laut.de-Kritik

Metal-Epos für die Ewigkeit.

Review von

James Hetfield singt ihn schon seit Jahren nicht mehr, den Chorus von "Master Of Puppets". Überlässt es lieber den tausenden Kehlen, die allabendlich den Heavy Metal-Urgesteinen zu Füßen liegen. "Come crawling faster/obey your master/your life burns faster". Eigentlich stellvertretend für die fatale Kontrolle von Drogen, stehen diese Zeilen auch für die Anziehungskraft dieser Band, für die der Song und das dazugehörige Album eine entscheidende Rolle spielen.

Vor fast 25 Jahren veröffentlichten Metallica ihr drittes Album und kreierten, ohne es zu merken, ihre eigene Messlatte, an der nicht nur die Konkurrenz heftig zu knabbern hatte. Denn bis heute wird auch jeder Metallica-Output an "Master Of Puppets" abgeklopft. Und nicht selten bleibt der Puppenspieler mit dem Klassikerstatus Herr der Lage.

Eingebettet zwischen "Ride the Lightning" und " ... And Justice for All" eröffnet "Master of Puppets" die perfekte Schnittmenge aus dem Trademark-Arsenal der Schwermetaller Hetfield, Hammett, Burton und Ulrich. Rasiermesserscharfe Gitarrensounds rasen mit den genre-definierenden Galloppriffs durch Thrashbrecher, komplex-epische Arrangements fesseln an die Boxen, zynisch-hasserfüllte Lyrics eines fast noch jugendlichen Hetfields ersparen uns jede Mythologie und bleibt im Hier und Jetzt. Beziehungsweise Damals.

Drehte sich Album Nummer zwei um den Tod, besingt Hetfield in Master of Puppets Kontrolle und Macht jeder Art. Jeder Song vereinnahmt ein unterschiedliches Thema, steht komplett und autark für sich, gehorcht aber trotzdem dem roten Faden. Obey your master. Natürlich.

Besondere Doppeldeutigkeit erfährt dieser Faden, nämlich das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen, in Form einiger besonderen Einschnitte in die metallische Bandhistorie. Der Image-Harakiri mit Napster war laut Ulrich ein Kampf für Kontrolle, Jason Newsteds Abschied 2001 ein Resultat von James Hetfields übermäßiger Kontrollsucht und die totale Übersteuerung von "Death Magnetic" das Ergebnis vorsichtiger Verantwortungsabgabe an jemand außerhalb der Bandfamilie.

Doch die mittlerweile vierteljahrhundertlangen Versuche, diese zum Monster gewordene Band irgendwie zu zügeln, dürfte Mitte der Achtziger noch nicht zu den persönlichen Dämonen der Bandmitglieder gezählt haben. 1986 wollten sie einfach alles niederreißen.

"Lashing out the action/Returning the reaction/Weak are ripped and torn away". So behutsam springt nach einem gezupften Akustikintro der Opener "Battery" einem an die Gurgel. Es ist die anschwellende Ruhe vor dem Sturm, die mit dem Wissen um das Folgende aber mindestens genauso bedrohlich wirkt wie die kommende Hochgeschwindigkeitsfahrt von James Hetfields Rhythmusgitarre. Es setzt den Ton eines Albums, der keine Gefangenen macht.

Die auf "Ride The Lightning" begonnen Emanzipierung vom simpel-prügelnden "Kill Em All"-Thrash führte das Quartett auf Puppets rigoros weiter. Egal was zu der Zeit im Wasser war, der damals 23-jährige Hetfield produzierte Riffs am Fließband und hatte auch den Mut zu ausufernden Arrangements, wie der Anti-Kriegssong "Disposable Heroes" und der Titeltrack beweisen. "Master Of Puppets" wurde zur Metalhymne, mitreißend, zerstörend, aber auch zur selben Zeit melodisch und ergreifend. Diese sympathische Schizophrenie zieht sich durchs Album und vermeidet so jegliche Längen.

Und genau das macht "Master Of Puppets" zu einem perfekt in sich geschlossenen Werk. Die Trackabfolge gleicht einer Choreographie, folgt einer eigenen Geschichte. Nach einem Uptempo-Prügler und der komplexen achtminütigen Titelsause schraubt die Band den Intensitätsgrad mühelos auf 'Bulldozerschwere' in "The Thing That Should Not Be", dessen psychotisches Gitarrensolo und dröhnendes Outro sich tief in die Eingeweide fressen.

