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Die lange und ereignisreiche Geschichte der Ärzte beginnt 1980 in Berlin: der Dekorateurslehrling Dirk "Bela B." Felsenheimer trifft auf Gymnasiast Jan "Farin Urlaub" Vetter im Punkschuppen Ballhaus Spandau. Jan steigt als Gitarrist bei Dirks Band Soilent Grün ein, doch Anfang '82 zerbricht die Band. Hauptgrund ist die von Jan und Dirk entwickelte Idee, anstatt immerzu Staat und System anzuprangern, lieber den Humor in den Punkrock zu holen.
Ein grandioser Wurf: Mit dem von der Band Frau Suurbier abgeworbenen Basser Hans "Sahnie" Runge werden Die Ärzte gegründet und erste Songs wie "Zum Bäcker" und "Vollmilch" erscheinen auf dem Punkrock-Sampler "Ein Vollrausch In Stereo" und vier weitere Frühnummern kommen auf die EP "Zu schön um wahr zu sein". Songs, die bis heute unveröffentlicht geblieben sind, hören auf solch furchterregende Namen wie "Jack Der Schlitzer" oder "Eva Braun" (sic!). Das erste Ärzte-Konzert findet am 26. September 1982 im "Besetzereck" statt, einem besetzten Haus in Berlin.
Dem selbstgesteckten Ziel, Millionen von Mädchenherzen zu erobern, kommen Die Ärzte 1984 mit dem Gewinn des Berliner Senatsrockwettbewerbs und der anschließend veröffentlichten Mini-LP "Uns Geht's Prima", bedenklich nahe. Die CBS nimmt die jungen Wilden unter Vertrag und veröffentlicht Ende 1984 die später indizierte LP "Debil" und die Single "Paul".
Dennoch reicht der Bekanntheitsgrad der Band kaum über die Stadtgrenzen Berlins hinaus. Erst als die Jugendzeitschrift Bravo "in einer Art Sommerloch" (O-Ton Urlaub) drei Wochen hintereinander Die Ärzte zum Thema macht, sprechen plötzlich auch Kids auf Schulhöfen außerhalb der späteren Hauptstadt über die Nonsens-Brüder. Dadurch entsteht die bizarre Situation, dass die Band nun von der Öffentlichkeit als echte Popstars wahrgenommen wird, die Mitglieder aber noch immer in abgerissenen Löchern hausen und "jeden Tag Fischstäbchen essen" (Bela B.). Geld verdienen sie zu jener Zeit eigentlich nur mit Konzerten, weshalb man auch ständig auf Achse ist.
Anfang 1986 haben sich die Doktoren bereits einen beachtlichen Fankreis erspielt, was ihrem Bassisten Sahnie deutlich zu Kopf steigt; dieser scheint nur noch des Geldes und der Groupies wegen aufzutreten und halluziniert öffentlich von PR-Auftritten in Limousinen und Playback-Shows, zu viel für Bela und Farin. Sahnie fliegt aus der Band und hat somit wieder genügend Zeit für sein BWL-Studium.
"Die Ärzte" wird 1986 als Duo aufgenommen und der Bassist Hagen Liebing von der lokalen Band The Nirvana Devils als Livemusiker engagiert. 1987 tritt die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ins Leben der Ärzte und indiziert "Geschwisterliebe" und nachträglich die "Debil"-Songs "Claudia hat 'nen Schäferhund" und "Schlaflied". Bei Konzerten umgehen Die Ärzte das Aufführungsverbot, indem sie die Lieder anspielen und das Publikum singen lassen.
Über Nacht steigt die Band zur Kultband auf, deren (verbotene) Songs plötzlich jeder Jugendliche besitzen muss. Erstmals fallen Mädchen in den ersten Reihen von Ärzte-Konzerten in Ohnmacht und die Band spielt vor ausverkauften Häusern. Presseberichte über die indizierten Songs und der Wirbel um eine Uwe Barschel-Bemerkung beim München-Konzert heizen den Hype weiter an.
Für die damalige TV-Sendung "Live aus dem Alabama" im Bayerischen Rundfunk (mit Moderator Günther Jauch!) spielt das Trio ein Konzert und hält sich nicht an die mit der Sendeleitung vereinbarte Abmachung, schön brav zu sein. Vor "Geschwisterliebe" warnt Farin nach einem ironischen Schlagabtausch mit Bela die Fans: "Singt dieses Lied nicht, Uwe Barschel hat es gesungen und ihr wisst, was aus ihm geworden ist!". Der Bezug auf den tags zuvor tot aufgefundenen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten gerät zum Skandal, Günther Jauch entschuldigt sich schmallippig und selbst Edmund Stoiber, Leiter der bayrischen Staatskanzlei, rügt den Sender.
Während der "Wahrheit"-Tour beschließt die Band, auf Sylt ihr Abschiedskonzert zu spielen (das allerletzte Konzert der Band findet aber am 28. August 1988 beim Festival "Deutsch-Französischer Rockpop In Concert" in Straßburg statt). 1993 verraten Bela und Farin, dass auch Kreativitätsprobleme die Entscheidung beeinflusst hätten.
Die daraus resultierende 3-LP-Livescheibe klettert bis auf Platz 1 der deutschen Verkaufscharts. Von 1988 bis 1993 versuchen sich Farin und Bela mit den erfolglosen Bands King Kong und Depp Jones und beschließen 1993 mit Ex-Rainbirds/Depp Jones-Bassist Rodrigo Gonzalez den Neuanfang. Ex-Basser Hagen, der sich mittlerweile als Berliner Journalist verdingt, ist von seiner Nichtberücksichtigung schwer enttäuscht und verarbeitet seine Zeit mit der Band 2003 im Buch "Meine Jahre mit Die Ärzte".
Die Ärzte toppen mit Rod derweil ihre eigenen Erfolge aus den 80ern - in Sachen Platten-, Konzert-, und sicher auch Merchandiseverkäufen, ohne sich dabei dem Verdacht des Konsumverrats auszuliefern. Sie geben Konzerte in 500-Mann-Clubs unter falschem Namen und informieren ausschließlich Fanclubmitglieder, sie verkaufen im Handel nicht erhältliche EPs auf Konzerten (1995 die EP "1,2,3,4 Bullenstaat") und stehen beim Abschlusskonzert der "Attacke Royal"-Tour 1998 im Kölner E-Werk geschlagene drei Stunden und 43 Minuten auf der Bühne.
"Männer Sind Schweine" gerät 1998 zu ihrem ersten Nummer Eins-Hit. Deutschlands größter Boulevardzeitung verweigert die Gruppe nun noch genüsslicher jedes Interview und kümmert sich stattdessen um eigene Interessen. Etwa dem Verfassen einer 3,1 Kilo schweren Bandbiographie namens "Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf".
Auch Soloaktivitäten stehen bei allen drei Mitgliedern hoch im Kurs und füllen fortan die Pausen zwischen Aktivitäten der Ärzte. Im Spätsommer 2002 ziehen die Berliner nach Grönemeyer und den Fanta Vier als dritte deutsche Band für MTV den Stecker ("Rock'n'Roll Realschule").
"Geräusch" wird 2003 das erste Studio-Doppelalbum ihrer Karriere, 2005 erscheint das einstmals indizierte "Debil"-Frühwerk als "Devil" und unter dem Motto "Ärzte statt Böller" feiert die Band am 31. Dezember 2006 im Kölner Rhein Energie-Stadion mit den eigenen Fans Silvester.
Längst zählen Die Ärzte zu den beliebtesten Bands der Republik, die auch nach mehrjähriger Auszeit aus dem Stand die größten Hallen ausverkaufen. So lassen sie zwischen den Alben "Jazz Ist Anders" und "Auch" ganze fünf Jahre ins Land ziehen. Nimmt man den Titel ihrer 2012er Tour wörtlich, bleiben sie uns noch eine ganze Weile erhalten: "Das Ende ist noch nicht vorbei".
Bela über Meinungsfreiheit, Anonymität im Stadion, DJ Bobo und Nick Cave.
Heute erscheint "Code B", das zweite Soloalbum von Bela B. Wir trafen den Ärzte-Drummer zum Interview in Hamburg.
Hamburg im August, 11 Uhr: Bela B. lädt die Journaille in ein uriges Café im Schanzenviertel, den Berliner Betrüger. Sogar uns. Das war nicht unbedingt zu erwarten, gab es doch nach unserer Rezension zur Die Ärzte-Platte "Jazz Ist Anders" einige Verstimmungen hinter den Kulissen. Aber dazu später.
Mein Interview ist das erste seines Promotages und das einzige vorm Mittagessen, was die schöne Begleiterscheinung zeitigt, dass man auch in der Pause noch gemütlich bei Pommes und Currywurst (Bio!) zusammen sitzt.
