- Top 100
- Redaktionsempfehlungen
- Zuletzt gehört
Format
Playlist
Aktuelle Sendung
SeitHomepage:
"Ich bin der Überzeugung, dass sich alles irgendwie annähert; die multikulturelle Gesellschaft, Technologien, Philosophien, usw. Musik spiegelt lediglich das wieder, was da draußen vor sich geht. Aber ganz am Ende geht es doch nur darum, dass dein Herz am richtigen Platz sitzt und man genügend Spielraum für musikalische Raffinessen, Nuancen und dynamische Elemente lässt. Dieser Raum ist extrem wichtig und wir versuchen, die Musik frei atmen zu lassen und das Gefühl in eben diesem Raum einzufangen."
So antwortet Joey Burns, Sänger, Gitarrist und Songwriter von Calexico 1998 auf die Frage nach dem Einfluss lateinamerikanischer Musik auf seinen Stil. Überhaupt ist die Musik von Calexico eine Frage des Stils, oder besser: der ständige Versuch einer Stildefinition. Sämtliche Berichte über die Band lesen sich wie eine verzweifelte Suche nach nötiger Klarheit. Immer wieder stößt man auf ellenlange Reihungen, die sich aufmachen, die höchst unterschiedlichen Richtungen wie TexMex, Folk- und Country-Rock, Country-Folk, Mariachi-Sound, Mood-Music, Western-Sound, Latin-Jazz oder auch Desert-Rock und Gringo-Rock unter einen Hut zu bringen...und meistens scheitern.
Ob mit Tucson-Desert-Rock, dem jüngsten Etikettierungsunterfangen der Kritikerszene, nun eine aussagekräftige Bezeichnung gefunden worden ist, sei dahingestellt. Letztendlich ist es auch nicht nötig. Schließlich lassen sich die unterschiedlichsten musikalischen Einflüsse nicht leugnen, mit denen Calexico virtuos experimentieren.
Die 1996 in Tucson/Arizona ins Leben gerufene Band bezieht sich explizit auf ihre gleichermaßen amerikanischen und mexikanischen Wurzeln. Ein Umstand, der bereits durch den Namen zum Ausdruck kommt. Das tatsächlich existierende Grenzkaff Calexico ist ebenso zwischen zwei unterschiedlichen Welten und Einflüssen gefangen, wie sich die Musik von Burns und seinem Partner John Convertino, Schlagzeuger und Multiinstrumentalist, permanent zwischen scheinbar gegensätzlichen Stilen hin und her bewegt, ohne einen wirklich greifbaren Anhaltspunkt zu bieten.
"Wir leben in Arizona. Aber was war hier früher? Es war einfach nur das Land der indianischen Ureinwohner. Es ist diese Vorstellung von existierenden Grenzen oder nicht existierenden Grenzen oder auch dem resultierenden Gegensatz dieser beiden Widersprüche, der uns umtreibt. Ich glaube, indem man Einflüsse aus anderen Quellen benützt, z.B. unsere Nachbarn und die Mariachi-Bands oder der Latin Jazz aus New York oder Südamerika, oder auch die Musik, die wir über die Jahre gemacht oder gehört haben – das alles entfaltet sich in unserer Idee, diese unterschiedlichen Elemente zu vereinigen."
Burns bezeichnet sich und seinen kongenialen Partner Convertino als "Frankensteins of instruments" und spielt damit auf die klangliche Vielfalt ihrer Musik an, die von einfachem Schlagzeug und Gitarre, über Mundharmonika, Mariachi -Trompeten bis hin zu Marimbas, Vibraphon, Pedal-Steel-Gitarren und Harpsichord alles zu bieten hat.
"Im Laufe der Jahre war es eine natürliche Folge, dass wir mit den verschiedenen Instrumenten, die wir gesammelt haben, auch unsere eigene Musik machen wollten. Einige dieser Instrumente haben wir aus einem Laden namens The Chicago Store in Tucson gerettet, der eine Art Instrumentenfriedhof ist. Man läuft durch enge Gänge und kleine Tunnels und findet dort all diese Instrumente, bedeckt mit dem Staub der letzten Jahrzehnte, und wir erwecken sie wieder zum Leben und geben ihnen eine Chance auf unseren Platten zu singen."
