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Mit einer langen schwarzen Zottelmähne überm Gesicht, einer Zweiliterflasche Jack Daniel's zwischen den Beinen und einem absolut fertigen Gesichtsausdruck präsentiert sich Slash zum ersten Mal der breiten Öffentlichkeit - auf der Rückseite der Guns'n'Roses Platte "Appetite For Destruction." Das ist 1987, und bald war er der meist gefeierte Gitarrist des Planeten; mit seiner Gibson Les Paul, nacktem verschwitzten Oberkörper, Alkohol- und Drogenexzessen verkörpert er jene Art Rockheld, der mit Keith Richards langsam aber sicher zu alt geworden ist.
1965 im englischen Stoke-on-Trent als Saul Hudson geboren, zieht Slash im Alter von elf Jahren nach Los Angeles, wo er im Laufe der Pubertät sein BMX-Rad gegen eine Gitarre tauscht. Es folgt eine klassische Rockerkarriere: Er schmeißt die Schule und spielt sich durch Clubs und Bands, bis er auf die richtige stößt.
Ab 1985 bildet er den idealen Gegenpol zum feminin wirkenden und zur Psychopathie neigenden Axl Rose, und nicht nur in der äußeren Erscheinung: Während sich der Sänger in einen immer größenwahnsinnigeren Egotrip steigert, bleibt Slash ein bodenständiger Vertreter der Sex, Drugs and Rock'n'Roll-Fraktion und lässt sich die Stimmung nicht vermiesen.
Trotz der Streitereien sind die Jahre mit Guns N' Roses die fruchtbarsten seines musikalischen Schaffens. Obwohl kein begnadeter Techniker, schafft er in jener Zeit coole Riffs und Soli wie am Fließband - auch als Gastmusiker, wie bei Lenny Kravitz ("Always On The Run") oder Michael Jackson ("Black And White").
Als die Band anfängt, sich ab 1994 nach und nach aufzulösen, begibt sich Slash auf Solopfade. Erst mit einer zusammengewürfelten Liveband namens Slash's Blues Ball, dann mit Slash's Snakepit, die 1995 eine Platte namens "It's Five O'Clock Somewhere" herausbringt. Der Erfolg ist mäßig, und während der folgenden Tournee erscheint der Gitarrist in schlechter Verfassung: Nach wie vor laut, aber aufgedunsen und mit einer ordentlichen Wampe über der Lederhose.
Es wird ziemlich ruhig um ihn. Er heiratet und kümmert sich hauptsächlich um seine Familie, die neben seiner Frau aus einer Schlangensammlung mit etwa 300 Exemplaren besteht. 1999 ruft er wieder Snakepit ins Leben. Mit einer komplett neuen Formation nimmt er "Ain't Life Grand" auf.
Der Jahre lange Drogen- und Alkoholkonsum zeigt zunehmend Wirkung und es folgt sogar eine OP, bei der er einen Defibrillator eingesetzt bekommt. Mit Velvet Revolver gelingt ihm noch einmal der Sprung auf die große Bühne, privat geht es jedoch rapide bergab, wie er in seiner Autobiographie 2008 kurzweilig schildert. Erst der Umstand, dass er zuhause Frau - mittlerweile seine zweite - und zwei Kinder hat, veranlassen ihn 2007 zu einer Entziehungskur.
Mit Guns N'Roses hat er derweilen nichts mehr zu tun, da Axl irgendwann die ganze Band gefeuert hat. Die Veröffentlichung von "Chinese Democracy" nutzt vor allem Rose, um Slash ewige Feindschaft zu schwören und jegliche Reunion auszuschließen. Da es auch bei Velvet Revolver nicht weitergeht, stellt Slash eine Soloplatte mit prominenten Gastsängern zusammen, die im April 2010 erscheint.
Auf ihr zeigt sich erneut: Slash ist, bleibt und wird immer ein Gitarrist alter Prägung sein - alles dreht sich um den dreckigen R'n'R-Riff als Ventil für adrenalingreschwängerte Rock-Explosionen. Auf der anschließenden Tour zum Album begleitet ihn Myles Kennedy (Alter Bridge) als Sänger und mit ihm kehrt er auch solo wieder in die Bandkonstellation zurück und veröffentlicht 2012 "Apocalyptic Love". Doch auch mit Velvet Revolver soll es spätestens 2013 wieder weitergehen.
