Dem ein oder anderen dürfte bekannt sein, dass Dave Mustaine, seines Zeichens Sänger, Gitarrist, Hauptsongwriter, Egomane, Teilzeit-Junkie und Gründer von Megadeth vor seiner eigenen Band noch in einer anderen Garagencombo spielte. Die Rede ist von Metallica.
Mit James, Lars und einem Bassisten namens Ron McGovney spielte er 1982 den ersten Metallica-Gig aller Zeiten, bevor er ein Jahr später gefeuert und durch Kirk Hammett von Exodus ersetzt wurde. Seit dieser Zeit befinden sich die beiden Bands in ständiger Konkurrenz. Vor allem Dave hat den Rauswurf nie so ganz verarbeitet.
Mit David Ellefson am Bass, Kerry King an der Gitarre (heute Slayer) und Lee Rausch hinter den Drums komplettiert Dave das erste Megadeth-Team. Doch schon nach einer ersten kurzen Tour nehmen Chris Poland (Gitarre) und Gar Samuelson (Drums) die Plätze von Kerry und Lee ein und bilden, nach der Meinung von unzähligen Fans, das beste Line-Up.
Nachdem Combat Records der Band einen Deal angeboten haben, kommt 1985 "Killing Is My Business ... And Business Is Good" auf den Markt. Da die Produktion leider viel zu schwach ausfällt, bleibt die Scheibe hinter den Erwartungen der Metal-Welt zurück, offenbart aber dennoch jede Menge Klassiker. Dass die Musik von "Mechanix" exakt die selbe ist wie von "The Four Horsemen" von Metallicas Debüt "Kill 'Em All", liegt daran, dass Dave den Song damals geschrieben hat.
Ehe, ein Jahr später "Peace Sells ... But Who's Bying" erscheint, sind sie schon mit Exciter und danach auch mit Exodus und Metal Church auf Tour gewesen. Die Band wechselt zu Capitol Records, die die Rechte an der Scheibe von Combat kaufen.
Das Album ist ein absoluter Hammer. Mustaine zeigt sich nicht nur als begnadeter Songwriter, sondern auch als exzellenter Texter. Großartig auch die Leistungen von Chris und Gar, die aber traurigerweise nach der anschließenden Tour mit Overkill wegen Mustaines Ego-Problemen die Band verlassen müssen. Zwischenzeitlich produziert Dave noch das Debüt der Seattle-Metaller Sanctuary, überwirft sich aber bald mit seinen Schützlingen.
Auf der nächsten Scheibe "So Far, So Good ... So What" spielt Jeff Young die zweite Gitarre und Chuck Behler rührt die Trommeln. Auf dem Album befindet sich zwar kein einziger, schlechter Song, doch dank diverser Drogenprobleme ist keines der Bandmitglieder spieltechnisch auf dem Höhepunkt.
Dennoch ist 1988 für Megadeth ein sehr erfolgreiches Jahr, sie spielen unter anderem auf dem Monsters Of Rock in Castle Donington mit Maiden als Headliner und treten im Vorprogramm von Dio in den USA auf. In Europa sind sie zusammen mit Overkill, Nuclear Assault, VoiVod und den Cro-Mags Teil der Christmas On Earth-Tour.
1989 werden Behler und Young an die Luft gesetzt und Mustaine atmet selbige kurzzeitig gesiebt, da er wegen Fahrens unter Drogen eingeknastet und auf Entzug gesetzt wird. Der erste von vielen. Im Juli übernimmt Nick Menza den Platz hinter den Kesseln, aber auch erst nach dem dritten Anlauf, weil er beim Vorspielen einfach immer viel zu nervös war.
Ersatz an der Gitarre ist zunächst nicht zu finden. Erst nachdem man 1990 für Wes Cravens Film-Schocker den Alice Cooper-Song "No More Mr Nice Guy" covert, stößt Marty Friedman zu Megadeth, der zuvor mit Hawaii, Cacophony und auch solo schon die ein oder andere Scheibe veröffentlicht hat.
Kurzfristig sind nicht nur Jeff Water von Annihilator oder Lee Altus von Heathen im Gespräch, sondern auch Dimebag Darrell von Pantera. Der will den Job ohne seinen Bruder Vinnie Paul an den Drums aber nicht antreten und verzichtet.
