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Wer als Tochter der ersten Rock-DJane Montreals und eines anarchistischen Kolumnisten/Politikers das Licht der Welt erblickt ... der muss eigentlich verrückt werden. Oder Rockstar.
Die am 17. März 1972 in Montreal/Kanada geborene Melissa auf der Maur (ihre Familie hat Schweizer Wurzeln, darum der Name) wächst in einer englisch sprechenden Partykommune im französischen Teil Kanadas auf. Zu ihren Freunden gehören Leonard Coens Kinder Adam und Lorca sowie der Singer/Songwriter Rufus Wainwright. Als Kleinkind zieht sie mit ihrer Mutter nach Europa, dann nach Marokko und Kenia. Dort wohnt sie mit einem Freund ihrer Mutter, der dort das Verhalten von Schimpansen erforscht, in einer kleinen Hütte. Als Melissa mit knapp zwei Jahren zum dritten Mal Malaria bekommt gehen sie endgültig zurück nach Kanada.
Mutter auf der Maur tut alles, um ihrer Tochter die Welt des Rock'n'Roll näher zu bringen: Wenn sie Interviews mit Größen wie Zappa macht, zeigt sie Melissa die Fotos, die sie dabei schoss. Die Kleine ist begeistert von dem, was sie zu sehen bekommt. Anstatt daraufhin zu beschließen selber Rockstar zu werden geht sie erst einmal auf die performing arts Schule "F.A.C.E.", die "Hippie-Version der berühmten 'Fame'-Akademie", wie sie es heute nennt. Dort lernt Melissa unter anderem Chorgesang, Klavier und Trompete. Nach einem verrückten Traum, in dem unter anderem die Wüstenrocker Kyuss vorkommen, beschließt sie, Bass zu lernen. Im selben Jahr sieht sie ein Smashing Pumpkins-Konzert in einem kleinen Punkclub in Montreal. Ihr Mitbewohner beginnt einen Streit mit Billy Corgan und Melissa stellt sich als "Schlichterin" dazwischen.
Mit 20 Jahren gründet sie mit ihrem Freund die Band Tinker. Sie haben gerade zehn Songs geschrieben und ein paar Mal vor wenigen Leuten gespielt, da sieht Melissa, dass die Pumpkins wieder in Montreal spielen. Sofort schreibt sie einen Brief an die im Booklet der "Siamese Dream" angegebenen P.O.-Box: "Dear Billy, do you remember me? I finally got my band together. Can we open up for you when you come to Montreal?".
Wie es sich für eine kleine Prinzessin gehört hat es geklappt: Tinker eröffnen das Smashing Pumpkins Konzert in Montreal. Nach der Show soll Billy Corgan zu Melissa gekommen sein und ihr gesagt haben: "You've got it". So far. Melissa studiert im letzten Jahr Fotografie und spielt nebenbei in ihrer Band. Als kurz nach dem großen Gig Billy bei ihr anruft und sie fragt, ob sie in der Band Hole seiner Freundin Courtney Love (deren Bassistin kurz zuvor an einer Überdosis gestorben war) einsteigen wolle, sagt Melissa erst mal nein.
Corgan versucht sie zu überreden, letzten Endes ist es ein Anruf von Miss Love-Cobain persönlich, der Melissa überzeugt: Sie fliegt nach Seattle zu Hole. Nach diesem Besuch lässt die Kanadierin ihre Heimat hinter sich und steigt bei Hole ein, gerade rechtzeitig, um mit auf Tour zum Album "Live Through This" zu gehen. Darauf hin ist Melissa 18 Monate lang on the Road.
Für das folgende Hole-Album "Celebrity Skin" schreiben nicht mehr nur Courtney Love und Gitarrist Eric Erlandson die Songs, bei 10 der 12 Stücke ist Miss auf der Maur am Songwriting beteiligt. Außerdem komponiert sie Songs für das Comeback der New Wave Band The Cars, beteiligt sich an den Aufnahmen zum Album und geht mit der Band auf Tour.
1999, nur ein Jahr nachdem "Celebrity Skin" in den Läden stand, verabschiedet sich Melissa von Hole. Sie will solo weiterkommen. Doch daraus wird nichts: Bassistin D'Arcy steigt bei den Smashing Pumpkins aus, woraufhin Billy sich an seine Freundin Melissa wendet. Sie soll als Ersatz bei der "Machina"-Tour mitspielen. Und so wird sie neue Bassistin der Pumpkins, die sich allerdings ein Jahr später auflösen.
Anschließend läuft sie auf Modenschauen, modelt für Magazincover und widmet sich wieder mehr der Fotografie. Mit Vorliebe schießt sie Selbstportraits, da sie ein "visuelles Tagebuch" führt. Doch von der Musik kommt sie nicht los. Anfang Februar 2002 hat Melissas Black Sabbath-Tribute-Band Hand Of Doom Livepremiere im New York City Club. "Das war das Lustigste, was ich je gemacht habe", schwärmt sie danach im Interview. Daneben hat sie einige Coverversionen für verschiedene Soundtracks aufgenommen. Unter anderem "Should I Stay Or Should I Go" von The Clash, das in Oliver Stones Film "Beyond Borders" erklingen wird.
Zehn Jahre hat sie darauf gewartet. Nun hat sie ihr Soloalbum fertig. Die Liste derer, die ihr dabei unter die Arme greifen, ist lang. Unter anderen greifen ihr James Iha (Ex-Smashing Pumpkins), Josh Homme und Nick Olivieri (beide Ex-Kyuss, Queens Of The Stone Age), Twiggy Ramirez (A Perfect Circle, Ex-Marilyn Manson) unter die Arme, und das sind noch nicht alle! Die Songs hat Melissa während ihrer Zeit vor und bei Hole und den Pumpkins geschrieben. Auf dem Album singt sie, spielt Bass und Gitarre. Die Aufnahmesessions sind selbst finanziert, produzieren hat Chris Goss (u.a. Queens Of The Stone Age). Wirklich stolz ist Melissa, wenn sie das Album vor Publikum vorstellen darf. Ihre erste Solo-Tour bestreitet sie im Vorprogramm von A Perfect Circle.
Nach einer ausgiebigen Tour mit ihrem Debüt werden ihr aber einige Stolpersteine in den Weg zur erfolgreichen Solokarriere gelegt. 2006, als ihr Nachfolger "Out Of Our Minds" fast fertig produziert ist, feuert ihr Label EMI beinahe alle daran beteiligten Mitarbeiter. Beinahe sieht sie sich gänzlich aus dem Musikbusiness wegkatapultiert.
Vom Label im Stich gelassen wendet sich der Unabhängigkeit zu und zeigt unbändige Kreativität. "Out Of Our Minds" entwickelt sich nebst des Albums zu einem bildgewaltigen Multimediaprojekt: Melissa produziert mit Hilfe ihrer Freunde einen Kurzfilm, ein Comicbuch und eine dazugehörige Homepage. Das Album verändert sich dabei von Grund auf. Sechs Jahre nach ihrem Erstling gelingt ihr 2010 schließlich mit "Out Of Our Minds" der verdiente Befreiungsschlag als Solokünstlerin.
Über "Out Of Our Minds" und die Wiedergeburt von Kreativität aus der Asche der Musikindustrie.
Samstag Nachmittag, der erste Schnee lässt zögerlich laufen und es ist zwar noch nicht so finster, aber ach so bitter kalt. Kurz frage ich mich, ob der Tourbus wohl überhaupt durch den Wintereinbruch gekommen ist, da piepst mich auch schon eine SMS an, dass wir das Interview ein paar Minuten nach hinten schieben müssen.
Ich tappse mit kalten Füßen die Minuten tot. Am Tourbus angekommen empfängt mich Tourmanagerin Anna, die mich freundlich hinein bittet. Ob ich Kaffee möchte? Und wie! Melissa auf der Maur sagt Hallo und weist mich gleich darauf hin, das die deutschen Tourbusse die besten sind, denn da tut die Kaffeemaschine das was sie soll, und trinkbar ist das Ergebnis auch. Ich freue mich, dass sie sich freut.
Melissa war soeben bei byte.fm für ein Live-Interview und ist noch voll im Redeflow. Schnell zeigt sie mir noch einen Iphone-Schnappschuss ihres Hamburger 'Winter-Wonderland' das sie aus dem Studio im Feldstraßen-Bunker erspäht hat, der Hamburger Dom von oben in puscheligem Weiß. Hübsch, sieht aber aus wie München, das Hamburg da auf dem Bild. Das Eis ist somit also gebrochen, und ich beschließe, das Interview mit einer hochphilosophischen Frage zu eröffnen.