Schließlich gibt es auch ein gemeinsames Fan-Thema: Lee Hazlewood. Brachte es der Ex-Berliner fertig, die Country Exotica-Legende 2007 für sein Solodebüt "Bingo" zu gewinnen, durften wir den früheren Partner von Nancy Sinatra drei Monate vor seinem Tod noch in Las Vegas treffen.
Die Fachsimpeleien sind schnell an einem Siedepunkt: Vegas-Anekdoten, Tribute-Album-Diskussionen ("Da hätten ruhig mehr Pop-Künstler drauf sein können, nicht nur alles, was links und rechts von Pavement existiert") und Sammler-Nerdtalk. Womit wir gleich bei einer schönen Grundsatzfrage sind.
Bist du ein Vinyl- oder CD-Käufer?
Bela: Im Moment kaufe ich oft CDs, weil ich viel im Auto unterwegs bin. Ich hoffe aber, dass bei Vinylalben bald regelmäßig ein Code mitgeliefert wird, mit dem man sich die Platte dann für den MP3-Player downloaden kann. Aber ich persönlich hänge natürlich an Alben, klar.
Wobei mir jetzt bei "Code B" was Lustiges passiert ist: Wir tüftelten lange über dem Konzept für das Cover, diesem Spiel mit der Maske, besprachen die Möglichkeit, das Songbook in drei Teilen auszuklappen und abends ruft mich der Grafiker dann an und meint: Scheiße, wir haben vergessen, über Vinyl zu sprechen. Im LP-Format war der Entwurf gar nicht zu verwirklichen. Da dachte ich auch nur, du Heuchler, hälst ständig Vinyl hoch, produzierst aber bei vollem Bewusstsein für die CD.
Aber das sind eben Lernprozesse. Früher haben wir ne Fotosession gemacht, die eine Stunde dauerte und dann hatten wir das Frontcover. Die erste Ärzte-Platte "Debil" hat zwei Fotos, beide Male dasselbe Motiv, vorne, hinten, fertig. Oder denk mal an die Rolling Stones. Was waren das für herrliche Zeiten: Die haben drei Interviews gegeben und die Platte hat sich trotzdem millionenfach verkauft.
Apropos Interviews, eine Sache muss ich jetzt ansprechen: Es gab vor zwei Jahren ziemlichen Ärger zwischen laut.de und euch, als wir zum ersten Mal ein Ärzte-Interview zugesprochen bekamen. Mein Kollege, übrigens ein Ärzte-Fan, hatte "Jazz Ist Anders" vorher nur zwei Mal im Netz hören können, was ihm nicht aussagekräftig genug für eine vorschnelle Analyse erschien, so dass er mit dir in Berlin lieber über andere Dinge sprach. Nach dem Interview, als die Platte dann bei uns reinkam, fand er sie tatsächlich nicht so toll und hat sie ...
Verrissen.
Nun ja, er gab 2/5 Punkten.
Das ist ein Verriss.
Okay. Euer Label war auf 180, auch weil parallel noch eine Marketing-Kampagne lief. Uns wurde Unprofessionalität vorgeworfen, böse Absichten unterstellt, dabei war alles nur eine irgendwie verdammt missglückte Aktion. Ein Jahr später wurde uns Farins Soloalbum gar nicht erst zur Rezension geschickt. Da war ich doch sehr positiv überrascht, als plötzlich dieses Interviewangebot mit dir reinkam. Wir dachten eigentlich, Die Ärzte sind jetzt alle erstmal richtig sauer.
Gut, das ist scheiße gelaufen. Dazu ist erstmal zu sagen, dass wir schon früh damit begonnen haben, Journalisten, die die neue Platte nicht gehört haben, wieder nach Hause zu schicken. Denn worüber soll man sprechen? Heute gibt es natürlich ein vermehrtes Interesse an den Personen der Band. Bei dem Bela von heute ist ja viel mehr zu holen als bei dem Bela Anfang der 80er. Aber Interviews sind eben nicht unsere Hobbys, wir wollen schon auch über die Platte sprechen.
Was diesen speziellen Fall angeht, erinnere ich mich an zwei schlechte Kritiken: die eine kam in diesem Fall von euch und die andere von unserem Ex-Bassisten, der sauer war, dass ein persönliches Interview nicht geklappt hat. Wir haben damals dann halt gedacht: Was ist bei laut.de schief gelaufen, dass die uns so kacke finden? Ich bin mir nicht sicher, aber wurde "Bingo" bei euch nicht auch verrissen?
Nee. Aber das ist ja eh der Witz, Die Ärzte kommen bei uns sonst ja immer gut weg. Und überhaupt seid ihr doch längst in einem Stadium angelangt, in dem Kritik eigentlich gar nicht mehr vorkommt.
Mae West hat mal gesagt: Jede Presse ist gute Presse, so lange nur der Name richtig geschrieben ist. Daran sollte man sich halten. Klar, du kannst natürlich keine Platten veröffentlichen und hinterher den Leuten vorschreiben, dass sie die gefälligst toll zu finden haben. Es gibt zum Beispiel auch nicht nur positive Reaktionen auf meine neue Single, aber damit muss man umgehen können. Nicht umsonst hasse ich eine bestimmte deutsche Kinozeitschrift, weil man dort die Filmkritiken kaufen kann.
Sowas darf nicht sein und sowas wollen wir auch nicht, aber deswegen ist es uns trotzdem nicht egal, wenn man uns unter der Gürtellinie trifft. Es gibt natürlich Musiker, die kaum Interviews geben und sowas gar nicht an sich ranlassen. Mike Patton zum Beispiel. Aber wenn du eine Platte ganz frisch fertig hast, trifft dich Kritik schon, denn im Vergleich zu dem, der nach ein paar Mal Hören eine Rezension schreibt, hast du mit dem Album ja gute zwei Jahre gelebt.
Es treffen dich also auch zwei schlechte unter hundert guten Kritiken? Wir dachten halt damals: Da scheißen die drauf.
Müssen wir ja auch. Ich bin da jetzt nicht sonderlich nachtragend, deswegen sitzt du ja hier. Und eure Seite ist eben auch eine wichtige Informationsquelle für Musik. Ich lese ja auch mal das Ox, selbst wenn die den Ärzten auch nicht nur positiv gegenüber stehen. Wobei über die Jahre überraschenderweise immer mehr.
Okay. Das war also keine Entscheidung eures Managements, so nach dem Motto: Dieses laut.de lassen wir jetzt mal außen vor.
Nee, bei den Ärzten wird jedes Detail mit uns abgesprochen, da geht nichts raus, was nicht irgendwie an uns vorbei gegangen ist, auch die schlechten Sachen. Also, das Ganze war vielleicht nicht ganz cool von uns, aber man ist dann eben auch auf eine Weise getroffen als Künstler.
Und woher kommt das schlechte Feedback zu "Altes Arschloch Liebe"?
Feedback ist natürlich relativ, denn die Platte ist ja noch gar nicht draußen, aber man schaut dann ja schon auch mal im Internet. Und da haben sich schon viele gewundert, dass ich nicht mit nem Punkrock-Song zurück komme.
Der Songtitel ist natürlich geil, wo hast du dieses alte Arschloch Liebe denn gefunden?
Witzigerweise befinde ich mich im glücklichsten Stadium meines Lebens, obwohl ich zur Zeit weniger Schlaf kriege als in meinen schlimmsten Drogenzeiten. Aber man schöpft ja immer aus seinem Erfahrungsschatz. Und ich hatte schon länger den Wunsch, ein Anklagelied an die Liebe in der Form eines Kneipen-Streitgesprächs zu schreiben.
Ein Tag vor den Schlagzeugaufnahmen fiel mir der Song dann zu, es hat nur eine halben Stunde gedauert. Dann habe ich beschlossen: Das ist der letzte Song, den ich geschrieben habe und es wird der erste sein, den ich rausbringe. Und für die Zeile 'Liebe, du alte Scheiße' feiere ich mich auch selber ab.
Hast du nach all den Jahren nicht schon ein Gefühl entwickelt, dass dir sagt: Die Platte wird groß oder der Song könnte abgehen? Deine und eure Fans sind ja doch treue Seelen.
Es gibt die Komplettisten, die sich die Platte eh kaufen. Das ist ja auch ein Grund, warum mich eine Plattenfirma in Zeiten wie diesen unter Vertrag nimmt. Aber natürlich bin ich aufgeregt, denn die Platte ist sehr viel persönlicher geworden als die letzte. Hinzu kam, dass mir meine sehr intensive Beschäftigung mit der Gitarre nun viel mehr Möglichkeiten gibt.
