Tilmann Otto spricht Patois. Er wohnt in Köln, und er macht Reggae, der genau so gut aus dem Herzen Jamaikas stammen könnte. Tilmann Otto ist Gentleman.
Im zarten Alter von 17 Jahren reist er das erste Mal völlig auf sich allein gestellt nach Jamaika. Damals hatten die Reggae-Platten seines Bruders ihn infiziert. Der Virus brach aus, und seither ist einiges passiert. Gentleman hat den Grundstein für eine stetig wachsende Reggae- und Dancehall-Bewegung in Deutschland gelegt, und seinem Sound durch zahlreiche rockende Auftritte bei Festivals, sowie den kommerziell erfolgreichen Kollabos mit dem Freundeskreis zu mehr Popularität verholfen. Sein Debüt im Jahr 1999 "Trodin On" schlägt dementsprechend ein, und das Pflänzchen Reggae beginnt auch im hiesigen rauhen Klima zu sprießen.
Nicht genug, dass Herr Otto die Entwicklung in heimischen Landen voran treibt (etwa zusammen mit dem Pow Pow Movement), in seiner zweiten Heimat Jamaika werden seine Alben ebenfalls veröffentlicht. Seine Styles tönen dort über den Äther und in Kingston wird dem weißen Raggamuffin die Ehre zuteil, vor einer 30.000 Mann starken Menge auftreten zu dürfen.
Die häufigen Aufenthalte in Jamaika und seine vorzüglichen Kontakte zu dortigen Künstlern, verleihen ihm nicht nur Glaubwürdigkeit. Sie ermöglichen es ihm darüber hinaus, Teile seines Albums "Journey To Jah" in den Tuff Gong Studios vor Ort aufzunehmen, und auch über die Grenzen Jamaikas hinaus anerkannte Stars wie zum Beispiel Bounty Killerfür Gastauftritte zu gewinnen.
Die Brücken, die hier zwischen zwei weit auseinander klaffenden Kulturen geschlagen werden, sind erstaunlich. Dass Gentleman seit sieben Jahren mit einer Jamaikanerin liiert ist und mit ihr zwei Kinder hat, dürfte dagegen keinen wirklich überraschen. Die Traditionen und die Vibes Jamaikas Bevölkerung und Musik sind bei Gentleman tief verwurzelt. Werte wie Righteousness und Consciousness hat er verinnerlicht und macht sie zum Gegenstand seiner Lyrics.
In den Adern dieses Mannes fließt gelb-rot-grünes Blut, keine Frage ...
Gemeinsam mit der Far East Band, in der Gentlemans Frau Tamika im Background singt, nimmt er 2003 sein erstes Live-Album auf. Ein Jahr darauf folgt mit "Confidence" die dritte Platte des Wahljamaikaners.
2005 tritt Gentleman gemeinsam mit Mamadee beim Bundesvision Song Contest von Initiator Stefan Raab für sein Bundesland Nordrhein-Westfalen an. Im Jahr darauf gründet er mit seinem Manager Stephan Schulmeister das Label Bushhouse Records und veröffentlicht als erste Single "Lass Los" von Mamadee.
2010 erscheint mit "Diversity" Gentlemans erstes Album auf dem Major Sony.
Gentleman über Schwulenfeindlichkeit, deutschen Hip Hop und Religion.
Mit seinem letzten Album "Confidence" erreichte Tilmann Otto alias Gentleman Platz eins der Charts. Für ihn noch lange kein Grund, künftig immer den selben Sound zu machen ...
Die Minuten bis zum Gentleman-Interview in unserem kleinen abgegrenzten Telefonraum verrinnen unglaublich langsam. Wann ist es denn endlich 15 Uhr? Unser Italo-Bundespraktikant Windegger unterstützt mich in dieser Situation jedoch tatkräftig, in dem er mir die Nervosität einfach wegquatscht. Und dann klingelt auch schon das Telefon.
Wärst Du ein Vertreter, wie würdest Du Dein neues Album anpreisen?
Gentleman: Ist ein Superalbum, müsst Ihr Euch alle besorgen. (lacht) Es hat mich wirklich schlaflose Nächte gekostet. Ich hab ganz viel Liebe ins Detail gesteckt. Die Texte sind noch durchdachter. Der Punkt, einfach mal loslassen zu können, hat sich auch in die Länge gezogen. Es ist ein Album geworden, in dem Roots Reggae der rote Faden ist, denn ich will ja auch keinen vergraulen, und trotzdem hab ich mich auch für andere Mucke geöffnet. Zum Beispiel habe ich ein R'n'B-Stück aufgenommen "Soulfood" oder ein Singer/Songwriter-Stück wie "Tranquility".
Was grenzt Dich Deiner Meinung nach von anderen Reggae-Künstlern ab?
G: Meine Stimme. (lacht) Jeder Künstler ist anders. Man kann keinen Künstler mit einem anderen vergleichen. Und das ist auch das Schöne dran, jeder ist ein Individuum. Ich glaube, ich finde immer mehr meinen Stil. Und ich glaube, dass man meine Stimme raushören kann.
Hat sich Deiner Meinung nach im Vergleich zur letzten Platte etwas verändert?
G: Ja, es entwickelt sich halt weiter. Man kann ja nicht immer dasselbe machen. Auf einmal merkt man, man hat Lust auf das oder auf das. Geändert hat sich im Prinzip nichts, was das Musikmachen angeht. Ich glaube aber, es ist noch ausgereifter geworden.
Im Promoschreiben berichtest Du von der Schwierigkeit, Inspirationen für das Album zu finden. Was hattest Du für Probleme?