Im selben Jahr erscheint "Rust In Peace". Megadeth touren mit Slayer und Anthrax durch Nordamerika, später mit Testament und den Suicidal Tendencies durch Europa.
In den folgenden Jahren sind Megadeth auf mehreren Soundtracks zu diversen Kino- und TV-Streifen vertreten, unter anderem auf "Last Action Hero", "Bill und Teds verrückte Reise" oder "Tales From The Crypt". 1993 schluckt Mustaine in einem Selbstmordversuch eine Überdosis Valium. Nach kurzer Auszeit steht die Band aber schon wieder mit Metallica, Aerosmith oder Pantera auf der Bühne.
Da vor allem Metallica inzwischen deutlich softere Töne anschlagen, sieht Mustaine die Zeit gekommen, am Stil seiner Band ebenfalls etwas zu ändern. Die Songs auf "Countdown To Extinction" sind kürzer, überschaubarer und gehen schneller ins Ohr.
Mit der Veröffentlichung von "Youthanasia" 1994 setzen Megadeth diesen Weg noch weiter fort, kommen aber in einigen asiatischen Länder auf dem Index. Das Cover der CD zeigt eine Frau, die Babys an einer Trockenleine wie Wäsche aufhängt, was den dortigen Regierungen sauer aufstößt.
Nicht nur die Ballade "A Tout Le Monde" macht deutlich, dass Härte und Komplexität noch mehr zugunsten von Melodie und Eingängigkeit in den Hintergrund getreten sind. Die Scheibe verkauft sich aber dermaßen gut, dass Megadeth über ein Jahr auf Tour sind.
Im Jahr darauf kommt mit "Hidden Treasures" endlich eine CD mit allen Soundtrack-Titeln und ein paar anderen, nur auf Singles oder Compilations erhältlichen Songs auf den Markt und man tourt ausgiebig mit The Almighty oder Fear Factory durch Nordamerika und Australien.
Kommerziell gesehen scheint der eingeschlagene Weg richtig zu sein. Zwischen den ganzen Touren bringt Friedman mit Menza zusammen ein Scheibe namens "Introduction" raus, nachdem sie 1992 schon "Scenes" in Zusammenarbeit veröffentlicht haben.
Doch auch Mustaine bleibt nicht untätig und überredet den Sänger Lee Ving von Fear zur Kooperation auf der MD.45-Scheibe "The Craving", die 1996 erscheint. Im folgenden Jahr kommt die siebte Megadeth-Langrille "Cryptic Writings" in die Läden.
Überraschungen und kein Ende, denn für Menza ist dies die letzte Scheibe mit Megadeth. Nach einer Knieoperation 1998 sieht sich der Mann auf einmal ohne Job. Diesen hat inzwischen Jimmy DeGrasso übernommen, der 1999 dann auch "Risk" eintrümmert.
Dabei handelt es sich aber wirklich nicht um einen Glanzpunkt der Bandgeschichte. Entsprechend verhalten sind die Reaktionen der Fans und der Presse. Zwar folgt eine ausgedehnte Tour mit Mötley Crüe und Anthrax, doch es macht sich vor allem in den Absatzzahlen bemerkbar, dass der Megadeth-Stern am sinken ist.
Zur Jahrtausendwende zählt Marty Friedman nicht mehr zur Band. Ob er sie aus freien Stücken verlassen hat oder nicht, ist unklar. Fakt ist jedoch, dass er den Stil der Band noch kommerzieller auslegen wollte und sich nach seinem Ausstieg zunächst eher Projekten widmet, die mit Metal nicht viel zu tun haben.
Seinen Posten nimmt Al Pitrelli ein, der vorher schon bei Alice Cooper und zuletzt bei Savatage aktiv war. Allerdings sehen viele in ihm nur einen Session-Musiker, schließlich war er auch schon für Celine Dion oder Michael Bolton im Studio aktiv.
Um den Vertrag mit Capitol Records zu erfüllen, kommt 2000 eine Best-Of Scheibe mit dem bezeichnenden Namen "Capitol Punishment", die den Abschluss der nicht immer sonderlich erquicklichen Zusammenarbeit zwischen der Band und dem Label markiert.
