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Glaubt man der Legende, so fußt die Existenz von Deichkind auf einem Fernseh-Bericht über Landschaftsbau. Dieser, so heißt es, animiert zwei junge Herren, Philipp und Malte, dazu, sich rappenderweise zusammen zu tun. Die bittere Erfahrung: Hip Hop auf Platt kommt nicht so gut an. Zum Erfolg gehört einiges mehr.
Philipp und Malte unterwerfen sich einem Imagewechsel. Zusätzlich zu Goldkettchen und Rastazöpfen bringen seit 1999 Buddy und sein Akkordeon internationales Flair ins Spiel. Komplett wird die Truppe jedoch erst durch den eher im Background agierenden Soundtüftler Sebi und DJ Phono, der die Crew bei Live-Auftritten unterstützt.
Unüberhörbar stammen Deichkind aus dem hohen Norden. Eigentlich in der Gegend um Bergedorf ansässig, ziehen sie, um musikalisch etwas auf die Beine zu stellen, nach Hamburg. Die Anfänge dürfen getrost als "sehr steinig" in Erinnerung bleiben. Bei ihrem ersten Konzert werden sie noch mit "Tomaten beschmissen". Da ihr Berufsleben ähnlich erfolglos verläuft, wenden sie sich trotzdem wieder der Musik zu.
Mit ihrem ironischen Stil ecken Deichkind beim Publikum häufig an. Vor allem die Hip Hop-Szene macht es den drei MCs schwer, sich zu etablieren. Schon ihr Erscheinungsbild grenzt sie vom Gros der meisten Zuschauer ab, da sie ganz und gar nicht den typischen Rapper-Klischee mit Mütze und Kapuzenpulli entsprechen.
Das ändert sich erst mit der zweiten Maxi ein wenig. Mit "Kabeljau Inferno" liefern die Deichkinder einen genialen Kopfnicker-Song. Ihr Stil wird auch über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannt. Mit der erhöhten Popularität gestalten sich die Live-Auftritte zunehmend angenehmer.
Ein richtiger Durchbruch erfolgt 2000 mit der Single-Auskopplung "Bon Voyage", bei der Deichkind erstmals mit anderen Künstlern aus Hamburg ins Studio gehen. Den Refrain des Songs steuert Rapperin Nina bei. Ansonsten haben sie nach eigenem Bekunden nicht sonderlich viel mit dem Rest der erfolgreichen Hip Hop-Szene am Hut. Dennoch unterstützen auf der Debüt-LP "Bitte Ziehen Sie Durch" Dendemann von Eins Zwo und Nico Suave die Jungs.
2001 bleibt es ruhig um die Band, lediglich Tour-DJ Phono kehrt mit einem eigenen Longplayer auf die Showbühne zurück. 2002 steht dann endlich das zweite Album der Deichkinder in den Läden. "Noch 5 Minuten Mutti" glänzt mit allem, wofür Deichkind stehen: Die Texte, mal ernst, mal prollig, mal melancholisch, werden sämtlich mit einer großen Portion Humor und Ironie und mit reichlich Hörspiel-Skits kredenzt.
Lange verschwinden die Kinder vom Deich danach in der Versenkung, bis sie im Februar 2005 bei Stefan Raabs "Bundesvision Song Contest" mit dem recht elektronischen Brüller "Electric Superdance Band" antreten. Dem Publikum ist das gute Stück wohl ein wenig zu durchgedreht; die Nummer landet auf Platz 14. Doch den Auftritt in Silberanzügen, begleitet von schwabbel-bäuchigen Posaunisten, den wird so schnell niemand vergessen.
Über dem zugehörigen Album brütet man ein gutes Jahr; Mitte Mai 2006 wird es auf die Hörerschaft losgelassen. Wie nach "Electric Superdance Band" zu erwarten war, hat die Produktion mit Hip Hop nichts mehr zu tun. "Aufstand Im Schlaraffenland" huldigt dem Synthesizer und birgt Elektro- und Disco-Pop, der seine Wurzeln unüberhörbar in den 80ern hat. Die Band selbst nennt es Tech Rap - und läutet damit ihre wohl erfolgreichste Karrierephase ein.
