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"To go from nothing to that in seven years was amazing". Bis heute denkt Labelboss Daniel Miller gerne an den Tag zurück, an dem Depeche Mode, die er 1980 im Vorprogramm von Fad Gadget in London entdeckt hatte, am 18. Juni 1988 das riesige Rose Bowl Stadion in Pasadena (Kalifornien) mit 70.000 Zuschauern ausverkauften. Unter all den hippen Synthiebands wie Soft Cell, Human League und OMD hatte er nachweislich den Goldesel aller UK-New Wave-Elektroniker für Mute Records gesignt. Obwohl sich auch Dave Gahan (Gesang), Andy Fletcher, Martin Gore und Vince Clarke Anfang der 80er grässlich kleiden, holten sie doch aus ihren analogen Synthesizern Melodien heraus, die rasch Englands Interesse wecken sollten.
Das "New Life" als Popstars schien aber schon 1981 beendet zu sein, als Songwriter Clarke (später Yazoo, Erasure, VCMG) abdankt. Der Tourstress. Keyboard-Blondie Martin Gore zeigt jedoch ungeahntes Kompositionstalent indem er den Trällerkanonen seines Vorgängers die nötige Spur Tiefgang in den Melodien folgen lässt. "Leave In Silence" von 1982 schwebt schon Welten über "Just Can't Get Enough".
Bei "Construction Time Again" 1983 steigt Alan Wilder vom gebuchten Live-Musiker zum festen Bandmitglied auf und kommt damit pünktlich zur Erforschung der Sampling-Technik, die die Depeche-Songs jener Zeit prägt - der Song "Pipeline" besteht gar ausschließlich aus aneinander gereihten Samples. Diese später als Industrial-Phase bezeichnete Zeit führt das Quartett nach Berlin, wo die Hansa Studios mit Renommee (Bowie) und einem 56-Spuren-Mischpult locken. Gesamplet wird alles, was Geräusche erzeugt. Neubauten-Chef Blixa Bargeld, ebenfalls Hansa-Gast, wird später behaupten, DM hätten sich für ihren größten Hit mit Samples aus Neubauten-Restbeständen bedient, was Wilder als "lächerlich" bezeichnet.
Besagter Hit heißt "People Are People", verdrängt am 26. April 1984 Alphavilles "Big In Japan" vom ersten Platz der deutschen Charts und wird fortan neben Queens "Radio Ga Ga" auf jeder Grillfete gegrölt. Mit dem Wirbel um die skandalträchtigen Lyrics in den Nachfolge-Hits "Master & Servant" (S&M) und "Blasphemous Rumours" (Gotteslästerung) füllen sich auch die Hallen der 84er Tour. In Ludwigshafen tritt man sogar auf einem Elton John-Festival auf (Mister Crocodile Rock prophezeit der Band nebenbei eine große Zukunft, ein Visionär?). Traurig endet ein Dezember-Konzert in Böblingen, wo ein Verrückter bei der Zugabe "See You" eine Rauchbombe zündet, die Panik auslöst, zum Glück aber keine Verletzten fordert.
1985 werden die Staaten angetestet. Den Erfolg verdanken DM wieder vor allem "People Are People", das zusammen mit einer Greatest Hits-Scheibe den Weg in die College Radios findet. Gore, der mittlerweile bevorzugt in Frauenkleidern und bunt geschminkt die Bühnen betritt und sich als Nightlife-Stripper einen Namen macht, spaltet zunehmend konservative Lager und wird zum Idol in homosexuellen Kreisen.
Auf dieser Tour legen Mode auch den Grundstein für die umjubelte 88er Tour. Nach dem soundtechnisch eher stagnierenden "Shake The Disease" gerät die Single "It's Called A Heart" endgültig zur Blaupause interner Orientierungslosigkeit. Bis heute ist keines der Bandmitglieder mit dem Song zufrieden, Wilder habe gar "schon damals für das weit komplexere 'Fly On The Windscreen' als Single votiert".
Mit "Black Celebration", wie die beiden Vorgänger in Berlin produziert, offenbart die Band ihre düsterste Seite, die Single "Stripped" zählt zu den stärksten Singles, die DM bis dato veröffentlichen (in den Staaten erscheint zum Ärger der Band die gefällige B-Seite "But Not Tonight" als Single). Mit dem holländischen Fotograf und Video-Regisseur Anton Corbijn betritt zudem eine bald nicht mehr weg zu denkende visionäre Kraft die DM-Bühne.
"Music For The Masses" zeigt eine Abkehr von früheren Sampling-Orgien hin zu organischeren Sounds. Das Album beschert der Band den Durchbruch in Amerika, ein Livealbum der "101"-Show und ein Video der Tour kommen in den Handel. Die Tour führt DM im März 1988 auch erstmals nach Ost-Berlin, wo man die vereinbarten 5000 Westmark Gage einnimmt und etwa 100.000 Mark Verlust macht. Auch hier werden sie von Fans (und Parteifunktionären?) lautstark gefeiert.
Schließlich 1990, das Jahr der Welteroberung. Mancher ahnt es bereits, als sich Ende '89 der bluesy Riffklotz "Personal Jesus" in die Plattensammlung früherer Mode-Hasser einschleicht und zu einer der bestverkauftesten US-Singles ever wird. Das Album "Violator" plus "Enjoy The Silence" als Popsingle par excellence sorgen dafür, dass die Jungs in aller Welt vor ausverkauften Hütten spielen.
Doch dass Sänger Dave drei Jahre später mit ungekämmter Kurt Cobain-Matte den Grunge-Held himself als Rockerlöser beerben will, überrascht dann doch. Auch im Drogenkonsum ist Gahan kein Chorknabe mehr, was zu diesem Zeitpunkt nur wenige wissen. Die Single "I Feel You" böllert mit Rückkopplungen à la Sonic Youth in die Charts und das '93er Album selbst wird zur offensichtlichsten Reminiszenz an den Zeitgeist seit Bandbestehen.
