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Eine der dienstältesten deutschen Thrash Metal-Bands stellen ohne Zweifel Kreator dar. Unter dem Namen Tormentor veröffentlichen sie 1984/85 zwei Demos, die dem damaligen Trio - Mille Petrozza (Vocals/Gitarre), Rob Fioretti (Bass) und Jürgen 'Ventor' Reil (Drums/Vocals) - einen Deal mit Noise einbringen. Im selben Jahr nehmen sie als Kreator die erste Scheibe "Endless Pain" auf, die immer noch als Meilenstein des Thrash Metals gilt und von unzähligen Death und Black Metal-Formationen als Inspirationsquelle angegeben wird.
Teilen sich auf den ersten beiden Alben Mille und Ventor noch den Gesang, erledigt Petrozza diesen Job mehr und mehr im Alleingang. Nach der Veröffentlichung des von Harris Johns (u.a. Voivod) produzierten Albums "Pleasure To Kill" sind die Essener mit den Labelkollegen von Destruction und Rage unterwegs und fügen bis zum Erscheinen von "Terrible Certainty" mit Jörg Trietze noch einen zweiten Gitarristen zum Line-Up dazu. Nach dieser Veröffentlichung sind sie zunächst mit Celtic Frost und Virus in England unterwegs, anschließend mit D.R.I. in den USA.
Das von Randy Burns in Los Angeles produzierte Album "Extreme Aggression" zeigt die Band technisch gereifter. Jedoch meinen manche, dass ihnen etwas von der unbändigen Power abhanden gekommen sei, was aber zu Gunsten besserer und ausgefeilterer Songstrukturen geht. Inzwischen ist ihr Bekanntheitsgrad groß genug, um als Headliner gemeinsam mit den Suicidal Tendencies durch die USA zu touren. Zu diesem Zweck holen sie sich mit Frank 'Blackfire' Gosdzik den ehemaligen Sodom-Gitarristen, denn Trietze ist mittlerweile aus der Band geflogen.
Mit "Coma Of Souls" schlagen Kreator, eine Brücke zwischen der alten Power und der neueren filigranen Gitarrenarbeit. Das Album darf wohl als eines, der zahlreichen Highlights der Bandgeschichte gewertet werden. Es schließen sich diverse Abstecher, sogar bis nach Südamerika, an die Veröffentlichung an.
Von einem Highlight kann man vom Nachfolgealbum "Renewal" kaum sprechen. Milles veränderter Gesang und der starke Wandel der Musik stoßen nur auf bedingte Akzeptanz bei den Fans. Auch die Band spricht im Nachhinein nicht von einem Glanzpunkt. Für Mille selbst scheint das Album aber wichtig gewesen zu sein.
Es dauert anschließend drei Jahre, bis wieder ein Lebenszeichen zu hören ist. Inzwischen sind Kreator vom Noise Label weggekommen und haben bei GUN Records unterschrieben. Verwunderlich ist, dass Ventor die Band verlässt (eigentlich fliegt er wegen Drogenproblemen raus) und auch Rob Fioretti nicht mehr mit von der Partie ist.
Stattdessen trümmern Mille und Frank "Cause For Conflict" mit Christian 'Speesy' Geissler (Bass) und dem ehemaligen Whiplash-Drummer Joe Cangelosi ein, was "Renewal" schnell vergessen lässt. Allein der Gesang gerät immer noch etwas gewöhnungsbedürftig, jedoch kehrt Mille langsam wieder zu alter Form zurück.
"Outcast" zeigt Kreator mit Neuzugang Tommy Vetterli (der früher bei der Schweizer Kultband Coroner zockte) und Rückkehrer Ventor auf dem spieltechnischen Höhepunkt. Auch gesanglich ist wieder beinahe alles beim Alten. Auffallend bleibt, dass es Stimmungen und Melodien auf dem Album gibt, die man so von der Band nicht gewohnt ist.
Auf der Europatour mit Dimmu Borgir, Krisiun und Richthofen präsentieren Kreator ihr neues Material live. Während die Medien das Album meist in den höchsten Tönen loben, erweisen sich die Meinungen der Fans als sehr geteilt.
Noch weiter gehen die Veränderungen mit dem nächsten Album "Endorama". Dieses zieht scheinbar einen dicken Schlussstrich unter die alten Thrash-Tage und zeigt die Band von einer Seite, die nur die Wenigsten erwartet hätten. Mille keift nicht mehr so herrlich fies - er singt. Damit nicht genug, sucht man das für Kreator typische Gitarrengewitter vergebens. Das Tempo ist deutlich gedrosselt, die häufig eingängigen und schlüssigen Melodien tendieren schwer in die Gothic-Ecke.
Dass dieser Schuss trotzdem nicht nach hinten los geht, dürfte sich schon allein darin zeigen, dass sich Lacrimosa-Mastermind Thilo Wolff spontan dazu bereit erklärt, den Titelsong mit Herrn Petrozza gemeinsam zu intonieren.
Trotz wirklich guter Songs sind die Die Hard-Fans wieder beleidigt und sehen Mille und Co. als verloren an. Somit müssen Kreator reichlich Kritik für die Scheibe einstecken. Die nimmt sich Mille sehr zu Herzen, denn "Violent Revolution" (2001) zieht alle Register, die eine Thrash-Band drauf haben muss. Auf der Scheibe ist auch zum ersten Mal Neuzugang Sami Yli-Sirniö zu hören, der Tommy an der Gitarre ersetzt und von Waltari überläuft.