Gründungsmitglied Malte kehrt der Truppe noch im selben Jahr zwar den Rücken, einige Zeit später verlässt auch Buddy Inflagranti die bunte Truppe. Hinzu stoßen dafür der Bassist Porky Codex sowie der Hamburger Rapper Ferris MC, ein ausgewiesener Experte in Sachen Livedrecksauparty. Deichkind setzen ihren Kreuzzug wider den tierischen Ernst und die Konsumgesellschaft fort und spielen fröhlich einen Gig nach dem anderen als Vorbereitung auf ihr passend betiteltes Nachfolgealbum "Arbeit Nervt".
Völlig überraschend stirbt Bandproducer Sebi Hackert am 21. Februar 2009 in seiner Wohnung in Hamburg. Er wurde nur 32 Jahre alt. Nach dem Schock entscheidet sich die erfolgreiche Chaos-Truppe aber weiterzumachen und stellt drei Jahre später die Platte "Befehl Von Ganz Unten" in die CD-Regale. Zuvor kommt in Hamburg 2010 tatsächlich ein Theaterstück auf die Bühne: "Deichkind in Müll – eine Diskurs-Operette".
Deichkind bestechen in erster Linie durch ihre Live-Performance, weshalb DJ Phono zu jeder Tour auch mit einer neuen durchgeknallten Idee um die Ecke kommt: "Mit unserer Show wollten wir anfangs ja nur das alte Hip Hop-Image zerstören. Die Bühnenkluft wirkte dabei eher wie ein Schutzschild. Aus diesem Pool von Requisiten ist dann eine eigene Ästhetik geworden", so der Tour-DJ in einem Musikexpress-Interview.
Porky und Ferris über neue Arbeitsmethoden, das Recht der freien Meinung und die neue Tournee.
Deichkind sind mit Sicherheit eines der größten Mysterien der deutschen Musiklandschaft. Seit der Gründung im Jahr 1997 wächst die Hamburger Elektro-Hip Hop-Combo mehr und mehr zu einem Spektakel-Konzept sondergleichen heran. Zwischen dem Hang zum Hedonismus, zu unterschwelligen Zweideutigkeiten, Sarkasmus und Selbstironie verwandeln die Protagonisten nur allzu gern jede Bühne in ein anarchistisches Tollhaus.
Da ist für jeden was dabei: Vom bierbäuchigen Ballermann-Süchtigen, bis hin zum hinterfragenden taz-Leser: Deichkind bedient sie alle. Mit einer gesunden Portion Größenwahn und dem Hang zum Ausleben von archaischen Urinstinkten wird geklotzt und nicht gekleckert. Wer dachte, dass die "Arbeit Nervt"-Tour visuell kaum noch zu toppen sei, der darf sich schon jetzt auf die im Frühjahr startende Konzertreihe zum aktuellen Album "Befehl Von Ganz Unten" freuen.
Im Vorfeld der Veröffentlichung plaudern wir mit Porky und Ferris über neue Arbeitsweisen, die Kunst der Polarisierung und Barcode-Frickeleien.
Vier lange Jahre wartet die dürstende Gefolgschaft bereits auf den "Arbeit Nervt"-Nachfolger. Nun ist es endlich soweit. Ihr seid ja mittlerweile schon alte Hasen im Biz. Kribbelt es da überhaupt noch?
Porky: Es kribbelt nicht nur, es juckt ohne Ende. Wir haben echt schwer an der neuen Scheibe geschuftet. Am Ende hatten wir irgendwie dreißig Songs im Sack. Da steckt schon viel Herzblut und Arbeit drin. Natürlich ist mittlerweile auch vieles 'Business as usual', gerade was die Abläufe betrifft. Aber das fertige Produkt dann in den Händen zu halten, ist immer wieder aufs Neue ne geile Sache, finde ich.
Vor allem ist ja auch jedes neue Werk der Spiegel deiner eigenen Persönlichkeit. Das ist auch immer wieder spannend zu beobachten. Wir machen ja keine Alben, um irgendwelchen Leuten in den Arsch zu kriechen, verstehst du? Es geht nur um unseren eigenen Scheiß, den wir cool finden. Mit Geldmacherei oder Fananbiederung hat das alles nichts zu tun.