Wie läuft die Tour?
Sehr gut. Wir kommen gerade aus Helsinki, mit dem Konzert dort haben wir die Hälfte der Tour hinter uns. Für mich ist das unglaublich. Die "Out Of Our Minds"-Tour ist ein Feuerwerk am Ende eines sehr sehr langen Tunnels, nach etlichen Jahren.
Ein Tunnel?
Ja, eine unterirdische Hobbit-Höhle, ganz tief unten, ein undurchdringlicher Dschungel.
("Out Of Our Minds" ist nicht nur ein Album, es gibt einen 30-minütigen Film nach dessen Motiven, auch einen Comic. Melissa schreibt regelmäßig in ihrem Blog, und twittert ebenso fleißig. Aber wo hat sie die letzten Jahre gesteckt? 2004 erschien ihr letztes Album)
An anderer Stelle hast du das mal einen kreativen Kokon genannt.
Genau so etwas war es. Ich würde es aus heutiger Sicht nicht anders machen, und musste da wohl auch aus den unterschiedlichsten Gründen durch, persönlich, kreativ, spirituell, professionell, einfach alles. Ich musste mit allem aufräumen, alles rausschmeißen. Ich habe systematisch ausgesät, um dann zu sehen was daraus wächst. Und die ganze Zeit war ich mir dessen bewusst, und dachte: 'Wow, schon wieder ein Jahr rum.' Und natürlich stieg mit jedem Jahr die Angst, dass ich da nicht mehr raus kommen würde. Aber jetzt ist 2010, und die ganze Tour ist der mit Abstand aufregendste Teil meines Kokons. Diese sieben Wochen sind der größtmögliche Dank für all die Arbeit die ich hatte. Auch weil jetzt die Ergebnisse der ganzen merkwürdigen und extremen Entscheidungen die ich zu treffen hatte, zu sehen sind: das Label verlassen, das Management, den Agenten, neu anfangen ...
Du hast jetzt dein eigenes Label gegründet.
Genau, und auch als Künstlerin habe ich die Dinge immer weiter gepusht, mich tiefer in die Arbeit am Film gegraben, was dann wieder das Album besser gemacht hat.
Film und Album haben sich gegenseitig beeinflusst?
Ja, das war wirklich spannend, das war großartig. Die beiden waren ja die ganze Zeit in meinem Kopf, also hab ich mich ... die Tour von meinem ersten Album ging zu Ende, das war Weihnachten 2004. Ab Januar 2005 hab ich mich hingesetzt und an dem neuen Album gearbeitet.
Das war vor fünf Jahren!?
Ja, das waren ziemlich anstrengende fünf Jahre. Ich habe drei Jahre lang kein Konzert gegeben, nachdem ich zuvor fast zehn Jahre lang auf Tour war. Aber auch das hab ich gebraucht, aus unterschiedlichen Gründen. Ich hab mich hingesetzt und mein nächstes Soloalbum geschrieben, und augenblicklich wusste ich, dass ich auch einen Fantasy Film machen wollte, und einen Comic der das Album begleiten soll. Aber zuerst musste ich Songs schreiben, um die Story zu finden.
Also hab ich ca. neun Monate lang geschrieben, nachgeforscht, geschlafen, Filme geschaut, Musik komponiert, Bücher gelesen ... ich hab gegraben und gebuddelt, wie auf einer Jagd nach dem, was schließlich das Zentrum des ganzen Projekts werden sollte. Ich wusste das ich ein Konzept-Album machen wollte, und brauchte das Thema dafür, das ich dann letztendlich in dem Song "Out Of Our Minds" gefunden habe. Dieser Song war zuerst da, obwohl ich auch an anderen Stücken geschrieben habe. Aber als dieser Song zu mir kam, da wurde durch die Art und Weise wie es geschah klar. Es gibt bestimmte Songs die dich anspringen, und du denkst nur 'Oh!', und du weißt, dass irgendwas in diesem Moment ganz klar aus einer anderen Welt zu dir gekommen ist und dir gezeigt hat wo es jetzt lang zu gehen hat.
Manchmal ist das viel persönlicher, menschlicher, aber das war so ein starker Moment in dem ich gesehen habe dass ich ... ich meine, mir war klar was ich erzählen wollte, und es musste eine allumfassende Geschichte sein. Ich wollte keine Geschichte von irgendeinem Mädchen im 21.Jahrhundert erzählen ...
... das im Wald herum läuft ...
Ganz genau.
(Wer das Video zu "Out Of Our Minds" kennt, hat schon ein paar Eindrücke des Films bekommen. Beiden ist ein düsterer Wald gemein, in dem Melissa via Autounfall strandet. Nicht nur Melissa blutet im Verlauf der Geschichte immer mehr, auch die Bäume existieren teils nur noch als bluttriefende Stümpfe.)
Ich musste die Geschichte dadurch finden, dass ich nun mal eine Frau im 21. Jahrhundert bin, die Mythologie, Musik und Kunst liebt. Ich musste mich durch meine ganzen Leidenschaften wühlen um das universale Thema zu finden. Dann hab ich mich hingesetzt und mehr oder weniger das ganze Album geschrieben und aufgenommen. Das war 2007, und genau zu diesem Zeitpunkt hat Captiol Records ... an einem einzigen Tag wurde jeder gefeuert. Ich hatte an diesem Punkt aber schon mit ihnen gesprochen, das Album sollte gemischt werden und ich wollte mich um den Film kümmern. Die Leute dort schauten mich nur an, als ob ich verrückt wäre, von was ich denn bitte reden würde, es ginge doch um ein Rock-Album, und nicht um einen Film und ein Comic.
Major Label sind nicht gerade für ihre Experimentierfreude bekannt.
Nein, ganz und gar nicht. Allerdings glaube ich das heute, 2010, jeder von ihnen begeistert wäre wenn ein Künstler käme und sagt: 'ich werde einen Comic zu meinem Projekt heraus bringen.' Aber 2007 muss sich das für die total kompliziert und schräg angehört haben. Für mich persönlich war der Pleitegang des Labels eigentlich eine Fügung des Glücks. Gerade als ich dabei war, das Album fertig zu machen, wurde jeder gefeuert, die Hälfte der Belegschaft musste gehen, und genau da geschah das Beste: ich war für ein Jahr in einer Warteschleife gefangen in der ich meine Musik nicht anfassen konnte, denn die Anwälte beider Seiten mussten erst einmal entscheiden, wer denn die Rechte daran hat, ein Teil war ja vom Label bezahlt worden.
Und genau zu diesem Zeitpunkt treffe ich wie durch Magie den Regisseur Tony Stone, der mein Projektpartner wurde. Ich hatte gerade nach einem solchen Partner gesucht und vertrieb mir die Zeit vor der Arbeit am Film damit, mir junge Regisseure anzugucken. Und in New York traf ich auf Tony, der gerade dabei war seinen ersten großen Film zu machen. Der Film ist sogar hier in Deutschland erhältlich, aber er hat miserable Kritiken bekommen. Ich finde ihn einen der coolsten Filme die je gemacht wurden. Es ist ein Independent-Film über Wikinger, "Severed Ways: The Norse Discovery Of America", sehr low-fi. Er vermischt mit Digitaltechnik einen dichten Wald mit Wikingern, und der Soundtrack ist Black Metal, Brian Eno und Judas Priest, daher fragen wohl die Deutschen: was soll das denn sein? Aber ich hab den Film gesehen und finde, das er das Moderne und Historische auf sehr eigenständige und faszinierende Art miteinander in Verbindung bringt und mit Fantasy und einer ganz eigenen Geschichte zusammen führt. Es geht um zwei Wikinger auf ihrer Reise nach Hause, nach Vinland, wo auch immer Vinland ist, die aber in der heutigen Zeit zurück gelassen werden. Der ganze Film basiert auf der Vinland-Saga.
