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Neben In Flames haben hauptsächlich Dark Tranquillity den sogenannten 'Göteborg Sound' erfunden, entwickelt und auf die nächste Stufe gebracht. Die Freundschaft, die zwischen beiden Bands besteht, zeigt sich schon darin, dass Gitarrist Niklas (der sich als Graphiker bei diversen anderen Bands einen Namen gemacht hat) bereits den einen oder anderen Text für In Flames verfasst hat.
Doch die Verbindung geht noch viel tiefer. Die Karriere der Schweden beginnt 1989, als sich Anders Fridén (Vocals), die beiden Gitarristen Mikael Stanne und Niklas Sundin, Basser Martin Henriksson und Drummer Anders Jivarp zusammen tun, um zunächst unter dem Namen Septic Broiler Musik zu machen.
Genannter Göteborg-Sound zeichnet sich durch die doppelten Leads aus, die nicht nur ein Markenzeichen von Iron Maiden darstellen, sondern auch bei Thrash-Bands wie Exodus oder Heathen Verwendung finden. Hinzu kommen komplexe Songstrukturen und ein guter Schuss Melodie.
Ursprünglich eher im Death Metal beheimatet, arbeiten Dark Tranquillity diesen Sound immer weiter aus. Die Lyrics sind schon auf dem Debüt "Skydancer" psychologisch und spirituell angehaucht, was sich auf allen folgenden Veröffentlichungen fortsetzen soll.
Was sich nach "Skydancer" dagegen nicht fortsetzt, ist die Zusammenarbeit von Anders und Dark Tranquillity. Er schlägt seine Zelte lieber bei In Flames auf, weshalb sich Mikael (der noch das Debüt von In Flames eingebrüllt hat) plötzlich in der Rolle des Shouters wiederfindet. Seine Gitarre gibt er an Fredrik Johansson ab, und das Line-Up bleibt, im Vergleich zu den Kollegen von In Flames, weitgehend stabil.
Wie so viele gute Bands (Sentenced, To/Die/For, Lullacry) werden Dark Tranquillity erstmals von Spinefam Records entdeckt und veröffentlichen über jene 1993 "Skydancer", das auch in Polen und Russland erscheint. 1995 folgt die EP "Of Chaos And Eternal Night". Diese Mini kommt ebenfalls in Japan über Toys Factory zusammen mit "Skydancer" als einzelne CD raus. Auch Spinefarm veröffentlichen 1996 beides als eine einzige CD erneut. In Thailand kann man sich die Scheiben als double-cassette-package zulegen.
Danach wechseln Dark Tranquillity zu Osmose Records, wo im selben Jahr "The Gallery" erscheint. Eine weitere EP namens "Enter Suicidal Angels" kommt ein Jahr später auf den Markt. Schon ein wenig früher haben Niklas und Mikael zusammen mit dem Ceremonial Oath-Drummer Jesper Strömblad und dem Crystal Age-Gitarristen Oscar Dronjac ein Spaß-Projekt aus der Taufe gehoben, bei dem sie sich auf traditionellen Metal konzentrieren wollen.
Allerdings verlegen sich die beiden schnell wieder auf Dark Tranquillity und staunen nicht schlecht, als die eigentlich als Projekt gestartete Band mit dem Namen Hammerfall auf einmal mächtig durchstartet.
Als nächstes erscheint das Album "The Mind's I" und bietet einmal mehr eine Mischung aus technischer Härte, ein paar akustischen Einlagen und vereinzelt weiblichem Gesang. Im Gespann mit Enslaved, Bewitched und einigen anderen Bands geht es durch Europa, ehe sich die Wege von Dark Tranquillity und Osmose Records endgültig trennen.
Nicht nur vom Label haben sich die Schweden verabschiedet, auch von Klampfer Fredrik. Anstatt einen neuen Gitarristen zu suchen, wechselt Martin von vier auf sechs Saiten. In Person von Michael Nicklasson kommt ein neuer Basser in die Band. Erstmals taucht auch Martin Brändström als fester Keyboarder auf.
Ab 1999 kümmern sich Century Media um die geschäftlichen Belange der Schweden. Mit "Projector" feiern diese einen gelungenen Einstand. Erstmals vertraut Mikael auch auf seinen cleanen Vocals und bringt diese eindrucksvoll zum Einsatz. Auf dem Nachfolger "Haven" sind die Vocals wieder etwas aggressiver, da anscheinend viele der Fans mit dem klaren Gesang nicht sonderlich glücklich waren. Auf der Digi-Pack Ausgabe der CD ist mit "ThereIn" noch ein Video vom Vorgänger enthalten.
Ebenfalls 2000 kommt noch für die USA eine Neuauflage von "Skydancer" und "Of Chaos And Eternal Night" heraus, erneut auf einem einzigen Tonträger. Da das Ganze über Century Media erscheint, müssen sich diese wohl die Rechte an den ersten Scheiben von Dark Tranquillity gesichert haben. Mit Sentenced, To/Die/For und In Flames geht es im Anschluss durch Europa, ehe es mit Children Of Bodom nach Japan geht. Im Frühjahr 2002 kommt aber bereits der nächste Gang auf den Tisch, der wieder an alte Stärken anknüpft.
Um ihr 15-jähriges Bestehen zu feiern, veröffentlichen die Schweden Ende Mai 2004 in Form der "Exposures - In Retrospect And Denial" eine Doppel-CD, auf der es neben einigen unveröffentlichten Songs und neu gemastertem Material vor allem die Tonspur zur Ende 2003 erschienen "Live Damage" DVD zu hören gibt.
Es bietet sich also an, ein paar Konzerte zu spielen, und nach einigen Japanabstechern steht auch das Rock Hard Festival 2004 auf dem Plan. Nachdem Dark Tranquillity in Korea für gute Laune gesorgt haben, stehen die Arbeiten für das nächste reguläre Studioalbum an.