Ihr habt ja eine Menge durchgemacht in den letzten vier Jahren. Sowohl persönlich und privat ist ja so Einiges auf euch eingestürzt. Wann war denn der Moment da, wo ihr gemerkt habt, dass es wieder Zeit wird, sich mit einem neuen Album zu beschäftigen?
Porky: Nun, der Tod von unserem Produzenten Sebi Anfang 2009 hat uns natürlich erst einmal ganz schön aus der Bahn geworfen, sowohl privat, als auch auf die Arbeit bezogen. Wenn du jemanden aus deinem engsten Umkreis verlierst, wo man aufgrund des Alters oder langjähriger Krankheit irgendwie damit rechnen musste, ist das eine Sache. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn ein Freund einfach so von heute auf morgen aus deinem Leben gerissen wird.
Versteh mich nicht falsch: Die Omi oder den Opi zu verlieren ist schon derbe hart, aber das mit Sebi war schon noch eine andere Hausnummer. Wir haben auch relativ schnell gemerkt, dass wir die Verarbeitung des Ganzen nur über die Arbeit mit der Band schaffen. Wir haben auch verhältnismäßig früh wieder angefangen live zu spielen. Das hat uns unheimlich viel Kraft gegeben. Auch die Reaktionen von den Fans waren unglaublich und sehr hilfreich für alle Involvierten.
Sebi hätte auf jeden Fall auch gewollt, dass wir weitermachen. Jedenfalls entstanden damals schon viele Ideen. Wir waren dann viel live unterwegs und hatten ja auch noch die Theater-Sache in Hamburg am Laufen. So kam dann eins zum anderen.
Ferris: Im Winter 2010 haben wir uns dann ans Texte schreiben gemacht. Da fing es dann eigentlich richtig an.
In der Einöde Mecklenburg-Vorpommerns, richtig?
Ferris: Ja, genau. Da gab's echt gar nichts. Eine Hütte, kein Telefon, kein Internet - nur Holzhacken und Texte schreiben.
Porky: Wir haben das dieses Mal ja mal komplett anders in die Hand genommen: Zuerst Texte schreiben und dann die Musik machen. Das war auch ein ganz wichtiger und effizienter Prozess für uns. Du hast halt viel mehr Möglichkeiten. Wir konnten zum Beispiel einen oder zwei Songs mit vier oder fünf verschiedenen Beats unterlegen, weil die Lyrics halt zuerst da waren. Wenn du erst die Beats hast, bist du sehr eingeschränkt und Veränderungen im Nachhinein sind mit viel mehr Zeit und Aufwand verbunden, als wenn du dich auf einem bereits vorhandenen Text schön austoben kannst.
Ferris: Das war jedenfalls eine geile Erfahrung. Bis auf eine Kiste DVDs war auch absolut nichts da, was uns von der Arbeit hätte ablenken können.
Porky: Und der Inhalt der Kiste war auch nicht so der Brüller. "Forrest Gump", "Rainman", etc. Das kannst du dir auch das ganze Jahr über bei ProSieben reinziehen.
Ferris: Hallo? Wir hatten aber kein ProSieben da oben. Sei froh, dass ich mit dem Arsenal wenigstens noch für ein bisschen Action gesorgt habe.
Porky: Naja, egal. Wie gesagt: Das war so der Startschuss fürs Album.
Porky: Jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Meinung. Wir haben auch unsere Meinung. Ich finde es aber schwierig, wenn man versucht, seine eigene Haltung anderen aufzudrängen. Ich bin nicht der, der mit einem roten Umhang und einem Stern durch die Gegend läuft und allen erzählt, wie scheiße sie sind. Das ist ein erster Gewaltimpuls. Wir hingegen bauen lieber Häuser ohne Möbel. Individuell einrichten können sich die Leute dann selber. Das ist unsere Kunst, und die versuchen wir immer mehr zu perfektionieren.
