Porträt

laut.de-Biographie

Daniel Miller

"To go from nothing to that in seven years was amazing". Ausnahmsweise beginnt diese Biographie mit genau demselben Satz wie eine andere auf diesen Seiten, siehe Depeche Mode. Und dies natürlich nicht ohne Grund, stammt das Zitat doch von Mute Records-Chef Daniel Miller im Bezug auf den siebenjährigen Weg der von ihm entdeckten Band von einem schmutzigen Londoner Club bis hin zum kalifornischen Rose Bowl-Stadion, das Depeche Modes Elektro-Pop 1988 zu füllen vermag.

Am Abend des 30. Oktober 1980 sieht Miller im Londoner Club Bridgehouse alles andere als eine kommende Kultband. Im Vorprogramm des ersten vertraglichen Mute-Künstlers Fad Gadget zelebrieren die vier Teenies allerdings mit ihren eingängigen, dreiminütigen Pophäppchen genau jenes Do It Yourself-Motto, dem der Can-, Neu!- und Kraftwerk-Fan Miller selbst bereits seit der Mute-Labelgründung 1978 verfallen ist: 1-2-3-4, weg mit musikalischer Vorbildung, her mit der Kreativität. Da Synthesizer bald genauso günstig zu erstehen sind wie Gitarren, steht der Ablösung des Punk nichts mehr im Wege. Und Mute Records ist von Angang an dabei.

Daniel Miller kommt am 14. Februar 1951 in London zur Welt. Als Teenager saugt er Rock'n'Roll-Platten von Chuck Berry bis Elvis Presley auf, bevor er den Beatles und den Stones verfällt. Seine eigenen musikalischen Fähigkeiten testet er an der Gitarre und dem Saxophon aus, beides mit wenig befriedigendem Ergebnis.

Ende der 60er Jahre besucht Miller die Guildford School Of Art in Surrey, um Film zu studieren. In der Zeit der Studentenunruhen herrscht auch bei den Dozenten ein reges Kommen und Gehen, so dass Millers Kurs bald in den Streik tritt und selbstgewählte Filmchen produziert. Einer seiner selbstgedrehten Filme erhält sogar einen Preis beim National Student Film Festival.

Millers erste Liebe gilt zwar der Musik, lange Zeit sieht er aber keinen Weg, wie er als lausiger Musiker in diesem Metier arbeiten könnte. Auf eine Stellenanzeige hin bewirbt er sich Mitte der 70er in einem Londoner Filmstudio als Cutter und wird zu seiner eigenen Überraschung eingestellt. Nach Ablauf des befristeten Jobs reist Miller quer durch Europa und verdient nebenher Geld als Taxifahrer und Discjockey in Skigebieten.

Bei seiner Rückkehr nach London Anfang 1976 bricht gerade die Punkwelle über das Königreich herein. In John Peels Show hört der 27-Jährige zum ersten Mal die Ramones, was ihn sofort begeistert. "Für mich klang es genau wie Neu!", erinnert sich der Krautrock-Fan später. Die mit der Punkwelle transportierte neue Musikerethik, wonach jedem Einzelnen die Möglichkeit offen steht, eine Platte aufzunehmen, begeistert Miller.

Um Geld zu verdienen kehrt er wieder in seinen alten Job im Filmbusiness zurück, werkelt nachts aber an seinem neu gekauften Synthesizer, einem Korg 700, und an einem Vierspur-Rekorder herum. Nach und nach freundet er sich mit der Idee, das Do It Yourself-Motto des Punk auf elektronische Kompositionen umzusetzen, immer mehr an. Mit seinen schrägen Debütsongs "T.V.O.D." und "Warm Leatherette" will er es schließlich wissen.

Vom Haus seiner Eltern in der Decoy Avenue, eine Adresse, die auf den frühen Mute-Releases noch abgedruckt wurde, stürmt Miller mit Testpressungen der Single den Londoner Rough Trade-Plattenladen, um sich eine Meinung vom frischgebackenen Labelgründer Geoff Travis einzuholen. Der ist sofort begeistert und bietet Miller sowohl eine 2000er Auflage als auch den Vertrieb an. Wer kann dazu schon "nein" sagen?

Der Erfolg der "T.V.O.D."-Single bzw. der B-Seite "Warm Leatherette" durchbricht bald die britischen Grenzen, der Song findet Fans in Frankreich und sogar in Amerika. Dank der auf dem Cover abgedruckten Adresse erhält Miller nicht nur massig Feedback (u.a. sogar von Sire Records-Chef Seymour Stein), sondern auch Demos von anderen Bands. Ehe er es sich versieht, erzählt Miller später, hatte er eine Plattenfirma gegründet.