Ich habe den Film genau zu dem Zeitpunkt gesehen, als die Katastrophe mit dem Label los ging, also hab ich mir gesagt: ich hab keine Ahnung was mit meinem Album passieren wird, also gilt für ein Jahr: Tschüss Album. Und dann sind wir in die Wälder gezogen und haben "Out Of Our Minds" den Film gemacht. Und nach einem Jahr Arbeit an dem Film, in den Wäldern ... die Arbeit mit den anderen Künstlern, mit Special Effects Leuten, zu lernen wie ich eine Geschichte erzählen kann die ich in einem Song entwickelt habe, und diese mit der Sprache des Films zu verbinden ... es war genau das was ich als Künstlerin gebraucht habe, um nicht mehr die Wege nutzen zu müssen auf denen ich bisher meine Arbeiten entwickelt habe. Ich tauchte in eine sehr sehr intensive produktive Phase ein, und als ich da wieder raus kam kehrte ich zu meinem Album als eine vollkommen erneuerte Person zurück. Ich habe das Album beendet, und bin der Meinung das es viel besser geworden ist als es vor dem Film war. Die Arbeit hat meine Perspektive komplett verändert.
Hast du dich selbst wie ein zurückgelassener Wikinger gefühlt?
Nicht nur in diesem Moment, ich habe mich schon immer wie ein zurückgelassener Wikinger gefühlt. Schon seit ich ein kleines Mädchen war, habe ich mich entweder in Richtung Universum oder in Richtung mythologischer Krieger gewandt, wenn ich etwas gesucht habe, das mir Stärke gibt.
Oh, es war unglaublich. Phänomenal. In den fünf Jahren, in denen ich hauptsächlich in meinem Kokon lebte, hab ich nur an einem Ort ein Konzert gegeben, 2008, in Skandinavien. Ich habe wirklich ein unglaublich spezielle Verbindung zu Norwegen und Finnland. Und die existierte auch schon lange bevor ich den Film gemacht habe. An einer Stelle in meinem Set, bei "22 Below", frage ich ob Kanadier im Publikum sind, und wenn keine Kanadier da sind, dann frage ich eben nach Skandinaviern. Irgendwie sind unsere Persönlichkeiten sehr ähnlich, wir haben ähnliche Wurzeln, und ich liebe ihre Mythologie, das Leder und den Metal der Wikinger. Wenn man sich die nordische Mythologie anschaut, ihr Göttersystem, und die heidnischen Rituale, also für mich kann es nichts besseres geben. Irgendwie muss ich schon immer instinktiv gewusst haben das ich damit in Verbindung stehe. Das Physische und das Spirituelle miteinander in Verbindung, Erde und Geist zusammen.
So wie das Thema deines Albums, vom Außen ins Innen nach dem Herz greifen.
Als ich nach diesem universellen Thema für das Album gesucht habe, und im Chorus von "Out Of Our Minds" geschrieben habe: "Travel out of our minds, into our hearts, standing by", weißt du, das heißt nicht nur geistig trifft auf körperlich, das ist ein so ursprünglicher Gedanke, einer auf den jede Religion aufgebaut ist, wie Adam und Eva und diese Idee vom Garten Eden, und plötzlich vergiftest du dich. Wir bestehen aus diesen beiden Seiten und sie sind gleichberechtigt. Unser physisches Sein, unser geistiges Sein, unser maskulin und feminin, da gibt es eine wirkliche Schönheit in der Verbindung von beidem. Aber wenn eine der beiden Seiten wächst und die andere zu erdrücken droht, dann passieren schreckliche Dinge, das erzählen auch schon die alten Dichter. Wenn du einen Teil von Dir versteckst, dann wird dieser Teil versuchen alle anderen zu zerstören. Darüber reden die Leute seit hunderten von Jahren, das bin jetzt nicht nur ich. Und ich bin mir sicher, dass irgendwas da draußen zu mir gesagt hat, dass ich über diese Dinge intensiver nachdenken muss, innerhalb des Rocks, der Mythologie, der Fantasy, der Musik, und im 21. Jahrhundert.
Das habe ich auch im Vorfeld versucht unter einen Hut zu bringen. "Out Of Our Minds" ist ein Album, das sich beim ersten Hören verschlüsselt präsentiert, und erst nach und nach erschließen sich die Zusammenhänge der Lieder. Die Texte springen von poetischen Bildern zu konkreten Aussagen, die musikalischen Strukturen scheinen sich gegenseitig zu jagen.
Das ist auch was Du im Chorus von "1000 Years" meinst: "We've been singing the same song for over a thousand years".
Ja, genau, hey, du hast deine Recherche gemacht, danke sehr.
Bitte sehr. Ich habe deine Texte noch einmal gelesen.
Wo hast du sie gelesen, im Album, oder wurden sie dir zur Verfügung gestellt?
Äh ... auf einer Fanpage.
Sehr gut. Ich sollte sie auch auf meiner Seite hochladen.
Wenn man die zwei Songs ("Out Of Our Minds" und "Meet Me On The Dark Side") miteinander verbindet, zeigt sich ein Zusammenhang: "back to our hearts, from the outside ... and meet me on the dark side, enter from the inside ...
Ja, du scheinst dich mehr mit den Texten beschäftigt zu haben als irgendwer, mit dem ich dieses Jahr gesprochen habe.
An dieser Stelle stupst sie mich kurz an, offensichtlich erfreut, sich darüber austauschen zu können. Ich fühle mich geschmeichelt und rette mich ins Detail.
Also treffen wir uns alle 'on the inside?'
Ja, und auch das Dunkle treffen wir da. Das Eigentliche ist doch, das wir unserem Kopfdenken viel zu viel Raum gelassen haben. Wir haben diese vollkommen äußerliche Welt aufgebaut, die unser Herz extrem zu überfordern scheint. Aber auch in unseren Herzen gibt es ein dunkles Zerren das jederzeit die Oberhand gewinnen kann. Das hängt damit zusammen, dass wir so unterdrückt sind und es uns selten gestatten, das Herz zuzulassen, um uns den Weg zu weisen. Also fängt das Herz an zu rebellieren, es will gehört werden. Ich habe ja in meinem Leben Jahre unter sehr düsteren Leuten verbracht, sowohl im privaten wie auch im kreativen. In den Bussen, weißt du, ob das jetzt Drogen waren, oder Selbsthass, oder Selbstzerstörung ... ich habe viel Zeit in der Nähe des Dunklen verbracht. Und ich bin auf jeden Fall jemand, der von der Liebe her kommt. Die Umgebung in der ich aufgewachsen bin, war sehr privilegiert, nicht im Finanziellen, gar nicht, aber im Kulturellen, Emotionalen, Spirituellen und Gesundheitlichen.
Du hattest viel Freiheit?
Ja, Freiheit und Liebe, 'Sei einfach Du selbst!' wurde mir immer von meinen Eltern gesagt. Ich sagte 'Ich liebe Fotografie', und meine Mutter gab mir ihre alte Kamera, ich sagte 'Ich liebe Bass', und mein Vater kaufte mir einen $200-Bass. Es geht darum, auf seine Kinder zu hören und ihnen den eigenen Weg zu ermöglichen. Daher bin ich emotional eine ziemlich privilegierte Person, und aus welchem Grund auch immer habe ich Jahre mit Leuten verbracht, die als Kinder vernachlässigt wurden, oder sehr einsam waren, oder zurückgelassen, oder sich einer ziemlichen Dunkelheit zugewandt hatten. Ich hatte in meinem bisherigen Leben eine ziemlich interessante und intensive Beziehung zur dunklen Seite. Und in meiner privilegierten Welt aus Licht gibt es auch meine dunklen Seiten, so ist es ja nicht. Worum es mir in "Meet Me On The Dark Side" geht ist, dass es viel gefährlicher ist, so zu tun als hättest du keine dunkle Seite, als diese zuzugeben. Davon bin ich überzeugt.
Alle Songs auf dem Album stehen miteinander in Verbindung. "Out Of Our Minds" ist sicher das Mantra des Gesamten, und die anderen Lieder sind spezielle Ausdrücke dessen. "Father's Grave" ist eine solche Szene, der Totengräber und die Frau die ihren Vater verloren hat. Das ist eine ganz spezielle Erzählung, gesetzt in den größeren Rahmen. Und es geht dort wieder um die zwei Seiten, das Maskuline, die Männer, die die Leiche wegtragen, und das feminine Wesen, dessen Herz durch den Verlust des Vaters gebrochen ist. Also ist auch das irgendwie ein "1000 Years", die gleiche Geschichte wieder und wieder, innerhalb jedes kleinen und großen Zusammenhangs. Es ist die Geschichte einer Zeitreise, drei Welten finden parallel im gleichen Wald statt. Eine Gruppe sind die Wikinger, eine andere ein Holzfällertrupp aus dem 19. Jahrhundert, die mit ihren Äxten die Bäume zum Bluten bringen ...