So ist auch die Gründung der Band vielmehr das Ergebnis zahlreicher Sessions und Ideenfragmente als eine geplante Aktion und fällt mit dem Release der Low-Budget-Produktion "Spoke" (1996) zusammen (ursprünglich nur in Europa veröffentlicht), wo sie sich erstmals als musikalische Grenzgänger zeigten.
Doch auch die Jahre davor waren die beiden nicht untätig. Bereits 1990 beginnt die Zusammenarbeit von Burns und Convertino unter der Fittiche von Howe Gelb, dem Mastermind der Kultband Giant Sand, die bis 2003 andauert. Es ist genau diese Zeit, in der sie durch die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Musikern ihren eigenen Stil entwickeln konnten, darunter Bands wie Friends of Dean Martinez und OP8.
Zwei Jahre später, 1998, erscheint das Album "The Black Light", auf dem sie den bereits mit "Spoke" eingeschlagenen Weg fortsetzen und sowohl in der Independent-Szene als auch bei den Kritikern für höchste Aufregung sorgten. Mit "The Black Light" legten Calexico den Grundstein für ihren unverwechselbaren Stil. Das als Konzeptalbum angelegte Werk ist stark instrumental ausgerichtet und erzählt auf angenehm unaufdringliche Weise Geschichten von Abschied und Einsamkeit oder von schießwütigen Desperados.
Ein Erlebnis der besonderen Art sind die fulminanten Live-Auftritte von Calexico, wobei die Besetzung der Band mit jeder Tour variiert. So kann es schon mal vorkommen, dass Burns und Convertino beschließen, eine ganze Besetzung original mexikanischer Mariachi-Bläser mit auf die Bühne zu bringen und für einen Abend die Atmosphäre von Tucson-Downtown in Europas Konzertsälen heraufbeschwören.
Dabei kann man sich kaum der fast psychedelischen Aura entziehen, die über der Musik von Calexico schwebt. Eine Aura, die Joe Burns als völlig natürlichen Bestandteil des Alltags in Arizonas betrachtet: "In Arizona muss man keine Drogen nehmen um high zu sein. Die psychedelische Aura ist in der Luft, in der Sonne und am Himmel. Mir persönlich reicht es eigentlich Tequila und guten mexikanischen Wein zu trinken."
Die sonore, teilweise fast eintönige Stimme von Burns - prachtvoll unterstützt vom Spiel seiner Gitarre - ergänzt sich dabei hervorragend mit Convertinos kompromisslosen Drum- und Perkussionspiel. Für den Hörer baut sich dabei ein eindringliches Klangbild der Einöde des nordamerikanischen Südwestens auf, wo die flimmernde Hitze der Wüste förmlich auf der Haut brennt.
Nach dem Achtungserfolg von "The Black Light" schießt der Nachfolger "Hot Rail" (2000) von 0 auf 43 in den deutschen Charts und steigt sogar bis auf Platz sechs in den griechischen. Der Ohrwurm-Single "Crystal Frontier" (2001) folgt 2003 das von Kritikern wieder hochgelobte Album "Feast Of Wire", das sich in vierzehn europäischen Charts platziert.
Nach der Live-DVD "World Drifts In" (2004) stürzen sich Convertino und Burns in verschiedene Projekte. Sie schreiben für und spielen mit Nancy Sinatra, Laura Cantrell und Neko Case, treten als Bar-Band im Tom Cruise-Film "Collateral" auf und veröffentlichen das Album "In The Reins" (2005) mit Iron & Wine, mit dem sie in den USA auch auf Tour gehen.
Im September 2008 kommt "Carried To Dust" in die Läden, das im Gegensatz zum folklastigen Vorgänger "Garden Ruin", der sich explizit mit der verfehlten Politik der Bush-Regierung auseinandersetzt hatte, mit der Rückkehr von Bläsern und weltmusikalischer Anleihen wieder einen anderen Weg einschlägt.
"Darum ging es uns schlussendlich: Der Vorgänger war so groß angelegt und beschäftigte sich mit Bush, dem amerikanischen Werteverfall und dem Krieg im Irak. Diesmal wollten wir einfach auf den Boden der Tatsachen zurückkehren und den Blick auf den 'kleinen Mann' innerhalb dieses unmenschlichen Systems richten, um eine Brücke zwischen Protest und Poesie zu schlagen."