Ferris: Das ist auch ein ganz schmaler Grat. Du glaubst gar nicht, wie viele Texte bei uns immer rausfliegen, weil sie uns zu meinungsaufdrängend sind. Das ist halt auch so ein Prozess. Ich denke, "Arbeit Nervt" kam da noch ziemlich brecheisenmäßig rüber. Auf dem neuen Album sind wir schon einen Schritt weiter.
Hat dieser Prozess auch etwas mit wachsendem Erfolg zu tun? Je erfolgreicher und unabhängiger man ist, desto freier und offener kann man sich geben und arbeiten?
Porky: Erfolg ist ja relativ. Ich meine wir, Deichkind, sind ja als Konsummenschen trotzdem irgendwie gefangen. Außerdem: Wenn du kein Nostalgiker bist, und das sind wir bei Deichkind nicht, dann hat Erfolg heutzutage ungefähr eine Halbwertszeit von maximal einer Woche. Danach fragst du dich wieder, was du als nächstes machst. Ich meine, Geld und Ruhm interessiert uns echt eher weniger. Das mag zwar der eine oder andere nicht glauben, aber es ist echt so.
Guck dir einfach unsere neue Show an. Da haben wir dermaßen viel reingebuttert, und gehen am Ende wahrscheinlich mit null raus. Die Tickets kosten dreißig Euro. Wenn du die Show siehst, und wenn du wüsstest, was der ganze Scheiß gekostet hat, würdest du dir aus Mitleid wahrscheinlich zwei Tickets kaufen.
Dann erzählt doch mal. Der Tour-Trailer verspricht ja schon mal Einiges.
Porky: Der Trailer auf vierzehn mal acht Meter. So wirds aussehen. Wir haben 28 eigenständige Omnipods, das sind fahrbare Säulen. Die Kleinsten sind 80 Zentimeter groß und die größten enden bei 4.60 Meter. Auf dem Boden sind eingebrannte Codes eingefasst. Jede Pyramide hat an ihrer Unterseite eine Scan-Vorrichtung, sodass sie sich mit Hilfe der Codes auf dem Boden eigenständig bewegen kann. Das ist schon ganz schön abgefahren.
Ferris: Vor allem ist das Programmieren eine ziemliche Frickel-Arbeit. Wenn du da an einem vierseitigen Code schreibst und irgendwo ein Komma vergisst, dann fährt das Ding halt nicht.
Ferris: Das nimmt sich nichts. Es läuft ja auch alles parallel bei uns. Phillip, Porky und ich gehen ins Studio, während La Perla und sein Team sich im Werkstatt-Studio die Hände schmutzig machen. Irgendwann sind dann beide Seiten fertig und man trifft sich in der Mitte, um zu gucken, wie es bei den anderen aussieht. Wir stecken momentan eigentlich gerade voll in den Tour-Proben. Alles ist total hektisch, weil wir mal wieder auf den letzten Drücker auf den Punkt kommen.
Porky: Stimmt, irgendwie kriegen wir das zeitlich immer nie so richtig gebacken. Ich meine, am Ende funktioniert dann meist alles, aber kurz vorher geht es bei uns immer ziemlich stürmisch zu.
Ferris: Wir beide haben beispielsweise die Omnipods noch gar nicht fahren gesehen.
Porky: Aber so sind wir halt auch drauf. Das ist Deichkind. Das ist ja auch das Spannende an der ganzen Kiste, dass du auch jederzeit auf die Schnauze fallen kannst. Die ganze Tour haben wir beispielsweise schon im Sommer gebucht, obwohl noch kein einziger Song fertig war. So etwas kann natürlich auch nach hinten losgehen, wenn die Abläufe nicht stimmen und du deswegen bereits vertraglich geregelte Sachen canceln musst. Dann bist du schneller am Arsch, als du gucken kannst.
Viele fragen sich, wo das live bei euch noch hinführen soll. Porky: Es ist der Kick, dass immer was passieren kann. Das brauchen wir. Wenn du so eine Show auffährst, kann immer was schief gehen. Wenn bei solch einer Produktion elementare Dinge nicht funktionieren, spielst du bei der nächsten Tour plötzlich nur noch in 500er-Hallen.