Im Anschluss an die Veröffentlichung gehen Kreator knapp zwei Jahre auf Tour und sind in deren Verlauf zunächst mit Cannibal Corpse, dann mit den Kollegen Sodom und Destruction auf Achse. Während dieser Touren schneiden sie Tonnen an Material für die erste Doppel Live-CD "Live Kreation" und die erste DVD "Live Kreation - Revisioned Glory" mit.
Anschließend lassen es die Herren zunächst etwas ruhiger angehen, spielen auf dem Rock Hard Festival 2003 und konzentrieren sich auf das Songwriting zum nächsten Album. Dies unterbrechen sie aber für die Teilnahme an der Art Of Noise-Tour gemeinsam mit Nile, Vader, Amon Amarth und Goatwhore durch die USA.
Danach ist Feinarbeit angesagt, denn die neue Scheibe bekommt von Andy Sneap den letzten Schliff verpasst. "Enemy Of God" steht Mitte Januar 2005 in den Regalen und ist wieder ein exzellentes Thrash-Werk, dass die Band zunächst mit Dark Tranquillity, Ektomorf und Hatesphere in Deutschland und anschließend mit Death Angel und Vader in den Staaten betouren will. Die Todesengel müssen aber absagen und so eröffnen Pro Pain den Reigen. Als erste ausländische Metalband spielen die Essener Anfang Juni in Marokko.
Im Februar 2006 sind Kreator wieder in Nordamerika unterwegs und haben Napalm Death, Undying und A Perfect Murder mit dabei. Auf dem Summer Breeze sind sie als Headliner aktiv. Im Oktober wirft SPV die CD/DVD "Enemy Of God - Revisited" auf den Markt. Darauf gibt es zusätzlich zum 5.1-Mix noch Videomaterial vom Wacken Open Air 2005. Im März 2007 sieht man sie noch mal mit Celtic Frost und Legion Of The Damned, doch dann ist erst einmal Arbeiten am nächsten Album angesagt.
Ehe dieses aber erscheint, veröffentlichen Kreator Ende März 2008 die DVD/CD "At The Pulse Of Kapitulation", die den ersten Gig der Band in Ost-Berlin dokumentiert. Wenn man den Zyklus der bisherigen Scheiben betrachtet, könnte man fast vermuten, dass das neue Album wieder eher kontrovers ausfallen könnte. Doch Kreator machen für "Hordes Of Chaos" keine großen Experimente und liefern ein beinhartes Thrash-Album ab, in welches der laut.de-Redakteur Ende 2008 schon mal reinlauschen darf. Im Interview verrät Mille, was man von der Scheibe Mitte Januar 2009 erwarten darf.
Die anschließende Tour mit Caliban, Eluveitie und Emergency Gate startet zwar unmittelbar nach der Veröffentlichung. In Deutschland sind sie aber erst im März zu sehen.
Scheinbar haben sie an dem Prinzip der Live-Aufnahme Gefallen gefunden, denn auch "Phantom Antichrist" entsteht auf die gleiche Art und Weise wie bereits "Hordes Of Chaos". Allerdings dieses Mal nicht mehr in Deutschland, sondern in Schweden. Der klassische Kreator-Sound ist auf "Phantom Antichrist" nach wie vor vorhanden, doch zeigen sich die Essener deutlich melodiebewusster als auf den beiden vorherigen Werken.
Über das neue Album "Hordes Of Chaos" und Schauspieler in der Politik.
Um das neue Album "Hordes Of Chaos" der Presse zu präsentieren, erfüllt das Label dem Kreator-Frontmann Mille einen kleinen Traum und lädt die Redakteure nach Essen in die Lichtburg ein.
In einem der unteren Kinos wird die Scheibe über die Kinoanlage in den Saal gefeuert, und man kann nur hoffen, dass nebenan nicht gerade irgendeine Liebesschnulze läuft. Die dürfte mit dieser Beschallung nicht sehr romantisch ausfallen.
Nachdem im Separé nach der Vorführung ein paar Snacks und Getränke auf die Journaille warten, hat Mille auch Zeit für ein paar Fragen.
Mann, das war ja gerade ein echtes Erlebnis da unten in dem Kinosaal. Mein erster Eindruck sieht so aus, dass die Scheibe etwas weniger Wert auf Melodien legt, dafür aber ganz schon heftig ist.
Ja, findest du? Also ich denke eigentlich, dass es eine recht logische Weiterführung von "Enemy Of God" ist, ohne dass wir uns dabei wiederholen. Hauptaugenmerk dabei war, dass die Songs frisch klingen. Ob jetzt mehr oder weniger Melodien dabei sind, kann ich so nicht beurteilen, weil ich das Album ja doch schon ein wenig öfters gehört habe als du. Prinzipiell würde ich sagen, dass der Anteil in etwa gleich ist wie beim Vorgänger, aber durch den raueren Aspekt fällt das vielleicht nicht so auf. Es sind schon sehr viele Melodien vorhanden.
Das auf jeden Fall, gerade der Opener und der letzte Song beginnen ja mit melodischen Parts, die man fast schon dem klassischen Metal zuordnen kann.
Exakt, dann geht es aber wieder kräftig ab. "To The Afterborn" ist eigentlich so was wie die Ausnahme, die den kompletten Song über fast schon in die klassische Metalecke geht. Gegenbeispiel ist da eine Nummer wie "Warcurse", einfach purer, reiner Thrash Metal, oder "Amok Run", das vom Aufbau her sehr ungewöhnlich für uns ist. Wir haben so weit wie möglich versucht, jeden Song für sich stehen zu lassen und dadurch Abwechslung zu erzeugen. Es war uns sehr wichtig, unterschiedliche Stimmungen zu haben, damit nicht jeder Song gleich klingt.