Doch Sanctuary lassen sich nicht lange bitten und signen Megadeth vom Fleck weg. Folglich kommt ein Jahr später "The World Needs A Hero" raus, auf der die beiden Neuen mal zeigen können, was sie drauf haben.
Die CD geht erfreulicherweise wieder mehr in die härtere Richtungen und Fans und Presse reagieren fast durchgehend positiv. Auch live und im Interview gibt sich Megadave von seiner besten Seite.
Im März 2002 kommt schließlich die erste offizielle Doppel-Live-CD "Rude Awakening" in die Läden, welche auch als DVD oder VHS Video erhältlich ist und so gut wie alle Klassiker der knapp 20-jährigen Bandgeschichte enthält.
Kurze Zeit später gibt Mustaine überraschend die Auflösung der Band bekannt. Eine Verletzung seines linken Arms macht es ihm auf unbestimmte Zeit unmöglich, Gitarre zu spielen. Außerdem gibt er an, zu Gott gefunden zu haben - und Gott und Metal passen ja eh nicht so toll zusammen.
Als der Rotschopf auch noch sein Equipment und einen Großteil der Sachen aus dem Backkatalog von Megadeth verkauft, sehen viele die Geschichte als abgeschlossen an. Die Meldung, dass sich Mustaine als Reborn Christian sieht und zusammen mit dem ebenfalls bekehrten Dan Spitz (Ex-Anthrax) einer White Metal-Band unter die Arme greift, sind nicht unbedingt dazu angetan, an ein Megadeth-Zukunft zu glauben.
Dave Ellefson ist zwischenzeitlich mal als neue Basser bei Metallica im Gespräch, konzentriert sich aber eher darauf, für Dry Kill Logic und Soulfly ein paar Songs zu schreiben und diverse, eigene Projekte anzuschieben.
Außerdem wird langsam klar, dass die Freundschaft zwischen den beiden Daves nicht so groß war wie angenommen, denn der Basser verklagt seinen Namenskollegen nach der Bandauflösung erst einmal. Letztendlich verliert er sämtliche Prozesse und steht stellenweise mehr oder weniger vor dem finanziellen Kollaps.
Für Mustaine ist das zwar enttäuschend, aber kein Grund sich lange damit aufzuhalten. Zwei Jahre nach seiner Erkrankung ist diese abgeklungen. Es tauchen die ersten neuen Songs im Netz auf. Im September 2004 erscheint tatsächlich ein nagelneues Megadeth-Album mit dem Titel "The System Has Failed".
Dave hat sich beim Songwriting von niemandem reinreden lassen. Mit Basser Jimmi Sloas und Drummer Vinnie Colaiuta (Ex-Sting/Duran Duran/Frank Zappa) zwei Session-Musiker geholt, die mit ihm das Album einspielen. Zwar hat er bei einigen der alten Gefährten angefragt, ob sie wieder mit dabei wären, doch lediglich Chris Poland hat sich mit einigen Gitarrensoli auf der Scheibe verewigt.
Drummer Nick Menza gehört vorübergehend wieder der Live-Band an und mit Glen Drover (Ex-King Diamond/Eidolon) haben sie einen zweiten Gitarristen verpflichtet. Am Bass steht derweil Iced Earth-Tieftöner James MacDonough. Mit seiner gesunden Mischung aus alter Härte und neuer Melodie muss man "The System Has Failed" durchaus als gelungen betrachten.
Im Sommer 2005 trennen sich die Wege von Megadeth und Sanctuary Records, da das Label kurz vor der Pleite steht. Als letzte Veröffentlichung der Band erscheint noch die Greatest Hits "Back To The Start".
Nick Menza ist schon bald wieder raus bei Megadeth, weswegen mit Glen's Bruder Shawn eine weiteres, ehemaliges Eidolon-Mitglied den Drumhocker besetzt. In dieser Besetzung geht es sowohl durch Europa, als auch durch Japan und Australien.
Allerdings erregen Megadeth Mitte Juni 2005 erneutes Aufsehen, als sich Megadave weigert, auf einem zweitägigen Open Air in Griechenland zu spielen, wenn die Black Metaller Rotting Christ dort ebenfalls auftreten. Die Black Metaller gucken daraufhin in die Röhre.
