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"Kommerziell erfolgreich zu sein, macht eher mehr Probleme, als dass es das Leben verbessert", erklärt Howe Gelb 2002 in einem Interview. "Man sollte in der Lage sein, Haken zu schlagen". Eine Einstellung, die ihm den Titel 'graue Eminenz des US-amerikanischen Gitarrenundergrounds' eingebracht hat.
Überhaupt werden dem Sänger, Gitarristen und Songwriter gerne Etiketten angehängt. 1980 gründet er in seiner Heimatstadt Tucson, Arizona mit Gitarrist Rainer Ptacek und Bassist Dave Seeger Giant Sandworms, die Mutter einer ganzen Reihe von Bands, die in den folgenden Jahren unter dem Begriff 'Desert Rock' bekannt werden sollen, darunter Naked Prey, Meat Puppets, Green On Red oder später Calexico - gitarrenlastige, verspielte Musik, die so etwas wie den Soundtrack zu Arizonas Wüstenlandschaft darstellen soll.
Gewiss mag man ab und zu das Zischen des Windes oder das Rasseln einer Klapperschlange hören, das Werk Gelbs ist jedoch so vielseitig, das es schwer zu definieren ist - genauso wie das Neil Youngs, mit dem er gerne verglichen wird.
Nach einigen glücklosen Aufnahmen löst Gelb 1984 seine erste Gruppe auf und gründet mit Giant Sand die Band, die mit ständig wechselnder Besetzung und vielen Gastmusikern zu seiner Hauptkreatur anwächst. Das angegrungte, countryeske Debut "Valley of Rain" ist nur die erste einer wahren Flut an Veröffentlichungen. Zusätzlich zur mal rockigen, mal groovigen, mal akustischen Bandtätigkeit enthüllt Gelb seine melancholische und reflektive Seite unter dem Pseudonym Blacky Ranchette.
1988 stößt der eklektische Schlagzeuger John Convertino zur Gruppe, 1991 der Bassist (und Multi-Instrumentalist) Joey Burns. Beide bilden mit Gelb bis 2002 die Basis von Giant Sand. Die Veröffentlichungen bleiben weiterhin vielseitig. Auf das back-to-the-roots Album "Center Of The Universe" (1992, mit Ex-Bangles-Gitarristin Vickie Peterson) folgt das schattige "Glum" (1994), das einem ersten Major-Vertrag den Garaus macht.
Neben regelmäßigen eigenen Veröffentlichungen beschäftigt sich das Trio auch anderswo. 1997 erscheint das Album "Slush" von OP8 - nichts anderes als Giant Sand plus Sängerin Lisa Germano. Anschließend gründen Convertino und Burns die Combo Calexico, während Gelb mit Robert Plant, Ex-Sänger von Led Zeppelin, ein Benefizalbum für seinen langjährigen Freund und Giant Sandworm-Mistreiter Rainer Ptacek produziert, der kurz darauf an einem Gehirntumor stirbt. Das traurige Soloalbum "Hisser" (1998) entsteht aus dem Schmerz dieses Verlustes.
1998 finden die drei wieder zusammen und nehmen mit "Chore Of Enchantment" (2000) die Platte auf, die als ihre reifste gilt. Dank eines neuen Major-Vertrags haben sie die Möglichkeit, sich im Studio zu entfalten, doch die Verantwortlichen erachten das Ergebnis als nicht vermarktbar und verweigern die Veröffentlichung.
2001 erscheint mit "Selections Circa 1990-2000" ein Rückblick, den Gelb ohne Convertino und Burns im Vorfeld zu PJ Harveys Auftritten in Europa vorgestellt. Die Zusammenarbeit mit der englischen Musikerin setzt sich im Studio fort: Auf der eigenwilligen Coversammlung "Cover Magazine" (2002) ist sie auf "Johnny Hit And Run Pauline" zu hören, einer der Höhepunkte der Scheibe, die auch Neil Youngs "Out On The Weekend", Goldfrapps "Human" und Black Sabbaths "Iron Man" enthält.
Es handelt sich um das letzte gemeinsame Album des Trios. Convertino und Burns haben mit Calexico parallel einen Erfolg erreicht, den Giant Sand bisher nicht mal aus der Ferne gesehen haben, und machen selbstständig weiter.