Ihr habt zur Show-Thematik einen interessanten Zweiteiler in den Song "Leider Geil" eingebaut. Und zwar heißt es da: "Die Platte von Deichkind war nicht so mein Ding, doch ihre Shows sind leider geil." Kriegt ihr sowas oft zu hören?
Porky: Ziemlich oft sogar. Das ist auch völlig in Ordnung. Man kann es nicht jedem Recht machen. Gerade die alteigesessenen Hip Hopper kotzen oft ab, wenn sie neue Songs von uns hören. Andererseits können sie aber auch ihre Augen nicht von der Bühne wenden, wenn es bei uns zur Sache geht. Das passt schon.
Braucht ihr denn lange, um nach einem Auftritt wieder einigermaßen geradeaus gucken zu können?
Porky: Also, ich brauch nur Hasch und Fanta.
Ferris: Die Zeiten hab ich hinter mir (lacht). Wir sind da sehr verschieden. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, was auf Tour letztlich abgehen wird.
Ist das auch so ein Erfolgsgeheimnis von euch, diese Zusammenführung unterschiedlichster Charaktere?
Ferris: Absolut. Du musst halt lernen, dein Ego runterzuschrauben. Das war vor allem für mich ganz wichtig, weil ich ja aus dem Solo-Bereich komme. Wenn du dann aber merkst, wie viel kreativer Output von jedem Einzelnen in den großen Topf geschmissen wird, dann ist das schon ein berauschendes Gefühl. Vor allem hast du künstlerisch so viele Optionen und Möglichkeiten, die du mit vier gleichen Charakteren nie hättest.
Porky ist zum Beispiel ein totales Energiebündel mit einem Kopf voller Ideen. Da sind dann auch immer mal zehn richtig geile dabei, die von uns abgefeiert werden. Den Rest müssen wir halt ertragen (lacht). Jeder bringt was anderes mit ein. Der eine kann kanalisieren, der andere kann ausspucken und wieder ein anderer bringt eine gerade Linie rein. Das funktioniert bei uns einfach.
Porky: Ich kann mich noch erinnern, als es hieß: "Macht doch mal hinne, wo bleiben die Songs, wir müssen fertig werden." Ich meinte dann nur: Mann, mach jetzt nicht so einen Stress, komm runter und bück dich doch mal hoch.
Zack: Titel geboren.
Porky: Genau. So läuft das bei uns. Die Sachen sprudeln dann einfach so raus. Und wenn du dann Leute um dich herum hast, die so etwas auffangen, umsetzen und was Kreatives daraus basteln, dann ist das ein Geschenk. Und das machen wir uns zu Nutze.
Die Techno-Rapper sagen: "Arbeit Nervt"! Der Vollrausch als Systemkritik?
Ein stinknormaler Vormittag an einem stinknormalen Wochentag: Deichkind köpfen eine Flasche Champagner. Na, wenn das mal nicht astrein auf den jüngsten CD-Titel passt. "Arbeit Nervt" halt.
Im Salon Schmück, einer Kreuzberger Kneipe, trifft laut.de die Techno-Rapper zum Interview. Während sich die Deichkinder bei der Listening-Session am Vortag hinter ihren Müllsack-Outfits versteckten, fällt die Camouflage nun weg.
Vor den vier Jungs - Neuzugang Ferris MC glänzt durch Abwesenheit - türmt sich ein Devotionalien-Berg aus allerlei Kleinkram auf: Vom Rainald Goetz-Buch bis zum Anti-Bakterienspray. Die Stimmung beim Gespräch mit den redseligen Hamburgern ist jedoch alles andere als steril.
Was nervt an Arbeit?
Philipp: An Arbeit nervt mich hin und wieder das ein oder andere. Aber ich würde vorweg gerne etwas zu unserer Band sagen: Wir sind in zwei Lager gespalten. Es gibt das Kapitalo-Lager und das Dinkel-Lager. Das Dinkel-Lager, das sind die, die sich über Hochkultur unterhalten und nicht zu McDonald's gehen. Wir fahren auch, wenn wir auf Tour gehen, mit zwei Autos. Beim Dinkel-Lager werden vorher Stullen geschmiert und man fährt nur 120 aus Umweltgründen. Das Kapitalo-Auto ist eine große, sportliche Limousine in der gefurzt, gerülpst und über Sex geredet wird.
Eine Fraktion ist kapitalismuskritisch, die andere fürs System?
Philipp: Genau. Es gibt aber auch so Möchtegern-Dinkels wie mich, die denken: 'Ich muss mein Geld verdienen, mich aber auch um Kultur kümmern.'
DJ Phono: Auch ein Voll-Dinkel wie ich hat natürlich einen Kapitalo-Teil, mit dem ich mich auseinandersetzen muss. Was ich aber interessant finde an dem Titel "Arbeit Nervt" sind die Fragen, die er aufwirft. Von jedem wird in unserer Gesellschaft erwartet, dass er zur Schule geht, eine Lehre macht oder studiert und viel Geld verdient. Inwiefern darf man sich aus diesem Zyklus überhaupt herausbegeben? Deichkind haben ja viel damit zu tun, sich gewissen Dingen zu verweigern und Konventionen zu brechen.
Sebastian: Wenn man überhaupt keine Arbeit hat, ist das natürlich auch total ätzend. Aber es gibt Momente, wo Arbeit alles einnimmt. Das geht dann mit einer Seelenlosigkeit einher. Man merkt auch an sich, wenn die Arbeit überhandnimmt, dass man viele wichtige Sachen, sogar gute Freunde verliert. Arbeitet man um zu leben oder lebt man um zu arbeiten?
Philipp: Ein glücklicher Arbeitsloser ist keine Unmöglichkeit!
Sebastian: Mich stört einfach die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Leute unterjochen lassen. Es gibt Leute, die für 1500 Euro eine wahnsinnige Verantwortung tragen, einen Fulltime-Job haben und für einen Boss arbeiten, der das halbe Jahr im Urlaub ist. Es gibt die perversesten Formen von Arbeit.
Im neuen Song "Hört Ihr Die Signale" wird nicht nur viel gesoffen. Macht Ihr euch dort über politische Parolen lustig?
DJ Phono: Ich würde den Titel nicht so auf die Goldwaage legen. In so einen Song fließen Erfahrungen ein, die man gemacht hat. Alkohol ist auch für uns ein Thema. Es gibt Konzerte, wo wir uns vorher richtig einen reinsaufen und dann besoffen auf die Bühne gehen. "Hört ihr die Signale" ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Thema Rausch. Inwiefern gibt es ein Recht auf Rausch? Da schließt sich dann auch der Kreis zu "Arbeit Nervt": Inwiefern darf ich mich aus der Gesellschaft herauskatapultieren? Auch wenn das Lied als Saufhymne verstanden werden kann, steckt mehr dahinter.
Ich sehe euch als Band, die nicht nur von Musik beeinflusst ist. Vor euch liegt auch ein Buch über Martin Kippenberger. Welche Rolle spielt Bildende Kunst?
DJ Phono: Deichkind ist schon eine Band, die in vielen Umfeldern zu Hause ist, weil wir alle so verschieden sind. Und es gibt immer wieder einzelne Leute, die Einfluss auf die Band nehmen. Björn etwa, ein Künstler, der für uns Coverart gemacht hat. Ich habe viele Freunde aus diesem Bereich. Dem Dinkel-Bereich.
Könnt ihr noch andere Einflüsse nennen?
DJ Phono: Sicher so Leute wie Christoph Schlingensief. Das fängt an bei Monty Python und geht bis zu Daft Punk. Oder Rocko Schamoni, der ja auch Kunst studiert hat.
Porky: Von Sledge Hammer (TV-Serie aus den 80ern, Anm. der Red.) über Heavy Metal und die Hamburger Kunsthalle bis zu Heidi Kabel.
Philipp: Ich glaube, in den 90ern war es sehr in, dass man sich auf ein Genre konzentriert und sagt: Ich find jetzt Eastcoast-HipHop ganz toll. Das hat sich dann in den zehn Jahren entwickelt, dass wir uns nicht mehr in so engen Grenzen aufhalten wollten. Man merkt das auch bei unseren jugendlichen Fans, dass die heute nicht mehr so genrefixiert sind. Wenn man hört, was so aus deren Autos kommt an Musik. Da vermischen sich Sachen, die in den 90ern nicht zusammen gepasst hätten.
