nur, dass er nicht den größten Moment unserer Karriere darstellt.
Stimmt es, dass du "Mrs. Robinson" ab dem Augenblick gehasst hast, als es auf MTV rauf- und runter lief?
Yeah. Als wir es aufgenommen haben, fühlte es sich okay an. Aber als es dann als Single rauskam, versuchten wir nur noch dagegen zu arbeiten. Vielleicht hätten wir uns noch mehr dagegen stemmen können, aber letztlich war das Ding nicht mehr stoppen. Danny Goldberg, der damalige Atlantic-Chef, ließ nicht mit sich reden. Also nahmen wir den Song in zwei Stunden auf, das Video in drei und das wars.
Gut, er klingt einigermaßen frisch, das mögen die Leute vielleicht daran. Was auch kein Wunder ist, denn wir konnten damals nur bestimmte Parts des Songs überhaupt spielen und nahmen das Ding im ersten Take auf. Mit so einem Scheiß-Akkordlernbuch vor uns.
Habt ihr den Song live gespielt?
Zehn-, fünfzehn Mal vielleicht. Es gibt ja solche Anlässe, bei denen dir das Label gut zuredet, diesen oder jenen Song zu spielen. Ich erinnere mich gerne an einen ersten Auftritt bei David Letterman. Das Label lag uns natürlich in den Ohren, unbedingt "Mrs. Robinson" zu spielen. Dann kam David Letterman zu uns und meinte: "Hey, mir gefällt ein anderer Song besser, 'It's A Shame About Ray'. Spielt doch diesen Song." Und das taten wir. Das gefiel mir sehr.
Ja, das wäre damals nicht gegangen. Es begann ja damit, dass ich dieses Gemälde kaufte, das nun das Cover geworden ist. Und nachdem mir die Idee dazu kam, fand ich, dass es für ein Studioalbum-Cover wohl zu extravagant wäre. Und an dem saß ich ja auch gerade, als ich das Bild kaufte. Hoffentlich kriege ich das bis zum Sommer fertig.
Ich bin immer wieder überrascht, was die Auswahl deiner Coversongs angeht. Ich meine, von Leonard Cohen bis zu Whitney Houston ist es doch ein weiter Weg ...
Nein, Whitney Houston ist nicht auf der Platte ... achso, das Lied von damals, ja, ja, ja. Ich versuche mich an jedem Song. Ich mache alles.
Eine deiner vielleicht unbekanntesten Coverversionen überhaupt könnte "Into Your Arms" vom Album "Come On Feel The Lemonheads" sein, finde ich.
Hmm, genau betrachtet ist es nur eine Coverversion für ungefähr 600 Leute in Australien, die die Original-Platte damals besaßen. Für den Rest der Welt war es ein neuer Song.
Und du warst einer der 600 Glücklichen.
Well, es war Nic Daltons Band, seine Freundin Robyn schrieb den Song und ich bekam die Platte. Der Song wartete sozusagen darauf, von uns gespielt zu werden. Oder nimm "All My Life" von meinem Soloalbum. Das Stück ist von Ben Lee und vorher kannte es auch niemand. Oder "Outdoor Type", das er für mich geschrieben hat. Ich bin in der glücklichen Lage, dass Menschen für mich Songs schreiben, was nochmal was anderes ist, als selbst Coverversionen auszuwählen.
Am meisten überrascht hat mich ja der Wire-Song auf deiner neuen Platte.
Warum?
Irgendwie hatte ich nicht, erwartet dass du ...
... dass ich ein Wire-Fan bin? Wirklich? Wire begleiten uns schon seit den Anfangstagen und live fügten wir immer mal wieder ein Cover ein.
Aber leider ist es viel zu kurz. Die Platte? Naja, 33 Minuten, eine LP-Länge, erscheint mir als optimal.
Äh nein, ich sprach von dem Wire-Stück "Fragile", das nur knapp zwei Minuten lang ist.