Letztlich ist da ein Knoten geplatzt und am Ende hatte ich 34 Songs. Natürlich bin ich auch gespannt, ob die Platte abgeht, aber was geht heute denn noch ab? Ich glaube nicht, dass ich zehn Mal in den Charts sein werde, wenn ich mal sterbe. Obwohl, mit den Ärzten könnte das vielleicht passieren (alle lachen).
Mehr noch als bei "Bingo" kann ich mir einige Songs auf "Code B" nicht bei den Ärzten vorstellen, zum Beispiel "Hilf Dir Selbst" ...
Das ist natürlich Absicht. Schon "Bingo" erschien völlig losgelöst von den Ärzten. Gut, manche sagen, der ein oder andere Song könnte auch bei den Ärzten ... würde da aber anders klingen, keine Ahnung. Bei den Ärzten sind persönliche Dinge viel versteckter, oft auch hinter Ironie. Insgesamt bin ich dieses Mal vom Geschichtenerzählen eher weggekommen. Obwohl ich als der Chaot der Band gelte, gibt es bei mir diesen roten Faden, ein Konzept.
"Als Wir Unsterblich Waren" ist eine Ode an deine Jugend und den Sound jener Zeit. Hast du da insgeheim nicht auch an deinen alten Freund Farin gedacht, obwohl der damals sicher nie getorkelt ist?
(lacht) Also es geht zunächst schon um mein persönliches Empfinden. Aber das Lied lässt sich auch auf die Gegenwart, auf ein Gefühl übertragen. Es geht natürlich um die Musik, die mich geprägt hat und wie wichtig die einmal war. Gleichzeitig war alles andere ein Experiment, die Drogen, an denen viele kaputt gegangen sind. Gerade im Mauer-Berlin hatte man ja damals immer Angst, irgendwas zu verpassen. Du bist pennen gegangen und am nächsten Tag war alles ganz anders.
Ausgelöst hat den Text aber Tony Parsons' Buch "Als Wir Unsterblich Waren", das ich übrigens jedem ans Herz lege. Wenn dich musikbezogene Literatur dazu bringt, ein Instrument in die Hand zu nehmen, ist sie immer großartig. Der Titel beschreibt diesen Punkt in der Jugend, an dem man das Recht hat, nicht an die Zukunft zu denken und keine Angst vor dem Tod zu haben. Es ist also ein sehnsüchtiger Song, denn heute ist mir Vergänglichkeit sehr bewusst, damals wars mir scheißegal.
Nee, ehrlich gesagt gar nicht. Aber zu Youtube gibts ne schöne Geschichte: Mit einem Freund diskutierte ich mal über Sinn und Unsinn der Hamburger Schule. Manches, was ich als aufgesetzt empfand, verteidigte er und es ging ziemlich heiß her, bis der Freund irgendwann sagte: So, und jetzt zeige ich dir mal, was du in dem Alter gemacht hast. Das war schon interessant, so ein bisschen wie in eine fremde Welt gucken. Ach ja, das haben wir ja auch gemacht. Oh, das war auch nah dran an der Prostitution. Aber ich schaue lieber in die nahe Zukunft und bin dankbar, was mir da passiert. Ich sehne nichts zurück.
"Schwarz/Weiß" ist meines Erachtens ein sehr guter Song auf "Code B", sowohl musikalisch als auch textlich. Strophe und Refrain begegnen dem Phänomen Schubladendenken da auf unterschiedlichen Wegen.
Gut, das Thema ist natürlich alt: Schwarzweiß-Denken ist ohne Frage ein absolutes Verbrechen. Über wie viele Menschen habe ich schon im Vorfeld geurteilt und mir dadurch interessante Erfahrungen verbaut. Dass ich nicht schwarzweiß denke, zeigt ja alleine schon der Umstand, dass ich hier mit dir ein Interview führe, mit dem Feind laut.de.
Es gibt aber Zeiten im Leben, vor allem wenn du jung bist, in dem Schwarzweiß-Denken durchaus legitim, wenn nicht absolut notwendig ist. Ich höre zum Beispiel von allen Leuten, wie nett der DJ Bobo ist, aber ich muss den echt nicht kennen lernen. Ich finde seine Musik schrecklich, das ist mein gutes Recht. Da muss ich also keine Toleranz üben. So entstand die Idee, das Ganze thematisch mal umzudrehen.
Auf dem Song sitzt ja der musikinteressierte St. Pauli-Spieler Marcel Eger am Schlagzeug. Wie kams?
Marcel war der erste Gast der Platte. Wir sind nicht eng befreundet, aber wir mögen uns. Irgendwann habe ich dann mal in der Zeitung gelesen, dass er Schlagzeug spielt und gerne mal auf einer Platte mitspielen würde. Wer schon mal auf seiner Webseite war, kann sich seine Begeisterung ausmalen. Er hat sich am Anfang ziemlich geziert und so, aber dann sagte ich: Das ist mir scheißegal, es geht hier auch um Namedropping, mein Freund! (lacht)
Es war natürlich seine erste Studiosituation und gleich mit dem Clicktrack zu spielen, war nicht ganz einfach. Er spielte den Drumbeat zum Playback. Wir haben dann Parts seines Spiels eingebaut. Ich hoffe, er kommt nachher noch kurz hier vorbei und holt sich die CD ab, denn er hat den Track noch gar nicht gehört. Es ging mir da auch nicht um Kunst, auch damals gings nicht darum, ob Charlotte Roche singen kann, sondern schlicht und ergreifend um die Tatsache, dass es viel angenehmer ist, mit Charlotte im Studio zu sein, als mit Sarah Connor. Und ob die singen kann, sei auch mal dahingestellt.
Gehst du bei der Mannschaft auch in der Kabine ein und aus?
Nee, auf keinen Fall. Dariusz Michalczewski durfte vor zehn Jahren mal auf der Trainerbank sitzen, aber das ist nicht mein Ding. Ich gebe zu, dass ich damals, als ich 1997 hergezogen bin, zunächst aus Eventgründen im Stadion war, da wurde gefeiert und getrunken. Aber das änderte sich schnell und seither leide ich mit und sehe viel schlechten Fußball, wobei sich das diese Saison ja augenscheinlich zu ändern scheint. Ich war dann auch einer der ersten, die sich eine Lebensdauerkarte gekauft haben.
Kam dir eigentlich nie Bandenwerbung à la Andrew Eldritch in den Sinn?
Doch, das habe ich mir in der Tat schon überlegt.
Sowas wird doch sicher an dich heran getragen.
Vom Verein nicht, nein. Ich genieße im Stadion ja so eine halbe Anonymität zwischen 20.000 Menschen. Die meisten Leute da haben sich an meinen Anblick gewöhnt und lassen mich in Ruhe. Aber es gibt eben auch die, die ganz aufgeregt - ach Gott Bela und so - sofort ihr Handy zücken. Aber ich gebe grundsätzlich keine Autogramme im Stadion und mache auch keine Fotos, denn das ist mein privater Freiraum. Da will ich Fußball gucken, fachsimpeln und Bier trinken.
Bandenwerbung wäre dieser Einstellung also eher hinderlich?
Ja, das lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf den Rockstar Bela B., der da im Stadion hockt. Ich war aber ziemlich stolz, als bei dem Spiel gegen Hansa Rostock, als es diese Ausschreitungen gab und zunächst eine üble Stille über dem Stadion lag, als da als erster Song "Schrei Nach Liebe" gespielt wurde, ein Song, der zum Teil auch von mir ist. Da hat das gesamte Stadion dann in den Rostock-Block gezeigt und "Arschloch" gebrüllt.
Das traf zunächst allerdings die Falschen, weil da natürlich viele normale Fans und Vereinangehörige standen. Man kann nicht pauschal sagen, alle Rostock-Fans sind Nazis. Die Polizei hat damals aber den Fehler gemacht, einige gewaltbereite Hools ins Stadion zu treiben. Deshalb traf es hier und da doch den Richtigen.
Und in dem Moment war es halt auch ein Ventil für den Druck, den an dem Tag alle spürten, da man dachte, es würde sehr schlimm werden. Die Ausschreitungen hielten sich im Vergleich zu meinen Erwartungen dann sogar noch in Grenzen, obwohl die Medien die Gewalt als sehr ausufernd dargestellt haben.
... peinlich zu werden.
Ja, oder den Absprung zu verpassen.
Das beschäftigt mich natürlich schon länger. Jan und ich sagen immer, wir hoffen, dass unsere Freunde uns rechtzeitig warnen. Wir sind aber noch nicht dement oder geisteskrank und speziell ich nicht mehr auf selbstzerstörerischen Drogentrips unterwegs. Uns wundert der Zulauf der 12-18-Jährigen auch, da man in jungen Jahren gewissen Älteren gegenüber doch eher misstrauisch gegenüber steht. Das Interesse liegt wahrscheinlich daran, dass wir uns nie verkauft haben.
