5. November 2007

"Musik ist immer noch ein Wunder"

Interview geführt von

Die Plattenfirma hat fürs Interview mit Die Ärzte die Location geschickt gewählt. Ein Café in einem eher unscheinbaren Gebäude in Kreuzberg, gut hinter einer hohen Hecke versteckt, dient als Basis für den Promotag in der Heimatstadt von BelaFarinRod.Der aufmerksame Spaziergänger hört im Vorbeilaufen dennoch sofort die Stimmen der beiden Hauptvokalisten Bela und Farin heraus. Keine Frage, nach 25 Jahren Präsenz (brutto) in der deutschen Musikszene gehen die Stimmen ins kollektive Popgedächtnis über. 25 Jahre Höhenflug, Trennung, Wiedervereinigung, ungezählte Konzerte, eine Unplugged-Session. Die Ärzte haben alles gesehen, was es zu sehen gibt. Dementsprechend entspannt sitzt mir Bela gegenüber. Charmant und eloquent erzählt er vom neuen Album, der autonomen Arbeit daran und der Wahrnehmung seiner Person als Vampir der Nation.

Wie lange ist Euer Album jetzt schon fertig?

Bela: Seit Juni.

Hast Du es danach nochmal gehört, oder habt Ihr es unangetastet gelassen?

Ich hab's total oft gehört. Also, ich gehöre zu den Leuten, die sich die fertige Platte dann ins Auto tun und dann immer wieder anhören. Zum einen, weil ich mich vergewissern will, dass das auch richtig gut ist, was ich gemacht habe. Zum anderen, weil ich auch mein eigener Fan bin, weil ich dann auch stolz bin. Ich hatte im letzten Jahr ja die tolle Gelegenheit Mike Patton kennenzulernen, und der sagte mir, dass er einen fertigen Song nie wieder anhört. Weil es ihn nicht interessiert. So geht's mir nicht.

Dadurch, dass wir relativ viel live spielen, sind Songs teilweise nicht mehr so interessant. Für mich ist Musik, wenn sie fertig ist, immer noch ein Wunder. Da entsteht aus Nichts etwas Messbares. Ähnlich müssen wohl Gärtner empfinden, wenn sie einen Baum pflanzen. Das klingt jetzt sehr esoterisch. (lacht)

"Das Licht Am Ende Des Sarges" zum Beispiel ist einen Tag, bevor wir ins Studio gegangen sind, entstanden. Erst hast du diese Idee im Kopf, dann setzt du dich hin und spielst die Akkorde, und dann spielst du an den Harmonien rum. Dann setzt du dich an den Computer und nimmst es auf. Drei Stunden später ist da ein Song, wo vorher nichts war. Jetzt ist er auf der Platte, und das ist eine Sache, die mich sehr freut und was ich sehr genieße.

Hörst Du nur Deine eigenen Songs oder die ganze Platte?

Schon die ganze Platte. Ich bin ja auch an den anderen Songs beteiligt, weil ich ja mindestens Schlagzeug gespielt oder mitgesungen habe.

Wen beäugt man kritischer, sich selbst oder die anderen?

Sich selber, ganz klar. Weil man da am meisten Einfluss hat. Wenn das Stück fertig ist, darf man sich auch nicht verrückt machen lassen. Es gibt ja sehr viele Bands, auch in unserer Größenordnung, die ein Jahr arbeiten an ihren Alben, die sich sehr sehr viel Zeit lassen. Und man kann jetzt, mit der modernen Aufnahmetechnik - wir haben jetzt auch mit Computer aufgenommen - sehr lange günstig arbeiten im Studio. Aber es ist ein Trugschluss, dass das, was lange währt, auch endlich gut wird.

Wir setzen uns deswegen immer Ziele und überschreiten die Studiozeit nicht. Vor ein paar Jahren sind wir dazu übergegangen, statt sechs Wochen drei Monate aufzunehmen. Also, zwei Monate aufzunehmen und einen Monat zu mischen. Länger machen wir dann auch nicht. Wenn sie dann noch nicht gut ist, wird sie auch nicht besser, wenn wir noch ein halbes Jahr länger im Studio sind. Es ist nicht die lange Studiozeit und das lange Feilen, das eine Platte gut macht. Da widersprechen mit Sicherheit diverse Leute, und das trifft vielleicht auch nicht auf alle zu, aber in unserem Fall und im Falle von Rockbands, die wir gut finden, ist das so.

