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Seattle, bis heute Synonym für Grunge-Combos Marke Alice In Chains, Pearl Jam und bestenfalls noch Queensryche, schickt in den 80ern eine Metal-Band ins Rennen, die sich musikalisch in keine Schublade stecken lässt: Sanctuary.
Nach zwei herausragenden Alben löst sich die Combo leider schon wieder auf. Drei Fünftel der Band tauchen musikalisch nie wieder auf. Sänger Warrel Dane und Basser Jim Sheppard beschließen aber, weiterhin gemeinsame Sache zu machen, nachdem schon die Zusammenarbeit für die beiden Killerscheiben "Refuge Denied" und "Into The Mirror Black" so brillant funktioniert hat.
Mit Gitarrist Jeff Loomis und Drummer Van Williams finden sie technisch versierte Musiker, die den hohen Ansprüchen gerecht werden. Nevermore sind geboren.
Kaum haben die vier erstes Demomaterial zusammen, wird Century Media Records aufmerksam und nimmt die Band unter Vertrag. Anstatt sie erneut ins Studio zu schicken, um neues Material zu schreiben, wählen sie acht Tracks vom Demo aus und bringen sie auf dem selbstbetitelten Erstling 1995 unters Volk.
Warrels außergewöhnliche Stimme und die unglaublich breit gefächerte musikalische Ausrichtung von Gitarrist Jeff, der eine klassische Ausbildung hinter sich hat, machen das Debüt zu einem herausragenden Album. Als Produzent gewinnen sie Neil Kernon, der schon Judas Priest oder Queensryche zu anständigem Sounds verhalf.
Um live dieselbe Power wie im Studio zu erzeugen und die für zwei Gitarren komponierten Songs würdig umzusetzen, kommt mit Pat O'Brian (Ex-Monstrosity) ein weiterer Gitarrist zum Line-Up hinzu. Dem voran gehen aber einige Touren, in Europa mit Blind Guardian, in den USA mit Death.
Mit Pat an der Gitarre erscheint 1996 die EP "In Memory", die die Zeit bis zum nächsten Album verkürzen soll. Darauf sind ein neuer Song, zwei gelungene Coverversionen von Bauhaus und drei etwas umarrangierte ältere Tracks enthalten.
Mit "Politics Of Extasy" (betitelt nach dem Werk von Drogenguru Timothy Leary) zeigen sich Nevermore von einer noch technischeren und wütenderen Seite (man beachte die Texte). Kurz nach der Veröffentlichung des Albums nimmt O'Brian im Anschluss an die Tour mit Iced Earth seinen Hut und verkrümelt sich zu Cannibal Corpse.
Seinen Platz nimmt ein alter Kumpel der Band ein, Tim Calvert, der schon bei der Bay Area Legende Forbidden aktiv war. Mit ihm drehen sie ein paar Runden mit Flotsam & Jetsam, ehe es mit Overkill weitergeht.
Das 1999 erscheinende Album "Dreaming Neon Black" ist ein Konzeptwerk, das sich, sowohl textlich als auch musikalisch perfekt umgesetzt, mit den emotionalen Höhen und Tiefen eines Mannes befasst, der nach dem mysteriösen Tod seiner einzigen Liebe schließlich Selbstmord begeht. Sogar Vergleiche zum "Operation: Mindcrime"-Klassiker von Queensryche tauchen auf.
Nachdem die Platte auf dem Markt ist geht es auf ausgiebige Tour mit Mercyful Fate durch die USA und als Headliner durch Europa und Australien. Leider übersteigt der Tourplan Tims Möglichkeiten, weshalb er anschließend aus der Band austritt.
Wieder auf die Viererbesetzung reduziert machen sie sich mit Andy Sneap (Machine Head, Testament, Kreator) daran, das neue Album auszuarbeiten. "Dead Heart In A Dead World" befriedigt alle Erwartungen.
Neben allen wichtigen Open Airs gehen Nevermore mit Soilwork und Annihilator auf Europatour, und auch die 'Metal Odyssee'-Tour mit Dimmu Borgir, In Flames und Lacuna Coil funktioniert. Als zweiten Gitarristen haben sie Curran Murphy dabei, den aber nach der Tour Annihilator abwerben.
In den Staaten sind Nevermore ununterbrochen auf Achse, und zwar mit Arch Enemy, In Flames und Shadows Fall, sowie anschließend mit Opeth und Angel Dust.
Dann ist es wieder an der Zeit, neue Songs zu schreiben, von denen sie den späteren Titeltrack "Enemies Of Reality" schon auf dem Bang Your Head 2002 vorstellen. Die zweite Klampfe spielt Steve Smythe (Ex-Vicious Rumors/Testament), der aber nicht fest ins Bandgefüge integriert wird.
Ende Juli 2003 steht "Enemies Of Reality" in den Regalen und erweist sich wieder als ein emotionaler Leckerbissen für alle Fans. Durch Europa geht es im Herbst mit Arch Enemy, wobei sie allerdings von Chris Broderick (Jag Panzer) an der Gitarre begleitet werden.
Im Interview mit laut.de will sich keiner so recht zu Steves Status äußern, doch kurz bevor er auf dem Bang Your Head 2004 wieder als Aushilfe mit Testament auf der Bühne steht, stellen ihn Nevermore als festes Mitglied vor.
Zwischenzeitlich veröffentlicht Drummer Van noch sein Solo-Projekt Pure Sweet Hell. Nach einer Tour mit Nocturnal Rites stehen die Arbeiten an "This Godless Endeavor" an.
Noch bevor das Album in den Läden liegt, sind Nevermore auf der Gigantour zusammen mit Megadeth, Dream Theater, Fear Factory, Dry Kill Logic, Symphony X und einigen anderen unterwegs. Da bei Steve allerdings beide Nieren versagen, ist er auf den meisten Touren zum Album nicht dabei. Chris Broderick übernimmt seinen Platz wieder. Auf dem Rock Hard Festival 2006 treten Nevermore nur als Quartett an, überzeugen aber auch dort nach allen Regeln der Kunst.