Aber so lang ist auch das Original. Exakt. Das ist gerade das Tolle daran, es ist fertig und du willst mehr. Es ist so schnell fertig. Gerade wen du richtig drin bist, hört es schon auf. Ich schätze, dass das der Trick ist, ein guter Trick.
Wann kam dir die Idee, für zwei Songs weibliche Verstärkung ins Studio zu holen?
Dass Liv dabei sein würde, war gleich klar. Als sie vor ein paar Jahren einen Song für mein Soloalbum einsang, kam der gar nicht auf die Platte, sondern nur auf die B-Seite von, ich glaube, "It Looks Like You". Also fragte sie mich: "Hey, warum komme ich jetzt nur auf eine B-Seite?" und ich sagte, okay okay, nächstes Mal kommst du auf die Platte. Auf Kate kamen wir erst, als wir uns überlegten, wer gut zu "Dirty Robot" passen könnte. Sie hat eine tolle kalte Stimme und so einen verächtlichen Unterton.
Wie liefen die Aufnahmen mit Kate?
Gut. Sie kam und sang es ein. Ich kenne Kate jetzt seit 1994, wir haben ein Kind zusammen und saßen jahrelang zusammen singend irgendwo rum, you know. Ich kenne ihre Stimme.
Welches Cover war das schwerste?
Ach, eigentlich lief bei der Platte alles ziemlich gut, nur die Gespräche mit den Labels nicht. Zuerst stand Rhino monatelang voll dahinter und von einem Tag auf den anderen sagten sie plötzlich, es ginge doch nicht. Also mussten wir buchstäblich in letzter Sekunde ein neues Zuhause finden. Es war ein schwieriger Prozess, herauszufinden, welcher Laden am besten zu uns passt. Aber gut, für welchen Song haben wir am längsten gebraucht, warte mal ... äh ... nein, sie waren alle ziemlich leicht.
Einen Song namens "Zero Will Power" von Dan Penn, falls du das kennst. Und Tim Hardins "How Can We Hang On To A Dream". Es gab ein paar Songs, die es nur bis zum Mixing-Stadium schafften, weil uns dann ein Drumpart oder etwas anderes nicht richtig gefiel.
Vor einigen Jahren schrieb ein Kritiker, dass erst die erfolgreiche Kooperation von Johnny Cash und Rick Rubin kommen musste, um der Mehrzahl der Menschen begreiflich zu machen, dass Coverversionen als separate Kunst für sich anzusehen ist.
Und was ist mit Elvis? Mit Patsy Cline? George Jones? Großartige Künstler, die fremdes Material interpretierten. Auch bekannte Songs. Klar, Johnny Cash hat viele Covers aufgenommen, er komponierte auch ein paar gute Songs. Viele Künstler hatten schon immer einen guten Mix in ihrem Repertoire, mit dem sie bekannt wurden.
Kennst du Coverversionen deiner eigenen Songs?
Es gibt sie, sie sind irgendwo da draußen. Keine bekannten Bands. Vor kurzem hat ein ziemlich bekannter Typ aus England was gecovert, aber ich habe den Namen vergessen.
Und dein Favorit?
Gibts nicht. Ich meine, ich habe mir die Sachen angehört, aber anscheinend habe ich das beste Cover noch nicht gehört. Es ... wird ... kommen. Irgendwann.
Gut, zum Schluss möchte ich dir ein paar Songs an den Kopf werfen und von dir wissen, ob sie eine Coverversion wert sind. In Ordnung?
Okay.
T.V. Eye.
Stooges! No, das ist heiliges Terrain. Unter keinen Umständen. Ein Song, der mich seit der High School begleitet.
Master & Servant.
Von wem ist das?
Depeche Mode.
Nie gehört. Da müsste mir erstmal jemand den Song vorspielen. Wobei, ich mag die Band nicht.
Rehab.
Puh, das wäre hart. Ähm ... Ich könnte mir vorstellen, dass es live Spaß machen würde. Aber ansonsten ist die Produktion schon so perfekt, es klingt ja fast schon wie ein Original von Etta James. Es klingt also beinahe selbst schon wie ein Cover. Stilistisch kommt es den Etta James-Klassikern sehr nahe. Es gibt also eigentlich keinen Grund, es nochmal nachzuspielen.