Was ist Dein momentanes Song-Highlight?

Zuerst freu ich mich mal über die Reihenfolge der Songs. Wie das losgeht mit "Himmelblau", das ist ein sehr ungewöhnlicher Anfang. Ein sehr ruhiger Anfang, und dann wird das so eine Gitarrenwand. Das ist aber eine der ganz wenigen Gitarrenwände auf der Platte, weil wir uns sehr reduziert haben. Das ist letztendlich auch ein Verdienst von Rod, der sagte: "Lass uns mal nicht jede Gitarre achtmal doppeln!" Wir haben auch im Studio auf Streicher, Bläser, weibliche Chorgesänge und so weiter verzichtet. Dinge, die andere Musiker für uns hätten machen müssen.

Das ist ein pures Die Ärzte-Album. Das war die erste Entscheidung, die wir getroffen haben. Die wichtigste Entscheidung war die, das Album alleine zu produzieren. Dadurch sind wir so dicht zusammen gerückt und hatten so viel Spaß, dass nach zehn Tagen der Vorschlag kam: "Lass uns doch auf Außenstehende komplett verzichten!" Das ging soweit, dass wir dann auch die Fotos selbst gemacht haben, für die Platte und fürs Booklet. Einige Studiofotos haben wir dann mit Hilfe von Fotoassistenten gemacht, die eigentlich keine Assistenten sind. Es ist wirklich ein pures Ärzte-Album. Rau und reduziert. Das freut mich sehr. Bei den Songs ist nichts dabei, wo ich sage: "Pffft!"

Wie kam es zu der Entscheidung, ganz alleine zu arbeiten?

Das hat sich schon bei "Geräusch" angekündigt. Damals haben wir im Studio sehr stark voneinander getrennt gearbeitet. Bis zu dem Punkt, dass jeder von uns nur noch beim Mischen seiner eigenen Songs dabei war. Es war nicht die große Feindschaft ausgebrochen, diese Arbeitsweise entpuppte sich damals lediglich als einfacher. Wir ließen seinerzeit zu, dass unsere Egos über der Band standen. Mir hat das jedoch keinen Spaß mehr gemacht. Bei der "Geräusch" habe ich mich wirklich zum Songschreiben zwingen müssen. Das sind dann ja auch nicht so viele geworden.

Um dieses Problem auszuschließen haben wir im Vorfeld der neuen Platte überlegt, ob wir es mal mit einem anderen Produzenten oder sogar auf uns allein gestellt probieren. Wir haben uns für letzteres entschieden. Wir waren also gezwungen, wieder stärker zusammenzurücken, gemeinsam Entscheidungen zu fällen und im Studio wieder als Band zu arbeiten. Was wir meiner Meinung nach ein bisschen verlernt hatten.

War das eine Art Gruppentherapie?

Some kind of a monster, ne? (lacht) Ganz ehrlich, das fällt mir dazu ein. Kann man so sagen, ja! Als ich den Metallica-Film gesehen habe, dachte ich: "Verdammte Scheiße, wieso können sich vier Leute, die dasselbe im Sinn haben und die dasselbe eint, nicht einfach hinsetzen und miteinander reden? Wieso brauchen sie dazu 'nen Klassensprecher? Das gemeinsame Gespräch ist wichtig für uns. Wir waren immer nur mit uns dreien konfrontiert. Es gab keine Seilschaften. Klar, wir hatten Toningenieure, aber die haben sich bewusst zurückgenommen.

So haben wir uns tagtäglich mit den eigenen Songs auseinandergesetzt, mit den Songs des anderen. Ein gutes Beispiel ist der letzte Song "Vorbei Ist Vorbei". Das ist das Lied, mit dem wir begonnen haben. Damit haben wir einen kompletten Studiotag versaut. Es ist uns nicht gelungen, etwas Adäquates zu machen. In der gesamten Studiozeit haben wir den Song viermal aufgenommen, bis wir alle der Meinung waren, dass er gut ist, wie er ist.