Auch einige wenige Livekonzerte spielt Miller im Zuge des Erfolgs seiner Single. Gemeinsam mit Robert Rental, den er auf einem Throbbing Gristle-Konzert kennen lernt, spielt er bereits vor späteren Tourneen mit Fad Gadget oder Depeche Mode in Clubs wie dem Eric's in Liverpool oder der Hacienda in Mannchester.

Auf einer Tour mit den Punks von Stiff Little Fingers lernen Robert Rental And The Normal, so der offizielle Tour-Bandname, dass lange nicht alle Punk-Fans der neuen Elektro-Welle vorurteilslos gegenüberstehen. So müssen Miller und Rental an vielen Abenden vor den heran fliegenden Gegenständen ausweichen.

Als Miller ein Demo von Fad Gadget in die Hände bekommt, ist dies der Beweggrund, die eigenen Musikerambitionen zu begraben. Nach dessen Debütsingle "Back To Nature" begleitet Miller den Kunststudenten aus Leeds auf einigen Konzerten kurzzeitig als Keyboardspieler, bis dieser eine eigene Band beisammen hat.

Ein einziges Mal veröffentlicht er noch ein eigenes Produkt. Nachdem ein Rough Trade-Mitarbeiter 1979 Millers Spaß-Coverversion von Chuck Berrys "Memphis Tennessee" hört, bedrängt er ihn, sie zu veröffentlichen. Da Miller den Song von seinem ernsten Projekt The Normal abgrenzen will, erscheint der Song unter dem Pseudonym Silicon Teens. Es ist die dritte Mute-Single, der das Album "Music For Parties" folgt. Darauf covert Miller alle möglichen Rock-Klassiker in trashigster Minimalelectro-Manier.

Auf den Namen Mute ("stumm") kommt der Brite, da er ein eingefleischter Stummfilm-Fan ist und er diesen Titel der Alternative Normal Records vorzieht. Mit der Depeche Mode-Debütsingle "Dreaming Of Me" startet 1981 dann der kommerzielle Höhenflug seines Labels. Nachdem deren Songwriter Vince Clarke die Band noch im selben Jahr verlässt, erfreut sich Miller an gigantischen Verkaufszahlen von Clarkes neuer Band Yazoo ("Don't Go", "Only You").

In den kommenden Jahren rekrutiert Miller stets Bands, die seinen persönlichen Musikgeschmack treffen. Außer Depeche Mode und Erasure sind dies meistens eher experimentelle, der Avantgarde zugeordnete Bands (NON, Smegma, The Birthday Party aka Nick Cave, DAF, Nitzer Ebb). Mit den Mute-Künstlern DAF und den Einstürzenden Neubauten verleiht Miller seiner Liebe zu deutschen Bands Ausdruck. Danach gefragt, was all seine verschiedenen Bands auf Mute Records verbinde, antwortet Miller im Booklet der 2007 erscheinenden 10-CD-Box "Mute Audio Documents" mit einem Wort: Humor.

Privat wirft Miller auch selbst noch die Synthies bzw. das Laptop an, um an Sounds herum zu schrauben. Im Frühjahr 2004 kommt dadurch die schöne Anekdote zustande, Miller stecke hinter dem aufstrebenden Elektronik-Act Rex The Dog, dem wie aus dem Nichts Remixangebote von Größen wie Depeche Mode und The Prodigy vorliegen. Bald klärt sich das Geheimnis um die wahre Identität jedoch auf: Rex The Dog ist der Londoner Produzent Jake Williams.

Im Laufe der Jahre gründet Daniel Miller verschiedene Sublabels von Mute: Blast First für experimentellen Rock (1985), Novamute für Techno (1992) und The Grey Area für Industrial-artige Klänge à la SPK oder Re-Releases von z.B. Can. 2002 endet nach außen hin der Status von Mute als Indie-Label. Der Major EMI kauft Millers Laden für 23 Mio. britische Pfund (ca. 34 Mio. Euro).

Als Mute-Chef bleibt er jedoch weiter für die Geschäfte des Unternehmens verantwortlich. Die Vereinbarung sei so gestaltet, dass sie "Autonomie, Stabilität und Kontinuität von Mute für die Zukunft bewahrt", erklärt Miller. 2007 erscheint mit der 10-CD-Box "Mute Audio Documents 1978-1984" eine umfangreiche und liebevoll gestaltete Retrospektive mit sämtlichen Singles und B-Seiten der Mute-Anfangsjahre.

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