Kannst du dir vorstellen, dass diese Nähe zu jugendlichen Sorgen bei euch irgendwann verschwindet, vielleicht weil ihr plötzlich nicht mehr so oft ausgeht?
Der Reiz an durchgemachten Nächten nimmt mit zunehmendem Alter schon ab. Andererseits drehen sich nicht alle Texte in der Rockmusik ums Nachtleben. Ich habe ja noch ein paar Jahre bis zur 50, wo ich dann sagen kann: Gut, einen Song wie "Teenagerliebe" muss ich nicht mehr singen. Denn man kann in Würde altern.
Mick Jagger hätte seine Spandexhosen schon lange ausziehen sollen. Aber das ist jedem selbst überlassen. Ich würde ungern das Andenken an unser Schaffen der letzten 25 Jahre durch eine Unverbesserlichkeit oder Sturheit beschmutzen. Und auch wenn ihr das anders seht: Das letzte Ärzte-Album halte ich für das Beste, was wir seit Ewigkeiten gemacht haben.
Und doch schafft ihr es, mit "Junge" als Ü-40er die Sorgen eines 12-Jährigen anzusprechen. Dieser Link zur Jugendkultur, wo kommt der her?
Das ist schon richtig, aber dieses Punkrock-Gebilde, das Farin in dem Text beschreibt, gibt es so ja auch nicht mehr. Das wurde ja von Hip Hop abgelöst. Und ich habe auch adoleszente Neffen und Nichten, die sich im pubertierenden Alter befinden. Manchmal muss man reifen, um Dinge zu verstehen, die man irgendwann mal erlebt hat. Was mich betrifft: Ich könnte mir schon vorstellen, irgendwann im höheren Alter wie Tom Jones auf die Bühne zu gehen und mit diesem Elder Statesmen-Ding zu spielen, auch vor jüngerem Publikum.
Nick Cave hat kürzlich in einem Interview gesagt, er gehe zum Songschreiben morgens früh aus dem Haus wie jeder andere Arbeitnehmer, sitze in seinem Büro und komme gegen Abend wieder nach Hause.
Ich habe das Interview auch gelesen und kannte die Herangehensweise schon von der Schriftstellerei. Der Ansatz birgt einen gewissen Reiz, gerade wenn du älter wirst und in der Lage bist, dich besser zu disziplinieren. Man kann sich ja nicht ewig wie ein 16-Jähriger benehmen, was auch ich auf dem harten Weg irgendwann erfahren musste. Ich bin aber schon eher nachtaktiv, arbeite da am besten.
In Anlehnung an Farin Urlaubs Technik trage ich immer ein Diktiergerät mit mir herum und sammle so meine Ideen. Früher haben Künstler ja auf dem Lebensentwurf bestanden, frei zu leben und abzuwarten, bis die Kunst irgendwann fließt. Und naja, irgendwie singen wir Künstler doch auch gegen diese 9 to 5-Mentalität mit Beinehochlegen am Wochenende an.
Man darf aber auch nicht vergessen, wo Nick Cave herkommt, die Drogengeschichten und all das. Ich finde ja seine Grinderman-Platte höchst pubertär, also sehr geil, und wahrscheinlich brauchte er danach sowas. (lacht). "Ninjababypowpow" von meiner neuen Platte hat in Teilen auch was von Birthday Party, zumindest hatten die auch immer so nen hypnotischen Bass damals.
Standest du damals in West-Berlin schon auf Cave?
Klar, die erste Birthday Party-Platte habe ich als Teenager rauf und runter gehört, war auch auf ihrem ersten Konzert. Im Risiko, wo ich oft rumgehangen bin, habe ich aus einer Ecke heraus immer beobachtet, wie er sich bewegt und so. (lacht)
Farin meinte kürzlich, er höre heute in den alten King Kong-Platten vor allem die Frustration heraus, es nicht geschafft zu haben. Wie ergeht es dir mit Depp Jones-Platten?
Ich höre da nur Flausen. Die erste Platte sollte eine Rock'n'Roll-Platte werden und mir gefallen einige Songs auch immer noch, aber vieles war einfach zu verkopft. Ich hätte bei dem spielerischen Umgang des S.U.M.P.-Projekts bleiben sollen, das hätte mir gut getan. Aber nach der Ärzte-Karriere, das ging Jan sicher auch so, wollten wir unbedingt ernst genommen werden.
Wir wollten von heute auf morgen anders sein und das war einfach total scheiße. Abgesehen davon, dass es der Höhepunkt unserer Karriere war, kurz danach die Mauer fiel und unzählige Ostdeutsche uns plötzlich live sehen wollten. Und wir kamen dann mit so komischen Kumpelbands, hundert Prozent an den Metal/Crossover-Zeitgeist angelehnt. Schon meine Stimme konnte das gar nicht leisten.
In der DDR habt ihr nie gespielt, oder?
Nein, es gab eine Amiga-Single und es sollte ein Album und eine Tour folgen. Dann trafen wir uns drüben mit einem Moderator, der mit unserem Bassisten befreundet war und gingen zusammen zu einem Konzert von Die Anderen. Ein paar Leute aus der Band spielen heute bei Rammstein. Anschließend ging man noch zusammen in eine Wohnung und diskutierte, sehr offen.
Leider war der Radiomoderator IM, wie wir Jahre später erfuhren. Daher ist die geplante Tour abgesagt worden. Offiziell hieß es natürlich, wir hätten uns das anders überlegt. Im Anschluss daran konnten wir auch nicht mehr unbeobachtet einreisen und wie die Toten Hosen zum Beispiel irgendwo in einer Küche spielen. Das bereue ich sehr, denn wir wohnten am dichtesten von allen dran und hätten das alles machen können.
Die Soloaktivitäten von Farin und dir überschneiden sich ja nie. Zufall ist das kaum, oder? Nach den Ärzten hattet ihr ja 2008 sicher beide gleich Solopläne in der Schublade.
Jan und ich achten schon darauf, dass wir uns nicht im Weg stehen mit den Solosachen und der Band. Ich wusste natürlich, dass ich eine neue Platte machen würde. Aber dann zog sich die Tournee mit den Ärzten immer mehr in die Länge. Klar, wir sprechen uns da schon ein bisschen ab, etwa dass ich mit dem neuen Album ein bisschen warte, bis die Leute Farin Urlaubs Tour verkraftet haben. Der Fokus liegt ja schon auf uns beiden, wir sprechen hier ja auch öfter über ihn. Man kann so eine Band auch nicht wegdiskutieren, das wäre ja Schwachsinn.
Ich fand es zum Beispiel sehr spannend, als man dank Dave Gahans Platte und seinen Interviews nach jahrelangen Nullinformationen plötzlich viel über die Strukturen hinter Depeche Mode erfahren hat. Da wurde sehr viel über die Beziehung zwischen ihm und Martin Gore bekannt. Und seitdem ist da wieder richtig Leben drin, in der Band und im Fokus auf die Band, ohne dass die jetzt schmutzige Wäsche gewaschen hätten.
Ah, meine Jugendband. Die hätte ich dir musikalisch jetzt ja nicht zugeordnet.
Also die aktuellen Sachen reizen mich jetzt nicht unbedingt. Aber in den 80ern haben die schon großartige Songs geschrieben. Die waren auch immer im Fokus der Ärzte, weil Farin Urlaub die ziemlich mochte. Und später hat das ja durch die Johnny Cash-Version nochmal eine ganz neue Bedeutung bekommen. Spätestens da war ja völlig klar: Du kannst einem guten Song höchstens noch mehr Charisma hinzufügen. Und das hat Cash dann auch gemacht.
Bela über seine Rolle als Vampir und die neu gewonnene Bandeinheit.
Die Plattenfirma hat fürs Interview mit Die Ärzte die Location geschickt gewählt. Ein Café in einem eher unscheinbaren Gebäude in Kreuzberg, gut hinter einer hohen Hecke versteckt, dient als Basis für den Promotag in der Heimatstadt von BelaFarinRod.
Der aufmerksame Spaziergänger hört im Vorbeilaufen dennoch sofort die Stimmen der beiden Hauptvokalisten Bela und Farin heraus. Keine Frage, nach 25 Jahren Präsenz (brutto) in der deutschen Musikszene gehen die Stimmen ins kollektive Popgedächtnis über. 25 Jahre Höhenflug, Trennung, Wiedervereinigung, ungezählte Konzerte, eine Unplugged-Session. Die Ärzte haben alles gesehen, was es zu sehen gibt. Dementsprechend entspannt sitzt mir Bela gegenüber. Charmant und eloquent erzählt er vom neuen Album, der autonomen Arbeit daran und der Wahrnehmung seiner Person als Vampir der Nation.
Wie lange ist Euer Album jetzt schon fertig?