Bevor "Character" in die Regale kommt, erscheint die Single "Lost To Apathy", zu der die Band ein Video dreht und die auch auf dem Soundtrack zum "Lost In The Dark"-Streifen mit Christian Slater landet. Ende des Jahres begleitet Martin Tiamat erneut als Live-Keyboarder, als die mit Pain, Theatre Of Tragedy und Sirenia durch Europa ziehen. "Character" steht ab Ende Januar 2005 in den Läden. Mikael äußert sich darüber bereitwillig im Interview. Kurz darauf stehen sie in den Startlöchern, um mit Kreator und Hatesphere durch Europa zu touren.
Daran hängen Dark Tranquillity noch zahlreiche Headlinerdates in Südamerika an. Kaum in Europa zurück, sollen sie auch schon wieder mit Arch Enemy und Trivium auf die Bühne. Allerdings lassen sie diese Auftritte dann doch sausen und konzentrieren sich lieber auf das Songwriting fürs nächste Album.
Sobald das abgeschlossen ist, stehen Dark Tranquillity in den Staaten Anfang 2007 mit Devin Townsend und Opeth wieder auf der Matte. Dorthin kehren sie im März April auch nochmals mit The Haunted und Into Eternity zurück. "Fiction" erscheint in Deutschland Ende April und zeigt die Schweden wieder deutlich frischer und ideenreicher als noch auf dem Vorgänger.
Viel Zeit daheim verbringen sie 2008 nicht unbedingt, denn sie sind kreuz und quer über den Planeten unterwegs. Bevor sie aber mit Poisonblack und Fear My Thoughts Ende des Jahres durch Deutschland touren, steigt Basser Michael Nicklasson nach zehn Jahren bei Dark Tranquillity aus.
Den Job bekommt schließlich Daniel Antonsson (Dimension Zero, Ex-Soilwork). Ansonsten vertreiben sie sich die Zeit mit Growling-Seminaren von Mikael Stanne, bei Fußball-Turnieren mit The Haunted oder als Pokerteam mit Sonata Arctica, gegen die man online antreten kann.
2009 geben Dark Tranquillity wieder ein musikalisches Lebenszeichen von sich. Auf "Yesterworlds - The Early Demos" finden sich Ende Mai das "Trail Of Life Decayed"-Demo von 1991 und die "A Moonclad Reflection"-EP von 1992 sowie einige Promoaufnahmen von 1994. Über mangelnde Beschäftigung kann sich keiner Beklagen, denn die Arbeiten am nächsten Album stehen bereits im August an. Parallel dazu legen sie letzte Hand an die Doppel-DVD "Where Death Is Most Alive" (Oktober), spielen diverse Touren und Keyboarder Martin renoviert sein Studio.
Gerade rechtzeitig, um das neue Album namens "We Are The Void" fertig zu machen. Einmal mehr spielen die Schweden darauf all ihre Stärken aus, ohne sich großartig selbst zu kopieren.
Mikael Stanne über Seminar-Erfahrungen, Spielleidenschaft und Inspiration aus der Poesie.
Dark Tranquillity-Sänger Mikael Stanne erzählt von seinen Seminar-Erfahrungen, seiner Spielleidenschaft und der Leere des modernen Lebens.
Dark Tranquillity haben sich in letzter Zeit mit Veröffentlichungen ja nicht gerade zurück gehalten. Zunächst "Yesterworlds - The Early Demos" mit zahlreichen Aufnahmen aus den ganz frühen Jahren und anschließend die DVD "Where Death Is Most Alive", die wohl keine Wünsche offen lässt. Da nun mit "We Are The Void" das nächste Studioalbum ansteht, wird es höchste Zeit, mit Sänger Mikael Stanne die letzten Monate Revue passieren zu lassen.
Der Telefontermin ist etwas später am Abend angelegt, womit sich dem laut.de-Redakteur die viel zu seltene Gelegenheit bietet, auch mal wieder eine Runde "Dragon Age: Origins" zu zocken. Wie sich heraus stellt, ist auch Mikael Stanne ein großer Fan des PC-Games.
Hi Mikael, gib mir mal kurz ne Sekunde, ich muss erst mal wieder in die Realität zurück finden. Hab grad drei Stunden "Dragon Age" gezockt. Da muss ich erst mal wieder mental hochfahren.
Haha, ja verstehe ich nur zu gut. Wie weit bist du denn?
Ich denke mal, dass ich relativ nah am Ende bin. Ich hab die Zwerge, die Magier, die Elfen und alle anderen soweit auf meiner Seite. Jetzt muss ich nur noch in Denerim abklären was Sache ist.
Hast du den König schon beim Lanthing getroffen?
Ne, bisher noch nicht. Nur mit Arl Eamon abgeklärt, dass ich ihn da treffe.
Ah, ok. Ja, damit bist du recht nah am Ende. Ich hab das Game vor einer Woche beendet und kann es kaum erwarten, dass endlich das Add-On rauskommt (lacht). Das Spiel ist echt der Hammer und die Extension soll ja bereits in ein paar Wochen kommen.
Kannste laut sagen, aber lass uns auch ein wenig über euer neues Album quatschen, das ebenfalls in ein paar Wochen erscheint.
Ich würde lieber noch ein wenig über PC-Games reden (lacht), aber schieß los.
Ok, erst mal was allgemeines. Ich hatte vor ein paar Wochen ein Interview mit dem Sänger und Gitarristen von Paradox. Der hat mir erzählt, dass er sich in Sachen Songwriting sehr an den Wünschen seiner Fans orientiert. Das ist natürlich auch die Art Sound, die er selber gern spielt, aber er hält sich da anscheinend sehr eng an ein bestimmtes Muster. Was denkst du über so was?