Ziel erreicht, würde ich sagen. Allerdings habe ich einen sehr deutlichen Hardcore-Touch bei einzelnen Songs festgestellt. Vor allem was die Refrains angeht. Die hämmerst du einem ja so oft auf die Nuss, dass man es gar nicht mehr vergessen kann.
Das ist richtig (lacht). Das hat aber den einfachen Grund, dass wir eine Brücke zu den Fans haben wollen. Wir touren sehr viel, dabei ist es wichtig, Songs zu haben, die sehr schnell vom Publikum aufgenommen werden und in denen sie mitshouten können. Dazu gehört eben ein eingängiger Chorus genauso wie gute Melodien. Das ist ja schon seit längerem ein Stilmittel von Kreator und das wollen wir auch beibehalten. Ich bin mit klassischem Metal aufgewachsen, habe auf der anderen Seite aber auch immer viel Hardcore und Punk gehört. Deswegen habe ich den Vorsatz, dass die Musik von mir so hart, so extrem und so intensiv wie möglich sein muss. Dafür ist uns jedes Mittel recht (lacht).
Wir haben anlässlich der letzten Scheibe schon mal drüber geredet und ich kann's mir wieder nicht verkneifen: das Thema "Endorama". Die Scheibe liebe ich nach wie vor, aber sie steht auch nach wie vor eigentlich außerhalb von allem, was ihr sonst gemacht habt.
Richtig. "Endorama" ist immer wieder ein Thema, auf das ich angesprochen werde, und ich denke, dass es zum Zeitpunkt, als es erschien, einfach das war, was uns musikalisch wie auch textlich bewegt hat. Ich weiß ganz genau, dass es das ungewöhnlichste Kreator-Album ist, und ich weiß auch, dass es für viele Fans das Album ist, mit dem sie am wenigsten anfangen können. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Leute, so wie du jetzt eben, die sagen, dass die Scheibe auf jeden Fall Substanz hat. Ich sehe das übrigens genauso und auch rückblickend bin ich der Meinung, dass zum Erscheinungszeitpunkt 1999 alles andere von uns unehrlich gewesen wäre. Das Ding gehört genauso zur Kreator-History wie "Pleasure To Kill".
Das Album kann aber kaum unter der Prämisse entstanden sein, so extrem wie möglich zu spielen, oder?
Naja, es war extrem in eine andere Richtung. Nicht was Härte angeht, sondern eher in Sachen Emotionen. Wir wollten aber auch nicht auf Teufel komm raus das melodischste Kreator-Album schreiben. Das hat sich einfach so ergeben. Du hast nicht die Aggression wie auf "Enemy Of God" oder "Hordes Of Chaos", aber es ist eine andere Art von intensiven Emotionen, aber die sind auf "Endorama" eben nicht vorwiegend Wut und Aggression.
Klar sind die Emotionen noch da, und ich denke schon, dass man die immer noch bei Kreator findet. Aber wie du schon sagst, es ist nicht mehr in dem Umfang. Wenn ich noch mal was in der Art machen würde, dann nicht unter dem Kreator-Banner, sondern als Nebenprojekt. Das sind einfach zwei verschiedene Paar Schuhe. "Endorama" ist ja selbst für mich ein verdammt ungewöhnliches Kreator-Album. Die Scheibe ist ganz was Eigenes. Das würde ich von "Enemy Of God" und "Hordes Of Chaos" zwar auch behaupten, allerdings haben die doch mehr mit "Extreme Aggression" oder "Coma Of Souls" gemein, als "Endorama". Um wirklich wieder was komplett in diese Richtung zu machen, würde ich auf ein Nebenprojekt ausweichen. Allerdings sehe ich dazu momentan überhaupt keine Notwendigkeit, denn ich kann diese Sachen ja durchaus auch weiterhin bei Kreator einbauen. Nur mache ich das inzwischen nicht mehr so offensichtlich und ausgiebig.
Auf "Endorama" hat ja Thilo Wolff von Lacrimosa einen Song mit dir eingesungen. Seitdem lief mit Kooperationen aber nicht mehr viel.
Stimmt, aber es gibt zwei Bonussongs für das aktuelle Album mit Gastsängern. Mehr möchte ich dazu aber noch nicht verraten. Außerdem werde ich demnächst wohl einen Song mit Ektomorf machen. Ich bekomme echt tonnenweise Anfragen, aber zum einen fehlt mir dazu meist die Zeit und zum anderen will ich mich da auch nicht überpräsentieren. Ich hatte ursprünglich geplant, für die neue Scheibe was mit Carl McCoy (Fields Of The Nephilim, d.Verf.) zu machen, aber irgendwie klappt das nie, weil Carl verdammt schwer zu erreichen ist. Wir haben zusammen mal auf einem Festival gespielt und uns dabei angefreundet. Ich schätze ihn als Musiker und Künstler sehr, aber irgendwie kommen wir auf Platte nicht zusammen. Vielleicht passiert das ja dann mal im nächsten Leben (lacht).
Allerdings bist du zuletzt immer wieder auf diversen DVDs aufgetaucht. Sozusagen als Zeitzeuge, um irgendwas über ein bestimmte Band abzulassen, wie z.B. Paradise Lost.