G: Es kommt immer wieder, dass Du Dich ausgelaugt und leer fühlst. Und das wird auch jetzt wieder kommen, nach der Tour. Es geht aber darum, sich irgendwann einzugestehen, okay, ich bin Künstler und kann das, was da ist, auch in Musik packen und umsetzen, egal was es für eine Emotion ist. Ich muss mir eingestehen, dass ich jede Möglichkeit habe, den Dingen eine Form zu geben. Außerdem muss ich mir bewusst machen, dass es kein Gut oder Schlecht gibt, keine Bewertung, sondern nur ehrlich oder nicht ehrlich; authentisch oder nicht authentisch; vom Herzen oder vom Kopf. Mit dieser Einstellung bin ich langsam wieder in meinen Rhythmus gekommen. Ich habe einfach mal angefangen, Sachen aufzunehmen, die mich am Anfang nicht so angeturnt haben. Und irgendwann war es dann einfach da. Ich glaube, manchmal braucht es einfach nur Zeit, an seinen Ruhepol zu kommen und vergangene Sachen zu verarbeiten und Inspirationen zu finden.
Könntest Du den Albumtitel etwas genauer erklären?
G: "Another Intensity" ist das, was ich mir am meisten wünsche, in allen Bereichen. Zum einen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich hab keinen Bock mehr auf Scheinheiligkeiten, Oberflächlichkeiten, sondern würde mir wünschen, zwei Level tiefer gehen zu können. Zum anderen ist "Another Intensity" auch eine politische Situation: die Angst bei den Leuten, der religiöse Fanatismus hat auch eine andere Intensität angenommen. Ich habe einfach diesen Satz gelesen, in dem Buch "The Good Life" (Charles Colson und Harold Fickett, Anm. d. Red.) und da stand drin: "We got to be still, but still moving into another intensity." Das hat mich umgehauen. Außerdem klingt das super: "Another Intensity" (ganz schwärmerisch)
Wie war die Kollaboration mit Diana King?
G: Total unerwartet. Ich kannte sie und ihre Musik vorher gar nicht, nur "Shy Guy", das war nicht so mein Song. Ich habe sie im Studio getroffen, bei einem Produzenten, bei dem ich auch aufnehmen sollte und habe da gewartet. Und dann hat sie da in fünf Oktaven gesungen, dass es mich total umgehauen hat. Sie fand meine Mucke auch cool und so haben wir das Stück, das ich eigentlich alleine machen sollte, zusammen gemacht. Es war ein ganz spontanes, unkompliziertes Ding. Das sind meistens die besten.
In Deinem letzten Interview bei laut.de hast Du von einer Zusammenarbeit mit Sizzla geträumt, die auf diesem Album ja tatsächlich stattgefunden hat. Hat sich der Traum bezahlt gemacht?
G: Die Zusammenarbeit war schwierig. Zum einen, weil er so ein unnahbarer Typ ist. Ich habe ihn immer wieder getroffen, doch es haben sich nie Connections entwickelt. Zum anderen, weil er mich sehr verwirrt hat. Auf der einen Seite höre ich Songs, die mir extrem Kraft geben und mich den Glauben an die Musik manchmal verlieren lassen, (lacht) weil er immer wieder mit unglaublichen Stücken kommt und irgendwie jeden Tag ein Album ausscheißen kann, da er ein unglaubliches kreatives Input hat. Auf der anderen Seite schreibt er aber auch Songtexte, bei denen ich mir denke, Alter Schwede, das kannst Du doch nicht bringen. Es war ein ganz schmaler Grad und trotzdem kann ich nur meinem inneren Bauch und meinem Gefühl folgen und sagen, es ist okay.
Wir hatten ein gemeinsames Konzert in Miami und haben uns auf einem ganz anderen Level kennen gelernt. Dort habe ich ihn getroffen, als einen total bescheidenen Down-to-Earth-Typen, der extrem kreativ ist und von dem ich eine Menge lernen konnte. Trotzdem haben wir verschiedene Ansichten, konnten in diesem Song aber das Level finden, das uns beide betrifft. Wie in Deutschland, nimmt auch auf Jamaika die Gewalt in der Gesellschaft ständig zu. Das Thema, dass wir ruhig mal ne Runde freundlicher miteinander umgehen könnten. Das ist schön, dass das gerade auch von ihm kommt.
Wie war es, mit Sizzla im Studio zu stehen?
G: Es war fast spirituell, da er einfach ein Typ ist, der eine Sache hört, in seinem Kopf selektieren muss und es dann einfach umsetzt. Er denkt gar nicht mehr nach, sondern es ist schon da, und Du kannst es greifen. Die Art und Weise, wie er im Studio arbeitet, was für ein Studio er hat und wie sich das anhört, das war einfach eine gute Erfahrung.
Gibt es nach Sizzla einen weiteren Künstler, mit dem Du gerne arbeiten würdest?
Es gibt viele. Mit Buju Banton würde ich gerne was machen, mit Patrice. Es gibt ganz viele.
G: Wir treffen uns hier und da. Wir sind beide super beschäftigt und sehen uns sehr selten. Ich freu mich tierisch, dass die Jungs noch mal an den Start kommen, für die Festivals. Das neue Lied, das sie rausgebracht haben, ich habe nur gedacht: "Die haben es echt geschafft, diesen alten Geist zu beschwören." Ich finde es so notwendig, dass Leute wieder Mucke machen, die cleverer ist und bei der auch etwas dahinter steht. Es ist schon echt krass, wenn ich mir anhöre, was im deutschen Hip Hop gerade abgeht. Ich blame ja gar nicht die Künstler, sondern die Leute, die denen eine Plattform geben. Wenn ich in jedem Interview gefragt werde: "Hör mal, Reggae ist ja schwulenfeindlich" und dann aber gleichzeitig die Bildzeitung diesen Hip Hop-Künstlern ein Forum bietet, in dem sie gelobt werden und gleichzeitig in ihren Songs Frauen vergewaltigen. Da denkt man doch: "Hör mal, was ist denn los hier."
Dazu haben wir natürlich auch ein paar Fragen. Hast Du die Geschichte um G-Hot verfolgt?