Bela: Seit Juni.
Hast Du es danach nochmal gehört, oder habt Ihr es unangetastet gelassen?
Ich hab's total oft gehört. Also, ich gehöre zu den Leuten, die sich die fertige Platte dann ins Auto tun und dann immer wieder anhören. Zum einen, weil ich mich vergewissern will, dass das auch richtig gut ist, was ich gemacht habe. Zum anderen, weil ich auch mein eigener Fan bin, weil ich dann auch stolz bin. Ich hatte im letzten Jahr ja die tolle Gelegenheit Mike Patton kennenzulernen, und der sagte mir, dass er einen fertigen Song nie wieder anhört. Weil es ihn nicht interessiert. So geht's mir nicht.
Dadurch, dass wir relativ viel live spielen, sind Songs teilweise nicht mehr so interessant. Für mich ist Musik, wenn sie fertig ist, immer noch ein Wunder. Da entsteht aus Nichts etwas Messbares. Ähnlich müssen wohl Gärtner empfinden, wenn sie einen Baum pflanzen. Das klingt jetzt sehr esoterisch. (lacht)
"Das Licht Am Ende Des Sarges" zum Beispiel ist einen Tag, bevor wir ins Studio gegangen sind, entstanden. Erst hast du diese Idee im Kopf, dann setzt du dich hin und spielst die Akkorde, und dann spielst du an den Harmonien rum. Dann setzt du dich an den Computer und nimmst es auf. Drei Stunden später ist da ein Song, wo vorher nichts war. Jetzt ist er auf der Platte, und das ist eine Sache, die mich sehr freut und was ich sehr genieße.
Hörst Du nur Deine eigenen Songs oder die ganze Platte?
Schon die ganze Platte. Ich bin ja auch an den anderen Songs beteiligt, weil ich ja mindestens Schlagzeug gespielt oder mitgesungen habe.
Wen beäugt man kritischer, sich selbst oder die anderen?
Sich selber, ganz klar. Weil man da am meisten Einfluss hat. Wenn das Stück fertig ist, darf man sich auch nicht verrückt machen lassen. Es gibt ja sehr viele Bands, auch in unserer Größenordnung, die ein Jahr arbeiten an ihren Alben, die sich sehr sehr viel Zeit lassen. Und man kann jetzt, mit der modernen Aufnahmetechnik - wir haben jetzt auch mit Computer aufgenommen - sehr lange günstig arbeiten im Studio. Aber es ist ein Trugschluss, dass das, was lange währt, auch endlich gut wird.
Wir setzen uns deswegen immer Ziele und überschreiten die Studiozeit nicht. Vor ein paar Jahren sind wir dazu übergegangen, statt sechs Wochen drei Monate aufzunehmen. Also, zwei Monate aufzunehmen und einen Monat zu mischen. Länger machen wir dann auch nicht. Wenn sie dann noch nicht gut ist, wird sie auch nicht besser, wenn wir noch ein halbes Jahr länger im Studio sind. Es ist nicht die lange Studiozeit und das lange Feilen, das eine Platte gut macht. Da widersprechen mit Sicherheit diverse Leute, und das trifft vielleicht auch nicht auf alle zu, aber in unserem Fall und im Falle von Rockbands, die wir gut finden, ist das so.
Was ist Dein momentanes Song-Highlight?
Zuerst freu ich mich mal über die Reihenfolge der Songs. Wie das losgeht mit "Himmelblau", das ist ein sehr ungewöhnlicher Anfang. Ein sehr ruhiger Anfang, und dann wird das so eine Gitarrenwand. Das ist aber eine der ganz wenigen Gitarrenwände auf der Platte, weil wir uns sehr reduziert haben. Das ist letztendlich auch ein Verdienst von Rod, der sagte: "Lass uns mal nicht jede Gitarre achtmal doppeln!" Wir haben auch im Studio auf Streicher, Bläser, weibliche Chorgesänge und so weiter verzichtet. Dinge, die andere Musiker für uns hätten machen müssen.
Das ist ein pures Die Ärzte-Album. Das war die erste Entscheidung, die wir getroffen haben. Die wichtigste Entscheidung war die, das Album alleine zu produzieren. Dadurch sind wir so dicht zusammen gerückt und hatten so viel Spaß, dass nach zehn Tagen der Vorschlag kam: "Lass uns doch auf Außenstehende komplett verzichten!" Das ging soweit, dass wir dann auch die Fotos selbst gemacht haben, für die Platte und fürs Booklet. Einige Studiofotos haben wir dann mit Hilfe von Fotoassistenten gemacht, die eigentlich keine Assistenten sind. Es ist wirklich ein pures Ärzte-Album. Rau und reduziert. Das freut mich sehr. Bei den Songs ist nichts dabei, wo ich sage: "Pffft!"
Wie kam es zu der Entscheidung, ganz alleine zu arbeiten?
Das hat sich schon bei "Geräusch" angekündigt. Damals haben wir im Studio sehr stark voneinander getrennt gearbeitet. Bis zu dem Punkt, dass jeder von uns nur noch beim Mischen seiner eigenen Songs dabei war. Es war nicht die große Feindschaft ausgebrochen, diese Arbeitsweise entpuppte sich damals lediglich als einfacher. Wir ließen seinerzeit zu, dass unsere Egos über der Band standen. Mir hat das jedoch keinen Spaß mehr gemacht. Bei der "Geräusch" habe ich mich wirklich zum Songschreiben zwingen müssen. Das sind dann ja auch nicht so viele geworden.
Um dieses Problem auszuschließen haben wir im Vorfeld der neuen Platte überlegt, ob wir es mal mit einem anderen Produzenten oder sogar auf uns allein gestellt probieren. Wir haben uns für letzteres entschieden. Wir waren also gezwungen, wieder stärker zusammenzurücken, gemeinsam Entscheidungen zu fällen und im Studio wieder als Band zu arbeiten. Was wir meiner Meinung nach ein bisschen verlernt hatten.
War das eine Art Gruppentherapie?
Some kind of a monster, ne? (lacht) Ganz ehrlich, das fällt mir dazu ein. Kann man so sagen, ja! Als ich den Metallica-Film gesehen habe, dachte ich: "Verdammte Scheiße, wieso können sich vier Leute, die dasselbe im Sinn haben und die dasselbe eint, nicht einfach hinsetzen und miteinander reden? Wieso brauchen sie dazu 'nen Klassensprecher? Das gemeinsame Gespräch ist wichtig für uns. Wir waren immer nur mit uns dreien konfrontiert. Es gab keine Seilschaften. Klar, wir hatten Toningenieure, aber die haben sich bewusst zurückgenommen.
So haben wir uns tagtäglich mit den eigenen Songs auseinandergesetzt, mit den Songs des anderen. Ein gutes Beispiel ist der letzte Song "Vorbei Ist Vorbei". Das ist das Lied, mit dem wir begonnen haben. Damit haben wir einen kompletten Studiotag versaut. Es ist uns nicht gelungen, etwas Adäquates zu machen. In der gesamten Studiozeit haben wir den Song viermal aufgenommen, bis wir alle der Meinung waren, dass er gut ist, wie er ist.
Ja, aber diese Egos hatten wir schon innerhalb der Band entwickelt. Die Soloplatten sind nur Resultat dessen. Das bleibt nicht aus. Die Ärzte ist eine komplett demokratische Band. Jeder hat das gleiche Stimmrecht. Klar, jeder hat auch verschiedene Fähigkeiten, mit denen er dann vielleicht mehr in Erscheinung tritt als der andere. Aber wir stehen quasi in einer Reihe auf der Bühne und haben alle das gleiche Recht. Das machts natürlich schwierig, wenn man sich dann erfolgsbedingt ein paar divenhafte Sachen angewöhnt. Das bleibt nicht aus. Ich sagte neulich mal in einem Interview, dass ich nach einer Tour zuhause sitze und auf den Kühlschrank sauer bin, weil der sich nicht von alleine vollmacht. Ich frage mich: Warum ist der Kühlschrank anders als meine Roadcrew? Warum macht der nicht, was ich will?
Ist es Euch gelungen, die Egos unter Kontrolle zu bekommen?
Jein. Es ist wichtig für Die Ärzte, dass wir die Egos haben. Da sind drei Individualisten, wir sind unser eigener Stadtstaat im Konglomerat der Rockmusik. Wir haben da unseren eigenen Kosmos entwickelt, der vorher auch schon mit Hagen da war, nur da waren Farin Urlaub und ich die Bestimmenden. Eigentlich ist Rodrigo das erste vollwertige dritte Mitglied. Das haben wir natürlich Sahni auch zugestanden und Hagen hatte parallel ja sein Studium, deswegen war das nicht ganz so. Aber Rod ist der erste, den wir wirklich Ernst nehmen. Auch als Konkurrenten! (lacht)
Du hattest letztes Jahr im Sommer meinem Kollegen Michel Schuh im Interview erzählt, dass Du, wenn Ihr wieder ins Studio geht, Deine Bandkollegen das erste Mal seit einem Jahr sehen wirst. Wie war das Wiedersehen?