Von der Wichtigkeit des Egos


Farin und Du, Ihr habt Soloplatten veröffentlicht in den letzten Jahren, Rod hat die Panda-Platte produziert. Da entwickelt man doch zwangsläufig große Egos ...

Ja, aber diese Egos hatten wir schon innerhalb der Band entwickelt. Die Soloplatten sind nur Resultat dessen. Das bleibt nicht aus. Die Ärzte ist eine komplett demokratische Band. Jeder hat das gleiche Stimmrecht. Klar, jeder hat auch verschiedene Fähigkeiten, mit denen er dann vielleicht mehr in Erscheinung tritt als der andere. Aber wir stehen quasi in einer Reihe auf der Bühne und haben alle das gleiche Recht. Das machts natürlich schwierig, wenn man sich dann erfolgsbedingt ein paar divenhafte Sachen angewöhnt. Das bleibt nicht aus. Ich sagte neulich mal in einem Interview, dass ich nach einer Tour zuhause sitze und auf den Kühlschrank sauer bin, weil der sich nicht von alleine vollmacht. Ich frage mich: Warum ist der Kühlschrank anders als meine Roadcrew? Warum macht der nicht, was ich will?

Ist es Euch gelungen, die Egos unter Kontrolle zu bekommen?

Jein. Es ist wichtig für Die Ärzte, dass wir die Egos haben. Da sind drei Individualisten, wir sind unser eigener Stadtstaat im Konglomerat der Rockmusik. Wir haben da unseren eigenen Kosmos entwickelt, der vorher auch schon mit Hagen da war, nur da waren Farin Urlaub und ich die Bestimmenden. Eigentlich ist Rodrigo das erste vollwertige dritte Mitglied. Das haben wir natürlich Sahni auch zugestanden und Hagen hatte parallel ja sein Studium, deswegen war das nicht ganz so. Aber Rod ist der erste, den wir wirklich Ernst nehmen. Auch als Konkurrenten! (lacht)

Du hattest letztes Jahr im Sommer meinem Kollegen Michel Schuh im Interview erzählt, dass Du, wenn Ihr wieder ins Studio geht, Deine Bandkollegen das erste Mal seit einem Jahr sehen wirst. Wie war das Wiedersehen?

Ich glaube, wir waren alle ein bisschen nervös. Eigentlich sollte ja eine komplette Kontaktsperre herrschen. Wir hatten uns ja wirklich vorgenommen, uns ein Jahr nicht zu sehen. Was mit Farin Urlaub auch leicht war, weil er die ganze Zeit weg war. Aber dann gab's doch plötzlich mal einen Anruf aus Japan. Und dann folgte so manche SMS.

Weil Ihr nicht ganz ohneeinander könnt?

Zum Teil ja, aber wahrscheinlich auch, um den persönlichen Aufprall vorab ein wenig abzuschwächen. (lacht) Wir haben uns dann auch erst mal mit dem Silvesterkonzert auseinandergesetzt [Am 31.12.2006 spielten DÄ in Köln ein Konzert unter dem Motto "Ärzte statt Böller"; d.Red.], bevor wir zu dem Punkt kamen, über den wir eigentlich reden wollten. Es ist völlig klar, dass diese Band nicht weiter existiert, falls einer von uns aufhört. In einer Abwandlung des Keith Richards-Spruchs "Die Rolling Stones verlässt man nur im Sarg!" sagen wir: "Diese Band verlässt Euch nur im Sarg!"

In "Das Licht Am Ende Des Sarges" singst Du, dass Du keine Lust mehr hast, nur als der Vampirtyp wahrgenommen zu werden.

Erst einmal musste ich ganz schön lachen, als mir diese Textzeilen plötzlich eingefallen sind. Ich war dann auch ziemlich geflasht von der Musik, die mir dazu eingefallen ist. Weil das auch ein Konglomerat ist aus den Sachen, die ich in der letzten Zeit gehört hatte. Ich habe viel Indiegitarrenmusik gehört. Es ist halt eine

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Die Ärzte

Die lange und ereignisreiche Geschichte der Ärzte beginnt 1980 in Berlin: der Dekorateurslehrling Dirk "Bela B." Felsenheimer trifft auf Gymnasiast Jan …

Noch keine Kommentare