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Zu den berühmtesten und bekanntesten Metal-Bands aus deutschen Landen zählen mit Sicherheit die 'Blinden Gardinen'. Hansi Kürsch (Gesang, Bass), die beiden Gitarristen André Olbrich, Marcus Siepen und Drummer Thomen Stauch fangen 1985 als Lucifer's Heritage in Krefeld an, Demos aufzunehmen.
No Remorse Records nimmt sie 1988 unter Vertrag. Unter dem Namen Blind Guardian veröffentlichen sie "Batallions Of Fear", das in der Presse wohlwollende Kritiken einfährt, jedoch auch Vergleiche mit Helloween nach sich zieht. Die beiden folgenden Alben scheinen diese zu bestätigen, da Kai Hansen, seines Zeichens Ex-Gitarrist und Gründer von Helloween und mittlerweile Sänger/Gitarrist bei Gamma Ray, kleinere Gitarren- und Gesangsparts einspielt.
Auf der Tour zu "Follow The Blind" lernen die Krefelder zudem Jon Shaffer und dessen Band Iced Earth kennen, mit denen sie später eine tiefe Freundschaft verbindet.
Ihr drittes Album "Tales From The Twilight World" zeigt schon die ersten Ansätze für die orchestralen und hymnenhaften Arrangements, die die Band auszeichnen. Auch sichern sie sich erstmals eine Cover-Arbeit von Andreas Marshall, der eine graphisch perfekte Ergänzung zu den von ihren Fans geliebten Fantasy-Texten darstellte.
Während Hansi sich auf "Follow The Blind" noch textlich an Michael Moorcocks (ehemaliges Mitglied von Hawkwind) 'Eternal Champion'-Epen orientiert, widmet er sich auf "Tales From The Twilight World" zum ersten Mal dem in späteren Jahren oft gehuldigten J.R.R. Tolkien. Doch auch Stephen King greift Hansi mit den Songs "Tommyknockers" und "Altair 4" auf.
Im Herbst wechselt der Vierer zu Virgin Records und veröffentlicht dort ein Jahr später "Somewhere Far Beyond", das sie weltweit bekannt macht. Hier zeigt sich Hansi von Stephen Kings Saga um den Revolverhelden Roland und den dunklen Turm beeindruckt. Auch Michael Moorcocks Suche nach Tanelorn lässt ihn zur Feder greifen. Wie es sich für jede anständige deutsche Metal-Band gehört, haben Blind Guardian in Japan durchschlagenden Erfolg und veröffentlichen 1993 die Live-Platte "Tokyo Tales".
"Imaginations From The Other Side" handelt die Artus-Saga ab, doch auch eigene Ideen setzt der sympathische Frontmann kreativ um. Somit kann man noch nicht ganz von einem Konzept-Album sprechen, die ersten Ansätze dazu sind aber eindeutig vorhanden. Für die Aufnahmen sichern sie sich mit Flemming Rasmussen den Produzenten, der schon bei Metallicas Meilenstein "Master Of Puppets" für die Fertigstellung gesorgt hat. Musikalisch treten die orchestralen Passagen immer mehr in den Vordergrund und sind seitdem Aushängeschild von Blind Guardian.
Als "Value for Money" kann man "Forgotten Tales" betrachten, denn das Album bietet nicht nur bis dato unveröffentlichte Coverversionen von den Beach Boys, Queen (die allerdings schon als Bonus auf der "Somewhere Far Beyond" drauf steht) und anderen, sondern neben Akustikinterpretationen eigener Songs eine Liveversion von "The Bard's Song", die komplett das Publikum singt. Dies ist wohl mehr als ein deutliches Zeichen für die absolute Verehrung seitens der Fans. Auch "Theatre Of Pain" präsentieren Blind Guardian hier in seiner endgültigen Version.
Was mit "Lord Of The Rings" auf "Tales From The Twilight World" beginnt, findet in den beiden Stücken "The Hobbit" und "The Bard's Song" vom Nachfolgealbum "Somewhere Far Beyond" seine Fortsetzung und auf der "Nightfall In Middle Earth"-Scheibe so etwas wie seine Vollendung. Das "Silmarillion" bietet nun genügend Stoff, um damit eine ganze Platte zu füllen. Zusätzlich ist noch eine EP geplant, die das Thema zum Abschluss hätte bringen sollen; die Idee wird aber nie verwirklicht.
Auf der anschließenden Tour zur "Nightfall In Middle Earth" sieht man Herrn Kürsch ohne Bass etwas unbeholfen über die Bühne stolpern. Die Bass-Parts sind inzwischen so komplex, dass die Doppelbelastung live zu viel ist. Obwohl oder gerade weil er stellenweise wie ein Schuljunge wirkt, der nicht weiß, wohin mit den Händen, sind ihm (und auch allen anderen Bandmitgliedern) die Sympathien sicher. Den Bass übernimmt übrigens Alex Holzwarth, der zwischenzeitlich auch wieder mit seiner alten Band Sieges Even unterwegs ist.