Zurück in den Staaten, startet Dave die Gigantour, der neben seiner eigene Band auch Dream Theater, Symphony X, Fear Factory und zahlreiche andere Bands angehören. Inzwischen steht James Lomenzo am Bass, der zuvor schon für Black Label Society oder Rob Zombie in die Stahlsaiten gegriffen hat.
Sein Debüt gibt er in Dubai während des Desert Rock Festivals und ist natürlich auch auf der zweiten Gigantour mit von der Partie. Das Line-Up scheint tatsächlich zu halten, und nachdem die Band bei Roadrunner unterzeichnet hat, geht es ab ins Studio.
Dort nehmen sie "United Abominations" auf, das von Andy Sneap den endgültigen Sound verpasst bekommt. Auf dem neu eingespielten Songs "A Tout Le Monde (Set Me Free)" singt Dave ein Duett mit Cristina Scabbia von Lacuna Coil. Noch bevor die Scheibe Anfang Mai bei uns erscheint, sind Megadeth im Vorprogramm von Heaven & Hell (Black Sabbath mit Dio) in Nordamerika unterwegs.
Doch wie das beim guten Dave so ist, wechseln nicht nur die Jahreszeiten, sondern auch die Gitarristen an seiner Seite. Glens Platz nimmt auf der Tour mit Mercenary bereits Chris Broderick (Ex-Jag Panzer/Nevermore) ein. Anfang 2009 liegt "Endgame" in den Regalen.
Es hat den Anschein, als wüsste Mustaine mittlerweile, was er seinen Fans schuldet. Die neue Scheibe glänzt mit satten Riffs, tollen Melodien und gewohnt bissigen Texten. Weitere Überraschungen hält Megadave für den März 2010 bereit.
Zum 20-jährigen Jubiläum on "Rust In Peace" und der dazu geplanten Tour holt er Dave Ellefson (F5, Temple Of Brutality) wieder in die Band und gibt James Lomenzo den Laufpass. Nach dem ganzen Rechtsstreit zwischen den beiden war das kaum zu erwarten.
Dass sich Pumuckl-Ersatz Dave Mustaine und seine Mannen auf dem neuen Album "The World Needs A Hero" wieder "back to the roots" bewegen sollten, hat sich nur teilweise bewahrheitet. LAUT-Redakteur Michael Edele befragte den Megadeth-Frontmann Dave Mustaine zum neuen Album, seinem Rausschmiss bei Metallica und seinen Zukunftsplänen.
Obwohl der gute Dave Mustaine von Megadeth als sehr egozentrisch und schwierig gilt, saß mir im Backstage Bereich der Kölner Live Music Hall, ein entspannter und offenbar cleaner Mann gegenüber, der bereit war, sich auch Kritik zu stellen.
Wie waren denn die Reaktionen der Presse auf "The World Needs A Hero?"
Weit weniger negativ als auf "Risk".
Überrascht dich das?
Wir wussten schon, als wir "Risk" ausarbeiteten, dass die Scheibe sehr unterschiedliche Reaktionen hervor rufen würde. Deswegen haben wir sie "Risk" genannt, was, wie sich heraus stellte, eine weise Entscheidung war. Die neue Platte geht zu dem zurück, was ich als so etwas wie den Kern der Musik bezeichnen würde, die wir schon immer gespielt haben. Ich fühl mich mit "The World Needs A Hero" sehr sicher, was jetzt nicht bedeutet, dass wir auf Nummer Sicher gehen wollten. Ich mag auch "Risk" nach wie vor sehr, ich finde es war eine gute Platte, aber unsere Fans wollten wohl etwas anderes hören.
Ich muss gestehen, dass ich "The World Needs A Hero" mit sehr zwiespältigen Gefühlen aufgenommen habe. Auf der einen Seite ist da der Sound, der wirklich mächtig knallt, auf der anderen Seite, und ich hoffe du schraubst mir jetzt nicht gleich die Rübe ab, ist dein Gesang ja stellenweise nicht gerade der Bringer. Den besten Gesangsjob hast du meiner Meinung nach bei "Youthanasia" abgeliefert.
Worauf genau willst du denn raus?
Naja, sobald du eben die Melody-Lines angehst, wird die Stimme ab und zu doch sehr schräg. Bei "Youthanasia" hast du das wesentlich besser hinbekommen.