Ich glaube, wir waren alle ein bisschen nervös. Eigentlich sollte ja eine komplette Kontaktsperre herrschen. Wir hatten uns ja wirklich vorgenommen, uns ein Jahr nicht zu sehen. Was mit Farin Urlaub auch leicht war, weil er die ganze Zeit weg war. Aber dann gab's doch plötzlich mal einen Anruf aus Japan. Und dann folgte so manche SMS.
Weil Ihr nicht ganz ohneeinander könnt?
Zum Teil ja, aber wahrscheinlich auch, um den persönlichen Aufprall vorab ein wenig abzuschwächen. (lacht) Wir haben uns dann auch erst mal mit dem Silvesterkonzert auseinandergesetzt [Am 31.12.2006 spielten DÄ in Köln ein Konzert unter dem Motto "Ärzte statt Böller"; d.Red.], bevor wir zu dem Punkt kamen, über den wir eigentlich reden wollten. Es ist völlig klar, dass diese Band nicht weiter existiert, falls einer von uns aufhört. In einer Abwandlung des Keith Richards-Spruchs "Die Rolling Stones verlässt man nur im Sarg!" sagen wir: "Diese Band verlässt Euch nur im Sarg!"
In "Das Licht Am Ende Des Sarges" singst Du, dass Du keine Lust mehr hast, nur als der Vampirtyp wahrgenommen zu werden.
Erst einmal musste ich ganz schön lachen, als mir diese Textzeilen plötzlich eingefallen sind. Ich war dann auch ziemlich geflasht von der Musik, die mir dazu eingefallen ist. Weil das auch ein Konglomerat ist aus den Sachen, die ich in der letzten Zeit gehört hatte. Ich habe viel Indiegitarrenmusik gehört. Es ist halt eine mit zusammen, dass die ersten beiden Stücke auf dem Album recht ernst und ironiefrei sind.
Das ist der Einstieg in die Platte, und dann bist du gleich offen für die tieferen Sachen. Dann gibt es einen Song wie "Niedliches Liebeslied", das einen ulkigen Text hat - ulkig ist übrigens ein großartiges Wort -, aber in Wirklichkeit ein tiefromantisches Lied ist. Diese bescheuerten Vergleiche in dem Lied machen es nur noch um so romantischer. Und dann fällt es dir natürlich schwer, den Song als Quatschsong zu erkennen.
Wenn der direkt nach ein paar Clownnummern gekommen wäre, hätte man gesagt: "Noch einer!" Ein paar Leute unterstellen uns schon, dass die Platte sehr ernst sei. Aber "Tu Das Nicht" oder "Das Licht Am Ende Des Sarges" sind schon Songs, wo es darum ging, zum Lachen zu bringen. Und da wir als Humorpolizei untereinander relativ streng sind, muss man da schon aus der Tasche kommen.
Würdet Ihr Euch als Berufsjugendliche beschimpfen lassen? Und wenn ja, seid Ihr dessen irgendwann einmal überdrüssig?
Farin unterbricht sein Interview am Nebentisch und brüllt herüber: Natürlich, Alta!
Schwierige Frage. Wir haben dem Ernst des Lebens noch keinerlei Tribut gezollt. Keiner von uns ist verheiratet. Keiner von uns hat wissentlich Kinder und wir thematisieren relativ wenig das Erwachsensein oder Probleme des Alters. Das hat aber auch damit zu tun, dass die Musik, die wir hören, sich eher mit unbeschwerten Themen oder mit Entwicklungssachen beschäftigt, also... (brüllt zum Nebentisch, an dem Farin sitzt) Könnt Ihr mal ruhig sein, ich versuche hier, ein Interview zu geben! Ich muss mich konzentrieren!
Berufsjugendliche... klar. Trägt ein Mann über 40 noch so eine bescheuerte Mütze? (Bela trägt einen Hut mit Totenköpfen drauf) Keine Ahnung! Natürlich ist Berufsjugendlicher schon ein echt fieses Wort und ich würde nur ungerne so bezeichnet werden, aber ich denke, dass Musiker immer in irgendeiner Form Berufsjugendliche sind. Keith Richards läuft noch so rum wie in den Siebzigern - nur dass er jetzt selbst in den Siebzigern ist. Männer ab einem bestimmten Alter, Frauen möglicherweise auch, kleiden sich in einem unauffälligen Beige oder Grau. Gut, wir sind noch nicht ganz in diesem Alter, aber ich würde mal bezweifeln, dass wir das mit sechzig tun werden.
Letzte Frage: Ein Song der Bonus-EP enthält eine textliche Referenz an einen Eurer ersten Songs: "Und wir lachen uns schief"...
Der Song, auf den Du anspielst, ist von Rodrigo. "Wir Sind Die Lustigsten". Aber das ist nur derselbe Satz, das ist keine Referenz. Der Song damals hieß "Mein Kleiner Liebling". Diese Wiederholung ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen. Rod, Farin und ich haben jeder einen Song über Die Ärzte geschrieben, jeweils aus einem unterschiedlichen Blickwinkel. Das funktionierte für uns so gut, dass wir diese Extra-EP beigelegt haben. Diese Stücke sehen wir nicht als Bestandteil des Albums. Die EP kommt in der Verpackung eines Pizzakartons. Das ist unsere Form von Kopierschutz. Die Leute, die die Platte im Laden kaufen, werden von uns belohnt. Würden Plattenfirmen so denken wie wir, wäre die Misere nicht ganz so schlimm.
Bela über "Bingo"-Kritik, Lee Hazlewoods Geburtstagsfeier in Las Vegas und die Zukunft der Ärzte.
Auf dem Berner Gurtenfestival absolvierte der Ärzte-Trommler Mitte Juli sein Solo-Debüt auf Schweizer Boden und lungerte vor dem Auftritt gut gelaunt im Backstagebereich des Festivals herum. Auch wir waren in Bern, ebenfalls gut gelaunt, und erhielten eine kleine Audienz.
Bela treffen. Geil. Hatte ich zwar 1994 schon mal, damals allerdings als einer von vielen Fans nach einem Ärzte-Konzert, frierend wartend am Hotel (am Hotel!) und mit anschließender Übernachtung in Mamas winzigem Toyota Starlet. Heute steht die Begegnung unter anderen, ungleich günstigeren Vorzeichen. Hat sich ja auch einiges verändert seither: Im Auto schlafe ich nur noch alle paar Jahre, mit Musikern darf ich mittlerweile hauptberuflich sprechen und Meister B. ist neuerdings Solokünstler.
Auf dem Berner Gurtenfestival absolvierte der Ärzte-Trommler Mitte Juli sein Solo-Debüt auf Schweizer Boden und lungerte vor dem Auftritt gut gelaunt im Backstagebereich des Festivals herum. Etwas anderes als positive Vibes lässt das Festivalgelände in Bern aber auch gar nicht gelten, liegt doch der Künstlerbereich nicht nur wie das gesamte Gelände auf 850 Metern Höhe, sondern auch direkt an einem Steilhang, so dass wir uns mit der Kapitale zu unseren Füßen auf einer Parkbank ganz lässig über Gott (Bela) und die Welt (uns) unterhalten konnten.
Während ich noch das Aufnahmegerät verkabele, beginnen wir einen lockeren Plausch über Bern, was Bela zunächst an ein unschönes Hotelerlebnis denken lässt, das er vor Jahren mit den Ärzten erleben musste und in dessen Hauptrolle ein missmutiger Nachtportier brillierte. Ganz Musikfan, sitzt er mir in einem Fantomas Big Band-Shirt gegenüber, was schon deswegen praktisch ist, da mein Katalog auch eine Mike Patton-Frage beinhaltet. Wie sich heraus stellt, ist der 43-Jährige ein so angenehmer wie ausschweifender Gesprächspartner, der wenig bis gar keine Pausen in seinen Redefluss integriert und es dem Fragensteller dementsprechend schwer macht, einzugreifen. Andererseits: Wer unterbricht schon gerne Rock'n'Roll-Übermenschen?
Zunächst eine Frage, die mir als Lee Hazlewood-Fan natürlich unter den Nägeln brennt. Du warst nach der Kollaboration mit ihm für "Bingo" nun sogar auf seinem Geburtstag eingeladen.
