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Wenn man sich Brant Bjork so anschaut, muss einem nicht unbedingt die Berufsbezeichnung Musiker einfallen. Der braungebrannte Mann mit der lässigen Rotzbremse könnte genauso gut Surfer sein, Maler oder sagen wir's gleich: Lebenskünstler. Bis auf den Maler vereinigt Bjork denn auch alle Attribute in sich.
Seine Liebe zum Surfen entstammt dabei nicht unwesentlich der Lage seiner Heimat: Palm Desert im sonnigen Kalifornien. Pazifikzugang inklusive. Doch auch die Musik zieht ihn schnell in ihren Bann und so weiß die Legende, dass Brant bereits mit dreizehn Jahren zum ersten Mal eine Bühne betritt.
In der High School macht er Mitte der 80er Jahre die folgenschwere Bekanntschaft von Josh Homme, der bald als Gitarrist in seine Band einsteigt. Diese besteht zunächst aus Trommler Brant und Bassist Chris Cockrell und nennt sich, einem Dungeon & Dragon-Spiel zu Ehren, Sons Of Kyuss. Als mit John Garcia noch ein Sänger hinzustößt, entstehen erste Songskizzen, die 1990 auf das heute ultrarare Prä-Kyuss-Album "Sons Of Kyuss" (im durchsichtigen Vinyl) gelangen.
Zwar können Kyuss mit ihrem dunklen, psychedelischen Heavy Rock und den dicken Black Sabbath-Riffs recht schnell eine Plattenfirma für sich begeistern, bis zur Auflösung im Jahr 1995 gelingt der Desert Rock-Formation jedoch nie der Sprung über den heißen Szene-Tipp hinaus.
Brant selbst verlässt Kyuss bereits ein Jahr zuvor, nach dem Ende der Tournee zum "Sky Valley"-Album und setzt sich ins nordkalifornische Humboldt County ab, wo er erst einmal vom Musikertrip abspringt, bei einem Pizzaservice anheuert und dem Fußballspiel frönt.
Der häufige Regenniederschlag treibt ihn jedoch bald wieder zurück in den Süden, wo er in der Hardcore Punk-Band De-Con trommelt (später holt er sie auf sein Label) und Mario Lallis Band Fatso Jetson als Rhythmusgitarrist verstärkt. Doch schon nach zwei Singles muss Brant den Fatsos wieder Lebewohl sagen, denn Scott Hills legendäre Fu Manchu bitten für ihre anstehende Tour um seine Drumming-Dienste. Natürlich zögert der eingefleischte Fu-Fan Brant keine Sekunde.
Obwohl er mit El Camino Records (später Duna) gerade sein eigenes Label gründet, bereist er 1996 mit den Fus die Welt und spielt anschließend als reguläres Bandmitglied die Alben "The Action Is Go" (1997), "Eatin' Dust" (EP, 1998), "King Of The Road" (1999) und "California Crossing" (2002) mit ein; das '94er Debüt "No One Rides For Free" produziert er.
Ebenfalls im Jahr 1996 läuft Brant mal wieder Josh Homme über den Weg, und höchstwahrscheinlich geschah es in einer lauen Wüstennacht mit ein paar Flaschen Corona und etwas Weed auf der Sonnenterrasse des Rancho De La Luna-Studios, als beide beschließen, eine lose Jam-Reihe mit dem naheliegenden Titel "Desert Sessions" ins Leben zu rufen. Als mit Vol.1 und 2 die ersten Scheiben der Serie erscheinen, ist Bjork allerdings schon wieder mit Fu Manchu beschäftigt, so dass im weiteren Verlauf Homme die Kontrolle des Projekts übernimmt und die Jam-Idee kurzerhand auch für seine neue Band Queens Of The Stone Age weiterspinnt.
Nach drei gemeinsamen Jahren mit Fu Manchu verspürt Bjork 1999 einen nachhaltigen Drang, seine Ideen auch außerhalb eines festen Bandgefüges umzusetzen. So entsteht sein Debütalbum "Jalamanta", auf dem er sämtliche Instrumente selbst einspielt. "Low Desert Punk", wie er einen Song betitelt, beschreibt den Sound ganz treffend, mit der Betonung auf low.
Ein Jahr später folgt, nach einem Zwischenspiel bei den Desert Sessions 5 + 6, das Album "Sounds Of Liberation" unter dem Pseudonym Ch'e. Auch im Mondo Generator-Studio darf er sich 2000 bei den Aufnahmen zu "Cocaine Rodeo" am Drum-Kit austoben. Kurz nach den Aufnahmen zur Fu Manchu-Platte "California Crossing" verkündet der tourmüde Bjork 2002 seinen Ausstieg bei der Hill-Combo, und schließt sich wieder in sein Studio ein, aus dem er mit der erneut schwer relaxten Desert Pop-Platte "Brant Bjork And The Operators" wieder heraus kommt.