Mit seiner dänischen Ehefrau zieht Gelb für mehrere Monate im Jahr nach Aarhus, wo er sich einen neuen Musikerkreis aufbaut. Mit seinen neuen Kollegen nimmt er "Is All Over The Map" (2004) auf.
Auch in den folgenden Jahren kennt seine Kreativität keine Grenzen, ob unter eigenem Namen, mit Kirchenchor, spanischen Klängen oder als Giant Sand. 2010 erscheint zum 25. Jubiläun der Band nicht nur ein neues Album ("Blurry Blue Mountain"), sondern auch der gesamte Backkatalog in neu abgemischter Form. Es folgen ein wunderbares Gipsy-Album, eine 'Country Rock Oper' namens "Tuscon", für die Gelb seine Band zu 'Giant Giant Sand' aufbläst, usw usf.
Wie viele Platten Gelb schon veröffentlicht hat, ist kaum aufzuzählen. Bis 2010 dürften es knappe 50 sein. Die nächste kommt bald. Ganz bestimmt.
Howe Gelb, der Mann hinter Giant Sand, spricht mit LAUT über das neue Album "Is All Over The Map", an dem Vic Chesnutt und John Parish beteiligt waren, die Trennung von John Convertino und Joey Burns alias Calexico und eine mögliche Zusammenarbeit mit PJ Harvey.
An einem schwülen Sommernachmittag sitzt Howe Gelb im Foyer eines Dreisternehotels in der Nähe des Kölner Bahnhofs. Vor dem Interview versucht er, seine angeschlagene Stimme mit einem kühlen Kölsch zu verarzten. Zunehmend heiser, aber gut gelaunt, beantwortet er nicht nur ausführlich alle Fragen, sondern stellt auch selber welche:
Ist das die neue CD? Darf ich sie mal anschauen?
Aber natürlich. Interessant, dass du ein Interview geben musst, um deine eigene CD zum ersten Mal zu sehen …
Na ja, ich habe das Ding zwar mitgestaltet, die endgültige Version aber noch nicht gesehen. Da kann ganz schön viel schief laufen, bei den Farben zum Beispiel. Diesmal habe ich es in Schwarzweiß gehalten, so wie in früheren Tagen.
Als du noch in den Copyshop gingst, um deine Cover zu vervielfältigen?
Ja, genau. Warte kurz … ja, die Danksagungen scheinen alle richtig zu sein.
Auf dem Promozettel ist zu erfahren, dass "Is All Over The Map" "wahrscheinlich Giant Sands fokussiertestes Werk darstellt". Was soll das bedeuten? Waren deine früheren Platten unfokussiert? Was soll an dieser anders sein?
Schwer zu sagen. Vielleicht haben sie das geschrieben, weil es John Parish produziert hat. Vielleicht auch, weil das Album während einer einzigen Session entstanden ist, im Gegensatz zu meinen letzten Soloplatten, die bei verschiedenen Gelegenheiten aufgenommen wurden.
Ist das der Unterschied zwischen Howe Gelb und Giant Sand?
Der Unterschied liegt im Gefühl und in der Art und Weise, wie die Stücke entstehen. Das letzte Mal, dass ich eigene Lieder mit einer Band aufgenommen hatte, war 1997 mit "Chore Of Enchantment". Als ich letztes Jahr mit meiner Soloplatte "The Listener" und drei Leuten auf Tour war, kamen all diese Gefühle wieder auf, und ich dachte, das ist, wie Giant Sand früher waren.
Das meiste ist in Dänemark entstanden, oder?
Ja, alles, bis auf "Remote", das ich in Tucson aufgenommen habe. Das Lied hört sich total nach Tucson an. Es ist der Sound jener Stadt.
Dennoch verbringst du mit deiner Familie mittlerweile viel Zeit in Dänemark.
Ich habe vor drei Jahren begonnen, vier oder fünf Monate im Jahr dort zu leben. Meine Frau kommt ja von dort. Es ist gut, in diesen Zeiten außerhalb der USA zu sein. Besonders, wenn du kleine Kinder hast, damit sie eine wirkliche, bessere Sicht der Dinge erfahren. Es gefällt mir dort. Wir wohnen in Aarhus, einer kleinen Stadt am Meer. Sehr schön, sehr ruhig.
