Porträt

laut.de-Biographie

Ferris MC

Er ist "der fertigste der Mongos" (Such A Surge), der "lebende Elvis des Raps" (Ferris) das "Reimemonster" (Afrob), "Satans geclonter Roboter am Microphon" (Yo Mama), der "Ozzy des Rap" (Ferris). Ehrerbietungen von allen Seiten kreisen um Vokabeln wie "derbe", "durchgeknallt", "Freakness" und "XXL-Junkie".

Sascha Reimann fällt am 2. Oktober 1973 aus dem warmen Schoß seiner Mutter. Die ersten Jahre seine Lebens zieht er mit seiner Ma von einem Ort zum anderen. Nach Neumünster und Kiel landet er letztendlich in Bremen. Dort werden sie schließlich im sozialen Brennpunkt Tenever sesshaft. Dass diese Umgebung zu Problemen führt, scheint so gut wie vorprogrammiert. Ferris kommt früh mit allerlei Drogen in Kontakt und hat ständig Stress mit seinen diversen alkoholkranken Stiefvätern. Das hat zur Folge, dass er sich schon im Kindergartenalter in einem Heim für schwererziehbare Jugendliche wiederfindet. Dort kommt es zum ersten Kontakt mit Hip Hop. Ferris beginnt zu breaken. Seine Schulkarriere ist danach nur schwer mit seiner jugendlichen Kleinkriminalität und seinem steigenden Drogenkonsum zu vereinbaren. Er fliegt von mehreren Pennen und gibt schließlich nach dem Hauptschulabschluss auf.

Trotz seiner Liebe zum Rap gibt er sich musikalisch rebellisch. Punk-Musik ist sein ständiger Begleiter. So favorisiert er neben den Beastie Boys und der 2 Life Crew die Musik der Ramones und der Ärzte. Gegen den chronischen Geldmangel hilft Dealen im kleinen Stil. Außerdem beginnt er mit 18 eine Lehre als KFZ-Mechaniker. Die schließt er zwar ab, seine Noten lassen allerdings zu wünschen übrig. Das liegt neben seinem Desinteresse vorwiegend daran, dass er zur gleichen Zeit mit zwei Bremer Kollegen (u.a. FlowinImmo) die erste Platte aufnimmt. Unter dem Namen Freak Association Bremen, kurz F.A.B., releasen sie 1994 das Album "Freaks". Das Werk verschafft ihnen einen gewissen Bekanntheitsgrad, die Jungs dürfen einen Beitrag zum Sampler "Die Klasse von '95" leisten. Mit der zugehörigen Tour wagt der deutsche Hip Hop erste vorsichtige Schritte in der Republik. Das gilt es ordentlich zu feiern, was in Ferris' Fall natürlich etwas heftiger ausfällt. Nach einigen LSD-Eskapaden und exzessiven Feierjahren, vorwiegend auf Goa-Partys, trennen sich F.A.B. 1997 endgültig. Seitdem steht einige Jahre lang immer mal wieder eine Reunion von FlowinImmo und Ferris im Raum, die aber nie realisiert wird.

Ein Jahr darauf hat Ferris von Bremen die Schnauze voll und zieht nach Hamburg. Dort findet er eine Bleibe bei Tobi Tobsen von den Fünf Sternen Deluxe. Im Viertel Eimsbüttel geht rap-technisch einiges, die Musik nimmt mehr und mehr Zeit in Anspruch. Gemeinsam mit den Fünf Sternen, Eins Zwo, den Beginnern und Doppelkopf entstehen das überaus fleißige Künstler-Kollektiv Mongo Clikke. Ferris ist festes Mitglied und leistet daneben allerlei andere Beiträge auf verschiedensten Platten.

1999 kommt es zur Kollaboration mit dem Stuttgarter Rapper Afrob. "Reimemonster" mausert sich zu einem riesigen Erfolg, landauf-landab gehen die Heads zu dem Party-Track ab. Ferris gibt sich weiterhin als Assi, kommt aber sowohl mit seinem Erstlingswerk "Asimetrie" als auch auf der ersten eigenen Tour gut an.

Leider bringt sein Umzug nach Hamburg auch negative Folgen mit sich. Ferris rutscht wieder tiefer in die Drogensucht, bis er schließlich für einige Tage im Knast landet und mit schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat. Dazu kommen heftige Differenzen mit seinem Buddy und Tour-DJ Stylewarz, die die vorläufige Trennung nach sich ziehen. So steht die Arbeit am neuen Album natürlich nicht unter dem besten Stern. Unter dem Druck, einen gleichwertigen Nachfolger zu produzieren, enttäuscht die zweite Platte "Fertich". Als erste Single-Auskopplung releast er "Flash For Ferris MC", mit dem die Heads wenig anfangen können. Der Track basiert auf einer Verwurstung des Billy Idol-Klassikers "Flash For Fantasy". Ferris' Konzept passt: Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Mit Billy Idol kann sich Ferris deswegen sehr gut identifizieren. Für ihn ist Billy ein Punk, der in die Pop-Richtung tendiert. Er sieht sich als Hip Hop-Gegenstück.

Ein neuer Alias also: der Billy Idol des Rap. Bei so viel Pseudonymen kommt wahrscheinlich der gute Ferris selbst ins Straucheln. So besinnt er sich nach der Enttäuschung von "Fertich" ganz auf sich selbst und arbeitet an seinen Memoiren. Im zarten Alter von 30 Jahren veröffentlicht er im Herbst 2003 seine "Audiobiographie".

Der "Audiobiografie" lässt Ferris 2004 mit "Ferris MC" ein Album folgen, das von seiner Plattenfirma Yo Mama - wie üblich - als "bestes Ferris-Album aller Zeiten" angekündigt wird. Weniger üblich: Die blumigen Werbeversprechungen sind nicht gelogen. In der Tat präsentiert sich Ferris um Welten weniger gehetzt und anstrengend als bisher. "Ferris MC" entpuppt sich als Ferris' Karrierehöhepunkt.

Wenn's am schönsten ist, soll man aufhören - ein Grundsatz, den sich offenbar auch Sascha Reimann zu Herzen nimmt. Anfang 2006 geistern erste Rückzugsgerüchte durch die Schlagzeilen. Im März wird es offiziell: Ferris MC rotzt mit "Düstere Legenden", einem fetten Best-of-Paket inklusive umfassender Video-Kollektion auf DVD-Beilage, seinen Abschiedsbrief auf den Tresen. "Düstere Legende" soll die letzte Single von Ferris MC sein - heißt es.

Zu Tränen gibt es allerdings keinen Anlass. Ferris bleibt der Öffentlichkeit erhalten. In der Vergangenheit gelegentlich bereits als Schauspieler tätig gewesen, wendet er sich wieder vermehrt dieser Facette seines Schaffens zu. Mit dem Hip Hop scheint Ferris zwar fertich, Musik spielt aber nach wie vor eine Rolle. Mit Partner Marc Deal bildet er das DJ-Duo Maniax und wendet sich dem Elektro- und House-Sektor zu.

"Ich kann alles - bloß nicht mehr namenlos sterben."
Zweifellos.

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Ferris MC - Fertich: Album-Cover
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  • Redaktionswertung: 3 Punkte

2001 Fertich

Kritik von Stefan Johannesberg

Der Billy Idol des Rap haut uns Sex, Drugs und Hip Hop um die Ohren. (0 Kommentare)

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