Slash über die Macht der Tontechniker und Support-Anfragen von Bieber und Rihanna.
"Apocalyptic Love" heißt das aktuelle Solo-Album von Slash, das eigentlich gar nicht mehr solo ist. Denn mit Myles Kennedy (Alter Bridge) hat Slash mittlerweile einen festen Sänger dabei, der auch kräftig am Songwriting beteiligt war. Die Bandsituation liegt dem gebürtigen Briten einfach, wie er im Laufe des Gesprächs zugibt, auch wenn das akustische Show-Laufen auf "Slash" eine willkommene Abwechslung war.
Die Einführung in die Rock And Roll Hall Of Fame ist gerade erst ein paar Tage her, doch das Management sieht es nicht gern, wenn man dazu und zum leidigen Thema Axl Rose Fragen stellt. Eigentlich auch egal, immerhin gibt es genügend andere Dinge, über die man mit dem ausgesprochen höflichen und absolut bodenständigen Gitarristen reden kann
Das neue Album "Apocalyptic Love" wird in den USA über dein eigenes Label Dik Hayd International vertrieben.
(Schmunzelt) Ja, ja. Als wir uns den Namen ausgedacht haben, war das noch furchtbar lustig, aber mittlerweile ... es ist halt ein Name, was soll's.
Ist das Label nur für deine persönlichen Veröffentlichungen vorgesehen oder willst du da auch andere Bands unter Vertrag nehmen?
Bislang ist es nur für meine Veröffentlichungen und ich habe auch noch keine Pläne, irgendeine bestimmte Band unter Vertrag zu nehmen. Was aber nicht ausschließt, dass ich das in Zukunft ändern könnte. Bislang bin ich nur noch über keine Band gestolpert, die dermaßen meine Aufmerksamkeit erregt hätte, dass ich sie unbedingt auf meinem Label haben wollte. Außerdem bin ich meisten so sehr mit meinen eigenen Songs beschäftigt, dass ich das arbeitstechnisch nur schwer bewältigen könnte. So wie es bislang mit dem Label läuft, stecke ich da gar keine große Arbeit rein. Das existiert nur, um meine eigene Musik entsprechend zu veröffentlichen.
Die letzte Scheibe hast du mit zahlreichen Sängern und Sängerinnen aufgenommen. Dieses Mal ist es allem Anschein nach wieder ein Bandalbum geworden, wie du sie mit Guns N'Roses oder Velvet Revolver veröffentlicht hast.
Ja, das liegt mir deutlich mehr. Das letzte Album hat auch Spaß gemacht, war aber wirklich mehr das, was man als Soloalbum bezeichnet. Ich wollte das endlich mal durchziehen, dass ich ein paar Leute zu mir einlade, die dann meine Songs singen. Sozusagen als Ausgleich dafür, dass ich auf unzähligen Songs von tausend anderen Künstlern und Bands gespielt habe (lacht).
Hattest du damals schon bestimme Stimmen im Kopf, als du die Songs geschrieben hast?
Nein, nicht wirklich. Ich habe mich eigentlich erst, nachdem die Songs fertig waren, hingesetzt und mir überlegt, wer die jeweilige Nummer gut singen könnte. Da bin ich dann aber wirklich komplett danach gegangen, welche Art Gesang der jeweilige Song verlangt hat und nicht einfach nur danach, mit wem ich gern zusammen arbeiten wollte.
Du bist also nicht so wie Dave Grohl bei Probot vorgegangen und hast bestimmten Sängern einen Song auf den Leib geschrieben?
Nein, das ist nicht meine Art. Ich schreibe einfach Songs, die aus mir raus wollen, und die wollte ich damals mit unterschiedlichen Stimmen umsetzen.