Mit Nummer Eins-Platzierungen in Deutschland, England und den Staaten beginnt eine euphorische Welttournee, die böse enden sollte. 14 Monate verbringt man auf der Straße (174 Konzerte) und Dave als bekennender Jane's Addiction-Fan fühlt sich sichtlich wohl in der neuen Rolle als Rock-Gott. Mit der Bandchemie ists indes vorbei: alle Vier haben eigene Backstage-Räume, eigene Limos und wohnen in Hotels nicht nur auf verschiedenen Etagen sondern auch diagonal, damit niemand die After Show-Eskapaden eines Kollegen über/unter sich mitkriegt. Mitte 1994 endet die Mammut-Tour, Dave wandelt weiter eisern in Cobains Spuren und Technikgenie Alan steigt 1995 entnervt aus und werkelt seitdem am Soloprojekt Recoil.
Wie 1997 "Ultra" erscheinen konnte, nachdem Gahan mit einem Selbstmordversuch und der Erfüllung sämtlicher Befürchtungen quasi untragbar wurde, bleibt ein Rätsel. Die Rückkehr beeindruckt durch düstere und minimale Elektronikklänge fernab von Bombast-Arrangements, einzig "Barrel Of A Gun" erinnert noch an DMs Gitarrenphase. Die von Tim Simenon (Bomb The Bass) produzierte Scheibe schlägt ein und holt gleichzeitig einige alte Synthie-Fans zurück. 1998 wagt das Trio eine auf fünf Monate abgespeckte Welttour, die auch der wieder nüchterne Dave gut übersteht.
Ab "Playing The Angel" (2005) beteiligt sich auch Sänger Gahan am Songwriting, im DM-Kontext eine mittelgroße Revolution. Dennoch zählen Depeche Mode gerade live zu den Big Playern des Geschäfts und erreichen im Jahr 2009 mehr Menschen als zu ihrer kommerziellen Hochphase 1990. Im Single-Ranking sind sie seit 1977 die erfolgreichste Band aller Zeiten, die zusammengerechnet 575 Wochen in der Hitliste rangierte.
laut.de präsentiert: Schulzky vs. Martin L. Gore und die Partys zur neuen Platte.
Schulzky, Depeche Mode-Fan und Songwriter der Berliner Band The Aim Of Design Is To Define Space, traf Martin Gore für laut.de in Berlin. Checkt auch die Depeche Mode-Releasepartys zu "Sounds Of The Universe" an diesem Wochenende aus (siehe Surftipps).
Wenn Künstler aus unserem schönen Land ihre Helden treffen, beschleicht einen schnell ein ungutes Gefühl. Wem treibt der Auftritt von Wolfgang Niedecken in Bruce Springsteens "Hungry Heart" Video nicht die Schamesröte ins Gesicht? Auch die Kollabo von Herbie Grönemeyer mit Antony Hegarty hinterließ Leere und Fragezeichen.
Sollen sich die internationalen Künstler doch auf Augenhöhe treffen, denkt man sich: "Non siamo soli", das Duett von Ricky Martin und Eros Ramazotti, Puerto Rico featuring Italien, sei da als positives Beispiel genannt.
Schlimmer wirds nur noch, wenn an Ereignissen arme lokale Karrieren unnötig in die Länge gezogen werden und Künstler, die eben noch geschüttelreimt haben, plötzlich zu Autoren oder Schriftstellern mutieren. So verfasst Maurice Summen, ehemals oder immer noch Kopf von Die Türen, für die Berliner Zeitung neuerdings völlig unironische Kritiken über Sarah Connor-Konzerte.
Und auch die Werke von Christiane Rösinger (Britta) oder Nagel (Muff Potter) wecken eher das Bedürfnis, die Erfindung des Buchdrucks zu verfluchen. Dann doch lieber gleich saftige Gastrokritiken verfassen so wie neuerdings Blixa Bargeld in seinem Restaurantreiseführer "Europa kreuzweise" oder die kulinarische FAZ-Kolumne von Jürgen Dollase, ehemals Keyboarder und Backgroundsänger der 70er-Krautrockband Wallenstein.
Nun sollte ich mich in diese traurige Riege einreihen und Martin Gore interviewen. Einige meiner Helden habe ich schon getroffen: Salman Rushdie saß mir mal mit einer sehr jungen Dame im Speisewagen vom ICE Köln/Berlin gegenüber, Boy George gab mir auf seiner Party in London Begrüßungsbussis, ich beglückwünschte Thomas Kretschmann persönlich zu seinem Auftritt bei "Valkyrie", Philip Roth trafen wir im "Ouest" in New Yorks Upper West Side, Maxim Biller verkaufte ich einmal beinah eine Badehose und als Student war ich mal mit Peter Sloterdijk essen. Der ließ gleich zweimal den Wein zurückgehen!
Nun also Martin Gore. Meine nach wie vor ungebrochene Leidenschaft für Depeche Mode ist an anderer Stelle nachzulesen (siehe Surftipps). Ich war sehr aufgeregt. Im Hotel de Rome stolperte ich erst einmal über Christian Eigner, den österreichischen Live-Drummer der Band.
Ich band ihm nicht gleich unter die Nase, dass er fast alle klassischen Depeche-Stücke zertrommelt, denn man sah und roch ihm die Echo-Party vom Vorabend noch deutlich an. Und dann gings schon los. Gore trug das, was man wohl "expensive casual" nennt, nicht Ed Hardy, aber fast. Ich stelle mich vor: "Stephan". Er reichte mir die Hand: "Martin". Sehr höflich, hochprofessionell, eben sehr amerikanisch.
Als dein zweites Soloalbum rauskam, hast du gesagt, du würdest all die Solokünstler bedauern, die alleine unterwegs seien, da es mit einer Band backstage immer lustiger zugehe.
Ja, klar. Mit mehreren Leuten ist es immer witziger. Gestern (beim Echo) waren neben uns dreien noch Christian und Andrew dabei. Sagte ich Andrew? Christian und Peter natürlich!
