laut.de-Kritik

Delta Blues meets Man Machine: Krawall und Remmidemmi.

Review von

Dass ich das noch erleben darf: Depeche Mode veröffentlichen ein gutes Album. Wenn nicht sogar ein sehr gutes, denn als Maßstab müssen ja die fußlahmen Vorgänger "Sounds Of The Universe" und "Playing The Angel" herhalten, von denen nur "Wrong" als Standout-Track in bester Erinnerung blieb.

Songs wie "Perfect", "In Sympathy", "Hole To Feed" - einige Unerschütterliche werden sich erinnern - badeten in einer saturierten Behäbigkeit, mit denen VW Golf-Spezis der Sorte Bon Jovi seit Jahr und Tag ihre Alben füllen, um eine Grundlage für die obligatorische Welttour vorzuweisen.

Dave, Martin, what went right? Natürlich geht es immer noch um pain and suffering in various tempos, diesmal aber mit Krawall und Remmidemmi. Man besinnt sich der alten Zeiten, als den DM-Pop noch Avantgarde-Sounds unterfütterten. Und wo man schon dabei war, färbte man scheinbar gleich ein altes Foto der "Some Great Reward"-Coversession rosa ein.

Vor allem ist "Delta Machine" aber der kleine Bruder von "Exciter". Dessen kühl-technoide Unnahbarkeit verschreckte 2001 haufenweise Fans und zählt kurioserweise bis heute zu den unbeliebtesten DM-Platten. Anhänger dieser Glaubensrichtung werden sich nun umschauen.

Zwar zelebriert "Delta Machine" soundtechnisch einen Schulterschluss mit den letzten zwei Alben, experimentiert aber auf ähnlich mutiger Ebene: mit dem Unterschied, dass sich die funkelnde Elektronik nun mit einer aus Blues und Folk gezogenen Sinnlichkeit paart, weshalb Gore im Vorfeld hehre "Violator"/"Songs Of Faith & Devotion"-Vergleiche bemühte.

Seine Grundidee dürfte gewesen sein: Delta Blues meets Man Machine. Kurz: Delta Machine. So einfach. Wer beim Opener "Welcome To My World" aus Versehen den Volume-Regler auf +20 stehen hatte, kann schon mal den Weg zum Wertstoffhof googlen. Ein knochentrockener Tiefbass und ein mit Störgeräuschen gespicktes Rhythmus-Pattern knirscht mit sattem Druck dem nächsten Subwoofer-Test entgegen.

Kurz darauf, auch irgendwie unangekündigt: Gahan, völlig ohne Gitarre, Synthie oder sonstige Hilfsmittel stakst in gewohnt ledernem Glamour durchs tosende Lärmgeflecht. "Leave your tranquilizers at home / you don't need them anymore", lautet sein Rat. So sicher wäre ich mir da beim Großteil seiner "Enjoy The Silence"-Gefolgschaft nicht.

Die Stimmung ist düster wie lange nicht mehr, die Opulenz der letzten Alben weicht kratzigem Minimalismus und aus fast allen Tracks leuchtet eine Art neue Dringlichkeit. Woher die kommt? Hier darf man den dritten, den heimlichen Star der Show nicht übersehen: Ben Hillier. Ausgerechnet Hillier, der Gores Faible für alte Analogsounds auf den letzten Alben streckenweise ins Bizarre steigerte und dabei ein oft mattes Soundbild erschuf. Derselbe Hillier lässt nun plötzlich Räume entstehen, setzt Sound-Unwuchten und poliert nur da, wo poliert werden muss. Eher hätte ich Alan Wilders Rückkehr erwartet.

Ebenso erfreuen die Ergebnisse des nach wie vor getrennt voneinander laborierenden Songwriter-Doppels Gahan/Gore. Man versteht sich endlich blind und teilt die Großtaten brüderlich auf. Gerade Diktatorbesieger Gahan haut mal wieder Album-Highlights raus: das schlanke und melodiöse "Broken" etwa, ein hymnisches Stück Dark Pop mit 80s-Nachhall der "Black Celebration"-Ära. Oder sein "Secret To The End", dessen Refrain die Gore'sche Kunst plakativer Textromantik schon vollkommen verinnerlicht hat: "Did I disappoint you? / I wanted to believe it's true / Our book of love is not enough / to see us through."

Textlich ist sowieso klar, was einen erwartet: die großen, längst adaptierten Blues-Themen, enttäuschte Liebe, Hingabe, Versuchung, Schuld, Sühne, Engel und Teufel, Sex und Tod. Bei Songtiteln wie "Broken", "Heaven", "Should Be Higher" muss ja selbst ich kurz überlegen, ob es die auf früheren Alben nicht schon gab.