Während Century Media "Nevermore" und "In Memory" mit diversen Extras neu auflegen, bastelt Warrel mit Peter Wichers (Soilwork) und Matt Wicklund (Ex-Himsa) an einem Soloalbum. Außerdem schneiden Nevermore im Oktober noch einen Gig für ihre erste DVD mit, die aber noch eine Zeit lang auf Eis liegt.
Steve bekommt im Dezember 2006 endlich eine neue Niere, ist aber inzwischen nicht mehr bei den Jungs aus Seattle dabei. So steht auf dem Summer Breeze 2007 wieder Chris mit auf der Bühne. Dafür muss Basser Jim daheim bleiben, da auch er mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat.
Die sind aber bald wieder kuriert und es geht an die Arbeiten zum nächsten Album. Doch bevor das passiert, hat Warrel mit "Praises To The Warmachine" Mitte April 2008 sein Solodebüt im Kasten und auch Jeff Loomis liegt mit seiner Scheibe in den letzten Zügen.
Für Herbst 2008 ist die DVD geplant, die Fertigstellung des neuen Albums von Nevermore wird für Ende des Jahres anvisiert. Da Chris inzwischen bei Megadeth eingestiegen ist, darf seine Mitarbeit darauf aber ausgeschlossen werden.
Ende August legt Jeff schließlich "Zero Order Phase" vor, im Oktober ist auch "Year Of The Voyager" zur Veröffentlichung bereit. Die Doppel-DVD gibt einen interessanten Einblick in die musikalischen Höhepunkte der Band - mit schönen Aufnahmen und einer tollen Soundqualität.
In der Zeit herrscht im Hause Nevermore weitgehend Funkstille, denn die ausgiebigen Touren zu den letzten Alben zusammen mit diversen Süchten und Wehwehchen sorgen für zeitweise dicke Luft. Da kamen die Soloexkursionen gerade recht, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Schließlich macht man sich 2009 doch an die Arbeiten zu einem neuen Album, das Nevermore unter der Regie von Soilwork-Gitarrist Peter Wichers aufnehmen.
Entsteht "The Obsidian Conspiracy" noch als Quartett, so steigt kurz nach der Fertigstellung mit Attila Vörös der Tourgitarrist von Warrels Soloband bei Nevermore ein. Endlich sind sie wieder zu fünft und geben auf dem Rock Hard Festival 2010 an Pfingsten bereits eine Kostprobe ab.
Kurz zuvor hat Warrel aber schon verlauten lassen, dass in der nächsten Zeit eine Reunion von Sanctuary und ein drittes Studioalbum geplant seien.
Neues Album, neuer Gitarrist, neuer Spaß innerhalb der Band. Nevermore sind wieder da.
Endlich ist es also doch noch wahr geworden! Endlich ist "The Obsidian Conspiracy", das neue Album von Nevermore fertig aufgenommen und für die neugierige Journaille bereit gestellt. Eigentlich war ja bereits Ende letzten Jahres eine Prelistening-Session in Holland angesetzt, die aber kurzfristig wieder abgesagt wurde. Grund dafür war schlicht und ergreifend, dass die Scheibe noch lange nicht fertig war.
Auch Ende März, als uns im Rahmen der Musikmesse Frankfurt im Eschenheimer Turm insgesamt 13 Songs (incl. 3 Bonustracks) um die Ohren fliegen, sind die Nummern noch nicht gemastert. Einstimmiges Urteil nach dem ersten Durchlauf: scheiß auf's Mastering! Die Songs ballern jetzt schon ohne Ende!
Von Nevermore ist Gitarrist Jeff Loomis vor Ort, der seinen ersten Whisky noch mit Cola versaut, sich aber dann von mir überzeugen lässt, dass man einen zwölfjährigen Highland Park Scotch nicht vergewaltigen sollte und auch auf die amerikanische Abartigkeit, Eis in einen Whisky zu werfen, ist schnell abgehandelt. An den zwei folgenden Tagen wird Jeff auf der Messe für seinen Endorser Schecter den ein oder anderen Workshop abhalten, ein paar Songs von seinem Soloalbum spielen und auch einen der neuen Tracks von Nevermore vorstellen.
Zwar merkt man dem Gitarristen, der erst am frühen Morgen in Frankfurt gelandet ist, den Jetlag leicht an. Dennoch ist der Mann sehr gut aufgelegt und streut ins zwanglose Gespräch die ein oder andere Schote und Anekdote von manchen Personen aus dem Nevermore-Umfeld ein, bei denen man sich nicht wirklich sicher ist, ob man diese Leute persönlich kennen lernen will. Menschen die einem, während man mit ihnen am Tisch sitzt, freundlich lächelnd über die Schuhe strullern, sind mir dann doch ein wenig suspekt.
Irgendwie schwer vorstellbar, dass sich Jeff mit solch durchgeknallten Typen umgibt und sich auch selber als ein wenig unberechenbar bezeichnet. Dass Nevermore der Ruf einer heftigen Partyband vorauseilt, ist bekannt. Aber das in Einklang mit diesem zurückhaltenden, überaus höflichen, zuvorkommenden und fast schon schüchternen Menschen zu bringen, der mir im Interview gegenüber sitzt, fällt beinahe schwer. Dazu später mehr.
Aber genug der langen Einleitung, kommen wir zum kurzen Überblick der Tracklist.
Der Einstieg ist direkt mal voll auf die Zwölf Die Riffs von Jeff sind so massiv und fett wie eh und je, lassen Sänger Warrel aber jede Menge Raum für seine Gesangslinien.
2. Your Poison Throne
Das bestätigt sich bereits im zweiten Song. Die Nummer ist äußerst eingängig und vor allem der Chorus lädt schon nach der ersten Wiederholung zum mitsingen ein.
3. Moonrise (Through Mirrors Of Death)
Ach hier glänzt Warrel mit einer genialen Gesangslinie im Chorus. Allerdings schießt Jeff in dem rasanten Song ein paar Riffs raus, die einem glatt den Sack rasieren. Eine der härtesten Nummern der Band.