Heaven Knows I'm Miserable Now.
Ein guter Song, ein guter Song. Aber ich glaube er ist ein bisschen zu ... äh, obwohl nein, warum nicht, ja, das könnte man mal versuchen. Eine gute Idee.
Hast du die Smiths schon mal gecovert?
Nein. Früher habe ich immer über Morrissey gelacht, weil ihm scheinbar nicht klar war, wie lustig er ist. Daher mochte ich ihn nicht. Heute respektiere ich ihn, denn ich habe das Gefühl, er weiß jetzt, dass er lustig ist. Damals sah ich das überhaupt nicht. Ich meine, ich war in einer Punkrock-Band. Da lachte man über Leute, die auf R.E.M. und Morrissey stehen. Wir fanden das scheiße.
Okay, weiter im Spiel: Vogue.
Von Madonna? Sehr schwierig. Aber yeah, ich glaube, das ist auch eine gute Idee für ein Cover.
American Idiot.
Oh, ich habe nie ... du meinst Green Day, richtig? Aber ist das nicht der Albumtitel? Ah, da gibts auch nen Song, okay. Ich habe nur diesen "I Walk Alone"-Song gehört, der ist doch von dem Album, oder?
Ja, das ist "Boulevard Of Broken Dreams".
Yeah. Lustigerweise wurde der Song im Haus eines sehr guten Freundes von mir geschrieben. Er hat es diesem Typ untervermietet, Billie Joe. Dort wurde also alles geschrieben. Aber nein, Green Day würde ich nicht covern. Ich habe die Typen mal getroffen und sie erzählten mir, dass sie die Lemonheads schon als Kids gehört haben. Es wäre irgendwie witzlos, sie zu covern. Ich finde ihre Musik in letzter Zeit auch zu überproduziert und zu hymnisch. Ich meine, es funktioniert, sie sind sehr erfolgreich, schön für sie. Aber Green Day? Nein!
Masters Of War.
Der Dylan-Song? That's too much. Ich spiele schon "I Threw It All Away", aber nur live, ich würde nie ... Dylan ist auch unantastbar.
Let's Get Lost.
Chet Baker?
Nein, Elliott Smith.
Oh, das wäre gefährlich. Ich kenne den Song zwar nicht ...
Er ist auf dem posthum erschienenen Album drauf.
Okay, that's tricky. Er ist auf eine ganz eigene Art und Weise sehr gut, in dem, was er tut. Aber es ist immer noch alles so traurig. Ich glaube nicht, dass ich momentan irgend einen Song von ihm covern könnte.
Kanntest du ihn persönlich?
Ich traf ihn ein paar Mal, er war ein sehr lieber Mensch. Er war sehr gut mit Jacky befreundet, die mich auf diese Promotour hier geschickt hat. Dadurch lernte ich ihn kennen.
Ace Of Spades.
Zu gut. An die Power käme ich nie ran. Nicht mal Bill Stevenson (Drummer der Lemonheads, Ex-Descendents, Anm. d. Red.). Es ist so brutal.
Song To Sing When I'm Lonely.
Von wem ist das?
John Frusciante.
Oh gut. Bei mir zuhause stehen ein paar seiner Soloalben rum und ein guter Freund zog eine Zeit lang mit ihm um die Häuser, aber dieser Song sagt mir nichts. Ich kann mir aber gerade nicht vorstellen, etwas von diesen Platten zu covern, obwohl ich sie mir gerne anhöre.
Monk Time.
Monk?
Monk Time. Ein Song der Gruppe The Monks
Oh, yeah, die von 61, amerikanische Jungs hier in Deutschland, stimmts? Es wäre sehr schwer, diese Energie aufrecht zu erhalten. Eigentlich sind die auch unantastbar.
Evan Dando über den Anschlag auf das WTC, Vögel, Mädchen, Drogen, die Ursprünge des Grunge und das neue Album.