Hinter den ominösen Operators verbirgt sich allerdings niemand anderes als Meister Bjork himself, der sich aus Spaß einfach eine fiktive Band erdachte. Mit "Keep Your Cool" setzt er 2003 sein laid back-orientiertes Songwritertum fort. An Bjorks Seite stehen die Bros. (seine Brothers), namentlich Michael Pfeffer (drums), Dylan Roche (bass) und ein gewisser Cortez (guit) - dazu Bjork: "His name is Scott but he's too slick for Scott". 2004 erscheint mit "Local Angel" ein durch und durch reines, hippieeskes und Brants vielleicht bestes Wohlfühlwerk.
Im Rahmen der Veröffentlichung tourt er mit den Bros. und Nick Oliveris Mondo Generator durch Europa. Nach einem Aussetzer Oliveris während des Konzerts in Trossingen im Sommer 2004, als jener mitten im Set von der Bühne springt und sich mit dem örtlichen Mischer prügelt, gibt Bjork vor Ort den professionellen und geübten Schlichter. Im Namen seines Freundes Oliveri entschuldigt er sich wortgewandt für dessen ungebührliches Verhalten und initiiert für die rund 80 geschockten Konzertbesucher eine spontane Jam-Session aus Mondo- und Bros.-Bandmitgliedern. Eine Desert Session vor Publikum quasi, allerdings mit traurigem Hintergrund.
Im Zuge des "Saved By Magic"-Releases supportet der Kalifornier 2005 eine Weile den kanadischen Starkstromrocker Danko Jones und veröffentlicht in der Folge in schöner Regelmäßigkeit weitere Soloalben mit seinem unverkennbar abgehangenen Sound, der ihn als Hohepriester des Hängematten-Grooves auszeichnet.
2011 stellt er sich in den Dienst der guten Sache und geht mit seinen alten Freunden John Garcia und Nick Oliveri als Kyuss Lives auf Europatournee. Die Vorarbeit zu diesem ewigen Fan-Traum leistete der frühere Kyuss-Sänger, der im Vorjahr mit Garcia Plays Kyuss eine überaus erfolgreiche Tour absolvierte und den Ruf nach dem 'Original' verstärkte.
Drummer Brant Bjork über den Prozess gegen Josh Homme und die Zukunft von Kyuss Lives!
Die Wüstenrock-Revivalband Kyuss Lives! war gerade noch mal für einen Konzert-Nachschlag in Deutschland. Wir sprachen mit Drummer Brant Bjork über die Zukunft der Band und die Klage der Ex-Mitglieder Josh Homme und Scott Reeder.
Seit Anfang 2012 bekannt wurde, dass Homme und Reeder Kyuss Lives!-Sänger John Garcia und Drummer Brant Bjork wegen Markenverletzung und Verbrauchertäuschung verklagen, schwebt eine düstere Wolke über dem jahrelang heiß ersehnten Wüstenrock-Comeback. In Fankreisen herrscht Trauer darüber, dass sich ehemalige Sandkasten-Freunde offenbar nicht einmal in einer persönlichen Aussprache auf eine für alle akzeptable Lösung einigen können.
Vor dem Auftritt in Bremen macht Brant Bjork aus seiner Enttäuschung über den Lauf der Dinge keinen Hehl. Für Deeskalation in der Sache sieht er jedoch auch keinen Grund. Denn so wie er es noch 2007 im laut.de-Interview für "bullshit" hielt, dass bei Fans "diese romantisierte Vorstellung existiert, dass wir alle Brüder sind, unter Palmen in der Wüste Dope rauchen und tagtäglich die Kyuss-Reunion planen", so ist es nun wohl bullshit, nach der Klage von Homme und Reeder an ein Happy End zu glauben.
Einige Kyuss-Fans sind seit einer Weile recht traurig über den gerichtlichen Streit, der zwischen euch, Josh Homme und Scott Reeder ausgetragen wird. Kannst du verstehen, wenn einige sagen, dass dieser Prozess das Erbe eurer Band beschädigt?
Brant Bjork: Nun, ich kann die verschiedenen Meinungen oder Sichtweisen anderer Leute nicht ändern. Mein Verhältnis zur Band Kyuss ist nun mal ein anderes als das der Fans zu Kyuss. Aber am Ende geht es bei Bands immer um Musik und das trifft auch auf uns zu. Es geht doch immer um die Kunst und die Qualität einer Gruppe, dadurch wird sie ja auch erst bekannt. Deswegen denke ich, dass es falsch ist, politische Dinge darüber entscheiden zu lassen, ob einem Musik gefällt oder nicht. Sowas geht die Fans eigentlich gar nichts an.