Was ein sehr starkes Bild ist: die Äxte hacken sich in die Stämme, und das Blut spritzt. Da kann man natürlich auch Parallelen zu heute ziehen, z.B. Klimaschutz ...
Ja, es ist sehr Fantasy, aber gleichzeitig auch erschreckend real. Für mich ging es bei dem Film darum etwas auszuprobieren und es war eine unglaubliche Erfahrung. Ich mache Kunst, um sie zu teilen. Und das ganze Projekt soll auch dafür da sei es in neue, andere Communities zu bringen. Darum versuche ich auch den Film seit anderthalb Jahren nach vorn zu bringen. Ich war auf Film Festivals, Fantasy Conventions, in großen Museen, in kleinen Gallerien, bei Rock Shows ... ich habe ja große Erfahrung wenn es darum geht, Musik zu den Leuten zu bringen, live und in the flesh, das ist meiner Meinung nach immer noch der machtvollste Austausch, und für mich persönlich der wichtigste. Nachdem ich den Film gezeigt hatte, war immer eine der letzen Fragen: jetzt nachdem Du dich mit Film, Comic und Musik auseinandergesetzt hast, wenn Du wählen müsstest, was würdest du tun?
Da ist was dran, ich denke darüber nach. 2011 möchte ich mit verschiedenen Formen der Präsentation experimentieren.
Du wirst ein Stück entwickeln?
Ja, ich wurde als Ehrengast zu einem Festival in Kanada eingeladen, das sich normalerweise nur mit Dichtern, Theater, Tanz und Spoken Word Performances beschäftigt.
Welches Festival ist das?
Es heißt "Voice Of The Americas" und findet in Montreal statt. Sie haben nächstes Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum, und ich bin die erste Musikerin, die sie zum Ehrengast gemacht haben. Sie haben mir ein Theater zur Verfügung gestellt und gesagt: Wir wollen, dass du etwas anderes machst, etwas das mit deiner Musik verbunden ist, aber einer ganz neuen Struktur folgt. Für mich ist das total aufregend. Mit der Idee habe ich schon ein bisschen gearbeitet, und wir planen schon eine Tour in Italien, Spanien, Portugal, nicht nur in Konzertsälen, sondern in vielen alternativen Spielstätten, wie Renaissance-Theatern, mittelalterlichen Gebäuden oder alten Theatern, die vielleicht nur einen Beamer und die Möglichkeit für ein bisschen Playback haben. All das hat mir den vergangenen fünf Jahren zu tun, in denen ich beschlossen habe alles auszuprobieren, alles basierend auf der universellen Aussage des Albums. Diese Aussage ist: 'Lass mich mit jedem erdenklichen Werkzeug experimentieren das ich verknüpfen kann, lasst mich so vielen Leuten wie möglich davon erzählen, und alles in so vielen Arten und Weisen darstellen wie man sich ausdenken kann, klein oder groß spielt keine Rolle dabei.' Die Experimente sollen die unterschiedlichsten Wahrnehmungsmöglichkeiten des Themas abbilden.
Aber noch mal zurück zu diesem Moment im Museum. Sie fragten mich also: "Wenn Du dich für eine dieser Formen entscheiden müsstest, welche wäre das?" Und da ist meine Antwort ganz klar die Musik, denn es gibt da diese Verbindung vom Spieler zu seinem Instrument, und zwischen dem Zuhörer und dem Musiker. Diese Verbindung reibt sich permanent an sich selbst, das ist eine Kraft.
Die direkte Berührung.
Genau die ist es. Diese direkte Berührung die du nicht greifen kannst, wie etwas Magisches ... du kannst es nicht festhalten, aber du fühlst es augenblicklich. Das ist wirklich the most strange thing ever. Deshalb finde ich es auch wunderschön, dass die CD immer weniger relevant wird, und es wieder zum Live-Erlebnis zurück geht. Heute läuft ja so vieles über MP3, und das lässt sich nunmal nicht anfassen. Aber auch das real existierende Album ist nicht mehr das was es mal war. Die magische oder auch spirituelle Verbindung wird wieder im Live-Erlebnis stattfinden, wo Du die Musik und auch das Album direkt aus meinen Händen bekommst. Das ist was wichtig ist. Mein Label Roadrunner hat mir neulich gesagt, der Grund, warum ich nicht mehr Alben verkaufen kann ist, dass die Plattenläden es gar nicht mehr auf Lager halten, nur eine bestimmte Menge. Daher kann ich also gar nicht mehr als diese Anzahl Alben verkaufen. Es geht also auch da nicht mehr um das Verkaufen, denn wenn mehr Leute das Album dort kaufen wollen, dann können sie das gar nicht. Aber das ist ein blödes Thema. Schlussendlich sind die Musik und ihre Kraft das absolut Wichtigste. Ich habe aber auch Glück gehabt, ich habe wirklich tolle Erfahrungen mit Plattenlabels gemacht. Es ist nicht so, dass ich gegen Labels wäre.
Aber Erfahrungen mit ihnen hast du gesammelt, in jeder Hinsicht.
Ja, natürlich. Aber unterm Strich bin ich vor allem Musikerin, bevor ich irgendetwas anderes bin, sogar bevor ich eine Frau bin. Ich bin Musikerin, und dann bin ich noch das ganze andere Zeug, und ich war bei großen Labels, und ich habe Freiheit kennengelernt, und und und. Und mit großen Musikorganisationen habe ich auch gute Erfahrungen gemacht, denn oft arbeiten dort Leute die vor allem die Musik lieben. Ich habe das alles erlebt, ich war bei allem dabei, und ich habe mich sehr beeindrucken lassen. Das eigentlich Traurige ist doch, dass diese Leute immer weniger werden, da bei den Labels immer weniger Leute arbeiten. Gleichzeitig werden die Labels immer kleiner. Aber wir können ja unsere eigenen Labels aufmachen, und das wird dann gut.
Das Gesamtprojekt "Out Of Our Minds" befand sich also über Jahre in einem Dialog mit den verschiedensten Aspekten?
Ja, es ist das Zentrum und kreist im gleichen Moment auch um sich selbst. Ich hatte wirklich Glück, denn ich konnte im Laufe der ganzen Jahren einen Song immer weiter bearbeiten und ihn in verschiedenen Versionen entwickeln. Dazu kommen Dinge wie der Comic, die Shows, die Galerien und Museen, das Film Festival. Das ist alles ein großer Dialog, es ist als ob lauter Tentakel aus diesem einen Ding heraus gewachsen sind. Mein Blog ist auch einer der Tentakel, Twitter ist wieder eine Verlängerung des Blogs, und all das lässt sich immer wieder auf den gleichen Ursprung zurück führen.
Auf den gleichen Song ...
Ja! (lacht) Genau so ist es. Und auch ich als Künstlerin kann immer wieder zu diesem Projekt zurück kehren, kann die Referenzen darauf überall etablieren. Ich glaube, dass ich mit dem ganzen Projekt eine so große Fläche abstecke, dass es gar nicht um den Film oder das Album im Speziellen geht, denn ich kann von dieser Basis aus überall etwas entstehen lassen. Und ich habe mir selbst bewiesen, dass immer alles in meinen Möglichkeiten liegt, im Rahmen meiner Fähigkeiten. Um all das zu tun brauche ich kein Label und keinen Manager. Alles was ich brauche ist eine enge Bindung zu meinesgleichen, zu anderen Künstlern, zu Leuten die denken wie ich denke, oder dieses Denken unterstützen wollen. Auf diese Weise kann ich Dinge erschaffen die wirklich vom Herzen kommen, und z.B. durch den Blog kann ich alle Leute direkt erreichen, oder auch nur weil ich dieses kleine E-Commerce Ding auf meiner Homepage eingerichtet habe.
Und was das Tolle an dieser Tour ist, um noch mal auf deine Anfangsfrage zurück zu kommen. Zuerst einmal, dass ich so lange nicht auf Tour war, dass ich wieder auftanken muss, um mich wieder daran zu erinnern, warum ich das alles seit 15 Jahren, noch nicht ganz seit 1000 Jahren, mache, und immer weiter mache. Der Grund dafür ist das Feuer, das im direkten Austausch entsteht, zwischen Dir und mir, und dann kommt jemand anderes dazu und es wird ein neues Feuer, und jemand kommt am Abend zur Show, und der nächste Feuerball fliegt los, bis ich schließlich im Winter wieder nach Hause fahren kann, um in meinem Kokon darüber nach zu denken und mich erneut aufzutanken.
