laut.de-Kritik

Music For The Trollarmee.

Review von

Ein Cover, das gleich klar Schiff macht: Uns ist alles egal. Und warum auch nicht? Die Welt ist 2017 schließlich genau so scheiße wie das Artwork. Globalisierungskrise, Abschottungstendenzen, Protektionismus, Migrationsängste: Weder Songwriter Martin Gore noch sein lernwilliger Ziehsohn Dave Gahan wollten diese gesellschaftlichen Entwicklungen auf der 14. Depeche Mode-Platte unkommentiert lassen. Dabei liegen Gores jüngere Versuche in soziopolitischer Paarreimkunst 33 Jahre zurück. Aus Gründen. Aber das ist nur ein kleiner Teil des Dilemmas.

Das 2005 auf "Playing The Angel" erstmals vorgestellte Konzept, die Authentizität des Blues mit mahlstromartiger Electronica aus analogem Uralt-Equipment zu vermählen, kippt im vierten Versuch nicht nur bedenklich, es stürzt in seiner größtenteils banalen Ziellosigkeit Denkmäler ein.

Dies liegt nur zum Teil an Produzent James Ford, dem nach drei Ben Hillier-Kooperationen zu früh als Heilsbringer gefeierten Simian Mobile Disco Dancer. Immerhin entfrachtet er die Songs und kontrastiert Hilliers Zug zur Streber-Soundbastelei hier und da mit klarer Elektronikführung (sehr elegant in den Strophen der Single "Where's The Revolution").

Dadurch klingt "Spirit" gefälliger als der auf interessante Weise anstrengende Noise-Pop von "Delta Machine". Prinzipiell gut. Dass kaum ein Song ins Ohr geht, dafür aber um so schneller wieder raus - prinzipiell nicht. What's the story, Martin Gory? Von Glory kann ja keine Rede mehr sein. In den schlimmsten Momenten gleicht "Spirit" einem Outtake-Album der jüngeren Vergangenheit. Und dann wiederum doch nicht, denn an Songs wie "Happens All The Time" oder "All That's Mine" kommt hier kaum etwas ran, und das sind "Delta Machine"-Bonustracks – aus der Feder von Dave Gahan. Es ist kompliziert.

Der Albumstart führt auf eine falsche Fährte. Düster grollend auf zwei Akkorden rollt "Going Backwards" daher wie ein gut geölter Kampfpanzer, von Soundingenieur Ford lehrbuchartig blank gewienert und von unnötigem Ballast befreit. Drinnen sitzt die Band und schießt auf alles was sich bewegt, tumbe Präsidenten, gefährliche Verführer und Angstschürer: "We are not there yet / we have not evolved / we have no respect / we have lost control / we're going backwards". Gahans routiniertes Volksaufwiegler-Keifen bringt die nötige Schwere für das Thema mit, überdeckt aber bald nicht mehr Gores frappierend infantilen Text.

Die Message ist ja schnell kapiert: Wenn die Welt nicht aufpasst, steuert sie direkt in die Katastrophe, wir schaufeln unser eigenes Grab, schauen Menschen live beim Sterben zu und trotz all der Technologie verwandeln wir uns immer mehr zurück zum Höhlenmenschen. Was salopp dahergeredet wirkt, ist die 1:1-Übersetzung der Lyrics: "We're digging our own grave (...) watch men die in real time (...) armed with new technology (...) to a cavemen mentality". Dass Gore nicht mehr zum Eddie Vedder wird, war absehbar, aber ob man für sowas nicht sogar in Songwriting-Kursen an der Popakademie Mannheim abgewatscht würde, müsste man wirklich mal Mine oder Konstantin Gropper fragen. Der minimalistische Einsatz kratziger Gitarrenlines auf ebenfalls nur zwei Akkorden ist allerdings wieder Zucker-Gore, mit so wenig Mitteln so viel Atmosphäre, und der klassisch-zweistimmige Echo-Gesang mit Gahan zum Finale auch aller Ehren wert.

Die Single "Where's The Revolution", ein Sound-Rückgriff auf die guten alten Zeiten, Stadion-Propaganda mit der ganz großen Refrain-Geste, die verzweifelt "Violator" heraufbeschwört, dann aber doch nur bei "Playing The Angel" hängen bleibt. Schade. Überhaupt, so viel Stückwerk: Die Strophen des verträumten "The Worst Crime" ziehen sich in Slo-Mo dahin und führen in den langweiligsten Refrain seit Jahren. Dazu knödelt Gahan wieder in schlimmsten Blues-Manierismen und gibt den Ray Charles für den Mittelstand - selbst als Fan hält man das mittlerweile kaum mehr aus. Von seinem morbiden Soulsavers-Projekt holt Gahan mehr rüber zur Hauptband, als man es je für möglich gehalten hätte, dabei war das Electroblues-Ding spätestens nach "Delta Machine" auserzählt.

