Nick Cave vertont den schlimmsten vorstellbaren Schmerz: "One More Time With Feeling" ist kaum auszuhalten.

Konstanz (mis) - Man wird Nick Caves Musik nicht mehr so hören können wie zuletzt "Push The Sky Away". Seit sein Sohn Arthur im letzten Sommer tödlich verunglückte, ist Nick Cave nicht mehr derselbe Künstler, derselbe Mensch ohnehin nicht. Ein Schicksalsschlag solch ungeheuren Ausmaßes stellt alles in Frage. Bis zum ersten Ton seines neuen, heute erscheinenden Albums "Skeleton Tree" fragte man sich: Wie hält ein Mensch solch einen Schmerz aus? Wie hält ein Künstler so etwas aus? Dabei will man es eigentlich gar nicht wissen - aus reinem, egoistischen Selbstschutz.

Es geht um den wohl schlimmsten vorstellbaren Schmerz: Das eigene Kind zu beerdigen. Die Texte zu seinen acht neuen Songs geben quälend detailliert Auskunft über das Seelenleben eines aus der Bahn geworfenen Menschen, eines diesem Horror ungläubig gegenüberstehenden Hilfesuchenden ("With my voice I am calling you", "Nothing really matters when the one you love is gone", "I need you / I thought I knew better / so much better"). Allen Besuchern des gestern weltweit zur Album-Veröffentlichung einmalig gezeigten Films "One More Time With Feeling" bescherte Regisseur Andrew Dominik eine in ihrer unfassbar schmerzhaften Direktheit unvergessliche Erfahrung.

Privat ist jetzt öffentlich, der Schmerz auch

Kein Kinobesucher wird Caves Musik je wieder so hören können wie bisher. "One More Time With Feeling" ist sein 110-minütiger Versuch des Exorzismus. Überraschend löst der in Brighton lebende Musiker nach über 30 Jahren Karriere die dünne Trennlinie zwischen Mensch und Künstler völlig auf, die ihm etwa in der Film-Dokumentation "20.000 Days On Earth" (2014) noch so wichtig war. 2016 ist alles anders. Seine Frau Susi und sein verbliebener Sohn Earl werden nicht als Silhouetten in Schatteneinstellungen versteckt, sondern nehmen an der Therapie unter Freunden aktiv teil. Privat ist bei Cave jetzt öffentlich, denn der Schmerz ist es auch.

Mit der Entscheidung, die bereits begonnene Film-Dokumentation nach dem Schicksalsschlag weiter zu drehen, gibt Cave mehr von sich preis, als er sich dies früher je erlaubt hätte. In der ersten Szene, offenbar kurz nach Arthurs Tod gedreht, hört man Bad Seeds-Multitalent Warren Ellis mit dem Regisseur darüber sprechen, wie die Arbeit im Studio nun weiter gehen könnte. Hilflosigkeit. Angst. Mitgefühl. Das Bild zur Szene bleibt schwarz, wie das Albumcover von "Skeleton Tree".

Kaum auszuhaltender Downer

Dann sieht man Cave in schwarzweiß, wie er sich im Spiegel betrachtet, die aufgequollenen Augen, ein Blick zur Kamera, "was soll ich tun?" - die Einstellung muss wiederholt werden, später die Anweisung aus dem Off: "Nochmal das Jacket ausziehen, und dann rausgehen bitte". Es muss weitergehen. Im Leben aber ohne Anweisungen.

Nick Cave hat Geschichten geschrieben, die ihn als Meister der Dramaturgie und faszinierenden Komponisten düsterer Rock-Stimmungen ausweisen. Sein Talent, die eigenen Mythen auf der Bühne unvergleichbar physisch auszuleben, brachte ihm in gewissen Fankreisen den Status religiöser Verehrung ein. Ihn nun sehen zu müssen, wie er im Angesicht eines Ereignisses steht, um das sich schon viele seiner früheren Texte kreisten, wie er den Begriff des Todes für sich neu definieren muss, macht "One More Time With Feeling" zu einem kaum auszuhaltenden Downer.

Warren Ellis, das Zauberwesen der Bad Seeds

Etwa wenn Caves Frau Susi ein Bild in die Kamera hält, das Arthur vor Jahren gemalt hat und das ausgerechnet eine Windmühle nahe seiner Unglücksstelle zeigt. Cave wiederum bringt seinen Schmerz zum Ausdruck, in dem er von alltäglichen Begegnungen mit Menschen in den Straßen erzählt, die ihm ihr Beileid ausdrücken. All dies sei natürlich gut gemeint, er wisse Sätze wie "Er lebt in deinem Herzen weiter" einzuschätzen, philosophiert Cave, bevor er mit mattem Ausdruck nachschiebt: "Natürlich stimmt das einerseits, er ist in meinem Herzen, aber er lebt eben nicht mehr."