Klar, kann man machen. Warum auch nicht, aber ich würde mich dabei immer ein wenig seltsam fühlen. Für mich hat es ein wenig den Beigeschmack, dass man damit mehr versucht ein bestimmtes Produkt zu verkaufen, als wirklich kreativ zu sein. Wenn du ein bestimmtes Produkt verkaufen willst, musst du immer auf die Nachfrage achten und dich entsprechend danach richten. Ich kann das in gewisser Weise nachvollziehen, aber für mich wäre das absolut nichts. Ich bin von so was meilenweit weg mit meiner persönlichen Einstellung. Ich bin da wahrscheinlich noch mehr so was wie der Punkrocker. Mich interessieren Verkaufszahlen und Geld wirklich überhaupt nicht. Ich will mit meiner Art Musik auch nicht unbedingt bestimmten Leuten gefallen. Es muss erst mal uns in der Band gefallen und alles andere ist mehr oder weniger nebensächlich. Klar ist es toll, dass es da draußen so viele Leute gibt, die auf unsere Musik stehen und das macht uns verdammt stolz. Aber letztendlich wollen wir uns erst einmal mit unserer Musik wohl fühlen, was weiter passiert, ist dann der Bonus. Aber diese Art der Herangehensweise wäre auf keinen Fall etwas für uns.
Das hätte ich mir auch nur schwer vorstellen können. Dennoch seid ihr doch bestimmt auch in Kontakt mit euren Fans und ich bin mir sicher, dass sich einige davon oft etwas mehr von deinem Cleangesang auf den Alben wünschen.
Klar, auf jeden Fall. Natürlich sprechen wir mit unseren Fans, hören uns deren Meinungen an, der Cleangesang ist da oft ein Thema. Aber das ist für unser Songwriting kaum von Belang. Wenn wir sechs uns im Proberaum treffen und mit dem Songwriting anfangen, verrammeln wir die Türen und nichts kommt raus oder rein. Wenn wir auf Tour sind, ist das natürlich was anderes. Dann stehst du auf der Bühne oder nachher an der Bar den Leuten direkt gegenüber, die dafür bezahlt haben, dich zu sehen. Dann gehst du natürlich auch auf deren Wünsche ein, was die Setlist oder ähnliches angeht. Unbewusst fließen da wahrscheinlich auch Meinungen ins Songwriting mit ein, aber dass wir da bewusst einen Fokus drauf legen würden, ist nicht der Fall.
Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, aber ich glaube einmal gelesen zu haben, dass du eigentlich nicht so glücklich mit melodischen Gesangslinien bist. Ist das wahr?
Wo haste denn das her? Ne, ich steh sehr auf die klaren Gesangslinien und es macht einen Höllenspaß! Ich bin allerdings kein großer Fan dieser Bands, die ständig diesen Wechselgesang zwischen Grunts und klaren Vocals haben. Das wurde mittlerweile einfach zu Tode geritten. Death Metal sollte Death Metal bleiben. Da bin ich doch ein wenig old school (lacht). Aber auf der anderen Seite kann man mit ein wenig Klargesang die ganze Sache auch deutlich aufpeppen. Man sollte es lediglich nicht übertreiben.
Wir haben damit ja schon auf unseren ganz frühen Alben experimentiert und auf "Projector" das Ganze noch mal aufgegriffen. Keiner hat damals verstanden, was wir eigentlich wollten. Alle meinten nur: "Oh, du kannst doch keine Cleanvocals im Death Metal verwenden, das geht doch nicht." Und lauter so Scheiß. Vor allem die alten Fans fanden das ganz furchtbar. Dann sind mehr und mehr Bands dazu übergegangen, das ebenfalls zu machen und heute kann ich es kaum mehr hören. Es war anfangs vor allem deswegen spannend, weil es was Neues war. Mittlerweile erwartet man das ja schon fast von einer Band. Darauf hatten wir aber noch nie Bock und haben die nächsten Scheiben erst mal auf Klargesang verzichtet (lacht). Keine Frage, wir stehen auch sehr auf simple, melodische Songs die einfach direkt in die Fresse gehen. Wir versuchen einfach ne gute Mischung aus allem zu machen.
Damit hast du es schon auf den Punkt gebracht (lacht). Was soll ich sagen? Ich hab einfach nicht die Zeit oder den Drang oder auch den Antrieb, neben Dark Tranquillity noch groß was anderes zu machen. Ich kann mich hier einfach voll und ganz ausleben. Alles, was ich ausdrücken will, kann ich mit Dark Tranquillity tun. Wozu sollte ich da noch eine weitere Band oder ein Projekt gründen? Wir setzen uns selbst ja keine Grenzen und es ist ein so breites Feld, in dem wir uns bewegen. Musikalisch decken wir wirklich jeden Bereich ab, der für mich interessant ist. Von daher hat sich für mich noch nie die Notwendigkeit ergeben, mich anderweitig einzubringen und auszudrücken. Wenn wir irgendwann mal eine Pause einlegen und längere Zeit nichts mit Dark Tranquillity machen, dann könnte das durchaus passieren. Aber bislang habe ich einfach weder Zeit, noch den Drang etwas Derartiges zu machen.
Vermisst du es nicht hin und wieder, Gitarre zu spielen?
Hast du nen Schatten? Ich war echt scheiße! (lacht) Ich kann dir gar nicht sagen wie froh ich bin, dass ich nicht mehr Gitarre spielen muss. Das wurde damals ja mehr oder weniger nur eingeteilt, wer welches Instrument spielt. Wir hatten ja alle keine Ahnung von irgendwas. Ich bin echt froh, dass ich schließlich hinterm Mikro gelandet bin.
Und was du da gelernt hast, hast du letztes Jahr in einem Growl-Seminar an andere weiter gegeben?
Ja, das war auch ne seltsame Sache, hat sich letztendlich aber ganz cool entwickelt. Ich hatte da anfangs gar keinen Bock drauf und hab mich lange dagegen gewehrt. Aber es war dann recht witzig, ein paar jungen Musikern zu erklären, wie sie ihre Stimme auf der Bühne einsetzen können und sich nicht die Stimmbänder vernichten. Es gab da alle möglichen Seminare, auch für Gitarristen, Bassisten, Drummer – alles Mögliche. Die haben dort nach jemandem gesucht, der das Growlen und Schreien beibringen kann und irgendwie kam ich ins Spiel. Ich hab ihnen dann erklärt, was für einen Background ich habe, welche Technik ich beim Singen und Shouten benutze und so weiter. Das hat den Kursteilnehmern letztendlich genauso viel Spaß gemacht wie mir.
