Porträt

laut.de-Biographie

Mötley Crüe

In der Schundpresse gelten sie als skandalträchtigste Band aller Zeiten, für viele Metal-Fans sind sie dagegen nur Poser, die kaum ihre Instrumente in den Händen halten können. So oder so gehören Mötley Crüe zu den schillerndsten musikalischen Vertretern der 80er Jahre.

Als Sänger Vince Neil, Drummer Tommy Lee, Gitarrist Mick Mars und Basser Nikki Sixx 1981 in Los Angeles zusammen kommen, haben sie nur eines in Kopf: Sich mit Sex, Drugs und Rock'n'Roll durchzuschlagen. Nikki, der mit bürgelichem Namen Frank Ferrano heißt, trifft in L.A. auf Tommy Lee Bass, der zu der Zeit den Spitznamen T-Bone trägt, weil er kaum Fleisch auf den Knochen hat. Als nächstes stoßen sie auf den Gitarristen Robert Alan Deal, der seinen Namen bald in Mick Mars ändert. Auf der Suche nach einem Rhythmusgitarristen stoplern sie schließlich über Vince Neil Wharton, der als Sänger perfekt zu dem Trio passt und schon wenig später spielen sie ihren ersten Gig im Vorprogramm von Y&T.

Bereits in den ersten Monaten nach der Gründung machen sie mit extremer Partyleidenschaft und bunten Kostümierungen auf sich aufmerksam. Ihrem Bandnamen, einer Abweichung von 'Motley Crew', zu deutsch 'bunter Haufen"' fügen sie noch Umlaute hinzu, weil sie Löwenbräu als ihr Lieblingsbier betrachten. Für 6000 Dollar nehmen sie ihr Debüt "Too Fast For Love" (1981) auf. Zunächst nur bei ihren Auftritten erhältlich, unterschreiben sie 1982 einen offiziellen Plattenvertrag bei Elektra. Schon zu der Zeit fahren sie ihre erste Headlinertour durch Kanada, spielen dort aber hauptsächlich in kleineren Clubs und Schwulenbars. Doch schon mit ihrem Zweitling "Shout At The Devil" gelingt ihnen 1983 der Durchbruch, der ihnen große Konzerte in Kalifornien, eine Australien-Tour als Vorband von Kiss und eine US-Tour mit Ozzy Osbourne einbringt.

Auch Europa kommt langsam in den Genuss der Band; im Vorprogramm von Iron Maiden verbraucht das Quartett so manche Dose Haarspray. Doch kein Erfolg ohne Skandal, lautet ihre Devise. Erst kritisiert ein 'Committee On Pornography In Rock Music' des US-Senats die Band wegen gewaltverherrlichender und frauenfeindlicher Texte. Dann knallt ein verkokster, nackter Sixx mit seinen Porsche gegen einen Masten. Schließlich baut Neil einen wüsten Unfall, als er besoffen in ein anderes Auto fährt. Sein Beifahrer Razzle - Schlagzeuger von Hanoi Rocks - stirbt, die Insassen des beteiligten Fahrzeugs kommen mit lebensgefährlichen Verletzungen davon.

Anstatt für Ewigkeiten in den Bau zu fahren, muss Neil gerade einmal 30 Tage absitzen, 200 Stunden Sozialdienst leisten und 2,6 Millionen Dollar Schadensersatz zahlen. Nachdem sich Neil einer Therapie unterzieht, geht das kollektive Saufen aber fröhlich weiter. Zwar ist "Theater Of Pain" (1985) dem verstorbenen Freund gewidmet, am Lebensstil der Party Animals ändert sich aber nichts. Auf den anschließenden Touren (u.a. mit Cheap Trick) kommt zum ersten Mal der seitdem bekannte Drumriser der Band zum Einsatz, der Tommy Lee während seines Drumsolos einmal quer durch die Luft schwenkt und dabei sogar kopfüber spielen kann.

Nachdem Lee im Mai '86 Heather Locklear heiratet, findet Neil auch endlich die Zeit seine 30 Tage Knast abzusitzen, von denen er aber nur 18 tatsächlich hinter Schwedischen Gardinen verbringt. Auf "Girls, Girls, Girls" (1987) findet die Crüe wieder zu ihrer alten Thematik zurück, zeigen sich aber deutlich härter. Das Album erreicht Nummer zwei in den US-Charts und muss sich nur Whitney Houston geschlagen geben.