Bela: Genau, das war am vorletzten Wochenende und die Feier war auf zwei Tage verteilt. Er ist halt ein kranker Mann und eben auch sehr alt, 77 ist ja wirklich ein stolzes Alter. Wir haben daher immer mittags um 12 angefangen, vor allem weil da aufgrund der Zeitverschiebung die Fußballübertragungen los gingen und die wollte ich unbedingt sehen. Lee hatte sogar extra deswegen für einen Monat einen Sportkanal für uns abonniert. Das war natürlich sehr geil, weil alle Gäste dann Fußball geschaut haben, zuerst das Spiel um den dritten Platz und am nächsten Tag das Endspiel.
Schon nach dem Deutschland-Spiel waren eigentlich alle begeistert und als ich dann Tommy Parsons im Hotel traf, ein Bluessänger aus Phoenix, der Lees bester Freund ist und ihm auch mal das Leben gerettet hat, meinte der nur (verstellt seine Stimme tief): "Hey, make sure that you tell me when you go to see the second game. I don't wanna miss just a minute of it." Das war schon toll. Auf der Feier waren viele Verwandte, Arrangeure, Musiker und Studiobesitzer, und bevor du fragst: Keine Stars! Nancy hat nur angerufen und viele seiner Freunde sind halt auch schon tot oder wohnen so weit weg, dass sie die Reise in ihrem Alter nicht mehr machen können. Und Las Vegas ist halt jetzt auch nicht der typische Wohnort.
Wie lange wohnt er denn schon dort? Zuletzt war er doch noch in Schweden zu Hause, oder?
Schon, aber er ist glaube ich schon vor zwei Jahren wieder in die Staaten zurück gezogen als es mit dem Krebs losging. Wie jeder gute Amerikaner glaubt er halt, dass es nur in Amerika die richtige Medizin, die richtigen Ärzte und Krankenhäuser gibt. Ich weiß, dass es nicht so ist, da ich mir dort mal in einem Urlaub meine Verbrennungen behandeln lassen musste (fasst sich intuitiv an seinen rechten Arm) und es war echt schwer, dort Krankenhäuser zu finden, die an unsere Maßstäbe in Deutschland heran reichen.
Aber Lee geht es wieder besser?
Es geht ihm sogar sehr gut und er wohnt in Las Vegas mitten in der Wüste. Niemand hatte ja geglaubt, dass er seinen 77. Geburtstag noch erlebt, am wenigsten er selbst. Wir haben seine Enkeltochter Phaedra getroffen, mit der er für sein letztes Album "Some Velvet Morning" nochmal neu aufgenommen hat. Die Arbeiten daran hat er ja schon vor zwei Jahren begonnen und wir haben die Platte bei ihm neulich rauf und runter gehört. Im Moment ist er gerade dabei, es zu verdealen. Besonders schön ist, dass er meinen Song "Lee Hazlewood und das erste Lied des Tages" auf englisch draufpacken will.
Wow, Kompliment.
Ja, super, oder?! Er hat auch gleich Lula, die auf meiner Platte singt, gefragt, ob sie für ein Duett bereit stünde. Sie hat dann für seinen neuen Song "Nothing" einen deutschen Part geschrieben, den sie singt. Mittlerweile bezeichnet er mich auch schon als Freund, was natürlich eine ziemlich abgefahrene Erfahrung und vor allem eine Ehre ist. Da bin ich schon sehr stolz drauf.
Die ersten Reaktionen kamen natürlich von Ärzte-Fans, die ein bisschen erstaunt und verwundert waren. Manche fanden es zwar toll, aber manche sind auch erschrocken, weil ich in bestimmten Texten sehr offen bin. Ein Song wie "Letzter Tag" macht doch einigen Leuten Angst, weil er sehr geradeaus vom Tod handelt. Ansonsten kann ich nur meinen Eindruck von den Konzerten widergeben, und da meine ich schon, dass sich für mich jetzt auch Leute interessieren, die nicht ausschließlich bei Ärzte-Konzerten in der ersten Reihe stehen. Die mögen schon mal auf einem Ärzte-Konzert gewesen und dadurch vielleicht auf mich aufmerksam geworden sein, aber das Publikum ist schon zu ca. 50% ein anderes, so wie sich die Musik ja auch von den Ärzten unterscheidet. Das gefällt mir sehr gut.
Ich habe vor kurzem deinen TV-Auftritt bei "Zimmer Frei" gesehen, wo du erzählt hast, dass Farin bislang noch keine Kritik zu "Bingo" geäußert habe. Das dürfte sich mittlerweile doch geändert haben, oder?
Ja, die hab ich inzwischen gekriegt (lacht).
Was sacht er denn?
Ihm hat die Platte natürlich super gefallen. Gut, es war eh klar, dass wir uns erstmal gegenseitig den Popo tätscheln. Aber er hat auch ein paar Kritikpunkte angebracht.
Darf man denn ...
Nee, das bleibt unter uns.
Hört sich so eine Kritik denn typisch muckermäßig an, also quasi nach dem Motto: "Im Refrain von dem und dem Lied sind zu viele Gitarren" drin ..?
Nee, so dezidiert wird das nicht. Höchstens mal im Gespräch. Er hat das ein bisschen verallgemeinert, es war ja eine SMS. Wir kennen uns jetzt halt schon so lange, dass er bei mir eben genau wie ich auch bei ihm weiß, wie bestimmte Sachen gemeint sind und wo bestimmte Sachen herkommen. Aber das bleibt schön unter uns.
Dein erstes Konzert als Solokünstler ist jetzt noch nicht allzu lange her. Hat es dich denn während der ganzen 90 Minuten nie gejuckt, kurz an die Drums zu wechseln?
Nein, nicht wirklich. Es gibt in unserem normalen Set inzwischen einen Song, bei dem ich Schlagzeug spiele und Danny singt, da er das zum Glück auch ganz gut kann. Es kommt aber nicht vor, dass ich auf der Bühne denke, jetzt mal schnell die Gitarre weglegen oder sowas. Dafür macht mir das Gitarre spielen und Rumposen zu viel Spaß. Heute ist ja erst das zehnte Konzert überhaupt und je sicherer ich mit der Gitarre werde, desto lockerer werde ich natürlich auch im Umgang mit dem Publikum. Da entdecke ich mich gerade selbst noch ein bisschen.
Hörst du eher die Fehler des Drummers als die des Gitarristen?
Nee. Das hatte ich zunächst auch erwartet, aber da ich jetzt Bandleader bin und eben sehr mit dem Entertainen beschäftigt bin, fallen mir bis auf ganz harte Sachen die Fehler der anderen eigentlich gar nicht auf. Klar hört man auch mal Kleinigkeiten, aber ich wäre echt ein Arschloch, wenn ich meinen Drummer zusammen scheißen würde nur weil ich selber einer bin. Ich glaube, da hat er ziemlich Glück, da ich eher nachsichtig bin. Aber bei Danny gibts eh keine Probleme, da er ein Spitzen-Schlagzeuger ist. Gluecifer war ja nicht irgendeine Band, sondern eine extrem gute, eine Zeit lang auch sehr erfolgreiche Rockband. Den hab ich mir schon richtig ausgesucht.
Wenns jetzt aber doch mal Knatsch gibt, bist du wie gesagt der Bandchef. Gehst du Streitigkeiten trotzdem lieber aus dem Weg?
Naja, ich habe ja schon Anfang der 90er in meinem Leben diese Zäsur gemacht, gerade um Verantwortung zu übernehmen. Und Verantwortung zu übernehmen heißt eben bisweilen auch Führung zu übernehmen. Das war bei Depp Jones zwar nicht ganz so stark der Fall wie heute, aber das fällt mir nicht so schwer. Ich weiß schließlich auch, warum ich mit den Leuten aus meiner Band zusammen arbeite, nämlich weil sie kompetent sind und nun auch meine Freunde. Tim, der Bassist, ist der einzige, den ich vorher noch nicht so gut kannte, mit allen anderen war ich schon befreundet, respektive mit Olsen und Wayne habe ich ja die Platte aufgenommen und auch viele Songs geschrieben. Da ist natürlich viel Vertrauen im Spiel. Umgekehrt wissen die anderen aber auch, wann sie mir widersprechen können und dann heißt es halt mal "Sorry Chef, aber da weißt du leider nicht so gut Bescheid." Und ich werde einen Teufel tun und Olsen erklären, wie man eine Gitarre spielt.
Zu deiner neuen Single: Das Video spielt ja mit Charlotte Roche im Swinger Club. Wie wars denn so?
Es war echt anstrengend, denn man muss sich das so vorstellen: Ich war acht Stunden lang nackt und hatte nur eine Socke über dem Genital. Das war zwar einerseits total sinnlos, aber wenigstens eine kleine Sicherheit.
Haben andere schließlich auch schon gemacht.