G: Nein, zu der Zeit war ich in Jamaika. Ist der schwarz oder weiß?
Weiß, er ist Sohn eines deutsch-türkischen Ehepaares. Sein Stück "Keine Toleranz", in dem er zur Gewalt gegen Schwule aufruft, wurde auf youtube.com veröffentlicht. Er hat zugegeben, den Track gemacht zu haben, jedoch habe ein unbekannter Dritter das Stück ins Netz gestellt.
G: Und das Album von ihm heißt "Neger Neger"?
Nein, das ist von B-Tight.
G: Ich bin da wirklich in einer anderen Welt. (lacht)
Einige Dancehall- und Reggae-Stars sind ja ebenfalls für ihre schwulenfeindlichen Texte bekannt. Ist das auf Jamaika ein Thema zwischen den Künstlern? Wirst Du auch darauf angesprochen?
G: In jedem Interview werde ich danach gefragt. Ich habe jetzt auch mit Sizzla einen Song gemacht, obwohl der schon gegen Schwule gesungen hat. In der Tat ist es recht kompliziert. Ich bin da auch mit mir in Schwierigkeiten gekommen. Aber wo fängst Du an? Okay, wenn ich mit dem jetzt keinen Song mache, weil er gegen Schwule singt, hätte ich mit dem auch nicht arbeiten können. Und der Schlagzeuger, der meine Sachen eingespielt hat, hat doch auch was gegen Schwule. Oh Gott, dann kann ich ja mit überhaupt gar keinem mehr arbeiten. Weil auf Jamaika alle gegen Schwule sind. Das ist ein altes, festgefahrenes, bibelfestes Ding, das in der Kultur verankert ist. Genau wie im Islam, genau wie in Afrika, genau wie in Indien, wenn Du mit Hindus redest und die sagen: "Was, Schwulsein, die größte Sünde" Also, wir sind eher die Minderheit, die sagen: "Wie kann man nur dagegen sein." Man muss damit auch echt vorsichtig sein. Bei der Musik, die auf meinen Alben zu hören ist, da werden keine Minderheiten gedisst, sondern sie werden unterstützt. Kein Künstler, der mit mir zusammengearbeitet hat, disst auf meinem Album irgendwelche Schwulen und das ist mir wichtig. Ich kann ja auch keine Gesellschaft verändern.
Das wäre die nächste Frage gewesen. Nämlich, wie man Deiner Meinung nach dagegen angehen könnte.
G: Das geht nicht.
Die Brother Keepers kritisieren einige Hip Hop-Künstler wegen ihren sexistischen und rassistischen Texten. Wie stehst Du dazu?
G: Ich glaube, das ist ein Altersding, das eine Zeitlang auch ok ist. Ich war 14 und fand N.W.A. total cool. Hab die kompletten Texte mitgesungen: "Fuck the police; coming straight from the underground" oder "fuck that bitch" und fand das cool - Gangstahiphop. Und dann bist du irgendwann 17, 18 und ich finde, dann muss es aufhören. Irgendwann muss der Punkt kommen, wo du sagst: "Es gibt auch Mucke, die mir was geben kann. Die für mich stimmt und mit der ich mich identifizieren kann." Und nicht dieses: "Haben wir kein Ghetto, dann machen wir uns eins." Das ist extrem lächerlich.
Als Sohn eines Pastors, wie ist Dein Zugang zu Religion?
G: Ich habe damit so meine Probleme. (lacht) Religion als Wort kommt ja aus dem Lateinischen 'religio' und heißt 'Zurückführung'. Das bedeutet sich auf den Ursprung zu besinnen, finde ich super. Das größte Missverständnis beruht meiner Meinung nach auf Religion und auf Glauben. Lass uns mal ehrlich sein.
Wenn es keine Religionen geben würde, gäbe es keinen 11. September und es gäbe keinen Israel-Palästina-Konflikt, es gäbe keine Akademiker, die nach Jungfrauen brüllend in irgendwelche Hochhäuser fliegen. Es wäre auch jeden Fall eine viel, viel, viel friedlichere Welt und das kann ja nur im Interesse von Gott sein, und nicht der heilige Krieg, der von Gott gewollt sein soll. Es ist der Wahnsinn, was da abgeht. Und wenn der mächtigste Mann der Welt, bevor er Afghanistan bebombt, eine Eingebung hat, und mit einem vor 2000 Jahren verstorbenen Prediger spricht ... Meine Fresse, was geht denn ab. Und das sind dann alles Sachen, die im Willen Gottes geschehen, im Namen der Liebe. Das ist wirklich das größte Missverständnis der Gesellschaft.
Und was mich so stört, ist, dass alle Religionen, außer im Buddhismus vielleicht, diesem Diesseits so entsagen und auf das Jenseits vorbereiten. Das mag ich an den Rastas. Das Paradies ist hier auf Erden und die Hölle ist ein Zustand. Das fand ich damals im Christentum auch schon so krass, als ich die Lieder im Gesangbuch, die ich jahrelang mitgesungen habe, gecheckt habe, dachte ich mir: "Alter Schwede, ist das heftig." Sowas wie: "Jesus ist der einzige Weg, sonst wirst du verdammt werden." C'mon irgendwie. Oder: "Der heilige Geist hat Maria geschwängert." Der alttestamentarische Gott, was war denn das bitte für ein Wichser - ein Kinderkiller, Korinthenkacker, Schwulenhasser - das hat doch mit Gott überhaupt nichts zu tun. Für mich ist mein Gott ein Spirit, und ich glaube irgendwie an das Gute im Menschen. Das findet alles fernab von Religionen statt.
Würdest Du sagen, dass Liebe gleich Gott ist?
G: Auf jeden Fall. Liebe ist göttlich.