4. And The Maiden Spoke
Steht dem Vorgänger in Sachen Härte in Nichts nach. Das Drumming von Van Williams ist hier allerdings ein wenig sperriger, als auf dem restlichen Album.
5. Emptiness Unobstructed
Leitet den balladesken Mittelteil des Albums ein. Der Track bleibt im melancholischen Midtempo und baut auf eine mit akustischen Gitarren intonierte Strophe auf.
6. The Blue Marble And The New Soul
Nahe an einer Ballade dran und für Jeff, wie er mir gegenüber zugibt, der persönlichste und wichtigste Song des Albums. Für Warrel wohl ebenfalls, der über die sanften Klänge mit einer echt harten Stimme hinweg singt. Die Soloarbeit von Jeff ist (auch hinter dem Gesang) überragend.
7. Without Morals
Damit sind die ruhigen Klänge vorerst vorbei und es gibt wieder jede Menge Saft. Die Gitarrenarbeit ist extrem stark und vor allem sehr transparent gestaltet.
8. The Day You Built The Wall
Mit seinem 4/5-Takt ist der Midtemposong ein wenig sperrig. Strophe und Refrain wechseln einmal mehr zwischen akustisch und verzerrt und erschaffen so eine interessante Atmosphäre.
9. She Comes In Colors
Ähnlich geht es hier zu, wobei der balladeske Beginn nach zwei Minuten in einen massiven Riffangriff übergeht.
10. The Obsidian Conspiracy
Den krönenden und wieder verdammt heftigen Abschluss liefert der Titeltrack, der in Sachen Riffs und ordentlicher Härte, keine Wünsche offen lässt. Vor allem Van tritt seine Doublebass beinahe durch die Wand!
11. The Purist's Drug
Die Nummer wird wohl leider nur für den japanischen Markt sein. Das bringt die Europäer um einen Song mit einem halb verschleppten Einstieg und einem Refrain, der bei jeder Wiederholung besser wird.
12. Crystal Ship
Wer erwartet hat, dass Nevermore die The Doors-Coverversion ähnlich uminterpretieren, wie damals "The Sound Of Silence" von Simon, sieht sich getäuscht. Die Nummer ist sehr nah am Original und - ja, ich behaupte sogar fast besser!
13. Temptation
Auch die The Tea Party-Nummer ist nicht sonderlich weit vom Original entfernt. Man mag sich über die Auswahl zwar ein wenig wundern, gelungen sind die beiden Coverversionen aber allemal!
Jeff, zwischen "This Godless Endeavor" und "The Obsidian Conspiracy" ist jede Menge Zeit vergangen. Wie kam es dazu.
Naja, wir waren in der Zeit ja auch nicht untätig. Wir waren zwei Jahre für "This Godless Endeavor" auf Tour, dann hat Warrel seine Soloscheibe veröffentlicht, danach ich meine und dann kam auch schon die Live-DVD "Year Of The Voyager". Also wirklich lange waren wir eigentlich gar nicht weg, aber es stimmt schon, dass Nevermore einfach mal eine Auszeit von einander brauchten. Das war wichtig, aber jetzt sind wir wieder zurück, innerhalb der Band ist wieder alles in Ordnung und nach den ersten Festivals im Mai werden wir eine große Europa- und eine US-Tour fahren. Und vor allem haben wir auch einen neuen Rhythmus-Gitarristen dabei. Wir werden also nie wieder als Quartett touren müssen (lacht).
So so, und wer ist der Neue?
Hm, das darf ich euch eigentlich noch gar nicht so richtig erzählen. Wir wollen damit noch ein wenig hinterm Berg halten, da er noch nicht mal alle aus der Band getroffen hat. Van, unser Drummer ist ihm bislang noch nicht über den Weg gelaufen und konnte entsprechend noch nicht sein 'ok' geben. Aber der Kerl hat schon bei Warrels Soloprojekt auf dessen Westcoasttour live gespielt, also dürfte der ein oder andere ihn bereits kennen. Sein Name ist Attila Goulash, er stammt aus Ungarn und ich hab vor zwei Wochen mit ihm eine Audition bei mir daheim gehabt und der Kerl kannte jeden verdammt Song! Der ist wirklich unglaublich. Er spielt jedes Riff, dass ich hören wollte mit einer unglaublichen Technik und jeder Menge Gefühl. Dabei ist er gerade mal 24 Jahre alt. Der Junge ist eine absolute Bereicherung für die ganze Band! Auf die neue Scheibe hatte er aber natürlich noch keinen Einfluss.
Darf er denn live dann seine eigenen Soli spielen, oder bleibt der Solokram fest in deiner Hand?
Haha, das wäre grob fahrlässig, ihn keine Soli spielen zu lassen. Das war ja es ja auch, was mich so an dem Mann beeindruckt hat. Irgendjemand hat mir einen Link zu einem seiner youtube-Videos geschickt und ich hab mir glaub ich "Narcosynthesis" angeschaut. Ich saß wirklich da wie "Kevin Allein Zu Haus". Beide Hände im Gesicht, den Unterkiefer auf dem Boden und konnte es nicht fassen! Der Typ hat hunderte von Videos und eins ist krasser als das andere. Sein Stil und sein Feeling ähneln meinem sehr, aber er hat doch noch seinen eigenen Touch dabei. Das ist einfach großartig für eine Band wie Nevermore. Und dann ist der Typ auch noch eine Seele von Mensch! Sehr höflich, bescheiden, freundlich. Ich kann gar nicht genug lobende Worte über Attila verlieren. Ich kann es kaum erwarten, ihn im Mai vorzustellen. Danach werden wir entscheiden, ob er fest dabei bleibt oder nicht.
Wie ist Warrel denn auf ihn gestoßen?
Coole Story. Die Freundin von Chris Broderick (ehemaliger Nevermore-Gitarrist und jetzt bei Megadeth, d.Verf.) arbeitet als Fotografin in L.A. Sie kannte Attila und der hat Chris eines Tages eine Mail geschrieben und gefragt, ob er dessen alten Job haben könnte (lacht). Chris hat dann den Kontakt zu uns hergestellt und Warrel hat ihn schließlich erst einmal in seiner Soloband angetestet. Attila hat zwei Einflüsse: Pantera und Nevermore. Wenn das nicht passt, weiß ich auch nicht. Als Steve Smythe (jetzt bei Forbidden, d.Verf.) damals wegen seiner Nieren-OP ausgestiegen ist, standen wir vor einem echten Problem. Wir haben dann zwar als Quartett weiter gemacht, aber wir brauchen einfach eine Rhythmusgitarre, wenn ich meine Soli spiel.