Ach ja, da war was (lacht). Na was soll ich sagen? Ich mag die Jungs von Paradise Lost sehr gern, das sind gute Freunde von mir. Ich mag auch ihre Musik, und wenn mich jemand was dazu fragt, dann kann ich nur Gutes berichten. Das sind alles gute Musiker, sie haben tolle Alben gemacht und werden meiner Meinung nach von einigen Leuten ganz schön unterschätzt. Auch was den Humor der Jungs angeht. Da meinen viele immer, dass das irgendwelche Trantüten seien, aber mit denen kann man jede Menge Spaß haben. Die labern nur Scheiß. Als wir mit ihnen auf Tour waren, haben wir uns den ganzen Tag kaputt gelacht. Das mag ich so an der Band. Live sind sie das totale Gegenteil von dem, was sie privat sind. Das ist ein wenig schizophren, aber genau das mag ich (grinst).
Was ich an dir immer sehr geschätzt habe, ist die Tatsache, dass man dich meist nicht nur als Musiker wahrgenommen hat, sondern auch als durchaus politisch-interessierten Menschen. Vor allem als einer, der sich auch seine eigenen Gedanken macht und nicht nur was nachlabert.
Danke, allerdings wundere ich mich manchmal, woher das kommt (lacht). Klar, ich interessiere mich für Politik, aber doch eher auf einer privaten Ebene. Ich bin auch niemand, der sich wirklich in die Materie einarbeitet und alles analysiert. Das ist bei mir eher so ein menschliches Ding. Meiner Meinung nach entspricht das, was uns als Politik verkauft wird in keiner Weise der Realität. Wir werden durch die Medien mit einer Art Propaganda-Paket versorgt, was uns so weit wie möglich beruhigen und davon abhalten soll, selbstständig zu denken. Das hat aber nur bedingt was mit politischem Interesse zu tun, sondern eher mit logischem Denken und das findet für mich persönlich eben auf einer menschlichen Ebene statt. Politik ist für mich leider weitgehend unmenschlich.
Ich sehe uns auch nicht als politische Band. Klar, wir äußern uns zu bestimmten Themen, die in der Politik eine Rolle spielen, aber wir würden uns nie so vor einen Karren spannen lassen, wie es die Ton Steine Scherben für die SPD gemacht haben. Ich fühl mich da keiner Partei zugehörig und bin auch nicht so in der Materie drin, dass ich sagen könnte, was Politiker XY letzte Woche zu einem bestimmten Thema gesagt hat. Was ich aber von der Politik mitbekomme, verarbeite ich eben oftmals in meinen Texten und das ist meistens nicht schön. Als politische Band möchte ich Kreator aber nicht bezeichnen. Das hat immer so einen oberlehrerhaften Charakter. Dabei weiß ich auch nicht mehr als du oder der da hinten. Ich beschäftige mich damit auf einer Ebene, die meiner Meinung nach relativ gesund ist, und ich schildere die Sachen, wie ich sie sehe.
Es geht um Denkanstöße. Ich finde es immer dämlich, wenn die Leute sagen: 'Wir können ja eh nichts ändern. Die da oben machen doch, was sie wollen!' Das ist natürlich sehr einfach und bequem. Klar kannst du als Einzelner keine großen Umbrüche starten, aber du kannst schon im Kleinen für dich durch dein Konsumverhalten ein klares Statement abgeben. Da gibt es schon Möglichkeiten. Das muss aber jeder für sich selber herausfinden und entscheiden. Ich kann nur Anreize geben, genau wie das Youth Of Today oder Shelter früher bei mir getan haben.
Hahaha, gute Frage. Dem begegne ich ganz einfach damit, dass ich Ausgleichswähler bin. Ich wähl meistens extrem links, einfach um so ein bisschen den Ausgleich zu schaffen, zum den zunehmenden Rechtswählern. Keine Frage, die linken Politiker erzählen genauso viel Blödsinn wie alle anderen auch, aber mir erscheint es immer noch als sinnvolle Alternative zum Mainstream. Ich stamme aus einem Arbeiterviertel, in dem früher wirklich jeder SPD gewählt hat. Die Zeiten sind aber längst vorbei, und es gibt für mich persönlich da kaum eine Alternative außer extrem zu wählen, und das ist in dem Fall eben die Linke. Aber genau wie du sagst, ist das wirklich nur das kleinere von zwei Übeln.
Aber sag mir mal eine Partei, die du mit vollem Herzen vertreten kannst, die Profil hat und zu ihren Worten steht? Das findest du nicht mehr. Bei Obama und McCain war der Kurs ja letztendlich auch nicht mehr so unterschiedlich, auch wenn ich persönlich deutlich mehr zu Obama tendiere, allein von der Sympathie her. Das ist schon eine neue Chance für die USA, allein schon wegen der Hautfarbe. Ich wünsche mir, dass der Mann was bewegt, aber letztendlich mache ich mir auch nichts vor und weiß, dass auch ein Barack Obama nur eine Marionette der Industrie ist.
Man muss doch nur die Tatsache betrachten, dass Obama den längsten und teuersten Werbespot der Fernsehgeschichte hat drehen lassen. Und in diesem weist er dann auf die Verarmung der Unter- und Mittelschicht hin. Klingt für mich ein wenig scheinheilig.