Freundlich und wie immer etwas bekifft, redet Evan über seine Leidenschaft zu Vögeln, Mädchen, Drogen und natürlich den Lemonheads.
Da sitzt er also, fast 40 Jahre alt und für seinen exzessiven Lebensweg immer noch gut aussehend. Die langen Haare hängen ihm strähnig ins Gesicht. Mit Gitarre sitzt er auf dem Sofa und blickt uns mit strahlend blauen Augen entgegen. Paul J. Greco und Jasmin Lütz treffen für laut.de den großartigen Evan Dando, der tatsächlich nach genau zehn Jahren seinen Traum verwirklicht. Ein neues Lemonheads-Album. "The Lemonheads" steht ab September in den Plattenregalen, und da lacht nicht nur das alte Indieherz.
Was war deine erste Liebe?
Evan: Meine erste Liebe, hmm, waren ganz bestimmt Vögel. Genauer gesagt "Bird-watching" (Vögel beobachten). Mit vier Jahren war ich immer als erster ganz früh auf, bevor jemand anderes in die Küche kam. Ich stand auf dem Tisch, guckte aus dem Fenster und beobachte die Vogelfutterstelle im Garten. Ich habe damals alle Beobachtungen und die verschiedenen Vögel in einem Buch festgehalten. Ja, das war meine erste, richtige Besessenheit.
Haben sich diese Beobachtung später auch auf deine Entwicklung ausgewirkt? Bist du ein professioneller "Bird-Watcher" geworden?
Evan: Das war nicht mein Lebensinhalt, aber yeah, "I always check out the birds wherever I go" (grinst). (Bird hat im Englischen zwei Bedeutungen, Vögel und Mädchen. Anm. d. Red). Das war natürlich meine zweite Manie, Mädchen. Mit dieser Besessenheit habe ich ziemlich früh angefangen (lacht). Ich war demnach fasziniert von Vögeln, Fischen und der Natur überhaupt.
Sind dir hier in Köln schon mal die afghanischen Halsband-Sittiche begegnet?
Evan: Nein, waren das ursprünglich mal Haustiere?
Es gibt verschiedene Geschichten darüber. (Im Gebiet des Niederrheins gibt es eine regelrechte Wellensittichkolonie. In Köln seit den 60er Jahren. Jedenfalls sind sie dort schon mehrere Jahrzehnte heimisch. Alle diese Kolonien sind mit großer Wahrscheinlichkeit von entflogenen oder ausgesetzten Tieren gegründet worden. Offensichtlich gibt es genügend Unterschlüpfe und ausreichend Futter. Die zahlreichen Futterstellen, die Menschen überall in ihren Gärten aufstellen, helfen den Sittichen, die kalten Winter zu überstehen. Anm.d.Red.) Vielleicht sind sie aus dem Zoo? Oder aus dem Krankenhaus? Auf jeden Fall haben sie hier überlebt. Mittlerweile gibt es Sittiche sogar in Brüssel und London.
Evan: Sie überleben, wow, das ist unglaublich. Das ist genauso, wie damals die Legende von den Krokodilen in New York. (Der Mythos besagt, dass die Leute in den 70ern Krokodile als Haustiere hatten. Anm.d. Red.). Sie haben die Babies wohl damals ins Klo gespült. Ich denke das war so, aber vielleicht ist es auch nur der größte "urban myth".
Hattest du irgendwann selbst ein Haustier?
Evan: Ja, bis ich 18 war, hatte ich eine Katze.
Wusste die Katze die Vögel auch zu würdigen?
E: (lacht) Ja, sie hatte auch eine Vorliebe für die Natur. Sehr oft hat sie mir einige Vögel als Geschenk gebracht.