2011 beglücken Calexico ihre Fans mit einem 12 LPs umfassenden Box-Set mit Songs, die bis dato nur auf acht CDs zu finden sind, die die Band ausschließlich bei ihren Konzerten zum Kauf angeboten hat. "Selections From Road Atlas 1998-2011" erscheint auch in komprimierter Form auf CD und glänzt mit 16 Tracks, die das facettenreiche musikalische Schaffen dieser stilprägenden Band illustrieren ebenso eindrucksvoll illustrieren wie das 2012 veröffentlichte Studiowerk "Algiers".
Howe Gelb, der Mann hinter Giant Sand, spricht mit LAUT über das neue Album "Is All Over The Map", an dem Vic Chesnutt und John Parish beteiligt waren, die Trennung von John Convertino und Joey Burns alias Calexico und eine mögliche Zusammenarbeit mit PJ Harvey.
An einem schwülen Sommernachmittag sitzt Howe Gelb im Foyer eines Dreisternehotels in der Nähe des Kölner Bahnhofs. Vor dem Interview versucht er, seine angeschlagene Stimme mit einem kühlen Kölsch zu verarzten. Zunehmend heiser, aber gut gelaunt, beantwortet er nicht nur ausführlich alle Fragen, sondern stellt auch selber welche:
Ist das die neue CD? Darf ich sie mal anschauen?
Aber natürlich. Interessant, dass du ein Interview geben musst, um deine eigene CD zum ersten Mal zu sehen …
Na ja, ich habe das Ding zwar mitgestaltet, die endgültige Version aber noch nicht gesehen. Da kann ganz schön viel schief laufen, bei den Farben zum Beispiel. Diesmal habe ich es in Schwarzweiß gehalten, so wie in früheren Tagen.
Als du noch in den Copyshop gingst, um deine Cover zu vervielfältigen?
Ja, genau. Warte kurz … ja, die Danksagungen scheinen alle richtig zu sein.
Auf dem Promozettel ist zu erfahren, dass "Is All Over The Map" "wahrscheinlich Giant Sands fokussiertestes Werk darstellt". Was soll das bedeuten? Waren deine früheren Platten unfokussiert? Was soll an dieser anders sein?
Schwer zu sagen. Vielleicht haben sie das geschrieben, weil es John Parish produziert hat. Vielleicht auch, weil das Album während einer einzigen Session entstanden ist, im Gegensatz zu meinen letzten Soloplatten, die bei verschiedenen Gelegenheiten aufgenommen wurden.
Ist das der Unterschied zwischen Howe Gelb und Giant Sand?
Der Unterschied liegt im Gefühl und in der Art und Weise, wie die Stücke entstehen. Das letzte Mal, dass ich eigene Lieder mit einer Band aufgenommen hatte, war 1997 mit "Chore Of Enchantment". Als ich letztes Jahr mit meiner Soloplatte "The Listener" und drei Leuten auf Tour war, kamen all diese Gefühle wieder auf, und ich dachte, das ist, wie Giant Sand früher waren.
Das meiste ist in Dänemark entstanden, oder?
Ja, alles, bis auf "Remote", das ich in Tucson aufgenommen habe. Das Lied hört sich total nach Tucson an. Es ist der Sound jener Stadt.
Dennoch verbringst du mit deiner Familie mittlerweile viel Zeit in Dänemark.
Ich habe vor drei Jahren begonnen, vier oder fünf Monate im Jahr dort zu leben. Meine Frau kommt ja von dort. Es ist gut, in diesen Zeiten außerhalb der USA zu sein. Besonders, wenn du kleine Kinder hast, damit sie eine wirkliche, bessere Sicht der Dinge erfahren. Es gefällt mir dort. Wir wohnen in Aarhus, einer kleinen Stadt am Meer. Sehr schön, sehr ruhig.
Wo du auch regelmäßig in einem Café auftrittst.
Als ich dorthin gezogen bin, habe ich begonnen, jede Woche in einem kleinen Lokal zu spielen, um die Übung nicht zu verlieren. Im Jahr danach sollte ich solo auf Open Air-Festivals auftreten, was nicht einfach ist, alleine. Also habe ich jede Woche gespielt und habe so auch die Leute kennen gelernt, mit denen ich "All Over The Map" aufgenommen habe.
Wie kam es dazu, dass Vic Chesnutt und John Parish mit auf der Platte sind? Haben sie dich besucht?
