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Das verpennte Kaff Palm Desert (15 km von Palm Springs entfernt) in der Wüste Südkaliforniens ist für die amerikanische Westküste in etwa dasselbe, was Miami für die Ostküste darstellt - ein gigantisches Altersheim. Die wohlhabende Mittel- und Oberschicht, die mit dem wechselhaften Klima Washingtons oder Oregons nichts anfangen kann, zieht es seit jeher an diesen Ort. Die Stadt besteht eigentlich nur aus Shopping Malls und verschwendet Unsummen an Kohle damit, die Wüste für ihre riesigen Golfplätze zu bewässern. Für Jugendliche ist hier kein Platz und es herrscht Lärmverbot. Ausgehen ist auch nicht, da fiese Sperrstundenregelungen die Kneipen- und Clubszene im Zaum hält. Aber es gibt Alternativen, draußen vor den Toren der Stadt, in der Wüste.
Die Highschool-Freunde John Garcia (voc), Josh Homme (guit), Chris Cockrell (bass) und Brant Bjork (drums) sind Musiker und veranstalten Ende der 80er Jahre ihre berüchtigten "Generator Partys" in der Wüste um Palm Desert. Ein Dieselgenerator wird mitten im Wüstensand aufgebaut, die Kids stöpseln ihre Instrumente und Verstärker dort ein und ab geht die Post bis in die Puppen. Eine Institution, die schon bald Kultstatus unter den Jugendlichen genießt und zu dem die Fans von weit her anreisen. 1990 bringen die Jungs eine Compilation ihrer ersten Demos unter dem Namen "Sons of Kyuss" heraus, die in winziger Auflage nur im Umland von Palm Desert erscheint. Seiher sind sie besser bekannt als "Kyuss".
Nun, und was ist es denn, was diese Band so einzigartig macht? Dieser seltsame Name? Der ist schnell erklärt. Kyuss, ein Held-Gott der Schöpfung und Meister der Untoten ist eine Figur aus dem Fantasy-Rollenspiel "Dungeons & Dragons". Der Name wurde einfach deshalb gewählt, weil er cool klingt. Das einzigartige an Kyuss ist aber natürlich ihre Musik, die unter tausenden Klonen und Epigonen immer noch außergewöhnlich klingt. Es ist die Tatsache, dass vier Jungs mit ihren Gitarren den selben Ekstase-Effekt erzielen, wie nach ihnen nur die Rave-Generation.
Durch herunter gestimmte Gitarren, die an Bassverstärker gekoppelt sind, erreichen Kyuss ein wagneresk monumentales Donnergrollen, das seinesgleichen nur in Naturgewalten findet. Wahwahs und Flanger sind dabei lediglich die Geburtshelfer einer bluesigen Gitarrenmutation, die in dieser Gestalt ausschließlich in der Wüste erschaffen werden konnte. Die erdig warmen und technisch filigranen Riffs des Saitenschamanen Josh Homme wabern auf einem unterirdischen tiefen Bass daher, gekonnt durchsetzt von Rhythmus- und Tempowechseln.
Abseits von einfachen Strophe-Refrain-Songstrukturen trägt ein fast minimalistisches, aber präzises Drumset den Sound in ein Spannungsfeld, das sogleich seine destruktive Auflösung im Freakout findet. Meisterhaft auf den Punkt gesetzte Breaks lassen einem den Atem ersterben, um ihn dann sofort für ein Maximum an Erdbeben-Gewalt wiederzubeleben. Allein, damit sich die angestaute Energie in einem Aufschrei wie aus Wahn und Verzückung blitzableitergleich entladen kann. Darin verwoben sengt die technisch feine und organische Stimme von John Garcia dem Kyuss-Sound ihr Brandzeichen ein.
Die Jünger der kultischen Sessions abseits der Zivilisation um Kyuss vermehren sich rasch. Um 1990 meint das Mini-Independentlabel Dali Records das Potential hinter der Band und einen wachsenden Trend erkannt zu haben, was zur Folge hat, dass die vier unter Vertrag genommen werden. Das notorisch in Geldnöten steckende Label lässt dem Projekt von Beginn an wenig finanzielle Aufmerksamkeit zukommen. Chris Cockrell wirft schnell das Handtuch und an seiner Stelle nimmt Nick Oliveri die Bassarbeit auf.
1991 stemmen Kyuss mit Hilfe eines lächerlichen Budgets ihr erstes Album "Wretch" aus dem sandigen Boden. Die Schwächen des Erstlings sind nicht zu leugnen und entwachsen weniger der finanziellen Not, als der totalen Vernachlässigung der Produktion. Die Songs klingen einfach zu unpoliert und unfertig, skizzenhaft. Zu viel thrashiger Punkrock und zu wenig Schwermetall. So wird die Chance vergeben, den markanten Live-Sound von Kyuss schon damals adäquat einzufangen. Quellen wie The Stooges, Hawkwind, Melvins, Black Sabbath oder Led Zeppelin, aus denen die Band ihre Inspiration schöpft, sind hier bereits hörbar. Jedoch fehlt es am psychedelischen Feinsinn, der all diese Bands ausmacht, und später auch Kyuss ausmachen sollte. Das Album bleibt somit jenseits jeglicher Beachtung und das Quartett hält sich mit kleineren Clubgigs über Wasser. Bei einem dieser Auftritte sieht Chris Goss, Sänger und Kopf der Masters Of Reality, die vier Typen und bietet ihnen an, das nächste Album zu produzieren. Eine Begegnung, die später den charakteristischen Sound von Kyuss mitprägen sollte.
Die Früchte der Zusammenarbeit reifen auch diesmal unter der Wüstensonne Südkaliforniens und werden 1992 bezeichnender Weise unter dem Titel "Blues For The Red Sun" geerntet. Das Album wird heute noch als das eigentliche Debüt der Band gehandelt. Es zeigt den rohen Diamanten erstmals in geschliffener Brillianz, was voll auf die Kappe von Chris Goss geht. Epische Songstrukturen mit Einleitung, mehraktigem Mittelteil und Epilog sind kennzeichnend für dieses Album ("Freedom Run", "50 Million Year Trip (Downside Up)"). Dazwischen finden sich ganze Flakbatterien von Rockgeschützen, die jeden Hörer einfach mit sich reißen. Ihre Affinität zu Halluzinogenen können die Jungs nun nicht mehr verbergen. Die Lyrics von John Garcia wirken oft unsinnig oder nur schwer verständlich und sind mit attitüdenhaften "Yeahs" und "Uhs" versetzt. Trotzdem oder gerade deswegen bedienten sich Anhänger und Epigonen den seltsamen Wortschöpfungen dieser Platte für die Namen ihrer eigenen Bands. Berühmtestes Beispiel ist Nick Oliveri, der 1997 Mondo Generator ins Leben ruft.