E: Ich habe endlich die richtigen Leute dafür gefunden. Ich dachte, wenn ich jemals noch mal eine Lemonheads Platte machen würde, dann sollte es die beste überhaupt werden. Aus diesem Grund habe ich Bill Stevenson (Black Flag) gefragt. Er war sowieso von Anfang an eine Inspiration für die Lemonheads. Und auch Karl Alvarez (Bass), der ebenfalls bei The Descendents spielte. Die Descendents gehörten sowieso zu unseren Lieblingsbands. Ich dachte, ja perfekt, lass uns eine Platte zusammen machen, warum nicht. Es gab dieses Best Of -Album "The Atlantic Years". Ich hatte immer offen gelassen, ob jemals ein neues Lemonheads-Album rauskommt. Und jetzt habe ich die richtigen Leute gefunden. Ich habe Bill 1987 kennen gelernt. Letztendlich war es großartig, mit ihm zu arbeiten.
Also wurde der Traum damit wahr ...
E: Ja, das war ein perfekte Situation. Ich wollte eine Platte machen, die mehr vom Herzen kommt als die ursprünglichen Lemonheads. Lauter und schnellere Lieder. Und das denke ich, haben wir geschafft.
Als du die Best-Of Platte 1998 veröffentlicht hast, gab es also schon die Vision, dass es ein Leben danach geben würde?
E: Deshalb habe ich die Platte ja auch "The Atlantic Years" genannt. Der Grund für diese Veröffentlichung war, dass ich auf einem Festival in Brasilien war. Dort sind viele junge Bands aufgetreten und einige haben jede Menge Coverversionen von Lemonheads gespielt.
Letztes Jahr hast du mit den Lemonheads auch auf dem Benicassim Festival in Spanien gespielt. War das noch mit der alten Formation?
E: Über die Jahre haben mehr als 40 Leute bei den Lemonheads gespielt, deshalb weiß ich nicht welche du meinst. Es waren zwei von meiner Solotour mit dabei, aber das Line Up ist ziemlich flüssig, wechselt ständig.
Wer hatte die Idee die ganze Platte "Shame About Ray" noch mal live in London zu spielen?
E: Das waren die Leute von "All Tomorrow's Parties"(ATP) (Festival in England, jedes Mal von einem anderen Künstler oder Band organisiert. Anm. d. Red.). "We were in good company." Wir waren dort zusammen mit vielen anderen guten Bands. Iggy Pop & The Stooges haben "Fun House" gespielt, Dinosaur Jr. spielten "You're Living All Over Me". Es war großartig, wir hatten eine sehr gute Zeit.
Würdest du das noch mal machen oder war das die einzige Show?
E: Wenn uns jemand fragt, ja gerne, aber das wird wahrscheinlich keiner tun. Es war eine große Ehre für uns.
Hast du schon mal auf dem ATP gespielt?
E: Nein, bisher noch nicht.
Ist das ein Traum von dir?
E: (lacht) Nein, das ist gar nicht wichtig für mich. Natürlich ist das Line Up immer sehr gut, und ich würde gerne mal dorthin gehen und es mir angucken. Letztendlich ist es mir egal, wo ich spiele, ich könnte überall spielen.
Und wenn die Leute von ATP dich fragen würden, ob du als Kurator dort tätig sein möchtest?
E: Ja, wahrscheinlich, wer weiß.
Zurück zum neuen Album "The Lemonheads". Die Single heißt "Become The Enemy" Erzähl uns was darüber.
E: Es gibt einen komischen "Steely Dan" Shuffle (schlurfender, schleppender)-Beat. Es ist ein Mix aus Led Zeppelin und Steely Dan. Es ist wirklich was ganz anderes. Es ist ein Popsong.
Und der Song auf My Space "No Backbone", kannst du darüber auch noch was sagen?
E: Das wird wahrscheinlich auch eine Single. Das ist auch ein guter Song.
Und es gibt wieder einige Gastmusiker auf der Platte.
E: Ja, J. Mascis (Dinosaur Jr.), Garth Hudson von The Band. Ich habe ihn 1998 auf einem "Halloween Special" getroffen mit diesem Typen namens Hal Willner (Saturday Night Live Show). Wir haben Edgar Allan Poe Gedichte vorgelesen, in dieser alten große Kirche in Brooklyn, St. Andrews. Garth saß an der Orgel, und da habe ich ihn gefragt, ob er auf der Platte mitspielen wollte, und er sagte sofort zu.