Was für Leute waren denn da?
Hauptsächlich Teenager, die ihre ersten Schritte in Metal-Bands gemacht haben. Als ich damals 15 war und mit Metal angefangen hab, wäre ich sofort zu einem Seminar gegangen, wenn man mir da beigebracht hätte, richtig zu shouten und zu growlen. Ich musste es auf die harte Tour lernen. Naja, wie hart das auch immer sein mag, sich ein paar geile Death Metal-Bands anzuhören und versuchen, genauso zu klingen (lacht).
Was war das eigentlich für ein Fußball-Match, das ihr mit The Haunted ausgetragen habt?
Oh, das war echt ne coole Aktion. Das war so ne Art Metal-Cup und wir haben mit Per, Anders und Jonas von The Haunted ein Team gemacht. In Flames haben in einem Team mit ein paar Leuten gezockt, Sabbaton in einem anderen. Das war echt lustig, obwohl ich das letzte Mal 1992 nen Fußball getreten hab. Ich interessiere mich einfach nicht für den Sport und schau mir das nicht mal im Fernsehen an. Ganz anders unser Drummer Anders (Jivarp), der ist ein verdammt guter Kicker. Er war echt unser bester Spieler und hat acht oder neun Tore geschossen. Wir sind letztendlich dritter geworden. Das Team, das den ersten Platz belegte, hat beschissen (lacht). Die hatten einen ehemaligen Spieler aus der italienischen Profiliga dabei. Gegen die haben wir 9:2 oder so verloren. Der Typ war verdammt gut, so was hab ich noch nicht gesehen. Was soll's es war echt ein cooler Tag. Das wird dieses Jahr zwar auch wieder stattfinden, aber wir sind zu dem Zeitpunkt leider auf Tour. Das ist als jährliche Sache geplant, soweit ich weiß. Immerhin waren knapp 3.500 Zuschauer da. Fast alle Teilnehmer waren Musiker, aber wie gesagt, ein paar haben auch beschissen (lacht).
Und da wird Deutschland eine Fußball-Nation genannt. Warum kommen dann deutsche Metalbands nicht mal auf so ne Idee? Könnten die Jungs von Rock Hard doch mal in die Hand nehmen.
Gute Frage, so was sollte bei euch doch eigentlich mit Leichtigkeit auf die Beine zu stellen sein. Wir würden dann auch gern mal vorbei schauen und euch in den Arsch treten (lacht).
So siehst du aus. Aber ihr seid ja andauernd für solche Sachen zu haben. Mit Sonata Arctica habt ihr ja an einem Online-Poker teilgenommen.
Jep, stimmt. Wobei ich da nicht integriert war. Martin (Henriksson) und Martin (Brändström) sind beides echte Zocker in Sachen Poker. Die spielen richtige Turniere - jeder kann sich da einloggen und die beiden herausfordern. Die haben das jetzt vier-, fünfmal gemacht, soweit ich das weiß und hatten immer viel Spaß dabei, den Fans das Geld abzuknöpfen (lacht). Martin Brändström schreibt sogar für ein Poker-Magazin hier in Schweden. Die beiden waren schon in Casinos quer über den Erdball verteilt. Immer, wenn wir irgendwo spielen und es ist ein Casino in der Nähe, verschwinden die beiden und du weißt genau, wo du nach ihnen suchen musst.
Wie oft sind sie denn schon pleite zurück gekommen?
Ach je, das zähl ich schon gar nicht mehr (lacht). Ich interessiere mich ja nicht so sehr für das Spiel, aber ich finde es immer wieder interessant, wie viel Kohle die beiden beim Pokern schon verzockt haben.
Anscheinend schon, die stecken da glaub ich ihr ganzes Geld rein. Nein, im Ernst, wir können von der Musik schon leben, aber im Luxus schwelgen wir noch lange nicht. Wir sind sehr oft auf Tour und arbeiten hart für unseren Erfolg. Glücklicherweise sind wir mittlerweile in einer Position, in der wir mit der Musik unsere Rechnungen zahlen können. Wirklich Geld verdient man als Band heutzutage nur noch auf Tour oder auf Festivals.
Ich hab euch jetzt bestimmt schon fünfmal live gesehen und mir ist immer aufgefallen, dass zwischen euch auf der Bühne nicht allzu viel Kommunikation stattfindet. Kann das sein?
Hm, da hast du wahrscheinlich recht. Ich denke mal … hm … ich denke das ist schlicht und ergreifend nicht notwendig. Dabei ist das abseits der Bühne durchaus ein Thema bei uns. Wir unterhalten uns darüber, ob wir nicht mehr auf Interaktion auf der Bühne achten sollten, weil es nach außen hin dann ganz anders wirkt. Andererseits sind wir so auf unsere eigenen Sachen fokussiert, dass man die Interaktion mit den anderen leicht vergisst. Vor allem Niclas und Martin sind sehr auf ihr Spiel fixiert und ich konzentriere mich auf meinen Gesang und das Publikum. Wir sind da nie anders gewesen aber ich versteh absolut was du meinst. Ich hab das selber sehr gern, wenn ich mir andere Bands anschauen, wenn die auf der Bühne miteinander interagieren und kommunizieren.
Vor allem bei Niclas fällt mir immer wieder auf, dass er sich fast nur auf seine Klampfe konzentriert und es nicht mal zu einem Blickkontakt mit den anderen Jungs kommt.