Ist schon richtig. Vor allem wirft das wieder ein bezeichnendes Licht auf die US-Bevölkerung, die vermutlich denjenigen mit der längeren Sendezeit wählt. Aber ein Land, in dem ein Arnold Schwarzenegger einen ganzen Bundesstaat regiert, kann ich auf der politischen Ebene eh nicht wirklich ernst nehmen.
Na, in Sachen Umweltpolitik finde ich einige Ansätze von Schwarzenegger gar nicht schlecht.
Ja? Fandest du es auch nicht schlecht, als er diesen Typen hat hinrichten lassen, der aus der Todeszelle raus Bücher geschrieben hat, in denen er Kinder davon abhalten wollte, auf die schiefe Bahn zu geraten? Den hätte Schwarzenegger mit einer einzigen Unterschrift begnadigen können, aber das hat er nicht getan. Gerade solche Typen haben doch die beste Credibility, um Kids davon abzuhalten, die gleiche Scheiße zu bauen, wie sie selbst. Und vor allem, wenn jemand derart bewiesen hat, dass ein Umdenken bei ihm eingesetzt hat und er seine Vergangenheit bereut, gehört so jemand meiner Meinung nach nicht hingerichtet. Arnold war da anderer Meinung und deswegen hat sich die Stadt Linz auch dagegen entschieden, das Stadion nach ihm zu benennen. Vollkommen zurecht, wie ich finde! Meiner Meinung nach sollten Schauspieler nicht in die Politik gehen.
Ronald Reagan haben sie sogar zum Präsidenten gemacht.
Merkste was? Die USA halt … aber hier fangen sie ja auch schon an. Da haben sie doch diesen Tatort-Kommissar, der jetzt bei den Linken mitmischt. Ich finde das sehr seltsam, sage aber auch gleichzeitig, dass ich nicht genug Ahnung habe, um das fundiert beurteilen zu können. Mein Gefühl sagt mir jedenfalls, dass das kein Geniestreich ist. Aber im Endeffekt weiß ich nicht mehr als du. Ich bekomme die gleichen Informationen wie die meisten anderen auch und muss eben das draus machen, was für mich Sinn ergibt.
Ich finde es zum Teil ganz schön erschreckend, was wir vorgesetzt bekommen und kann daran auch nur im Kleinen und für mich was ändern. Ich will nur vermeiden, dass ich von der Öffentlichkeit als eine Art Prediger aufgenommen werde. Das wurde mir vor allem im Internet immer wieder unterstellt. Viele sind der Meinung, dass Metal und Politik nichts mit einander zu tun haben. Das finde ich nicht! Ich denke, man kann beides miteinander verbinden, man kann auf jeden Fall seine Meinung vertreten, und exakt das werde ich auch weiterhin tun. Wenn ich irgendwelche Fans damit vor den Kopf stoße, dann ist Kreator vielleicht die falsche Band für die. Aber noch mal in aller Deutlichkeit: Ich hab die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen!
Auf ihrer neuen Scheibe fanden Kreator das ideale Gleichgewicht zwischen Härte und Melodie. In der Politik achten sie nicht so sehr auf Ausgewogenheit ...
Nachdem Kreator mit "Enemy Of God" nicht nur ein echtes Killeralbum aufgenommen haben, sondern Fronter Mille auch mit einem Auftritt im öffentlich-rechtlichen KinderKanal (KiKa) glänzte, war es Zeit, nachzufragen. Was Herr Petrozza zu Politik im Metal, zum anstehenden Bush-Besuch und zur neuen Scheibe zu sagen hat, lest ihr im Folgenden.
Wie ich höre, bist du ziemlich im Stress, und ich muss mich kurz fassen?
Ja, geht so. Ich komme gerade direkt von der Probe, wir hatten die Tage ein paar Signing Sessions, und jetzt geht's dann gleich mit der Tour los. Da haste schon einiges um die Ohren. Den Labels scheint nicht so ganz klar zu sein, dass wir auch irgendwann mal proben müssen. Die würden mir am liebsten den ganzen Tag mit Interviews vollklatschen. Deswegen hab ich jetzt gesagt, lass uns das NACH der Probe machen. Also du musst jetzt keine Hektik machen, unter Zeitdruck stehen wir heute nicht, haha.
Okay, dann ans Eingemachte. Wenn wir mal ganz davon absehen, dass der Opener des neuen Albums einem schön an der Hirnrinde raspelt - man erkennt einfach auf Anhieb, welche Band hier spielt. Das gibt es äußerst selten.
Danke, das freut mich zu hören. Wir haben uns auch entsprechende Mühe gegeben, dass unsere Trademarks auf dem Album deutlich zu hören sind. Es war schon das Ziel, ein typisches Kreator-Album zu machen. Es sollte aber gleichzeitig auch mehr in die Tiefe gehen, sprich die experimentellen Sachen mit den ultrabrutalen verbinden. Ich denke mal, das ist uns ganz gut gelungen, denn gerade jetzt beim Proben für die Tour haben wir gemerkt, wie gut die neuen Sachen mit den alten harmonieren. Das wird dieses Mal eine verdammt lange Setlist. Wir wollen vom neuen Album mindestens sechs Songs spielen, aber von den alten kannste eben auch kaum einen weglassen. Es dürfte also immer relativ lange Kreator-Konzerte geben. Ich hoffe mal, das wird den Leuten nicht zu langweilig, hehe.
Während mehr und mehr Bands scheinbar der Meinung sind, dass Politik in der Musik und im Metal nichts zu suchen hat, gibst du da prinzipiell einen Scheiß drauf und nennst die Dinge klar beim Namen ...