Wo du auch regelmäßig in einem Café auftrittst.
Als ich dorthin gezogen bin, habe ich begonnen, jede Woche in einem kleinen Lokal zu spielen, um die Übung nicht zu verlieren. Im Jahr danach sollte ich solo auf Open Air-Festivals auftreten, was nicht einfach ist, alleine. Also habe ich jede Woche gespielt und habe so auch die Leute kennen gelernt, mit denen ich "All Over The Map" aufgenommen habe.
Wie kam es dazu, dass Vic Chesnutt und John Parish mit auf der Platte sind? Haben sie dich besucht?
Ja, sie kamen zu mir. Ich hatte dieses Lied, "Classico", und dachte, es sei perfekt für Vic. Eigentlich war es für Marianne Faithful gedacht, dann kam PJ Harveys neues Album dazwischen und ich dachte, hey, das wäre doch auch was für sie. Eines Tages schaute Vic vorbei und meinte "das Lied ist für Vic". Dinge geschehen, so wie sie geschehen. Als Duettpartnerin haben wir dann noch Henriette Sennenwaldt dazu genommen, die Sängerin der großartigen dänischen Band Under Byen.
Das Stück kommt auf dem Album in zwei Versionen vor. Ehrlich gesagt, mag ich deine lieber.
Oh, na ja, sie ist halt anders. Hast du das Solo gehört?
Ja, du spielst auf einer Akustikgitarre, dann kommt plötzlich so ein fieser, kaum modulierter Klang. Hast du sie an ein Effektgerät angeschlossen?
So habe ich es früher gemacht. Die Akustikgitarre war an einen Schalter angeschlossen; wenn ich den elektrischen Sound haben wollte, habe ich den Hebel umgelegt, dann ging der Klang über einen Verzerrer. Hier habe ich für das Solo eine E-Gitarre verwendet. Als ich loslegen wollte, hat plötzlich das Effektgerät gesponnen. Ich dachte mir, "was zum Teufel? Wir müssen das schnell aufnehmen!" Als ich mit dem Solo fertig war, war der Sound auf einmal wieder normal. Ich habe alles versucht, sogar das Gerät in mehrere Gitarrenläden gebracht um zu sehen, ob sie es so kaputt machen können, dass wieder dieser Sound entsteht. Leider hat sich niemand dazu bereit erklärt.
Du hast PJ Harvey erwähnt. Vor drei Jahren wart ihr gemeinsam auf Tour. Damals hieß es, dass ihr an einem gemeinsamen Album arbeiten wolltet. Das ist nicht geschehen. Hat sich die Sache erledigt, oder ist es einfach noch nicht passiert?
Es ist einfach noch nicht passiert. Vor zwei Jahren habe ich ein Lied für sie geschrieben und sie meinte, sie würde es für ihr neues Album verwenden. Dann packte sie die Schreibwut und hatte danach genug eigenes Material. Ihre neue Platte "Uh Huh Her" ist super. "The Desperate Kingdom Of Love" hat sie mir damals vorgespielt, es hat mich umgehauen. Es ist eines der besten Lieder, die ich je gehört habe. Wirklich. Jedenfalls, wir hatten noch keine Zeit, uns zusammen zu setzen. Vielleicht klappt es eines Tages. Und wenn nicht, auch egal. Auf jeden Fall: Ich liebe Polly über alles!
Ende Juni hat sie bei Hurricane / Southside gespielt. Sie hatte ein ganz kurzes Kleid an, mit einer Abbildung von ihr auf der Vorderseite. Sie ist wie ein Wirbelwind über die Bühne gefegt und sah echt sexy aus.
Ja, sie ist wirklich süß. Auf einem dieser Festivals hat sie eine CD von mir bekommen, die ich ihr Monate davor geschickt hatte. Sie steckte gerade in einem Tief, und ich hatte ihr auf die CD gesprochen. Sie hat mich angerufen und meinte, darauf seien zwei meiner allerbesten Stücke. Aber ich weiß nicht, was ich mit ihnen anfangen soll. Mein nächstes Soloalbum habe ich schon komplett aufgenommen. In Kanada mit einem 10-köpfigen Gospel-Chor. Ein paar Leute von Grandaddy sind auch dabei. Eine CD, die ich auf Konzerten verkaufen will, ist auch schon fertig. Vielleicht besteht die einzige Möglichkeit darin, sie unter einen neuen Namen zu veröffentlichen. Mit einem kleiner Hinweis, damit die Leute, die sich für uns interessieren, dahinter kommen. Und wenn nicht, ist es auch egal.