Die EP erscheint, wie gesagt nie und auch die in Aussicht gestellte Zusammenarbeit für den Soundtrack zu "Der Herr der Ringe" kommt leider nicht zustande. Dafür nimmt sich Hansi die Zeit, um mit seinem alten Kumpel Jon von Iced Earth ein Projekt aus der Taufe zu heben, das auf den Namen Demons & Wizards hört und eine entsprechend betitelte CD auf den Markt bringt.
Danach muss sich der Fan bis 2001 vertrösten lassen, ehe ihm mit der Single "And Then There Was Silence" ein 14-Minuten-Track sowie ein Non-Album-Song präsentiert wird, die beide wieder für offene Münder sorgen. Trotzdem dauert es bis April 2002, bevor es endlich Einlass zu "A Night At The Opera" gibt. Im Vorfeld spricht die Band selbst von einigen Veränderungen wie heruntergestimmten Gitarren und ähnlichem. Letztendlich bekommt man aber genau das, was man erwartet: geniale Melodien, eingängige Hooks, vertrackte Harmonien und Texte, die den Helden in dir wecken.
Nach der Veröffentlichung starten Blind Guardian eine Mammuttour quer durch Europa und unternehmen ihren ersten Abstecher in die USA. Zur eigenen Überraschung werden sie dort genauso abgefeiert wie auf dem alten Kontinent (wo sie als eine der wenigen deutschen Metal Bands sogar in England Erfolg haben) und hinterlassen überall glückliche Gesichter.
Auf der Tour schleppen sie auch jede Menge Aufnahmeausrüstung mit sich herum, da sie ihre zweite Live-Scheibe aufnehmen wollen. Obwohl ihnen das Equipment in Frankreich geklaut wird, haben sie genügend Material zur Verfügung, um eine mörderische Doppel-CD mit dem schlichten Titel "Live" zu veröffentlichen. Immerhin können sie aus über 30 Shows auswählen.
Nachdem die Band im Juni 2003 ihr eigenes, zweitägiges Festival aus dem Boden gestampft hat, erscheint genau ein Jahr später ihre erste DVD, die hauptsächlich auf Material des Festivals zurückgreift. "Imaginations Though The Looking Glass" ist die Vollbedienung für jeden Fan.
Zwar bricht sich Marcus bei einem Skateboard-Unfall das Bein, aber die wirklich schockierende Nachricht kommt erst im April 2005, als Thomen seinen Ausstieg bei Blind Guardian bekannt gibt. Zusammen mit den beiden Persuader-Recken Jens Karlsson und Emil Norberg sowie Piet Sielck (Iron Savior) gründet er die neue Band Savage Circus, die musikalisch in der früheren Schaffensphase seiner alten Kumpane angesiedelt ist.
Ebenfalls 2005 hebt Hansi mit seinem alten Freund John Shaffer das zweite Demons & Wizards-Album aus der Taufe. Blind Guardian haben inzwischen bei Nuclear Blast unterschrieben und stellen Mitte Juli ihren neuen Drummer Frederik Ehmke (Ex-Schattentanz) vor. Das nächste Album trägt den Titel "A Twist In The Myth" und erscheint Ende August 2006.
Trotz einer stellenweise recht modernen Ausrichtung steht natürlich zu keiner Zeit zur Debatte, mit welcher Band man es zu tun hat. Allerdings haben Blind Guardian deutlich die orchestralen Arrangements zurückgeschraubt. Warum sie das gemacht haben, erzählt Hansi im Interview.
Schon Anfang September startet die Tour, die sie bis kurz vor Weihnachten auch in die USA führt. Während sie in Europa noch mit Astral Doors unterwegs sind, begleiten sie in den Staaten Leaves' Eyes.
Auch 2007 geht es rund um die Welt, zunächst nach Japan, dann Australien, Südamerika und wieder Europa. Mitte Juni nutzt EMI das 20-jährige Jubiläum der Band, um sämtliche bisherigen Alben bis "Nightfall In Middle Earth" neu aufzulegen. Teilweise neu gemischt und mit diversen Bonustracks (meist aber nur Demoversionen), eignen sich diese Neuauflagen wohl eher für Neufans.
Hansi ist zwischenzeitlich außerhalb der Band aktiv und singt sowohl auf dem 20 Jahre Nuclear Blast-Sampler "... Into The Light", als auch auf dem Ayreon-Album "01011001". Als alte Rollenspielfans ist es für die Band natürlich keine Frage, als sie das Angebot bekommen, sowohl zum Computerspiel "Sacred 2 - Fallen Angel" einen animierten Beitrag zu leisten und einen neuen Song zu schreiben als auch auf dem Hörspiel "Sacred - Der Schattenkrieger" die Rolle von vier Briganten zu übernehmen.