Viele eurer Zeitgenossen konzentrierten sich meiner Ansicht nach zu sehr auf technisches oder soundfixiertes Songwriting und vergessen darüber oft den Song an sich. Gerade britische Bands. Glaubst du, dass deine amerikanischen Wurzeln hier eine Rolle spielen?
Ich bezweifle, dass das einen Einfluss auf mein Songwriting oder meinen Gesangsstil hatte, aber ich weiß es natürlich nicht. Jedenfalls bin ich in Essex groß geworden und erfuhr erst im Alter von 31, dass mein richtiger Vater Amerikaner war, ein schwarzer Amerikaner. Daher kann ich schwer beurteilen, inwieweit mich das beeinflusst hat.
Ich weiß nur, dass ich viel mehr Gospel-Musik höre als meine Freunde. Das ging schon los als ich 20 war. Aber natürlich habe ich mir diese Frage auch schon oft gestellt: Hast du das in deinen Genen oder nicht? (lacht)
Im Song "Perfect" gibt es die Zeile "I'm just a plain and simple singer". Das erinnert an Bob Dylans "I'm just a song and dance man". Hat dein Umzug nach Amerika dein Songwriting beeinflusst?
Interessanter Punkt, wenngleich auch diese Frage schwer zu beantworten ist. Ich finde, die Platte klingt positiver, ist schneller und vielleicht auch spiritueller. Letzteres würde ich zumindest "Peace" und "A Little Soul" zuschreiben. Ich will jetzt wirklich nicht wie ein New Age-Hippie klingen, aber die Tatsache, dass ich in Kalifornien lebe, mag auch ihren Teil zu den Songs beigetragen haben.
Ich muss bei eurem Album "Exciter", das ich kürzlich wieder für mich entdeckt habe, immer an die Hitze und Traurigkeit eines kalifornischen Vorabends denken. Sind die Songs 2000 auch schon in Kalifornien entstanden?
Nein, die Hälfte des Albums ist noch in England entstanden. Aber ich war schon am Übersiedeln.
Du hast diesmal mehr Songs geschrieben als je zuvor im Vorfeld eines Albums. Woher stammt diese Energie?
Da gibt es mehrere Gründe. Zum einen wusste ich, dass Dave wieder an einem Soloalbum arbeiten würde. Für mich bedeutete das: ein ganzes Jahr Zeit fürs Songwriting, ganz relaxt. So konnte ich mich auf mein eigenes Tempo konzentrieren und hatte keinen Druck von außen. Für jeden Song habe ich ungefähr ein paar Wochen benötigt.
Und du weißt immer, wann ein Song fertig ist?
Also, ich weiß meistens, wann ein Demo so weit ist, dass man es anderen Leuten vorspielen kann. Ein anderer Grund, warum es diesmal schneller ging, war, dass ich den Songwritingprozess aufs Laptop umgestellt habe. Das hat ziemlich Zeit gespart.
Die neue Platte ist strukturell sehr vielschichtig. Wie früh weißt du schon, welche Sounds den Songs später gut stehen? Früher hast du deine Demos ja bewusst einfach gehalten, damit im Studio viel experimentiert werden konnte.
Früher arbeitete ich meist auf der Gitarre die Grundakkorde, die Songstruktur und die Melodien heraus, natürlich auch den Text. Oder auch auf dem Klavier. Heute stehe ich manchmal auch am Keyboard, teste dort verschiedene Sounds oder programmiere etwas und beginne dann, dazu zu singen. Diesmal ging das aber erstaunlich schnell, eben wegen dem Laptop.
Und dann hatten wir einfach von der letzten Platte noch ziemlichen Schwung. Kaum waren wir von dieser sehr erfolgreichen Tournee wieder zu Hause, hatte ich das Gefühl, dass es gut wäre, so schnell wie möglich wieder neue Songs zu schreiben. Das ist auch eher ungewöhnlich, da es ein Leichtes für mich gewesen wäre, einfach ein Jahr Pause zu machen. Nach dem Motto: Soll Dave erstmal sein Soloalbum veröffentlichen, dann kann ich immer noch damit anfangen.
Bist du eigentlich ein 'natürlicher' Songwriter? Sprich: Musst du schreiben? Früher war es ja eher so, dass du Songs geschrieben hast, wenn es eben an der Zeit war, oder?
Ich schreibe nicht durchgehend. Wenn ich mich mal hinsetze und anfange, dann läuft es, aber sobald ich fertig bin, und wir zum Beispiel das Album aufnehmen, kehre ich nicht jeden Abend nach Hause zurück, um mich an neue Songs zu setzen.
Fiel euch der Titel "Sounds Of the Universe" eher früh oder spät ein?
Der kam schon ziemlich früh, wobei ich nicht mehr genau weiß, wie wir da draufgekommen sind. Er schien zu passen. Ich finde ohnehin, dass wir diesmal Sounds benutzen, die manchmal schon an 60s Space Age-Pop erinnern.
Die zweite Stimme ist selten schon beim Demo eines Songs da. Das ist dann Studioarbeit. Dort ist das auch viel einfacher. Ich denke, das hat mit dem Umstand zu tun, wie Daves und meine Stimme zusammen harmonieren. Er hat diese mächtige Stimme, diesen Bariton, und wenn darüber dann meine eher dünne, weiche, oder wie immer man es nennen will, wenn beide Stimmen zusammen kommen, funktioniert es sehr gut. Die beiden Frequenzen ergänzen sich offenbar ziemlich gut.
Wie gehst du vor, wenn Daves Stimme einmal nicht richtig zu deinem Song passen will? Muss er improvisieren? Veränderst du dann deine Songs?
Das erste, was wir zusammen im Studio erarbeiten, ist die Tonart und das Tempo. Ich habe zum Beispiel eine nicht näher bestimmbare Tendenz, Songs langsamer aufzunehmen. Ich will die Demos wohl bewusst depressiv halten (lacht) Meistens müssen wir im Studio also das Tempo anziehen, wobei dieses Mal erstaunlich viele Songs das Tempo der Demos beibehalten haben. Was die Tonart betrifft, gehen wir meistens einen Halbtonschritt runter, manchmal auch einen ganzen. Dave singt eben auf einer tieferen Stufe.