Vor über zehn Jahren hast du mal mit einem Kollegen von mir ein Interview gemacht, in dem du sagtest, dass du gerne mal Stevie Wonder zusammen arbeiten würdest. Hast du das inzwischen denn?
Nein, verdammt! Jetzt wo du es erwähnst ... Stevie und ich haben schon ein paar Mal darüber geredet, es aber bislang nie auf die Reihe bekommen. Das ist für mich immer noch ein großer Traum und ich hoffe wirklich, dass das was wird. Stevie war schon immer ein extrem großer, musikalischer Einfluss für mich. Meine Mutter hörte viel seiner Musik, als ich noch ein Kind war und er hat schon so viele Songs veröffentlicht, für dich ich mein letztes Hemd gegeben hätte, um darauf zu spielen. Ich hoffe wirklich, dass wir irgendwann mal etwas zusammen machen.
Eigentlich ist es fast billiger, auf die Art und Weise aufzunehmen. Zumindest, wenn du als Band tatsächlich in der Lage bist, den kompletten Song zu spielen, und das sind zu viele Bands heutzutage leider nicht mehr. Zumindest nicht, wenn es an die Aufnahmen im Studio geht. Da sind viele Musiker ziemlich faul geworden und verlassen sich lieber auf diese ganze großartige, neue Technologie, mit der man alles simulieren, kopieren, flicken und gerade biegen kann. Mittlerweile werden immer mehr Alben veröffentlicht, in die deutlich weniger Arbeit investiert wurde, als es vermutlich der Fall sein sollte. Der Spirit, die Energie und einfach der menschliche Faktor, der in echtem Rock'n'Roll einfach notwendig ist, der geht diesen ganzen, technischen Produktionen doch vollkommen ab. Mir war die Interaktion mit der Band enorm wichtig, und zwar so sehr, dass "Apocalyptic Love" das erste Album ist, auf dem auch meine Gitarrenspuren, die ich mit den anderen Jungs aufgenommen habe, genau so auf dem Band zu hören sind. Normalerweise nehme ich zwar mit den anderen zusammen auf, aber da ich dann mit Kopfhörern spielen muss – was ich absolut hasse – habe ich im Nachhinein meine Spuren meist noch mal neu aufgenommen. Bass und Drums müssen bei meinen Songs aber IMMER live eingespielt werden, das brauche ich unbedingt. Dieses Mal haben wir eben ein wenig anders aufgenommen, deswegen sind auch meine Gitarrenspuren aus den jeweiligen Aufnahmesessions genauso auf Band. Die Gitarre hat so eine gewisse Dringlichkeit, welche man im Control-Room nachträglich einfach nicht mehr hinbekommt. Das Energielevel ist ein ganz anderes.
Wie hältst du eigentlich deine Ideen fest?
Die letzten beiden Scheiben waren eigentlich die ersten Gelegenheiten, bei denen ich privates Aufnahmequipment daheim oder auch auf Tour benutzt habe. Also entweder mit irgendwelchen Pro Tools daheim oder auch ein paar Ideen auf dem Laptop. Myles arbeitet ähnlich und hat auch auf seiner Tour mit Alter Bridge diverse Ideen gesammelt, die wir uns dann gegenseitig zugeschickt und auf unseren Notebooks bearbeitet haben. Die haben wir dann im Soundcheck oder auch einfach nur Backstage immer mal wieder durchgespielt und auf Tauglichkeit abgeklopft. Als wir dann letztendlich ins Studio sind, um das in der Livesituation einzuspielen, standen die meisten Nummern schon. Myles kam als Letzter zu den Vorbereitungen dazu, weswegen ich mit den anderen Jungs die Songs schon einüben konnte, aber das Songwriting haben er und ich quasi gemeinsam gemacht. Ein paar Sachen wurden nochmal abgeändert, wenn jemand mit einer guten, neuen Idee ankam, aber das meiste stand schon.
Singst du ab und zu auch schon mal ein paar Melodien auf dein Handy ein.
Ich singe nie, NIE irgendwelchen Gesangslinien. Keine Chance! Ich hasse es, mich selber nachher auf Band zu hören.