Eine abgeänderte Version findet sich auf dem nächsten Album "At The Edge Of Time", das Ende Juli 2010 erscheint. Zum ersten Mal arbeiten sie mit einem echten Orchester und Chören zusammen, gehen es in Sachen Gitarren aber gleichzeitig wieder offensiver als auf den letzten Scheiben an. Die Arbeiten an einem von der Band geplanten Klassik-Projekt schreiten immer weiter fort, doch zunächst stehen wieder ausgiebige Touren und ein Best-Of-Album an.
Das hört auf den Namen "Memories Of A Time To Come" und erscheint Mitte Januar 2012. Sämtliche Songs sind darauf neu gemischt, teilweise neu eingespielt und in der Special Edition gibt es noch eine dritte CD mit den Songs des Lucifer's Heritage-Demos.
Fronter Hansi Kürsch über 100 und mehr Aufnahmespuren, böswillige Kritiken und Dan Browns "Da Vinci Code".
Blind Guardian sind gewiss eine der heute wohl berühmtesten und bekanntesten Metal-Bands aus deutschen Landen. Ihr nächstes Album wird den Titel "A Twist In The Myth" tragen und soll, nach einem langen Aufnahmeprozess und einem Wechsel an der Schießbude, noch diesen Herbst erscheinen.
Es ist eine Bullenhitze draußen, ich sitze daheim in meiner Wohnung, warte darauf, dass Hansi Kürsch durchklingelt und höre dabei zu, wie der Rest von meinem Gehirn vertrocknet. Der ausgemachte Zeitpunkt ist schon überschritten, der Blind Guardian-Sänger ruft immer noch nicht an. Den Ventilator hab ich mir schon unter's Hemd geklemmt und schon fast den Finger auf der Fernbedienung vom Fernseher, als endlich das Telefon klingelt.
Boah, jetzt wird's aber Zeit, dass du anrufst, ich hab schon aus lauter Verzweiflung die schlechten Nachmittagsserien auf RTL II drin.
Was? Bist du denn wahnsinnig? Da macht man doch lieber Super RTL rein und schaut Spongebob oder Kim Possible!
Allerdings, du kennst dich aber verdächtig gut mit dem Nachmittagsprogramm aus.
Alter, ich hab hier fünfjährigen Nachwuchs im Haus, da bleibt so was kaum aus.
Wie, hier im Haus? Ich dachte, du rufst mich aus dem Nuclear Blast-Hauptquartier an und schwitzt dir die Socken durch?
Nö, ich ruf dich gerade ganz entspannt von zu Hause aus meinem Büro an, und hinten im Eck läuft der Ventilator. Vor einer Sekunde habe ich erst mein Riesenfenster zugemacht, weil's da draußen zu laut ist. Irgendwelche Leute, irgendwelche Verwandte haben Spaß, und das gefällt mir gar nicht, hahaha. Schließlich muss ich hier ja auch arbeiten.
Geht gar nicht, haste recht. Lass uns deswegen auch gleich zum Eingemachten kommen. Seid wann ist das Album fertig?
Gute Frage, ich würde sagen, seit etwa Mitte April.
Wir haben jetzt Juli, war das schon Zeit genug, um ein wenig Abstand dazu zu bekommen?
Ja schon, bei uns ist das in der Regel ja so, dass wir zu einigen Stücken eh schon einen riesigen Abstand haben, wenn die Produktion überhaupt erst losgeht. Allein die Songwritingphase nimmt schon gut und gern zwölf Monate in Anspruch, dann noch mal acht Monate Produktion. Da haben sich die Songs doch irgendwie in deinem Innersten verankert, und nach drei Monaten Ruhephase hast du dann einen recht guten Überblick über das, was du da geschaffen hast.
Ich war gestern bei der Listening Session zum neuen Jon Oliva's Pain-Album. Die Band war auch anwesend, und gerade Jon hat jeden einzelnen Song noch mal mitgespielt und das sehr genossen. Von anderen Musikern kenne ich eher, dass die nach der Produktion froh sind, die Songs erst mal nicht mehr hören zu müssen. Wie ist das bei euch?
Ich höre mir die Sachen schon allein deswegen noch an, um sie ein bisschen für die Tour zu inhalieren und vor allem, um mir Gedanken zu machen, wie ich bestimmte Sachen abändern kann, um sie auch live zu bringen. Das geht den anderen wohl auch so. Bei einer Listening Session würde ich wohl nicht so abgehen, aber das entspricht auch einfach nicht meinem Naturell. Jon ist da doch ein wenig anders drauf, hahaha. Ich kenne aber auch Leute, die bei so was gar nicht dabei sein könnten.