Ach komm, so krass ist das? Dabei haben wir durchaus unsere kleinen Interaktionen auf der Bühne. Uns fällt natürlich sofort auf, wenn einer sich irgendwo verspielt oder etwas anders spielt und das geht dann gleich rum. Ich mach auch immer mit Anders meine Späße, wenn ich zwischen den Songs vor dem Drumset stehe. Wir sind da eigentlich sogar ziemlich viel am Quatschen, aber das kommt wahrscheinlich für das Publikum nicht so rüber. Für Niclas ist das Livespielen immer was ganz besonderes, er muss da erst in eine bestimmte Stimmung kommen, um die Songs richtig zu fühlen und so spielen zu können, wie er das will. Das ist ihm sehr wichtig und auch Martin wird immer ganz ruhig, wenn es gleich auf die Bühne geht. Beide konzentrieren sich dann voll auf ihre Gitarren. Das ist einfach der einzige Moment, der wirklich zählt, wenn du auf Tour bist. Du hängst den ganzen Tag nur rum und dann kommen die 60 bis 90 Minuten, in denen du alles geben musst und wo alles perfekt sein muss.
Wie muss ich mir denn einen Tag auf Tour bei euch vorstellen? Zwei von euch zocken Online-Poker, du spielst "Dragon Age" oder ein anderes Game und der Rest?
Also es ist mindestens einer immer am Pokern, da hast du recht. Niclas schreibt entweder Songs oder zeichnet und Daniel und ich sitzen meist in der Gegend rum und trinken Bier. Der einzige, der sich wirklich sehr lange und ausführlich aufwärmt, ist Anders. Mehr passiert da echt nicht.
Wie läuft es eigentlich mit Daniel. Er ist ja sozusagen der Neue bei euch. War es schwierig für ihn, sich in ein so lange gefestigtes Bandgefüge wie bei Dark Tranquillity einzufügen?
Nein, überhaupt nicht. Wir kennen ihn ja schon seit etwa 15 Jahren und sind zusammen in der Metalszene in Göteborg aufgewachsen. Das einzige, an das er sich erst gewöhnen musste, war die Art und Weise wie wir proben und Songs schreiben. Das hat ein paar Wochen gedauert, aber jetzt ist er vollkommen integriert bei uns.
Wie wichtig ist denn Metal in deinem Leben.
Boa, verdammt wichtig! Seit ich zehn oder elf war, ist Metal einfach etwas, das immer um mich rum ist. Ich gehe eigentlich nicht mehr vor die Tür, ohne dass ich die Kopfhörer drin hab und Metal höre. Der Sound ist einfach allgegenwärtig für mich. Ok, ich könnte es vermutlich mal ein paar Stunden ohne aushalten aber dann wird's echt eng. Wenn ich an meinem Rechner sitze, geht mindestens die Hälfte der Zeit dafür drauf, neue Bands und neue Musik zu finden. Die restliche Zeit geht natürlich für's Zocken drauf (lacht).
Ich komm da auch nur drauf, weil wir vor Kurzem eine News bei uns hatten, dass Bif Byford von Saxon sich dafür ausspricht, Metal als Religion auszurufen.
Hahaha, echt? Coole Idee eigentlich. Ich wäre sofort ein eifriges Kirchenmitglied.
Als Papst oder was in der Art?
Ne, ich glaub eher als Ministrant (lacht).
Bescheiden, bescheiden. Lass uns mal ein wenig über deine Texte sprechen. Wie kam es dazu, dass ihr einen Titel wie "We Are The Void" (in etwa "Wir sind die Leere", d.Verf.) ausgewählt habt. Fühlst du dich oftmals so leer, oder war es nur eine bestimmte Situation, in der du wusstest: das muss der Titel werden?
Es ist wohl eher so was wie eine Beobachtung oder ein Kommentar auf bestimmte Situationen und Dinge. Ein großer Teil des Albums dreht sich um die Tatsache, dass wir eine große Leere mit uns herum tragen, die jeder mit irgendwas zu füllen versucht. Was das ist, hängt natürlich von jedem Individuum ab, aber viele Leute sind mittlerweile so verunsichert und verängstigt, dass sie sich irgendwelchen furchtbar banalen oder kranken Sachen zuwenden. Irgendein Idiot gibt irgendwas vor und die breite Masse macht es nach. Ganz einfach, weil es ein Gefühl der Sicherheit gibt, weil das ja alle so machen. Ich versuche einen Blick von außen zu riskieren, darüber nachzudenken, warum so viele diese Leere verheimlichen, anstatt sich dazu zu bekennen und versuchen, mit etwas Sinnvollem zu füllen.
Würdest du dich also eher als Beobachter, denn als aktiver Beteiligter bezeichnen?
Hm, auf diesem Album kamen meine Inspirationen eher von Gedichten und anderer Poesie. Vor allem aus der skandinavischen, die sich mit den 'big issue' Themen befasst, also mit Leben und Tod. Die Art und Weise, wie wir mit beidem umgehen und auch, wie wir darüber schreiben. Denn das ist natürlich auch eine Art und Weise, damit umzugehen. Alles in Worte zu fassen und sich auf diese Weise damit zu beschäftigen. Jeder versucht, auf seine Weise mit dem Leben und dem Tod umzugehen und es für sich angenehmer zu machen. Und mir liegt das deutlich mehr, als darauf zu hoffen, dass irgendwann irgendwas passieren wird und alles gut wird. Mir liegt die skandinavische Poesie so, weil sie nicht alles romantisiert, sondern sich sehr nüchtern mit solchen Dingen befasst. Das hat mich bei meinen Texten für dieses Album sehr beeinflusst. Es sind also schon ein paar persönliche Erfahrungen und Erlebnisse mit eingeflossen, aber die sind eher versteckt.
War das hauptsächlich klassische Literatur, die dich dabei inspiriert hat?
Sowohl als auch. Ich hab mich in der Bibliothek und meiner Bücherei richtig eingedeckt mit Literatur, die irgendwie mit Verlust, Tod oder Trauer zu tun hatte. Dabei war es mir relativ egal, ob das von einer ältere Dame geschrieben wurde, die ihre Gedanken und Gefühle über ihren von ihr gegangenen Ehemann verfasst, oder ob es eher was aus der Hip Hop-Szene war und gerade mal vor ein paar Monaten veröffentlich wurde. Man findet überall Inspiration.
Na dann passt es ja sehr gut, dich nach einem interessanten Buch zu fragen, dass du unseren Lesern empfehlen könntest.
Ein Buch, dass mich mehr als jedes andere die letzten paar Jahre gefesselt hat, heißt "The Road" von Cormac McCarthy. Ich hab es die letzten zwei Jahre wahrscheinlich fünfmal gelesen und es macht mich jedes Mal wieder total fertig. Das Buch ist der Hammer und ich werde mir morgen den Film anschauen. Ich kann das Buch nur jedem ans Herz legen. Es ist wunderschön, aber gleichzeitig auch unglaublich deprimierend und melancholisch.
Ein paar Tage vor Weihnachten ist bei Dark Tranquillity immer noch große Promotiontour angesagt. Immerhin erscheint am 24. Januar das neue Album "Character", für das die Schweden noch kräftig die Werbetrommel rühren wollen. Auch laut.de nutzt die Möglichkeit und klaut Dark Tranquillity-Sänger Mikael Stanne ein paar Minuten seiner Zeit.
Aus einem lockeren Geplauder über Weihnachtseinkäufe, Album-Produktionen und Musik-Fernsehen entwickelte sich dann doch noch ein sehr ernsthaftes Gespräch. Natürlich zum Thema 'Charakter', an dem es Mikael nach eigener Einschätzung mangelt: "Ich mache einfach zu viele bescheuerte Sachen."
Hi Mikael, wie sieht's aus, hast du deine Weihnachtseinkäufe schon erledigt, oder ...
Ach hör bloß auf, keinen einzigen, das wird das totale Chaos geben. Da will ich gar nicht erst dran denken.
Ok, lassen wir das Thema und kommen direkt zu eurem neuen Album "Character". Das tritt mit dem Opener "The New Build" und dem darauf folgenden "Through Smudged Lenses" gleich mal ganz schön in den Arsch. Während andere Bands immer melodischer werden und sich eher dem Mainstream annähern, werdet ihr wieder aggressiver?
Worauf du wetten kannst, hehe. Ich finde das einfach etwas strange, dass alle versuchen, immer melodischer zu werden. Da haben wir keinen großen Bock drauf. Wir wollten einfach ein Album, das nicht so vorhersehbar ist und das wieder eine Spur komplexer und härter ausfällt. Es erschien uns einfach nicht sonderlich sinnvoll, ein Easy Listening-Album aufzunehmen. Dass wir durchaus melodische und leicht konsumierbare Sachen schreiben können, haben wir bewiesen, aber "Character" sollte einfach wieder direkt an die Eier gehen. Für uns war das eine natürliche Reaktion auf das, was wir bisher gemacht haben, und auf das, was die anderen Bands aus unserer Ecke momentan machen. Da versuchen wir uns etwas abzuheben.
Was definitiv gelungen ist. Auf der anderen Seite frag ich mich aber, wo ihr die ganze Aggression herholt? Wenn man euch auf der Bühne sieht, grinst ihr euch immer tierisch einen ab, und du klingst hier am Telefon auch ganz relaxt. Was geht euch denn so auf die Eier? Stressen euch die Freundinnen so sehr?
Hahaha, nein, nicht wirklich. Wenn wir auf der Bühne stehen, ist das einfach ein geniales Gefühl. Man spielt seine Songs, sieht die Fans vor sich, die dazu abgehen. Wie kannst du dabei nicht grinsen und dich wohlfühlen? Andererseits behandeln wir in unseren Songs meist recht ernste Themen. Aber es hat doch keinen Sinn, das auch ständig nach außen hin zu tragen. Für mich ist es immer sehr befreiend, diese Themen zu Papier zu bringen und im Studio diese Emotion noch mal rauszulassen. Das geschieht zwar auch live auf der Bühne, doch da sind einfach zu viele positive Energien, als dass ich die ganze Zeit mit einem grimmigen Gesicht rumlaufen könnte. Ideen für ernste Themen findet man aber überall und jeden Tag. Da reicht es meist schon aus, die Nachrichten anzuschauen.
Das neue Album klingt sehr frisch und spontan. Wie sehr wart ihr vorbereitet, als ihr ins Studio gegangen seid?
Bis ins kleinste Detail. Auf diese Art und Weise arbeiten wir immer. Wir schreiben die Songs und arbeiten sie komplett im Proberaum aus, bevor wir auch nur einen Fuß ins Studio setzen. Dabei geht es dann ausschließlich um das Aufnehmen der Songs. Wir sind keine von denen Bands, die erst im Studio noch neue Songs schreiben oder komplett umarrangieren. Es ist bei uns auch nicht so, dass wir mit 20 Songs ins Studio gehen, alles mal aufnehmen und uns dann zusammen setzen, um zu sehen, welche es davon denn aufs Album schaffen. Was du auf "Character" hörst, ist das, was wir geschrieben haben und was es uns wert war, aufzunehmen.
Immer mehr Metal Bands gehen dazu über, eine Single mit Videoclip zu veröffentlichen. Das habt ihr mit "Lost To Apathy" auch getan. Was genau versprecht ihr euch denn davon? Denkst du, es gibt einen anständigen Markt für so was?
Ja, warum nicht? Ehrlich gesagt hatten wir keine genaue Vorstellung davon, was wir uns davon versprechen sollten. Der Vorschlag wurde vom Label gemacht, wir waren einverstanden, und soweit ich informiert bin, verkauft sich das Teil ganz ordentlich. Das Video läuft hier in Schweden auch ganz ordentlich, von daher können wir uns echt nicht beschweren.
Gibt es eine konkrete Storyline für das Video, oder ist es nur wieder das typische Playback-Spielchen vor irgendeinem Hintergrund?
So wie du das sagst, klingt das ganz schön cheesy, haha. Aber ganz so einfallslos waren wir dann doch nicht, denn wir haben eine paar der Covermotive von Niclas (Sundin) verwendet, und die tauchen jetzt auch in 3D im Video auf, was meiner Meinung nach ganz interessant ist. Das sind dann sehr abgefahrene Landschaften, die ein Freund von uns in Göteborg programmiert hat, und ich bin eigentlich sehr zufrieden damit. Ich weiß ja nicht, wie das in Schweden ist, aber in Deutschland sieht man auf den Musikkanälen eigentlich nur noch irgendwelche Klingelton-Werbung und wenn man Glück hat, auch mal ein Video. Lohnt sich da der ganze Aufwand überhaupt?