Auch nicht irgendwelche Riffs oder Gitarrenmelodien, die du nicht vergessen willst? Einfach so als Reminder ins Handy?
Nein, nie. Ich wiederhole die dann einfach so lange in meinem Kopf, bis ich sie mir merken kann, und wenn das nicht der Fall ist, dann war es eh nicht so gut, dass man es aus dem Kopf raus holen musste (lacht). Wenn mir nachts irgendwas einfällt, dann steh ich auch direkt auf und nehm das auf. Aber gesungen wird dabei überhaupt nichts. Zumindest nicht von mir.
Wo habt ihr denn die Interviews für diese Webisodes aufgenommen? Ihr sitzt da vor einer Wand mit lauter Masken. Ist das bei einem von euch daheim?
Nein, leider nicht, das war einfach ein Fotostudio in Downtown L.A., wo wir mit der ganzen Band vor Ort waren. Das bot sich dann auch an, um dort die Webisodes zu drehen. Aber das sah echt klasse aus, ich wünschte ich hätte so was auch daheim.
Stimmt es, dass du nach wie vor sehr viel auf der Gitarre übst?
Ja eigentlich schon. Allerdings könnte man auch sagen, dass ich einfach sehr viel spiele. Das sieht dann nicht so aus, wie bei den ganzen Shredder-Jungs, die ständig mir Skalen, Geschwindigkeit und Technik arbeiten. Ich sitze aber jeden Tag ein paar Stunden mit meiner Gitarre da, spiel vor mich hin und arbeite ein paar Ideen aus. Wirklich geübt wird eigentlich nur vor einer Show oder vor den Aufnahmen. Egal wo ich bin, irgendwo ist immer eine Gitarre in unmittelbarer Umgebung, auf der ich vor mich hin klimpern kann.
Ja klar, meine Songs wurden da doch groß gefeatured von denen. Ich hab nicht die Version gespielt, in der Songs von mir waren, aber ich hab Guitar Hero II gespielt. Ich war da nach einiger Zeit sogar ganz gut drin, aber das hat mit dem echten Gitarrespielen so rein gar nichts zu tun (schmunzelt). Ich glaube, wenn man das lang genug macht, hat man irgendwann komplett vergessen, wie man echte Gitarre spielt.
Ich glaube, du bist der erste Gitarrist, der auch bei Guitar Hero echt was her macht. Die meisten anderen sagen einfach: Ich kann ne ECHTE Gitarre spielen, warum soll ich SOWAS machen?
Ja, kann ich gut verstehen, aber ich war eine Zeitlang echt fast süchtig nach Guitar Hero und hab das ständig gezockt. Da wird man dann automatisch irgendwann ganz gut drin. Dann war ich aber sechs Monate auf Tour und hatte da wieder ne richtige Gitarre in der Hand, und als ich nach Hause kam und da Guitar Hero III bei mir im Briefkasten lag, war ich wieder die totale Lusche, als ich das mal ausprobieren wollte. Seitdem hab ich mich nicht mehr wirklich damit beschäftigt.
Wie wichtig ist eigentlich ein Produzent für dich?
Ein Produzent und/oder ein Tontechniker sind sozusagen die entscheidende Macht, die den Klang deines Albums entscheidend prägen. Produzenten sind eine Sache für sich. Sie können dir sowohl dabei helfen, einen Song oder einen Sound zu entwickeln, aber sie können auch dafür sorgen, dass deine Songs und dein Album so klingen, wie sie sich das vorstellen. Sie haben Einfluss auf das Songwriting, auf die Arrangements, sie können deinen Sound zerstören oder ihn aufbauen, sie können schon das Zünglein an der Waage sein, oder eben der Bulldozer, der alles platt macht. Da kommt immer darauf an, wie viel Raum man Produzenten lässt. Bei uns waren Produzent und Tontechniker vor allem während der tatsächlichen Aufnahme wichtig, um dort mit uns schon den Sound einzustellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Pro Tools-Tontechniker die Angewohnheit haben, nach den Aufnahmen noch ständig an irgendwas rumzufummeln, hin und her zu schieben und was weiß ich alles. Wir hatten das mal mit Velvet Revolver und das hat mich echt genervt. Denn wir waren da ein paar exzellente Musiker, die das Zeug live und mit echtem Feeling eingespielt haben, und nachts saßen dann irgendwelche Pro Tools-Nasen an den Songs, haben alles hin und her geschoben, dass es technisch perfekt war, und damit jegliches Leben aus den Songs gesaugt. Von daher kann der Einfluss eines Produzenten oder Tontechnikers wirklich enorm sein.