Habt ihr auch schon wieder Sachen gefunden, die ihr lieber doch anders hättet machen wollen?
Nö, aber das gibt es bei uns in den letzten Jahren eh immer seltener. Es gibt hin und wieder ein paar Stellen, an denen du unsicher bist, aber bei "A Twist In The Myth" gab es das gar nicht. Wir haben die Sachen im Vorfeld schon so ausdefiniert, dass man einen sehr genauen Eindruck davon hatte, wie das Endprodukt klingen würde. Das war aber auch bitter notwendig, denn die gleichen Fehler und Fehltritte wie bei "Night At The Opera" wollten wir nicht wiederholen. Da waren einfach zu viele Sachen nicht ausdefiniert und mussten während der Produktion noch erledigt werden. Das wollten wir dieses Mal auf jeden Fall verhindern. Das hat auch ganz gut geklappt.
Ihr habt eine Ruf als ausgeprägte Perfektionisten. Kommt es da nicht mal vor, dass ihr ewig an einer Kleinigkeit rumbastelt und einfach nicht zum Ende kommt? Gibt es da einen, der dann sagen muss: 'So, jetzt ist Schluss!'?
Nicht wirklich, aber bei diesem Album kam es auch kaum zu solchen Situationen. Ich bin hin und wieder derjenige, der den Versuch unternimmt, eine bestimmte Phase zeitlich zu limitieren, das wurde in der Vergangenheit dann aber immer regelmäßig niedergekämpft oder ignoriert, hahaha. Ich merke in solchen Fällen aber meist auch selber, dass man bestimmte Dinge einfach nicht erzwingen kann. Was unangenehm sein kann, ist wenn sich jemand überhaupt nicht auf seine Arbeit vorbereitet hat, aber das gab es bei uns eigentlich noch nie.
Allerdings haben wir im Vergleich zu "A Night At The Opera" die fünf auch mal gerade sein lassen. Dieses Mal sind wir lange nicht so perfektionistisch an die Sache rangegangen, egal in welcher Produktionsphase das war. "Opera "hat da schon eine Höhepunkt gesetzt, den wir nicht mehr überschreiten wollen. Wir haben versucht, das ein wenig mehr von der Rock'n'Roll-Warte zu sehen.
Was heißt das in Spuren?
In Spuren ist das eh nicht vergleichbar. Wir haben auf "Twist In The Myth" vielleicht noch 60 % der Spuren von "Opera" verwendet. Ich schätze mal, wir sind jetzt bei 60, 70 Spuren, aber das lässt sich immer schwer sagen, da sich die Aufnahmeverhältnisse und Techniken ja verändert haben. Das ist in dem Bereich nichts Außergewöhnliches. Das hat sich ja alles entwickelt, und je mehr Möglichkeiten du hast, desto mehr willst du natürlich ausprobieren. Irgendwann waren 100 Spuren einfach nichts Besonderes mehr, aber die waren dann ja auch nicht alle voll mit Musik, sondern mit irgendwelchen technischen Spielereien und weiß Gott was für einem Kram.
Die Anforderungen haben sich aber auch verändert, du musst einfach ein gewisses Niveau bringen, um überhaupt noch akkurat zu klingen. Versuch doch mal, ein Album nach den Kriterien der 70/80er aufzunehmen. Damit gewinnst du keinen Blumentopf mehr.
Wenn wir gerade bei "Opera" sind: Das Coverartwork von der Scheibe war ja nicht unbedingt der Brüller, oder?
Das ist nett ausgedrückt, hahaha. Es ist nicht wirklich schlecht, aber es passt einfach nicht.
Absolut nicht, ihr habt bisher einfach immer ziemlich geile Fantasy-Cover gehabt und auch zur Singe "Fly" und dem Album selber sind richtig tolle Artworks am Start.
Ja, auf jeden Fall, aber das war damals alles nicht so einfach. Das war ne richtige Notlösung. Die Idee zum Cover war gar nicht schlecht, die Zeit die Paul Raymond Gregory hatte, war aber leider zu kurz. Der Kerl macht sonst wirklich tolle Motive, aber das war einfach zu kurzfristig für ihn. Eigentlich war ein anderer Künstler vorgesehen, aber das war im Endeffekt nichts. Das hat uns damals ziemlich viel Zeit geraubt, die wir nicht mehr aufholen konnten, und da wir mal wieder jede Deadline schon überschritten hatten, wollten wir nicht einfach noch mal die Veröffentlichung verschieben und mussten in den sauren Apfel beißen. Das hatte uns auch schon einiges an Geld gekostet, und so hundsmiserabel finde ich die Arbeit von Paul gar nicht. Das Farbspiel gefällt mir nach wie vor gut, auch wenn wir eine vollkommen andere Vorstellung hatten. Wir wollten eher einen Orchestergraben in der Art von Magnums "On A Storyteller’s Night". Da haben wir uns aber irgendwie wohl missverstanden.
