Porträt

laut.de-Biographie

Bobby Orlando

Was Produzent Giorgio Moroder und seine Discoqueen Donna Summer für die frühe Tanzkultur in den 70ern bedeuten, ist der amerikanische Produzent Bobby "O" Orlando zu Beginn der 80er Jahre: ein Dancefloor-Mogul. Seine gleich im Dutzend aus dem Hut gezauberten Acts dominieren zwischen 1980 und 1985 die Hitparaden mit schnulzigem Synthie-Sound, der schon bald unter dem Label Hi-NRG in die Musikgeschichte eingeht. Divine und The Flirts heißen seine heißesten Eisen, ganz abgesehen von den noch jungen Pet Shop Boys, deren Hit-Single "West End Girls" 1984 erstmals am Mischpult von Bobby O. Formen annimmt. Auch auf diesem Welthit greift Bobby O.s Maxime: "It's the bass that makes the hit".

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Bobby Orlando kommt im New Yorker Mittelklasse-Vorort Westchester als Sohn eines Schullehrers zur Welt. Auf seine spätere Karriere in der Musikindustrie deutet zunächst wenig hin. Der junge Bobby will sich nach oben kämpfen, begeistert sich für den Boxsport. Ein Stipendium an einer Musikschule lehnt er ab und jammt stattdessen lieber mit Freunden im Proberaum. Johnny Thunders heißt sein Idol. Später zieht er sich Plateau-Schuhe an, lässt die Haare lang wachsen und verehrt die einheimische Glam-Rock-Band New York Dolls. Das ist Musik, die den jungen Bobby O. bewegt.

Kurz darauf hört er zum ersten Mal die unschuldigen Popsongs der schwedischen Band ABBA. Ein einschneidendes Erlebnis. "The first time I ever heard ABBA I almost fainted, they were just so wunderful", erinnert er sich später. Disco heißt von da an seine Leidenschaft. Bei Giorgio Moroder schult er sein Ohr für eingängige Bassläufe. Eine Lehrstunde, die sich schon bald auszahlen sollte.

Ende der 70er beginnt der homophobe Orlando mit ersten Produktionen und gründet 1980 sein Label O Records. Mit "Just A Gigolo" von Barbie & The Kens sowie "Change Of Life" von I Spy stellt sich schnell Erfolg ein. Der Song "Desire", geschrieben für Roni Griffith, mit der Orlando eine kurze Affäre hat, schafft 1980 ebenfalls den Sprung in die Charts und festigt seinen guten Ruf in der von Schwulen dominierten Clubkultur - Ironie der Geschichte.

Zur gleichen Zeit trifft Orlando auf die exzentrische Künstlerpersönlichkeit Divine und nimmt den aus trashigen John Waters-Filmen wie "Pink Flamingos" berühmt-berüchtigten Travestie-Star unter seine Fittiche. Orlandos härtere Variante des Moroder'schen Discosounds in Verbindung mit Divines provokativem Äußeren schafft es weltweit an die Spitze der Charts.

"Shoot Your Shot" oder "You Think You're A Man" bekommen das Label Hi-NRG verpasst und bereiten den Boden, auf dem wenige Jahre später House und Techno emporschießen sollten. Auch seine Castingband The Flirts fährt mit Hits wie "Passion" oder "Calling All Boys" eine goldene Platte nach der anderen ein. Die Bobby O-Hitfactory rotiert auf Hochtouren und überschwemmt den Markt mit teilweise fragwürdigen Releases.

Angetan von Bobby Orlandos Produktionen (besonders von der Flirts-Bombe "Passion") sichert sich der Journalist und Musiker Neil Tennant 1983 einen Termin mit Bobby. Nach getaner Arbeit, einem Interview mit Sting im Anschluss an ein Police-Konzert, macht sich Tennant auf direktem Wege nach Manhatten auf, wo die Büros von O Records zu finden sind. In einem Café trifft er sich mit dem Produzenten auf einen Cheeseburger, erzählt ihm von seinem Projekt namens Pet Shop Boys und zu seiner Überraschung sagt der Mann aus New York noch am selben Tag zu, den Song "West End Girls" zu produzieren.

Orlando mixt somit die erste Version des Songs und berät die unerfahrenen Engländer auch in geschäftlichen Belangen. Nachdem der Single außer in Szeneclubs von New York und San Francisco sowie in Frankreich und Belgien kein Erfolg beschieden ist, unterschreiben Tennant und sein Partner Chris Lowe nach einigen Verhandlungen mit Orlando einen Vertrag bei EMI und werden dort zu einer der erfolgreichsten Popbands der 80er Jahre. Die neue "West End Girls"-Version stürmt 1985 weltweit die Charts, Orlando besitzt dafür bis heute die Rechte an der Originalversion.

Mitte der 80er zieht sich der Produzent aus dem Musikgeschäft zurück, entdeckt die Bibel für sich und beginnt zum Ende des Jahrzehnts ein Jurastudium. Zu Beginn der 90er gründet er mit Reputation Records ein neues Label, auf dem er bis 1997 immer wieder Songs releast.

Auch mit den Pet Shop Boys bleibt er freundschaftlich verbunden, die ihrerseits den Bobby O-Track "Try It (I'm In Love With A Married Man)" auf ihren 2003er Release "Disco 3" packen. Neuere Produktionen des "King of Hi-NRG" sind nicht bekannt und auch sonst ist er nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten.

Die Erben von Bobby O huldigen ihrem Idol auf zeitgemäße Art; indem sie Samples aus seinen Songs verwenden. So geschehen bei Felix Da Housecat auf seiner Hitplatte "Kittenz And Thee Glitz" oder auf DJ Hells "Munich Machine".

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