Kritiker und Fans aus dem Metal-Underground sind jedenfalls gleichsam begeistert und rufen eine neue Ära der Rockmusik aus. In diesem Zeitraum taucht der Begriff "Stonerrock" erstmals auf (wobei der Ausdruck "Stoner" nichts mit Steinen zu tun hat!) und wird fortan synonym mit Bands wie Monster Magnet, Fu Manchu, Nebula und vor allem Kyuss gebraucht. Leider ist auch "Blues For The Red Sun" kein kommerzieller Erfolg beschieden, was möglicherweise eine der Ursachen dafür ist, warum das Label Dali Records Ende 1992 Konkurs anmelden muss. Die Hiobsbotschaft erreicht die Jungs inmitten ihrer Australien-Tournee als Warmup für Metallica. Erst nach langwierigen Verhandlungen mit dem Majorlabel Elektra gehen die Rechte an Kyuss über.
Während der Aufnahmesessions für die Nachfolgerscheibe finden personelle Umbesetzungen statt. Nick Oliveri steigt aus und geht zu den Dwarves. Als Nachfolger steht Ex-Obsessed-Basser Scott Reeder zu Diensten, den die Band aus Palm Desert her kennt. Chris Goss bleibt der Truppe als Produzent treu und zieht sogar nach Palm Desert, um näher bei seinen Schützlingen zu sein. Mitte 1993 haben die Jungs die Platte schon im Kasten. Aufgrund der Konkursverhandlungen um Dali Records verspätet sich der Release allerdings um fast ein Jahr auf April 1994.
Das neue Album ist ein so genanntes Konzeptalbum. Eigentlich heißt es schlicht und prägnant "Kyuss". Wegen dem auf dem Cover abgebildeten Ortsschild mit dem Schriftzug "Welcome To Sky Valley" ist es bei Fans unter diesem Namen besser bekannt. Um das Konzept des Albums besser zu verstehen, muss man sich auch mit dem Artwork auseinander setzen. Sky Valley, ein Wüstenvorort nahe des Joshua Tree Nationalparks in Kalifornien, ist eine Kunstortschaft mit nur wenigen Einwohnern, die von der Bewirtschaftung durch Windmühlen lebt. In großflächigen Windparks erzeugt man Strom für die umliegenden Wüstensiedlungen. Das Cover und das Inlay zeigt die monumental anmutenden Windräder und deren mächtige Masten, auf denen sie befestigt sind. So wird auf metaphorische Weise zu dem epochalen Musikwerk ein Gesamtkontext gebildet, dem man sich schwer entziehen kann.
Die epische Struktur der Songs ist dabei formal auf die Gestaltung der gesamten Platte gehoben. Die CD ist in drei Suiten à drei bzw. vier Songs unterteilt. Bei der amerikanischen Version fehlen hier sogar die Trackmarkierungen, so dass die Songs tatsächlich zu einer Suite verschmelzen (The Mars Volta dürften sich hier einiges abgeguckt haben). "Gardenia" funktioniert als Opener wie ein saugender Malstrom, der einen in die Platte hineinzieht. Dazu das bedrohlich ruhig beginnende Stück "Asteroid", das in einem ekstatischen Riff- und Trommel-Unwetter endet, eine Art Yin und Yang der modernen Rockmusik. Angesichts dieser Gitarrenarbeit wird klar, dass dieser Josh Homme noch Großes vorhat. Bei "Sky Valley" vermag er auch erstmals seine Virtuosität an der akustischen Gitarre unter Beweis zu stellen.
Im Instrumentalstück "Space Cadet" verbirgt sich seine wunderbare Hommeage an Pink Floyd. Daneben werden "Demon Cleaner" und "Odyssey" zu Klassikern dieses Albums und es ist klar, dass die Jungs nicht nur abgespacet, sondern mindestens besessen sein müssen, um einem derart in den Arsch treten zu können. "Sky Valley" gilt heute nicht nur in Insiderkreisen als Referenzplatte von Kyuss. Diese Scheibe eignet sich überdies gut zum Qualitätstest von Bassreflexboxen. Wer bei diesem Geballer keine Materialschäden davon trägt, kann allemal als Testsieger gelten.
Im Frühsommer 1994 feiert erstmals auch das europäische Publikum die Band, als sie in kleineren Clubs eine Headlinertour abliefern. Die Presse belegt "Sky Valley" mit Jubelstürmen (u.a. Platte des Monats Juli im Metal Hammer). Im Hamburger Marquee Club entsteht am 24. Mai 1994 ein Livemitschnitt, der zunächst als Promomaxi heraus kommt und später auf der Best Of-Compilation "Muchas Gracias" offiziell erscheint. Neben den nur dünn gesäten, kursierenden Bootlegs ist diese Aufnahme eine der wenigen echten Live-Zeugnisse des Quartetts.
Bei den Aufnahmen zum nächsten Album gibt es intern erneut Streitigkeiten, mit der Folge, dass Brant Bjork die Drumsticks hinwirft. Für Jazztrommler Alfredo Hernández ist der Einstieg leicht, denn er kennt die Jungs von früher. In musikalischer Hinsicht nicht minder, nur müsse er jetzt dickere Sticks in Form von Baseball-Knüppeln benutzen, scherzt er in einem Interview. Im Gitarrenlabor von Dr. Homme wird indes diszipliniert nach neuen Hooks und Riffs geforscht. Die Spielereien mit den Bassamps, die er bislang mit seinen Gitarren koppelte, geraten in den Hintergrund. Es zeichnet sich eine Veränderung ab, weg von der ekstatischen Dröhnung, hin zum glasklaren, technisch ausgefeilten Riff. Heavy allemal, nur bedächtiger und subtiler.
Wegen der geringeren Basslast können sich die Songs freier entfalten. Sie wirken frischer ("El Rodeo") und leichtfüßiger ("Catamaran"), aber gleichzeitig auch konventioneller, ohne trotzdem die kyuss'sche Einzigartigkeit zu verlieren. Der wunderbar hypnotische Song "Phototropic" mit seinem melodiös ruhigen Flow, der sich wie ein Sommergewitter in die Boxen entlädt, drückt die gesamte Bandbreite dieses Quartetts in einem Stück aus. Der Song erzählt die Geschichte von Lebewesen, die sich nur von Licht ernähren und zeigt das poetisch filigrane Gespür, das hinter Raubein John Garcia verborgen steckt. Sein Meisterbrief im Wortschöpfen ist jedenfalls nach wie vor erhaben, man muss nur die Tracklist durchlesen, wo Songs mit Titeln wie "Thee Ol' Boozeroony", "Jumbo Blimp Jumbo" oder "Tangy Zizzle" auftauchen.