Wie ist denn die Situation innerhalb von Nevermore mittlerweile?
Hm, das lässt sich nicht so leicht beantworten. Wir hatten in den letzten Jahren definitiv einige Probleme. Warrel hatte Ärger mit seiner Pankreas, was vom Trinken herrührte und auch der Rest von uns war nie einer guten Party gegenüber abgeneigt. Wir waren immer als Partyband bekannt. Als Warrel dann klar wurde, dass er mit dem Alkohol aufhören muss, war es für ihn schwer zu akzeptieren, dass dieser Alkoholverbot nicht auch für den Rest der Welt galt. Wenn Van und ich beispielsweise stockbesoffen in den Bus fielen, war es für ihn anfangs sehr schwer, mit dieser Situation umzugehen. Das führte zu einigen Spannungen.
Jim hat sein eigenes Kreuz zu tragen mit Chrones Desease aber auch ihm geht es mittlerweile wieder recht gut. Allerdings hat sich das alle akkumuliert und sowohl unsere Freundschaft, als auch unsere Produktivität sehr negativ beeinflusst. Lauter private und auch jede Menge kleine Probleme haben sich immer weiter aufgetürmt und irgendwann war klar, dass wir erst einmal eine Auszeit von einander brauchen. Ich nehme mich da gar nicht aus. Auch ich hab mit Alkohol so meine Probleme und muss stellenweise sehr auf mich achten.
Du hast vorhin mal erwähnt, dass das neue Album weitgehend einzeln aufgenommen wurde. Also dermaßen, dass ihr nie gleichzeitig vor Ort ward. Hing das mit den alten Problemen zusammen, dass ihr erst mal wieder zueinander finden musstet.
Auf jeden Fall!. Es gab so viele Dinge, die wir erst einmal klären mussten. Auch und vor allem businesstechnische Probleme. Sachen, über die du dir nie im Leben Gedanken machst, wenn du jung bist und eine Band gründest. Als wir letzte Woche das Fotoshooting hatten und zum ersten Mal seit langem wieder als Band beieinander standen, musst wir uns erst mal wieder privat näher kommen und einige Dinge klären. Kommunikation ist ein großes Problem in vielen Bands und auch bei uns. Man hört oft immer wieder Sachen von anderen, was deine Jungs anscheinend über dich gesagt haben. Aber anstatt sich hinzusetzen und das mit ihnen zu klären, schwiegen wir das lieber tot. Das war auf Dauer fast tödlich. Daran müssen wir arbeiten aber es scheint, als wären wir während des Fotoshootings uns wieder näher gekommen. Ich bin jedenfalls optimistisch.
Mit einem bärenstarken Album wie "The Obsidian Conspiracy" im Rücken wäre alles andere auch nicht angebracht!
Der Nevermore-Fronter über die Sisters Of Mercy, Narrenmasken und sein Soloalbum.
Warrel Dane ist ein vielbeschäftigter Mann. Mit Sanctuary hat er nach nur zwei Scheiben einen wahren Legendenstatus aufgebaut, und mit Nevermore veröffentlicht er schon seit Jahren ein bärenstarkes Album nach dem anderen.
Dennoch fühlt sich der Sänger mit der Band allein nicht ausgelastet und legt dieser Tage mit "Praises To The Warmachine" sein erstes Soloalbum vor. Damit ist er aber nicht allein in seiner Truppe, hat Drummer Van Williams doch schon seit Jahren sein Nebenprojekt Pure Sweet Hell, und auch Gitarrist Jeff Loomis legt in nächster Zeit seine Soloscheibe vor.
Den ersten Termin für das Interview hat Warrel schlicht und ergreifend verschwitzt. Sein Terminkalender ist voll mit Interviews, und da der Mann einfach nicht der Typ ist, nach 20 Minuten ein Gespräch nur aus terminlichen Gründen zu unterbrechen, bleibt halt auch mal einer auf der Strecke. Blöd nur, dass ich das war, aber egal, denn Warrel meldet sich wenige Tage nach dem ersten Termin einfach aus Berlin, wo er gerade bei Roax Films Station macht, um die Arbeiten an der anstehenden Veröffentlichung der Nevermore-DVD zu begutachten. Allerdings hat sich der Mann in den letzten Tagen wohl eine Erkältung eingefangen und hustet mehrere Male recht feucht in den Hörer:
Warrel: Sorry, aber mit geht's gesundheitlich grad nicht so prickelnd. Habe eine Scheißerkältung und freue mich echt drauf, wenn ich wieder daheim bin und mich aufs Sofa knallen kann.
Kann ich mir vorstellen, lass uns aber trotzdem ein wenig über dein Soloalbum sprechen. In einem Newsletter wurdest du dahingehend zitiert, dass du auf der Scheibe endlich mal mehr Wert auf den Song an sich legen konntest und dass nicht alles immer so technisch ausfällt. Stört dich das bei Nevermore denn hin und wieder?
Nein, überhaupt nicht. Nevermore sind einfach Nevermore, da funktioniert alles genau so, wie wir uns das vorstellen. Nevermore haben wir vor Jahren mit dem Vorsatz ins Leben gerufen, keine musikalischen Kompromisse einzugehen. Das ist aber ein demokratischer Ablauf, und bei meinen Solosachen kann ich eben selber entscheiden, worauf ich mehr Wert lege. Jeff ist gerade an seiner Soloscheibe, die noch deutlich verrückter und technischer ausfallen wird, als alles, was er bei Nevermore spielt. Dafür sind Soloalben da, dass man die Sachen ausleben kann, die sonst ein wenig auf der Strecke bleiben.