Ich denke schon. In Schweden und allgemein in Skandinavien läuft wesentlich mehr Metal in den üblichen Programmen. In Italien läuft das Video auch ganz anständig, und auch in einigen anderen europäischen Ländern haben wir ein gutes Feedback bekommen. Selbst auf MTV gibt es ja inzwischen wieder eine eigene, wenn auch kleine Metalsendung (Hell's Kitchen, Anm. d. Red.), und außerdem gibt es ja immer mehr DVD-Sampler, auf denen sich so was auch gut macht und die auch einige neue Fans erreichen.
Auf der Single befindet sich auch der sogenannte Chaos Mix von 'The Endless Feed'. Handelt es sich dabei tatsächlich um eine Band, die den Song neu gemischt hat?
Nein, nein, das Ding hat unser Keyboarder Martin (Brändström) remixt und sich dann diesen Namen dazu ausgedacht. Ich finde es aber ganz interessant, weil er damit ein paar andere Aspekt aus dem Song rausgeholt hat. Wir haben auch mal darüber nachgedacht, von anderen Bands wirklich Remixes anfertigen zu lassen, aber so ganz glücklich bin ich mit solchen Ideen nicht. Ich bin kein großer Fan von solchen Sachen, wobei da schon einige interessante Ansätze herausgekommen sind. Wir werden sehen, definitiv verneinen kann ich es nicht, hehe.
Mit dem Single Track "Derivation TNB" habt ihr euch ja mal was besonderes einfallen lassen.
Dabei handelt es sich um Parts aus unterschiedlichen Songs des Albums, die wir alle auch in anderen Tempi oder anderen Arrangements spielen. Das ist dann so eine Art akustisches Memory, hahaha. Sogar ich habe immer wieder Probleme, festzustellen, welcher Part oder welche Melodie aus welchen Song stammt. Die Idee dazu hatten wir schon länger, aber jetzt konnten wir sie endlich mal umsetzen.
"Projector" war damals (1999) im Vergleich zu "Character", ein sehr melancholisches, emotionales Album. Es hat sich auch von allen anderen Alben sehr deutlich unterschieden. Woran lag das?
Das lag zum Teil daran, dass auf einmal alle von der Göteborg-Szene gesprochen haben, und wir mit all den anderen Bands in einen Topf geworfen wurden. Das schmeckte uns nicht sonderlich, weshalb wir einen anderen Weg suchten. Das war etwa 96/97, und es hat uns echt angeödet. Wir wollten einfach beweisen, dass wir nicht nur eine von vielen Death Metal-Bands aus Göteborg sind, sondern wirklich was Besonderes. Es war also das erklärte Ziel, anders an die Sache heran zu gehen. Davon waren viele sehr überrascht und zum Teil sogar richtig geschockt, aber darauf konnten und wollten wir einfach keine Rücksicht nehmen. Es war dringend notwendig, ein Album in dieser Art zu schreiben, damit wir die Köpfe wieder für andere Sachen frei hatten. "Projector" behandelte auch textlich und vor allem emotional ganz andere Themen, als unsere anderen Platten. Es war somit schon eine Ausnahmeerscheinung.
Warum seid ihr danach aber wieder zu eurer alten Herangehensweise zurück gekehrt? Vor allem von cleanen Vocals hast du dich ja wieder komplett verabschiedet.
Das ist einfach die Frage, wo sie hinpassen und wo nicht. Bei "Damage Done" beispielsweise, wollten wir zunächst mal zurück zu dem, was uns ursprünglich dazu bewegt hat, Musik zu machen. Dann war es auch noch so, dass auf einmal unzählige andere Bands auch mit cleanen Vocals und diesen melancholischen Elementen gearbeitet haben, und das hat uns auch ein wenig den Spaß daran verdorben. Aber wer weiß, vielleicht schreiben wir ja auf dem nächsten Album wieder ein paar Songs, bei denen auch cleane Elemente passen. Auf "Character" war das einfach nicht so sehr der Fall.
Ach komm, hör auf, Songs wie "One Tought" oder "My Negation" bieten sich dafür doch förmlich an!
Ja, ok, hast schon recht, haha. Aber es würde sich nicht richtig anfühlen. Es hätte für mich so den Beigeschmack, dass wir das nur machen, weil es viele so hören wollen, und das ist einfach nicht unsere Art.
Das kann ich so gelten lassen. Ihr seid jetzt 15 Jahre dabei und wurdet zu Beginn sicherlich von einigen Bands beeinflusst. Wie fühlt es sich denn an, inzwischen selbst von unzähligen Bands als einer der Haupteinflüsse vermerkt zu werden?
Keine Ahnung, hahaha. Ich versuche, darüber nicht nachzudenken, weil ich auch gar nicht weiß, wie ich auf solche Sachen reagieren soll. Wie soll man denn mit so einem Kompliment umgehen, ich weiß es echt nicht. Wie du schon gesagt hast, wir wurden selbst von einigen Bands beeinflusst, und einige dieser Bands finde ich immer noch großartig, sie sind so was wie meine Helden. Wenn ich mir vorstelle, dass das einigen jüngeren Bands jetzt genauso mit uns geht, dann schwirrt mir richtig der Kopf. Wenn mir das einer sagt, dann sage ich artig danke, lächele verkniffen und mach mich aus dem Staub, haha.
Ihr seid Anfang 2005 mit Kreator auf Tour. Die hatten doch sicher Einfluss auf euch.
Ja, absolut! Einer der größten Einflüsse überhaupt.
Und wie geht ihr mit denen um?
Das sind ganz normale Typen, richtig freundlich und relaxt. Mit denen kann man jede Menge Spaß haben.
Na, merkste was?
Jahaha, schon, aber irgendwie fühlt sich das doch anders an, wenn du selbst in so einer Situation bist.