Lass uns trotzdem über das ominöse Bandmeeting sprechen, das im Januar mit allen Parteien stattgefunden haben soll und wo der Zank begann. Medienberichten zufolge standen euch von Reeders und Hommes Seite damals alle Türen für eine respektvolle Weiterführung der Band offen. Was kannst du uns darüber sagen?
Nichts, denn ich war zu diesem Meeting nicht eingeladen. Aber es ist eigentlich kein allzu komplizierter Sachverhalt trotz der vielen Worte, die gefallen sind, der Anschuldigungen und der juristischen Fachtermini.
Was passiert ist, ist Folgendes: John wollte die Band wieder zusammen bringen. Er fragte mich und Nick, ob wir dabei wären und wir sagten zu. Josh und Scott wurden benachrichtigt und gaben grünes Licht. Dann sahen sie den Erfolg unserer Liveshows und fassten den Entschluss, dass sie es nun doch nicht mehr gutheißen. Also verklagten sie uns. Fertig. So siehts aus.
Die andere Seite behauptet, die Klage sei notwendig gewesen, weil bei dem Treffen im Januar heraus kam, dass ihr oder euer Management versucht hat, sich den Namen Kyuss rechtlich zu sichern.
Wir haben uns den Namen Kyuss Lives! rechtlich sichern lassen. (Stille)
Scott Reeder nannte die Klage notwendig, weil er angeblich vor die Wahl gestellt wurde: Entweder sämtliche Rechte an allen Kyuss-Aufnahmen mit seiner Beteiligung binnen zwei Wochen zu verlieren oder sie für immer zu behalten. Was hat es damit auf sich?
Tja, ich verstehe nicht, worauf er hinaus will. Er besitzt aus juristischer Sicht wahrscheinlich mehr Rechte als ich und ich habe die Band gegründet. Ich kann daher nicht nachvollziehen, warum und worüber er sich beschwert. Es ist alles sehr seltsam.
Ich habe dich ja schon mehrfach live gesehen und interviewt und würde dich als sehr relaxten, offenen, auf Harmonie bedachten Musiker bezeichnen, dem seine künstlerische Freiheit als Solomusiker wichtig ist und der eine Kyuss-Reunion jahrelang kategorisch ablehnte. Da fällt es schon schwer nachzuvollziehen, warum du nun für deine alte Band sogar Anwälte bezahlst, um irgendwelche Rechte zu sichern.
Weißt du, am Anfang war alles großartig. Es herrschte bei allen ein positiver Vibe und ich kam dazu, weil ich das gewusst und gespürt habe. Und wie gesagt: Plötzlich kamen Typen daher, die Negativität reinbrachten. Was soll ich machen? Natürlich werde ich immer versuchen, Dinge auf harmonische Art mit möglichst allen Konfliktpartnern an einem Tisch zu lösen. Ich hasse Zwietracht und Streitereien.
Aber manchmal im Leben kommen eben Leute daher, die dich davon abhalten wollen, etwas zu tun, was dein gutes Recht ist. Und manchmal musst du um dieses Recht kämpfen. Ich bin jedenfalls tief im Innersten meines Herzens davon überzeugt, dass das, was Josh und Scott da anstreben, nicht richtig ist. Sie haben absolut kein Recht, das von uns zu verlangen. Schon gar nicht nachdem sie zuerst eingewilligt haben und alles klasse fanden.
Sie hatten die Möglichkeit, mit an Bord zu sein, haben sich aber dagegen entschieden. Und da ich der Meinung bin, dass sie nicht das Recht haben, unsere Band aufzuhalten, habe ich mich für einen langen Kampf gewappnet. So einfach ist das.
Klingt nicht schön.
Du kannst mir glauben, dass das alles andere als eine großartige Erfahrung ist. Aber ich kann auch nicht einfach so tun, als sei nichts gewesen und mich im Wissen darüber zurücklehnen, dass ich vor etwas davongelaufen bin, was mir irgendein Typ vorgeschrieben hat. Das entspricht nicht meiner Art.
Das ist genau das, was wir uns auch fragen. Deshalb haben John und ich beschlossen, uns zu wehren. Denn wir machen hier nichts Unrechtes oder Illegales. Was wie hier vor uns haben sind zwei Typen, die uns mit aller Gewalt stoppen wollen.
In einem Statement meintest du, Joshs Klage hätte dich nicht überrascht, von Scott Reeder seist du aber enttäuscht gewesen.