Wie auch immer, das neue Cover stammt von Anthony Clarkson und ist echt klasse geworden. Allerdings frage ich mich, warum ihr nicht einfach wieder auf Andreas Marshall zurückgegriffen habt.
Wir machen mit Andreas immer wieder ein paar Sachen, wollen uns aber nicht limitieren. Anthony haben uns Nuclear Blast irgendwann vorgeschlagen, ich fand seine Arbeit für Hypocrisy und One Man Army sehr gut. Ich wollte auch ruhig mal ein wenig was Moderneres, und die Mischung, die er letztendlich gefunden hat, finde ich fast schon perfekt.
Was hab ich mir den unter "A Twist In The Myth" vorzustellen? Das klingt für mich nicht unbedingt nach einem typischen Fantasytitel.
Das ist er auch nicht. Wenn du die Rückseite des Covers betrachtest, dann bemerkst du Parallelen zu "Imaginations From The Other Side". Auch dort wird die gleiche Szenerie jeglicher Fantasie beraubt, behält aber dennoch ihren bedrohlichen Charakter. Ähnlich geht es auch bei den Texten zur Sache. Es gibt wieder ein Sammelsurium aus Mythologie, Geschichte, Religion, Fantasy und realitätsbezogenen Dingen, die sehr abrupt hin und her wechseln. Man kann sich eigentlich nie so ganz sicher sein, auf welcher Ebene der jeweilige Text gerade abläuft.
Bei der Musik läuft das übrigens ähnlich ab, denn nichts ist so wie es scheint. Das Album ist eine Art Balanceakt zwischen alten Qualitäten von Blind Guardian und neuen Dimensionen, die wir einbringen wollten. Auch dort haben wir versucht, ein ständiges Wechselspiel zu kreieren und das wollten wir mit dem Titel eben ausdrücken.
Genau, ich wollte einfach noch mal in die selber Kerbe hauen, weil sich damals so viele Leute über den Titel aufgeregt haben. Größtenteils hat mich das amüsiert, aber man ärgert sich natürlich auch ein wenig, wenn man Reviews liest wo man 8,5 von 10 Punkten bekommt und dann lesen muss, dass der Rezensent nicht mehr Punkte verteilt hat, weil der Titel so bescheuert wäre. Das find ich fast noch härter, als wenn jemand sagt, dass er uns nur 8,5 Punkte wegen dem Cover gibt, hahaha. Die weitere Begründung war, wir hätten Queen beleidigt. Da hat's mich dann beinahe vom Stuhl gehauen vor lachen. Du würdest dich aber wundern, wie häufig irgendwas in der Art passiert ist. Ich kann mich durchaus an zehn, fünfzehn Reviews erinnern, wo was in der Art drin stand. Auch einige Postings gingen in die Richtung. Vor allem wissen die meisten dann auch gar nicht, dass das keine Eigenkreation von Queen war, und selbst wenn. Wer sich ein wenig mit uns auskennt und weiß, was für große Queen-Fans wir alle sind, der sollte eigentlich erkennen können, dass das eher eine Hommage an die Band ist als irgendwas anderes. Das war wirklich lächerlich, und deswegen musste ich da unbedingt noch mal ein wenig nachtreten, hahaha.
Du hast in dem Posting aber auch einen recht interessanten Vergleich aufgestellt, den du aber direkt wieder ein wenig ins Lächerliche ziehst: 'Wäre das Album ein Kompass, "Fly" wäre Westen, "Skalds And Shadows Osten", "This Will Never End" Süden und "The Edge" Norden'. Wie biste denn darauf gekommen?
Ich weiß auch nicht, hahaha. Irgendwie hatte ich bei der ganzen Entstehungsgeschichte des Albums das Gefühl, dass sich die Sache nicht nur in zwei entgegengesetzte Richtungen bewegt, sondern tatsächlich wie bei einem Kompass in mehr als nur zwei Richtungen weisen. Das empfinde ich nach wie vor so, und mir ist dieser Vergleich mehr als nur einmal in den Sinn gekommen. Irgendwo passt er schon, wie ich finde. Ich wollte einfach darstellen, wie unterschiedlich die Stücke mitunter sind. Dann hat sich das aber doch so bescheuert für mich angehört, dass ich das irgendwie selber nicht ganz ernst nehmen konnte, hahaha.
Ich finde aber, du hast das verbal sehr schön abgehandelt: 'Macht das Sinn? Nein? Egal'. Kommen wir zu dem Titel "Otherland". Behandelt der Song tatsächlich das vierbändige Meisterwerk von Tad Williams.
Ich bin da ganz ehrlich und muss natürlich zugeben, dass ich mich da lediglich auf den Beginn des ersten Romans gestützt habe. Das ist somit auch eher nur als Intro gedacht, um mal einen kurzen Überblick über diese ganze Welt zu schaffen. Alles andere ist doch gar nicht möglich, denn obwohl die Nummer mit etwas über sechs Minuten für uns nur mittellang ist, hat die trotz ihrer modernen Elemente etwas sehr Episches. Das fand ich ganz passend, aber in der Zeit ließ sich die Geschichte eben maximal ankratzen.
Das wollte ich gerade sagen, wie will man denn diese vier Bücher mit ihrer unglaublichen Vielfalt an Erzählebenen und Geschichten in einen Song packen?
Gar nicht, hahaha. Das kannste knicken. Ich hab mir ein paar Sachen ausgesucht und mich letztendlich dazu entschieden, ganz an den Anfang zu gehen und mir vorzustellen, dass ich mit ein paar Kids in diesem Inner District in der VR (Virtual Reality) bin, da hängen bleibe und keinen Ausweg mehr finde.
Heißt das, dass du die Geschichte fortsetzen willst?
Wenn sich die Musik wieder entsprechend anbietet, warum nicht? Das war bei "Otherland" wirklich ein Glückstreffer, denn um wieder auf den Kompass zu kommen, sind wir mit dem Song irgendwo am Äquator, am Punkt Null. Die Nummer beinhaltet so ziemlich alles, was auf dem Album zu finden ist. Sie hat Härte, ist modern, hat was Episches – sie deckt einfach relativ viel von dem ab, was auf dem Album passiert. Das hat sich dann auch für den Text angeboten, denn "Otherland" ist ja auch so vielfältig und weit davon entfernt, ein reines Fantasy-Werk zu sein. Sollten wir musikalisch irgendwann wieder was machen, dass sich so anbietet, werde ich gerne noch mal darauf zurückgreifen, denn ich finde die Story einfach supercool.
Keine Frage! Dem darf ich wohl entnehmen, dass ihr prinzipiell immer die Musik vor den Texten kreiert?
Ja, das hat schon Tradition. Allein bei der "Nightfall In Middle Earth" war das ein wenig anders. Da hab ich nach dem dritten oder vierten Song schon einmal die Konzepte erstellt, da uns schon bewusst war, dass man mit den damals vorhandenen Songs tendenziell in eine bestimmte Richtung geht. Ich habe zu der Zeit drei Konzepte aufgestellt, eins für ein Merlin-Album, eins zur Nibelungen-Saga und eben eins über das Silmarillion. André hat im Grunde genommen befohlen, dass wir das Silmarillion nehmen, hahaha. Da war dann natürlich das Ziel, textlich so nah wie möglich an der Story zu bleiben und die Musik entsprechend anzupassen.
Würdest du mir zustimmen, wenn ich sage, dass "Carry The Blessed Home" schon Ansätze zum Musical aufweist?
Durchaus, und das ist auch eine recht ungewöhnliche Nummer für uns. Man hört da schon etwas mehr von dem 80er-Jahre-Heavy-Balladen-Zeug raus, als bei unseren üblichen Balladen. Die ist für unsere Verhältnisse sogar recht schnell entstanden und lebt davon, dass sie viele unterschiedliche Elemente miteinander kombiniert, die man nicht unbedingt nebeneinander erwarten würde. Manche Parts erinnern mich schon fast ein wenig an Ozzy Osbourne, springen dann in eine Blind Guardian-Nummer der frühen 90er über, um noch in Queen-Gefilde vorzustoßen. Obwohl der Song nicht sonderlich lang ist, steckt da ziemlich viel drin. Von daher hat die schon ein paar Spannungsbögen, die man von klassischen Musicals her kennt.
Sag ich doch. Bei "Skalds And Shadows" hast du selber schon treffend bemerkt, dass der Song in der Tradition von "Past And Future Secret" steht. Die Stimmung ist ja durchaus ähnlich, aber war das Absicht oder hat sich das einfach ergeben?
Was soll ich sagen, das ist eben meine Art, solche Musik zu komponieren. Wenn ich Gitarre spiele, basiert das meistens auf Pickings, die diesen irischen, folkloristischen Charakter haben, und daraus entwickelte sich eben die Nummer. Bei "Skalds And Shadows" bewegen wir uns aber in einem komplett anderen Rhythmus als bei "Past And Future Secret". Das war damals ein 4/4-Takt, "Skalds And Shadows" ist 3/4 bzw. 6/8. Von daher hinkt der Vergleich eigentlich, aber die Stimmung ist schon ähnlich, da gebe ich dir recht. Von einer Kopie möchte ich aber dennoch nicht reden.
Das würd ich auch nicht sagen, aber es erweckt beim Hören eine ähnliche Stimmung.