Ich nehme mal an, dass du eine ganze Anzahl an guten Musikern und Songwritern kennst, warum hast du ausgerechnet Peter Wichers gefragt, ob er mit dir die Songs schreibt?
Als wir mit "Dead Heart In A Dead World" auf Tour waren, hatten wir Soilwork mit dabei. Peter hat damals noch bei ihnen gespielt, und wir freundeten uns sehr schnell an. Vor allem Peter und ich verstanden uns wirklich gut und wir haben uns damals schon darüber unterhalten, dass wir mal zusammen Musik machen sollten. Als ich dann tatsächlich daran ging, meine Ideen auszuarbeiten, war Peter der erste, der mir als Gitarrist und Songwriter in den Sinn kam. Als wir dann mit den Aufnahmen zu "This Godless Endeavor" fertig waren, rief ich ihn an und meinte: Ok, lass uns loslegen und sehen, was dabei herauskommt. Seitdem haben wir uns ständig irgendwelche mp3-Files hin und her geschickt, und selbst als wir mit Nevermore auf Tour waren, hatte ich an meinem Laptop die Möglichkeit, ständig an den Songs zu arbeiten. Das hat sich eigentlich über die letzten Jahre beständig dahin gezogen, und als wir schließlich mit allem fertig waren, sind wir ins Studio gegangen und haben die Sachen aufgenommen.
Wie hast du denn deine Ideen verwirklicht oder an Peter weitergegeben? Spielst du Gitarre?
Ja, aber wirklich mies (lacht), ich überlasse das lieber den Leuten, die das besser können als ich. Wenn ich meine Texte schreibe, entstehen dabei manchmal schon die ersten Melodielinien, aber das ist eher die Ausnahme. Ich habe Peter einige Ideen die ich hatte zugeschickt, aber er war hauptsächlich derjenige, der die Musik geliefert hat. Wir haben dann gemeinsam entschieden, was wir weiterverfolgen und was nicht.
Peter hat ja auch die Musik für den Nuclear Blast-Sampler "Out Of The Dark" geschrieben. Hast du den auch schon gehört?
Ja, ein paar Sachen, aber nicht alle. Was ich allerdings kenne, finde ich wirklich klasse. Der Mann ist einfach ein verdammt guter Songwriter und kann sich vor allem auch auf seine Sänger einstellen.
Das kann man wohl sagen. Überraschend ist dabei nur die Wahl eines Sisters Of Mercy-Covers. Warum ausgerechnet "Lucretia" und warum überhaupt die Sisters?
Because they deserved to be metalized (lacht). Ich stehe einfach schon seit meiner Kindheit auf Sisters Of Mercy und den Sound, den sie damals gemacht haben. Zu der Zeit habe ich genau so viel Gothic wie Metal gehört. Heutzutage kann man ja kaum glauben, was inzwischen alles als Gothic bezeichnet wird. Das kann man sich meist gar nicht mehr anhören. Damals war Gothic einfach noch ein richtig geiler Sound, von daher ist es für mich selbst jetzt nichts wirklich besonderes, dass ich mich für ein Sisters-Cover entschieden habe. Ich hab mir einach meinen Lieblingssong von der Scheibe gekrallt, auch weil ich schon immer das Gefühl hatte, dass die Nummer nach einer härteren Version verlangt. Mich würde wirklich interessieren, was die Jungs von unserer Version halten. Aber ich vermute mal, dass sie die nicht sonderlich mögen würden (lacht).
Was man so von den Herren hört, dürftest du mit deiner Einschätzung richtig liegen. Eldritch und Co. haben nur selten ein gutes Haar an anderen gelassen.
Stimmt, aber ich habe den Song ein paar Leuten vorgespielt, die wirkliche Die-Hard-Fans der Sisters sind, und sie mochten unsere Version. Das war für mich der wirkliche Test, und von daher bin ich sehr mit dem Song zufrieden.
Ihr habt den Song aber nicht dermaßen entfremdet, wie ihr es mit Nevermore und "Sound Of Silence" von der "Dead Heart In A Dead World"-Scheibe gemacht habt.
In dem Moment hustet sich der Mann gerade den linke Lungenflügel raus Sorry, ok, ich bin fertig mit dem Verrecken. Wie war die Frage? Ach so. Nein, das wollten wir auch auf keinen Fall. Matt Wicklung (Himsa), der zweite Gitarrist mit dem ich gearbeitet habe, hat sich der Metallisierung des Songs angenommen. Von ihm stammen insgesamt vier Songs und ich kenne ihn schon eine ganze Zeit lang, da er ja auch aus Seattle stammt, und es ist verdammt leicht, mit ihm zu arbeiten. Aber um deine Frage zu beantworten, "Sound Of Silence" war eine echt verrückte Nummer, und ich glaube, so was macht man nur einmal im Leben. Aber das war für "Lucretia" auch gar nicht das Ziel, wir wollten das Teil nur heavier machen.
Jahaha, das denke ich auch, aber hier gibt es nun das genaue Gegenteil (lacht). Ich finde es deutlich unterhaltsamer und für mich vor allem abwechslungsreicher, wenn man Leute noch überraschen kann.
Ein anderer Song, der für mich sehr schnell herausstach, ist "Brother". Das ist wohl einer der persönlichsten Texte, die ich je von dir gehört habe oder er könnte es zumindest sein. Ist er denn autobiografisch?
Ja, das ist er. Ich habe eine sehr seltsame Beziehung zu meinem Bruder, oder wenn wir ehrlich sind, dann ist es eigentlich überhaupt keine Beziehung. Ich habe das alles viele Jahre mit mir herumgetragen und nun musste ich mir das mal von der Seele schreiben. Als ich den Anfang der Nummer zum ersten Mal gehört hab, wusste ich sofort, um was es sich in dem Song handelt müsste, und die Worte flossen nur so aus mir heraus. Man hört das ja immer wieder von Musikern, dass das für viele so was wie eine Therapie ist, aber es fällt mir echt nichts anderes ein, um diesen Vorgang besser zu beschreiben. Es war wirklich, als wäre mir eine Last von den Schultern gefallen.