Im Juni 1995 erscheint dann endlich das mit Spannung erwartete, neue Werk mit dem Namen "... And The Circus Leaves Town" und nimmt mit diesem Titel in fast prophetischer Weise das wartende Schicksal der Band vorweg. Die vier Wüstensöhne gehen ein letztes Mal zusammen auf Promotournee und besuchen auch wieder Europa. Im Sommer 1995 spielen sie auf den großen Festivals wie beispielsweise dem Dynamo in Holland oder auf dem Bizarre in Köln. Dort müssen sie sich wie zu Hause gefühlt haben, denn sie spielen in mittäglicher Gluthitze ihr 30-minütiges Set hinaus in den staubigen Äther. So gelangen sie in die Archive des WDR, der das Konzert im Rahmen seiner Rockpalast-Sendung aufzeichnet.
Ende 1995 trennen sich Kyuss aufgrund persönlicher Differenzen für immer. Leider genießen sie weder die ihnen gebührende Anerkennung, noch den ihnen oft vorhergesagten kommerziellen Erfolg. In Amerika verkaufen sich ihre Platten sogar geringer als in Europa. Die Musiker gehen also getrennte Wege und finden später doch wieder in anderen Bands zusammen. John Garcia macht kurz darauf mit seinem Projekt Slo Burn von sich reden. Nicht zu Unrecht, denn der Output klingt schwer nach einem Kyuss-Klon. Garcia hält es dort aber nur für eine EP-Länge aus. Er singt später bei Unida, wo auch Scott Reeder zwischenzeitlich gelandet ist. Parallel dazu arbeitet er bei Hermano. Keines der Projekte reicht aber wirklich an die Qualität dessen heran, was unter dem Namen Kyuss einst entstand.
Josh Homme will eigentlich seinen Highschool-Abschluss nachholen, kommt aber vom Musikbusiness nicht los. Er spielt zwischendurch bei den Earthlings?, den Screaming Trees und Soundgarden und versucht sich an einer experimentellen Aufnahmeserie namens "The Desert Sessions", zu der er befreundete Musiker einlädt. 1996 bringt er unter dem Namen Gamma Ray seine ersten eigenen Demos heraus, die später im Erstling seiner neuen Band Queens Of The Stone Age verwurstet werden.
Nick Oliveri landet zwischenzeitlich bei der Punkband The Dwarves und gründet 1997 seine eigene Band Mondo Generator. Quasi parallel heuert er bei Josh Hommes neuem Projekt QOTSA an. Brant Bjork wechselt zwischendurch zu Fu Manchu an die Trommeln und konzeptioniert mit Josh zusammen die Desert Sessions: Irgendwann tauscht er dann die Instrumente und ist mit seiner Gitarre auf Solopfaden unterwegs. Allein Chris Goss bleibt seinen Mannen treu und produziert weiterhin die meisten Nachfolgeprojekte.
2011 gehen mit Garcia, Oliveri und Bjork 75% der legendären Band gemeinsam im Dienste der satten Riffs als Kyuss Lives auf Europa-Tour. Das unerwartete Comeback fußt auf der sehr erfolgreichen Tournee, die Sänger Garcia im Vorjahr mit seinem Projekt Garcia Plays Kyuss an den Start brachte. Der Mythos lebt!
Ein Anruf in der Tierklinik bei Pfleger und Ex-Kyuss-Sänger John Garcia.
Am 26. Oktober erscheint das neue Hermano-Album "... Into The Exam Room". Ein guter Grund, sich einmal mit Sänger John Garcia zu unterhalten. Der nebenbei auch noch einen höchst spannend klingenden Job sein Eigen nennt.
Manche Geschichten sind schwer zu glauben. John Garcia, unvergessene und abgöttisch verehrte Frontröhre der Stoner Rock-Legende Kyuss, arbeitet in einer Tierklinik am Rande des Joshua Tree National Parks. Als wir erfahren, dass der Sänger angesichts des neuen und dritten Hermano-Studioalbums "... Into The Exam Room" zu Telefon-Interviews bereit steht, fackeln wir nicht lange.
Wie sich heraus stellt, erwartet Garcia die neugierigen Journalisten nicht bei sich zu Hause oder in den Räumlichkeiten seiner Plattenfirma, sondern praktischerweise auf der Arbeit in der Klinik.
Die Warteschleife begrüßt mich: "Thank you for waiting. One of our professional staff will be with you shortly." Davon gehe ich aus. Dann eine warme Stimme: Hi, this is John.
Hi John, Michael hier.
Hi, hello, how are you?
Fine, thank you.
Sag mal, bist du nicht zu früh dran? Ich bin hier bei der Arbeit!
Äh, nein, ich bin pünktlich.
Okay, bleib kurz dran. Wieder Warteschleife: "At Desert Dune Animal hospital we treat your pet as our best friend. We'll do everything we can to make sure that your pet is healthy, happy and treated with genuine care and affection."
Hallo, noch dran?
Ja, ich kann auch später nochmal anrufen.
Nein nein, das passt ganz gut, dein Vorgänger hat etwas überzogen, weil ich dachte er hätte eine Stunde Zeit, aber er hatte nur eine halbe. Egal. Ich entschuldige mich. Woher rufst du an?
Aus Konstanz, einer kleinen Stadt in Süddeutschland, am Bodensee.
Wow, großartig.
Das ist direkt an der Schweizer Grenze, die Stadt Zürich kennst du bestimmt.
Klar, cool. Ich war schon öfter in Zürich. Es ist immer cool, nach Europa zu kommen, ihr habt so viel Geschichte. Für einen Amerikaner ist das immer beeindruckend. Auch wenn ich kein Freund des Tourens bin, das Reisen ist schon großartig.
Hat es bestimmte Gründe, dass ihr dieses Jahr nicht nach Zürich kommt? Die naheste Stadt der Tour von hier aus gesehen ist Stuttgart.
Puh, kann ich dir gar nicht so genau sagen. Kommst du nach Stuttgart zur Show?
Wahrscheinlich nicht. Ich werde demnächst Papa ...
Oh, gratuliere. Dein erstes Kind?
Ja.
Mädchen oder Junge? Oder wollt ihrs nicht wissen?
Ein Mädchen.
Gratuliere. Ich habe auch ein kleines Mädchen, Madison. Sie ist jetzt viereinhalb. Ich sage dir, die Kleine wird dein Leben verändern. Vor ihrer Geburt wusste ich gar nicht, dass so ein Gefühl existiert, ich meine, ich habe bis dahin mit Sicherheit sämtliche Emotionen durchlebt, die die gesamte Menschheit kennt: Das Leben, den Tod, Freude, Traurigkeit, verarscht zu werden, einfach alles.