Dein Sangeskollege von In Flames spricht nicht so gerne über seine Texte, wie sieht das bei dir aus?
Das ist schon ok, frag nur. Es ist nur so, dass ich versuche, mich textlich mit Dingen zu befassen, über die ich im normalen Leben nur sehr schwer sprechen kann. Es sind einfach einige sehr negative und frustrierende Themen, die ich da behandle. Ich würde mich selber eigentlich nicht als negative eingestellte Person bezeichnen. Dieses Album befasst sich sehr mit Einstellungen gegenüber alltäglichen Dingen, Richtungen, die man einschlägt oder auch nicht, Überzeugungen und inneren Werten. Das sagt der Albumtitel ja auch schon aus. Es geht um den eigenen Charakter, wie man diesen ausprägt und dazu steht. In der heutigen Zeit gibt es leider immer weniger Menschen, die wirklich Charakter zeigen und dazu stehen. Ich finde das sehr bedauerlich. Vor allem weil ich gestehen muss, dass wir zwar musikalisch unseren eigenen Charakter haben, ich das von mir persönlich aber nicht unbedingt behaupten kann.
Wie soll ich denn das bitte verstehen?
Naja, ich mache einfach zu viele bescheuerte Sachen, von denen ich eigentlich weiß, dass sie Quatsch sind. Aber anstatt, dass ich den Blödsinn bleiben lass, mach ich's trotzdem und sitze im Nachhinein da und frage mich, was der Scheiß denn sollte. Du weißt schon, man macht sein Hirn und seinen Körper kaputt und weiß es, macht aber trotzdem damit weiter. Das zeugt doch nicht gerade von Charakter.
Komm schon, fast jeder säuft hin und wieder zu viel oder baut sonst irgendeinen Scheiß, der schon von vorne herein nur schief gehen kann.
Ja klar, und das ist stellenweise auch ganz in Ordnung. Ich hätte nur auch immer wieder mal gern die Eier oder eben den Charakter, um daran was zu ändern. Vielleicht im neuen Jahr, hahaha.
Natürlich ... aber egal. Die Textzeile "Look at the shell that is you", aus dem "Track Lost To Apathy" scheint eine große Bedeutung für euch zu haben. Immerhin taucht sie auch auf der Startseite eurer Homepage auf. Handelt es sich dabei um so etwas wie eine Kernaussage?
Nein, eigentlich nicht. Obwohl es schon ein Denkanstoß sein soll. Wenn du dich und deine Einstellungen reflektierst und darüber nachdenkst, was dich antreibt und was du erreichen willst, dann kann es passieren, dass da nicht viel bei rum kommt. Was hast du davon, wenn anderen denken, was du machst sei cool, dabei ist es eigentlich bescheuert. Alles was du tust, ohne eine wirkliche Begeisterung dafür zu empfinden, ist eigentlich nicht viel wert. Natürlich ist es leichter, einfach dem Strom zu folgen als sich selbst als Individuum zu definieren, aber ist das dann wirklich ehrlich dir selbst gegenüber? Ich glaube nicht.
Nächstes Jahr erscheinen "The Gallery" (1995) und "The Mind's I" (1997) noch mal. Gibt es die Neuauflage weltweit oder nur für den amerikanischen Markt?
Kann ich dir gar nicht genau sagen. Eigentlich war das nur für Amerika geplant, aber ich glaube, in Europa werden sie auch erhältlich sein. Die alten Pressungen sind hier wohl auch schon fast ausverkauft, und vor allem auf "The Gallery" sind ein paar ganz coole Bonus-Sachen drauf. Die gab es bisher nur auf limitierten Singles oder als Bonus für Japan. Dazu gibt es ein neues Coverartwork, einen neuen Mix usw. Aber wie gesagt, ursprünglich war es für den amerikanischen Markt gedacht.
Nicht nur Amerika scheint ein guter Markt für euch zu sein, auch Korea. Ihr habt da vor kurzem eine Show gespielt, die sogar fürs Fernsehen aufgezeichnet wurde.
Ja, das war schon abgefahren. Zum einen war das ein sehr gemischtes Festival, so dass alle möglichen musikalischen Stilrichtungen dort aufgetreten sind. Zum anderen fand es sozusagen unter Palmen an einem Strand statt, und du hattest von der Bühne aus die Sicht auf das Meer. Das war schon extrem cool. Wir hatten den Headlinerposten am ersten Tag und spielten vor etwa 35.000 Menschen. Teile von dem Konzert werden auf der Digipack-Version von "Character" zu haben sein. Das war definitiv eine der interessantesten Erfahrungen meines Lebens. Frag mich jetzt aber nicht, ob das tatsächlich dann im nationalen koreanischen Fernsehen lief. Ich glaube zwar schon, bin mir aber nicht 100% sicher.
Wie wirst du Weihnachten und Silvester verbringen?
Weihnachten auf jeden Fall mit meiner Familie und Silvester, hm, noch keine Ahnung. Irgendeine Party wird sich aber schon finden, hehe. Momentan ist da nicht allzu viel Zeit für Planung. Wir hatten einige Shows zu spielen, jetzt die ganzen Interviews, und wenn ich heim komme, ist erst mal Chaosshopping angesagt, um alle Geschenke noch zu bekommen.
Dann will ich dich davon nicht länger abhalten. Haste denn ein paar gute Vorsätze fürs neue Jahr?
Das übliche halt, mehr trinken, mehr Sex, was man sich eben so vornimmt, hahaha. Und du?
Öh, ja, ich schließe mich dir glaub ich an. Außerdem hab ich mir vorgenommen, endlich Rockstar, reich, schön und berühmt zu werden.
Na dann, viel Glück, hahaha.
We Ar The Void (2010), Yesterworlds - The Early Demos (2009), Where Death Is Most Alive (2009), Fiction (2007)
Live Damage (2003)
Projector (1999), The Mind's I (1997), The Gallery (1995), Skydancer (1993)
| Fr | 31.05.2013 | Dark Tranquillity Beastival (Geiselwind) |
19,90 EUR
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