Dem folgt quasi als magnetischer Gegenpol das atmosphärische Intro zu "Welcome Home (Sanitarium)", das Hetfields großes Gespür für Melodie und Harmonie nach oben kehrt. Mit leichtem Blick auf den weiteren Karriereweg von Metallica sei diese Dynamik als Schlüsselqualifikation festgehalten. Klar, sie waren hart, vertrackt und thrashig. Aber die drei Kalifornier und der Däne hatten stets unglaublich bekömmliche Melodiewiderhaken in den Gitarren- und Gesangsmelodien verpackt, die das "Black Album" als logische Konsequenz erscheinen lassen.

Aber noch befinden wir uns im Jahr 1986. Die Erzählung aus der Egoperspektive eines Irrenhausinsassen im Sanitarium mäandert manisch in einen schnelleren Singalong-Chorus, bevor Kirk Hammett von der Leine gelassen wird und im langen instrumentalen Outro seinen Sechsaiter erglühen lässt. Kaum ist die Klampfe auf normale Gebrauchstemperatur heruntergekühlt, zerlegen gewehrfeuerartige Stakkatoriffs die Stille.

Zwei Jahre vor "One" nahm sich "Disposable Heroes" das Thema des sinnlosen Kriegs vor und ist mit einer stolzen Spielzeit von 8:16 Minuten zwar eine Belastungsprobe für die rechte Hand, auf "Puppets" aber gerade mal der drittlängste Song. Dabei liefert er mindestens genug Riffs, Breaks und Stolperfallen, dass so manche andere Band ein Album daraus geschnitzt hätte. Mit solch unmittelbarer Wucht eines "Disposable Heroes" fegten Metallica damals als Supportband auf der ersten "Puppets"-Tour allabendlich auch Idol Ozzy Osbourne aus der Halle.

Zu den bisherigen besungenen Themen von Gewalt, Drogen, Angst, Wahnsinn und Krieg gesellen sich mit "Leper Messiah" auch noch die Religion und das liebe Geld – die Anprangerung ist vollendet! Der musikalischen Verschnaufpunkt in der ersten Hälfte mit der satten Bassline reichte offenbar vollkommen, denn pünktlich zur Halbzeit dreht sich "Leper" in einen zerstörerischen Wirbelwind, dessen rhythmischen Ausfallschritte von kreischenden Lead-Gewitter perfekt umrahmt werden.

Zu diesem Zeitpunkt scheint es, als hätten die Nackenwirbel genug geknackt. Warum auch, wenn man die Augen schließt und mit dem Instrumental "Orion" dem Beweis der musikalischen Fähigkeiten von Metallica lauscht. Bassist Cliff Burton verewigte sich mit dem melancholischen Mittelteil noch einmal mit Nachdruck in der Rockgeschichte. Kaum auszudenken, welche Großtaten dieser Musiker noch erbracht hätte, wäre er in einer kalten Septembernacht in Schweden nicht dem tragischen Buscrash zum Opfer gefallen.

Wie ein warnendes Echo aus einer anderen Welt tönt auch das Bassintro (richtig gehört, diese Klänge entspringen einem Bass) vom letzten Track des Albums, "Damage Inc." Mit Einsetzen der anfänglichen Aggressivität von "Battery" schließt sich der Kreis, nach einer knappen Stunde kommt der metallisch-perfekte Rundumschlag bald zu einem Ende. Ohne Rücksicht auf Verluste treten die präzisen Gitarrensalven der Jungs der Damage Incorporated noch einmal das letzte grüne Gras auf dem Friedhof des Coverbilds nieder. Die bitterbösen Lyrics waren sogar Inspiration genug, um 17 Jahre später im unsäglichen St. Anger wieder Verwendung zu finden.

"Fuck it all and fucking no regrets" knurrte James Hetfield damals wie heute. Ob Sellout-, Weicheier- oder Poserverunglimpfungen von Teilen der Metal-Community - an der Großartigkeit dieser Scheibe lässt sich auch 25 Jahre später einfach nicht rütteln. And nothing else matters!

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Battery
  2. 2. Master of Puppets
  3. 3. The Thing That Should Not Be
  4. 4. Welcome Home (Sanitarium)
  5. 5. Disposable Heroes
  6. 6. Leper Messiah
  7. 7. Orion
  8. 8. Damage Inc.

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