Genau, das ist einfach das Stilmittel, mit dem ich arbeite. Dem kann ich mich auch nicht entziehen, denn so kommt es eben aus mir raus. Außerdem, wenn wir so eine Nummer nicht mit drauf gepackt hätten, wäre das Gejammer mindestens genauso groß gewesen, hahaha. Robb Flynn von Machine Head hat das mal ganz gut ausgedrückt: 'Gekreuzigt wirst du so oder so!'
Da hat er wohl recht. Ich habe gehört, dass es zwei unterschiedliche Bonustracks geben wird. Zum einen die Alternativversion von "Fly" und zum anderen "All The King's Horses" für die Japan Version.
Ja, die Japaner haben immer noch ein paar Privilegien, die man denen einfach zugestehen muss. Das hängt zum Teil damit zusammen, dass die Preise für eine CD dort immer noch höher sind, die müssen ihren Markt schützen, blablabla. Lange Rede, kurzer Sinn, wir geben denen, wenn möglich, immer noch eine Bonussingle, haben aber immer noch die Möglichkeit, den Song auf einer Single auch in Europa zu veröffentlichen. "All The King's Horses" ist eine fast schon nach Mike Oldfield klingende Ballade, die ich mit Magnus zusammen geschrieben habe. Wir hatten eine recht lange Diskussion, ob sie nicht regulär auf das Album sollte, und wir haben uns erst ganz zum Schluss dagegen entschieden.
Gute Frage, ich fand das Ende von "The Dark Tower" (Stephen King-Saga) im Ansatz überraschend, wobei das auch nur relativ war. Wenn man "The Black House" von King und Straub gelesen hat, dann hat man den Braten schon gerochen. Da wurde viel mit den selben Stilmitteln gearbeitet. Meist bleiben die Überraschungen tatsächlich aus, aber ich lese deswegen inzwischen auch gerne mal die eine oder andere Biographie oder suche mir Bücher in ganz anderen Genres. Im Fantasy-Bereich habe ich diese Entscheidung schon vor langer Zeit getroffen. Da überlege ich inzwischen echt schon fünfmal, ob ich damit anfange oder nicht.
Das Problem ist einfach, dass Tolkien mit der Begründung eines Genres auch gleichzeitig den Klassiker und das absolute Referenzwerk geschaffen hat. Man sollte aber doch meinen, dass es mehr Leute gibt, die zumindest so klug klauen können wie Frau Rowling und irgendwas kreieren wie "Harry Potter". Scheint aber doch nicht so einfach zu sein. Mir ist ja auch noch keine Idee gekommen, hahaha.
Michael Moorcock hat mit seiner "Eternal Champion"-Saga schon absolut großartige Sachen geschaffen, und auch "Conan" von Robert E. Howard waren auf ihre Art großartig. Ich finde auch Sachen wie "Drachenlanze" nicht schlecht. Da sind ziemlich viele, gute Ideen drauf, oder auch Peter S. Beagle, der Autor von "Das Letzte Einhorn". Was ich gar nicht nachvollziehen kann, ist der Trubel um Dan Brown. Das ist für mich echt gar nix.
Das sind eben ein paar Hauptsätze. Subjekt, Prädikat, Objekt.
Und damit biste noch freundlich, hahaha. Bei den ersten 50 Seiten dachte ich noch: 'Sehr geile Story, aber ein absolutes Screenplay'. Nach 100 Seiten war das mit der geilen Story aber auch schon wieder dahin. Nach 150 Seiten dachte ich schließlich, die wollen mich verarschen. Ich hab's mir aber wirklich bis zum bitteren Ende gegeben, sozusagen den literarischen Terminator gemacht. Wie ich das hasse, hahaha. Allerdings muss ich zum Film sagen – den ich aber auch nicht gesehen habe, da mich die Werbung schon abgeschreckt hat – dass Tom Hanks diesen Typen wirklich definiert hat. Beim Lesen hatte ich wirklich Probleme, diesem Robert Langdon irgendein Gesicht zu geben. Wie soll der Typ denn aussehen, der nicht attraktiv ist, auf den aber trotzdem jede Frau steht? Dann hab ich Tom Hanks gesehen und dachte nur: 'Ah, ok, jetzt ist klar', hahaha.
Noch mal kurz zu Michael Moorcock. Wir haben uns ja beim Interview zum Demons & Wizards-Album schon über unsere Favoriten bei den unterschiedlichen Reinkarnationen unterhalten. Ich hab kurze Zeit später Lemmy in einem Interview nach seinem Lieblingscharakter gefragt, was meinst du welchen er hat?
Boah, schwierig. Erekose vielleicht?
Nicht ganz. Corum.