Denkst du die beiden würden auch mal live mit den Lemonheads spielen?
E: Nein, alle sind selber sehr beschäftigt. Garth ist selbst immer auf Tour, und J. arbeitet an einem neuen Dinosaur Jr.-Album. Vielleicht kommt es mal dazu, wenn wir mal auf dem selben Festival spielen. Wir haben schon mal zusammen gespielt. Ich habe ein halbes Black Sabbath-Stück mit Dinosaur Jr. gesungen. Das war großartig, und ich hoffe wir spielen noch mal zusammen.
Damals in den 80ern habt ihr öfter auf der selben Bühne gestanden?
E: Ja, auf vielen Festivals.
Gab es eine Szene damals in Boston?
E: In den späten 80ern war es dort ausgezeichnet. Überhaupt in ganz Massachusetts. Da gab es ganz viele Bands. (Wie zum Beispiel Pixies, Throwing Muses ..., Anm. d. Red.) Da waren auch andere Bands aus der Hardcore-Szene, wie Gangrene, aber diese Szene war zu der Zeit schon fast ausgestorben bis auf ein paar Bands. Der Geist der Szene lebt weiter. Und man könnte noch mehr zurückgehen zu Jonathan Richman and The Modern Lovers. Ja, es gab eine Geschichte in Boston.
Man könnte also sagen, dass diese Szene in Massachusetts den Grunge in Schwung gebracht hat?
E: Ich denke ja. Es war eine Kombination aus Minneapolis, Boston und Seattle. Sie haben es Grunge genannt, aber es war "half-assed" (dilletantisch) Led Zeppelin. Ich mochte nie Pearl Jam und diese "limp-wristed" (aus dem schlaffen Handgelenk heraus) Musik. Es bedeutet mir gar nichts. Es hat nichts mit Punkrock zu tun. Bands wie Creed klingen wie Pearl Jam.
In welche Richtung geht deine Musik heute? Auf deiner Soloplatte "Baby I'm Bored" hast du ein paar Gram Parsons (The Flying Burrito Brothers, The Byrds) Stücke gespielt. Gehst du mehr in diese Richtung?
E: Ja, ich denke ich würde gerne mehr den Nebraska-Stil spielen, sehr gekürzt, ohne Schnick Schnack, viel Hall auf der Stimme, vielleicht mit Mundharmonika oder so.
War die Soloplatte etwas, was du machen musstest?
E: Ja, es war so eine Art "masochistic streak" (masochistische Ader). Ich dachte, es wäre nicht fair sie als Lemonheads-Platte zu titulieren, weil Calexico-Mitglieder auf einigen Stücken mitgespielt haben. Das wäre zu konfus gewesen. Ich wollte einfach versuchen, eine Soloplatte zu machen. Das war schon o.k., aber kurze Zeit danach habe ich gedacht, jetzt muss ich wieder zurück in die Band.
Du hast schon mit vielen Künstlern zusammen gearbeitet.
E: Ja, und ich würde für jeden singen. Ich mag es, zu singen, wenn es Spaß macht.
Du hast auch mit deutschen Bands zusammen gespielt?
E: Speedniggs und Sharon Stoned mit Christopher Uhe. Ja, was ist aus denen geworden?
Christopher Uhe spielt mit einer ehemaligen deutschen Schauspielerin zusammen in der Band Julia Hummer & Too Many Boys.
E: Christopher ist großartig. Wir haben den Song "Paint It Sweet" zusammen gespielt. Das waren damals die lustigen Drogenzeiten. Danach haben wir uns gefragt, warum müssen wir dieses Zeug immer nehmen? Wir haben gemerkt, dass wir süchtig waren. Wir haben nicht daran gedacht, dass es ein Problem werden könnte. Es war uns damals scheißegal. Jetzt habe ich meine Endorphine zurück und ich möchte diese nicht wieder hergeben. Ich mag es, mich jetzt echt und gut zu fühlen. Aber ich bedauere diese Zeit nicht. Ich bedauere nur, dass ich über Drogen gesprochen habe, aber nicht dass ich sie genommen habe.