Na klar, weil Scott ja sogar selbst Teil von Kyuss Lives! gewesen ist. Er spielte zahlreiche Shows mit uns, hatte eine Menge Spaß und wurde sehr gut bezahlt. Nicht mal am Horizont waren damals irgendwelche Probleme sichtbar. Aber jetzt hat er sich entschlossen, gemeinsame Sache mit Josh zu machen und die Gründe dafür liegen auf der Hand. Natürlich hat er gehofft, dass wir Nick [Oliveri, Anm. d. Red.] feuern und ihn als Bassisten einstellen. Wir hielten aber zu Nick.
Obwohl er damals die USA nicht verlassen durfte.
Genau, aber das waren seine persönlichen Angelegenheiten, das hatte mit der Band nichts zu tun. Wir haben uns für Nick als Bassisten entschieden und Scott das auch so gesagt.
Wann darf man mit einem Ergebnis dieses Prozesses rechnen?
Ich weiß es nicht genau, aber ungefähr ein bis zwei Jahre kann das schon dauern. Es wird also leider ein langer Weg werden, aber wir sind darauf vorbereitet. Wir machen einfach weiter mit dem, was uns Spaß macht und werden am Ende die Entscheidung akzeptieren.
Und welchen Einfluss hat das Ganze jetzt auf eure Pläne, ein neues Kyuss Lives!-Album aufzunehmen?
Überhaupt keine. Sobald wir nach Hause kommen, legen wir mit den Aufnahmen los.
Ihr könnt aber keine Platte unter diesem Namen veröffentlichen, so lange das Verfahren noch anhängig ist, oder?
Doch. Wir können so lange Platten unter diesem Namen veröffentlichen, bis das Gericht es uns untersagt.
Habt ihr schon Angebote von Plattenfirmen vorliegen?
Ja, es liegen einige vor, aber wir werden die Platte wahrscheinlich selbst rausbringen. Wir haben auch beschlossen, sie ohne Hilfe von außen aufzunehmen.
Welche musikalische Richtung würdest du dir für den Sound der Platte wünschen?
Das ist jetzt schwer zu sagen, da wir noch nicht mal mit den Aufnahmen begonnen haben. Wir sitzen an ein paar fantastischen Songs und ich wünsche mir eigentlich nur, dass das Ergebnis wie eine Kyuss-Platte klingt.
Wie schauts denn solo mit deinen Plänen aus? Ist da was spruchreif?
Yeah, ich habe schon ziemlich viel Solomaterial beisammen, eine Liveplatte und ein anderes Studioprojekt stehen auch noch an. Darum werde ich mich allerdings erst später kümmern können, wahrscheinlich Mitte nächsten Jahres. Jetzt konzentriere ich mich erst mal auf Kyuss Lives!
Wird es wieder eine Soloscheibe mit den Bros. werden?
Oh, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Was ich im Moment habe, sind die Songs. Alles Weitere muss man sehen.
Der Ex-Kyuss-Trommler über QOTSA, Stoner-Romantik und Freundschaft.
Brant Bjork kennt sie alle: Josh Homme, Nick Oliveri, Dave Catching und wie die Figuren alle heißen, die seit den frühen 90ern von einem Nest in der kalifornischen Wüste aus harte Rockmusik in die Welt hinaus blasen. Bei seinem Solokonzert in Konstanz trafen wir den sympathischen Musiker zum zweiten Mal nach 2004 zum Interview.
Brant Bjork liebt Europa und Europa liebt Brant Bjork. So sehr, dass der frühere Kyuss-Drummer mittlerweile nach Barcelona umgesiedelt ist, um näher an seinen Fans zu sein. Bereits im März spielte er einige Soloauftritte in Deutschland, demnächst stehen die Gigs mit seiner Band, den Bros, auf dem Plan. Dass der Kalifornier eine lässige Natur ist, erfuhren wir auch dieses Jahr wieder aufs Neue, als er uns am sonnigen Vorabend im Konstanzer Club Kantine mit der Bitte empfängt, das Interview doch in Bodensee-Nähe zu führen. Nichts leichter als das. Wenn wir uns mit irgendwas auskennen, dann schließlich mit Biergärten.
In der Hafenhalle angekommen, fröstelt es den sonnenverwöhnten Musiker und seine weibliche Begleitung dann doch etwas und wir ziehen uns ins Innere des Restaurants zurück. Ungeachtet der leicht befremdlichen Blicke der vornehmen Gästeschar fühlt sich der mit dickem Stirnband geschmückte Bjork pudelwohl, und nach kurzer Plauderei über unser Magazin und seine bisherigen Toureindrücke schalten wir dann doch das Aufnahmegerät ein. Brant, zuerst will ich mal dein Gedächtnis testen. Hast du denn ein gutes?
