laut.de-Kritik

Wie aus einem musikalischen "Fuck You" ein Rock-Klassiker wurde.

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"Listen without distraction" heißt es in den Linernotes. Anhören ohne Ablenkung. Als wollten sie sagen: Schalte ein, konzentrier dich. Dreh den Fernseher und das Telefon ab. Schick den Hund raus, sag deinen Freunden, heute Abend hast du keine Zeit. Vergiss die Welt rundherum. Mach die Augen zu. Dann höre dieses Album.

"Welcome To Sky Valley" war und ist mehr als die bloße Aneinanderreihung von Songs. Ein Ungetüm, das viele Gestalten annehmen kann. Ein zentrales Bandwerk, das nur durch höchst komplizierte zwischenmenschliche Probleme zustande kommen konnte. Ein unendlich sprudelnder Quell an Inspiration für Generationen von Musikschaffenden.

Das Phänomen Kyuss wurde erst nach seiner Auflösung zum Kultstatus erkoren. Anfang der Neunziger gab es einfach ein paar junge Wilde in der kalifornischen Wüste, die ihr Ding durchzogen und bahnbrechende Alben ablieferten. Begegnet man "Sky Valley" heute, handelt es nicht um ein einfaches In-den-Player-Werfen. Man hat Respekt vor der Musik, vor allem aber vor der Geschichte, die ihr vorausgeht.

Drehen wir das Zeitrad zurück. Das zweite Album "Blues For The Red Sun" steht fertig aufgenommen in den Startlöchern. Produzent Chris Goss erkannte großes Potenzial in dem Vierer aus Palm Desert, Kalifornien und wies ihnen das Fenster zum Kyuss-Sound. Durch die Finger des damals 19-jährigen Josh Homme flossen die Riffs in einer bis dato unbekannten Tiefe und Schwere, drehten und wendeten sich über dicke Grooves von Drummer Brant Bjork und Bassist Scott Reeder, Nachfolger des Saiten-Madmans Nick Oliveri. John Garcia musste seine Stimmbänder ordentlich ausquetschen, um gegen diese Soundwüstensturm anzukommen.

Mit dem erfahrenen Neu-Basser Reeder touren Kyuss quer durch die Staaten und im Vorprogramm von Metallica durch Australien. Doch trotz Plattendeal und Tour war es immer noch die gleiche Band, die in der Wüste Dieselgeneratoren, Bierfässer und Amps aufstellte und so die Nächte durchfeierte.

Das war Kyuss: Dinge zu tun, wie man es wollte. Dort zu spielen, wo niemand störte. Gitarren so zu stimmen, wie sonst niemand. So kletterten sie vor abertausenden australischen Fans auf die Bühne und hatten keine Setlist, entschieden den nächsten Song spontan vor dem Drumkit. Der Freigeist von Kyuss war ungebrochen. "Kyuss ain't about rules", wusste John Garcia unlängst in einem Interview.

"Blues" ließ mit seiner animalischen Urgewalt die Kinnläden selbst in der Blütezeit des Grunge runterklappen, aber da wusste man eben noch nicht, was Homme und Co. noch in petto hatten. Wenige Monate später war "Welcome To Sky Valley" fertig, nur leider auch das Label Dali Records am Ende. Es sollte ein ganzes Jahr dauern, bis Elektra finanziell einstieg und Fans die Möglichkeit hatten, ihre akustische Reise nach Sky Valley anzutreten.

Das Ortschild hinter sich gelassen, führt man die Nadel auf das Polyvinylchlorid (oder einen Laser zur CD) und mit der ersten Sekunde von "Gardenia" erfüllt eine Gitarre Raum, Zeit und alles was dazwischen liegt. Von Brant Bjork geschrieben, brät Homme sein Riff einem immensen Hummelschwarm gleich durch die Boxen. Bjork rast auf der Snare daher, den schweren Reeder-Bass im Schlepptau. Wie ein lang anhaltendes Donnergrollen breitet sich der Song aus, nützt zwei, drei Akkordwechsel für einen leichten Refrain, bevor es wieder in diesen hypnotischen Groove zurückfällt.