Was? Wieso das denn? Der ist doch eigentlich nur schön, oder? Ok, vielleicht ein wenig entstellt mit seinem künstlichen Auge und der Hand, aber sonst?
Aha, und du meinst ein Kerl wie Lemmy darf so einen dann nicht gut finden? Hahaha, nein, er steht auf Corum wegen der vielen gälischen Elemente und Bezüge in der Story.
Klar, für den hat das damit wahrscheinlich noch eine ganz andere Bezugsebene. Der kommt ja aus England und kennt sich mit den Sachen doch besser aus. Corum war auch das erste, was ich damals gelesen haben, und da hab ich auf so was gar nicht geachtet. Aber die Menschen wurden dort am widerwärtigsten dargestellt, und trotzdem war er ja zwei oder dreimal mit einer Menschenfrau verheiratet, obwohl die doch eigentlich unter seinem Level waren, hahaha.
Das ist bei mir auch schon zu lange her, dass ich den gelesen habe. Kommen wir wieder zum Album zurück: Wie war es denn mit Frederick als Neuem in Studio zu arbeiten? Geht er anders an die Sache ran als Thomen?
Ja, schon. Frederick ist wesentlich wirtschaftlicher. Thomen ist ein Herzmensch und macht wirklich alles aus dem Bauch heraus. Er lebt total von dieser Energie, kann diese aber nicht wirklich gesund verwalten. Frederick ist jemand, der ein wenig intellektueller an die Sache heran geht. Wenn da Arrangements für die Drums ausgearbeitet wurden, ist der erst mal acht Stunden verschwunden, hat sich alles notiert und entsprechend geübt. Thomen hätte einfach drauflos gelegt und auf den Magic Moment gewartet, was durchaus auch seinen Reiz hatte. Da gibt's also schon Unterschiede.
Hast du dir die neuen Projekte von Thomen auch mal angehört?
Bis auf die zwei Sachen, die ich damals schon von Savage Circus kannte, leider immer noch nicht. Von Coldseed konnte ich bisher ein paar Nummern bei einem Kollegen von mir hören, der auch an dem Projekt beteiligt ist und zwar bei Michael Schüren. Ich fand das allerdings nicht unbedingt umwerfend. Das sind zwar alles sehr gute Musiker und die Herangehensweise ist ebenfalls nicht uninteressant, aber das ist auch nicht die Neuerfindung des Rads.
Nö, bestimmt nicht, aber ich glaube auch nicht, dass es das sein soll. Gute Musik ist es trotzdem.
Das auf jeden Fall, vor allem auch die Gitarristen sind nicht ohne.
Thomen hat sich ja quasi voll in die Arbeit gestürzt, kaum dass er seinen Ausstieg bei euch bekannt gegeben hat. Als letztes musste ich jetzt lesen, dass er psychisch und physisch so ausgebrannt ist, dass ihm sogar die Ärzte eine Pause verschrieben haben.
Wie ich vorhin schon sagte, Thomen ist ein Mensch, der alles aus dem Bauch heraus macht und mit seiner Energie sehr exzessiv umgeht. Wenn der irgendwas macht, dann hängt der sich da voll rein und powert sich auch schnell aus, weil er mit seiner Energie schlecht haushalten kann. Gut, dass er nicht trinkt und keine Drogen nimmt, hahaha. Ich kann mir das schon vorstellen, denn er gräbt sich gern in so Sachen ein.
Das kam also bei euch auch schon vor?
Ja, durchaus. Thomen verausgabt sich einfach leicht, weil er eben sehr passioniert an seine Sachen rangeht. Das ist zwar eigentlich eine positive Sache, aber er geht dann auch schnell mit dem Kopf durch die Wand.
Ok, dann noch zum Abschluss: Ihr geht mit Astral Doors auf Tour. Warum das denn?
Warum nicht? Hahaha, ich finde die gar nicht schlecht. Das war so eine Kollektiventscheidung von unserem Booking-Agenten und den beteiligten Plattenlabels. Wir hatten da auch noch ein Wörtchen mitzureden, und ich finde, das passt ganz gut, auch wenn es ein Kontrastprogramm zu uns ist. Was uns aber am wichtigsten ist, die sind supergeil drauf. Das ist auf so einer langen Tour einfach ausschlaggebend, wie du mit den entsprechenden Leuten zurecht kommst. Wir haben da zwar erst einmal schlechte Erfahrungen gemacht, aber da achten wir jetzt eben noch besser drauf. Da sollte schon alles passen, denn so ne Tour ist schon stressig genug. So, und jetzt aber schnell zurück zu RTL II, hahaha.
Nightfall In Middle Earth (1998), The Forgotten Tales (1996), Imaginations From The Other Side (1995), Tokoy Tales (1993), Somewhere Far Beyond (1992), Tales From The Twilight World (1990), Follow The Blind (1989), Battalions Of Fear (1988)
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