laut.de-Kritik

Dieser Metal wurde geschmiedet, um alle Headbanger zu knechten.

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Der ewige Kampf tobt in zwielichtigen Foren und Kommentarspalten. Mit leuchtenden Augen reiten die gefürchteten Bataillone immer wieder in die Schlacht, andere segeln als Wächter der Frühwerke mit messerscharfen Argumenten hart am Wind nach Valhalla: Welches ist das beste Album von Blind Guardian? Ist es "Somewhere Far Beyond", der Blueprint des melodisch-bombastischen Speed Metals? Der bereits die Geschwindigkeit drosselnde Nachfolger "Imaginations From The Other Side"? Vielleicht das späte Hit-Feuerwerk "At The Edge Of Time" oder doch die Queen-Adaption "A Night At The Opera"? Nein. In dieser Dimension thront ein anderes Blind Guardian-Werk weit über allem: "Nightfall In Middle Earth".

Das sechste Werk von Blind Guardian ist das Tanelorn unter den Metal-Scheiben, ein ewiges Once-In-A-Lifetime-Epos, geschmiedet, um alle HeadbangerInnen zu knechten. Wo Sänger Kürsch und Gefährten Ende der 80er auf geradem Weg über Rohan flogen und später die Hörer oft mit barockem Bombast und Ideenfeuerwerken überforderten, finden sie 1998 bei "Nightfall In Middle Earth" ihre perfekte Mitte im harten Power Metal. Ob Breaks, Riffs oder Doublebass-Attacken - jeder Part sitzt wie ein Kettenhemd.

Die mächtigen Chöre häuten mehr Gänse als Ramsey Menschen und Hansi singt selbst die zärtlichsten Melodien druckvoller als so mancher Death Metal-Keifer seine Growls. Nie zuvor marschierte ein Konzeptalbum nur mit Monster-Tunes auf. Nie zuvor verzahnten sich diese elf Einzelkämpfer mit dem roten Handlungsfaden und den Hörspiel-Einschüben zu einer Einheit, stärker und undurchdringlicher als jede römische Schildformation. Die Krefelder lieferten ab - trotz des enormen Drucks, dem die Jungs vor dem Release ausgesetzt waren und den sie sich selbst gemacht hatten.

Der Aufnahmeprozess hatte sich schier endlos in die Länge gezogen und war geprägt von zahlreichen Wechseln im Studio und abgestürzten Rechnern. Drei Jahre waren seit "Imaginations", jenem ersten Blind-Album mit mehr Power als Speed Metal-Elementen, in Mittelerde vergangen. Längst hatten Blind Guardian ihr eigenes Genre definiert und eine riesige Fangemeinde um sich geschart – und die erwartete nach "Lord Of The Rings", "The Bard Song" und "At The Gates Of Moria" neben der obligatorischen Steigerung endlich das langersehnte ganze Werk über Tolkien. Hansi Kürsch fasst die damalige Situation im Gespräch mit Crypticrock.com zusammen: "Wir versuchten uns, neu zu definieren, ohne Blind Guardian zu verändern oder den Vorgänger zu kopieren. Und so wanderten wir in eine mystischere, epischere Richtung."

Für diesen epischen Fantasy-Part wagt sich Kürsch jedoch nicht an den "Herrn der Ringe" oder den "Hobbit", sondern verdichtet die ausufernde und zerfledderte Vorgeschichte "Das Silmarillion" in ein packendes Werk. Nach kurzer, stimmungsvoller Ouvertüre, in der Oberbösewicht und Saurons Meister Morgoth am zeitlichen Ende über die Gründe für seine Niederlage sinniert, feuert die Combo bereits auf dem "Into The Storm"-Opener aus allen Rohren. Wilde Double Bass-Angriffe duellieren sich jubilierenden Gitarren, Bombast trifft auf vertrackte Rhythmus- und Tempiwechsel – und über allem vereint Kürsch Verführer, Anführer und Motivator in jeder einzelnen Strophe.

Blind Guardian zeigen sich mit Langzeit-Producer Rasmussen von Anfang an als superb-eingespieltes Team, das zusätzlich noch vom neuen Studiobassisten Oliver Holzwarth (Sieges Even) profitiert. Sein Einstieg ermöglicht es Hansi, sich zu 100 Prozent auf den Gesang zu konzentrieren. Besonders auf den folgenden, ebenso dichten "Nightfall" und "The Curse Of Feanor" zaubert er einige der atemberaubendsten Harmonien aus seiner Kehle.

"Blood Tears" nimmt dann zumindest anderthalb Minuten lang Druck und Härte etwas raus, sprengt aber dafür mit hymnenhaften Bombast alle Ketten. Wer jetzt ein seichtes Lagerfeuerlied für Socken-Birkenstock-Träger erhofft, wird enttäuscht, da Gitarrist und Co-Songwriter André Olbrich immer wieder gewaltige Riffs durch die Boxen presst.