Gesanglich legt Gahan bravourös über 30 Jahre Weltschmerz in seine Vorträge, was er nur gelegentlich übertreibt, etwa in seiner krächzenden Bobby Womack-Hommage "Angel", deren gefilterte "I Feel You"-Gitarren dem Vorwärtsgang der Nummer wiederum arg zuträglich sind. Trent Reznor dürfte der Sound auch irgendwie bekannt vorkommen.

Etwas ziellos trabt die trackorientierte Minimal-Ballade "My Little Universe" durch die Gegend, mit der Gore wohl vor allem sagen will: Leute, wofür dieser Thom Yorke immer abgefeiert wird, das kann ich schon lange, außerdem lege ich schon viel länger auf als der. Hinten raus inszeniert er deshalb eine zirpende ARP-Synthieschlacht.

"Soothe My Soul" ist wieder eine dieser okayen Nummern ihrer Spätphase, was Nachvollziehbares für die Nicht-Tekkies, was fürs Stadion, ein fragiletensioniger Single-Test für Nachwuchs-A&Rs. Das gleichsam wohltemperierte "Soft Touch/Raw Nerve" übt sich mit monotoner Bassline ebenfalls im Uptempo und liefert einen weiteren großen Refrainmitgröler: "Oh brother / give me a helping haa-haa-haa-haa-haand / oh brother / tell me you understaa-haa-haa-haa-haand!"

"Slow" und "Goodbye" suchen am ehesten die Nähe des alten Onkels Robert Johnson, ersteres erinnert an Gahans morbide Momente mit den Soulsavers, während das unverfremdete Blues-Lick von "Goodbye" mehr Johnny Cash atmet als dessen "Personal Jesus"-Cover. Gore perpetuiert derweil mit "The Child Inside" die mystische Formel seiner Solonummern, die mehr Akkordwechsel aufweisen, als er Gahan gemeinhin in drei Songs gestattet.

Insgesamt bietet "Delta Machine" mehr, als man in der U2/RHCP-Liga bringen müsste und ist voll eisiger Stiche für Schmerz-Fetischisten. Die ja spätestens seit der Sargträger-Hymne "Heaven" wissen, was die Stunde geschlagen hat: "I will end up dust!" Wir alle werden zu Staub. Vorläufig kriechen wir noch darin. Mit 60.000 anderen in den Olympiastadien unserer Wahl.

Trackliste

  1. 1. Welcome To My World
  2. 2. Angel
  3. 3. Heaven
  4. 4. Secret To The End
  5. 5. My Little Universe
  6. 6. Slow
  7. 7. Broken
  8. 8. The Child Inside
  9. 9. Soft Touch/Raw Nerve
  10. 10. Should Be Higher
  11. 11. Alone
  12. 12. Soothe My Soul
  13. 13. Goodbye

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96 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Jahr

    Gore ist Black Asteroid-Fan: http://www.youtube.com/watch?v=ZM0YrrRqaPc

    Hatte bei Letterman T-Hemd an.

  • Vor einem Jahr

    @akademiker (« Johny
    Das eine Band mit dem Status von DM sich künstlerisch nichts vorschreiben lässt ist korrekt, gut und wichtig so - EIGENTLICH wäre es wünschenswert, wenn alle Künstler sich diese Freiheit rausnehmen könnten/würden.
    Das gute Kunst auch von extrem jungen, mittelalten, älternden und alten Menschen kommen kann ist unbestritten - mir ging es eher um MEIN Gefühl, dass DM es einfach geschafft hat mich nicht mehr zu erreichen, viele andere auch. Und auch das ist ok, man muss eine Band ja nicht sein komplettes Leben begleiten, oft verknüpft man ja auch sehr emotional Zeitperioden mit Musik und kann in anderen Perioden den selben Künstler "nicht mehr fühlen".
    Auch hat die Geschwindigkeit eines Tracks keinerlei Einfluss auf die persönliche Bewertung, bei mir jedenfalls nicht.
    Ich mag es wie Du DM und Deine Liebe zu DM verteidigst, ein wahrer Fan! :) »):

    Ok. Lass uns die Friedenspfeife rauchen. :)

  • Vor einem Monat

    Mal wieder ein tolles Album von DM, welches knapp 1 Jahr nach Veröffentlichung immer noch seine Klasse hält. Von poppig bis dark, von electro-punk zu electro-blues bis technoid, von spirituell bis hedonistisch. Eine Prise Beatles und genug Soundsignaturen die bis in die experiementellen 80s reichen. Und live sowiso eine Ausnahmeband (2013 3x in Toplaune erlebt!).