G: Ich will auf jeden Fall mitgehen. Ich will nicht zu der Generation gehören, die sagt: "Ach damals war alles so schön und was ist denn heute los." Ich will am Ball bleiben und deswegen spiele ich auch mit. Ich bin auch bei youtube und habe auch eine MySpace-Seite, sehe die ganzen positiven Seiten und denke auf einmal: "Wow". Es gibt Künstler, die können auf einmal ihr Ding machen, ohne eine Plattenfirma. Die können auf einmal einen Song nehmen, ihn ins Netz stellen und er wird erhört. Die können auf MySpace Promotion machen, die selbst eine Plattenfirma manchmal nicht machen kann. Das finde ich super gut. Es entstehen Möglichkeiten. Ich habe alte Freunde wieder gefunden, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen habe, hammer.
Und wenn es darum geht, Informationen zu kriegen, ich liebe das Internet. Gerade in Afrika, in der Dritten Welt - dass auf einmal Information für jeden zugänglich ist, das ist so eine Freiheit, so ein Privileg und so ein Geschenk, deswegen ist das Internet der Hammer. Doch wenn es darum geht, der Realität durch das Internet zu entfliehen, dann ist das extrem gefährlich. Wenn ich jemanden frage: "Lass uns doch mal treffen und einen Tee trinken." Und er sagt: "Connect mich doch auf myspace." Dann denke ich mir nur: "Ach du Scheiße." Oder ich gehe in ein Café, sehe die Leute da sitzen und keiner unterhält sich. Alle haben ihren Laptop auf dem Schoß und schreiben Briefe. Da denke ich mir nur: "Meine Fresse, das kann es doch nicht sein." Ich glaube, dass du jede Minute, die du in einem Second Life-Ding verbringst, der Realität entsagst, und das kann es einfach nicht sein. Wenn es darum geht, Informationen zu holen, ist es super, aber mehr auch nicht.
Du hast eine 16-jährige Tochter. Weißt Du, ob sie stolz auf ihren Papa ist?
G: Ich habe einen sechsjährigen Sohn und meine Stieftochter ist jetzt 16. Stolz? Die stehen auf meine Mucke. Sie waren beim Summerjam auf dem Konzert und fanden es cool. Aber ich glaube, sie steht eher auf Sean Paul.
Du interessierst Dich auch sehr für die Gefühle der Jugend. Redest Du auch öfter mit Freunden Deiner Tochter über ihre Liebe zur Musik?
G: Auf jeden Fall und das ist mir auch sehr wichtig. Ich war bei der Abschlussfeier in der Gesamtschule Köln Porz (lacht) und da sind auch die Jungs rumgerannt, bei denen man denkt, dass man auf der Strasse eher einen Bogen um sie machen würde. "Hey, isch schwöre und so, weißt Du?" (Kriegt sich vor Lachen kaum ein) Aus der zweiten Instanz sieht man aber, dass die teilweise echt liebe, frische und aufgeweckte Teenager sind, die einfach verunsichert sind, so wie wir auch waren. Da sind auf jeden Fall auch Chancen und Möglichkeiten. Ich sehe aber auch, dass der Respekt voreinander so ein bisschen verloren gegangen ist. Wenn wir uns auf dem Schulhof gekloppt haben, und ich habe dreimal auf den Boden gehauen, dann heißt das aufgeben und dann war Schluss. So etwas gibt es heute gar nicht mehr. Es fehlt so ein bisschen an Ehrenkodex und es fehlt ein bisschen an Menschlichkeit. Das ist aber so ein Ding, wo die Eltern und die Familie, das Surrounding einfach eine große Rolle spielt, das in vielen Fällen vernachlässigt wird. Viele sagen: "Meine Eltern, die reden mit mir nicht."
Wie war das denn mit Deinen Eltern?
G: Ich habe sie mir, glaube ich, ausgesucht. Ich habe extrem Glück gehabt. Wenn ich es mit unserer damaligen Clique vergleiche, der eine hatte gute Eltern, der andere hatte keine guten Eltern. Und der, der keine guten Eltern hatte, der hatte auch erst mal das und das aufzuarbeiten und ihm wurde alles schwieriger gemacht.
Wie ist es in eher Reggae-ungewöhnlichen Ländern, wie Russland, Brasilien oder Israel bekannt zu sein?
G: Ich weiß nicht, ob ich das bekannt bin. Es gab da mal Anfragen. In Surinam bin ich bekannt. Es ist echt amazing, unglaublich zu sehen, wenn man sieht, wie weite Kreise das zieht, vor allem, wenn man damit auch nicht gerechnet hat. Man kommt in Südamerika an, wo man noch nie gespielt hat, wird staatsmännisch empfangen und man fährt zu einem Konzert, bei dem 15.000 Südamerikaner jede Textzeile mitsingen können, obwohl das Album da noch nicht veröffentlicht wurde und ich dort noch keinen Auftritt hatte. Da denkt man sich: "Wow." Das Internet wieder, weißt Du? (lacht)
Danke für das Interview!
G: Danke für das Interesse!
Der Chartsstürmer erklärt, warum Jamaika den Vibe hat und Deutschland nicht, und warum Reggae trotzdem ein universales Ding ist.
In den Adern dieses Mannes fließt gelb-rot-grünes Blut: Tilmann Otto spricht Patois. Er wohnt in Köln, und er macht Reggae, der genau so gut aus dem Herzen Jamaikas stammen könnte. Tilmann Otto ist Gentleman. Mit 17 Jahren reiste er das erste Mal völlig auf sich allein gestellt nach Jamaika. Damals hatten die Reggae-Platten seines Bruders ihn infiziert. Der Virus brach aus, und seither ist einiges passiert ...
Es ist ja bekannt, dass du auch im letzten Jahr häufig auf Jamaika warst, um an deinem neuen Album zu arbeiten. Erzähl doch einfach mal was darüber ...