Ja, sie kamen zu mir. Ich hatte dieses Lied, "Classico", und dachte, es sei perfekt für Vic. Eigentlich war es für Marianne Faithful gedacht, dann kam PJ Harveys neues Album dazwischen und ich dachte, hey, das wäre doch auch was für sie. Eines Tages schaute Vic vorbei und meinte "das Lied ist für Vic". Dinge geschehen, so wie sie geschehen. Als Duettpartnerin haben wir dann noch Henriette Sennenwaldt dazu genommen, die Sängerin der großartigen dänischen Band Under Byen.
Das Stück kommt auf dem Album in zwei Versionen vor. Ehrlich gesagt, mag ich deine lieber.
Oh, na ja, sie ist halt anders. Hast du das Solo gehört?
Ja, du spielst auf einer Akustikgitarre, dann kommt plötzlich so ein fieser, kaum modulierter Klang. Hast du sie an ein Effektgerät angeschlossen?
So habe ich es früher gemacht. Die Akustikgitarre war an einen Schalter angeschlossen; wenn ich den elektrischen Sound haben wollte, habe ich den Hebel umgelegt, dann ging der Klang über einen Verzerrer. Hier habe ich für das Solo eine E-Gitarre verwendet. Als ich loslegen wollte, hat plötzlich das Effektgerät gesponnen. Ich dachte mir, "was zum Teufel? Wir müssen das schnell aufnehmen!" Als ich mit dem Solo fertig war, war der Sound auf einmal wieder normal. Ich habe alles versucht, sogar das Gerät in mehrere Gitarrenläden gebracht um zu sehen, ob sie es so kaputt machen können, dass wieder dieser Sound entsteht. Leider hat sich niemand dazu bereit erklärt.
Du hast PJ Harvey erwähnt. Vor drei Jahren wart ihr gemeinsam auf Tour. Damals hieß es, dass ihr an einem gemeinsamen Album arbeiten wolltet. Das ist nicht geschehen. Hat sich die Sache erledigt, oder ist es einfach noch nicht passiert?
Es ist einfach noch nicht passiert. Vor zwei Jahren habe ich ein Lied für sie geschrieben und sie meinte, sie würde es für ihr neues Album verwenden. Dann packte sie die Schreibwut und hatte danach genug eigenes Material. Ihre neue Platte "Uh Huh Her" ist super. "The Desperate Kingdom Of Love" hat sie mir damals vorgespielt, es hat mich umgehauen. Es ist eines der besten Lieder, die ich je gehört habe. Wirklich. Jedenfalls, wir hatten noch keine Zeit, uns zusammen zu setzen. Vielleicht klappt es eines Tages. Und wenn nicht, auch egal. Auf jeden Fall: Ich liebe Polly über alles!
Ende Juni hat sie bei Hurricane / Southside gespielt. Sie hatte ein ganz kurzes Kleid an, mit einer Abbildung von ihr auf der Vorderseite. Sie ist wie ein Wirbelwind über die Bühne gefegt und sah echt sexy aus.
Ja, sie ist wirklich süß. Auf einem dieser Festivals hat sie eine CD von mir bekommen, die ich ihr Monate davor geschickt hatte. Sie steckte gerade in einem Tief, und ich hatte ihr auf die CD gesprochen. Sie hat mich angerufen und meinte, darauf seien zwei meiner allerbesten Stücke. Aber ich weiß nicht, was ich mit ihnen anfangen soll. Mein nächstes Soloalbum habe ich schon komplett aufgenommen. In Kanada mit einem 10-köpfigen Gospel-Chor. Ein paar Leute von Grandaddy sind auch dabei. Eine CD, die ich auf Konzerten verkaufen will, ist auch schon fertig. Vielleicht besteht die einzige Möglichkeit darin, sie unter einen neuen Namen zu veröffentlichen. Mit einem kleiner Hinweis, damit die Leute, die sich für uns interessieren, dahinter kommen. Und wenn nicht, ist es auch egal.
Wie hältst du das mit den Namen? Wirst du wie in Zukunft mal als Giant Sand und mal als Howe Gelb deine Platten auf den Markt bringen, um ihn nicht mit einem einzigen zu sättigen?
Ja, Marketing ist nicht meine Stärke. Irgendwann ist es vorbei mit mir. Es kann noch zwei Jahre dauern, vielleicht auch zwanzig. Bis dahin möchte ich aber so viel schaffen wie möglich. So viel wie möglich erledigt kriegen. Ich muss mir halt noch Wege überlegen, wie ich all die Platten herausbringen kann.