O.K., wenn das deine Meinung ist, kein Grund sich zu entschuldigen. Wenn dir die Vocals nicht gefallen, ist das schon in Ordnung.
Gulp, öh, dann würde mich noch interessieren, ob es zwischen "1000 Times Goodbye" und "In My Darkest Hour" (von "So Far, So Good, So What") eine Verbindung gibt. Sie sind für meinen Geschmack ja thematisch sehr ähnlich.
Findest du? Da hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht ... aber ganz falsch liegst du damit nicht.
Für mich klingt "In My Darkest Hour" so, als ob du dich von irgendjemandem ziemlich angepisst fühlst.
Nun, ich habe das Lied geschrieben, nachdem ich erfahren habe, dass Cliff Burton (der ehemalige Metallica-Basser kam bei einem Autounfall auf Tour ums Leben) gestorben war. Ich bekam diesen Anruf und war erschüttert, da ich mich mit Cliff doch sehr gut verstanden habe. Wir waren uns nicht so nahe wie Lars und James, aber als wir damals alle in die Bay Area gezogen sind, haben sich eben diese Parteien gebildet, die eine aus Lars und James und die andere, bestehend aus mir und teilweise Cliff. Als ich dann von seinem Tod erfuhr, war ich total fertig.
Der Text hat mit seinem Sterben nichts zu tun, er handelt eher von einer Person, der ich ziemlich egal war. Somit haben die Texte schon ein ähnliches Thema, aber "1000 Times Goodbye" ist mehr nach dem Motto: "Wenn es vorbei ist, ist es nun mal vorbei, verpiss dich also." Ich bin mir sicher, du hattest auch schon diesen Telephonanruf, in dem es dann hieß: "Schatzi, ich lieb dich zwar immer noch sehr, aber irgendwie ist es doch ... blablabla." Darauf sollte es dann einfach heißen: "Alles klar, wenn du mich nicht mehr sehen willst, fuck you und hör auf mich voll zu labern." Dass ist doch so, wie wenn du für mich arbeiten würdest und ich zu dir sage: "Du bist gefeuert, aber ich liebe dich wie einen Bruder." Was soll der Scheiß, du bist immer noch gefeuert.
Im Booklet dankst du Seijiro Udo für die Inspiration für "The World Needs A Hero". Wie sah die aus?
Er gab mir die Idee zu dem Song. Ich war bei ihm zu Besuch und wir unterhielten uns über nette und weniger nette Menschen im Musikbusiness. Er beugte sich dann irgendwann über den Tisch, legte mir die Hand aufs Knie und sagte: "Dave, mein Junge, die Welt braucht einen Helden!" Und ich dachte mir nur, was du nicht sagst. Die Kultur und die Zivilisation in Japan haben sich sehr verändert. Als ich zum ersten Mal vor fünfzehn, sechzehn Jahren da war, mussten die Frauen drei Schritte hinter den Männern laufen. Die Kids hatten damals noch eine eigene Identität. Jetzt sind sie entweder Amerikaner oder Engländer. Man kann den meisten auf den Kopf zusagen, wer ihnen die englische Sprache beigebracht hat. Das hat mich richtig sauer gemacht. Früher sah man downtown noch die ganzen traditionellen Geschäfte und so weiter, heute sieht man überall nur Lutscher mit Handys. Es ist wirklich schlimm geworden mit dieser ganzen Banden-Mentalität, die japanischen Kids verlieren alle ihre Identität.
Als Seijiro sagte, die Welt brauche einen Helden, antwortete ich nur: "Daran besteht wohl kein Zweifel!" Auch hier in Deutschland schreitet das ja immer weiter fort und ich sehe das mit Schrecken, da ich ja halb Deutscher bin, meine Mutter ist in Essen geboren. Es ist für mich manchmal etwas schmerzhaft mit den Fans hier zu reden, da es durch die Sprachbarriere oft zu Missverständnissen kommen kann. Manche Sachen kommen dann sehr verletzend rüber, obwohl sie nicht so gemeint waren. Ich kann dann aber an der Körpersprache erkennen, ob mich derjenige jetzt verbal angreifen wollte, oder einfach nicht die richtigen Worte fand. Bevor meine Mutter starb, habe ich sie hierher zurück gebracht. Als wir vor zwei Tagen in Hannover waren meinte Dave (Ellefson, b): "Erinnerst du dich noch, wie deine Mutter für uns in die Bäckerei ging und mit diesem wirklich leckeren Brot zurück kam?", aber ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Auch das hat mich sehr traurig gemacht.