Äh, nein, mein Kurzzeitgedächtnis ist nicht so gut. Im Langzeitmodus läuft es schon besser.
Gut, dann gebe ich dir jetzt den Namen einer Club-Location, in der du schon gespielt hast und dann sehen wir mal weiter.
Gut, das könnte funktionieren.
Also: Das Canapee in Trossingen.
What?
Canapee ist der Club und Trossingen der Ort. Ist keine 100 Kilometer von hier entfernt. Weißt du, wovon ich rede?
Oh. Äh, nein! (lacht)
Dort hast du 2004 mit den Bros und Mondo Generator gespielt. Und naja, es war euer letztes Konzert, da Nick Oliveri damals ziemlich ausflippte ...
Oohh, klar, natürlich. Wart ihr da?
Ja.
Okay. Ja, das waren schlimme Zeiten. Sehr schlimme Zeiten.
Wie erinnerst du diesen speziellen Abend?
Hmm, woran erinnere ich mich? Es war einfach eine harte Zeit für einen sehr engen Freund von mir. Nick ging damals durch die Hölle. In erster Linie musste er mit dem Umstand fertig werden, bei Queens Of The Stone einfach gefeuert worden zu sein.
Vor dem Auftritt interviewten wir sowohl dich als auch ihn, aber rein gar nichts deutete auf emotionale Schwankungen oder ähnliches hin.
Tja, ich denke, wie die meisten Menschen, die einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt sind, hat sich auch Nick schlecht unter Kontrolle. Nicht viele wissen außerdem, dass Nick Oliveri einer der sensibelsten und coolsten Typen ist, ein Mann mit Herz, mit Seele. Er ist kein Monster. Ich weiß, dass viele glauben, er sei halt dieser verrückte, ausgeflippte Punkrock-Typ, dabei habe ich wahrscheinlich in meinem ganzen Leben keinen emotionaleren Menschen getroffen.
Die Tatsache, aus einer Band geworfen zu werden, der du jeden einzelnen Tag nach dem Aufstehen all deine Energie hast zukommen lassen, ist hart. Damit muss man auf einem Level klarkommen, das vielen Menschen sicher das gesamte Leben vorenthalten bleibt. Und Nick ist einer dieser Leute, die dich trotz großen Drucks zehn Minuten lang nicht spüren lassen, was in ihnen wirklich vorgeht, die so tun als sei alles okay, verstehst du? Aber in ihm drin, da brennt es! Und das muss irgendwann eben raus. Ich verstehe das sehr gut und wie es dazu kam. Ich kenne den Kerl schon mein ganzes Leben. Ich war der erste, den er anrief, als er von Josh gefeuert wurde und ich habe alles getan, um ihm zu helfen, aber am Ende des Tages, das geht euch ja nicht anders, da müssen wir alle mit unserer eigenen Hölle fertig werden. (lacht)
Ich fand die Geschichte auch deshalb traurig, da ich ebenfalls ein emotionaler Typ bin und mich einerseits in ihn hineinversetzen kann, aber auch genau weiß, dass Nick in seinen unbewussten Wutausbrüchen unschuldige Menschen verletzen kann. Und das hat er damals getan und da muss auch ich die Reißleine ziehen. So sehr er mir am Herzen liegt, ich kann keinesfalls befürworten, dass so etwas passiert. Er hätte seinen Frust einfach anderweitig loswerden müssen, ich kenne zum Beispiel so einige, denen mal gehörig der Arsch versohlt gehört ... (lacht) Aber sicher nicht einem unschuldigen Dritten, der den Sound macht. Es war einfach ein Musterbeispiel für fehlgeleitete Frustration. So ist das Leben. Das ist Rock'n'Roll.
Ich weiß noch, wie du nach dieser Aktion auf die Bühne zurück kamst, sichtlich unter Schock, und dich in aller Seelenruhe für das Geschehene eindrücklich bei den Zuschauern entschuldigt hast. Eine schöne Geste.
Ja, so läufts manchmal im Leben. Ich glaube, dass ich Nick besser verstehe als jeder einzelne im ganzen Musikbusiness, denn hey, ich kenne Nick schon länger als ich Josh kenne. Und das liegt ewig zurück. Ich kannte ihn schon als Person, nicht erst als der Ruhm kam und die Frustrationen. Wenn ein Haufen Leute zusammen auf Tournee gehen, ist das nicht immer einfach. Ich habe schließlich auch einen Job zu erledigen, muss gute Vibes rüberbringen und so. Ich musste auch schon mal meinen Drummer feuern, weil ers nicht auf die Reihe brachte und voll negativer Vibes war.