E: Drogen sind gefährlich, und ich möchte das nicht verschweigen. Aber für mich haben sie funktioniert. Wenn man Tag für Tag wegen Amphetaminen nicht schlafen kann, dann ist dein Hirn voll von Ideen. Und irgendwas Gutes muss davon raus. Ohne Schlaf kommt man auf viele gute Ideen. Das ist so wie mit Salvador Dali, der damals sehr viel Kaffee getrunken hat.
Und warum hast du jetzt deine Endorphine zurück? Ist das wegen neuen Lemonheads-Platte oder den neuen Liedern, die du mit deinen Helden von The Descendents schreiben durftest, oder hat es mit deiner Frau Elisabeth zu tun?
E: Es war eine Kombination aus der Begegnung mit Elisabeth und der Tatsache, dass ich zwei Blocks davon entfernt wohnte, als damals die Flugzeuge ins Gebäude flogen. Ich habe gesehen, wie das Flugzeug ins World Trade Center krachte. Damals habe ich viel getrunken. Ab dem Tag habe ich mir gesagt, du musst damit aufhören. Ich habe gemerkt, dass Leben ist zu gut, und wir haben damals ehrlich gedacht, dass wir alle sterben müssen.
Ihr hattet damals keine Ahnung, was da geschah?
E: Nein, nach dem ersten Einschlag war es ganz dunkel, und wir sind runter zum Empfang gegangen. Nach ein paar Monaten habe ich mit dem Trinken aufgehört. Für vier Jahre war ich trocken. Heute trinke ich ab und zu noch mal was, aber es bringt mir nichts mehr. Ich versuche, so gut wie ohne Alkohol auszukommen. Nach den Drogen war Alkohol mein größtes Problem.
War der 11. September ein großer Schock für dich?
E: Kein Geld der Welt kann diese Erfahrung, so nahe am Tod, bezahlen. Es hat mich wachgerüttelt. Das Gras ist grün und der Himmel ist blau, das weiß ich jetzt.
Wohnt ihr noch in New York?
E: Ja, immer noch im selben Gebäude. 80% der Bewohner sind ausgezogen, und somit haben wir ein schöneres Apartment, mit Balkon und Aussicht, westlich über den Hudson.
Westlich über den Fluß in Richtung New Jersey?
E: (lacht) Ja, aber das ist gut. (Die Einwohner von New York schauen ein wenig herablassend auf die Leute von New Jersey, Anm. d. Red..)
Kennst du auch die Antifolk-Szene in New York?
E: Nein, ich kenne die Szene nicht wirklich. Ich bin nicht so oft in Brooklyn. Ich kenne nur Adam Green, der ist doch ein Mitglied? Ich habe ihn durch Ben Kweller kennen gelernt. Wir sind nicht gut befreundet, aber wenn wir uns treffen, verstehen wir uns sehr gut. Er ist ein sehr guter Entertainer. Wir haben diese Version von "Crackhouse Blues" zusammen gespielt. Er hat das Lied in mein Diktiergerät gesungen, bevor es veröffentlicht wurde. Großartig!
Adam Green ist in Deutschland sehr bekannt, aber in Amerika nicht so.
E: Ja, ich habe davon gehört. Ich habe ihn hier auf dem Cover vom Rolling Stone gesehen. In Amerika haben die Leute nicht so einen breiten Geschmack, was Musik angeht. Sie sind mehr interessiert an Paris Hilton und sowas. Das ist wie das Ende einer Kultur. Das Ende vom Empire. Ich habe keine Ahnung was in Amerika passiert. Auf jeden Fall ist das nicht gut.
Viele Bands aus Amerika müssen erst nach England gehen, um dann in der eigenen Heimat bekannt zu werden. Gilt das auch für die Massachusetts-Szene?