Habt Ihr überhaupt noch einen Bezug zum aktuellen HipHop?
Philipp: Hamburger HipHop ist ja eigentlich over, bis auf Jan Delay oder Fettes Brot.
Sebastian: Wir sind dem deutschen HipHop auf jeden Fall total dankbar dafür, dass er uns nicht akzeptiert hat. Das hat uns schnell auf einen besseren Weg gebracht.
DJ Phono: Ich fand das auch bei unserer Bühnenshow total wichtig, sich zu befreien. Dass man all das, was einen geprägt hat, sein ganzes Wertesystem, dass man das komplett resettet. Und Dinge macht, wie sich nackt auf die Bühne stellen oder im Müllsack. Da mussten wir uns alle überwinden.
Seht ihr euch eher als Performance-Künstler denn als Musiker?
Philipp: Musik ist nur ein Teil von Deichkind. Die Performance ist mindestens ebenso wichtig. Gerade heute, wo es eh kaum noch Plattenverkäufe gibt. Der Live-Auftritt ist mittlerweile eine viel mächtigere Säule.
Sebastian: Ich hab aber auch den Anspruch, mehr zu sein als nur eine Band. Mir reicht das nicht. Ich finde, Deichkind ist es gelungen, eine ganz eigene Welt aufzubauen.
Philipp: Wir wollen jetzt auch ein Franchise-Unternehmen gründen und eine neue Band aufmachen, die heißt Deichkind-Junior. Das sind 13-14-Jährige, die ziehen wir dann groß.
Eine Art Boyband?
Philipp: Genau.
Wird es mit der neuen Platte auch eine neue Bühnenshow geben?
DJ Phono: Deichkind hat ja bis jetzt im Gammellook stattgefunden. Im Moment verlassen wir die Müllhalde.
Sebastian: Es wird auch eine Revolution in Sachen Lichtshow geben. Das haben wir bis jetzt völlig vernachlässigt.
DJ Phono: Die Effekthascherei wird zunehmen!
Wie sieht der Masterplan aus? Wo stehen Deichkind in ein paar Jahren?
Philipp: Unsere Ziele sind eine allumfassende Entertainment-Maschinerie, Internationalisierung, Franchise. Es wird ein Riesenlager geben in Kassel, direkt neben Rossmann, von da werden unsere LKWs ausströmen.
| Sa | 15.06.2013 | Deichkind A-Nova Rock (Nickelsdorf) | |
| Fr | 21.06.2013 | Deichkind Hurricane Festival (Scheeßel) | |
| Sa | 22.06.2013 | Deichkind Southside Festival (Neuhausen ob Eck) | |
| Fr | 05.07.2013 | Deichkind A-Urban Art Forms Festival (Unterpremstätten) | |
| Sa | 06.07.2013 | Deichkind CH-Touch The Lake Festival (Zürich) | |
| Fr | 02.08.2013 | Deichkind Big Day Out (Anröchte) | |
| Sa | 03.08.2013 | Deichkind A-Szene Open Air (Lustenau) | |
| Fr | 09.08.2013 | Deichkind Rocco del Schlacko (Püttlingen) | |
| Sa | 10.08.2013 | Deichkind Taubertal Festival (Rothenburg) | |
| So | 11.08.2013 | Deichkind Open Flair (Eschwege) | |
| Mi | 28.08.2013 | Deichkind Beats Auf der Bahn (Hamburg) | |
| Sa | 31.08.2013 | Deichkind Bonn (Kunst!Rasen) | |
| So | 01.09.2013 | Deichkind Zeltfestival Ruhr (Bochum) |
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Deichkind = Ideenlos DerBurns |
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wie heißt das lied im vorprogramm bei arbeit nervt tour? habinet |
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01.02.09, 15:37 1984Andi |
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06.01.09, 21:27 FelixOnTour |
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Deichkind Konzert Frage Mandoralh |
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20.10.08, 18:15 Mandoralh |
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