Also ist es für dich wichtig, das Ganze nach den Aufnahmen aus der Hand zu geben und jemand anderem zu überlassen, einem Album den letzten Schliff zu geben?
Ja, doch schon. Vielleicht ist das auch mehr oder weniger eine Angewohnheit von mir, weil ich es tatsächlich noch nie anders gemacht habe. Man kann in der Regel davon ausgehen, dass der jeweilige Produzent mehr vom Aufnehmen versteht als ich. Wenn ich ins Studio gehe, dann will ich einstöpseln und loslegen und mich nicht auch noch um diverse andere Dinge wie das Einstellen von Mikrophonen und solch einem Kram kümmern müssen. Das liegt auch daran, dass ich nur eine recht kurze Aufmerksamkeitsspanne habe (lacht). Von daher habe ich mich immer auf Produzenten verlassen, dass die sich um so was kümmern. Natürlich habe ich mir auch immer Leute ausgesucht, von denen ich wusste wie sie arbeiten und mit wem sie gearbeitet haben und auf die ich mich entsprechend verlassen kann. Eric (Valentine) hat nie versucht, die Songs umzuschreiben oder groß zu verändern. Dafür hatte er immer wieder ein paar echt gute Ideen, wie man manches verändern, aber immer verbessern konnte. Ich hasse nichts mehr, als wenn Produzenten reinkommen, eine bestimmte Idee für deinen Sound haben und diesen dann unbedingt durchdrücken wollen. Das passiert leider viel zu oft.
Lass uns noch mal auf deine Gastbeiträge für andere Musiker zurück kommen. Was war da denn die absurdeste Anfrage, die du je bekommen hast?
Hm ... (überlegt recht lange). Ich wurde gefragt, ob ich nicht was auf einer Justin Bieber-Scheibe spielen würde. Das war dann etwas wo ich mir dachte: Ne, da willst du eigentlich nicht hin (lacht). Es kommen immer wieder Anfragen von Leuten, die irgendwelche Aufnahmen machen wollen und dann eben mit meinem Namen und nem Solo dafür Werbung machen wollen. Das mach ich in der Regel nicht. Das – sagen wir mal – ungewöhnlichste in der letzten Zeit war eine Session für Rihanna. Sie hat mich mal gefragt, ob ich was für sie spielen würde und ich sagte zu. Dann passierte erst einmal sechs Monate lang nichts und auf einmal bekam ich einen Anruf mit der Frage: 'Könntest du vorbei kommen und eine Session aufnehmen?' - 'Ja, klar.' - 'Ok, könntest du das heute noch machen? Am besten vor 17:00?' - 'Hä? Ist das euer Ernst?' Aber das war dann auch cool, ich hab das mit einem Tontechniker in dem Studio von einem Bekannten gemacht und es den Leuten dann in die Hand gedrückt. Was sie letztendlich daraus gemacht haben, klang allerdings nicht mal mehr ansatzweise nach einer Gitarre. Das war dann einer der Momente, in denen du etwas von dir in die Hände eines Toningenieurs gibst und der das total verhunzt. Das hat mich echt genervt. Wenn mich jemand bittet, etwas für ihn zu spielen, dann mach ich das gern, aber dann überlasst es doch bitte auch mir, zu entscheiden, wie das von mir Gespielte zu klingen hat. Den Produzenten ging es echt nur darum, mit dem Namen Slash zu werben. Ich will hier nichts Schlechtes über Rihanna sagen, sie ist echt ne liebe. Aber der Rest war ... naja.
Du bist ja ganz offensichtlich nach wie vor in einer sehr guten Form. Du hast aber doch vor ein paar Jahren einen Herzschrittmacher bekommen, oder?