Sind alle deine Texte autobiografisch oder versetzt du dich auch immer wieder in die Lage von anderen Personen hinein, um dich zu artikulieren.
Beides, ich denke, dass jeder Sänger auch ein kleiner Schauspieler sein muss. Und wir alle versuchen ja auch immer wieder, irgendwo mal eine Filmrolle zu ergattern (lacht). In vielen der Texte auf meiner Scheibe finden sich autobiografische Elemente aber auch einige Dinge, die nur meiner Fantasie entspringen oder zu denen mit äußere Einflüsse inspiriert haben. Das ist ein ganz guter Mix aus beidem.
Mit "Equilibrium" habt ihr auch einen Song dabei, der meiner Meinung nach recht nah am typischen Nevermore-Sound liegt.
Ja, da gebe ich dir in gewisser Weise recht. Ich fand "Equilibrium" als Schlussnummer ganz gut, um auch ein wenig darauf einzustimmen, was als nächstes kommen wird. (Er meint wohl die nächste Nevermore-Scheibe, d.Verf.).
Siehst du Sanctuary eigentlich hin und wieder als Stachel im Arsch an? Du wirst doch bestimmt ständig nach denen gefragt.
Das werde ich auf jeden Fall, aber ein Stachel im Arsch ist die Band deswegen noch lange nicht. Sanctuary sind ein Teil meiner Vergangenheit und ich bin verdammt stolz darauf. Ich denke eher, dass vielleicht das eine oder andere ehemalige Bandmitglied die Band als Stachel im Arsch ansieht, aber die leben nun ein sogenanntes gutbürgerliches Leben. Ich habe auch auf meiner MySpace-Page einen Link zu einer Fanpage von Sanctuary. Ich habe die Zeit mit der Band sehr genossen und ich verstehe auch, warum so viele Fans sich die CDs nach wie vor anhören und auch nach den Songs fragen. Nur ein Idiot würde versuchen, seiner Vergangenheit zu entkommen oder sie zu verleugnen. Ich habe großen Respekt vor ihr.
Hast du dir vielleicht überlegt, eine Art Coverversion eines Sanctuary-Songs auf die Soloscheibe zu packen oder eine der Nummern neu einzuspielen?
Nein, das kam mir nie in den Sinn. Es könnte höchstens mal sein, dass wir irgendwann vielleicht mal einen Song live spielen, aber eine Neuaufnahmen oder ähnliches kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Wie ich ebenfalls auf deiner MySpace-Seite gesehen habe, wird Jim (Sheppard, Nevermore-Basser) Teil deiner Liveband sein. Du hast also vor, mit der Scheibe auch auf Tour zu gehen?
Eigentlich schon. Das wird natürlich nichts Exzessives mit Hunderten von Dates, aber ich bin momentan dabei, für den Herbst ein paar Shows zu planen. Wenn ich nächste Woche wieder in Seattle bin, werden wir auch mal Nägel mit Köpfen machen, was die Proben angeht.
Jahaha, auf jeden Fall. Ich sammle die Dinger
Wie viele hast du denn schon?
Oh, viel zu viele. Jedes Mal, wenn wir auf Tour sind, schleppe ich mindestens eine neue an. Als Kind hatte ich ganz schön Angst vor den Dingern. Vor allem diese Narrenmasken haben mir eine Heidenangst eingejagt. Keine Ahnung warum, aber ich habe mich tierisch vor den Dingern gefürchtet. Heute ist das anders, und ich bin nun mal der Meinung, dass jeder eine Maske vor sich her trägt, schon allein um sich zu schützen. Es macht mir einfach Spaß, diese Masken zu sammeln, und ich habe auch schon eine recht ansehnliche Sammlung von teilweise sehr kuriosen Sachen. Die wird aber außer mir nie jemand sehen (lacht).
Wenn wir gerade von Masken sprechen, muss ich daran denken, dass ich neulich erst die "Live After Death"-DVD von Maiden gesehen habe. Auf der Tour ist Bruce Dickinson doch auch mit dieser Federmaske aufgetreten, und als er im History-Teil dazu befragt wird, schämt er sich fast ein bisschen dafür.
Ja stimmt, ich erinnere mich sogar, bei der Show, die sie in Seattle gespielt haben, dabei gewesen zu sein. Diese riesige Federmaske hat er nur bei einem Song getragen, aber ich erinnere mich nicht mehr, bei welchem. Das war ihm echt peinlich? Wenn ich ihn mal treffe, muss ich ihn fragen, was aus der Maske geworden ist. Das wäre natürlich ein geniales Sammlerstück. Aber vielleicht kennt er auch ein paar gute Läden, in denen ich noch nicht war.
Wer weiß. Aber wie das letzte Summer Breeze Festival bestätigt hat, hast du nicht nur eine große Vorliebe für Masken, sondern seit ein paar Jahren auch für Baseball Caps. Das macht den Job als Fotograf nicht gerade leichter.
Das herzhafte Lachen geht wieder in einen Hustenanfall über Hey, das hält mir die Haare aus dem Gesicht, ist also sehr nützlich.
Ja, aber es hält auch sämtliches Licht aus deinem Gesicht, das ist ziemlich scheiße.
Ok, ist ein Argument, aber Headbanging kann sehr ärgerlich sein, wenn man sich die ganze Zeit die Haare aus dem Mund friemeln muss. Und außerdem sehe ich damit endlich mal sportlich aus (lacht).
Na toll ... kann ich dich eigentlich noch ein paar Sachen zu Nevermore fragen?
Klar, schieß los.
Ist Jim so weit wieder hergestellt? Er hatte ja auch gesundheitliche Probleme und war auf dem Summer Breeze Gig nicht mit dabei.
Ja, ihm geht's wieder gut. Er hatte eine Operation, aber jetzt geht's ihm schon wieder besser und er erholt sich gut davon. Wir haben vor kurzen erst ein Festival in Griechenland gespielt und er hatte keine Probleme oder Schmerzen.
Und was ist mit Steve?