Aber als Dr. Gomez meiner Tochter das Leben schenkte, sie auf die Brust meiner Frau legte und Madison mich ansah, sowas habe ich noch nie erlebt. Vorher machst du dir schier in die Hosen und fragst dich immerzu: Was muss ich noch machen? Was habe ich vergessen? Aber als sie auf die Welt kam, war das so, als wäre ich wiedergeboren worden. Für mich begann ab da ein ganz neues Leben.
Ja, ich bin auch schon ziemlich nervös. Aber auch glücklich.
Gut. Wenn du nicht nervös wärst, würde was nicht stimmen bei dir. Der Großvater meiner Frau starb, als Madison gerade ein paar Monate auf der Welt war. Und natürlich hatte meine Frau keine Lust, sie mit nach Wisconsin zur Beerdigung zu nehmen, also musste ich auf sie aufpassen.
Das Problem war nicht das Windeln wechseln, sondern die Tatsache, dass die Mutter weg war. Ich war auf einmal völlig allein mit diesem neugeborenen Kind und ich sage dir, es war echt ne seltsame Erfahrung, wie plötzlich deine Vatergefühle mit dir durchgehen. Als ob die Natur dir den Vorwärtsgang einlegt. Du checkst plötzlich: Hey, ich bin ein Daddy. Freu dich drauf!
Okay. Eine Story muss ich dir jetzt erzählen: Als ich neulich um ein Interview mit dir anfragte, antwortete der Labelkollege, es könnte sein, dass du dich etwas verspätest, weil eventuell ein angefahrenes Gürteltier im OP liegt und du ihm helfen musst.
Absolut richtig.
Dann erzähl uns doch mal: Was ist heute bislang passiert?
Oh, heute nicht viel, denn eigentlich habe ich frei. Ich kam nur vorbei, um ein paar Interviews zu geben. Normalerweise wäre ich jetzt beim Röntgen, würde Wunden verarzten oder angefahrenen Tieren helfen, die in kritischer Verfassung sind.
Ich arbeite schon mein ganzes Leben mit Tieren, von den frühen Kyuss-Zeiten an. Nach einer Tour bin ich sofort wieder an die Arbeit gegangen, auch zwischen Albumaufnahmen. Selbst in der Zeit, als wir bei Elektra unter Vertrag standen. Das begann schon als Kind mit Jobs in Tierhandlungen, ging später während der High School weiter und entwickelte sich dann auf natürliche Weise hin zur medizinischen Seite, was mir großen Spaß bereitet. Ich stehe gerne mit Ärzten im OP oder helfe Hunden bei einer Rippenprellung, was auch immer.
Erinnerst du dich an den schrecklichsten oder aufregendsten Unfall, der dir bislang untergekommen ist?
Hmm. Kurz gesagt: Du willst niemals versagen. Du willst nicht das Leben eines Tieres in Gefahr bringen und ihm zum Beispiel die falsche Medizin geben. Du willst helfen. Also musst du klaren Verstandes sein und kannst da nicht besoffen antanzen oder zugedröhnt. Das ist nicht professionell. Du musst den Anweisungen der Ärzte jederzeit Folge leisten können.
Es passiert, dass du mal etwas nicht richtig verstehst oder ein Arzt sich undeutlich ausdrückt, was es noch wichtiger macht, jedes kleine Detail doppelt und dreifach zu prüfen, damit es dem Tier zu besserer Gesundheit verhilft. Es ist alles eine Frage der Konzentration. Wenn ich sehe, dass ein Hund oder eine Katze die Klinik gesund verlässt, weiß ich, warum ich diesen Job mache.
Kommen wir zur Musik ...
Yeah, hast du die Platte?
Ja. Stilistisch folgt ihr der Richtung der letzten Platte, würde ich sagen.
Danke. Ich meine, du musst jetzt nicht sagen, dass du die Platte toll findest, nur weil wir grade telefonieren. Bis jetzt waren die Journalisten zu mir recht freundlich, gut, das hört man gern, aber es ist eh so wie es ist. Aber ich frage dich trotzdem: Findest du es gut?
Ehrlich gesagt gefallen mir vor allem die ruhigeren Sachen.
Gut.
Mir kommt es so vor, als würdest du da mit deiner Stimme mehr experimentieren können. Die schnelleren Songs erinnern oft an Sachen, die du früher schon gemacht hast. Deine Stimme ist das wirklich entscheidende, sie ist ziemlich einzigartig.
Dankeschön. Weißt du, es bedeutet mir immer noch sehr viel und macht einfach verdammt viel Spaß. Gott hat mir die Gabe verliehen, Tieren zu helfen und Musik zu erschaffen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Wenn du zurück blickst auf drei Hermano-Alben, eine DVD und jede Menge Liveshows, worauf bist du am meisten stolz?
Auf alles. Ich bin stolz, ein Teil dieser Band zu sein und darauf, alle Erfahrungen gemacht haben zu dürfen, die hinter mir liegen. Dass ich mit all den tollen Musikern arbeiten durfte, mit Josh Homme, Brant Bjork, Scott Reader, Nick Oliveri, alle in Slo-Burn, alle in Unida - ich bin einfach sehr stolz, noch dabei zu sein. Nicht aufgegeben zu haben. Weiter zu schreiben und dafür zu sorgen, dass meine Tochter eine gute Erziehung erhält.
Denn kalifornische Schulen sind furchtbar, sie gehören zu den schlimmsten in den ganzen USA. Ich bin wirklich froh, dass ich die Kohle habe, sie auf eine Privatschule schicken zu können.
Das neue Album habt ihr an verschiedenen Orten aufgenommen. Wart ihr auch in der Rancho de la Luna?
Nein, ich wollte hingehen, aber sie waren beschäftigt.
Hermano-Gitarrist Dandy hat da ja auch schonmal aufgenommen ...
Ja, er war auch schon in einem anderen Studio oben in Joshua Tree, glaube ich.
Ich frage auch deshalb, weil ich kürzlich mit ein paar Freunden dort Urlaub gemacht habe. Joshua Tree ist wirklich ein beeindruckender Ort.
Oh, really? Wart ihr auch im Joshua Tree National Park?
Klar. Wir sind durchgefahren. Wahnsinn, diese Natureindrücke.
Ja, fantastisch.
Wann warst du denn das letzte Mal in der Rancho?
Oh, schon eine Weile her. Ich habe mit Dandy ein paar Sachen für mein Soloalbum aufgenommen, das hoffentlich nächstes Jahr rauskommt. Das muss ein Jahr her sein, vielleicht eineinhalb.
Suchst du noch eine Plattenfirma?
Oh, ich bin immer auf der Suche nach einer Plattenfirma, die sich für mein Zeug interessiert. Wieso, kennst du eine?
Äh, na die deutschen vorwiegend. Ich wollte nur wissen, ob die Platte auch in Europa rauskommt.
Das hoffe ich doch stark. Geplant ist es jedenfalls.
Ich war im Vorfeld des Interviews auch auf eurer MySpace-Seite, wo u.a. Mother Tongue und Danko Jones als Friends gelistet sind. Kümmerst du dich persönlich um diese Seite?
Nein, damit habe ich nicht viel zu tun. Ich bin auch kein großer Freund von MySpace, aber das hat man heutzutage halt. Mit den Jungs von Mother Tongue habe ich schon länger nicht mehr gequatscht, aber Danko Jones ist ein persönlicher Freund von mir. Ich kann nicht hoch genug von ihm und der Band sprechen. Ich habe auf seiner letzten Scheibe "Sleep Is The Enemy" gesungen und werde auch auf der nächsten dabei sein. Magst du Danko?
Ist okay. Zuletzt habe ich ihn in Zürich mit Brant Bjork als Support gesehen.
Great. Danko is a fucking badass. I love him.
Auf deiner letzten Platte hast du ja auch Brant Bjork eine Nummer gewidmet.
Yeah, "Brother Bjork".
Seid ihr in Kontakt?
Ja, neulich rief er mich aus einer Bar in Barcelona an, wo er mit einem Freund von mir saß. Ab und an klingelt er bei mir durch, aber der Typ ist ja ständig unterwegs.
Nö, ist okay.
In einem Interview meintest du, wenn du gewusst hättest, welch einen Status diese Band bekommen würde, hättest du Josh niemals erlaubt, sie aufzulösen.
Naja, das wurde ein bisschen aus dem Kontext gezogen. Das war halt alles verrückt damals. Kaum hatten Josh und ich Kyuss aufgelöst, mutierte sie zu dieser fucking legendären Band. Und ich fragte mich nur: Wo zum Henker wart ihr, als es uns noch gab?
Plötzlich war es eine Kultband. Auf eine leicht entrückte Art und Weise bin ich froh darüber, dass es so gelaufen ist. Denn es geschah sicher nicht ohne Grund. Gott hatte diesen Plan für mich, er wollte mich testen, mir etwas wegnehmen und sehen, ob ich meinen Stolz runterschlucken kann. Also versuchte ich es, sagte "Suck on this, motherfuckers" und bis heute vergeht kein Tag, an dem ich nicht dankbar bin, dass er mir dabei hilft, diesen Stolz zu schlucken. Es war die richtige Entscheinung für mich.
Trotzdem vergeht kein Jahr ohne lukrative Kyuss-Reunion-Angebote.
Ja (lacht). Die bieten uns ganz nette Sümmchen streckenweise.
Wie viel? Äh .... fast eine Viertelmillion Dollar. Für einzige Show, hahaha! (lautes Lachen) Lustig, oder?
Das Coachella Festival?
Nein. Hier in Amerika kennt uns kein Schwein. Das muss aus Europa oder Australien gekommen sein.
Würdest du trotz der lukrativen Summe Josh zustimmen, dass eine Reunion gerade aufgrund der großartigen Geschichte von Kyuss der absolute Fehler wäre?
Ja. Ich meine, Josh ist sowieso der einzige, der Kyuss zusammen bringen könnte. Aber natürlich sitze ich hier nicht Tag für Tag am Telefon und warte auf seinen Anruf, denn ich weiß ja, dass er nicht kommt. Josh ist einfach nicht der Typ, der zurück schaut, Josh will immer nach vorne. Außerdem sagte er den schönen Satz: "Ich finde es gerade toll, dass uns damals kein Mensch gesehen hat. Ich bin viel zu stolz auf alles, als dass ich mit einem Mal alles kaputt machen wollte.
Absolut man, genau so siehts aus! Wenn du die Chance hattest, Kyuss zu sehen, sehr gut. Wenn nicht, geh auf fucking Youtube und such dir da was zusammen.
Auf der Hermano-DVD "The Sweet And Easy Of Brief Happiness" gibt es eine Szene, in der du stöhnst: "Vor zehn Jahren war das Touren noch leichter." Was fällt dir heutzutage schwer?
Vor zehn Jahren war ich 27, da war mein Körper schon noch ein bisschen besser drauf. Je älter du wirst, desto mehr passt du auf ihn auf. Und dann die Familiensache: Ich kann meine Tochter nicht sechs Monate am Stück alleine lassen.
Generell muss man mehr Verantwortung übernehmen. Das Leben eines ambitionierten Musikers ist scheiße. Ich habe keinen Bock in einem Pappkarton hinter nem Plattenladen zu wohnen, einzig und allein aus dem Grund, es nach oben zu schaffen. Außerdem musst du fähig sein, das Leben zu genießen. Mir macht es Höllenspaß, in mein Schlafzimmer zu gehen, den Rechner anzuwerfen und eine Gesangsspur einzusingen.
Ich gehe genau so gerne ins Studio wie auf Tournee, aber es ist eben viel einfacher für mich. Heute gehe ich ein paar Wochen auf Tour, hole mir meine Kicks und das wars.
Deine Sichtweise aufs Musikmachen generell hat sich über die Jahre sicher verändert. Kannst du es genauer beschreiben?
Sicher hat es das. Ich denke, ich achte heute viel mehr als früher auf Musik und auf die Sachen, die ich schreibe. So ist das im Leben, du entwickelst dich immer weiter. Du arbeitest ja auch an deinen Fähigkeiten. Ich möchte weiterhin Dinge schreiben können, die ich vorher nicht geschrieben habe oder etwas singen, das ich zuvor noch nicht gesungen habe.
Wenn ich an einem Song nicht weiterkomme, sage ich halt: Okay, du Hurensohn, du kriegst nicht das, was du von mir willst. Dann sagt der Song: Sehr gut, Schwanzlutscher, ich wette du kriegst Text und Gesang nicht auf diesen Part hier gebacken, versuchs doch! Es ist alles ein ständiger Kampf.
(Die Türe geht auf)
Du kannst ruhig reinkommen, auch die anderen zwei von vorhin, ich mach hier nix Verbotenes, es ist alles in Ordnung. Soll ich dir bei irgendwas helfen? Oder dir eine mitgeben? Nein? Frag mich, kein Problem? Nein? Okay.
John, du bist jetzt schon so lange im Rock-Business. Wie hast du es geschafft, die harten Drogen außen vor zu lassen?
Tja, hab ich nie gemacht, Crack oder Heroin. Ich rauche auch kein Gras mehr, ab und an mal ein paar Biere und das wars. Pillen und Kokain nehme ich auch nicht. Nicht mehr. Ob ich das früher gemacht habe? Yeah! Aber die harten Sachen, die nimmst du einmal und dann entscheidest du dich: Entweder du willst dich damit voll laden oder du lässt es liegen.
Ich habe jahrelang Gras geraucht, aber jetzt mit einer Tochter geht das einfach nicht. In meiner Jugend mag ich das ein oder andere ausprobiert haben, aber nie in einem Ausmaß, dass ich nicht mehr wusste, wo mein Hirn grade rumfliegt.
Aber im Musikgeschäft gehören Drogen doch auch oft zum guten Ton. Sie sind leicht zu beschaffen und bei all der Routine und Langeweile auf Tournee für viele ein idealer Zeitvertreib.
Klar. Musik und Drogen gehen Hand in Hand. Aber es gibt immer zwei Wege: den Crack-Weg und den anderen. Und irgendwann merkst du: Du kannst nicht einfach dein Leben weg rauchen oder sonstwas. Heute werde ich high, wenn ich auf die Bühne steige und Musik mache, wenn ich meiner Tochter beim Fahrradfahren zuschaue oder ihr ein Eis kaufe.
Du hast sicher von Dave Wyndorfs Drogenabsturz vor zwei Jahren gehört.
Ja, furchtbar. Dave Wyndorf ist ein unglaublich talentierter Musiker. Ich bin großer Fan von ihm. Monster Magnet gehören zu meinen Alltime-Favourite-Bands. Wie ich gehört habe, ist eine neue Platte von ihnen im Anflug. Ich hoffe sehr, dass es weitergeht mit ihnen.
Ich habe euch 2002 live in Frankfurt im kleinen Nachtleben gesehen. War ne geile Show.
Cool. Ich erinnere mich zwar grade nicht mehr daran, aber Europa ist immer klasse. Aber gut, wenn du immer und immer wieder Konzerte spielst, ist das mit dem Gedächtnis eh so eine Sache. An manche Shows erinnerst du dich nur aufgrund von Kleinigkeiten, zum Beispiel dass es sackheiß war.
Gut, dann die letzte Frage, vermutlich ist sie eh viel zu schwer: Erinnerst du dich an die beste Show, die du je gegeben hast?
Äh ... puh ....
Oder musst du da für jede deiner Bands antworten?
Nein, ich glaube das unvergesslichste Konzert war die letzte Kyuss-Show in diesem kleinen Club Dragonfly in Hollywood. Der Laden war voll bis unters Dach und es war die letzte Show, die wir zusammen spielten. Das werde ich nie vergessen.
Und ihr wusstet, dass es die letzte Show sein würde?
Nein, niemand wusste, dass es das letzte Konzert sein würde. Es kam einfach so. Es war der letzte Abend, an dem wir vier Typen auf einer Bühne gestanden sind.
Man glaubt es kaum. Das Canapé in Trossingen liegt haargenau an einem Kreisverkehr am Ortseingang, der in einem 15.000-Einwohner-Städtchen schon mal ziemlich befahren ist. Hier sollen wir also mit Nick Oliveri und Brant Bjork sprechen, zwei Legenden des Desert Rock. Unglaublich.
Noch unglaublicher ist natürlich, was an jenem Abend dann tatsächlich geschah. Bekanntlich wurden Nick Oliveri und der Trossinger Mischpult-Mann keine Freunde, Oliveris Prügel-Aktion sollte später sogar Mondo Generator beinahe zum Bandsplit führen. Rückblickend liest sich unser Gespräch mit Oliveri an manchen Stellen geradezu beängstigend prophetisch, was wohl nicht einmal er selbst wissen konnte.
Der Bass-Tornado war im Interview nicht gerade der Redseligste und noch sichtbar gezeichnet von der vergangenen Nacht, der Busfahrt oder von Dingen, von denen wir nichts wissen. Dass er in irgend einer Weise gereizter Stimmung war, können wir nicht bestätigen. Brant Bjork hatte kurz darauf schon weitaus bessere Laune. Doch zunächst schlappt Oliveri langsam aus dem Tourbus zu unserem Platz am Straßenrand rüber und zündet sich 'ne Kippe an.
Nick, heute ist der letzte Auftritt in Deutschland, bist du bislang zufrieden mit allem?
Yeah, es macht viel Spaß und es ist lustig zu sehen, wie sich manches von Nacht zu Nacht ändert. Manchmal flippen die Leute richtig aus.
Hat sich denn in deinem Leben etwas geändert, seit du dich ganz auf Mondo Generator konzentrierst?
Nein. (grinst diabolisch) Es gibt da noch ein paar Akustik-Sachen, an denen ich sitze und das hier heute abend, das ist meine Band. Mehr interessiert mich momentan nicht.
Du wirst demnächst ein Soloalbum veröffentlichen. Ist es befriedigender, wenn man mal sein eigenes Ding durchziehen kann, ohne ständig Kompromisse eingehen zu müssen?
Das kann man so nicht sagen. Nachdem diese Queens-Sache passierte, kam Brant auf mich zu und fragte, ob ich nicht mit ihm auf Tour gehen wolle. Und da sonst nichts zu tun war, sagte ich zu. Es war ein günstiger Zeitpunkt. Ich musste nur die Songs auswählen, die wir spielen wollten und dann konnte es losgehen. Auf der Platte werden akustische Songs drauf sein.
Hast du ausschließlich neue Songs geschrieben?
Nein, ich habe auch ein paar ältere Nummern umarrangiert, teilweise würde man nicht glauben, dass sie in akustischer Form funktionieren. Aber sie tun es. Ich hoffe zumindest, dass sie es tun (grinst)
Die Platte heißt "Demolition Day". Klingt ziemlich destruktiv ...
(zögert) Hmm, ob ich wohl einen destruktiven Tag hatte? Nein, es geht einfach um Zerstörung und das nachträgliche Wiederaufbauen. Demolition Day. Alles wird zerlegt.
Und die Texte sind dementsprechend ...
... soft. Yeah. Soft and sweet. (Erneut grinst Oliveri uns schräg an. Keine Frage, er könnte sich schönere Dinge vorstellen, als ein Interview an einer Hauptverkehrsstraße "on the side of the road in Germany somewhere" zu geben, wie er es nach seinem Ausraster später selbst formuliert. Aber da muss er jetzt durch. Und die Josh-Fragen kommen auch noch. Uff!)
Eine DVD ist ebenfalls geplant, stimmt's?