E: Ja, zuerst kommt Deutschland und dann England. Als wir 1989 das erste Mal hier waren, haben sich alle sehr gut um uns gekümmert. Für die Plattenfirmen ist es immer ein großes Risiko, Bands aus Amerika nach Deutschland zu holen. Es gibt keine Garantie. Der Kontinent hat uns zuerst geholfen, und dann kam England und hat uns weiter gepuscht. Alle Bands in Amerika wissen, dass sie erst in England für Aufsehen sorgen müssen. Zum Beispiel Hendrix, Pixies.
Was ist der nächste Geheimtipp aus Amerika?
E: Vietnam aus Brooklyn. Sie sind fantastisch. Ein bisschen wie Gun Club und Dylan. Ein bisschen härter, sie haben Bärte und sehen cool aus. Ich liebe sie. Sie bringen bald eine Platte heraus. Mein Freund Gibby von den Butthole Surfers gestaltet das Cover. Es wird aussehen wie das Artwork von "Let It Be". Er hat die Fotos dazu gemacht.
Macht Gibby noch Musik?
E: Er ist DJ und macht Kunst, mehr als alles andere. Ich treffe Gibby öfter als alle meine alten Freunde. Er wohnt in der Nähe von mir in New York. Er hatte eine Bilderausstellung in Japan. Ich habe ihn schon oft gefragt warum er keine neue Butthole Surfers Platten heraus bringt. Der Witz von ihm ist, dass sie länger zusammen bleiben wollen als die Stones. Sie wollen 80 Jahre alt werden, und vielleicht machen sie dann noch eine Platte. Ich denke, er ist gerade dabei. "Gibby is the man!" Butthole Surfers waren die Greatful Dead meiner Generation. Viele Leute nehmen Pilze und gucken sich dann deren Lichtshow an. Warum soll ich mir eine Gruppe Hippies antun, wenn ich mir so eine wie Greatful Dead anschauen kann?! Die Surfers kommen aus Austin, Texas, der Heimat von 13th Floor Elevators. Gibbys Vater war ein bekannter Clown im Fernsehen "Mr. Peppermint". Gibby ist ein cleverer Typ.
Würde Gibby auch das Artwork für eine neue Lemonheads-Platte machen?
E: Er hat schon ein Bild von mir gemacht, ich hoffe, dass ich das irgendwann mal benutzen kann. Einmal hat er uns ein Schnurrhaar von seiner Katze "Stinky" geschenkt. Das hatte sie verloren, und er hat es auf schwarzem Papier für uns eingerahmt.
Was war die schlimmste Beleidigung, die du jemals bekommen hast?
E: Ich denke, wenn du in einer Band bist, dann beweist du, dass du alles richtig gemacht hast, wenn du beleidigt wirst. Ich erinnere mich, da gab es dieses Fanzine "Die Dando Die", und ab dann wusste ich, ich hab alles richtig gemacht.
Wirst du mit der neuen Platte auf Tour gehen?
E: Ja, wir starten am 4. Oktober in Newcastle England, da kommt auch meine Frau her. Der zweite Auftritt ist in London. Das ist ein bisschen früh.
Wer kommt mit auf Tour?
E: In der ersten Hälfte können Bill und Karl leider nicht mitkommen. Sie sind schon beschäftigt. Aber wir haben gute Musiker aus Indiana dabei. Einer hat mit den Zero Boys gespielt, einer alten Punkband. Bill wird erst ab dem nächsten Jahr mit auf Tour kommen. Er ist gerade dabei, eine neue Platte mit Geffen zu produzieren. Ich würde gerne mit ihm noch mal Aufnahmen machen.
Meinst du als Produzent oder als Komponist?
E: Beides. Genau wie diese Platte. Er hat zwei eigene Stücke geschrieben, und wir haben einen Song zusammen geschrieben "Let's Just Laugh".
The Atlantic Years (1998), Car Button Cloth (1996), Come On Feel The Lemonhads (1993)
Lovely (1990), Lick (1989), Create Your Friends (1989), Creator (1988), Hate Your Friends (1987)
Reinhören in das neue Lemonheads-Album bei Vagrant Records.
http://www.vagrant.com/thelemonheads/main.html
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