Ja, ich bin jetzt fertig mit dem neuen Album. Ich bin erst vor kurzem erst aus Jamaika zurück gekommen und habe irgendwie kein Zeitgefühl mehr. Anschließend sind wir nach Kalifornien geflogen, um da eine Show zu spielen. Danach sind wir dann nach London und haben da das Album fertig gemastert. Jetzt gibts kein Zurück mehr ... Auf der Platte sind bis jetzt 19 Stücke, und ein Song mit Anthony B. kommt noch dazu, also werden es 20 Tunes. Ich bin echt zufrieden. Erst mal gibt es keine schlaflosen Nächte mehr, weil die meiste Arbeit im Kopf vorgegangen ist, und das ist jetzt beendet. Hauptsächlich ist das Ding mit Live-Bands eingespielt, z.B. mit meiner Band, mit Far East und Firehouse. Das Ganze haben Bobby Digital und Black Scorpio produziert. Es ist ein reines Roots-Album, es ist sehr layed back, geht aber auch sehr nach vorne. Ich glaube, dass es sehr kraftvoll geworden ist.
Wo du es ansprichst: Wie läuft das mit den ganzen Kollabos? Weißt du, bevor du nach Jamaika fliegst, schon ungefähr, mit wem du was machen willst? Hast du zu dem Zeitpunkt schon feste Zusagen, oder läuft das eher spontan ab und ergibt sich dann erst in Kingston in den Studios?
Was du, wenn du nach Jamaika fährst, echt nicht machen kannst, ist ein Plan. (lacht) Es ist immer alles sehr süß dilettantisch, weißt du? Und die ganzen Kollabos sind eigentlich aus einem spontanen Vibe entstanden. Es muss auch stimmen zwischen beiden Künstlern. Es darf nicht nur der musikalische Respekt zählen, man muss auch einen Vibe zusammen haben, um einen guten Song zu machen. Das ist mir am wichtigsten gewesen. Ursprünglich habe ich auch mit ganz anderen Leuten gerechnet. Dann habe ich die entweder nicht getroffen, oder es hat nicht gestimmt, weil wir teilweise eine andere Vision hatten. Dann habe ich Toni Rebell getroffen, wir haben uns gegenseitig Songs vorgespielt, haben einen Riddim gefunden, den ich vorher gebaut hatte und haben den Song direkt danach aufgenommen. Dadurch habe ich auch Cocoa Tea kennen gelernt usw.. Alles war sehr spontan ...
Wie ist das, wenn du nach Jamaika kommst, wie viel Material hast du dann aus Deutschland schon in der Tasche? Ist da schon relativ viel gediehen, von dem du sagst, dass du es gerne machen möchtest? Und ist es dann so, dass du in Jamaika weiter arbeiten und aufnehmen willst, weil da der Vibe stimmt?
Das Album ist komplett in Jamaika produziert und gemischt worden. Mir war es aber auch wichtig, dass ich mit der Band, mit der ich am meisten zusammen spiele, auch Musik mache, die dann auch auf dem Album ist. Deshalb haben wir in Deutschland in der ersten Phase bei Conny Plank in den Studios mit der Band Sachen eingespielt, die ich schon vorproduziert hatte, und dann habe ich diese Musik mit nach Jamaika genommen, um dort die Texte zu schreiben und das Ganze aufzunehmen. Danach hab ich dann in Europa noch ein paar Shows gespielt und bin dann wieder nach Jamaika geflogen. Da hab ich später mit Bobby Digital und Black Scorpio und Firehouse zusammen Musik gemacht und mit den anderen Artists die Songs aufgenommen. Wir sind dann noch einmal nach Jamaika geflogen, um das Album zu mischen. Also das war in mehreren Etappen.
Hast du in Jamaika ein favourite Studio, also eine Anlaufadresse, zu der du immer hingehst?
Naja, jedes Studio hat so seine eigene Story, und jedes Studio ist irgendwie auf seine eigene Art und Weise interessant. Es gibt aber vier Studios, würde ich mal sagen, in denen ich mich extrem wohl und zuhause fühle. Das ist zum einen Black Scorpio, dann Bobby Digital, Cellblock und Anchor-Music Works. Das sind die vier Studios, in denen ich die meisten Songs aufnehme. Und bei Steven Stanley, der die Songs mischt, der hat auch ein sehr geiles Studio. Es ist auch immer cool, in ein neues Studio zu kommen. Ich habe da mit Don Corleone einen Song aufgenommen, der schon viele Sachen für Sean Paul und Wayne Wonder und Vibes Kartell gemacht hat. Der hat mir dann komischerweise bei sich einen Rhythmus vorgespielt, der für ihn total untypisch war. Ein One-Drop-Rootsriddim, der aber total nice war. Daraufhin habe ich mit ihm einen Song gemacht. Alles sehr spontan ...
Weil du gerade solche Artist wie Vibes Kartell oder Jean Paul und einen Produzent wie Don Corleone nennst - in deiner Aufzählung der Kollabo-Artists vorhin sind solche, nun, sagen wir mal Hardcore-Artists nicht mit dabei ...
Nee, es gibt auch keine Hardcore-DJs. Das Album ist hardcore, aber auf eine andere Weise. Es ist wie gesagt kraftvoll. Aber ich glaube, ein Song mit Vibes Kartell würde ohnehin irgendwie nicht zu meiner Vision passen. Er ist ein netter Typ. Und Don Corleone ist einfach ein Genie, wenn es ans Producen geht, und deswegen hat es da gepasst.
Du sagst, dass es Hardcore sei. Bewegt es sich nicht eher im Roots- oder New-Roots-Bereich?
Na ja, man muss Hardcore definieren. Das tut halt jeder anders. Für die einen ist das irgendein Porno, für die anderen ist es Gabber-Techno-Musik oder Dancehall, und für mich ist einfach Roots-Reggae Hardcore. Auf jeden Fall mehr Hardcore als Dancehall-Musik, weil es für mich einfach viel kraftvoller ist. Ich stehe auch auf Dancehall und auf die Bumm-Bumm-Beats, aber das ist so schnelllebig und gerade, wenn es um Longplayer geht, will ich auch, dass es long geplayt wird. Und ich glaube, das ist mit Roots-Reggae wahrscheinlicher. Wenn ich mir das erste und zweite Album anhöre, kann ich die Roots-Tracks noch hören, bei den Dancehall-Liedern zippe ich dann eher vor, weil die Zeit einfach dafür vorbei ist.
Würdest du sagen, dass das neue Album für dich eine logische Fortsetzung von "Journey To Jah" ist?
Auf jeden Fall, es hat sich nichts geändert! Die Message ist die gleiche, die Musik ist auch die selbe geblieben. Ich glaube nur, dass es noch mehr aus einem Guss ist. Es gibt auch keinen Dancehall-Track mehr, was mir wahrscheinlich viele übel nehmen werden, aber ich wollte dieses mal etwas Kompromissloses machen. Ich denke andererseits auch darüber nac,h mit Don Corleone und Lanny von Germaican-Records Riddims zu sammeln und ein zwölf bis dreizehn Track-Dancehall-Album zu machen, um meine positive Lyrics in die Dances zu brennen. Meiner Meinung nach sind zur Zeit viele Scheiß-Lyrics am Start, und das nicht mal bewusst. Viele Künstler sind sich nicht bewusst, dass sie auch für die Inhalte Verantwortung tragen. Ich will, dass mein Sohn mal meine Musik hören und sagen kann, das hat Daddy mal gesungen. Und nicht Shit, was ist denn das. Schließlich machst du eine Platte für die Ewigkeit, sie wird immer da sein. Man sollte sich schon genau überlegen, was man sagt.
Du hast deinen Sohn angesprochen. Würdest du sagen, dass es dich in deinem künstlerischen Schaffen in einer gewissen Weise beeinflusst, dass du Vater bist?
Als meine Ex-Freundin schwanger war, habe ich gedacht, dass sich mit meinem Sohn alles verändern wird. Es hat sich aber gar nichts verändert. Alles ist nur viel intensiver geworden. Mir gibt mein Sohn auch eine unglaubliche Kraft. Man wird ruhiger und irgendwie fokussierter, man lässt sich nicht so leicht ablenken. Das ist, was mir mein Sohn an Power gibt. Natürlich findet sich das auch in den Texten dann wieder.
Um auf deine Texte zurück zu kommen. Wie weit verarbeitest du zeitgeschichtliche Themen, beispielsweise den 11. September oder den Herrn Bush?
Ja, wir kommen einfach nicht drum herum, wenn du keine Party-Lyrics machst, was ich teilweise auch mache, aber gerade auf Alben ganz selten. Und wenn du auch keine Minderheit disst, was ich nicht mache, dann bist du irgendwann einfach dazu gezwungen, über Politik und Religion zu singen. Texte entstehen oft einfach aus Dialogen mit anderen Menschen,, oder ich schaue Nachrichten und kann danach einen Text bauen. Es können auch Love-Lyrics sein, die meiner Freundin gewidmet sind. Das ist alles ziemlich breitgefächert, aber immer mit dem Glauben und dem Wissen, dass schon alles o.k. ist. Ich hatte schon immer deep-down ein Feeling, egal wie scheiße es mir in irgendwelchen Momenten ging, dass alles doch in einer Weise o.k. ist. Das will ich den Leuten da draußen mit meiner Musik rüberbringen. Ich sehe viele Menschen da draußen, die Angst haben und die keine Perspektiven mehr sehen. Außerdem sind sie in einem System groß geworden, was tierisch abgefuckt und limitiert ist. Wir als Künstler, die es geschafft haben, von dem zu leben, was wir sowieso machen würden, müssen tierisch dankbar sein. Ich habe großen Respekt vor Leuten, die jeden Tag normal zur Arbeit gehen, um ihre Familie zu ernähren, und trotzdem einen klaren Kopf behalten und in dem System nicht hopps gehen.
Weil du gerade vom System sprichst - du thematisierst ja häufig auch Babylon. Wie würdest du Babylon für dich definieren und was ist für dich eventuell eine Art Lösungsweg, den du in deinen Texten rüberbringen möchtest.
Ich finde, das beste und auch einzige Wort, das Babylon beschreibt, ist Ignoranz. Ignoranz trifft das am besten. Babylon kommt halt von der Bibel. Der Turmbau zu Babel. Die Geschichte, in der die Leute immer besser sein wollten, immer höher, immer weiter wollten, und Jah Jah gesagt hat, dass es so nicht abgeht, und jetzt gebe ich euch Babylon und das babylonische Kauderwelsch, und ihr versteht euch untereinander nicht mehr. Das Wort ist einfach Ignoranz. Es gibt aber kein Patent und keine Lösung dagegen. Es gibt eben immer ignorante Menschen, die in der Ignoranz geboren wurden und gar nichts anderes kennen. Trotzdem finde ich es einfach wichtig, Hoffnung zu spreaden. Ich sehe aber auch parallel zu der ganzen Wickedness, dass manche Dinge sich positiv entwickeln. Alles wächst irgendwie zusammen. Gerade in der Musik gibt es einen Weg, das Positive mit den Leuten zu teilen. Musik ist einfach ein Spirit, und in dem Moment, wo die Leute den Spirit fühlen, gibt es kein "Mind" mehr, und wo kein "Mind" ist, sind einfach nur noch Vibes. Deswegen sind wir hier. Wir sind ein Teil von Jah Jah, von der ganzen Existenz. Das ist halt ein Teil davon.
Du sprichst viel von Jah ...