Für die Tour verpflichtet das Quartett zunächst Whitesnake und etwas später Guns N'Roses als Opener. Bei einem drogenreichen Abend in Slashs Hotelzimmer erliegt Sixx während der Japan-Tour beinahe einer Überdosis Heroin - wie in "Pulp Fiction" rettet ihn eine Adrenalinspritze ins Herz. Der Bassist war aber laut eigenen Aussagen schon zwei Minuten in Valhalla und legte dort wohl ein paar Walküren flach. Elektra stellt die Band daraufhin vor die Wahl, zu entziehen oder ohne Vertrag da zu stehen. Sie entscheidet sich für die erste Option.

Im Sommer 1989 spielen sie mit Bon Jovi, Ozzy Osbourne, Skid Row und den Scorpions vor 100.000 Zuschauern in Moskau. Der Liveübertragung im Fernsehen sollen sogar eine Milliarde Menschen beiwohnen. Die globale Aufmerksamkeit trägt Früchte: Das wenig später veröffentlichte Album "Dr. Feelgood" erreicht die Nr.1 in den US-Charts und verkauft sich im Heimatland über drei Millionen Mal.

Auf dem Album sind neben Bryan Adams, Steven Tyler und Skid Row noch einige andere Gäste vertreten. Die sich anschließende Mammut-Tour rund um die Welt ist beinahe komplett ausverkauft. Sowohl Mick, als auch Nikki heiraten 1990 und nachdem die Best-Of "A Decade Of Decadence" erscheint, geht es an neues Material. Allerdings nicht ohne Probleme, denn Neil verfällt erneut dem Alkohol und interessiert sich eher für Autorennen als für Musik. Die Band feuert ihn und holt John Corabi als Ersatzmann. Das Ergebnis "Mötley Crüe" (1994) ist zwar ihre bsi dato teuerste Produktion, verkauft sich aber spärlich, wie auch die Eintrittskarten zur Tour.

Neil macht derweil solo weiter und holt sich für seine Band den ehemaligen Billy Idol-Klampfer Steve Stevens, sowie den Ex-Ozzy Osbourne-Basser Phil Soussan. Das Debüt der Vince Neil Band verkauft sich noch ganz anständig, jedoch sieht es mit den darauf folgenden Veröffentlichungen nicht ganz so rosig aus. Nachdem Corabi bei Mötley Crüe wieder seinen Hut nehmen muss, startet er zusammen mit dem ehemaligen Kiss-Gitarristen Bruce Kulick die Band Union. Da all das nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist, holen sich Mötley Crüe Vince wieder zurück in die Band.

Zwischenzeitlich gelingt es einzig Schlagzeuger Lee weiterhin für Schlagzeilen zu sorgen. Seine Eskapaden sind so berühmt wie die Mick Jaggers, seine Hochzeit und Streitereien mit Bay Watch-Silikonbusen Pamela Anderson beherrschen jahrelang die Gazetten aller Welt. Ein Video, das die beiden beim Sex am Pool zeigt sorgt für Überlastung so manch einer Internet-Leitung. Dagegen macht eine Kinderfeier in Lees Villa 2001 traurige Schlagzeilen, als der Sohn der deutschen Schauspielerin Ursula Karven im Pool ertrinkt. Ein Prozess wegen fahrlässiger Tötung endet mit einem Freispruch.

Weit weniger glamourös gestalten sich dagegen die Aktivitäten um Mötley Crües. Zwar kehrt Neil 1997 zurück; nach dem Album "Generation Swine" und einer Tour (teilweise als Opener für Type O Negative), die von Randalen und Streitereien bestimmt ist, schmeißt Lee aber das Handtuch. Während er die Metal Rap-Band Methods Of Mayhem gründet und mit dem gleichnamigen Album 2000 einen großen Erfolg landet, verpflichtet seine Ex-Band den ehemaligen Ozzy Osbourne-Schlagzeuger Randy Castillo. Mit ihrem gemeinsamen Studiowerk "New Tattoo" (2000) landen sie aber einen Flop und auch die Tour mit Megadeth und Anthrax ist nicht der erwartete Erfolg. Nach der Veröffentlichung der lesenswerten Autobiografie "The Dirt" (2001) und dem Krebstod Castillos 2002 lösen sich Mötley Crüe faktisch auf.