Vor drei Jahren habe ich dich in München als Opener für PJ Harvey gesehen. Ich stand hinten und habe Bier geholt, als ein Roadie auf der Bühne angefangen hat, auf einer Gitarre zu spielen. Dann hat er begonnen, "Out On The Weekend" von Neil Young zu singen und ich habe gemerkt: Das ist gar kein Roadie, das bist ja du! Die Lichter waren noch alle an, die Leute haben sich unterhalten, plötzlich war es still und alle haben dir zugehört. Das war ein besonderer Moment. Später kamen dann noch einige Leute hinzu, unter anderem auch Joey Burns. Womit wir zur Calexico-Frage kommen, die ich dir einfach stellen muss …
Ja, das musst du. Joe hat mich an dem Abend vollkommen durcheinander gebracht. Manchmal verhält er sich wie ein kleiner Junge in einem Laden voller Süßigkeiten, der alles haben will. Er wechselte ständig von einem Instrument zum nächsten, wollte alles spielen, obwohl ihn niemand auf der Bühne haben wollte. Ich hatte ihm und John Convertino angeboten, mit auf die Tour zu kommen. Opener für PJ Harvey - eine tolle, eine lustige Sache! Sie hatten für den gleichen Zeitraum schon eine Calexico-Tour in Planung, aber die Anfrage kam Monate davor, sie hätten sie problemlos verschieben können. Das war einer jener Momente, in denen ich verstanden habe, dass Giant Sand nicht mehr so waren wie früher.
Die Probleme begannen um 1995 und wurden immer größer. Giant Sand, das waren ich und John. Joe kam erst Jahre später dazu. John und ich kreierten einen Sound, der jahrelang funktionierte. Joes Teilnahme war sehr willkommen, solange er voll und ganz dabei war. Wir haben tolle Sachen aufgenommen und tolle Touren hinter uns gebracht. Mitte der Neunzigerjahre hat er aber begonnen, andere Dinge zu machen. Jahrelang hat er gearbeitet, um Teil von Giant Sand zu sein; als er schließlich fest dazu zählte, fing er aber an, hundert andere Sachen zu tun. Das wäre OK gewesen, solange wir es gemeinsam getan hätten. Aber er beteiligte immer nur John. Damit entstand ein Ungleichgewicht. Er war zehn Jahre jünger und viel ehrgeiziger, als ich es jemals gewesen bin. Die Tour mit PJ Harvey war so etwas wie der letzte Strohhalm. Damals habe ich festgestellt, dass es nicht so weitergehen konnte, dass Giant Sand vor dem Ende standen. Der Joe, den ich von her früher kannte, hätte begeistert zugesagt. Er wollte aber lieber Calexico sein. Ich musste also die Band komplett neu aufbauen. Weißt du noch, wann das war?
Äh, Anfang März 2001?
Oder eher Februar? Jedenfalls, zu jener Zeit. Es kamen zwei Sängerinnen aus Frankreich und zwei Mitglieder von Grandaddy hinzu. München war eines der letzten Konzerte der Tour, wir hatten auch ein paar Lieder aufgenommen und hatten unseren Klang gefunden. Wir brannten richtig! Jedenfalls, Joes Tour mit Calexico war zu Ende, er kam her gerannt und dachte wohl, "die paar Lieder kenne ich, kein Problem". In Wirklichkeit hat er alles verschissen, all die kleinen Arrangements, die wir entwickelt hatten, kannte er ja gar nicht. Er hat mich total aus dem Konzept gebracht, den Rest der Band auch, er war einfach nervig. Ich habe keine Ahnung, was er sich dabei gedacht hat. Erst wollte er nicht, und als er mit seinem Ding fertig war, wollte er plötzlich doch. Vielleicht hat er es nicht mit Absicht getan, aber es war scheiße von ihm.
Dennoch seid ihr anschließend noch einmal zusammengekommen und habt "Cover Magazine" aufgenommen.
Ja, "Cover Magazine" war so etwas wie eine lustiger Abschied. Ich wusste, dass etwas vor dem Ende stand, meine Lieder hatten kein Vertrauen mehr in diese Leute, besonders nicht in Joe. Sie standen nicht zur Verfügung, ich wollte aber etwas spielen, irgendwas, und begann, nach Covers zu suchen. Einfach so, um Spaß zu haben. Ich fand es lustig, die anderen auch, dann war es vorbei.