Ja, sobald ich heim komme, schaue ich mir das Material an und dann raus damit. Ich habe zu Hause jemanden, der sich um das Zeug kümmert, wir müssen die Sachen ja auch verschicken. Die neue Mondo-EP kommt da auch mit dazu. An alle Besteller da draußen: Sorry, dass das alles so scheißlange gedauert hat. Auf der DVD sind Live-Sachen aus dem letzten Jahr drauf. In Europa haben wir um die Weihnachtszeit mit Brant an den Drums gespielt. In Deutschland leider nur zweimal, unser Zeitplan war eng. Aber es war großartig.
Sind von den Europa-Gigs auch Ausschnitte auf die DVD gekommen?
Ja, es ist ein Zusammenschnitt einiger Shows.
In Amerika hast du Support-Shows für die legendären MC5 gespielt. Wie lief es mit Wayne Kramer?
Es lief super.
Ging damit ein Kindheitstraum für dich in Erfüllung?
Das muss man definitiv so sagen. Alle Typen sind wirklich super cool und jede Minute mit ihnen war großartig. Die Jungs rocken.
Hat das Publikum dich auch gut aufgenommen?
Ähh, nein. (grinst) Ich meine, die Leute kamen natürlich, um die MC5 zu sehen. Ich denke, sie hassten es, aber da sie wussten, dass MC5 gleich dran sind, lief es okay.
MC5 hatten angeblich Gaststars mit auf der Bühne, Mark Lanegan und ...
No, Lanegan didn't do it. Aber Mark Arm war da und Evan Dando. Ich glaube Lanegan musste hier rüber kommen, um ein paar Promo-Dinge für sein neues Album zu erledigen, dass ich im Übrigen noch gar nicht gehört habe. Ich weiß nichtmal, ob es schon draußen ist.
Im April erschien in den Staaten eine "Stone Age Complication" mit alten Queens-Sachen drauf. Hattest du da auch deine Finger mit drin?
Oh nein, ich bin draußen. Das geht mich nichts mehr an. Ich glaube, Josh hat das zusammen gestellt.
Für die Fans sah es ein wenig nach einem Abschiedsgeschenk aus, da es so kurz nach deinem Weggang erschienen ist.
Tja, wer weiß. Ich habe nicht mit ihm darüber gesprochen. Es war halt Zeug, das wir schon auf B-Seiten veröffentlicht hatten. Von dieser Veröffentlichung wusste ich nichts.
Nachdem du rausgeflogen bist, sagtest du, dass die Bandchemie durch unschöne Macht- und Kontroll-Spiele vergiftet worden sei.
(stöhnt) That's old shit, man! (Eisige Stille)
Du willst nicht darüber sprechen?
Ach, das ist es nicht. (zögert) Du kannst eben nicht mit jemandem zusammen spielen und sagen "Ich bleibe in der Band, egal was du sagst". So läuft das nunmal nicht. Aber ich rege mich nicht mehr so über diese Dinge auf wie damals. (lacht) Ich meine: It sucks! Aber ich werde nicht daran zugrunde gehen. Ich habe jetzt eine gute Band und tolle Zeit.
Okay. Auf deiner Homepage schreibst du aber auch, dass es hart ist, da die Queens bei dir um die Ecke ein neues Album ohne dich aufnehmen.
Ohne Frage. Sie kamen mal vorbei und holten ein paar Amps ab. Es ist schon komisch. Naja, ich bin sicher, sie machen eine tolle Platte.
Themawechsel: Du bist auf Mark Lanegans neuer Platte "Bubblegum" zu hören, wie auch PJ Harvey, Dean Ween oder Chris Goss. Habt ihr euch dort alle getroffen?
Ich kam ein paar Mal vorbei und habe mit Dean, Chris und Josh zusammen gespielt. Die Leute kamen immer mal wieder vorbei, das waren fließende Wechsel. Ein paar Leute habe ich leider verpasst. PJ Harvey zum Beispiel. Was Lanegan aber letztlich für die Platte verwendet, weiß ich auch nicht.
Er ist der Chef!
Eben, und er hat seitdem auch wieder neue Sachen komponiert. Da könnte er also wieder 'ne Menge altes Zeug rausschmeißen.
Wie sieht deine Zukunft nach der Tour aus?
Jetzt geht's erstmal nach Hause, dann kommen wir für ein paar Festivals im August zurück.
Was machen die Mondo Generator-Albumpläne?
Wir haben gerade die neue EP fertig gemacht, die wir auch hier dabei haben. An einem Album wird frühestens Ende des Jahres gearbeitet.
Gut, letzte Frage: Was rotiert momentan in deinem CD-Player?
Ähm, zur Zeit vor allem die Dead Kennedys. Alte Sachen.
Aha, die neue Beastie Boys als schon nicht mehr? (erwähnte Nick auf seiner Homepage)
Nein, die kann ich nur zuhause hören, denn ich habe sie auf Vinyl. Und 'nen Plattenspieler kann ich nun wirklich nicht mit auf Tour nehmen.
Da hat er wohl Recht, der Nick. Wir verabschieden uns, die Atmosphäre ist freundlich, Nick sagt zweimal "Cool man" und wir wünschen ihm nichtsahnend eine gute Show. Nun der liebe Kollege Brant Bjork. Die Promoterin sieht Oliveri aufstehen und kümmert sich prompt um Nachschub. Schon von weitem erkennen wir den braun gebrannten Mann mit dem Wuschelkopf. Brant Bjork kommt zweifellos fitter rüber als sein barhäuptiger Kollege. Gewichtigster Unterschied: Er hat Lust zu reden.
Nick meinte gerade, die Tour läuft super bisher, kannst du das bestätigen?
Absolut. Es macht viel Spaß, da wir auch die Setlist jeden Abend einen Tick verändern. Die ersten vier Songs sind immer gleich, das ist quasi unser Warm Up, aber dann verändert es sich.
Heute abend eröffnet ihr für Mondo Generator, aber das ist nicht die Regel, oder?
Doch schon. Wenn wir mit Mondo spielen, lassen wir sie headlinen und wenn Nick eine Akustik-Show spielt, ist er als erstes dran. Mondo Generator ist nunmal die lautere und aggressivere Band (wohl vor allem letzteres, Anm. d. Red.) und so macht es mehr Sinn. Unser Sound ist ja eher laid back.
Ich habe dein neues Album "Local Angel" gehört, was wirklich klasse geraten ist. Ein wenig gewundert habe ich mich nur, wie leise und ja, laid back, es ausgefallen ist.
Danke. Ja, es ist irgendwie tatsächlich eine sehr intime und relaxte Platte geworden. Die Texte sind auch emotionaler ausgefallen als früher. Für Aggressivität ist auf der Platte sicherlich kein Platz. Es muss nicht laut sein.
Was hat dich während der Albumaufnahmen beeinflusst?