Wie hältst du das mit den Namen? Wirst du wie in Zukunft mal als Giant Sand und mal als Howe Gelb deine Platten auf den Markt bringen, um ihn nicht mit einem einzigen zu sättigen?
Ja, Marketing ist nicht meine Stärke. Irgendwann ist es vorbei mit mir. Es kann noch zwei Jahre dauern, vielleicht auch zwanzig. Bis dahin möchte ich aber so viel schaffen wie möglich. So viel wie möglich erledigt kriegen. Ich muss mir halt noch Wege überlegen, wie ich all die Platten herausbringen kann.
Vor drei Jahren habe ich dich in München als Opener für PJ Harvey gesehen. Ich stand hinten und habe Bier geholt, als ein Roadie auf der Bühne angefangen hat, auf einer Gitarre zu spielen. Dann hat er begonnen, "Out On The Weekend" von Neil Young zu singen und ich habe gemerkt: Das ist gar kein Roadie, das bist ja du! Die Lichter waren noch alle an, die Leute haben sich unterhalten, plötzlich war es still und alle haben dir zugehört. Das war ein besonderer Moment. Später kamen dann noch einige Leute hinzu, unter anderem auch Joey Burns. Womit wir zur Calexico-Frage kommen, die ich dir einfach stellen muss …
Ja, das musst du. Joe hat mich an dem Abend vollkommen durcheinander gebracht. Manchmal verhält er sich wie ein kleiner Junge in einem Laden voller Süßigkeiten, der alles haben will. Er wechselte ständig von einem Instrument zum nächsten, wollte alles spielen, obwohl ihn niemand auf der Bühne haben wollte. Ich hatte ihm und John Convertino angeboten, mit auf die Tour zu kommen. Opener für PJ Harvey - eine tolle, eine lustige Sache! Sie hatten für den gleichen Zeitraum schon eine Calexico-Tour in Planung, aber die Anfrage kam Monate davor, sie hätten sie problemlos verschieben können. Das war einer jener Momente, in denen ich verstanden habe, dass Giant Sand nicht mehr so waren wie früher.
Die Probleme begannen um 1995 und wurden immer größer. Giant Sand, das waren ich und John. Joe kam erst Jahre später dazu. John und ich kreierten einen Sound, der jahrelang funktionierte. Joes Teilnahme war sehr willkommen, solange er voll und ganz dabei war. Wir haben tolle Sachen aufgenommen und tolle Touren hinter uns gebracht. Mitte der Neunzigerjahre hat er aber begonnen, andere Dinge zu machen. Jahrelang hat er gearbeitet, um Teil von Giant Sand zu sein; als er schließlich fest dazu zählte, fing er aber an, hundert andere Sachen zu tun. Das wäre OK gewesen, solange wir es gemeinsam getan hätten. Aber er beteiligte immer nur John. Damit entstand ein Ungleichgewicht. Er war zehn Jahre jünger und viel ehrgeiziger, als ich es jemals gewesen bin. Die Tour mit PJ Harvey war so etwas wie der letzte Strohhalm. Damals habe ich festgestellt, dass es nicht so weitergehen konnte, dass Giant Sand vor dem Ende standen. Der Joe, den ich von her früher kannte, hätte begeistert zugesagt. Er wollte aber lieber Calexico sein. Ich musste also die Band komplett neu aufbauen. Weißt du noch, wann das war?
Äh, Anfang März 2001?
