laut.de-Kritik

Die Emanzipation vom Palmen-Aus-Plastik-Hype.

Review von

"2016 zerfetzt / Erst ein Ghost, jetzt erkennt mich dein Dad / Herz: Anthrazit. Oberfläche, die glänzt / Dieses Album: mein Bestes bis jetzt." ("Anthrazit")


Raf Camora
ist derzeit beinahe omnipräsent. Und jedes Projekt, das der in der französischsprachigen Schweiz geborene, in Österreich aufgewachsene und aktuell in Deutschland lebende Raphael Ragucci anpackt, wird zu Diamant. Gold-Auszeichnungen reichen schon lange nicht mehr: Es ist ein beispielloser Hype, der Camora gemeinsam mit der 187 Strassenbande umgibt. Ausgelöst durch das Überalbum "Palmen Aus Plastik", das mit seinem stilbildenden Mix aus karibischer Musik und Hip Hop nahezu jeden Rekord der deutschen urbanen Szene gebrochen hat, trug die Welle des Erfolgs den 33-Jährigen samt Compagneros auch mit ihren Folgeprojekten an sämtliche Chartspitzen.

"Anthrazit" zeigt nun, wie groß Camoras musikalischer Einfluss auf die 187 Strassenbande in den letzten Monaten wirklich war. Davon haben natürlich beide Seiten profitiert. Raf erhielt die Anerkennung, um die er seit Jahren gekämpft und durch seinen unbändigen Arbeitsdrang auch verdient hat. Die Strassenbanduleros entdeckten viele neue Facetten an sich und in ihrer Musik, die sie in Zukunft sicher gewinnbringend einzusetzen wissen. Deshalb ist "Anthrazit" keineswegs als eine bloße Fortsetzung des gemeinsam eingeschlagenen Weges zu sehen.

Es trägt Camoras ganz persönliche Handschrift, ist seine Vision moderner urbaner Musik. Und damit eindeutig die endgültige Emanzipation vom Palmen-Aus-Plastik-Hype.

Bis auf Best-Bro und Management-Schützling Bonez MC werden keine weiteren Artists des Hamburger Kollektivs gefeatured (die Vorab-Single "Kontrollieren" ausgenommen). Wohl nicht deshalb, weil Raf nicht wollte. Sondern schlicht, weil Maxwell, LX, Gzuz oder Sa4 für Camoras hauseigene Musik in punkto Reputation oder Kredibilität nicht zwingend notwendig sind. Ragucci hat eigene Themen (etwa "Vienna" oder "Donna Imma") und lebt in einem eigenen Kosmos. Freilich zwischen Hamburg, Berlin und West-Wien. Aber dennoch in seiner ganz eigenen Wolke. In dieser versammelt er dann auch eine illustre Runde an interessanten Featuregästen: KC Rebell, Ufo361, Kontra K und Gentleman.

"1998 rauch' ich Weed, im Radio läuft 'Tabula Rasa' / Heute singt Gentleman die Hook, einfach unfassbar!" ("Roots")

Dass sich der deutsche Reggae-Papst für ein Projekt mit dem Rapper zusammenschließt, das gleichsam zum stärksten Titel des Albums wird, spricht Bände: Nicht nur der ganz große Musikzirkus steht hinter Camora, auch in der Offbeat-Szene genießt er mittlerweile einen hervorragenden Ruf, weil er einem Genre Aufmerksamkeit zuteil werden ließ, das bis dahin eher ein Schattendasein gefristet hatte.

"Wir waren die ersten / Die ersten in Deutschland / Platin der Stempel / Plötzlich waren Gangster am Tanzen auf westafrikanischem Sample / Für sie war die Mukke nur 'Coco Jambo'." ("Primo")

"Anthrazit" ist viel Offbeat. Also viel Reggae und Dancehall, zuweilen wie bei "Was Jetzt" auch Pop. "Anthrazit" ist das, was seit MHD gemeinhin als Afro-Trap gilt ( etwa "Bye Bye" oder "Primo"). Schon immer war Camora diesen Genres zugetan, das belegen seine vorherigen Alben oder das Alter Ego 'RAF 3.0'. Nun scheint er seinen eigenen Stil aber offensichtlich endgültig gefunden und perfektioniert zu haben. Wie MHD in Frankreich könnte Raf damit zur Stilikone im deutschsprachigen Raum werden, wenn er es nicht gar schon ist.

Gut, möglicherweise ist die ein oder andere Produktion etwas verkopft, an der ein oder anderen Stelle zu sehr ins Detail überdreht. Der grundsätzlichen Qualität des Albums tut dies jedoch keinen Abbruch. Dahinter verbirgt sich lediglich der Perfektionismus eines Musikers, der vor allem dadurch begeistert, nicht nur für die Texte, sondern in den meisten Fällen auch für die musikalische Umsetzung seiner Ideen verantwortlich zu sein.

"Anthrazit" ist facettenreich. "Anthrazit" ist spannend. "Anthrazit" ist, man muss es einfach so simpel ausdrücken: absolut hörenswert.

Trackliste

  1. 1. Anthrazit
  2. 2. Vienna
  3. 3. Alles Probiert
  4. 4. Bye Bye
  5. 5. Primo
  6. 6. Roots
  7. 7. Donna Imma
  8. 8. Niemals
  9. 9. Andere Liga
  10. 10. Luft
  11. 11. Money
  12. 12. Teflon
  13. 13. Augenblick
  14. 14. Entertainment
  15. 15. Was Jetzt
  16. 16. In meiner Wolke
  17. 17. Kontrollieren

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16 Kommentare mit 18 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    "Ausgelöst durch das Überalbum "Palmen Aus Plastik", das mit seinem stilbildenden Mix aus karibischer Musik und Hip Hop nahezu jeden Rekord der deutschen urbanen Szene gebrochen hat, trug die Welle des Erfolgs den 33-Jährigen samt Compagneros auch mit ihren Folgeprojekten an sämtliche Chartspitzen."

    Meines Wissens hat RAF nach "Palmen aus Plastik" überhaupt nichts mehr veröffentlicht.

    • Vor 2 Monaten

      Ähm, ich denke der Autor meint das Tannen aus Plastik Re-Release mit 5 neuen Tracks, sowie der Safari EP von Maxwell, welche stilistisch auch sehr stark an PaP angelehnt ist (siehe den Titelsong Safari).

  • Vor 2 Monaten

    RAF Camora hat ein sehr gutes Album abgeliefert manchen Songs von der Schwarze Materie II sind sogar besser

  • Vor 2 Monaten

    Jennifer und Timomusik Deluxe, Musik für den indigenen FH BWL Studentjockel und die fesche Bürokauffrau. Darauf geht man sicherlich in Buxtehude, Bottrop und Bautzen ab wie das gammelige Schnitzel in der Kantine. Erfüllt nur einen Zweck: Hypemusik für Redbulltrinker, in der Hoffnung, am späteren Abend im Rudel eine Jennifer zu erlegen, um sie anschliessend nach bewährter germanischer Schäferhundmethode zu rammeln wie ein Häschen.