"One More Time With Feeling" zeigt tröstenderweise auch, wie sehr ihm der Zusammenhalt seiner Band in dieser Phase Halt verleiht. Allen voran der behaarte Warren Ellis, eine Art Zauberwesen, von dessen Erscheinung allein man sich im Laufe des Films magische Kräfte erhofft. Er dirigiert die schweren Streicher-Arrangements der neuen Platte, wirbelt durchs Studio und spielt den bedrückendsten Orgelsound in völlig versunkenem Trance-Zustand. Zusammen mit Caves oftmals symbolbefreiter Selbstreflexion über die Unabwendbarkeit der Geschehnisse, erreicht die Musik auf "Skeleton Tree" dadurch eine tatsächlich nie dagewesene Kraft und Intensität.

"Es wird weitergehen mit der Musik und den Platten, so lange sich Menschen dafür interessieren", sinniert Cave an einer Stelle des Films tonlos. Es sei nur eben einfach nicht so wichtig.

"Nothing really matters when the one you love is gone."

Fotos

Nick Cave

Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler)

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3 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Ne Tragödie künstlerisch in dem Umfang ausschlachten? Was ist eigentlich aus intimer, stiller Trauer geworden, der man genug Würde beimisst, dass sie eben nicht mit allen geteilt werden muss, und dann auch noch zum kommerziellen Zweck?

  • Vor einem Jahr

    boah, schwinger....echt...

    das wort ausschlachten finde ich erschreckend schlicht und unangebracht in diesem zusammenhang. erst recht die moralische, irgendwie unsympathische konnotation.

    denn:

    jeder trauert anders, jeder trauert individuell. und menschen, die es seit jahrzehnten (nicht immer freiwillig) gewohnt sind, ohnehin mit jeder faser der eigenen biografie in der öffentlichkeit zu stehen und ohnehin gefühle über kunst ausdrücken, finden hier womöglich einen weg, der in einer solchen existenz zur verabreitung funkrtioniert.

    so etwas zu beurteilen und die gleichwertigen psychologischen formen expressiver (viele südländer) oder introvertierter (eher nordisch) trauer gegeneinander aus zu spielen, ist weder angebracht noch seriös.

  • Vor einem Jahr

    Danke für den Behaviorismus-Exkurs, wär nicht nötig gewesen. Ich rede weder davon (noch "spiele ich aus", deinerseits ein rhetorischer Klogriff, Herr Anwalt), ob Trauer still oder affektiert auszuführen ist, sondern ob, wie und in welchem Umfang sie medial in die Welt getragen wird.

    Dein Punkt mag richtig sein, oder auch nicht. Die Motivation dafür kennen wir beide nicht, aber das Resultat ist ne mediale Inszenierung eines tragischen Ereignisses, als wäre diese spezielle Trauer in irgendeiner Weise bedeutsamer und habe mehr Anspruch daran, gehört zu werden, als diejenige, die ganz normale Menschen täglich durch den Verlust naher Anverwandter durchleben. Das schmeckt mir eben nicht.

    Von der Stilisierung mal ganz zu schweigen...als hätte ein schwarzweißer, bedeutungsschwangerer Take irgendetwas mit dem realen Leben oder realer Trauerbewältigung gemein. Es ist ne Inszenierung, die man aber offenbar nun kritiklos hinnehmen soll, nur weil ihr Ursprung ein tragischer ist.

    • Vor einem Jahr

      Der Mann befand sich gerade bei Albumaufnahmen inkl. Dokufilm und hat die Entscheidung getroffen, beides weiter zu machen. Nur eben weniger inszeniert als früher, sondern anscheinend intimer denn je. Ist ihm vielleicht auch in dem Moment völlig egal gewesen. Deshalb hat das Album auch nur acht Songs und der Film lief nur einmal.

      Dass ein Künstler persönliche Erlebnisse verarbeitet ist nun wirklich keine neue Erkenntnis.
      Und in dem Sinne schlachtet jeder Künstler sein persönliches Umfeld und Erleben eben aus.

    • Vor einem Jahr

      Da ist was dran...

    • Vor einem Jahr

      "als wäre diese spezielle Trauer in irgendeiner Weise bedeutsamer und habe mehr Anspruch daran, gehört zu werden, als diejenige, die ganz normale Menschen täglich durch den Verlust naher Anverwandter durchleben. Das schmeckt mir eben nicht."

      deshalb missverstehen wir einander anscheinend. denn d a s halter ich für ne unterstellung und projektion. egal, wie extrovertiert oder medial transportiert dies sein oder erscheinen mag. es nimmt niemandem etwas weg, es degradiert niemandes trauer und schon gar nicht "die gefühle des kleinen mannes". es ist anders aber nicht verdrängend.

      wie kommst du nur auf sowas?

      im gegenteil: es ist evtl auch ne katharsis für viele in ähnlich tragischen situation. ein plus, kein minus. ein angebot, kein anschlag.