Oder eher Februar? Jedenfalls, zu jener Zeit. Es kamen zwei Sängerinnen aus Frankreich und zwei Mitglieder von Grandaddy hinzu. München war eines der letzten Konzerte der Tour, wir hatten auch ein paar Lieder aufgenommen und hatten unseren Klang gefunden. Wir brannten richtig! Jedenfalls, Joes Tour mit Calexico war zu Ende, er kam her gerannt und dachte wohl, "die paar Lieder kenne ich, kein Problem". In Wirklichkeit hat er alles verschissen, all die kleinen Arrangements, die wir entwickelt hatten, kannte er ja gar nicht. Er hat mich total aus dem Konzept gebracht, den Rest der Band auch, er war einfach nervig. Ich habe keine Ahnung, was er sich dabei gedacht hat. Erst wollte er nicht, und als er mit seinem Ding fertig war, wollte er plötzlich doch. Vielleicht hat er es nicht mit Absicht getan, aber es war scheiße von ihm.
Dennoch seid ihr anschließend noch einmal zusammengekommen und habt "Cover Magazine" aufgenommen.
Ja, "Cover Magazine" war so etwas wie eine lustiger Abschied. Ich wusste, dass etwas vor dem Ende stand, meine Lieder hatten kein Vertrauen mehr in diese Leute, besonders nicht in Joe. Sie standen nicht zur Verfügung, ich wollte aber etwas spielen, irgendwas, und begann, nach Covers zu suchen. Einfach so, um Spaß zu haben. Ich fand es lustig, die anderen auch, dann war es vorbei.
Ihr seid also nicht im Streit auseinander gegangen?
Oh nein. Giant Sand waren schon immer wie eine Familie, eine Brüderschaft. John hat ein Kind, ich habe drei und sie sind alle eng befreundet, was dieses Gefühl noch verstärkte. John und Joe sind ja nach Tucson gezogen, als wir miteinander spielten. Dort hat alles angefangen, auch Calexico und ihr Erfolg. Am Anfang fand ich es gut, denn wir hatten immer Probleme, genug Geld zusammenzukriegen. Deshalb haben wir ja auch so viele Platten gemacht, einfach, um überleben zu können. Der Erfolg brachte jedoch negative Energie in jene Kreatur, die sie erschaffen hatte. Ich bin zwar nicht gerade zielstrebig, brauche aber eine Balance, um zu funktionieren. Viele Dinge passierten, die ein Ungleichgewicht in die Band brachten, vor allem durch Joe. Aber es gab keinen Streit, es hörte einfach auf. John schaut immer noch vorbei, er besucht mich mit seinem Kind auch mal in Dänemark. Joe war allerdings schon seit mindestens sechs Jahren nicht mehr bei uns.
In "Hood (View From A Heidelberg Hotel)" nimmst du Bezug auf die schwierige Situation: "Brothers are not brothers anymore", heißt es da an einer Stelle.
Ja, das deutsche Lied. Es war einer jener Tage, an denen alles zusammenkommt. Ich liebe diese Kerle, und es verletzte mich, dass wir nichts mehr zustande kriegten. Ich war traurig und niedergeschlagen und fing an, auch an andere komische Dinge zu denken.
Der letzte Vers, "My brotherhood got me singing like Gordon Lightfoot", hat mich laut zum Lachen gebracht ...
Mich auch! Zum Schluss dachte ich mir, es wird schon alles OK, solange Gordon Lightfoot vorbeikommt und mich besucht, haha.
Tja, schade, dass er vor zwei Jahren einen Schlaganfall hatte. Dafür kommst du in Italien zu Ehren, wo die Sängerin Nada den Opener "Classico" interpretiert. Apropos Italien: das Album enthält auch ein Lied über Neapel.
Ja, denn ich liebe diesen Ort! Ich hoffe, dass "Napoli" wenigstens ein bisschen der Leidenschaft dieser Stadt gerecht wird. Ich habe zwei Mal dort gespielt. Einmal war es eine größere Veranstaltung, das zweite Mal in einem Theater. Beide Male war ich vollkommen fasziniert. Es war mir richtig schwindelig, allein beim Überqueren der Straße. Und das Essen! Die Leute! Die Frauen! Eine lud uns zum Essen ein, um vier Uhr morgens. Wir gingen zu ihrer Mutter in die Wohnung, und sie kochte für die ganze Band. Das war nur eine von vielen wunderschönen Episoden.
Du scheinst es ja ähnlich zu halten und führst ein öffentliches Leben: Dein Haus in Tucson ist immer wieder auf deinen CD-Covern zu sehen, du schreibst persönliche Texte, Angaben über deinen Wohnort sind problemlos im Internet zu finden. Geht dir das nicht auf die Nerven?