Du hast auf dem neuen Album erstmals einen Song mit Dave gemeinsam geschrieben, wobei ich leider nicht weiß, welcher es ist.
Der Grund, warum du es nicht weißt, ist: Du hast ihn noch gar nicht gehört. Er ist nicht auf dem Album, wird aber auf eine Single und mit vier anderen auf das Boxset kommen. Es war allerdings keine wirkliche Kooperation. Ich hatte ein Techno-Instrumental geschrieben, das Dave sehr gut gefiel. Also nahm er den Song abends mit ins Hotel und arbeitete einen Text und eine Gesangsmelodie heraus.
Unterhaltet ihr euch heute mehr als früher? Tauscht ihr euch im Studio aus wie es andere Songwriter wahrscheinlich auch tun?
Nun, wir schreiben unabhängig voneinander. Sobald wir uns im Studio treffen, gerät aber ein ganzer Apparat in Bewegung. Es ist eher eine Kollaboration aller am Album Beteiligten, vom Programmierer bis hin zu Produzent Ben Hillier. Jeder einzelne Track bekommt sozusagen die gleiche Aufmerksamkeit von allen.
Am Ende dieses Prozesses ist es daher beinahe nicht mehr möglich zu sagen, wer eigentlich was geschrieben hat. Du kannst meiner Meinung nach anschließend nicht mehr klar und deutlich sagen: Das hier ist Daves Song.
Ich finde, man erkennt es an den Akkordwechseln.
Ja, vielleicht.
Ist euer Drummer Christian Eigner auch in den Kreativprozess involviert?
Er ist vor allem für die Live-Umsetzung unserer Songs wichtig und hat der Band dadurch eine ganz neue Sound-Dimension verliehen. Mit ihm wurden wir eine ganz andere Band. Im Studio sind wir nach wie vor eher elektronisch, auf der Bühne dann eine Liveband. Auf dieser Platte war er auch in den kreativen Prozess eingebunden, was nicht heißt, dass er die ganze Zeit bei uns im Studio war.
Wir schickten ihm Tracks, die er in Österreich bearbeitete und uns danach zurückschickte. Ich glaube er war an drei Tracks beteiligt. Und wenn wir das Schlagzeug dann bearbeiten, klingt es eh nicht mehr wie echte Drums. (lacht)
Im Vorfeld war ständig von eurer guten Laune im Studio die Rede, dass ihr noch nie so gut miteinander ausgekommen wärt. Man konnte fast schon Angst bekommen, die Platte würde am Ende auch so klingen.
Ich denke, es ist ein großer Mythos, dass eine Platte nur dann gut wird, wenn es im Studio Spannungen gibt. Man glaubt sowas immer sehr schnell. Oder dass man nur mit Drogen kreativ sein kann. Ich habe vor drei Jahren mit dem Trinken aufgehört, während unserer letzten Tour.
Das ist übrigens sehr wahrscheinlich ein weiterer Grund, warum ich dieses Mal produktiver war. Mehr Zeit, mehr Konzentration. Ich hing ja auch jahrelang dem Irrglauben nach, dass ich nie wieder einen Song schreiben könnte, wenn ich aufhöre zu trinken. Ich bin mir sicher, dass das nach wie vor viele Musiker und Künstler glauben.
Erinnerst du dich an den Augenblick, an dem du das Gefühl hattest, Depeche Mode könnte eine Karriere sein?
Puh, ich weiß nicht, das ist eine gute Frage. Wir schließen eine Sache immer zuerst ab, bevor wir weiter schauen. Die Leute fragen uns zum Beispiel immer, was wir nach einer Tour geplant haben. Keine Ahnung, wir haben dafür noch keine Pläne.
Das ist schwer zu beantworten, vielleicht waren wir immer von Natur aus pessimistisch. Wir hatten nie das Gefühl, etabliert zu sein.
Glaubt ihr das heute immer noch?
Nein, heute vielleicht nicht mehr. Ich denke, seit den letzten Alben hat sich schon ein Gefühl breitgemacht, dass wir eine Hürde genommen haben. Wir wissen, dass wir schon sehr lange dabei sind und sehen eine Chance, noch ein bisschen länger dabei zu bleiben. (lacht)
Es heißt, ihr geht im Sommer erstmals auf Stadiontournee, dabei habt ihr doch schon oft in Stadien gespielt.
Ja, wir haben über die Jahre schon öfter in Stadien gespielt, aber eben nicht ausschließlich.
Macht ja auch mehr Sinn: Einmal Olympiastadion statt drei Mal Waldbühne.
Yeah (lacht) Nein, ich denke es ist interessant, dass wir nach 29 Jahren im Musikgeschäft populärer sind als jemals zuvor. Selbst zu den Hochzeiten von "Violator" und "Songs Of Faith And Devotion" hätten wir niemals auf eine Stadiontour gehen können. Und heute können wir das. Was ziemlich erstaunlich ist nach 29 Jahren.
Ihr habt eben die fanatischsten Fans überhaupt. Manchmal spielen sich da ja Szenen ab wie damals bei den Beatles.
Ja, in Deutschland hatten wir immer großes Glück. Unsere deutschen Fans waren schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt absolute Die Hards. Mittlerweile haben wir unseren Status aber in ganz Europa gefestigt. Ich meine, wir spielen in Paris im Stade de France.
Ja, ein Stadion für 80.000 Menschen.
Genau. Auch dort hätten wir mit "Violator" oder "Songs Of Faith And Devotion" nicht auftreten können.
Freust du dich schon, die neuen Songs live zu spielen?
Das mag jetzt verrückt klingen, aber wir finden unser neues Album so gut, dass wir am liebsten jedes einzelne Stück live spielen würden. Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass das nicht geht. Wir müssen uns also auf ungefähr sieben einigen. Das wird wieder einige Diskussionen geben. Zumal es eben einfach alte Songs gibt, die wir spielen müssen. Denn wenn wir es nicht tun, würden sich die Leute beschweren.