An dieser Stelle gibt Anna uns zu verstehen, dass der Soundcheck ansteht. Melissa greift auch diesen Ball gleich auf, sie hat sich wirklich warm geredet. Ich trinke den letzten Schluck Kaffee.
Roadrunner hilft mir mit vielen Dingen, aber letztendlich hab ich das Meiste allein gemacht. Noch gar nicht erwähnt habe ich den Wettbewerb, der überall herrscht, es ist ja teils schon schwer überhaupt ein Interview zu bekommen. Und 90% der Leute, die zu meinem Konzert kommen, wurden durch mich persönlich eingeladen, durch einen Song, oder durch die Ankündigung auf meiner Website. Was gleichzeitig auch eines der bewegendsten und wirklich revolutionären Dinge für mich ist. Ich musste mich allem entziehen, um den Ort zu finden, an den ich die Leute einladen kann, ich habe die Verantwortung übernommen, dafür, für meine Arbeit, und für den Dialog der jetzt entsteht. Und jetzt kann ich es spüren, auf der Bühne ist es radikal anders als zuvor, anders als 2004, anders als überhaupt jemals, auch mit den Pumpkins oder Hole war im Verhältnis alles weit weg. Damals waren wir ein Teil von einem gigantischen System, und ich selbst war eher eine Besucherin des Ganzen. Ich wollte immer tiefer mit der Sache verbunden sein, danach habe ich mich so sehr gesehnt, und jetzt ist es das erste Mal in 15 Jahren, dass ich mich als Künstlerin sehr sehr sehr tief mit einer Sache verbunden fühle.
Es ist das gleiche Gefühl, das ich als Fan hatte, als ich mit 19 diese Reise begann. Es ist das Gefühl, das ich in den Clubs hatte, mit 20 Leuten auf einem Konzert von Nirvana, Hole, den Pumpkins, Sonic Youth oder Jane's Addiction, als die erste große Welle meiner Generation hochkam und ich voller Begeisterung und Hingabe ein Teil von dieser engen Verbindung wurde. Die Stimmung, die herrscht wenn dir jemand auf Kassette die Vorabversion von "Nevermind" in die Hand drückt, und erst viel später hörst du es im Radio, das ist was mich hierher gebracht hat. Manchmal glaube ich fast, dass ich gerade versuche diese Atmosphäre wieder her zu stellen.
Fühlst Du dich als Pionier?
Ein paar Leute behaupten ich wäre einer, aber ich fühle eher das Gegenteil. Ich bin wie eine old fashioned person, die versucht die originäre Kraft wiederherzustellen, das ursprüngliche Gefühl, da bin ich vielleicht ein Pionier, in der Rückkehr zu dem direkten, speziellen, magischen Ding das damals passierte, das mich zur Musikliebhaberin machte. Man muss es aber neu aufbauen, wieder herstellen, denn es ist nicht mehr das Gleiche wie damals. Heute kann jeder auf einem kleinen Bildschirm alles mitbekommen, du kannst The Velvet Underground über eine Homepage kennenlernen!
Was der Sache definitiv ihren Charme nimmt.
Ja, ich bin sogar einmal ins Chelsea Hotel gefahren und hab den Typ in der Lobby gefragt, wie das war als die Factory-Leute hier rumhingen. Um etwas wirklich Spezielles herzustellen brauchst du oft einen ziemlich komplizierten Weg. Und was ich mit den ganzen Tentakeln meines Projekts machen will ist, den Leuten Optionen anzubieten. Sie können sich das alles mit einem Download holen, aber es ist doch wirklich spannender zu einer meiner Shows zu kommen und sich die DVD dort zu holen.
Ich glaube, dass wir gerade erst am Anfang einer Entwicklung stehen, das dies alles der Weg in die Zukunft ist. Wie gesagt, als ich 2007 meinem Label erzählt habe, was ich aufbauen will, haben sie mich ausgelacht. 2010 wollen mehr Labels solche Projekte, denn sie wissen jetzt, dass die Leute so etwas haben wollen. Was aber auch egal ist, denn wir brauchen sie nicht mehr um zu wissen was die Leute wollen. Menschen wissen, was sie wollen, und Künstler sind nunmal auch Menschen, und daher machen wir was die Leute wollen, und das ist dann das was ich will. Vor uns liegt eine unvorstellbare Zukunft, ermöglicht auch durch die zahllosen technologischen Entwicklungen, jeder kann sich seine magische Story in HD selbst herstellen und sie direkt zu den Leuten bringen, ohne einen Mittler nötig zu haben, ohne ein Budget. Wir müssen sehr hart daran arbeiten, aber das ist auch etwas gutes. Denn ohne Geld, ohne Förderer, nur mit dieser ganzen Technologie, müssen wir mutig, kreativ und progressiv sein, und das geht heißt auch, das nur die Starken und hart Arbeitenden es schaffen werden. Es wird uns einfach keiner diese Arbeit abnehmen. Und das finde ich gut. In den letzten zwei Jahren habe ich ein paar der coolsten Dinge meines Lebens erlebt, und was wird dann erst in zehn Jahren los sein? Wir sind auf dem richtigen Weg, um uns wieder zu erholen, kulturell und kreativ, und zwar nur, weil die Leute an vielen Stellen die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen. Und das hilft dann hoffentlich die ganzen Katastrophen in der Umwelt, der Wirtschaft und der Politik zu überleben.
Am Ende ihres Konzerts konnte man tatsächlich aus Melissas Händen CDs, DVDs, Plakate etc bekommen. Sie nahm sich die Zeit, mit zahlreichen Leuten zu plaudern, Autogramme zu geben, oder die von einem kanadischen Künstler handgemalten Plakate zu erläutern. Das Interview führte - nach eigenen Angaben mit leuchtenden Augen - Christian Reichel.
Es scheint, als seien Melissas Jahre bei Hole und den Smashing Pumpkins eine Söldner- und Lehrzeit gewesen. Nun windet sich die Bassistin aus ihrer alten Rolle und strahlt als Frontfrau.
Als ich Melissa entdecke, sitzt sie ziemlich geschafft auf dem Sofa einer Dortmunder Hotel-Lobby. Sie wolle nur kurz ein Abendessen bestellen, komme gleich zu mir. Eher geschäftig als hektisch wuselt Melissa durch das Restaurant, bevor wir uns gemeinsam an einen Tisch setzen. Selbst erschöpft und hungrig sieht sie noch umwerfend aus. Melissa ist eine angenehme Gesprächspartnerin, die gerne und viel erzählt. Immerhin ist ihr Solo-Debüt ein Baby, mit dem sie zehn Jahre schwanger ging. Am Tag des Interviews hat Melissa ihr erstes Deutschland-Konzert.
Hast du das Material schon mal vor Publikum gespielt?
Nein, wir haben vor einem Monat angefangen zu proben und haben ein paar Mal in Kanada gespielt. Wir haben einige Konzerte in wirklich kleinen Clubs gegeben, da sind meine Familie und Freunde vorbei gekommen. Aber hier sehen uns zum ersten Mal Fremde. Und die Band hat noch nie in Deutschland gespielt. Alle sind ganz aufgeregt.
Wie hast du die Band zusammen bekommen?
Diese Band ist nur meine Live-Band. Ich habe mein Album mit einer Fantasieband, die aus 20 Leuten bestand, gemacht. Ich habe verschiedene Leute für verschiedene Sachen gebraucht. Und dann musste ich eine Band zusammen kriegen, mit der ich auf Tour gehen kann. Grundsätzlich wollte ich gute Musiker finden, die noch nie außerhalb ihrer kleinen "local Community" getourt sind. Also sind alle Vier viel enthusiastischer als jeder andere Musiker, der schon mal durch Europa getourt ist. Einer der Gitarristen ist zum Beispiel einer meiner ältesten Freunde, mit dem ich schon vor zehn Jahren in Montreal in einer Band gespielt habe. Es ist eine gute Gruppe engagierter Musiker.
Du hattest gar keine festen Musiker auf deinem Album, oder?