Ihr seid also nicht im Streit auseinander gegangen?
Oh nein. Giant Sand waren schon immer wie eine Familie, eine Brüderschaft. John hat ein Kind, ich habe drei und sie sind alle eng befreundet, was dieses Gefühl noch verstärkte. John und Joe sind ja nach Tucson gezogen, als wir miteinander spielten. Dort hat alles angefangen, auch Calexico und ihr Erfolg. Am Anfang fand ich es gut, denn wir hatten immer Probleme, genug Geld zusammenzukriegen. Deshalb haben wir ja auch so viele Platten gemacht, einfach, um überleben zu können. Der Erfolg brachte jedoch negative Energie in jene Kreatur, die sie erschaffen hatte. Ich bin zwar nicht gerade zielstrebig, brauche aber eine Balance, um zu funktionieren. Viele Dinge passierten, die ein Ungleichgewicht in die Band brachten, vor allem durch Joe. Aber es gab keinen Streit, es hörte einfach auf. John schaut immer noch vorbei, er besucht mich mit seinem Kind auch mal in Dänemark. Joe war allerdings schon seit mindestens sechs Jahren nicht mehr bei uns.
In "Hood (View From A Heidelberg Hotel)" nimmst du Bezug auf die schwierige Situation: "Brothers are not brothers anymore", heißt es da an einer Stelle.
Ja, das deutsche Lied. Es war einer jener Tage, an denen alles zusammenkommt. Ich liebe diese Kerle, und es verletzte mich, dass wir nichts mehr zustande kriegten. Ich war traurig und niedergeschlagen und fing an, auch an andere komische Dinge zu denken.
Der letzte Vers, "My brotherhood got me singing like Gordon Lightfoot", hat mich laut zum Lachen gebracht ...
Mich auch! Zum Schluss dachte ich mir, es wird schon alles OK, solange Gordon Lightfoot vorbeikommt und mich besucht, haha.
Tja, schade, dass er vor zwei Jahren einen Schlaganfall hatte. Dafür kommst du in Italien zu Ehren, wo die Sängerin Nada den Opener "Classico" interpretiert. Apropos Italien: das Album enthält auch ein Lied über Neapel.
Ja, denn ich liebe diesen Ort! Ich hoffe, dass "Napoli" wenigstens ein bisschen der Leidenschaft dieser Stadt gerecht wird. Ich habe zwei Mal dort gespielt. Einmal war es eine größere Veranstaltung, das zweite Mal in einem Theater. Beide Male war ich vollkommen fasziniert. Es war mir richtig schwindelig, allein beim Überqueren der Straße. Und das Essen! Die Leute! Die Frauen! Eine lud uns zum Essen ein, um vier Uhr morgens. Wir gingen zu ihrer Mutter in die Wohnung, und sie kochte für die ganze Band. Das war nur eine von vielen wunderschönen Episoden.
Du scheinst es ja ähnlich zu halten und führst ein öffentliches Leben: Dein Haus in Tucson ist immer wieder auf deinen CD-Covern zu sehen, du schreibst persönliche Texte, Angaben über deinen Wohnort sind problemlos im Internet zu finden. Geht dir das nicht auf die Nerven?
Na ja, ich bin nicht so berühmt, dass ich mir darüber Gedanken machen müsste. Das ist einer der Vorteile, wenn man nicht den riesigen Erfolg hat.
Dennoch besuchen dich bestimmt öfters mal Leute, die dich sehen oder mit dir reden wollen.
Ja, manchmal klingelt es an der Tür. Letztes Jahr kam ein junges Pärchen aus Deutschland vorbei. Es war mitten im Sommer, und sie trugen lange, schwarze Kleidung. Wir mussten sie aus der Sonne retten. Kurz, bevor ich hierher gekommen bin, kamen zwei Engländer vorbei. Aber ich finde das süß. Sie tun das, was ich in ihrem Alter auch tat: Einfach mal zu einem bestimmten Ort reisen und schauen, was passiert. Vielleicht trifft man ja auf Neil Young, oder wen auch immer, und wenn nicht, hat man trotzdem Spaß gehabt.
Du bekommst bestimmt viele Demotapes zugesteckt.
