Mit scharfen Geschützen schießen die Ur-Metaller schon seit 1981. Damals zupfte noch Megatöter Dave Mustaine die Lead-Gitarre. Dieser war auch maßgeblich beteiligt an der Realisierung des Materials, das zwei Jahre später als "Kill 'Em All" in die Annalen der Metalgeschichte eingehen sollte.
Nach ihrer dritten Veröffentlichung ("Master Of Puppets") wurde die steile Karriere der Metaller 1986 von einem schrecklichen Ereignis überschattet: Während ihrer ersten Europa-Tour als Headliner verunglückte der Tourbus am 27. September 1986 auf dem Weg von Stockholm nach Kopenhagen. Basser-Legende Cliff Burton überlebt den Unfall nicht. Seinen Platz in der Mitte von Sänger James Hetfield, Lars Ulrich (Drums) und Kirk Hammett (Gitarre) nimmt zunächst Jason Newstead (Ex-Flotsam) ein.
Anfangs besorgten Mundpropaganda und illegal mitgeschnittene Bootlegs die Werbung für die Band, die im Verlauf ihrer Karriere den Metal fast im Alleingang gesellschaftsfähig machte. Doch spätestens seit dem Chartbreaker "Nothing Else Matters" sind Metallica-Scheiben fester Bestandteil in jeder halbwegs sortierten Mainstreamsammlung. Und auch die Nachfolgewerke tragen solch schlagfertige Mottos wie "Bang That Head That Doesn't Bang" oder "Metal Up Your Ass" noch direkt ins Kinderzimmer.
In letzter Zeit scheint das Quartett etwas ruhiger geworden zu sein. Auf das 98er Coveralbum Garage Inc. folgt am 19. November 1999 S&M. Das Kürzel steht für Symphony & Metallica, dahinter versteckt sich eine Art Live-Best-Of, eingespielt mit dem 108-köpfigen San Francisco Symphony Orchestra. Kritiker reagieren allerdings eher mit Kopfschütteln, als mit Headbangen.
Schlagzeilen machen die Hardrocker trotzdem. Mit ihrem strengen Vorgehen gegen Napster machen sie sich nicht nur Freunde. Und im Januar 2001 müssen sie sich mal wieder auf die Suche nach einem neuen Bassisten machen: Jason Newsted spürt nach vierzehn Jahren den Zahn der Zeit: "Wer 14 Jahre lang in so einer Band gespielt hat, trägt irgendwann Schäden davon." So weit die offizielle Version, die Jason verbreiten lässt. Dass diese jedoch nur die halbe Wahrheit beinhaltet, wird später offenbar. Newsted beschwert sich, dass er auf das Songwriting keinen Einfluss hat und das sich Lars und James wie kleine Diktatoren benehmen, die ihm auch Engagements außerhalb Metallicas untersagen. Nach seinem Abgang wird Jason kreativ wie nie zuvor, produziert das neue Voivod-Album, zupft dabei den Bass, wird Teil der Band und spielt in mehreren Projekten.
Währenddessen laufen bei Metallica die Vorbereitungen zur Produktion des neuen Albums. Nach nur kurzer Zeit muss James Hetfield jedoch das Handtuch werfen. Sein mittlerweile immens gestiegener Alkoholkonsum macht konzentriertes Arbeiten unmöglich. Metallicas Zukunft steht auf wackeligen Beinen. Nach vier Monaten kehrt Hetfield jedoch gesund in den Kreis der Band zurück und die Arbeiten am achten regulären Studioalbum können fortgesetzt werden.
Irgendwann macht das Gerücht die Runde, Metallica würden auf dem mit "St. Anger" betitelten Album wieder ordentlich aufs Schnitzel hauen, erste Hörproben bestätigen dies. Mittlerweile haben die drei übrig gebliebenen Mitglieder auch einen neuen Bassisten: Robert Trujillo. Der am 23.10.1964 geborene, ehemalige Ozzy-Basser ist ein Meister seines Faches und sicherlich die richtige Besetzung. Dieser hat jedoch keinerlei Einfluss mehr aufs Songwriting gehabt, und auch die Bass-Parts auf "St. Anger" hat ein anderer eingespielt: Produzent Bob Rock hilft am Viersaiter aus.
Unter erheblichem Mediengetöse wird der für den 10. Juni anvisierte Veröffentlichungstermin um fünf Tage vorgezogen. Da die Platte bereits im Netz steht, könnte dies eine Abwehrmaßnahme gegen illegale Downloads zu sein. Am 5. Juni steht "St. Anger" in den Regalen und bietet Value For Money. Nicht nur, dass der regulären CD eine komplette DVD beiliegt, jeder Käufer einer Platte erhält auch noch ein T-Shirt. Die Reaktionen auf das Album sind jedoch zwiespältig. Aber sie können es nun mal nicht allen recht machen, zumindest reagiert Kirk Hammett auf Kritk im Interview mit laut.de aber etwas pikiert.
Aussagen der Band, dass man nichts des Geldes wegen tue, haben sich schon lange als lächerlich erwiesen (drei Singleveröffentlichungen mit dem selben Hauptsong, aber anderen B-Seiten sprechen für sich), und so wundert es auch auch nicht, dass einige alte Videos neu als DVD aufgelegt werden. Den Anfang macht zunächst "Live Shit (Binge)" von 1993, gefolgt von "Live At San Diego" von 1992. Mit "Some Kind Of Monster" zeigen sie aber in eindringlichen Bildern, wie ernst die Situation innerhalb der Band war, bevor "St. Anger" entstanden ist. So detaillierte und tiefe Einblicke hatte zuvor kaum jemand in das Seelenleben der Band.
Von einem ganz anderen Kaliber und deutlich sinnfreier ist hingegen "Metallimania" geraten. Die nicht von der Band lizenzierte Rockumantary ist an schwachsinnigen Bildern und Worten kaum zu unterbieten. Derweil befindet sich die Band schon wieder im Studio, um an neuen Songs zu arbeiten, entflieht aber der Enge und spielt auf der Escape From The Studio-Tour einige Shows, wobei sie auch zwei neue Songs zum Besten geben. Bis das Album - bei dem Rick Rubin auf dem Produzenten-Sessel sitzt - erscheint, dauert es noch ein wenig.
Zwischenzeitlich erscheinen aber zwei Hörbucher zum Thema Metallica und deren bewegter Biographie. Wer sich also nicht mit den Information hier begnügen will, holt sich entweder "Metallica - Justice For All: Die Wahrheit über Metallica" von Joel McIver (im Deutschen gelesen von Schauspieler Claude-Oliver Rudolph) oder das kurz zuvor vom Rock Hard veröffentlichte "Metallica Part I: Thrash, Trauer & Triumphe". Während ersteres schon seit 2004 auch in Buchform zu haben ist, erscheint letzteres ausschließlich als Hörbuch.
Ist das neue Album "St. Anger" ein Kracher oder ein lauwarmer Furz? LAUT-Redakteur Edele streitet mit Metallica-Gitarrist Kirk Hammet.
Am vergangenen Wochenende kamen Metallica zum Rock Am See-Festival nach Konstanz. Die Gelegenheit, mal ordentlich auf den "St. Anger"-Busch zu klopfen, konnte LAUT sich natürlich nicht entgehen lassen. Wer das Streitgespräch mit Kirk Hammet nicht lesen, sondern hören will, klicke auf den Video-Link unten auf der Seite.
Ihr habt auf das neue Album sehr unterschiedliche Reaktionen bekommen. Hast du das erwartet?
Jedes Mal, wenn wir ein Album veröffentlichen, erwarten wir irgendeine Kontroverse. Wenn es keine geben würde, würden die Fans schon eine finden. Nicht unbedingt die Fans, eher die Medien, die sich auf eine Sache fokussieren und dann das ganze Album hochnehmen. Es ist schade, dass viele Leute das so wahrnehmen. Viele sprechen dieses Mal darüber, dass sich der Drumsound anders anhört. Meine Ansicht ist eher die, dass man sich nicht so sehr darauf konzentrieren sollte, dass die Drums sich anders anhören. Die Songs sind entscheidend, und nicht, wie das Schlagzeug klingt. Immer, wenn wir ein Album raus gebracht haben, rief es gemischte Reaktionen hervor. Das ist seit "Ride The Lightning" so.
Eure letzten Alben hatten einen sehr kraftvollen Klang. "St. Anger" ist sehr rauh, für mich hört es sich eher nach einem Demo-Tape an. War das so beabsichtigt?
Es war die Absicht, roh zu klingen. Für mich hört es sich sehr kraftvoll an. Wir wollten es einfach so ehrlich und pur wie möglich halten, denn so ist einfach der Sound, wie wir klingen, ohne all die großen Produktionstechniken. Es ist schon komisch. Manche schätzen die Ehrlichkeit des Sounds, manche mögen ihn nicht und andere verstehen ihn nicht, also kommt es auf den Hörer an. "St. Anger" ist eines der Alben, die du einige Male hören musst, bevor es sich entfaltet. Einige Leute werden es beim ersten Hören nicht mögen, aber je öfter du es dir anhörst, desto mehr Details gibt es zu entdecken. Es gibt zum Beispiel keine Soli, aber wen juckt's, dass keine vorkommen? Alles, worauf es ankommt, sind die Songs und deren Qualität, und die ist da.
Dich scherts wirklich nicht, dass du keine Soli spielst? Ist es befriedigend für dich, die neuen Songs zu spielen?
Ja, sehr. Ich spiele doch jeden Tag Gitarren-Soli, und deswegen ist es mir egal, ob welche auftauchen. Jeder weiß doch, dass ich Gitarre spielen kann. Was ist denn das Wichtigste an Metallica? Für mich sind es die Lieder. Ich habe meine Soli in den Hintergrund gestellt, um die Songs selbst mehr hervorzuheben. Für dieses Album, für diese Zeit und für diese Musik ist das auch angemessen.
Ich habe den Eindruck, dass einige Trademarks von Metallica auf diesem Album fehlen. Nimm eine Band wie Apocalyptica. Sie spielen viel von eurem Zeug und zeigen, dass eure Musik auch gut in den Klassik-Rahmen übertragen werden kann. Sie würden große Probleme bekommen, eure neuen Sachen zu spielen.
Wieso?
Es fehlen einfach Melodien
Da muss ich dir widersprechen. Ich glaube schon, dass die neuen Songs gut auf Streichinstrumente übertragbar sind, und ich glaube auch, dass viele alte Trademarks zu hören sind. Vielleicht hat es nicht den knallenden Drum-Sound und Soli fehlen auch, aber ich muss dir widersprechen, das ist durch und durch Metallica, hundert Prozent. Aber wen interessieren schon Markenzeichen? Ich sehe das eher so, dass wir neue Elemente in unseren Sound einbringen. Soli sind nichts anderes als instrumentelle Breaks. Ich dachte nicht, dass das so eine Aufregung geben würde, wenn ich keine spiele. Ich denke, es gibt auf "St. Anger" genauso viele, wenn nicht noch mehr Melodien, als bei allen Sachen, die wir in den Achtzigern geschrieben haben.
Einige Songs sind ziemlich lang geraten. An manchen Stellen habe ich den Eindruck, dass es nicht wirklich nötig ist, sie auf diese Länge auszudehnen. Nach fünf Minuten ist eigentlich mehr oder weniger alles gesagt.
Noch mal: Wir haben die Songs eben so geschrieben, wie wir sie schrieben. Die Tracks wären für mich auch genau so spannend, wenn sie kürzer wären.
Ein Kumpel von mir sagte, für ihn klinge "St. Anger" so, als wenn ihr beweisen müsstet, dass ihr immer noch heavy seid.
Ich denke die Leute wissen, dass wir immer noch heavy sind. Egal, was für ein Album wir veröffentlicht hätten, es gäbe immer Leute, die das behaupten würden. Come on, wir sind Metallica, wir werden immer heavy sein. Die Art, wie wir spielen ist heavy, und jedes Album, dass wir gemacht haben, war heavy. Ich widerspreche auch diesem Statement. Das ist einfach eine sehr simple Art, die Dinge zu sehen.
Aber du musst doch zugeben, dass viele Riffs auf "St. Anger" im Gegensatz zu euren alten Platten nur auf pure Power abzielen und weniger Melodie beinhalten.
Es ist einfach sinnlos zu versuchen, dich mit dir selbst messen zu wollen, was wohl viele Journalisten gerne sehen würden. Wir wollen einfach weiter nach vorne schauen. Meist werden unsere neuen Sachen mit den alten verglichen, was ja auch ok ist, aber manchmal treffen sie es einfach nicht, wenn sie Album mit Album und Song mit Song vergleichen. Jedes Album ist für sich eine musikalische Bestandsaufnahme für den Zeitpunkt, an dem es entstand, und wenn es dir nicht gefällt, dann gefällt es dir eben nicht. Wir werden uns sicherlich nicht entschuldigen, denn für mich sieht es so aus, als ob du hier eine Entschuldigung aus mir heraus pressen möchtest. Ich halte "St. Anger" für ein gutes Album, und natürlich ist es anders als die anderen. Wir möchten uns nur weiterentwickeln.
Ihr habt bei Rock am Ring und Rock im Park lediglich zwei neue Songs gespielt. Warum nicht mehr?
Wieso? Warst du mit zwei nicht zufrieden? Du erzählst mir die ganzen schlechten Dinge über "St. Anger" und dann beschwerst du dich, wir würden nicht genug daraus spielen. Come on man, get on the right fuckin' track here. Are you with us or against us? Tell me now!
Ich bin mit Sicherheit nicht gegen euch. Ich mag die neue Platte einfach nicht so sehr, muss ich zugeben.
Das ist fair und cool, ok. Es ist nun mal so, dass es bei jedem Album, das wir veröffentlicht haben, Leute gab, die es nicht mochten, warum auch immer. Das ist auch ok so. Der Grund, warum wir nur zwei Songs von "St. Anger" spielen ist, dass wir jetzt aus neun oder zehn Alben eine umfassende Setlist zusammen stellen. Wir können eben nur ein paar Songs von jeder Platte spielen. Ein paar von "Kill 'em All" und "Ride The Lightning" usw. ...
Ich frage deshalb, weil auch ich meine Probleme mit "Load" und "Reload" hatte. Als ich euch die Songs daraus aber live spielen hörte, gefielen sie mir um einiges besser.
Cool. Heute Abend spielen wir nur zwei neue. Wir kommen wahrscheinlich im Dezember noch mal hierher und dann werden wir voraussichtlich mehr daraus spielen.
Ne andere Frage. Ihr habt "St. Anger" eine DVD beigelegt. Warum habt ihr nicht einfach die Aufnahmen der Session genommen? Für mich klingt die DVD sehr viel kraftvoller als das Album, und außerdem spielt Rob (der neue Metallica-Bassist Robert Trujillo, d. Red.) da ja auch Bass.
Rob stieß ja erst später dazu, deswegen ist er auch nicht auf dem Album zu hören. Ich muss zugeben, dass das Spiel von Rob um einiges mehr Power hat, als das von Bob (für "St. Anger" half Produzent Bob Rock am Viersaiter aus, die Red.). Bobs Beitrag ist eher zurückgelehnter, während Rob in die Vollen geht. Der Sound der DVD kam eigentlich nur durch ein paar aufgestellte Mikrofone zustande. Das sind zwei Herangehensweisen an die Sache, und wir wollten das nicht allzu gleich klingen lassen.
Auf MTV gab es zuletzt die MTV Icons, die sich um euch drehten. Dort hat Avril Lavigne "Fuel" gespielt. Wie war das für dich, als dieses Tennie-Mädel euren Song gespielt hat?
Meine Idee war es nicht, haha.
Hat es dir gefallen?
Ich habe einfach versucht, nicht zu peinlich berührt auszusehen. Wenn ich es mir jetzt noch mal anschaue, dann ist es wohl nicht schlecht für die Art von Band. Aber wenn Avril das vor einem Metallica-Publikum spielen würde, wie hier heute, dann wäre sie am Ende fertig. Sie musste vor einem MTV-Publikum spielen, um das überhaupt auf der Bühne hinzubekommen. Unsere Fans hätten wahrscheinlich angefangen, sie mit Sachen zu bewerfen.
Hast du dich geehrt gefühlt?
Ich habe mich schon geehrt gefühlt, ich habe auch die Limp Bizkit-Version von "Sanatarium" sehr genossen und war beeindruckt. Obwohl ich nie ein großer Fan ihrer Musik war, aber ihre Version war schon ziemlich cool.
Ihr wart mit ihnen und Limp Bizkit auf Tour. Ich habe gehört, dass es in Chicago auf der Bühne Stress gegeben hat?
Yeah. Ich weiß nicht mehr genau, was da passiert ist, aber ich glaube, Fred Durst hat sich mit dem DJ gezofft. Und aus welchem Grund auch immer, hat er beschlossen, dass er sich auch mit dem Publikum anlegen muss. Er ist dann hin gegangen und hat geflucht und geschimpft, und dann haben wir ihn von der Bühne geschmissen. Er hat sogar angefangen, mit Flaschen nach der Band zu werfen. Ich kann das nicht so richtig nachvollziehen. Wenn du merkst, dass das Publikum dich nicht mag, dann kannst du doch nicht einfach zurück stecken und "Fuck You" sagen. Du musst doch versuchen, sie irgendwie von dir zu überzeugen.
Das Interview führte Michael Edele.
The Videos 1989-2004 (2006), Some Kind Of Monster (2005), Live At San Diego 1992 (2005)
S&M (2000)
ReLoad (1997), Load (1996), Metallica (1991), ... And Justice For All (1988), Master Of Puppets (1986), Ride The Lighning (1984), Kill 'Em All (1983)
| Fr | 18.06.2010 | CH-Degenaupark Wil (Jonschwil) |
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