Das Zusammenspiel zwischen Reeder und Homme war durch unzählige Proben in schiere Perfektion gegossen, der Bassist streute immer Fills ein, die einen fast funkigen Beigeschmack haben. Genauso nutzte Josh die Freiräume, die ihn immer wieder solistisch nach vorne rückten.

Die Bilderwelt der Wüste drängte sich bei Kyuss stets auf, das geistige Auge projizierte automatisch Staub, Hitze und Naturgewalten in die vier Musiker hinein. Klang "Gardenia" nach abendlichen Spritztouren im rostigen Pickup-Truck mit einer Palette Billigbier, während die Sonne die leergefegten Straßen zwischen den Malls in den Wüstenkleinorten flutet, ziehen mit "Asteroid" erste Wolken über das Firmament. Wind kommt auf, die Stimmung schlägt um. Braucht man einen Soundtrack für die so oft zitierte Ruhe vor dem Sturm, er lauert in den bedeutungsschwangeren, einzelnen Gitarrennoten, die dem Asteroidenhagel vorausgehen.

Nach eigenen Aussagen beeinflussten die Klänge von Richard Wagner den Herrn Homme bei dieser Komposition sehr. Gesang war kaum mehr nötig, wenn das brachiale Hauptthema über einen hereinbricht. Bjorks Schlagzeug stampft, drischt auf die Köpfe aller Zuhörer ein, auf dass sie sich endlich im Takte bewegen. Gleichzeitig simpel und bärenstark dreht das Riff eine Runde, kollabiert mit lange ausgehalten Noten und einem wildem Feedback-Lärm.

Doch offenbar haben noch einige Organismen überlebt, denn das Spiel beginnt von neuem. Diesmal mischt Scott Reeder noch bei den spärlichen Anfangsklängen mit, erlaubt sich einen kleinen Ausflug in einen erweiterten Jam. Fast meint man, der Staub habe sich gelegt und es geht auf zu neuen Ufern. Aber die Brutalität kehrt zurück in dieses Instrumental, das Tempo zieht mit einem klarem Sabbath-Einschlag weiter. Bis heute leugnet Mr. Homme übrigens, den Einfluss der Heavy-Pioniere in seiner Musik zu erkennen.

In "Supa Scoopa And Mighty Scoop" kratzt Josh das triolische Intro schön auf den Punkt, während Garcia fast lieblich die Zeilen "Today you hate, making love tomorrow" croont. Die Saitenarbeit transformiert sich immer stärker, bis einen der schiebende Groove endlich erlöst. Da Hommes warmer, nierenmassierender Gitarrensound schon in den tiefsten Frequenzen wildert, war es Reeder möglich, Joshs Linien im höheren Bassregister zu doppeln. Mit einer sehr schwingenden Spielweise feuerten sie so die Attacken mit einer ungeahnten Breitseite ab.

Klare und gängige Songstrukturen standen bei Kyuss schon seit dem Vorgängeralbum nicht mehr auf der Tagesordnung, sie jammen einfach die liebgewonnen Parts weiter oder verlangsamen den Supa Scoopa auf schleppende Halftime, lassen dafür die Solo-Gitarre ihren eigenen Weg in die Stratosphäre bahnen. Ein Song wie ein eigenes Epos.

Solche Nummern schüttelte der Vierer in den Sound City Studios quasi aus dem Stand aus den Ärmeln. Ob ihnen bewusst war, was sie da gerade erschufen, darf ernsthaft bezweifelt werden. Scott Reeder erzählt: "Wir waren wie Kinder in einem Süßigkeitenladen. Ich war schon mal in einem Studio, aber der Vibe bei 'Sky Valley' war einfach großartig. Wir hatten Ölräder an den Wänden, Räucherstäbchen, überall Kerzen – wir wurden high und machten es einfach. Wir hatten Spaß, soffen Freibier und fragten uns, wer uns hier reingelassen hatte."

Bis auf Reeder waren Kyuss 20-jährige Jungspunde. Dope-Raucher, wie Brant Bjork sagt. Mit dem Einfluss von bewusstseinserweiternden Drogen gehen die Verantwortlichen hinter "Sky Valley" noch Jahre später sehr offen um. Es galt, das bestmögliche Ergebnis abzuliefern, aber einzig und allein für einen selbst. Als letztes für die Plattenfirma.

Als das neue Majorlabel Elektra drei Singles vom neuen Album verlangte, war die erste Überlegung: "How can we fuck things up?" Daraus entstand die Idee, das Album in drei große Sätze aufzuteilen und jeden Satz à rund 15 Minuten Laufzeit als Single einzureichen. Homme lacht sich heute noch scheckig über die Gesichter der Executives, als er diese vor vollendete Tatsachen stellte.

Ursprünglich nur als kleines "Fuck You" an die Plattenfirma gedacht, entstieg der Aufteilung in drei Sätze (engl. movements) und der Anleitung "listen without distraction" ein überaus dichter Gesamtheitseindruck des Albums, das in seiner allumfassenden Stärke mehr ist als die bloße Summe aller zehn Teile. Es wurde zur Rockoper ohne den vielleicht schalen Beigeschmack der Vätergeneration.

Und es verarbeitete das Leben in der Wüste auf sowohl textlicher als auch klanglicher Ebene. "100'" eröffnet den zweiten Akt mit einer zweieinhalbminütigen Punkode an die unausweichliche Hitze der Wüste. Doch auch wenn sie kurz und kompakt zur Tat schritten, hatten Kyuss noch genug Ideen im Sand verbuddelt, um locker aus der Hüfte eine lupenreine Funk-Bassline einzubauen, nachdem Reeder und Homme sich kurz für einen Takt ein Mini-Solo gönnen.

Staub wurde mit metallischer Härte in Tornado-Größenordnung aufgewirbelt. Die verzerrten Gitarren dürfen kurz auskühlen, als die Mannen zu den Akustikgeräten greifen. "Space Cadet" schrieb Reeder an seinem ersten Tag in der Band, das wahrscheinlich im typischen Schwergewichtssoundgewand eine ebenso gute Figur gemacht hätte. Die ausgestöpselte Version versprüht einen besonderen Charme, dem eines "Planet Caravan" von Black Sabbath nicht unähnlich. Man will unweigerlich den Kopf zurücklegen, die Augen schließen, dem Tag entkommen und die seltenen Soundcollagen eines Joshua Homme an der Akustikgitarre einwirken lassen.

"I stand alone on the cliffs of the world", heißt es in den Lyrics. Aussteigerfantasien prägten von jeher den Mythos der Wüste. Den Text schrieb Homme genauso in die Richtung seines Bruders im Geiste, des Sandkastenfreunds Brant, der mit der eingeschlagenen Richtung der Band nicht mehr einverstanden war. Kaum hatte er seine Schlagzeugspuren aufgenommen, verschwand er aus Kyuss und für zwei Jahre in der Wüste. Es schien, als forderte jedes neue Album dieser Band ein Mitglied als Opfer für den Rock-Olymp.

Der ganz große Erfolg war der Gruppe trotzdem nie beschieden, auch mit dem ehrfürchtigen "Demon Cleaner" nicht - ein Song, den Jahre später sogar Tool live edeln sollten. Die vielen "Yeahs" über Joshs sägender Gitarrenline, die plötzlich einer überaus warmen Harmonie Platz macht sowie der perkussive Tribalgroove der Drums erzeugt eine etwas gespenstische Stimmung zur Geisterstunde und fadet in das Ende des zweiten Aktes.

"Odyssey" bedient sich beim eigenen "Asteroid" in Stimmung und krachender Dynamiklehre. Reeders Bass spuckt die Riffs in Geezer- und Entwistle-Manier, nur böser und fetter raus, während Josh abermals die psychedelische Gitarrenfarbe lauter dreht. Bedrohlicher als der Anstieg zur letzten Strophe der Odyssee ist nur der Einstieg zu "Conan Troutman", wo sie uns zunächst auf die fröhliche Suche nach der Eins schicken.