... was das gleiche für mich ist wie Spirit, Energy oder Love, das ist alles ein Ding. Ich gehöre keiner Religion an, obwohl ich mich als religiösen Menschen betrachte. Sehr religiös sogar. Die Bibel ist ein unglaubliches Buch, das jeder mal lesen sollte. Mein Vater ist Pastor, aber ich habe mich in der Kirche nie wohl gefühlt. Ich habe zwar immer Gott gespürt, aber nie in der Kirche. Und Religionen sind im Moment - oder eigentlich schon immer - ein Grund für die ganzen Kriege. Es ist Wahnsinn, wenn die Leute sagen, dass ein Krieg heilig ist. Wenn Krieg heilig ist, was ist dann unheilig? Nein, das ist einfach Wahnsinn, wenn der Glaube fanatisch wird. Und ich glaube nicht einfach an Gott, sondern ich weiß, dass es ihn gibt. So ein Glauben auch ist ja auch immer ein Nicht-Wissen.
Wir haben über dein neues Album gesprochen. Ich denke, da ist ja wohl auch eine Tour geplant. Wie weit kommst du rum? Geht ihr inzwischen auch schon bis nach Japan?
In Japan waren wir bis jetzt noch nicht, aber was im Moment passiert, ist schon sehr international. Wir haben gerade eine Europa-Tour gespielt: Zwanzig Shows in Skandinavien, Spanien, Portugal, Frankreich, usw. ... Das war ein toller Erfolg, mit dem ich zuerst nicht gerechnet hätte. Ich hatte überhaupt keine Erwartungen. In Paris haben wir mit 200 Leuten gerechnet, das wäre schon cool gewesen und dann waren knapp 1000 Leute da, der Laden war rappelvoll, und alle haben die Texte mitgesungen. Da denkt man dann schon, wow, das ist jetzt echt ein internationales Ding! Letzte Woche hatte ich eine Show in Kalifornien, wir waren auf dem Sierra-Nevada Festival in der Nähe von San Francisco in den Pampas, und da haben die Leute ebenfalls mitgesungen. Ich glaube, das sind die guten Seiten des Brennens und des Internets, weil die Musik auf dem Globus viel leichter zu spreaden ist als früher.
Wenn wir gerade bei Auftritten sind. Du trittst ja auch in Jamaika, auf wenn du dort bist. Nun habe ich deinen Auftritt von vor einigen paar Jahren auf dem Reggae-Kwaanza in Jamaika erlebt. Da standen die Jamaikaner unten im Publikum, haben mit großen Augen hochgeschaut und fanden das cool. Mir kam das so vor, als habe ein Reggae-Artist aus Germany so eine Art Exotenbonus. War das so, und gibt es so was noch?
Nein, ich glaube der Exotenbonus ist weg. Irgendwann geht es nur noch darum, gute Songs abzuliefern, präsent zu sein, Stage-Shows zu spielen und zuversichtlich auf der Bühne zu sein. Das ist das, was die Leute sehen wollen. Das Kwaanza-Ding war damals spontan, ich war erst siebzehn. Es zählte auch einfach der Überraschungseffekt, das war einfach lustig, da hat dort keiner mit gerechnet. Ich war halt noch voll der Youthman. Die Leute haben nicht darauf geachtet, was ich gesungen habe. Es ging viel mehr um den Vibe. Ich glaube, dass ich damals nur Bullshit gesungen habe, aber ich weiß es nicht mehr so genau. In Jamaika wissen die Leute aber auch, dass ihre Musik wieder international an den Start kommt. Dann ist es egal, ob du aus Amerika, Deutschland oder Japan kommst. Wenn der Song gut ist, dann wirst du akzeptiert, und wenn nicht, dann eben nicht!
Um noch mal auf Gigs in Jamaika zurückzukommen. Ich weiß, dass es ein leidiges Thema ist, aber wie war das auf dem Sting Festival 2003 noch mal?
Ich rede darüber eigentlich total gerne ...
Wie war das?
Ich habe immer gedacht, dass das Allerschlimmste, das mir passieren könnte, sei, auf dem Sting gebottlet zu werden (auf der Bühne vom Publikum mit Flaschen beworfen werden, Anm. d. Red.). Aber ich habe nie damit gerechnet und war total selbstsicher. Ich dachte echt, das ist mein Ding, die Leute kennen "Dem Gone", und ich erhalte so ein gutes Feedback überall, und jetzt bringe ich das Kind nachhause. Es hat mir im Nachhinein so viel Kraft gegeben, das ist unglaublich. Ich glaube, es ist das Gesündeste für einen Artist, mal auf der Bühne gebottlet zu werden. Wenn Du auf dem Sting gebottled worden bist, kannst du danach überall auf der Welt auftreten, was soll dir noch passieren? Die ersten zehn Minuten danach waren aber schon ganz schön krass, weil ich mir überlegt habe, was ich falsch gemacht habe. Ich weiß das jetzt auch. Das Sting ist ein Festival für sich. Die Leute wollen dort Krieg, Action und Hardcorelyrics. Ich habe sie gefragt, was los ist, wollt ihr righteous Lyrics, wollt ihr mehr, aber du kannst mit denen Leuten da nicht reden, sondern musst direkt die Songs hin brettern. Das sind die Sachen, die man lernt. Aber es hat mich irgendwie auch aufgebaut, dass ich ein oder zwei Monate später beim Rebel Salute gespielt habe. Ungefähr die gleiche Größe wie das Sting. Das war genau das Gegenteil. Das war dann total "Dance mash-up". Es gehört eben beides dazu ... Es liegt aber nie an den Leuten, sondern an dir selbst.
Siehst du Jamaika als Quelle?
Ja, ich habe dort meine Musik entdeckt, ich mache dort Musik. Mein Freunde wohnen da und ich fühle mich dort super wohl und zuhause, genauso wie in Deutschland. In Jamaika wird Musik, die ich liebe, in einem solchen kleinen Land komprimiert. Weißt du, wenn ich in Kingston bin, stecke ich direkt in einem Music-Vibe drin, was in Deutschland eben nicht der Fall ist. Das ist auch o.k., weil es dann mal um andere Sachen als um Musik geht, und man kann wieder Inspirationen bekommen. Doch in jamaikanischen Studios steckt eben eine unglaubliche Power und Erfahrung, was die Mixer und Musicians angeht. Es ist ein großes Geschenk, dort akzeptiert zu sein und mit den Jungs zusammen arbeiten zu dürfen. Ich lerne einfach jedes Mal immer mehr in Jamaika. Da wird Musik aus dem Herzen und wenig aus dem Kopf gemacht. Die können dabei Fernsehen schauen, Karten spielen, das ist unglaublich (lacht) ... Das ist einfach in denen drin, pure Meditation. Es flowt einfach.
Du sprichst viel von jamaikanischen Producern und Studios. Wie viel Material hast du auf dem neuen Album, das aus Deutschland kommt, etwa Sachen von Pow Pow oder Silly Walks oder anderen? Wie viel davon hat es auf das Album geschafft?
Ich habe mit Far East Sachen eingespielt und in Deutschland aufgenommen. Pow Pow hat Riddims mit Firehouse zusammen gemacht. Es gibt vier Rhythmen, die Pow Pow produziert hat auf dem Album. Also auch "deutsche" Produktionen, aber für mich ist das sowieso ein universelles Ding. Auch die Frage, ob es aus Deutschland, Frankreich oder Jamaika ist. Das ist eigentlich fucking egal. Seeed bauen einen Riddim in Berlin, Tanja Stevens voicet das Ding in London, und in Trinidad wird es Nummer eins. It's a universal thing!
Okay, es kamen in letzter Zeit sehr viele Singles auf JA-Labels von dir raus, was ich bis vor einem halben Jahr noch nicht so empfunden habe. Sind die auf dem Album enthalten?
Zum Teil ja. Ich weiß selber gar nicht genau, was schon released worden ist. Ich war die letzten fünf, sechs Monate in Jamaika, grob gesagt, habe dort für viele Produzenten aufgenommen und mit vielen verschiedenen Künstlern zusammen gearbeitet. Mit Marcia Griffith. Habe mit Anthony Redrose und Bounty Killer einen Song aufgenommen für eine Juggling-Session. Für Taffari. Habe für Mark Wonders Album einen Song gevoicet und ganz viele Guest-Parts gemacht, die jetzt rausgekommen sind. Aber ich glaube, ungefähr sieben oder acht Singles des 20-Track-Albums sind schon als 7"-inches released worden.
Gibt es einen Artist, mit dem du noch nicht zusammen gearbeitet hast und mit dem du gerne noch was machen würdest?
Mittlerweile ist mir das, wie gesagt, echt wichtig, dass ich einen Vibe mit demjenigen habe, und wenn er nicht da ist, dann ist mir das gar nicht mehr so wichtig. Ich habe einen tierischen Respekt vor Sizzla, und er hat mich über die Jahre unglaublich inspiriert. Ich muss ehrlich gestehen, dass über 80 Prozent des Reggae, der bei mir lief, Sizzla-Tunes waren. Weil ich zum Beispiel "Da real ting" rauf und runter hören konnte. Das hatte ich schon lange nicht mehr bei einem Album. Der Typ ist unglaublich, was seine Power, seine Stimme und seine Lyrics angeht. Aber wir sind noch nicht wirklich miteinander warm geworden. Ich habe ihn ein paar mal getroffen, und das war auch immer o.k., aber es war nie so, dass wir spontan gesagt haben wir gehen jetzt ins Studio und machen einen Tune. Dann sage ich auch nicht, bitte lass uns einen zusammen Song machen. Es muss einfach flowen, und ich denke mir, das kommt noch. Irgendwann kommt der Mörder-Song mit Sizzla.
Eine abschließende Frage noch. Was wünscht du dir selbst und dem Reggae für die Zukunft?
Ach weißt du, wenn alles so bleibt, wie es ist, dann wäre es cool. Mir ist es egal, wie es sich entwickelt, weil sich die Musik in sich selber andauernd weiter entwickelt, unabhängig davon, wie sie angenommen wird. Ich habe eine solche Liebe für die Musik - I don't care. Ich glaube, dass es schon ein wenig so sein wird wie im Hip Hop, dass sich die Plattenfirmen im Moment auf alles stürzen, was sich nach Reggae anhört. In Deutschland gibt es schon viele gute Sachen. So Leute wie Nosliw oder auch Nikita-Mann, das find ich ziemlich cool. Es gibt da Jungs, die haben echt Flow und Vibes. Und ich merke das an tausend Interview-Fragen wie: "Ja, Reggae ist doch jetzt die Musik, der Boom und der Trend und der Hype und so ...?" Aber da glaube ich nicht dran, das sehe ich nicht so. Dafür hat sich die Musik zu lange entwickelt, und es gibt sie einfach schon zu lange dafür, als dass sie in sich zusammen fallen könnte. Es ist nicht nur ein Hype.
Danke für das Interview.
Bitte.
Das Interview führte Tobias Kraus
Diversity (2010)
| Mo | 05.04.2010 | Bochum (Ruhr Congress) | |
| Fr | 16.04.2010 | Bremen (Pier 2) | |
| Sa | 17.04.2010 | Bielefeld (Ringlokschuppen) | |
| Di | 20.04.2010 | CH-Zürich (Maag Music Hall) | |
| Fr | 23.04.2010 | Dresden (Arena) | |
| Sa | 24.04.2010 | München (Zenith) | |
| So | 25.04.2010 | A-Wien (Gasometer) | |
| Di | 27.04.2010 | Hamburg (Docks) | |
| Mi | 28.04.2010 | Berlin (Columbiahalle) | |
| Mi | 05.05.2010 | Saarbrücken (Garage) | |
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