Erst im fünften Song, "Mirror, Mirror", folgt die erste und einzige, halbwegs echte Hochgeschwindigkeitsgranate. Durchsetzt mit Gaukler-Spielereien aus dem Sherwood Forrest erzählt der mitreißende, in klassischer Live-Tradition von "Time What Is Time" oder "Valhalla" stehende Track die Geschichte von Elbenkönig Turgon, als dieser die geheime Stadt Gondolin baute. Mit jedem neuen Durchlauf entblößt "Nightfall In Middle Earth" neue Harmonien und Breaks, neue Gefühle und Riffs. Der Wahnsinn bricht sich Bahn wie bei Saruman, immer und immer wieder. Zusammen mit den professionellen, stimmungsvollen Interludes bewegt man sich als Hörer wie in einem MERS-Rollenspiel.

Die zweite Albumhälfte beginnt auf "Noldor (Dead Winter Reigns)" mit astreinem Prog Rock, gefolgt von dem fast nicht mehr in Worte zu fassenden Monstrum "Time Stand Still (At The Iron Hill)", das in Sachen Bildgewalt und Pathos selbst die ersten Stücke noch mal toppt. Wer bis "Mirror, Mirror" gedacht hatte, Blind Guardian müssten irgendwann Ideen und Intensität ausgehen, irrt sich.

"Thorn" wandelt als oft übersehendes Kleinod auf Spuren von Savatage zu deren "Hall Of Mountain King" und "Gutter Ballett"-Zeiten, "The Eldar" knüpft als Piano-Ballade an "The Black Chamber" von "Somewhere Far Beyond" an, und das straighte "When Sorrow Sang" baut am ehesten eine Brücke zu den ersten Alben der Band.

Kürsch beendet seine "Nightfall In Middle Earth"-Geschichte, die mit dem Raub des Silmarillions und dem Auszug der Noldor aus Valinor begann, in "A Dark Passage" mit dem Triumph Morgoth und dem Bruch zwischen Menschen und Elben. Und jedes Mal, wenn das Album seit 1998 durch Boxen und Kopfhörer hallt, stehen zum Schluss neben Nackenschmerzen und ewiger Unwürdigkeit zwei Fragen offen im Raum: Warum in allen sieben Höllen hat Peter Jackson nicht Blind Guardian für seine Soundtracks angefragt? Und vor allem: Kann es jemals ein größeres Metal-Werk geben?

Für Blind Guardian und viele Getreuen selbst steht die Antwort fest. "Wir fühlten, dass 'Nightfall In Middle Earth' der Output aller unserer Outputs war."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. War Of Wrath
  2. 2. Into The Storm
  3. 3. Lammoth
  4. 4. Nightfall
  5. 5. The Minstrel
  6. 6. The Curse Of Feanor
  7. 7. Captured
  8. 8. Blood Tears
  9. 9. Mirror, Mirror
  10. 10. Face The Truth
  11. 11. Noldor (Dead Winter Reigns)
  12. 12. Battle Of Sudden Flame
  13. 13. Time Stands Still (At The Iron Hill)
  14. 14. The Dark Elf
  15. 15. Thorn
  16. 16. The Eldar
  17. 17. Nom The Wise
  18. 18. When Sorrow Sang
  19. 19. Out On The Water
  20. 20. The Steadfast
  21. 21. U Dart Passage
  22. 22. Final Chapter (Thus Ends ...)

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9 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Das stärkste Album von BG - mit Abstand. Ganz hervorragendes Konzeptalbum. Selbst die Skits fügen sich wunderbar ein und sind für jeden Kenner des Silmarillions ein Genuss. :) War auch ganz nebenbei mein Einsteig in den Metalbereich. Ging dann zwar immer mehr Richtung Core, aber BG bin ich immer treu geblieben. ♥

  • Vor 3 Monaten

    kenne von bg nur ca die hälfte des outputs. die frühen sachen bis "somewhere" mag ich ebenso, wie auch spätere alben a la "twist in the myth". ausgerechnet diese platte habe ich bislang stets übersehen. top geschrieben!

  • Vor 3 Monaten

    Eine meiner, wenn nicht sogar die absolute Lieblingsband. Auch wenn mein Lieblingsalbum auf ewig das Debut sein wird, „Nightfall in Middle-Earth“ ist mit Sicherheit ein Meilenstein und das beste Power Metal Album aller Zeiten. BG vereinen hier so viel, von Prog bis Speed ist alles dabei. Was die Band allein in „Time Stands Still (On The Iron Hill)“ abliefert rechtfertigt den Meilenstein. Die Tempo und damit eingehenden Stimmungswechsel, Kürsch der mit deiner Stimme dem ganzen nochmal mehr Atmosphäre gibt und die großartige Leistung der Rhythmusfraktion. Strauch ist der beste Drummer Deutschlands, das hat er mit sämtlich BG Alben die er eingespielt hat bewiesen. Obwohl es sich im ein Konzeptalbum handelt besitzt jedes Lied Alleinstellungsmerkmale. „Mirror Mirror“ und sein melodisches Intro bis Thomen auf das Gaspedal drückt oder der melodische Refrain von „Into the Storm.“

    Danke Herr Johannesberg für diesen schönen Text für einen wirklich würdigen Stein.