Das war kein Herzschrittmacher, sondern eine Art Defibrillator. Den hab ich immer noch drin und man könnte ihn wohl wieder rausnehmen, aber ich lass ihn drin, weil ich damit am Flughafen leichter durch die Kontrollen komme (lacht). Ich bekam ihn 2001 und das war damals eine sehr knappe Angelegenheit aber mittlerweile hat sich das alles zum Guten gewendet.
Musst du seitdem auf irgendwas besonders achten?
Nein, nicht wirklich. Als ich ihn damals bekommen habe, hatte das mit der Sauferei zu tun. Danach war ich erst mal eine ganze Zeit trocken und habe gar keinen Alkohol mehr angerührt, aber mittlerweile hat sich das ganz gut eingependelt. Früher war ich echt ständig am Saufen, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Das musste irgendwann einfach in die Hose gehen.
Wie hat Lemmy mal gesagt: "Der Trick ist, einfach nicht nüchtern werden."
Ja, das dachte ich eigentlich auch, aber irgendwie ... (lacht).
Ok, eine Frage muss ich unbedingt stellen und zwar: Was ist mit Velvet Revolver?
Nun ja, wir sichten im Hintergrund immer noch Leute, die den vakanten Gesangposten einnehmen können, und wenn die Touren mit meiner Band vorbei sind, werden wir uns mal ernsthaft zusammen setzen und sehen, mit wem wir weitermachen. Wir wollen das aber in aller Ruhe aussortieren, denn wir wollen denselben Fehler nicht zweimal machen. Velvet Revolver liegen auf Eis, aber wir kommen wieder.
Und dann wüsste ich noch gern, welches Buch dich zuletzt beeindruckt hat.
Oh ja, auf jeden Fall und zwar "The Man in The High Castle" von Philip K. Dick. Das ist der Kerl der auch die Ideen zu "Blade Runner" und "Minority Report" hatte. Der Roman erzählt aus einer Welt, in welcher die Alliierten den Zweiten Weltkrieg verloren haben.
Der ehemalige Gitarrist der Guns n'Roses spricht mit LAUT über die Zeit an der Seite von Axl Rose, die Schattenseiten des Ruhms, Stevie Wonder und Monica Lewinski.
Slash, in den letzten Jahren hat man kaum etwas von dir gehört. Was hast du denn getrieben?
Eigentlich bin ich immer beschäftigt. Ich habe gejamt und bin als Gast auf ein paar Platten erschienen. Ich musste die Plattenfirma wechseln, Guns n’Roses zu verlassen war eine lange Geschichte, die Scheidung auch, da war ziemlich viel Scheiße am Dampfen. Ich habe die Leute für Snakepit zusammengesucht, und als ich wusste, das ist die Band, haben wir zusammen live gespielt und die neue Platte geschrieben und aufgenommen.
Vor acht Jahren warst du schon mal hier, damals vor 80.000 Zuschauern während der "Use Your Illusion" Tour. Wie ist es, jetzt vor wesentlich kleineren Zuschaueransammlungen zu spielen?
Ob man vor acht oder 80.000 Leuten spielt, die Frage bleibt die gleiche: Kannst du spielen? Fahren die Zuschauer drauf ab? Ich verbringe meine ganze Zeit mit dem Ziel, auf die Bühne zu gehen, 1 1/2 Stunden zu spielen und merken, wie die Leute denken: "Scheiße, das ist cool, das hat Spaß gemacht." Der Unterschied liegt im Kontakt mit dem Publikum. In einem Stadium zu spielen ist ok, aber man sieht nur die ersten vier Reihen, und in einem kleineren Saal entwickelt sich eher das Gefühl, eine Einheit zu sein. Das ist, warum ich 1995 Snakepit gegründet habe: Ich wollte in Clubs spielen, Axl nicht.
Wie siehst du heute deine Zeit mit Guns n’Roses?