Schließlich spielt ihr in Stadien.
Eben. Wir können da nicht rausgehen und die obskuren Sachen spielen, die kaum einer kennt.
Letzte Frage: Hast du gehört, dass Neil Tennant von den Pet Shop Boys in einem Interview erklärte, dass eigentlich ihr seinen Brit Awards verdient gehabt hättet?
Ja, haben wir. Das war sehr nett von ihm.
Er hat ihn dann aber trotzdem gern selbst behalten.
Wer weiß, vielleicht ist er schon in der Post.
Anders als seine Kollegen Martin Gore und Dave Gahan steht der bekennende Nicht-Musiker Fletcher selten im Rampenlicht. Auf der Kölner Popkomm sah das mal anders aus: Der Depeche Mode-Keyboarder und Jung-Labelchef hielt eine Rede zum Thema "A Lifetime In Music".
Die ersten Künstler auf Fletchers Label Toast Hawaii sind Client, eine weibliche Elektro-Pop-Band. Für die legt sich der Mann nun mächtig ins Zeug, während Depeche Mode pausieren. Letzteres soll sich allerdings bald ändern, wie Fletcher im LAUT-Interview verrät.
Hast du denn schon mal eine Rede über das A&R-Business gehalten oder ist die Kölner Keynote Speech in dieser Hinsicht eine Premiere für dich?
Nun, das Hauptthema des Ganzen ist eigentlich 'A Lifetime In Music'. Als Sprecher von Depeche Mode bin ich zwar generell schon der Mann für Ansprachen, so lange wie morgen habe ich allerdings noch nie vor Leuten gesprochen. Vor allem wird es morgen ein paar lustige Geschichten der frühen Depeche-Jahre zu hören geben. Außerdem gehts um unser langjähriges Verhältnis zu Mute Records und wie enorm wichtig diese Verbindung für unsere Karriere war. Daraus ziehe ich ja heute für die Arbeit in meiner Plattenfirma und mit Client großen Nutzen. Die Rede habe ich vorbereitet, während ich mit meiner Familie in Spanien im Urlaub war, und da kamen einige recht lustige Erinnerungen hoch. In den Text ist ohnehin viel Humor eingeflossen, vor allem weil ich so meine Nervosität kaschieren kann.
Du bist also richtig aufgeregt?
Ja, ziemlich. Ich denke dass ich, genau wie Martin und Dave, zur Zeit versuche, nach vorne zu kommen. Es ist sehr einfach sich zurück zu lehnen, wenn du in einer Band wie Depeche bist. Wir haben ein Riesenpublikum, ein Stammpublikum. Da ist es wichtig, sich noch selbst zu fordern.
Der Client-Song "The Price of Love" ist der erste Release auf deinem Label Toast Hawaii. Ironischerweise hatten Depeche Mode in den frühen Jahren auch einen Song mit diesem Namen. Erinnerst du dich?
Yeah, aber das war eine Coverversion von den Everly Brothers. Bryan Ferry hat die später auch gecovert. (grinst) Aber natürlich ist es Zufall, ich glaube nicht, dass Kate und Sarah den Song gehört haben oder gar unsere Version. Aber es ist ein schöner Zufall, muss ich zugeben. Eigentlich ist es die beste Coverversion, die wir je gemacht haben. In unseren Anfangstagen hatten wir ja einige Covers am Start. Manchmal wollte Dave sie singen und manchmal nicht. Das hing immer davon ab, wie sehr ihm ein Song peinlich war. (lacht)
Wann hast du ernsthaft darüber nachgedacht, auf die andere Seite im Musikbusiness zu wechseln?
Ehrlich gesagt habe ich das schon immer gemacht, da wir bei Depeche nie einen Manager hatten. Das lief immer alles gemeinschaftlich mit Daniel (Miller, Mute-Chef, Anm. d. Red.) ab. Als Künstler hatten wir das Glück, dass wir gezwungen waren, die Plattenindustrie von grundauf kennen zu lernen, und dadurch konnten wir sicher mehr Erfahrungen machen als so manche andere Band. Als wir damals zu Mute kamen, war da ja nur Daniel. Dann wurden aus Daniel zwei Leute, dann drei usw. Ich fand das Thema aber schon immer interessant. Nur war ich mit Depeche leider immer zu beschäftigt und in der freien Zeit, die dann übrig bleibt, ist es sehr schwer, einen Künstler zu finden, der gute Songs schreibt.
Hattest du vor dem Client-Signing schon eine bestimmte Musikrichtung für dein Label vor Augen?
Leider lief das andersrum ab, denn ich kannte Client schon vorher und traf sie öfters im Pub. Dann spielten sie mir ihre Demos vor und ich mochte sie, so begann das. Wir arbeiteten zusammen im Studio und als es immer besser lief war es Zeit für einen Entschluss. Ich fragte mich: Soll ich sie managen, an eine Plattenfirma vermitteln oder meine eigene Firma gründen? Na, dann gründe ich meine eigene. So lief es auch mit dem Vertrieb, denn natürlich passen Client sehr gut zu Mute, wobei Toast Hawaii keinen Exklusiv-Deal mit Mute hat. Generell geht es einfach um gute Songs. Wenn ich einen guten Künstler finde, muss er nicht zwangsläufig elektronische Musik machen.
Musstest du Daniel Miller von Client überzeugen?
Nein, denn Daniel war von Anfang an mit dabei, er kannte schon die frühen Demos. Er hat uns die ganze Zeit unterstützt. Wie immer eben.
Wo kommst du mit neuen Bands in Berührung? Gehst du noch in Clubs?