Ja, ich weiß. Am Schluss sieht die Socke ja auch keiner. Insgesamt war das schon unangenehm. Einen Tag vorher hatten Charlotte und ich ja schon die Fotosession für die Single und waren dort die ganze Zeit komplett nackt, obwohl da auch ein Haufen Leute um uns herum geturnt sind. Das war eigentlich ganz normal, obwohl wir auch ein zwei Flaschen Champagner trinken mussten, um locker zu werden (lacht). Charlotte war aber so bezaubernd die ganze Zeit, das hat es dann einfacher gemacht.
Fand Charlotte die Idee mit dem Swinger Club gleich cool?
Es war ihre Idee. Ich wollte nur, dass wir diesmal den Text des Liedes umsetzen, wenn auch auf eine andere Art. Charlotte hat dann den Swinger Club vorgeschlagen, und das fand ich echt geil. An der Umsetzung haben wir mit Norbert Heitker gearbeitet, der auch schon das Video zu "Tag Mit Schutzumschlag" gemacht hat und mit dem ich überhaupt schon lange zusammen arbeite. Es hat zwar alles sehr viel Spaß gemacht, aber ich war dann auch froh, als es vorbei war. Denn irgendwann ist man auch auf so eine perverse Art und Weise angeheizt, weißte? Denn obwohl es eine Arbeitssituation ist, fühlt man sich doch unangenehm berührt und ist die ganze Zeit völlig angreifbar ...
Äh, schwer zu sagen. Also es passiert schon, dass du irgendwohin kommst und dann Leute auf dich zukommen, die eigentlich nur ihre Story loswerden wollen. Sie wollen mit dem Prominenten reden, wollen aber eigentlich nur von sich erzählen. Und es ist einfach nicht witzig, wenn jemand herkommt und fragt "Willsten Autogramm von mir?" Warum soll ich ein Autogramm von jemandem wollen? Das ist ja auch kein Hobby von mir, sondern ich mache das für Leute, die es toll finden, mich zu treffen und die das als Souvenir oder so mitnehmen wollen. Aber Scherzkekse gibt es halt an jeder Ecke. Sowas passiert mir ständig, aber da besitze ich inzwischen auch echt ein dickes Fell.
Wie deinen Kollegen bei den Ärzten ist dir dein Privatleben heilig und so gibt es auch nichts aus dieser Richtung über dich in Zeitungen zu lesen. Jetzt kam aber doch mal was raus und zwar dass du eine Liaison mit der TV-Moderatorin Sarah Kuttner hast. Ärgert dich sowas?
Ich empfinde das als einen Eingriff in meine Privatsphäre. Nur weil jemand bekannt ist, gehört sein Privatleben ja nicht automatisch auch der Öffentlichkeit. Gut, wir alle wissen, was wir von der Boulevardpresse zu halten haben. Es ist immerhin ein süßes Foto. Und wenn man sich mal küssen will, dann hält man nicht Ausschau, ob eventuell Fotografen in der Nähe sind. Zum Glück hat einen Tag später Franzi van Almsick bekannt gegeben, dass sie schwanger ist und zwei Tage später hat Sarah Connor erzählt, dass ihr Kind einen Herzklappenfehler hat und das war alles wieder viel interessanter.
Gehört zu dieser Definition von Privatheit auch deine Entscheidung, die Kollegen von "Zimmer Frei" nicht mit Kameras in deine Wohnung zu lassen? Ich hätte mich zum Beispiel sehr für deine imposante Sammlung von Bela Lugosi-Statuen interessiert.
(lacht) Das ist richtig. Aber ich gebe ja schon relativ viel von mir preis. Als Künstler bin ich mittlerweile an einem Punkt, an dem ich mich für bestimmte Sachen in der Öffentlichkeit auch gerade machen kann. Deshalb erzähle ich auch Geschichten in meinen Texten, die schon sehr privat sind. Aber das bleibt halt immer noch mir übrlassen. Das Wichtigste an dem was ich tue, ist ja immer noch, die Gabe Geschichten zu erzählen, die ich möglicherweise habe, zu nutzen. Dass ich diese Geschichten in Songs verpacke, die manchen Leuten gefallen und eventuell sogar weiter helfen. Und eben nicht diese Boulevardisierung, die in der heutigen Öffentlichkeit stattfindet. Es geht doch inzwischen nur noch darum, wer mit wem wann rumgeknutscht oder sich geprügelt hat, wer schwanger oder wessen Kind krank ist. Klar lese ich auch gerne Biographien, um zu sehen, wie wer gelebt hat oder was die Who backstage angestellt haben, aber das steht bei mir halt nicht an erster Stelle.
Das "Visions"-Magazin hat dich ja kürzlich mit Mike Patton gemeinsam interviewt. Sind das Momente, wo du dich freust bzw. der Presse dankbar dafür bist, dass sie dich mit deinen Idolen zusammen bringt?
Auf jeden Fall. Mike Patton ist zwar nicht unbedingt ein Idol von mir, aber sicherlich jemand, dessen Arbeit ich verfolge. Die meisten Platten, an denen er mitwirkt, kaufe ich mir dann auch. Naja, alle dann auch nicht, denn manchmal macht er es einem auch wirklich schwer. Ich bewundere ihn sehr als Künstler und es war einfach toll, ihn zu treffen. Er ist ein irre netter Typ und sehr offen, hat also keinerlei Ressentiments in irgendeine Richtung. Aber trotzdem ganz klar fokussiert auf seine Arbeit und diese Selbstsicherheit strahlt er auch aus. Ich war also irre dankbar, zumal ich an dem Tag eigentlich eine Einladung zu diesem Special-Konzert der Chili Peppers in Hamburg hatte.
Und ehrlich gesagt, kam mir diese Visions-Einladung dann sehr entgegen, denn die Chili Peppers habe ich schon verdammt oft gesehen. Also habe ich mich dagegen entschieden, mit Johannes B. Kerner und dem Bürgermeister von Hamburg bei den Chili Peppers zu stehen, und bin stattdessen zum ersten Mal bei Fantômas gewesen, eine Band, die ich wirklich schon lange verfolge. Und die Melvins liebe ich ja auch seit Ewigkeiten. Es war echt großartig, deren Drummer und Dave Lombardo unisono in einer halbvollen Halle spielen zu sehen.
Wurde Mike Patton kurz gebrieft, wer du bist, oder kannte der dich schon?
Nein, der wurde kurz gebrieft. Er wusste wohl so ein bisschen was über mich, weil er schon oft in Deutschland war. 20 Jahre Ärzte, manche kriegen da schon was mit, sei es durch Videos oder sonstwas. Aber er war jetzt auch kein Riesenfan. Unsere Auffassungen von Musik sind auch sehr verschieden. Er ist ja jemand, der immer wieder neue Grenzen überschreiten will oder wie er immer sagt: "Output, Output, Output." Ich dagegen stelle erstmal ein Album fertig und zelebriere es dann mit Videos und Live-Konzerten. Ich koste das also alles intensiv aus, um damit dann zwei Jahre Rockstar zu sein.
Abschließender Ausblick: An Silvester steht ein Ärzte-Konzert in Köln an. Es ist also davon auszugehen, dass du mit deinen beiden Kollegen anschließend wieder ins Studio gehst.
Wir treffen uns erst einmal im November, wenn Farin Urlaubs Tour vorbei ist, um über die Zukunft der Ärzte zu sprechen. Es ist natürlich durchaus in der Planung, nächstes Jahr was zusammen zu machen. Aber wir wollen uns nicht unter Druck setzen, denn wenn wir uns treffen, haben wir uns alle genau ein Jahr nicht gesehen. Da muss also jeder erstmal seine Gedanken und seine Erfahrungen über die letzten Jahre mit den Ärzten auf den Tisch packen und dann wird darüber geredet. Es waren ja durchaus auch anstrengende Jahre. So eine Band muss eben auch mal eine Zäsur üben können.
Le Frisur (1996), Planet Punk (1995), Das Beste Von Kurz Nach Früher Bis Jetze (1994), Die Bestie In Menschengestalt (1993), Die Ärzte Früher/Der Ausverkauf Geht Weiter (1989), Nach Uns Die Sintflut (1988), Das Ist Nicht Die Ganze Wahrheit (1988), Ärzte - Ab 18 (1987), Ist Das Alles? (1987), Die Ärzte (1986), Im Schatten Der Ärzte (1985), Debil (1984), Uns Geht's Prima (1984)
Die beste Seite der Welt? Nun ja, jedenfalls gibts hier immer das Neueste in Zeilengestalt.
http://www.bademeister.com
Hier wird sich ausgetauscht.
http://4135.forumromanum.com/member/forum/forum.php?action=std_tindex&USER=user_4135&threadid=2
Hier will niemand deine Kohle für ein Bootleg. Die Ärzte unterstützen die Seite, um Bootleggern das Handwerk zu legen.
http://www.kill-them-all.de/
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