Aber tief drin ist er ein lieber Kerl, Mann. Ich verstehe ihn, den Frust und alles, aber hey, ich bin kein Psychologe, oder? Ich will die Menschen auch nicht verbessern. Hey, wenn du Leute verprügeln, dir Drogen spritzen oder sonstwie den Freak raushängen lassen willst, super, hau rein. Ich werde darüber sicher nicht urteilen. Die Welt ist ein verrückter Ort. Ich werde dich aber womöglich bitten, mein Haus zu verlassen, denn ich will lieber chillen. (lacht) Verstehst du? Ich respektiere, dass du austicken willst, aber dann respektiere du bitte, dass ich chillen will.
War es also ein glücklicher Zufall, dass in dem Moment, als du deinen Drummer rauswarfst, Alfredo Hernandez daherkam und meinte, hey, lass und wieder was zusammen machen?
Well, den Typ kenn ich nun auch schon mein ganzes Leben. Hey, ich habe Fredo schon mit 12 Schlagzeug spielen sehen. Das lief einfach ganz natürlich darauf hinaus, dass wir wieder zusammen spielen.
Noch mal kurz zurück zu der Trossingen-Sache: Nach dem Auftritt brach die Tournee quasi auseinander, Nick spielte einige Gigs solo und der Rest von Mondo Generator und deine Bros jammten ohne ihn. Hattest du damals das Gefühl, es könnte eine Art Eiszeit zwischen euch anbrechen?
Wie ich schon sagte, so ist halt das Leben! Als Nick mir erzählte, dass er gefeuert wurde, war mein erster Rat an ihn: Geh sofort raus und spiele! Sitz' bloß nicht daheim rum und zermartere dir den Kopf. Das macht alles nur noch schlimmer. Ich weiß, wie wichtig ihm Musik ist, wie wichtig er für die Musik der Queens Of The Stone Age war. Nick ist halt der Typ Selbstquäler, der obendrein unsicher ist. Manchmal wissen die besten Künstler nicht, wie gut sie sind.
Als sein Bruder sagte ich zu ihm: "Hey Alter, bleib locker. Ich weiß, die Queens sind fett am Start und ihr habt mit eurer reinen Kunst einen Markt geknackt, in dem es um mächtig viel Kohle geht. Aber du musst es positiv sehen und in Ruhe weiterarbeiten." Also trommelte er Mondo zusammen und ich schlug vor, gemeinsam auf Tour zu gehen. Doch am Ende entscheidet er. Wenn jemand verrückt genug ist, einen unschuldigen Mann zu verprügeln, ist es für ihn normal, eine Tour am nächsten Tag fortzusetzen. Aber so läuft es nicht, Mann. Dann musst du nach Hause gehen und von vorne anfangen. Und so ging die Band auseinander.
Aber heute ist das vergessen, wir lieben uns alle. Nick ging nach Hause und sortierte sich. Er muss jeden Tag damit fertig werden, aber sein Leben war nie leicht, seit ich ihn kenne, er kommt schon damit klar. Musik gibt ihm einen Halt im Leben. Und er ist auch kein Bandleader, der den Leuten sagt, das wird jetzt soundso gemacht. Also wie soll ich ihm erst helfen, ich komme ja kaum mit meinem eigenen Scheiß klar (lacht). Wir haben einige Male seit diesem Zwischenfall miteinander gesprochen, uns umarmt und wieder vertragen. Weißt du, wir haben eine ziemlich lange gemeinsame Geschichte und so ist er wie ein Bruder für mich.
Ich stehe mit Josh nicht in Kontakt. Auf einem emotionalen, zwischenmenschlichen Level waren wir nie befreundet. Nicht einmal bei Kyuss. Wir standen uns nie nahe. Ich rede nicht mehr mit ihm, ich weiß nicht, wie er heute ist und was er macht. Und das ist auch ein natürlicher Prozess. Ich urteile nicht über ihn oder glaube, dass er eine schlechte Person ist, ich behaupte nicht, dass seine Musik oder sein Sinn fürs Business negativ sind. Noch mal: Er ist nur ein Dude, der macht, was er machen muss.