Nein, ich hatte keine Band. Als ich mich entschloss, mein Album zu machen – nachdem ich mir ein Jahr vom Musik machen frei genommen hatte ... Ich war fünf Jahre bei Hole und eins bei den Smashing Pumpkins, und ich hatte zwei Welttourneen in Folge hinter mir – "Celebrity Skin" und das letzte Pumpkins-Album. Also, nach zwei Jahren auf Tour wusste ich nicht mal mehr, was Musik überhaupt noch war. Und ich wusste nicht mehr, was normales Leben, ohne die Struktur des Tourens war. Also habe ich ein Jahr frei genommen.
2001 habe ich ein Apartment in New York gemietet und versucht, dahin zurück zu kommen, was Musik mal für mich bedeutet hat. Das war so unschuldig. Ich wollte wieder Musik machen, um Musik zu machen. Als ich mich entschieden habe, ein Album aufzunehmen, beschloss ich, das ganz alleine zu machen. Ohne Manager, ohne Finanzierung durch irgendjemanden. Also hab ich alles selbst bezahlt, geschrieben, produziert, organisiert. Ich habe die Studios selbst gebucht und so weiter. Ich wollte die Platte machen, um die Platte zu machen. Ich wusste nie, ob ich es nun veröffentlichen würde oder so.
Und die Idee, keine fixe Band zu haben, hatte den selben Hintergrund. Ich möchte nicht einen Drummer haben, der alles spielt. Ich wollte den Drummer haben, der der beste für genau diesen Part war. Glücklicher Weise kannte ich so viele Musiker schon so lange, dass ich eine kurze Liste meiner favorisierten Drummer im Kopf hatte. Ein Drummer, der auf der Platte ist – John – den sah ich 1990 spielen. Damals habe ich noch nicht mal ein Instrument gespielt. Aber ich sah diesen Drummer, ein riesiger Typ. Und ich verstand das erste Mal, was ein Drummer tut, nur weil ich dieses Monster Schlagzeug spielen sah. 1990 dachte ich: Der Typ ist cool, den möchte ich kennen lernen. Jahre später traf ich ihn und sagte: 'Wenn ich ein Soloalbum mache, möchte ich, dass du darauf spielst.' Das ist nur ein Beispiel für die Leute, die ich auf meinem Album hatte. Das waren Leute, von denen ich beim Träumen immer gedacht habe: 'Oh, das wäre ein Spaß, eines Tages mit dem zu arbeiten'. Deshalb wollte ich das auf keinen Fall limitieren. Ich wollte Musik zelebrieren, indem ich keine Regeln und keine Limitierungen hatte.
Hat dir deine Arbeit bei Hole und den Pumpkins also erst die Möglichkeit gegeben, mit diesen Musikern zu spielen?
Beim Touren triffst du offensichtlich viele Musiker, also ja, definitiv. Durchs Touren und dem Spiel mit anderen Bands triffst du andere Musiker und deren Bands. Du triffst Musiker immer wieder, bei den unterschiedlichsten Shows. Ja, das gab mir die Chance viele Leute zu treffen.
Gab es einen bestimmten Punkt, an dem du gedacht hast: Ja, jetzt fange ich an, wieder Musik zu machen?
Hm, das ist eine gute Frage. Ich denke, ich begann das Live spielen zu vermissen. Das Adrenalin, das man da ausstößt. Neun Monate, nachdem ich meine letzte Show gespielt hatte, begann mein Körper etwas zu brauchen. Und ich nehme keine Drogen, also war es nicht das, was ich brauchte. Ich brauchte die Musik. Ich hatte meinen Kopf so weit klar. Und als ich die Gitarre nahm und ein bisschen spielte, fühlte sich das wieder ganz neu an. So bald ich wusste, dass es etwas Neues und Pures war, wusste ich, dass ich bereit war, das wieder zu machen.
Und dann hast du deine alten Demotapes wieder rausgeholt ... Was war das für ein Gefühl, wieder dieses ganze alte Zeug, dass du Jahre zuvor geschrieben hast, für das neue Album wieder einzuspielen?
Ich bin eine sehr sentimentale Person. Ich schreibe Tagebuch, ich mache Bilder von allem. Ich will immer Erinnerungen haben. Ich wollte alte Songs benutzen, die andere emotionale und musikalische Zeiten reflektieren. Wie einer der Songs, den ich 1993 für meine allererste Band geschrieben habe. Ich hätte einen neuen Song schreiben können, aber ich wollte den benutzen, auch weil er eine gewisse Unschuld zeigt. Als ich diesen Song schrieb, wusste ich kaum, wie ich mein Instrument zu spielen habe. Und ich fühle mich immer noch sehr verbunden mit dem Song. Das macht mich stolz auf diesen jungen, unschuldigen Song. Ich wollte die Vergangenheit in meine Zukunft einbeziehen. Außerdem wollte ich ein Album haben, das eine große emotionale und musikalische Bandbreite zeigt.
Dein Album ist ziemlich hart, und du scheinst eine sehr verletzliche Person zu sein. Ist das nicht ein bisschen schizophren?
Ja, aber ich denke das Leben ist schizophren. Es gibt so viel Schönheit, aber auch so viele Tragödien auf der Welt. Es sind so viele Frauen wie Männer, und der Kampf zwischen Männern und Frauen, der Kampf zwischen Leben und Tod, zwischen Gut und Schlecht ist das Alleroffensichtlichste der Welt, überall, wo du hinschaust. Und ich denke, jeder Mensch versucht, es sich in diesem Leben so bequem wie möglich zu machen. Du kannst keine Angst vor dem Bösen und den Mächtigen haben. Du kannst nicht zu aggressiv sein und dabei das Sanfte und Verletzliche vergessen. Ich denke als Person und auf diesem Album versuche ich, diese Gegensätze zusammen zu bringen. Aber das passierte einfach. Darüber hab ich nicht nachgedacht. Ich mag die Smiths genau so gerne, wie ich Black Sabbath mag. Musikalisch bin ich auch schizophren. Aber weil ich naiv bin und eine unschuldige Platte machen wollte, die aus meiner Liebe zur Musik entstand, sagte ich zu meinem Produzenten Chris Goss: 'Ich will eine Platte machen, die so heavy ist wie Black Sabbath aber auch die Smiths drin hat.' Er schaute mich an, als ob ich verrückt wäre und sagte: 'Das hört sich nach einer Herausforderung an! Aber OK, erinner' mich dran!' Und ich erwiderte: 'Ich möchte romantisch und schön sein, aber ich habe auch keine Angst furchterregend und crazy zu klingen, OK?' So fragte ich ihn immer wieder: 'Klingt das crazy genug? Klingt das schön genug?'
Hast du nicht nach einer Balance zwischen diesen beiden Extremen gesucht?
Hm, ich denke diese Balance kommt automatisch. Aber ich wollte natürlich nicht, dass es zu aggressiv oder zu emotional und verletzlich klingt. Als ich die Reihenfolge der Songs aussuchte, wollte ich, dass es ein wenig in Wellen abläuft, dass es wie eine Reise zwischen harten und zarten Stücken wird. Also ich denke, dass es da definitiv eine Balance gibt. Aber auch innerhalb der Songs gibt es die.
Da gibt es ein Stück auf dem Album, das ist anders, als alle anderen: "Overpower Thee". Wann hast du das denn geschrieben?
Das ist der einzige Song auf dem Album, an dem ich kein bisschen mitgeschrieben habe. Chris Goss schrieb diesen Song. Er spielte ihn auf dem Klavier, als ich in einem anderen Raum war. Ich hörte dieses schöne Piano-Ding und ging rüber, um ihn zu fragen, was das war. Er sagte, er habe das gerade geschrieben ,und er sang diese Lyrics. Ich dachte: Was würde passieren, wenn eine Frau diese Texte singen würde? Von einem Mann gesungen, klangen sie bescheuert. Ich hab ihn gefragt, ob ich den Song haben könnte. Denn er würde das eh nicht auf eine Platte packen, er hatte einfach aus Spaß rumgeklimpert. Das ist wieder so eine Sache: Wenn ein Mann einen Song schreibt und eine Frau ihn performt. Da kommt wieder dieses Balance-Ding rein. Das kombiniert das Harte und das Verletzliche. Ich wollte es spielen, weil er es geschrieben hat und weil es strange ist, wenn eine Frau das singt. Vielleicht gebe ich jetzt die Magie des Songs preis, wenn ich sage, dass den ein Mann geschrieben hat. Ich mag das auch, dass mir der Song wie ein Geschenk von einem Mann überreicht wurde.