Hm, wenn ich deinen Text richtig verstehe, willst du dieser Held aber auf keinen Fall sein.
Nein, auf keinen Fall. Es ist zwar so, dass viele meiner Freunde zu mir kommen, mich um Hilfe bitten und ich sie nicht enttäuschen will. Ich denke, jeder hat die ein oder andere Person, die er sehr bewundert, was dann aber auch soweit gehen kann, dass sie sich nur noch auf diese Personen fixieren. Wenn mir unser Management sagen würde: "Hier, dies und das ist gut für dich!", setzte ich mich auf jeden Fall hin und schau mir das Ganze an und probiere es wahrscheinlich auch aus. Aber für die Menschen ein Held zu sein, bedeutet einfach, einem verdammt großen Druck ausgesetzt zu sein. Besonders, wenn du mal angefangen hast ihnen zu helfen, erwarten sie, dass du es immer tust.
Ich weiß noch genau, wie ich erstmals angefangen habe, persönlich auf e-mails zu antworten. Sofort kam die Rückantwort und jeder erwartete, dass ich auch darauf wieder antworten solle. Das hat sich so weit potenziert, dass ich jeden Morgen zweihundert e-mails auf meinem Server hatte. Da musste ich dann verdammt schnell wieder mit aufhören, da sich jeder gleich persönlich angegriffen gefühlt hat, wenn ich ihm nicht meine Lebensgeschichte erzählen wollte. Deswegen muss ich für mich im stillen Kämmerlein entscheiden, wie weit ich mich den Menschen zuwenden kann. Ich bin nun mal in der Öffentlichkeit und muss auch da gewisse Regeln einhalten, ansonsten ist die Karriere ganz schnell vorbei.
Dass das Biz nicht nur aus Sonnenseiten besteht, kann ich mir vorstellen.
Sicher, aber es ist härter, als sich die meisten vorstellen. Es besteht nicht nur aus Blowjobs, Champagner schlürfen und in Limousinen rumgurken. Das war zwar auch nett zu seiner Zeit, ich bin aber eigentlich in dem Geschäft wegen der Musik. Die Groupies, die Drogen und der Alkohol sind zwar auch nicht zu verachten, aber es ist immer noch die Musik, die mich dabei hält. Das mit den Limousinen und so einem Schnickschnack haben wir aber aufgegeben, da wir unseren Fans nicht das Gefühl geben wollen, sie würden sich von uns unterscheiden. Ich wüsste echt nicht, was ich anderes machen würde, wenn nicht das, was ich hier tue.
Vielleicht als Produzent arbeiten?
Es ist nicht so, dass ich Angst hätte, ich könnte keinen anderen Job finden, ich weiß nur nicht, was mir sonst noch Spaß machen würde. Ich hab früher ganz gern an Autos herum gebastelt und bin mir sicher, dass ich als Mechaniker ‘nen Job finden könnte, aber du versaust dir dabei mächtig die Griffel. Nicht, dass ich mir zu gut wäre, um mir meine Finger zu beschmutzen, aber das Öl und der ganze Scheiß ruiniert dir die Finger und wenn ich dann mit meinen Kindern spiele, bekommen die den Mist auch ab.
Du hast die Scheibe ja produziert und ganz gute Arbeit dabei abgeliefert. Du hattest doch auch bei der ersten Sanctuary (jetzt Nevermore) deine Finger im Spiel, oder?
Ja, das war 'ne tolle Band, nur dummerweise wurden die vom selben Management betreut wie wir. Ich bin nicht sicher, was da genau ablief, ich half ihnen, den Deal mit Epic zu ergattern. Don Zimmerman nahm sie unter Vertrag und als es an der Zeit war, deren zweite Scheibe aufzunehmen, wollten sie mit mir nicht mehr arbeiten und Don nicht mehr mit ihnen, da ich mit dabei war. Sehr kompliziert das Ganze.