Aber er ist jetzt halt auch in einem Alter, in dem es auf Zeitmanagement ankommt. Du wachst morgens auf, hast einen ganzen Tag vor dir und den verbringst du eben am besten mit Menschen, die du um dich haben willst. So mache ich es zumindest. Es besteht kein Grund, Josh anzurufen. Ich weiß, es existiert bei Kyuss-Fans und Musikliebhabern da draußen diese romantisierte Vorstellung, dass wir alle Brüder sind, unter Palmen in der Wüste Dope rauchen und tagtäglich die Kyuss-Reunion planen, aber das ist bullshit. (alle lachen)
Das ist okay, ehrlich, ich habe auch jede Menge verrückter Träume. ich bin mir sehr wohl darüber bewusst, dass Kyuss, so kurz die Existenz der Band auch war, vielen etwas bedeutet und dass wir ein paar scharfe Nummern gezockt haben. Ich schäme mich auch nicht zu behaupten, dass wir damals die schärfste Band der Zeit gewesen sind. Aber das ist eben vorbei, das Leben ist weiter gegangen und wir müssen auch nicht alle noch miteinander befreundet sein. Als wir "Blues For The Red Sun" aufnahmen, waren wir 18 Jahre alt. Das ist das Schöne an dieser Band: Wir waren jung und dumm. Eine tolle Kombination für Rock'n'Roll übrigens. Josh, Nick und wir anderen sind einfach in derselben kleinen Stadt, mitten im Nirgendwo aufgewachsen und waren der Ansicht, wir müssten uns schleunigst auf die Straße ins Nichts begeben.
Ihr habt euch eben in verschiedene Richtungen entwickelt, und das natürlich nicht nur musikalisch.
Eben. Und Josh ist eben der, der von uns den größten kommerziellen Erfolg mit seiner Musik erzielt. Um das zu schaffen, muss man schon eine Ader fürs Business entwickeln. Du schaffst es einfach nicht aus unserer kleinen Stadt auf solch ein Erfolgslevel mit dieser Art von Rockmusik, ohne Geschäftssinn zu besitzen. Er war immer ein sehr taktvoller Künstler, hehe, und das ist vielleicht auch seine wahre Kunst. Er weiß, woraus man Nutzen ziehen kann und wie man etwas effektiv und geschmackvoll durchzieht. Wenn das seine Kunst ist, ist er sehr gut darin. Nick und ich sind halt nicht so.
Du hast die limitierte LP "Tres Dias", die dem neuen Album zuvorkam, in drei Tagen aufgenommen. Hast du keinen Druck verspürt, nach dem tollen Doppelalbum von 2005 wieder ins Studio zu gehen?
Nö, ich setze mich selbst unter Druck. Ich bin ein unabhängiger Künstler und niemandem verpflichtet, was wieder auf die Sache mit unseren verschiedenen Naturellen von vorhin verweist. Ich bin eine sehr anti-autoritäre Person und tue mich irre schwer, Leuten zu sagen, was sie spielen sollen. Aber da es auch ums Geschäft geht, muss ich Leuten vertrauen, denn ich blicke nicht durch mit Zahlen und sowas. Wenn eine vertraute Person mir raten würde, mein Geld in Aktien anzulegen, würde ich sofort sagen: Okay, mach ich. Aber wenns um meine Musik geht, meinen Vibe und meinen Trip als Künstler, hat mir niemand was zu sagen. Es ist Intuition.
"Saved By Magic" war einfach ein Ausdruck unseres Bandgefühls zum Zeitpunkt der Aufnahme. Zipp, fertig. Intuition halt. Kunst ist mein Ventil. Ich fühle mich vor allem deshalb so wohl in meiner Haut, weil ich ein Solokünstler bin. Mir schreibt niemand irgendwas vor. So wichtig fürs Geschäft die Organisation ist, so wichtig ist die Freiheit für die Musik, man! Ja, "Tres Dias", drei Tage, hahaha!
Yeah.
Machst du das auch in dem Interesse, die Tiefe der Songs weiter auszuloten?
Also, ich mache das selten. Ich bin nicht der Typ, der vor seinem Haus ständig Gitarre spielt. Ich kann meine Gitarre auch mal einen Monat nicht anrühren, sechs Monate keine Drums spielen und sieben Monate lang keine meiner Platten anhören. Aber manchmal zünde ich mir eben gerne einen an, mache ein Bier auf und dreh eines meiner Alben auf. Einfach, um das noch mal zu reflektieren. Oder ich spiele die Songs selbst und überlege dabei, was sie bedeuten. Es sind ja Dinge, die einfach aus mir rauskommen, meistens weiß ich gar nicht, was sie bedeuten, wenn ich sie schreibe. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich nach fünf Jahren erst in einen Song eintauche und denke: Fuck, das hast du geschrieben? (lacht)
Mir gefällt vor allem das Saxophon in deinem Song "Blood In The Gallery" vom neuen Album "Somera Sol". War das deine Idee?