Ich denke mal, wenn andere Bands das sagen und so handhaben, ist das für die auch voll in Ordnung. Wenn ich sage, dass ich das in meiner Mucke drin haben will, ist das für mich aber genauso in Ordnung. Da hat jeder seinen freien Willen und kann das nach seinem Geschmack handhaben. Ich will und kann ja niemanden dazu zwingen, dass er sich in seinen Texten mit politischen Themen befasst. Außerdem kann man doch beinahe alles so interpretieren, wie man das will. Einen Song wie "Enemy Of God" kann man als Katastrophentext sehen, als Song über den 11. September oder auch als Song gegen den Terror allgemein. Das ist Auslegungssache, und ich finde, da sollte man den Leuten nicht zu viel vorweg nehmen. Jeder kann seine eigene Interpretation finden. Okay, Sachen wie "Suicide Terrorist" oder "World Anarchy" sind politische Songs, aber das habe ich ja schon immer gemacht. Für mich ist das so gesehen nichts Neues. Da hat sich eigentlich auch noch nie einer drüber aufgeregt, und wenn es Bands gibt, die der Meinung sind, dass es nicht Metal ist, politische Texte zu machen, dann ist das auch schön.
Hast du mitunter das Gefühl, dass sich manche Künstler mit solchen Sprüchen aus der Verantwortung ziehen?
Eigentlich nicht. Gründe dafür sind doch immer vom jeweiligen Individuum abhängig. Wenn jemand sagt, dass seine Kunst nur existieren kann, wenn er keine Bezüge zur Realität bringt, sondern sich nur in Phantasiewelten bewegt, dann hat Politik da auch nichts drin zu suchen. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass in den meisten großen Werken, in denen es oberflächlich betrachtet um etwas ganz anderes geht, auch politische Statements abgegeben werden. Nimm doch nur George Orwells "Animal Farm". Oberflächlich betrachtet hat das gar nichts mit Politik zu tun. Oder der "Der Herr der Ringe". Diese Bücher sind prinzipiell auch nichts anderes als ein Nachbeben vom Zweiten Weltkrieg. Man muss also immer vorsichtig sein, wo in Wirklichkeit nicht überall noch Politik drin steckt.
Bei manchen sollte man auch wirklich dankbar sein, wenn sie zu manchen Themen die Schnauze halten ...
Das ist allerdings richtig, hahaha. Klar gibts da auch die andere Seite, die sich einfach aus purer Unwissenheit raushält, aber das ist dann doch erst recht in Ordnung. Ich versuche ja auch, bei Kreator nicht ganz so offensichtlich vorzugehen. Das hat sich aber auch über die Jahre entwickelt. Wir haben uns einfach irgendwann dazu entschlossen, nicht mehr über reitende Leichen zu singen, wie auf "Pleasure To Kill" etwa. Da waren wir einfach noch von diesem alten, portugiesischen Horror-Filmen inspiriert, die wir als Kinder gesehen hatten.
Scheiße, ja, ich erinnere mich auch noch. Meine Fresse, waren die schlecht.
Aber hallo! Aber für eine Thrash Metal-Band war das textlich genau das Richtige. Die Zeiten sind aber vorbei, das ist einfach nicht mehr unser Ding. Das Metaphorische haben wir zwar beibehalten, aber jetzt auf einer anderen Ebene. Was ich nämlich überhaupt nicht leiden kann, ist es, mit dem Finger auf Sachen zu zeigen oder Leute mit der Nase auf etwas zu stoßen. Das tun wir auch nicht.
Nein, auf keinen Fall. Plakativ wird es bei euch nie. Das begrüße ich auch sehr. Ihr deutet zwar bestimmte Dinge an, das Nachdenken muss aber jeder selbst noch übernehmen. Was hältst du eigentlich von dem Bush-Besuch am 20. Februar?
Der Penner soll bloß bleiben, wo er ist! Der braucht überhaupt nicht zu kommen. Aber was solls, das Gute ist ja, dass immer mehr Leute registrieren, was für ein Arsch das eigentlich ist. Der Typ kann ja gar nichts. Man kann leider fest davon ausgehen, dass der Kerl demnächst in den Iran einfallen wird. Ich hoffe zwar immer noch, dass er es nicht tut, aber ... Der bringt doch die gesamte arabische Welt gegen sich auf. Wo soll das noch hinführen? Das gibt eine absolute Polarisierung der Kulturen, wo soll sich denn da jemals wieder ein Konsens bilden, wenn der so weiter macht? Viele von den radikalen Islamisten machen überhaupt keinen Unterschied mehr zwischen den USA und anderen westlichen Ländern. Er aber doch auch nicht. Wenn das so weiter geht, steuern wir auf einen weiteren Weltkrieg zu.
Es scheint sich keiner darüber klar zu sein oder Gedanken zu machen, dass hier komplett unterschiedliche Mentalitäten aufeinander prallen.
Exakt, und auf diese Weise werden wir es auch nicht schaffen, diese unterschiedlichen Mentalitäten einander anzunähern. Dass es machbar ist, zeigt sich doch überall auf der Welt. Deutschland ist kulturell sehr gemischt und alle leben relativ friedlich miteinander. Arschlöcher hast du natürlich auf allen Seiten, aber das Miteinander funktioniert. Das Traurige ist doch, dass Amerika da eigentlich mal eine Vorbildfunktion hatte.
Du meinst den viel und gern zitierten Melting Pot?