Danech beschäftigt sich der tätowierte Schlagzeuger Lee wieder hauptsächlich mit dem anderen Geschlecht, Pamela Anderson schickt ihn aber derweil wieder in die Wüste. Ende 2003 ist es Pink, die an seiner Angel anbeißt, sich aber bald schon wieder verabschiedet. Nikki Six startet in der Zwischenzeit mit Tracii Guns (Ex-L.A. Guns) die Brides Of Destruction. Auch als Songwriter ist er umtriegibf und schreibt für Saliva, Drowning Pool und Tantric. Derweil sich die mediale Aufmerksamkeit auf Tommy konzentriert, ziehen im Hintergrund unmerklich andere Leute die Mötley Crüe-Strippen.

Ein gewisser Mags Revell, britischer Promoter der Metropolis Music Group, bringt den Stein wieder ins Rollen, indem er eine Initiative startet, deren Ziel es ist, die Originalmitglieder der Crüe zu einer Reunion zu überreden. Dank des Internets erhält er bald enormen Zuspruch seitens gefrusteter Mötley-Fans. In Eigenregie reserviert er Venues in Großbritannien und zwingt die Band quasi dazu, dort auch aufzutreten, denn andernfalls hätte der gute Mags finanziellen Schiffbruch erlitten.

Offensichtlich haben Vince, Nikki, Mick und Tommy diesen Arschtritt gebraucht, denn nachdem sie spitz kriegen, dass alleine im Vereinigten Königreich mehrere zehntausend Fans nach einer Reunion geifern, kommt es schließlich am 6. Dezember 2004 zum offiziellen Vollzug. Bei einer Pressekonferenz erklärt das Quartett, wieder gemeinsam auf Tour gehen und auch neues Material aufnehmen zu wollen.

Der Presse-Tamtam um Mötley Crüe führt sogar dazu, dass der Server der offiziellen Seite ob dieser Nachricht in die Knie geht; das Interesse der Fans scheint wirklich vorhanden zu sein. Nicht kleckern, sondern klotzen lautet das Motto der Tournee, die unter dem Banner "Red, White And Crüe Tour ... Better Live Than Dead" nur in den ganz großen Hallen Station macht. Vor der Tour erscheint wieder einmal ein Best Of-Album ("Red White And Crüe"), gefolgt von einer weiteren Live-Scheibe im Mai 2006 ("Carnival Of Sins").

Neben der Mötley-Reunion versucht Tommy Lee sich auch wieder als Solo-Künstler. Er nimmt Platten mit Mitgliedern von Incubus und den Deftones auf, außerdem bringt er zwei Solo-Alben "Never A Dull Moment" (2002) und "Tommyland - The Ride" (2005) heraus.

Dass man aber wohl tatsächlich mit einem neuen Studioalbum rechnen darf, steckt Nikki dem laut.de-Redakteur im Interview in Köln. Danach satteln die Amis allerdings ihre Hühner und gehen mit Motörhead zusammen auf Australien-Tour. Bevor aber tatsächlich neues Material der Band auf den Markt kommt, erscheint über Nuclear Blast Records zunächst die Biographie "The Dirt" als Hörbuch, gelesen von Schauspieler und Knastbruder Ralf Richter.

Im Sommer 2006 sind sie mit Aerosmith auf US-Tour unterwegs, gleichzeitig aber dabei, an einem neuen Album zu basteln. Nikki ist unterdessen als Sixx A.M. aktiv, Mick hilft bei den Finnen von Crashdiet mit Ideen aus und bringt seine Songwriter-Qualitäten auch anderweitig gern ein.

Tatsächlich melden sie sich 2008 mit dem starken "Saints Of Los Angeles" zurück. Während vor allem Nikki neben der Musik auch als Autor und Fotograf einige Meriten einsammelt, versucht sich auch Sänger Vince Neil 2010 auf dem Gebiet und veröffentlicht "Tattoos & Tequila", sowohl als Buchtitel, als auch als CD.

2011 kommt es schließlich sogar zu einer Tour mit den eher weniger geschätzten Poison, ohne dass auf oder hinter der Bühne groß die Fetzen fliegen. Passend zum Weihnachtsverkauf erscheint Ende November noch die Best-Of "Greatest Hits!".

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