Yeah! Vince (Meghrouni, Anm. d. Red.) ist ein alter Freund von mir, ein Veteran-Musiker aus Los Angeles, der in der Punk- und Avantgarde Jazz-Szene rumgehangen ist. In L.A. ist er eine sehr angesehene Künsterpersönlichkeit und ich fühle mich geehrt, dass er auf meiner Platte spielt. Ich liebe Bläser. Ich höre sehr viel Jazz und mag die Improvisationen der Bläser, auch in der Rockmusik. Er kam also ins Studio und ich sagte ihm, er solle einfach loslegen. Und er machte es in einem Take.
Sind die Bläser auch etwas funk-beeinflusst?
Hmm, das kann man so und so sehen. Der Groove ist sicherlich funk-beeinflusst, mein Basser Dylan ist ein großer Funk-Fan und er schleppte die Basslinie an. Ihn würde es freuen, wenn man das so bezeichnen würde. Ich höre vieles raus, ich höre Funk, Rockmusik, Psychedelic, Punkrock, Beefheart ... was weiß ich. Und Vince spielt normalerweise viele exakt niedergeschriebene Arrangements, aber ich sagte zu ihm: "Hey, ich weiß genau, dass du spielen kannst wie Coltrane. Hier ist deine Chance, leg los, Mann!" Alles ist organisch: Dylan spielt eine Basslinie, Fredo bringt den Beat rein, ich komme mit einem Lick und dann gehts ab.
Du scheinst eh der Typ Musiker zu sein, der ungern ewig über Songs brütet und sie lieber schnell los wird, um schleunigst neue schreiben zu können. Lange rumprobieren magst du nicht, was?
Nee, niemals, kann ich nicht. Hab ich noch nie gekonnt oder gemacht. Is auch Schwachsinn, macht alles nur noch schlimmer. Wozu meine Zeit und die der Beteiligten verschwenden? Ist nicht mein Ding.
Würdest du dich trotzdem als einen Perfektionisten beschreiben?
Ich denke, jeder will seinen Trip so perfekt wie möglich hinbekommen. Aber meine Erfahrungen haben mich gelehrt, dass Perfektionismus eine Illusion ist. Sobald du denkst, du wärst angekommen, bist du wieder davon entfernt. Seither übe ich mich darin, loslassen zu lernen. Du musst das umfassen und schätzen können, was du bereits geschaffen hast.
Zum Schluss noch ein Wort zu Reunions, die Stooges sind ja wieder zurück. Kennst du das Comebackalbum?
Nein, aber ich habe sie ein paar Mal live gesehen. Ich liebe die Stooges. Ich habe ihre erste gemeinsame Westcoast-Show vor ein paar Jahren gesehen, es war unglaublich. Ich bin halt auch ein riesiger Fan von Mike Watt (Bassist und Ersatz für den verstorbenen Ur-Stooges-Basser Dave Alexander, Anm. d. Red.), er ist einer meiner Lieblingsmusiker. Ich habe ihn spielen sehen in L.A. als ich noch ein junger Kerl war. Es ging über meine wildesten Träume hinaus, dass Mike den Stooges beitreten könnte. Als ich das hörte, dachte ich nur: Ach du scheiße, es gibt wirklich einen Rock-Gott! (lacht)
Und was die Ur-Stooges-Mitglieder betrifft, wer ist da dein Favorit?
Äh ... ich habe da keinen Favoriten, ich mag sie als Band. Gut, ihre ersten beiden Platten finde ich besser als "Raw Power". Das Tolle an den Stooges ist nach meiner Ansicht, sie sind ein Stück Americana. Das ist der Sound von verdammten Nichtsnutzen, versteht ihr? Verzweiflung, Frust, das ist Punkrock. Die Stooges sind Freaks, Losers, Vollpfosten. Aber wundervolle. Sie haben Power, sie sind gefährlich. Gefährliche Menschen.
Hast du sie schon mal getroffen?
Ich habe den Drummer Ron Asheton mal kurz gesprochen, nein, diese Typen sind unantastbar. Ich habe diesen Dudes nichts zu sagen. Ich meine, Iggy ist schon mal an mir vorbei gelaufen, aber was bitte soll ich zu ihm sagen? Ich könnte ihm eine Torte ins Gesicht drücken (lacht), einfach reindrücken, haha. Das würde weit mehr Sinn machen, als sich mit ihm zu unterhalten. Großartige Band. Denn hey, so sehr mir mein Land auf den Sack geht, aber die Stooges machen mich stolz, ein Amerikaner zu sein (lacht).
Mehr Infos zu Brant Bjork sowie Interview-O-Töne im laut.fm-Podcast CVIII am 8. Mai 2007.
Sabbia (2007), Extraterrestrial Highway (2006)
Keep Your Cool (2003), Brant Bjork And The Operators (2002), Sounds Of Liberation (2000), Jalamanta (1999)
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