Genau, aber wo zur Hölle ist der hin? Es scheint momentan das primäre Ziel zu sein, sich mit jedem anders Denkenden anlegen zu wollen, und das ist nicht nur traurig, das ist auch beängstigend. Es ist viel zu offensichtlich. Da ist eine Erdöl-Lobby an der Regierung, die nur noch nach ihrem eigenen Gutdünken vorgeht und ein ganzes Land, am liebsten die ganze Welt, manipuliert. Das kann nur schief gehen. Was soll ich denn von dem Kerl halten? Nimm doch nur seine letzte Rede, in der er sagte, dass er die Option eines Angriffs nicht vom Tisch nehmen könne. Das ist doch fast schon albern. Haste gestern Harald Schmidt gesehen?
Ja logisch, haha. "So lange ich hier noch was zu sagen habe, kommen keine Beine unter meinen Tisch", oder wie war das?
Jahaha, so ähnlich. Großartig, aber daran siehst du mal, welche Kreise das schon zieht. Leute, die eigentlich gar nicht antiamerikanisch eingestellt sind, äußern sich auch schon dahingehend. Wobei, was heißt eigentlich antiamerikanisch, die meisten sind einfach nur kritisch und sagen nicht zu jedem Mist Ja und Amen. Seit Bush an der Regierung ist, heißt es aber nur noch "with us or against us". Aber da könnte wir noch stundenlang drüber weiter diskutieren.
Da hast du wohl recht. Lass uns lieber wieder zu "Enemy Of God" zurück kommen. Wenn ich mir einen Song wie "Murder Fantasies" reinziehe, spiegelt der nur bedingt politische oder sozialkritische Themen wider.
Mal ganz kurz, hast du eigentlich mitbekommen, dass es schon eine eigene Band gibt, die sich Enemy Of God nennt
Ja, stimmt, das Projekt vom ehemaligen Megadeth-Basser Dave Ellefson und dem Ex-Slayer Drummer John Dette. Wenn das nicht geil ist, am besten ihr geht mit denen in den USA gleich auf Tour ...
Ja, wäre keine schlechte Idee, aber zurück zu deiner Frage. Prinzipiell geht es in allen meinen Texten ausschließlich um mein inneres Seelenleben. Was mich beschäftigt oder berührt, darüber schreibe ich. Wenn ich einen Song wie "Suicide Terrorist" schreibe, versuche ich, mich in jemanden hinein zu versetzen, der sich selbst das Datum setzt, an dem er sich selbst umbringt, um andere zu töten. Wenn ich einen Song wie "Murder Fantasies" schreibe, spinne ich auch nur das weiter, was ich mir ausmale, wenn ich total sauer bin. Das hat jeder schon mal gemacht. Wenn mir jemand total auf die Eier geht, dann malt man sich ab und zu genüsslich aus, wie man den am liebsten um die Ecke bringen würde. Dass du so was nie machst, ist eigentlich klar, aber die Gedanken kommen bei jedem Menschen vor. Dieses Prinzip, so was einfach nieder zu schreiben, verfolgen viele. Seien es Künstler, Autoren oder ganz normale Menschen, die das dann in ihr Tagebuch schreiben und damit ihren Ärger verarbeiten.
Und was hat es mit "Ancient Plague" auf sich? Der Titel und der Text haben ja schon beinahe etwas Biblisches.
Das ist schwer zu beschreiben. Ich hab da erst heute noch mal drüber nachgedacht, als wir den Song eingeprobt haben. Es geht eigentlich um die Apokalypse. Die Welt ist am Ende, alle Religionen haben versagt, alles liegt in Trümmern, und plötzlich kommt Satan und rettet alle. Frag mich nicht, wie ich auf so was gekommen bin, keine Ahnung, haha.
Hey, kennst du von Anne Rice aus deren Vampir-Chroniken das fünfte Buch, "Memnoc The Devil"? Das hat einen ähnlichen Ansatz, auch da ist der Teufel zwar Gottes Widersacher, aber nicht, weil er die Menschen verführen und zum Scheitern bringen will, sondern weil er es wagt, Gottes Schöpfung - und damit Gott selbst – in Frage zustellen.
Nee, kenn ich nicht, klingt aber sehr interessant. So ähnlich habe ich mir das eben auch vorgestellt, als ich den Text geschrieben habe. Die Kirche ist ja immer schnell dabei, wenn es darum geht, andere Religionen oder Glaubensrichtungen zu verurteilen. Vor allem beim Satanismus steht sie da ganz vorne. Nicht, dass ich Satanist wäre, aber es hat sich doch quasi jeder Metal-Fan mal mit dem Kram beschäftigt. Da ist die christliche Religion aber nicht allein, das tun eigentlich alle, und mir hat das Prinzip gefallen, dass genau das, was sie so gern verteufeln, am Ende eben die Kohlen aus dem Feuer holt, haha.
Ihr habt für "Endorama" ja ganz schön auf die Mütze bekommen, was ich nach wie vor nicht verstehe, da ich die Scheibe sehr geil finde.
Ja, ich fand die auch gut, aber es war eben keine Scheibe, die wirklich brutal war. Es herrschten einfach melancholische, melodische Sachen vor. Ich habe damals versucht, klar zu machen, dass man Extreme nicht nur mit extrem aggressiver Musik ausdrücken muss. Das ist aber scheinbar etwas am Stil vorbei geschossen. Die Melancholie auf "Endorama" spiegelt aber auch meine Gefühlswelt zu diesem Zeitpunkt wieder. Es ging auf keinen Fall darum, irgendwie kommerziell zu werden. Das schaffen wir mit der Musik, die wir machen, eh nicht, vor allem nicht mit meinem Gesang. Für mich war die Platte wie ein Abschied vom letzten Jahrtausend. Daher diese Melancholie.