Ja, auf jeder Tour entsteht ein netter Haufen. Ich versuche auch, sie mir alle anzuhören, aber es ist schwierig, vor allem, wenn ich solo unterwegs bin. Ich versuche auch, mit immer weniger Gepäck auszukommen. Irgendwann ist der Stapel so groß und schwer, dass er nirgendwo mehr hinpasst. Fürs anhören habe ich keine Zeit, wegwerfen will ich sie auch nicht, also schmeiß ich erstmal die Hüllen weg. Wenn ich dann wieder zuhause bin und die CDs nicht allzu verkratzt sind, setzte ich mich hin und höre sie im Schnellverfahren an. Ist etwas dabei, das mich irgendwie berührt oder aufhorchen lässt? Ist etwas Neues dabei? Egal, was es ist, wenn es mich interessiert, höre ich weiter, ansonsten kommt die nächste rein.
Immerhin hast du so die Karrieren von Grandaddy und Matt Ward gestartet. Hast du Pläne, bei deinem Label OW OM auch andere Künstler außer dich selbst und Giant Sand unterzubringen?
Ja, ich habe mir Gedanken darüber gemacht, aber so weit bin ich noch nicht, weil es viel Arbeit erfordert. Demnächst bringe ich ein Album von Naim Amor heraus. Er ist Franzose und hat auch schon mit Calexico zusammengearbeitet. Ein toller Musiker. Seine Frau hat den Text zum Stück "Les Forçats Innocents" geschrieben, das auf dem neuen Album enthalten ist.
Im Oktober bist du drei Wochen lang in Europa unterwegs, um das Album zu promoten. Du wirst fast jeden Abend spielen. Wie machst du das nur? Mit dem Tour-Bus?
Ich habe keine Ahnung. Ich werde alt und schrullig. Ich weiß nicht, ob ich es überstehe, so zu touren, wie wir es früher getan haben. Ich muss mir noch was einfallen lassen.
Das letzte Konzert spielt ihr in Bush Hall, London. Ist es nicht komisch, an einem Ort namens Bush aufzutreten, einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen in den USA?
Hahaha, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Mann, ich hoffe nur, dass er es nicht packt. Es würde eine Revolution geben.
Wirklich?
Es würde mich nicht überraschen.
"Is All Over The Map" erscheint am 14. September 2004
Das Interview führte Giuliano Benassi
Hot Rail (2000), The Black Light (1998), Spoke (1996)
| Di | 02.07.2013 | Calexico Citadel Music Festival (Berlin) | |
| Mi | 03.07.2013 | Calexico Dresden (Alter Schlachthof) | |
| Do | 04.07.2013 | Calexico Stuttgart (Freilichtbühne Killesberg) | |
| Fr | 05.07.2013 | Calexico A-Harvest Of Art Warm Up (Wien) | |
| Sa | 06.07.2013 | Calexico Würzburg (Posthalle) | |
| Di | 09.07.2013 | Calexico Mainz (Zitadelle) | |
| Mi | 10.07.2013 | Calexico Zeltival Karlsruhe (Karlsruhe) | |
| Di | 16.07.2013 | Calexico Tollwood (München) | |
| Mi | 17.07.2013 | Calexico Nürnberg (Serenadenhof) | |
| Di | 13.08.2013 | Calexico Hamburg (Stadtpark Freilichtbühne) | |
| Mi | 14.08.2013 | Calexico Bonn (Kunst!Rasen) |
Sehr informativ, mit MP3-Mitschnitten von diversen Konzerten un weiteren Links.
http://www.casadecalexico.com
| Thema | Posts | Letzter Beitrag | |
|---|---|---|---|
| {ersteller.avatar} |
{thread.titel} {ersteller.name} |
{thread.antworten} |
{letzter.zeit} {letzter.name} |
|
VERKAUFE Calexico Kunstdruck Art of modern Rock Calla |
1 |
08.09.09, 09:06 Calla |
|
|
Song gesucht puschkin |
2 |
18.10.08, 16:14 MiniMe |
|
|
Tour 2007 - Termin Darmstadt 11.07. sparta644 |
1 |
09.07.07, 16:09 sparta644 |
|
|
Calexico + Iron & Wine auf Tour!!! MiniMe |
47 |
12.05.06, 14:41 MiniMe |
|
|
Garden Ruin MiniMe |
2 |
20.05.13, 06:50 Anonymous |
Format
Homepage: