laut.de-Kritik

Endlich wieder ein Bad Seeds-Album aus einem Guss.

Review von

Nick Cave gehört zu den wenigen Künstlern, deren neue Alben Offenbarungen enthalten, auf die zuvor noch niemand gekommen ist. Glaubt man zumindest, nach den Kritiken, die über sie geschrieben werden. Legt sich der Trubel wieder, greift man dann doch eher wieder auf die alten Platten zurück, auf die wütenden aus den 80er Jahren oder die eingängigeren aus den 90ern. Allen voran "Live Seeds" von 1993, nach wie vor überragend, trotz des matschigen Sounds, oder das ruhige, wenn auch nicht liebliche "The Boatman's Call" (1997).

Was nicht bedeutet, dass es keine Freude wäre, ein neues Album des Australiers in den Händen zu halten. Erst recht bei einem durchaus ansprechendem Cover wie dem vorliegenden, auf dem der Meister in seinem Schlafzimmer in seiner Wahlheimat Brighton mit seiner hüllenlosen Ehefrau zu sehen ist. Dem Exhibitionismus war Cave nie wirklich abgeneigt, wie sich auch an seiner öffentlich zelebrierten und rechtzeitig abgelegten Heroinsucht bis in die 90er hinein gezeigt hat.

Auf "Push The Sky Away" erscheint vieles wie gewohnt, einiges aber auch neu. Wie immer in den letzten Jahren hat Cave viel Zeit im Keller seines Hauses verbracht, um über neuen Texten zu brüten. Alt sind auch die Bad Seeds, die ihm treu zur Seite stehen, wenn er sie ruft. Die größte Neuigkeit besteht in der Abwesenheit Mick Harveys, der die Band 2009 mit einem lauten Türknall verlassen hat. Seit den 70er Jahren hatte er mit Cave musiziert und war weit mehr als nur der Gitarrist der Bad Seeds. Er war deren musikalischer Führer.

Diese Rolle hat nun Multi-Instrumentalist und Loop-Lieferant Warren Ellis inne. Was zu einem überraschend neuen, minimalistischen Sound geführt hat. Einerseits fehlen jene Gitarrengewitter, die nicht nur auf den Cave/Seeds Platten des neuen Jahrtausends zu hören sind, sondern auch den Reiz des begrabenen Seitenprojekts Grinderman ausmachten. Andererseits hat Ellis den Songs einen durchgängigen, konsistenten Sound verpasst, zum ersten Mal seit "The Boatman's Call".

"Das Mysterium seiner Klangwelten ist nun schon lange ein Teil unserer Musik. Aber jetzt gibt es nichts mehr, dass sie verdeckt", erklärt Cave in einem Interview mit dem Musikexpress. Die Beförderung kam dank des gemeinsam geschriebenen Soundtracks zum Kinofilm "The Proposition – Tödliches Angebot" (2005), für das Cave auch das Drehbuch verfasst hat. "Er besitzt die magische Fähigkeit, aus den verschiedensten Geräuschen dichte, stimmige Atmosphären zu schaffen". Last, but not least: Cave hat seine tiefe Erzählerstimme wieder gefunden. Hohe, weinerliche Passagen gibt es hier keine. Falls sie jemand vermisst haben sollte.

Im Opener "We No Who U R" besteht das prägende Geräusch aus wenigen geloopten Noten, die wie ein Zwitter aus Klavier und Gitarre klingen, einem unaufgeregten Bass samt Schlagzeug, einer Querflöte, einem Chor und natürlich Cave, der über Tagesbeginn und Vögelchen sinniert. Dabei hat er nicht den Verstand verloren, sondern eine neue Form des Textens ausprobiert. Vieles sei bei zufälligem Surfen im Internet entstanden, erklärt er. Er wollte diesmal keine Geschichten erzählen, sondern es sei ihm eher um die Atmosphären gegangen. Worte im Dienste der Musik, nicht umgekehrt.

Mord und Co. gibt es natürlich trotzdem. "Mylie Cyrus floats in a swimming pool in Taluca Lake / And you're the best friend I ever had / I can't remember anything at all", schließt er das vorletzte Stück "Higgs Boson Blues" ab. Ein paar Strophen davor war schon Robert Johnson mit Luzifer erschienen, "100 black babies running from his genocidal jaw."

Dazwischen leistet sich das Album keine Schwächen. Den Höhepunkt bildet "Jubilee Street" mit einer leicht verstimmten Gitarre als wichtigster Begleitung und Streichern im Mittelteil, die Musik und Hörer buchstäblich zum Schweben bringen. Filmische Elemente, die auch das fast schon religiös anmutende "Mermaids" und das verträumte, leicht bedrohliche "We Real Cool" liefern.

"Push The Sky Away" ist endlich wieder ein Cave-Album aus einem Guss. Was weniger am Frontmann als an Tausendsassa Warren Ellis liegt. Und am Umstand, dass die Aufnahmen im malerischen Studio La Fabrique im französischen Saint-Rémy de Provence stattgefunden haben. Wahrscheinlich wird sich die Band beim nächsten Album schon wieder ganz anders anhören. Doch genießen wir erst einmal das vorliegende, dessen einzige Offenbarung lautet: Nick Cave & The Bad Seeds sind 30 Jahre nach ihrer Entstehung immer noch eine phantastische Band.

Trackliste

  1. 1. We No Who U R
  2. 2. Wide Lovely Eyes
  3. 3. Water's Edge
  4. 4. Jubilee Street
  5. 5. Mermaids
  6. 6. We Real Cool
  7. 7. Finishing Jubilee Street
  8. 8. Higgs Boson Blues
  9. 9. Push the Sky Away

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18 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Jahr

    Was für ein geiles Teil - so schöner langsamer melancholischer Art Rock. Das wird schwer zu toppen sein. Mein erster Nick Cave Album, was mich völlig überzeugt. Bombe - das wird schwer zu knacken sein. Favorit für das Album des Jahres.

  • Vor einem Jahr

    Sehr ruhig und sehr geil! Hatte eigentlich auf was "Dig, Lazarus. Dig"-ähnliches gehofft, aber so ist's auch gut! :-)

  • Vor einem Jahr

    Die deutlichste Offenbarung, die ein neues Werk von Nick Cave in der Regel enthält, ist immer eine der sprachlichen Realität: Die Autoren überbieten einander bei der Entwicklung peinlicher Metaphern und beim Geil-Finden eines absolut etablierten und längst nicht mehr innovativen Künstlers. Widerworte gegen diesen Konsens sind sehr unwillkommen, und der unbegeisterten Stimme wird in der Regel sofort das Wort von anderen Kommentatoren/Claqueuren verboten (vgl. das eigentlich relativ undogmatische Blog: thequietus.com).
    Manche Sounds und Arrangements sind ganz gut, haben aber mitnichten das Niveau von Caves Arbeiten, die zwanzig oder dreißig Jahre zurückliegen.
    Bleibt einfach mal auf dem Teppich: es ist nur eine Platte von Nick Cave and the Bad Seeds -- voll mit sentimentalem Zeug über Sünde, Transgression, Vergebung und irgendwelchen anderen Unfug, bei dem er weiß, dass viele das wunderbar finden, weil er aus so einem reichen mythologischen Fundus schöpft. Einzig ernstzunehmen an diesem Musiker sind die menschlichen Kollateralschäden, die vermutlich durch seinen Heroinkonsum und seine Verantwortung entstanden. Aber von dieser Sünde schweigt er lieber. So ist es eigentlich nur Kunsthandwerk, damit das Feuilleton mal wieder Kopf stehen und irgendwelchen Mainstream abfeiern kann. Ich finde sein Zeugs bieder: ein Klang gewordener Family Van, der auf Vintage getrimmt ist.