Ähm nein ... (grinst), wobei doch, neulich war ich mal wieder weg. Ich lege ja neuerdings wegen Client ab und zu auf und komme dadurch rum, auch wenn ich mich nicht als geborener DJ betrachte. Ich habe das Glück, dass ... heute abend zum Beispiel, immer wenn ich irgendwo rumlaufe geben mir die Leute CDs (lacht), überall. Es ist verrückt, manche Leute packen sich scheinbar morgens CDs ein und denken 'Ich könnte ja später Fletch treffen'. Jedenfalls kriege ich rund 40 CDs die Woche und die höre ich mir auch alle an. Ich hoffe, es läuft so weiter, denn ich bin neu in diesem Geschäft. Daniel versucht immer die Leute zu meiden, die mit CDs auf ihn zukommen. Aber er macht das ja auch schon seit, ähh, 26 Jahren, versteht ihr? (grinst)
Welche Stadt ist für dich in musikalischer Hinsicht die interessanteste?
Am interessantesten war für mich schon immer New Orleans. Es ist mit Abstand die größte Musikstadt, in der ich jemals war. Nicht weil es eine hippe Stadt wäre oder dort viel Avantgarde geboten würde, aber in New Orleans wird Musik förmlich aufgesaugt. An allen Ecken.
Kannst du ein paar Bands nennen?
Nein gar nicht. Da geht es mir mehr um die Atmosphäre. Aber wenn du Bands hören willst ... Nun, wenn ich bei mir zuhause bin, höre ich sehr viel alte Musik. Eigentlich auch wenn ich herum reise, aber dann wird es sentimental, Stevie Wonder und sowas. Ich kann euch aber keine Band der Stunde nennen, da wäre Martin der geeignetere Mann. Er ist die ganze Zeit auf der Suche nach neuen Bands.
Was muss eine Band also mitbringen, um auf Toast Hawaii zu veröffentlichen?
Also die Grundvoraussetzung ist, dass es gute Songs sind. Ich bin in der sehr glücklichen Lage, in einer Band zu sein, die zwei großartige Songwriter hervor gebracht hat: Vince Clarke und Martin Gore. Das ganze Business dreht sich einzig und allein um gute Songs. Ob es ein Bob Marley ist oder was auch immer. Dank Client habe ich allerdings auch Gefallen daran gefunden, mit Frauen zu arbeiten, schließlich hänge ich schon mein ganzes Leben schon in einer Boyband rum.
Würdest du eine deutschsprachige Band verpflichten?
Ähh ... (überlegt) ja, warum nicht? Auch hier gilt natürlich der Grundsatz, dass der Song an sich gut sein muss. Die Texte würde ich halt nicht verstehen, da ich kein deutsch kann. Vielleicht könnte ich Martin dazu kriegen, sie mir zu übersetzen. Aber eine Sprachbarriere gibt es eigentlich nicht. Mein Hauptproblem ist eher, dass Client momentan den Hauptteil meiner Zeit beanspruchen, und Depeche nächstes Jahr wieder ins Studio gehen. Dann bin ich wieder zwei Jahre weg.
Wer macht denn dann deine Arbeit?
Naja, ich bin ja nicht die ganze Zeit am Stück weg, da wir meistens in Abschnitten von vier bis sechs Wochen arbeiten und uns dann wieder kurz trennen. So kann ich trotzdem noch meine Labelarbeit überblicken.
Dann ist also ein neues Depeche Mode-Album geplant. Was dachtest du denn kürzlich, als Dave der Presse erzählte, er sähe nur dann eine Zukunft der Band, wenn er mehr Mitspracherecht im Songwriting-Prozess bekommt?
Dave redet Unsinn. Ich meine, er hat gerade sein erstes Soloalbum heraus gebracht, "Paper Monsters", und da darf er mit Recht sehr stolz drauf sein. Deshalb schwebt er derzeit ein bisschen auf einer Wolke, tourt mit neuen Musikern um die Welt und so. Doch im Grunde weiß er natürlich, dass Martin der Songwriter ist. Martins Songs und Daves Stimme, das ist Depeche Mode. Es ist übrigens auch nicht so, dass er früher Songs mitgebracht hätte, die abgeschmettert wurden, wie oft erzählt wird. Da gab es höchstens Skizzen oder Songideen. Martin ist bei weitem der netteste und coolste Typ, den man sich nur vorstellen kann. Er würde niemals Songs von anderen aus verletztem Stolz ablehnen.
Das Interview führte Michael Schuh.
Es ist gemein: Stunden müsste man eigentlich mit Martin Gore in der Kneipe verbringen dürfen, um auch nur annähernd die elementaren, über die Jahre angehäuften Fragen gemeinsam auszuloten. Aber es bleibt nur eine halbe Stunde, die mit vier weiteren Kollegen geteilt werden will.
"Wenn ich den Gore mal treffe, dann frage ich ihn ...". Ein Satz, der in unbeschwerten Schülertagen ziemlich häufig fiel und der jeweiligen Laune entsprechend auch gerne mal in "Und wenn ich den Gahan mal treffe ..." umgewandelt wurde.
Eine Jugend voll schwarzer Klamotten und penibler Depeche Mode-Vinyl-Kollektivierung später sitze ich im Foyer des Kölner Hyatt Hotels, Stefan Effenberg gleitet mit Randexistenz verheißenden Cowboystiefeln durch die Lobby und ich warte auf ein Interview mit Martin Gore, dem Songwriter von Depeche Mode. Ziemlich unwirklich alles? Genau. In einer geräumigen Kölner Hotel-Suite empfängt uns ein gut gelaunter Gore, der routiniert Hände schüttelt und auf unsere Fragen wartet. Die Zeit läuft.
Dein neues Album "Counterfeit²" ist wieder randvoll mit Coverversionen. Wie hast du die Auswahl der Songs gestaltet?
Ich war sogar überrascht, dass sich nicht mehr Songs angesammelt hatten. Aus der ganzen Musikgeschichte brachte ich es gerade mal auf zwanzig Songs. Am Anfang dachte ich, es würden Hunderte werden.
Welche Songs hast du nicht mit aufs Album genommen?
Unbedingt wollte ich einen Song namens "The Big Hurt" covern. Ich kann mich nicht an den Namen der Sängerin erinnern, aber die Nummer stammt aus den 50ern. In den 60ern hat es dann Scott Walker gecovert. Es ist ein toller Song. Aber als ich versuchte, ihn zu covern, wollte er einfach nicht funktionieren und er passte auch nicht zur Stimmung auf dem Album. Doch es ist ohnehin nicht möglich, eine Platte aufzunehmen, die meinen Geschmack zu 100% repräsentiert. Dazu fehlt einfach der Platz.
Wie kamst du darauf, mit "Das Lied vom einsamen Mädchen" einen Song in deutscher Sprache aufzunehmen?
Nun, ich liebe einige Platten von Nico, die ihn schon gecovert hat. Sie scheint eine ziemlich traurige Person gewesen zu sein und wirkt auf mich immer ein wenig losgelöst vom Leben. Sie hatte ja auch Schwierigkeiten mit Beziehungen zu anderen Menschen. Als ich diesen Song hörte, mochte ich auf Anhieb die Worte. Ich spreche ja auch ein bisschen deutsch. Ich wollte den Song schon allein deshalb singen, da er ihr offensichtlich sehr viel bedeutet hat.
Zwischen deinen beiden Soloalben liegen 14 Jahre. Wie erklärst du dir das?
Eigentlich denke ich seit der ersten "Counterfeit"-Platte über eine Fortsetzung nach. Ich mochte diese Idee mit dem Titel "Counterfeit" schon immer. So eine Art Fake-Kopie des Originals. Die Leute fragten mich über die Jahre immer mal wieder danach und ich erwiderte stets das Gleiche: "Ja, ich denke drüber nach". Und obwohl zwischen Depeche Mode-Platten immer ziemlich große Pausen sind, hat es nie hingehauen. Ich verbringe die Zeit eben lieber mit meiner Familie und mach andere Sachen. Bevor die "Exciter"-Tour losging, erfuhr ich dann, dass Dave danach ein Soloalbum aufnehmen würde. Da wusste ich, dass der ideale Zeitpunkt gekommen war, endlich das umzusetzen, wovon ich seit Ewigkeiten rede.
Wenn du die Möglichkeit hättest, dein erstes Album noch einmal aufzunehmen, was würdest du verändern?
Ich denke es war ein Fehler, das Album als EP zu veröffentlichen. Die Bandbreite war einfach zu schmal, um einen ausführlichen Einblick in meinen Musikgeschmack zu geben. Mal davon abgesehen, dass sich seit 1989 natürlich auch die Technik sehr viel weiter entwickelt hat, war meine Herangehensweise schon für damalige Verhältnisse sehr schlicht und reduziert. Ich habe alles alleine bei mir zu Hause programmiert und war nur kurz mit dem Produzenten Rico Conning im Studio. Es mag also letztlich etwas zu simpel ausgefallen sein, aber ich bedaure es auch nicht wirklich. Ich denke, es ist schon okay.
Hattest du diesmal ein Duett in Planung?
Ich habe darüber nachgedacht und es hätte mir sehr gefallen, aber mir ist einfach kein guter Duettpartner eingefallen. Das ist wirklich nicht so einfach. Und die meisten guten Duette sind eben schon aufgenommen worden.
Wie darf man sich die Arbeit an "Counterfeit²" im Studio vorstellen?
Ich arbeitete mit Andrew Philpott zusammen, der schon für die letzten zwei Depeche Mode-Tourneen das ganze Computer-Zeug programmiert hat und mit meinem Freund Paul Freegard, der bei "Exciter" die Produktion überwachte. Wir drei haben auch alle Instrumente gespielt. Paul behauptet zwar, er wisse nicht, was Akkorde sind, aber ich verrate jetzt mal, dass auch er Gitarren eingespielt hat. (grinst)
Könntest du dir vorstellen, mit einem anderen Sänger als Dave zusammen zu arbeiten? Du sollst schonmal mit Morrissey zusammen gesehen worden sein.
Wirklich? (lacht) Ich glaube, ich war mal in einem Club, in dem er auch war. Aber ich kann mich nicht erinnern, mit ihm gesprochen zu haben. Letztes Jahr war ich auf einem Konzert von ihm, er spielte in Santa Barbara, wo ich wohne, und es hat mir gut gefallen. Aber über eine Zusammenarbeit habe ich noch nie nachgedacht. Außerdem bin ich bei Depeche Mode ziemlich glücklich mit Dave.
Dave hat ja auch gerade sein Debutalbum fertig gestellt. Fühlst du dich deswegen in eine Art Wettbewerb versetzt?
Nicht wirklich. Um ehrlich zu sein, habe ich seine Platte noch nicht gehört und kann deshalb nichts über den Sound sagen. Aber das sind sicherlich zwei ganz verschiedene Sachen. Ich weiß nicht wie kommerziell sein Album ist, meins ist es jedenfalls nicht. Ich kann mir nicht vorstellen damit großes Radio Airplay zu bekommen oder auf MTV zu laufen. Vielleicht werde ich ja positiv überrascht, aber ich habe keine großen Erwartungen.
Ist dir Kommerzialität wichtig?
Zunächst mal möchte ich Platten aufnehmen, die mir Spaß bereiten. Natürlich ist es schön, wenn sie sich auch verkaufen, das rechtfertigt sie irgendwie ganz gut. Aber es ist nicht das Wichtigste.
Von "Candy Says" mal abgesehen hast du nicht gerade die großen Welt-Hits für dein Album ausgewählt. Inwieweit war das beabsichtigt?
Irgendwie ist es bei mir wohl so, dass mich die großen Hits nicht so anziehen. Wenn du dir weltbekannte Stücke vornimmst, sind Vorurteile meist schnell bei der Hand, denn die Leute erwarten dann zuviel oder sie kennen schon viele Versionen aus der Vergangenheit. Ich glaube, dass ich mich unterbewusst davon löse. "Candy Says" und "Oh My Love" (John Lennon) waren schon hart an der Grenze, da sie ziemlich bekannt sind. Ich hoffe, sie sind noch auf der richtigen Seite ... (lacht)
Denkst du während des Komponierens daran, dass das Ergebnis im besten Fall Millionen von Menschen erreicht?