Der ist schon eine ganze Weile nicht mehr bei uns. Auf dem Summer Breeze war ja noch Chris Broderick dabei, mit dem wir schon eine ganze Zeit lang auf Tour waren. Der ist aber jetzt bei Megadeth und verdient da ein gutes Stück mehr als bei uns. Die nächste Scheibe werden wir also wieder als Quartett aufnehmen, schließlich schreiben wir unsere Songs auch so. Eigentlich sind es meist nur Jeff und ich, die das Songwriting übernehmen. Sobald es wieder an die ersten Live-Auftritte geht, werden wir wohl über einen neuen Gitarristen nachdenken, aber momentan beschäftigt uns das nicht sonderlich. Wir konzentrieren uns lieber darauf, ein starkes neues Album zu schreiben.
Ihr seid also gerade an den Arbeiten zu einer neuen Scheibe?
Ja, zumindest wenn ich nicht gerade in Berlin bin, um an unserer DVD zu arbeiten. Ich hoffe, dass das Teil bis Ende Sommer fertig ist, kann aber nicht sagen, ob Century Media schon einen geplanten Release-Termin dafür haben. Haltet einfach die Augen und Ohren danach offen und natürlich auch nach meinem Album, dem Soloalbum von Jeff und der neuen Nevermore.
Und was ist mit Vans Pure Sweet Hell?
Oh, keine Ahnung. Ich glaube, er hat ein weiteres Album geplant, aber wie weit er damit ist oder wann das rauskommen soll, kann ich dir leider nicht sagen. Das musst du ihn selbst fragen.
"Enemies Of Reality" war wieder ein Leckerbissen für alle Fans. Im Interview erzählen die Metaller u.a., was es mit dem Titel auf sich hat.
Anfangs sitzen mir noch Jim, Van Williams (dr) und Tourgitarrist Steve Smith gegenüber, wobei sich letzterer aber schon nach der ersten Frage, ob er denn inzwischen das geheime fünfte Bandmitglied sei (immerhin ist das nicht die erste Tour, die er mitfährt, d.Verf.), mit einem leicht verwirrten Grinsen und ohne Kommentar verzieht.
Jim, möchtest du vielleicht zu dieser Frage Stellung nehmen?
Jim: Wir sind sehr froh, dass wir ihn uns ausleihen konnten, denn immerhin ist er noch bei zwei anderen Bands (Testament und Dragonlord, d. Verf) beschäftigt. Wir kommen mit ihm sehr gut klar, und es ist sehr witzig mit ihm auf Tour. Wir hätten auch nichts dagegen, ihn auf kommenden Touren wieder mit dabei zu haben.
Aber als permanentes Mitglied ist er nicht im Gespräch?
Jim: Nein, aber das liegt nicht an ihm sondern daran, dass wir momentan nur zu viert arbeiten wollen, weil es so am besten funktioniert. Außerdem hatten wir in der Vergangenheit immer so viel Ärger mit einem zweiten Gitarristen, dass wir darauf gut verzichten können.
Nach "Enemies Of Reality" läuft euer Vertrag mit Century Media ja aus. Habt ihr schon einen neuen in der Hand?
Jim: Bisher nicht. Es gab Gespräche mit diversen interessierten Labels, und wir werden bald eine Entscheidung fällen, aber jetzt geht es erst mal darum, mit der neuen Platte auf Tour zu gehen. Danach werden wir uns um die anderen Bereiche kümmern. Wir wollen aber darauf achten, dass wir wieder ein Label haben, das sich um den weltweiten Vertrieb kümmert, also nicht eins für Amerika, eins für Europa und eins für Japan. Das sollte schon alles in einer Hand bleiben. Das Problem hatten wir mit Sanctuary, und das hat nur Probleme mit sich gebracht.
Ihr wart mit dem ersten Mix von "Enemies Of Reality" ja nicht sonderlich zufrieden, und es ging das Gerücht um, dass Century Media euch finanziell an der kurzen Leine hielten, um Druck auf euch auszuüben, den Vertrag zu verlängern.
Jim: Da ist schon was Wahres dran. Sie sagten, wenn ihr mehr Geld für die Aufnahmen wollt, dann unterschreibt einen weitere Vertrag. Wir wollten uns aber nicht die Pistole auf die Brust setzen lassen und haben also mit dem kleineren Budget gearbeitet. Kelly Gray war bereit, für ein geringeres Entgelt mit uns zusammen zu arbeiten, und wir haben es dann mit ihm versucht. Aber er ist eben kein Metal-Produzent, sondern hat bisher eher im Pop-Bereich gearbeitet. Dementsprechend klang das Album dann auch nach dem ersten Mastering. Das ging natürlich nicht, weswegen wir das noch mal machen mussten. Wir hatten gerade mal eine Woche in einem richtigen Studio, den Rest mussten wir in Kellys Haus machen. Das hört man dem Sound dummerweise schon noch an. Es war schon interessant, mit ihm zu arbeiten. Normalerweise nehmen wir immer zuerst die Drums, dann den Bass, dann die Gitarren und zuletzt den Gesang auf. Bei ihm haben wir das etwas anders gemacht. Van musste seine Sachen zwar zügig am Stück aufnehmen, aber danach wurden Gitarren, Bass und Gesang immer Stück für Stück aufgenommen und mit wechselnder Reihenfolge. Ich muss sagen, dass mir diese Art und Weise deutlich mehr zusagt.
Vermutlich wäre Warrel für diese Frage der bessere Ansprechpartner, aber was bedeutet der Titel "Enemies Of Reality" für dich?
Jim: Wooha, da fragst du mich was. Wenn ich wüsste, was in Warrrels Kopf vor sich geht, könnte ich wahrscheinlich nachts nicht mehr schlafen, haha. Er hat eine Menge verrückter Gedanken in seiner Rübe, und diese formuliert er meist so, dass sich jeder selbst was hinein interpretieren kann.
Weißt du denn immer, über was er singt?
Jim: Nein, keine Chance. Er sagt es uns auch nicht immer. Ich mach mir aber gern auch meine eigenen Gedanken darüber. Ich glaube auch nicht, dass du viel aus ihm selbst herausbekommen würdest, wenn du ihn danach fragst. Die wichtigere Frage ist doch, welche Bedeutung haben die Texte und der Titel für dich?
Ich bin mir da nicht so ganz im klaren. Ein "Enemy Of Reality" kann jemand sein, der versucht, gegen die Realität zu kämpfen, oder einfach jemand, der vor ihr davon läuft, was beides zwangsweise in die Hose gehen muss. Warrel singt ja auch: "There's no stronger drug than reality". Ich muss gestehen, das spiegelt exakt meine Einstellung wider, scheint aber auch ein Widerspruch zum Titel zu sein, oder nicht?
Jim: Ja, da hast du schon recht. Ich denke, dass hat auch etwas mit unserer Heimatstadt Seattle zu tun, weil der Drogenkonsum dort ziemlich hoch ist. Auf der High School hast du zwangsläufig mit Drogen zu tun, an meiner war es sogar so, dass praktisch jeder irgendwann mit LSD experimentiert hat. Je älter wir aber wurden, desto offensichtlicher wurde für uns auch, dass die Realität nach wie vor die stärkste und beste Droge ist. Ich denke, das will er damit ausdrücken, aber wie gesagt, Warrel hat gelegentlich sehr seltsame Gedanken.
Und warum grinst du die ganze Zeit nur vor dich hin Van?
Van: Ach nur so, ich höre mir immer gern die Interpretationen der verschiedensten Leute zu Warrels Texten an.
Soso, und was ist deine Interpretation des Titels?
Van: Für mich sind die Feinde der Realität all diese Leute, die ihre Umgebung und damit diesen Planeten zerstören, ohne sich dessen bewusst zu werden oder sich darum zu kümmern. Die Realität ist, dass die Welt dabei einfach drauf geht. Es gibt eben die Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die Welt für alle ein besserer und erträglicherer Platz wird und diejenigen, die nur auf ihren Profit aus sind. Sie zerstören also nicht nur diesen Planeten, sondern auch die Realität. Wir leben im Hier und Jetzt, in der Realität, und diese wird einfach missbraucht und zerstört. Somit sind Politiker und Wirtschaftsbosse und all diese Motherfucker, die nur auf ihren Gewinn aus sind, die "Enemies Of Reality". Um auf die beste Droge zurückzukommen, das steht wohl für sich selbst, und ich sehe es genauso. Das Leben allein gibt dir schon den größten Kick, was brauche ich da noch irgendwelche Drogen. Ich denke also nicht unbedingt, dass sich darin ein Widerspruch verbirgt.
Jim: Die Sache ist ja eigentlich die, dass du dich nicht gegen die Realität wehren oder sie bekämpfen kannst, denn alles was du tust, wird ja zur Realität. Verstehst du was ich meine? Verdammt, das ist wirklich alles sehr tiefsinniges Zeug. Ich glaube, ich muss mich damit erst noch mal näher beschäftigen.
Denkst du denn, das die Realität inzwischen so aussieht, dass man sich vor ihr fürchten kann?
Jim: Schau dir doch nur mal die Nachrichten an. Ich versuche aber, mich aus politischen Dingen und Diskussionen heraus zu halten. Ich bin hier, um Musik zu machen und die Menschen zu unterhalten, ich bin ein Musiker, kein Politiker.
Es scheint mir fast so, als ob ihr mit jedem Album härter werdet. Bei den meisten Bands ist das eher andersrum.
Van: Das sind einfach die unterschiedlichen Einflüsse denen du Tag für Tag ausgesetzt bist. Wir hören uns alle die unterschiedlichsten Sachen an. Außerdem touren wir mit sehr unterschiedlichen, teils sehr extremen Bands, das färbt dann eben ein wenig ab. Wir können ja nicht nur Balladen schreiben, haha.
Jim: Das hat ja auch nichts mit bewussten Entscheidungen zu tun. Wir sagen ja nicht: hey, jetzt lassen wir es mal richtig krachen. Wir spielen einfach die Musik, die in unseren Köpfen ist und da raus will. Du darfst nur nicht zu bequem oder zufrieden werden, stay angry! Deswegen dürfen wir auch nie Platin für unsere Alben bekommen, ansonsten werden wir zufriedene alte Säcke, haha.
Van, du hast ein weiteres Projekt namens Pure Sweet Hell ...
Van: Ja, stimmt, es ist auch Metal. Glaub ich mal, haha.
Jim: Ja, das musst du dir anhören, er drückt dir nachher bestimmt eine Scheibe in die Hand.
Gibt es da sonst noch irgendwas, mit dem wir demnächst rechnen können?
Jim: Manchmal fände ich ein Nebenprojekt ganz interessant, aber im Moment fehlt mir dazu einfach die Zeit. Wenn ich wirklich mal von der Musik leben kann, dann werde ich bestimmt etwas machen, aber das kann noch dauern.
Van: Zeit ist immer problematisch bei so etwas. Ich musste innerhalb von 13 Tagen alles einspielen. Ich bin praktisch aus dem einen Studio raus, in den Flieger nach New York, hab das andere Album eingespielt, bin wieder zurück und hab das Nevermore-Album mit fertiggestellt. Es wird also noch eine Weile dauern, ehe ich mich Pure Sweet Hell widmen kann. Außerdem hab ich ja noch einen Vertrag mit Nintendo, wo ich für Grafik-Design zuständig bin. Da bin ich zwar wesentlich flexibler was die Zeit angeht, aber das macht sich ja auch nicht von alleine.
Ihr habt auch ein Video für "Enemies Of Reality" gedreht.
Jim: Stimmt, auch wenn wir es natürlich erst mal kürzen mussten, da auf MTV keine Songs laufen, die so lang sind. Ich denke aber, dass wir damit leben können und wenn es ein paar mal bei Headbanger's Ball läuft, sind wir schon zufrieden. In den USA sieht es momentan so aus, als ob der Metal wieder langsam aufkommt, vielleicht können wir davon auch etwas profitieren.
Das Interview führte Michael Edele
Zero Order Phase (2008), Praises To The Warmachine (2008)
Dreaming Neon Black (1999), Politics Of Extasy (1996), In Memory (EP) (1996), Nevermore (1995)
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