Viele Leute versuchen, ein schlechtes Licht auf die Jahre zu werfen. Ich habe die Band verlassen, als die Dinge noch einigermaßen liefen, aber ich bereue es nicht. Ich kam zu Guns n’Roses als ich 19 war und es waren wir gegen den Rest der Welt und wir haben es geschafft. Ich bin gegangen, als ich nicht mehr glücklich war. Das Leben ist so schon hart genug, da braucht man nicht auch noch deprimiert zu sein.
Gibt es einen Unterschied zwischen "Guns n’Roses" Slash und "Snakepit" Slash?
Nicht wirklich. Es gibt diese klischeehafte Rock n’Roll-Scheiße, aber es macht mir wirklich Spaß, dabei zu sein. Ich verbringe zwei Stunden am Tag auf der Bühne, die anderen 22 sind dann Reisen und Interviews. Es ist cool, man trifft Leute, man kommt rum, jedes Konzert ist anders. Es ist nicht nur die Musik, es ist das ganze Leben drum herum. Es gibt nichts schöneres, als auf der Bühne zu stehen und zu merken, wie das Publikum abgeht. Natürlich kommt es immer drauf an, mit wem man gerade zusammen ist. Es entwickelt sich aus der Situation heraus. "Ich habe ein Riff! Wie findet ihr es?" Damit fängt es meistens an. Im Prinzip ist es immer die gleiche Scheiße, aber inzwischen bin ich 35 und kenne mich aus. Ich tue mein Ding, weil ich weiß, wie es geht.
Vom Sound her hätte "Ain’t Life Grand" auch in den 70ern oder 80ern erscheinen können. Was hälst du von Bands wie Limp Bizkit oder Korn, die sich zwischen verschiedenen Genres bewegen?
Ich mag es, wenn Leute versuchen, etwas Neues zu tun. Mit ein paar Ausnahmen. Limp Bizkit ist irgendwie cool, aber nicht mein Ding. Ich hasse es, wenn alle anfangen, alle anderen zu kopieren. Eminem ist cool, Kid Rock ist cool, aber es gibt auch 60 Millionen Scheißbands. Aber das gehört dazu: Du musst dein Ding tun und versuchen, dich damit durchzuschlagen.
Trotzdem hast du mit einigen Musikern zusammengearbeitet, die man nicht gerade automatisch mit dir in Verbindung bringen würde.
Ja, da war Michael Jackson, bei ihm habe ich auf "Give In To Me" gespielt. Wir waren auch auf der Bühne ein paar Mal zusammen und haben ein Video in Belgien (sic!) gedreht. Cooler Typ, von den Medien leider total verzerrt. Ich war bei Carol King mit dabei, habe erst kürzlich etwas für Rod Stewarts neue Platte aufgenommen, Neujahr 2000 habe ich in Washington ein paar Lieder mit Tom Jones im Weißen Haus gespielt...
Hast du da Monica Lewinski getroffen?
Ne, aber ab und zu kam ein Kopf unter der Tischdecke zum Vorschein...
Mit wem würdest du gerne eine Platte aufnehmen?
Mit Stevie Wonder. Er ist die Person schlechthin, mit der ich schon immer zusammenarbeiten wollte. Wir haben uns oft darüber unterhalten, aber es hat sich bis jetzt noch nicht ergeben. 1995 hatte ich eine Liveband, Slash’s Bluesball, und wir haben "Superstitious" gespielt und noch ein Lied von ihm, mir fällt der Name gerade nicht ein...
"I Just Called To Say I Love You?"
Ne ne ne, irgendwas über Harlem, etwas rockigeres.
Du warst mit Alice Cooper auf Tour. Warst du Teil des Blutspektakels, das er jedes Mal inszeniert?
Ne, ich bin ganz einfach als Slash aufgetreten. Das ist schon furchterregend genug, glaube ich.
Es gibt da so Geschichten über ein Konzert mit Ozzy ...
Yeah, das war lustig. Ich war total besoffen und hatte keine Ahnung, was vorging. Sie sagten mir, es geht los, ich fragte, wie das Lied nochmal geht und spielte einfach etwas. Ta na na, ta na na. Scheiße, es war der falsche Riff. Ich habe vor mich hingelacht und ich glaube, dass sie meine Gitarre ziemlich schnell rausgemischt haben.