Auf jeden Fall ist das ein wahnsinnig schöner Song! Wo du gerade über die weibliche Stimme redest – ich dachte immer, man könne keine harte Musik mit einer Frauenstimme machen. Deshalb habe ich auch Courtney Love immer so verehrt, weil sie wie ein Mann singen konnte. Ich dachte man könnte so was mit einer Frauenstimme nicht machen. War das ein Kampf für dich?
Es gibt nicht viele Frauen, die so wie Courtney singen können. Vielleicht fünf ... Joan Jett oder so, das ist wirklich rar. Aber meine Lieblings-Rockbands, bei denen Männer singen ... zum Beispiel die Smashing Pumpkins oder Queens Of The Stone Age, diese Männer singen wie Frauen. Und deshalb mag ich sie am liebsten. Ich mag es nicht, wenn sich Aggressives mit Aggressivem paart. Ich mag es, wenn sich Schönes mit Aggressivem verbindet. Courtney hat funktioniert, weil die Musik poppig genug war. Ihre manchmal aggressive Stimme hat das also nur getoppt. Ich denke, meine Musik ist härter. Aber Jahre lang habe ich auch gedacht, ich werde nie in einer Rockband singen. Ich werde immer nur die Backing Vocals singen. Nun bin ich aber auf der einen Seite selbstbewusster geworden, und ich habe herausgefunden, dass die Sänger, die ich mag, auch nicht so sehr andere Stimmen haben als ich. Ich habe beim Karaoke singen oft Black Sabbath-Songs performt. Da habe ich realisiert, dass er genau den selben Stimmumfang hat wie ich. Er schreit nie. Er singt nur singt etwas Black Sabbath vor. Das ist genau meine Stimmlage. Und da dachte ich: 'Ich kann auch Rocksongs singen!' Aber ich denke immer noch, dass Frauen, die wie Männer singen können und umgekehrt etwas sehr besonderes sind.
Hast du also die Idee für "Hand Of Doom" (ein Black Sabbath-Cover-Projekt) beim Karaoke-Singen bekommen?
Ja! Und dann wollten meine Freunde in New York zum Spaß eine Band gründen. Also haben wir das für ein paar Wochen gemacht und es war richtig gut!
In der Nähe welcher Musiker siehst du denn dein eigenes Album?
Nach was es klingt? Ich habe keine Ahnung! Ich höre darin alles, was ich liebe. Hm...
Als ich das gehört habe, war mein erster Gedanke: das klingt manchmal ganz schön nach den Queens, und ich war mir nicht sicher, ob das nun die Songs sind, auf denen auch Leute von den Queens spielen!?
Nein, ich denke einige meiner Songs kommen aus der selben Richtung. Ich denke nicht, dass das so klingt, weil ich diese Band höre. Als ich Kyuss mit 19 das erste Mal gehört habe, klang das wie etwas, dass ich schon mal gehört hatte. Und ich denke, die Leute lieben manche Bands, weil es bekannt klingt, wenn man es hört. Es klingt wie etwas, dass du kennst. Also reagierst du darauf.
Wurdest du jemals gefragt, ob du bei den Dessert Sessions mitspielen magst?
Oh ja, aber es hat nie geklappt. Als Josh mit den Queens und den Dessert Sessions angefangen hat, waren Hole mit den Queens auf Tour. Sie sind meine Lieblingsband, da Josh mein Lieblingsgitarrist ist. Er erzählte mir von dem Projekt, dass er auf den Weg bringen möchte. Ich war einfach nicht oft genug in Los Angeles. Aber ich hoffe, ich werde bald noch mal eingeladen. Ich habe meine Lyrics auch in dem Studio aufgenommen, in dem sie ihr Zeug produzieren. Aber ich war nie da, wenn die ihre großen Dessert Parties hatten.
Du freust dich also auf die Parties?
Na klar! lacht
Du hast gesagt, dass Evan Dando und Billy Corgan so was wie deine großen Brüder im Musikbusiness sind ... warum sind die also nicht auf deinem Album?
Ja ... was habe ich gesagt, wer sind meine großen Brüder?
Evan Dando und Billy Corgan
Evan ist mehr wie mein kleiner Bruder. Sie sind beide Fische. Ich interessiere mich für Astrologie, seit ich klein bin. Ich frage die Leute nach ihren Sternzeichen und schaue, ob es Ähnlichkeiten gibt. Nein, also Billy ist mehr mein großer Bruder. Alles was ich mit Musik gemacht habe, ob es nun so war, dass ich 1991 zu einem Konzert gegangen bin, um die Pumpkins zu sehen – was mich sehr inspiriert hat. Oder dass meine Band in Montreal Vorband der Pumpkins war. Als ich zu Hole gegangen bin ... er ist immer irgendwie dabei. Alle paar Jahre bekomme ich wieder einen guten Tipp von ihm, oder er biete mir eine Chance, wie bei Hole (Billy Corgan hat Courtney Love Melissa vorgestellt, nachdem die alte Hole-Bassistin starb, Anm. d. Red.) – oder in seiner Band zu spielen. Der Grund, warum er jetzt nicht auf meiner Platte ist ... sie muss nachdenken ist wahrscheinlich, weil ich schon in seiner Band gespielt habe. Ich habe meinen Traum, mal gemeinsam mit Billy zu spielen, schon verwirklicht. Das Ding mit den Musikern auf meinem Album ist, dass sie vor allem Musiker sind. Noch mehr als sie Sänger, Songwriter, Produzenten oder so sind. Sie sind alle Musiker, die mal für 20 Minuten zum Spielen vorbei kommen. Mit denen ist es einfach. Aber Billy ist jemand ... er ist mehr ... er hat fast zu viel zu bieten. Er kommt nicht einfach mal vorbei und spielt. Die anderen Jungs sind einfach relaxt. So: 'singt ein paar Töne ... Thanks, bye!'. Aber ich weiß nicht, ob Billy überhaupt ... Vielleicht war es einfach Zeit eine Pause von Billy zu machen. Billy war einfach überall, wo ich hinkam.
Und was ist mit Evan? Was ist aus eurem anvisierten Projekt "The Virgins" geworden?
The Virgins ... ich wünschte, das hätte geklappt. Vielleicht funktioniert das auch irgendwann mal in der Zukunft. Alle sechs Monate, wenn ich Ryan (Adams, Anm. d. Red.) mal zufällig treffe, sage ich sofort: "The fucking Virgins!" Wir werden das noch machen! Was ist damit passiert? Es war eine wirklich großartige Idee, die wir drei hatten. Ich habe Ryan Evan vorgestellt. Die beiden haben sich vorher noch nie getroffen. Ich konnte das nicht glauben, weil beide in New York leben. Also haben wir uns zu dritt auf ein Bier getroffen. Ich sagte: Ihr beide müsst zusammen Musik machen. Denn ich denke, die beiden haben ein sehr ähnliches Talent. So saßen wir beim Bier zusammen, und ich hatte die Idee, es zu dritt zu versuchen. James (Iha, Ex-Smashing Pumkins, Anm. d. Red.) hatte gerade ein Studio in New York gekauft. Und wir dachten: perfekt, wir können das in James' Studio aufnehmen, er könnte gleich die vierte Person sein. Wir hatten sogar schon die Studiozeit gebucht. Und dann kam Ryans Album raus. Und er wurde groß, ging für ein Jahr auf Tour, und wir sahen ihn nicht mehr. Jetzt ... sind wir alle beschäftigt, aber wir werden das noch hinkriegen.
Hattet ihr schon Songs geschrieben?
Die Idee war, dass jeder von uns zwei eigene Songs einbringt. Und dann wollten wir noch drei Songs gemeinsam schreiben. Ich habe mich schon einen Tag mit Ryan getroffen, und jeder hatte einen Song dabei. Also stehen zwei in Warteschlange, die wir uns merken müssen. Aber wir haben noch nicht so viel geschrieben.
Wovor hast du Angst, wenn dein Solo-Album rauskommt?