Also ich kann dir jetzt keine speziellen Einflüsse nennen, die Platte ist einfach so geworden, wie sie von Anfang an werden sollte. Wenn du jetzt einen Namen von mir willst, würde ich sagen, ich habe damals viel Richie Havens und so akustisches Zeug gehört. Laid back music. (überlegt weiter, schaut dann in die Luft, dann wieder zu uns. Dann zuckt er die Schultern und lacht ziemlich dreckig)
Mich erinnern die Strukturen der Songs in ihrer minimalistischen Form auch an gewisse Arten elektronischer Musik. Beschäftigst du dich mit so etwas?
Nicht gerade ausschweifend, muss ich zugeben. Aber ich mag simple Musik. Ich mag es nicht, wenn Songs zu komplex sind, dass der durchschnittliche Hörer verwirrt ist. Musik sollte dich nicht verwirren, sondern dich locker machen. Dann hast du eine gute Zeit.
Früher hast du aber auch Musik gemacht, die komplizierter und aggressiver war.
(stolz) Oh yes! Vor zwölf Jahren war ich aggressiv und laut (lacht). Da gab es Zeiten, wo man sich scheiße fühlte. Wütend. Und wenn ich mich scheiße fühlte und wütend war, machte ich aggressive und wütende Musik. Vielleicht mache ich das mal wieder (lacht). Aber im Moment bin ich laid back.
Bei Fu Manchu bist du ja nach fünf Jahren ausgestiegen. Waren die dir auf Dauer auch zu aggressiv?
So würde ich das nicht formulieren, aber es war mir irgendwann doch zu eindimensional und speziell, verstehst du? Was Fu Manchu macht, ist sehr cool. Ich bin eine musikalische Person und mag viele Formen von Musik, so dass ich irgendwann das Gefühl hatte, auf meinem Weg weiter gehen zu müssen.
Hättest du die Band nicht auch zu neuen Ufern führen können?
Nun, es ist eigentlich nicht meine Band, sondern die von Scott Hill. Fu Manchu ist seine Vision, das war schon immer so und ich respektiere das. Ich liebte diese Band schon, bevor ich mitspielen durfte. Ich wollte auf keinen Fall meine persönlichen Vibes in etwas einbringen, was strukturell schon feststeht. Es ging eher darum, meinen Dienst so lange anzubieten, wie es eben geht. Jetzt mache ich mein Ding.
Okay, zurück zu deinem Ding: Du hast zwei Coverversionen auf dem neuen Album, eine von den Ramones und eine von Jimi Hendrix. Welche Songs standen noch auf der Liste?
Oh Mann, da gibt es so viele. "Hey Joe" liebe ich einfach. Ich hatte schon vor fünf Jahren über ein Cover nachgedacht, es aber erst jetzt aufgenommen. Und "I Want You Around" ist mein Lieblingssong von den Ramones. Er klingt nicht sehr nach dem Original, aber es hat Spaß gemacht.
Ich konnte es nicht glauben, dass ausgerechnet dieses alte "Hey Joe" noch so frisch klingen kann.
Oh danke. Keine Ahnung, es ist einfach ein traditioneller Song und ich habe Jimi Hendrix' Version sehr respektiert.
Auf den "Desert Sessions 9+10" taucht dein Name nicht auf, obwohl du die Reihe einmal ins Leben gerufen hast. Wo liegen die Gründe?
Well, ich möchte mir nicht anmaßen, zu behaupten, ich hätte die Serie losgetreten. Das war schon eher Joshs Sache, selbst wenn er mit mir die Entwicklung der Desert Sessions durchgegangen ist. Hätte ich die Sessions geplant und kontrolliert, wären sie wohl etwas anders ausgefallen. In vielerlei Hinsicht ist das aber sehr cool, so wie es ist. Dass ich nun nicht mehr dabei bin, hat keine konkreten Gründe. Ich habe einfach so schon genug zu tun.
Fühlst du dich eigentlich stolz, wenn Leute dich wieder und wieder auf Kyuss ansprechen und dir erzählen wie toll diese Band doch war?
Allerdings. I love Kyuss. Es ist eine gute Band. Eine großartige Band.
Und wie stehst du zu den ewigen Reunion-Geschichten?
Ach weißt du, ich würde es machen. Na klar, warum auch nicht? Ich mochte die Musik schon immer und denke, es wäre ein großer Spaß. Aber Josh steht dieser Idee nicht so offen gegenüber und auch das ist zu verstehen. Er ist halt sehr beschäftigt mit den Queens und hat mit ihnen ein ganz neues Erfolgslevel erreicht. Für ihn wäre es also eher ein Rückschritt. Aber gut, wenn es niemals eine Reunion geben sollte, dann gibt es eben niemals eine. Wenn aber doch: Well, let's have a good time!
Mit deiner Freundschaft zu Josh und Nick dürfte es momentan sicher nicht einfach sein, was die Kommunikation angeht. Stehst du da nicht immer in der Mitte?
Weißt du, ich stehe seit 15 Jahren in der Mitte. (allgemeines Gelächter)
Zum Schluss: Du hast kürzlich bei Melissa Auf Der Maurs Soloalbum ausgeholfen. Sind weitere solcher Features in Planung?
Ja. Ein Projekt von Vic Dumonte ist in der Mache, das muss man abwarten, und ich werde mit Chris Cockrell zusammen arbeiten, mit dem ich damals Kyuss gegründet habe. Er hat eine großartige neue Platte gemacht, die wir nächstes Jahr rausbringen werden. Und schließlich werde ich eine neue Platte mit den Bros aufnehmen.
Die Interviews führte Michael Schuh.
Muchas Gracias - The Best Of Kyuss (2000), Kyuss/Queens Of The Stone Age (1997), ... And The Circus Leaves Town (1995)
Blues For The Red Sun (1992), Wretch (1991), Sons of Kyuss (1990)
| Fr | 01.06.2012 | Kyuss Metalfest Open Air Germany East (Dessau) | |
| Sa | 02.06.2012 | Kyuss A-Metal Fest Open Air Austria (Mining) | |
| Fr | 08.06.2012 | Kyuss Metalfest Open Air Germany West (St. Goarshausen) | |
| Sa | 09.06.2012 | Kyuss CH-Metal Fest Open Air Helvetia (Pratteln) | |
| Di | 12.06.2012 | Kyuss LUX-Esch-Alzette (Rockhal) | |
| Mo | 18.06.2012 | Kyuss Bremen (Aladin) | |
| Di | 19.06.2012 | Kyuss Bielefeld (Forum) | |
| Mi | 20.06.2012 | Kyuss Aschaffenburg (Colossaal) |
2011: Garcia, Bjork und Oliveri treten in die Zeitkapsel.
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