Könntest du dir vorstellen andere Bands zu produzieren?
Ja, wenn es der richtige Sound und die richtige Band sind. Ich muss sie als Musiker und Menschen respektieren können. Ich hasse es, in Projekte involviert zu sein und auf einmal zu stagnieren, weil du mit irgendjemandem nicht klar kommst.
Wenn du gerade von Projekten sprichst, was ist mit MD. 45?
Nichts, Megadeth hat einfach absolute Priorität. Nach "Youthanasia", als wir mit "Cryptic Writings" fertig waren, merkten wir, wie melodisch unser Sound geworden ist. Mit "Risk" gingen wir dann einen Weg, den wir für uns selber beschreiten mussten, um die Erfahrung zu sammeln. Danach haben wir uns entschieden, dass es mehr Spaß macht, diesen heavy stuff zu spielen. Wenn wir direkt nach "Risk" den Schritt zurück zu Songs der Marke "Rust In Peace" gemacht hätten, hätte es den Anschein gehabt, dass wir uns für "Risk" geschämt hätten, was nicht der Fall ist. Viele der Fans hätten gedacht, wir gehen etwas zurück zu den Wurzeln, weil wir mit "Risk" abgestunken hätten. Ich denke allerdings nicht, das "Risk" abstinkt, ich finde wir haben eine gute Platte gemacht.
Ich wollte unsere Entwicklung immer natürlich ablaufen lassen. Im Augenblick fühle ich mich mit dem heavy stuff einfach verdammt wohl. Es macht Spaß zu spielen, mit den ganzen Double Bass-Sachen. Wir haben einen fantastischen Drummer. Nick war auch fantastisch, aber er wollte auf einmal meinen Platz einnehmen, er wollte Frontmann sein. Er spielt Gitarre, er schreibt Songs und singt, aber es war nun einmal nur Platz hier für einen von meiner Sorte. Mit Marty ist das so 'ne Sache, der hat sich die Haare abgeschnitten und spielt jetzt Tanz- und Techno-Musik. Er ist in 'ner Band mit Sängerin und das sind mit die Gründe, warum "Risk" so klingt wie sie klingt.
Als guter Bandleader musst du dir von jedem die Meinung anhören, darüber nachdenken was machbar ist und dann dafür sorgen, dass es funktioniert. Marty wollte "Risk" noch viel poppiger haben als wir, deshalb ist er letztendlich gegangen. Marty ist natürlich ein großartiger Gitarrist und ich wünsche ihm mit allem, was er macht, Glück, aber ich wünschte, er hätte mir früher gesagt, dass er auf Tanzmusik umschwenken will. Und mitten auf der Tour auszusteigen ist auch nicht die feine englische ... Aber ich muss sagen, ich respektiere ihn dafür, dass er mir gegenüber immer ehrlich geblieben ist.
Was hältst du denn vom Split von Jason Newsted und Metallica?
Traurig, sehr traurig.
Ich habe gehört, dass er genug hat vom Weichspül-Sound der letzten Scheiben und wieder etwas mehr auf die härtere Schiene zurück will.
Ich weiß es auch nicht genau. Zu mir sagte er: "Zu jeder Geschichte gibt es drei Seiten. Meine, deine und die Wahrheit." Als ich damals bei Metallica rausgeflogen bin, war ich dermaßen angepisst, dass ich heim gegangen bin und allen erzählt habe, ich wäre ausgestiegen, bevor die jedem erzählen konnten, sie hätten mich gefeuert. War natürlich alles Quatsch, aber es ist witzig, dass du Jason erwähnst. Neulich hat mich ein gewisser Lars Ulrich angerufen, um mich, natürlich ganz unverbindlich, zu fragen, wie ich mich denn mit meinem Bassisten verstehen würde.
Die wollten wirklich Dave für Metallica abwerben? Meinst du, Dave wäre das Finanzielle wichtiger als die Freundschaft zwischen euch?
Keine Ahnung, glaube aber nicht. Wir haben damals zu "Killing Is My Business"-Zeiten als Geschäftspartner angefangen, woraus sich dann eine Freundschaft entwickelt hat. Was Megadeth und Musik im Allgemeinen angeht, sind wir aber nach wie vor Geschäftspartner.
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