Es wäre nicht sehr zuträglich, wenn ich da irgendwelche Ängste hätte. Ich bin sicher, dass es da welche gibt, aber ich fühle mich stark genug. So lange ich mich mit dem Album gut fühle, kann mir nichts dieses Gefühl nehmen. Also macht es mir nicht viel aus, ob es jetzt eine oder zwanzig Personen mögen. Es ist mehr der Prozess, dieses Album aufzunehmen, der mich berührt hat. Ich habe nichts zu fürchten, außer der Show heute Abend. lacht Die wird roh und aufregend. Aber bezüglich des Albums habe ich nichts zu fürchten.
Wie ist es denn für dich, nun auf der Bühne zu stehen. Jetzt dreht es sich ja um dich und nicht um Courtney oder Billy.
Ich weiß es nicht, deshalb bin ich auch so froh, dass wir gerade in diesen kleinen Clubs spielen. Die Shows, die ich mit Hole und den Smashing Pumpkins gespielt habe, waren so unwirklich, weil sie so riesig waren. Es ist etwas anderes, wenn zwischen dir und den Zuschauern ein riesen Freiraum ist. So ein kleiner Club, in dem die Leute direkt vor dir stehen, fühlt sich einfach viel besser an. Es ist anders genug, um es komfortabel zu machen. Kurze Pause: Melissa denkt über das nach, was sie gerade gesagt hat. Das hat ja gerade überhaupt keinen Sinn gemacht! Tut mir leid. Wie fühlt sich das an ... ich weiß nicht. Ich bin einfach froh, dass ich die Platte gemacht hab. So kenne ich die Songs und fühle mich sehr verbunden mit der Musik. Hier wird auch der große Unterschied deutlich: Als ich in den Bands der anderen gespielt habe, außer bei "Celebrity Skin", habe ich nicht mal meine Songs gespielt. Der Unterschied ist, dass das damals nicht sehr aufrichtig war, ich habe zwar hart gearbeitet, und das Bassspielen hat mir Spaß gemacht. Aber die Songs, die ich heute spielen werde, sind meine. Das ist einfacher zu spielen. Und ich fühle mich beim Spielen sehr viel ehrlicher. Das bin so aufrichtig ich, das ist fast, wie wenn wir dieses Gespräch hier führen.
Wie viel hast du denn überhaupt zu den Hole-Songs beigesteuert?
Bei "Celebrity Skin" ... Weißt du, das Verzwickte an der Plattenindustrie ist: In der Rockmusik sind die Drums und der Bass für das Feeling eines Songs sehr wichtig. Und das Verlegen von Songs basiert auf einem sehr alten System. Deshalb werden da vor allem die Lyrics und die Gitarren-Parts beachtet. Das ist großartig für Bob Dylan. Aber für Rockbands ... Ich war zwei Jahre im Studio für diese Songs, und ich habe nur Credits für vier von ihnen bekommen. Ich habe da so viel rein gesteckt. Was nicht heißt, dass ich irgendwo die Lyrics geschrieben habe. Aber ich war doch sehr an diesem Album beteiligt ... Ich habe für dieses Album härter gearbeitet, als für mein Album! Für jedes Mal, das Courtney zu hören ist, musste ich meinen Part acht bis zehn Mal einsingen. Ich bin also präsent, aber nur als Unterstützung. Das ist die Aufgabe vom Bass und den Backing Vocals: sich verstecken, um eine Fülle zu kreieren, die man nicht richtig bemerkt, nur fühlt.
Auf deinem eigenen Album hast du die Background Vocals auch selber eingesungen?
Klar! Das ist meine Lieblingsarbeit. Da bin ich wirklich gut drin, also mache ich das. Ihre Stimme wird stolz und voll Da bin ich wirklich gut drin.
Es klingt aber auch wirklich gut. Das wird einfach voller durch die Schichten, die du übereinander singst. Das unterscheidet deine Platte von anderen.
Wirklich? Sie freut sich über das Kompliment
Man merkt, dass du deine Stimme wie ein Instrument einsetzt.
Definitiv! Wenn es bei diesem Projekt irgendeine Herausforderung gab, dann diese. Ich denke kaum über die Texte nach. Denn für mich ist eine viel größere Herausforderung, die Stimme wie ein Instrument einzusetzen. Die Lyrics sind nur ein ganz kleiner Teil davon. Ich benutze sie nur, um eine Stimmung zu beschreiben. Ich möchte keine bestimmte Geschichte erzählen. Sie basieren oft auf Tagebucheinträgen. Die Texte sind nicht politisch oder so. Die Melodie ist für mich wichtiger als alles andere.
Man kann das auf dem Album hören.
Ich könnte eigentlich auf Japanisch singen, und niemand würde es merken. Leute, die die Lyrics nicht verstehen, sollten sich beim Hören trotzdem so fühlen können, wie diejenigen, die die Lyrics verstehen.
Ich denke, das ist es, was gute Musik ausmacht: Die Vocals sind meist das Wichtigste. Und Leute, die eine andere Sprache sprechen, hören eh eher auf die Melodie, als auf die Texte.
Die meisten Leute auf der Welt hören Musik so, denke ich.
Was für Bands hörst du eigentlich gerade selber?
Hm, dieses Jahr, hm. Jedes Jahr denke ich, dass es weniger Alben werden, die ich mag. Ich weiß nicht, ob ich mich verändere, oder ob die Musik sich verändert ... oder es wird schwerer, Musik zu finden, weil es so viel davon gibt? Vor zehn Jahren war es leicht für mich. Ich bin in einen Club gegangen, habe mir eine Band angehört und mir dann deren Platte gekauft. Die Masse an Musik, die mich heute erwartet, schüchtert mich ein. Aber dieses Jahr ist es das neue Mars Volta-Album, das mir am besten gefällt.
Das Album ist mir zu kompliziert.
Das kann ich gut verstehen, aber ich liebe komplizierte, schwierige Musik. Die ersten fünf Male, die ich dieses Album gehört habe, musste ich mich zwingen, da rein zu kommen. Es ist nicht wie ein Beatles-Song, den man hört und der einfach leicht ist. Aber ich denke, es lohnt sich mehr, die Geduld für komplizierte Songs aufzubringen. Wenn man die erst mal kennt, versteht man dieses sehr verrückte Ding. Man ist glücklich, wenn man eine Struktur erkennt.
Ich bin einfach nicht geduldig genug. Was ganz anderes: Deine Familie stammt aus der Schweiz ...
Ja, das ist eine sehr alte Schweizer Familie.
Auf dem Bonustrack deiner Platte ...
Ja, das ist meine Schweizer Großmutter beim Jodeln. Konntest du wirklich hören, dass sie da gejodelt hat? Die meisten Leute haben mich gefragt, was das sein soll. Meine Großmutter ist 100 Jahre alt. Das hat sie an ihrem 100. Geburtstag vorgesungen. Bei jedem Familienessen steigt sie auf den Tisch und beginnt zu jodeln. Aber sie ist so alt, dass sich ihre Stimme schon sehr strange anhört. Meine ganze Familie ist crazy. Das kann man nach dem Jodeln ja noch hören. Ich bin mit der Idee aufgewachsen, dass alle Leute in der Schweiz so verrückt sind. Ich war nie da. Erst als ich 16 war, erklärte mir mein Vater, dass unsere Familie eine Ausnahme ist und Schweizer ganz normale Leute sind. Ich dachte vorher, die Schweiz wäre ein Land voll mit verrückten, jodelnden, lauten Menschen. Meine Großeltern verließen die Schweiz 1940, weil mein verarmter Großvater in Kanada Gold finden wollte. Hat aber nicht geklappt.
Wir reden ein wenig über die Ähnlichkeiten der Schweiz und West-Kanadas – und wie dreckig Amerika dagegen ist. Deshalb bringe ich mein Album auch zuerst in Europa raus. Hier macht das Touren Spaß. In den USA dagegen ist das Touren zwar okay, aber es ist nicht annähernd so schön. Einen Monat durch die Staaten zu touren, bedeutet eigentlich, immer wieder die selbe Stadt zu sehen. Du denkst immer, du hast das schon mal gesehen. Das ist immer das gleiche. Hast du noch eine abschließende Frage?
Nein, das war’s schon! Vielen Dank!
Super! Und viel Spaß beim Abtippen!
Live in Los Angeles: Black Sabbath Tribute (2002), Celebrity Skin (1998), My Body The Hand Grenade (1997)
Die offizielle überlässt euch Downloads, Melissa-Fotos, ein Tourtagebuch und ähnliches.
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07.01.11, 12:10 lautuser |
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