laut.de-Kritik

Klangliche Reizüberflutung, live leider geil.

Review von

In Sachen Live-Unterhaltung spielen Deichkind definitiv in der oberen Tabellenhälfte mit. Es gibt Hüpfburgen, Trampolins, bunte bis grelle Lichter flackern über die Bühne. Die in Plastik eingewickelten, neon-farbigen Musiker tragen blinkende, pyramidenförmige Kopfbedeckungen, rennen durch die Gegend und bringen die begeisterten Massen mit ihren Hits zum Ausrasten. Genau da gehören Ferris und Co. auch hin: auf die Bühne.

Auf Albumlänge dagegen wirkt dieser wild zusammengebraute Soundbrei anstrengend bis nervig. Nachdem man die verschrobenen, scharrenden Synthie-Beats in "99 Bierkanister" überlebt, kommt der "Befehl Von Ganz Unten": Die Basslinie hat gefälligst wie von der Tarantel gestochen im Viereck herumzuspringen.

Der Weg zur Besserung folgt postwendend: stumpfes, brummendes Gerumpel mit überspitzten Höhen, die teils wie aufeinander geschlagene Ikea-Töpfe klingen: "Die Platte von Deichkind war nich' so mein Ding / Doch ihre Shows sind leider geil". Kann ich so doppelt unterstreichen! "Oh Gott, wer ist diese Schrulle neben mir im Bett? Ich war wohl gestern Abend leider geil". Trotz musikalischer Belanglosigkeit unterhält der Track. "Ich winke dem Veganer mit dem Mund voller Hackfleisch". Jap, ihr ahnt es: "Leider Geil (Leider Geil)". Leider geil.

"Der Mond" schillert atmosphärisch-melodiös, schüttelt all den unzugänglichen Ballast ab und verkommt zu einem aalglatt polierten, auf poppige Eingängigkeit geschniegelten Radio-Song. Ob sich das Kind am Deich doch noch für den Eurovision Song Contest bewerben will? Für das Ding würden die Telefon-Leitungen brennen, denn die Hamburger wissen: "Es gibt kein Leben auf dem Mond."

Bislang gab es noch auf jeder Platte mindestens einen richtigen Kracher. "Illegale Fans", bösartige File-Sharer und Schädlinge der Musik-Industrie holen zum großen Schlag aus: "Die Dixi-Klos vom Hurricane schenken wir Lars Ulrich / dort kann er gerne kacken gehen, die Hacker sind geduldig". Der Song treibt, lädt zum Ausflippen ein und übermittelt nebenher noch eine lässige Message:

Ladet unsere Songs doch runter, "wir sind sowieso schon reich und gestopft, mehr brauchen wir nicht", gibt Porky gegenüber der Stuttgarter Zeitung zum Besten. Wer die abgedrehte Truppe noch aus den hip hoppigeren Zeiten schätzt, erfreut sich eines rappenden Ferris MC. Stimme und Flow gehören eindeutig zu den Höhepunkten der fünften Platte.

In dieses Schema reiht sich auch die "Egolution" ein. Ferris Hilton zielt, drückt ab und schießt unserer egoistischen Gesellschaft ein Loch ins Knie. "Was ich nicht will was man mir tut, das füg' ich gerne andern zu." Seine Skills machen fast den unnötig fiependen Beat platt. Leider nur fast.

Auf der Habenseite steht noch ganz klar die dritte Single "Bück Dich Hoch". Die ernüchternde Parodie einer sich abnutzenden Arbeiterklientel funktioniert prächtig. Der kleine Workaholic pfeift auf dem Weg zur Arbeit: " Klick dich, fax dich, mail dich hoch / grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch / kick dich, box dich, schlaf dich hoch / bück dich hoch, ja!"

Über kurz oder lang verderben aber diese verspielten, chaotisch ineinandergewürfelten (Stör-)Geräusche, die an einen aufgepitchten, drückenden Xylophon-Sound erinnern ("Partnerlook"), das Hörerlebnis. Sie katapultieren sich selbst in solche wahnwitzig-stumpfen Stampf-Disco-Sphären ("Der Strahl"), dass sie sich darin selbst verlieren und es dann langweiliger wird als auf den Bus zu warten ("Pferd Aus Glas").

Das Zugpferd von Universal findet sicherlich reichlich Abnehmer. Doch kann man sich das Geld getrost sparen und sich einen ihrer wirklich sehenswerten Gigs geben. "Das hier ist kein Klingelstreich, das ist Anarchie." Stimmt wohl. Aber unter der klanglichen Reizüberflutung, die Dürre und Grütering hier auftischen, leiden vor allem die guten Lyrics – und der Hörer.

Trackliste

  1. 1. Tetrahedon
  2. 2. 99 Bierkanister
  3. 3. Befehl Von Ganz Unten
  4. 4. Leider Geil (Leider Geil)
  5. 5. Der Mond
  6. 6. Illegale Fans
  7. 7. Partnerlook
  8. 8. Bück Dich Hoch
  9. 9. Egolution
  10. 10. Pferd Aus Glas
  11. 11. Der Strahl
  12. 12. Die Rote Kiste feat. Slime

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34 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Das Album sollte man wirklich nicht nur einmal genau hören. Die Texte sind top und treffen den Zahn der Zeit. Die Beats und Sounds sind klasse und wesentlich stimmiger als bei Arbeit nervt. Wer Elektro nicht mag wird mit dem Album nie warm, das ist doch logisch. Trotzdem ist das Album einfach eine Wucht und macht mega spass und das wollen Deichkind erreichen.

  • Vor einem Jahr

    Mittlerweile das Album mehrfach durchgehört und ich find's wirklich witzig. Die Beats sind z.T. wirklich gut, Humor kommt auch nicht zu kurz und irgendwie auch 'ne Message. Diese sind zwar insgesamt nix Neues ("Befehl von ganz unten", "Egolution", "Pferd aus Glas"), aber was soll's...
    Lockere 3/5.

  • Vor einem Jahr

    Subjektivität schön und gut. Ich hab aber in meinem ganzen Leben noch keine so schlechte Rezession gelesen. Mal drüber nachgedacht, dass "Der Mond" in seiner Schlager-haftigkeit genauso beabsichtigt gewesen sein kann?. Pferd aus Glas ist der Knüller auf dem Album. Wer Groove versteht, weiß was ich mein. Aber wie man an deinen Lieblingstiteln auf der Platte deutlichst erkennen kann, haben wir da noch so einen textversessenen Ahnungslosen vor uns. Von Synthie-Schrauberei keine Ahnung, aber TECH-Rap-Platten beurteilen wollen. Wie die Deichkinder dort sonst digital klingende Massive- und Nexus Presets durch analoges Output gejagt hat, um einen wohlig warmen distorted Synthie-Sound zu erzeugen grenzt schon an genialer Brillianz. Lyrisch trifft Deichkind wie immer den Zeitgeist und hält den Spiegel vor.