Das Tempo wird hoch gehalten, der prügelnde Drumbeat erweckt die Assoziationen zu den titelspendenden Herren Conan (Barbar von Beruf) und Col. Troutman (Rambo Teil 1). Wieder schiebt die Band als zweiten Teil des Aktes eine kurze, vom Punk befeuerte Nummer ein. Einzelne Themen werden wieder kurz angerissen – Arrangementtechniken der klassischen Musik manifestieren sich wieder und wieder.

"N.O." greift erneut eines dieser triolischen Killer-Riffs auf, geschrieben allerdings von Mario Lalli, den alle Kyuss-Kämpfer mitsamt dessen Formation Across The River als wahre Gründer des Stonerrocks ansehen. In jener Kapelle zupfte zuvor ein gewisser Scott Reeder den Bass. Across The River schafften jedoch nicht mal den Sprung in ein Studio. Umso besser, dass "N.O." seinen Platz auf "Sky Valley" fand, denn für diesen Song gebührt Herrn Lalli jede Wasserquelle rund um Palm Desert.

Besonders die groovenden Passagen fahren in Mark und Bein und machen klar, warum sich Beiwohner von Kyuss-Gigs vor Ekstase nur so schüttelten. Daraus ist eine weitere Definition der Stonerrock-Terminologie abzuleiten: Musik löst die gleichen Emotionen aus wie sonst nur künstliche Substanzen.

Das Finale von "Sky Valley" gipfelt in der zweiten und letzten Brant Bjork-Komposition "Whitewater", das im direkten Matchup mit den vorausgegangen Akten eine verhältnismäßig starre Gitarrenarbeit zeigt. Natürlich nur bis zur 3:10-Marke. Ab dem melodiösen Break gibt Bjork die Bühne frei für eine fünf Minuten lange Jamsession, die im Studio genauso frisch von der Leber weg improvisiert wurde, wie jeden Abend auf der Bühne. Ein orgastischer Moment mit vier Ausnahmemusikern, die ihren Mitstreitern mindestens gleich viel Aufmerksamkeit schenken wie dem eigenen Instrument.

Und dann kehrt Stille ein. Um noch einmal das strapazierte Wüstenvokabular zu bemühen: Der Sandsturm hat sich gelegt. Das Herz schlägt noch immer etwas schneller, der Kopf raucht, die Nackenmuskulatur spannt. Ein Album wie eine Naturgewalt. Selbst wenn es das letzte Album im Lebenswerk des Josh Homme gewesen wäre, sein Platz in der Legenden- und Mythenbildung des Rock war ihm und Kyuss schon nach der letzten verklungenen Note in "Whitewater" gewiss. Doch es kam bekanntlich anders und brachte damit überhaupt erst viele Unwissende auf Kyuss. Die "Sky Valley" kommt nun wieder zurück in den Schrank, bedächtig, mit Respekt. Und wiederholend die Frage, ob man Kyuss in der Wüste das Wasser reichen kann.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Gardenia
  2. 2. Asteroid
  3. 3. Supa Scoopa And Mighty Scoop
  4. 4. 100'
  5. 5. Space Cadet
  6. 6. Demon Cleaner
  7. 7. Odyssey
  8. 8. Conan Troutman
  9. 9. N.O.
  10. 10. Whitewater

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55 Kommentare

  • Vor 6 Jahren

    Eigentlich ist "Blues of the red sun" mein Favorit aber "Sky Valley" ist schon ein Brett. Über den basswaberten Gitarrensound (ey Klampfer die Mitten sind's!) und das teilweise unpräzise Spielen kann man sich streiten. Ansonsten ne' 1a Scheibe. Hört man immer wieder gern.

  • Vor 6 Jahren

    hell yeah! ich möchte nicht zwischen blues und valley wählen müssen. blues ist jam-lastiger als sky valley, während sky valley schwerer und metallischer klingt, eher wie ein konzeptalbum mit den 3 suits (im grunde genommen 4, aber ich zähle den 2 sekunden song mal nicht dazu).

    wunderbar, dass hier sowas besprochen wird.