Stattdessen: Ein Karusselldrehen um den noch düstereren Sound, die noch unheilvollere Grabesstimmung, das noch trägere Midtempo-Stück. Upbeat-Songs? Risiko? Das war einmal. Nur in "Scum" gehen sie voran und erobern mit fiebrig-vertrackten Stripped-down-Frickelsounds und monströsem Bass jenes neue Karriere-Level, das man sich von der Kollabo mit Ford erhofft hatte. Doch selbst hier geht einem das "Pull the triggaaaaa"-Grölen des El maximo lider Gahan schnell auf die Nerven mitsamt der platten Anspielungen auf Machtmissbrauch und unmenschliches Handeln. Ein Song, so aussagekräftig wie ein Fox News-Beitrag.

Keine politische Platte hätten sie gemacht, wiegelt Gahan in jedem Interview ab, dies sei nicht ihre Aufgabe. Stimmt, einprägsame Melodien statt saturierter Synth-Spirituals hätten den meisten schon gereicht. Das wabernde "Cover Me" mit dem netten Versuch, den Psychedelic-Part von "Clean" nachzubauen, um vom Soulsavers-Rip-Off abzulenken, traurig. "Poison Heart" wandelt in den Akkordstrukturen von "Breathe" ("Exciter") und driftet dann wieder ab ins übliche lamentoreiche Blues-Dröhnen. In "You Move" spielt Gahan den alternden (Sex-) Tiger und lässt sich zu folgendem Refrain herab: "I like the way you move / I like the way you move for me tonight / I like the way you move / I like the way you move for me tonight". Good night! Die Speerspitze der Selbstkopie und der mit Abstand schönste Song, den Mesh je geschrieben haben.

Erst kürzlich lächelte Gahan im New York Times-Podiumstalk über die Armada an sicherlich talentlosen DM-Coverbands, die sich sein Kollege Gore an langweiligen Tagen tatsächlich reinzieht. Nach dieser Vorstellung sollten beide besser schweigen. "So Much Love" etwa zitiert in den Strophen mit halber Kraft "A Question Of Time" und arbeitet sich sonst im "Soft Touch/Raw Nerve"-Stil vergeblich am Versuch eines gescheiten Dancetracks ab. Über die von Gore gesungenen Songs "Eternal" und "Fail" verliert man lieber erst gar keine Worte. Schwachbrüstiger und lustloser klang er nie.

Es gibt keine Standout-Tracks mehr bei dieser Band. "Walking In My Shoes" oder "Wrong" waren nie weiter entfernt als heute. Um des Fortbestands des Millionen-Unternehmens Willen gehen Depeche Mode halbgare Kompromisse ein. Oder die Last der eigenen Klassiker wirkt sich allmählich negativ auf den kreativen Austausch zwischen Gore und Gahan aus. Songs des anderen scheinen nur noch abgenickt zu werden. Wie zentral und elementar in dieser Konstellation der Part des frischen Ideengebers ist, den in der Vergangenheit Alan Wilder, Tim Simenon und Hillier übernommen haben, war nie klarer zu erkennen als in dieser blassen Ford-Vorstellung.

"We're fucked", singt Gore in "Fail" und meint natürlich den beklagenswerten Zustand der Welt. Ist eben schon anstrengend in unserem postfaktischen Zeitalter mit all seinen Auswüchsen, den Gefällt-mir-Horden und Internet-Trollarmeen. Außer sie stehen gerade vor ihm und winken zu Abertausenden im Takt mit den Armen zu "Never Let Me Down Again". "Our spirit has gone", singt er noch. Aber da hat man schon abgeschaltet.

Trackliste

  1. 1. Going Backwards
  2. 2. Where's The Revolution
  3. 3. The Worst Crime
  4. 4. Scum
  5. 5. You Move
  6. 6. Cover Me
  7. 7. Eternal
  8. 8. Poison Heart
  9. 9. So Much Love
  10. 10. Poorman
  11. 11. No More (This Is The Last Time)
  12. 12. Fail

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64 Kommentare mit 216 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Monaten

    Oh Mann, da hat sich aber einer mal so richtig ausgekotzt! Einer, der mit depeche mode offenkundig aber so mal rein gar nichts anfangen kann, von vornherein. Wenn ich diesen Blödsinn hier lese, guckt mich eines sofort an: das Urteil des Autors stand schon vor dem ersten Durchlaufen der CD fest; nur die Details wurden dann noch ausgearbeitet.
    Man muss weder Depeche Mode mögen noch dieses Album, noch delta machine oder playing the angel. Aber man sollte vielleicht mal überlegen, ob man wirklich eine Band rezensieren muss, zu der man offensichtlich prinzipiell absolut null Zugang hat. Aber immerhin mal eine Band und ihr Album laut verrissen, wenn auch mit völlig ohne Ahnung.
    Vielleicht doch lieber Backrezepte bewerten, Herr Schuh?

  • Vor einem Monat

    Hm, das gabs schonmal in ähnlicher Weise in einem anderen "renommierten Musikmagazin", dass da jemand seine offensichtlichen -gelinde ausgedrückt- Antipathien gegenüber einzelnen Bands in umfangreich schwelgerischen Rezensionen zum Ausdruck bringen musste. Albert Koch hieß der Vogel, glaube ich! Dem hab ich damals auch Backrezepte empfohlen!=O)

    Kritiker halt: schnüffeln an ihrer eigenen Scheiße und holen sich am Geruch noch einen runter! Braucht kein Mensch...