Ich versuche das auszublenden, denn wenn du zu sehr an die Erwartungen der Leute denkst, beeinträchtigt dich das nur. Man muss sich einfach hinsetzen und über das schreiben, was einen emotional berührt und sich über nichts anderes Gedanken machen.
Gibt es einen Unterschied zwischen der Produktion eines Soloalbums und eines DM-Albums?
Puh, ich bin das schon so oft gefragt worden, aber ich glaube nicht, dass es da einen großen Unterschied gibt. Es ist natürlich schon etwas anders als in einer Band mit drei Leuten, die demokratisch Entscheidungen trifft. Auf meiner neuen Platte habe ich allerdings auch mit zwei anderen Musikern gearbeitet, deren Ideen mit eingeflossen sind. Natürlich hatte ich das letzte Wort, weil letztlich mein Name auf dem Cover steht, aber es war ungemein wichtig, auch andere Meinungen einzuholen.
Elvis gilt als eines deiner größten Idole. Warum hast du dich nicht an eine Coverversion von ihm herangewagt?
Ja, Elvis war auch in meiner Auswahlliste. Hmm, wie erkläre ich das jetzt am besten? Ich wollte auf keinen Fall eine 1:1-Elvis-Coverversion machen. Ich finde es sehr wichtig, den Songs eine neue Identität zu verpassen. Und ein Elvis-Song in elektronischer Umsetzung hätte am Ende vielleicht wie etwas vom neuen Erasure-Album geklungen. (grinst) In diese Richtung wollte ich nicht gehen.
Ich mag besonders deine Kurt Weill-Interpretation von "Lost In The Stars". Fühlst du dich zu Musik aus den 30ern besonders hingezogen?
Also, es ist kein Hobby von mir, Musik der 30er Jahre anzuhören. Aber da ich nunmal musikverrückt bin, komme ich auch mit Sachen in Kontakt, die ziemlich alt sind. Durch Nico habe ich wie gesagt "Das Lied vom einsamen Mädchen" kennen gelernt, das auch aus dieser Zeit stammt, glaube ich.
Ja, Marlene Dietrich hat es auch gesungen.
Ach ja? Ich habe zu Hause noch eine andere Version auf der deutschen Compilation "Das gibts nur einmal". (grinst) Da sind ne Menge alte 30er Jahre-Sachen drauf.
Die DM-Singles von "Exciter" habt ihr von einigen deutschen DJs remixen lassen, beispielsweise von Console. Verfolgst du deren Veröffentlichungen?
Oh ja. Davon spiele ich eine Menge, wenn ich ab und an als DJ auflege. Ich mag eine Menge dieser abstrakten, elektronischen Musik und lege viel Minimal-Zeug auf. Ich mag die Atmosphäre, die erzeugt wird, auch wenn sie mal ohne Beats auskommt.
Hast du die neue Console-Platte schon gehört?
Welches war nochmal die letzte?
Reset The Preset.
Nein, die kenne ich noch nicht.
Kriegst du sie denn in Santa Barbara?
Oh nein, ich muss das ganze Zeug übers Internet bestellen. (grinst)
Wie sehen deine Pläne für den Rest des Jahres aus?
Nach der Interview-Promotion gehe ich nach Amerika zurück und bereite mich auf meine Solo-Shows vor. Was die Band angeht, treffen wir uns Ende des Jahres, um über die Zukunft zu sprechen und einen groben Zeitplan zu erstellen.
"Letzte Frage", fährt uns die Promoterin ins Wort. Zum Glück darf ich sie stellen.
Fletch verriet kürzlich, dass du das lange als verloren geglaubte "Toast Hawaii"-Tape zu Hause gefunden hast. Darauf befinden sich Cover-Songs, die du mit Dave (Drums), Alan (Piano) und Fletch (Gesang) Mitte der 80er zum Zeitvertreib im Studio aufgenommen hast. Fletch fürchtet nun, du könntest sie als Download ins Internet stellen ...
(lacht) Nein ... aber ich bin sicher, eines Tages wird dieses Tape das Licht der Welt erblicken. Ich habe es eben nur auf Kassette und, ähm ...ich musste wirklich erstmal in meinem ganzen Haus nach einem Tapedeck suchen. Zum Glück hat meine Tochter so einen "Hello Kittie"-Kassettenrecorder, aber der hat natürlich keinen Ausgang. Aber sobald ich ein Tapedeck mit einem Ausgang gefunden habe, nehme ich das Ding auf CD auf und je mehr Leuten ich es dann kopiere, desto eher kommt es ins Internet ... (lacht)
Das Interview führte Michael Schuh
The Singles 86-98 (1998), For The Masses (1998), Ultra (1997), Songs Of Faith And Devotion (1993)
101 (1988), Music For The Masses (1987), Black Celebration (1986), The Singles 81-85 (1985), Some Great Reward (1984), Construction Time Again (1983), A Broken Frame (1982), Speak And Spell (1981)
| Mi | 03.07.2013 | Depeche Mode Düsseldorf (Esprit-Arena) | |
| Fr | 05.07.2013 | Depeche Mode Düsseldorf (Esprit-Arena) | |
| Sa | 23.11.2013 | Depeche Mode Hannover (TUI Arena) | |
| Mo | 25.11.2013 | Depeche Mode Berlin (O2 World) | |
| Mi | 27.11.2013 | Depeche Mode Berlin (O2 World) | |
| So | 01.12.2013 | Depeche Mode Erfurt (Messehalle) | |
| Di | 03.12.2013 | Depeche Mode Bremen (ÖVB Arena) | |
| Do | 05.12.2013 | Depeche Mode Oberhausen (König-Pilsener-Arena) | |
| Di | 04.02.2014 | Depeche Mode Mannheim (SAP Arena) | |
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