Denkst du, dass der Schritt vielleicht ein wenig zu weit war, der Bruch mit dem Bekannten zu extrem?
Was heißt zu weit? Für mich hatte das damals durchaus seinen Sinn, und ich steh nach wie vor zu dem Album. Ich muss aber dazu sagen, dass das Line-up zu dieser Zeit etwas verworren war. Wir hatten noch Tommy Vetterli dabei, und Tommy hatte den Drang, bei Kreator den selben Posten einzunehmen wie bei seiner alten Band Coroner, nämlich Bandleader. Er hat dann während der Produktion versucht, sehr viel unter die eigene Kontrolle zu bekommen, was das Endprodukt im Nachhinein doch etwas verwässert hat. Er hat die Scheibe produziert, und das war nicht der beste Schritt. Wenn wir irgendwann mal ein Box Set rausbringen, müssen da die Demos von "Endorama" drauf sein. Die klingen ein ganzes Stück härter, und du merkst trotz der Melancholie, dass das Kreator sind.
Demnach trügt mich wohl auch das Gefühl nicht, dass dir der "Endorama"-Sound noch sehr am Herzen liegt. Ich finde nämlich, dass ihr auf "Enemy Of God" die perfekte Mischung aus Melancholie und Härte erreicht habt.
Exakt das denke ich auch! Hier ist total viel von "Endorama" drauf, nur plötzlich merkts keiner mehr. Wir waren damals mit Paradise Lost und Morbid Angel unterwegs, Paradise Lost wurden vom Publikum nicht sonderlich akzeptiert, und sie sagten zu uns: "Ihr habt doch auch viele langsame Parts, und bei euch finden die Leute das gut." Schon klar, aber wir haben auch die schnellen Parts, und die sind bei Paradise Lost eben Mangelware. Erst durch die Mischung gewinnen die beiden Extreme doch an Aussagekraft. Nur eins von beiden ist monoton und langweilig. So, wie wir das jetzt gemacht haben, hast du so etwas wie eine emotionale Achterbahnfahrt, was ich sehr gelungen finde.
Durchaus, wobei man aber auch berücksichtigen muss, dass Paradise Lost live so ziemlich zum Wegschnarchen sind.
Öh, na ja, also ... das sind Freunde von mir, und ich wollte jetzt nichts Schlechtes über sie sagen. Sie könnten aber an ihrem Bewegungsradius etwas arbeiten, haha. Aber zurück zur Sache. Ich versteh nicht, warum die Leute so tun, als würden wir jetzt was völlig anderes machen. Das ist doch totaler Quatsch. Wer unsere History kennt, der weiß, dass wir schon lange mit Melodien gearbeitet haben und wo die herkommen. Viele, die früher über "Endorama" gemeckert haben, finden "Enemy Of God" jetzt super, übersehen dabei aber, dass vieles von "Endorama" auch auf der neuen Scheibe zu hören ist.
Ihr habt auch die Akustik-Gitarren wieder für euch entdeckt?
Ja, so ein bisschen. Ich fand die Akustik-Sachen auf den alten Metallica-Scheiben immer so geil, und das wollte ich wieder aufleben lassen. Damit bin ich aufgewachsen und stehe immer noch drauf.
Jetzt nur noch eins: Wie zur Hölle bist du zu der Show auf dem Kinder-Kanal gekommen?
Jaha, das war so eine Sache. Die haben mich einfach angerufen und gefragt, ob ich da mitmachen will. Ich habe dann zugesagt, konnte mir aber nichts so recht drunter vorstellen. Ich bin dann also da hin und habe gemerkt, dass die Leute, die das vorbereitet hatte, vom Metal nicht wirklich viel Ahnung hatten, den Kids aber was dazu sagen wollten. Das haben sie so gut sie es eben konnten getan, und mich das Ganze etwas dirigieren lassen. Ich hab dann ein wenig Gitarre gespielt und ein paar Sachen erzählt. Man darf aber einfach nicht vergessen, dass das eine Sendung für Kinder war. Die Kiddies sollten einen kleinen Eindruck davon bekommen, was in dieser Art Musik passiert. Was brauche ich da dumme Kommentare von irgendwelchen Metal-Experten, die dann mosern, weil ich nicht auf irgendwelche Stile großartig eingegangen bin. Was soll der Quatsch? Dafür gibt's ganz andere Formate, um über so was zu diskutieren, und das kratzt ein kleines Kind nun wirklich nicht. Die Kleinen waren echt cool, noch total offen, und sie hatten wirklich Interesse daran. Ich hab da echt erst mal wieder gemerkt, dass Kinder in diesem Alter noch völlig frei von Vorurteilen sind. Neugierig, ursprünglich, so, wie eigentlich jeder sein sollte. Schade, dass man sich das nicht bewahrt, es würde viel weniger Probleme auf der Welt geben.
Das Interview führte Michael Edele
At The Pulse Of Kapitulation (2008)
Voices Of Transgression - Best Of (1999), Endorama (1999), Outcast (1997), Scenarios Of Violence (1996), Cause For Conflict (1995), Renewal (1992), Coma Of Souls (1990), Extreme Aggression (1989), Terrible Certainty (1988), Pleasure To Kill (1986), Endless Pain (1985)
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