Na ja, ich bin nicht so berühmt, dass ich mir darüber Gedanken machen müsste. Das ist einer der Vorteile, wenn man nicht den riesigen Erfolg hat.
Dennoch besuchen dich bestimmt öfters mal Leute, die dich sehen oder mit dir reden wollen.
Ja, manchmal klingelt es an der Tür. Letztes Jahr kam ein junges Pärchen aus Deutschland vorbei. Es war mitten im Sommer, und sie trugen lange, schwarze Kleidung. Wir mussten sie aus der Sonne retten. Kurz, bevor ich hierher gekommen bin, kamen zwei Engländer vorbei. Aber ich finde das süß. Sie tun das, was ich in ihrem Alter auch tat: Einfach mal zu einem bestimmten Ort reisen und schauen, was passiert. Vielleicht trifft man ja auf Neil Young, oder wen auch immer, und wenn nicht, hat man trotzdem Spaß gehabt.
Du bekommst bestimmt viele Demotapes zugesteckt.
Ja, auf jeder Tour entsteht ein netter Haufen. Ich versuche auch, sie mir alle anzuhören, aber es ist schwierig, vor allem, wenn ich solo unterwegs bin. Ich versuche auch, mit immer weniger Gepäck auszukommen. Irgendwann ist der Stapel so groß und schwer, dass er nirgendwo mehr hinpasst. Fürs anhören habe ich keine Zeit, wegwerfen will ich sie auch nicht, also schmeiß ich erstmal die Hüllen weg. Wenn ich dann wieder zuhause bin und die CDs nicht allzu verkratzt sind, setzte ich mich hin und höre sie im Schnellverfahren an. Ist etwas dabei, das mich irgendwie berührt oder aufhorchen lässt? Ist etwas Neues dabei? Egal, was es ist, wenn es mich interessiert, höre ich weiter, ansonsten kommt die nächste rein.
Immerhin hast du so die Karrieren von Grandaddy und Matt Ward gestartet. Hast du Pläne, bei deinem Label OW OM auch andere Künstler außer dich selbst und Giant Sand unterzubringen?
Ja, ich habe mir Gedanken darüber gemacht, aber so weit bin ich noch nicht, weil es viel Arbeit erfordert. Demnächst bringe ich ein Album von Naim Amor heraus. Er ist Franzose und hat auch schon mit Calexico zusammengearbeitet. Ein toller Musiker. Seine Frau hat den Text zum Stück "Les Forçats Innocents" geschrieben, das auf dem neuen Album enthalten ist.
Im Oktober bist du drei Wochen lang in Europa unterwegs, um das Album zu promoten. Du wirst fast jeden Abend spielen. Wie machst du das nur? Mit dem Tour-Bus?
Ich habe keine Ahnung. Ich werde alt und schrullig. Ich weiß nicht, ob ich es überstehe, so zu touren, wie wir es früher getan haben. Ich muss mir noch was einfallen lassen.
Das letzte Konzert spielt ihr in Bush Hall, London. Ist es nicht komisch, an einem Ort namens Bush aufzutreten, einen Monat vor den Präsidentschaftswahlen in den USA?
Hahaha, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Mann, ich hoffe nur, dass er es nicht packt. Es würde eine Revolution geben.
Wirklich?
Es würde mich nicht überraschen.
"Is All Over The Map" erscheint am 14. September 2004
Das Interview führte Giuliano Benassi
Tuscon (2012)
Provisions (2008), Spun Some Piano (2008), Provisional Supplement (2008), Upside Down Home 2007 (2007), Sno Angel (2006), Arizona Amp And Alternator (2005)
Ogle Some Piano (2004), Cover Magazine (2002)
Chore Of Enchantment (2000), Backyard Barbecue Broadcast (1995), Goods And Services (1995), Glum (1994), Stromausfall (1993), Purge And Slouch (1993), Center Of The Universe (1992), Ramp (1991), Swerve (1990), Long Stem Rant (1989), Giant Sandwich (1989), The Love Songs (1988), Storm (1987), Ballad Of A Thin Line Man (1986), Valley of Rain (1985)
| Fr | 23.08.2013 | Giant Sand Hamburg (Knust) |
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