Wie geht es eigentlich deinen ehemaligen Kollegen von Guns n’Roses?
Im Oktober habe ich Steven Adler in einem Club getroffen. Er spielt ab und zu und er schien OK zu sein. Izzy Stradlin nimmt andauernd neue Platten auf und geht dann auf Tournee, Duff McKagan genauso, und Matt Sorum ist wieder bei Cult. Mit Gilby Clarke rede ich nicht mehr und zu Axl Rose ist der Kontakt abgebrochen, als ich die Band verlassen habe.
Kannst du dir vorstellen, eines Tages wieder mit ihnen auf der Bühne zu stehen?
Keiner von uns hat es in seinem Terminkalender stehen. Es hätte viele Möglichkeiten gegeben, nach dem Motto, "ok, lass uns eine Show spielen. Wir alle wissen, wie 'Welcome To The Jungle' geht." Aber es hat sich nicht ergeben. Zurzeit habe ich mit Snakepit viel zu tun, und wenn es mir damals Spaß gemacht hätte, wäre ich erst gar nicht ausgestiegen. Wahrscheinlich müssten wir erst einmal zwei oder drei Monate auf eine Gruppentherapie. Mit einem Rechtsanwalt-Psychologen. Ich war mal bei so einem Treffen. Ein langer Tisch, Manager, Rechtsanwalt, Bandmitglied, Manager, Rechtsanwalt, Bandmitglied und so weiter. Alle sitzen rum und unterhalten sich über irgendwelche Scheiße.
Ist es nicht schade, dass diese ganze Geld-und-Erfolg-Sache so zerstörend wirken kann?
Na ja, am Anfang versuchst du, dich an irgendwas festzuhalten, mit dem Ziel, erfolgreich zu sein. Wenn du es schaffst, kommen Geld und Massen von Leuten. Du willst eigentlich nur Musik machen, aber du musst dich um so viel kümmern. Plötzlich spielst du vor 20.000 Leuten, hinter dir arbeitet eine Crew mit achtzehn Personen, da sind Promoter, Manager und so weiter. Du spielst das gleiche, aber es besteht die große Gefahr, den Kontakt zur Realität zu verlieren. Hip und groß zu sein ist cool, aber man muss damit umgehen können.
Eine klassische Einstellungsgesprächsfrage: Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Das hättest du mich vor zehn Jahren fragen sollen. Wahrscheinlich sitze ich wieder an diesem Tisch...
Ist das Hoffnung oder Grauen?
Ne, es hat nichts mit Angst zu tun. Das einzige Mal, dass ich Angst hatte, oder besser, dass ich skeptisch war, war mit achtzehn. Ich dachte, ich würde es nie bis 21 schaffen. Nachdem ich 21 wurde war alles cool.
Na ja, da warst du ja auch berühmt und reich...
Ne, das war’s nicht. Der Reichtum ist etwas an der Oberfläche, jeder weiß davon, weil du Platten verkaufst. Es ist aber die innere Scheiße, die einem zu schaffen macht. Jimi Hendrix hat es am Besten ausgedrückt: Manchmal ist es stressiger Geld zu machen als damals, als man keines hatte. Finanziell hatte ich gute und schlechte Zeiten, aber es war niemals eine zentrale Angelegenheit.
Dafür gibt es ja auch Manager...
Ja, Manager, Plattenfirmen, die ganze Scheiße. Alles Arschlöcher.
Wie geht es deinen Schlangen?
Gut. Ein Freund von mir pflegt sie gerade. Wir haben etwa vierzig erwachsene Exemplare, aber das ändert sich ständig, je nach dem, wer gerade geworfen hat.
Lässt du sie frei im Haus rumlaufen?
Na ja, als ich das das letzte Mal getan habe,musste ich anschließend am Finger genäht werden. Ich bin ein Gitarrist, für mich sind die Hände das allerwichtigste, also pass ich da lieber auf...
Das Interview führte Giuliano Benassi.
It's Five O'Clock Somewhere (1995)
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