- Top 100
- Redaktionsempfehlungen
- Zuletzt gehört
Format
Playlist
Aktuelle Sendung
SeitHomepage:
Tilmann Otto spricht Patois. Er lebt in Köln, serviert dessen ungeachtet aber Reggae, der genau so gut aus dem Herzen Jamaikas stammen könnte. Tilmann Otto ist Gentleman.
Im zarten Alter von 17 Jahren reist er das erste Mal auf sich allein gestellt nach Jamaika. Die Reggae-Platten seines Bruders haben ihn auf den Geschmack gebracht.
Gentleman legt den Grundstein für eine stetig wachsende Reggae- und Dancehall-Bewegung in Deutschland. Mit zahlreichen rockenden Auftritten bei Festivals sowie kommerziell erfolgreichen Kollabos mit dem Freundeskreis verhilft er seinem Sound zu mehr Popularität.
Sein Debüt im Jahr 1999 "Trodin On" schlägt ein. Das Pflänzchen Reggae beginnt auch im hiesigen rauen Klima zu sprießen.
Nicht genug, dass Herr Otto die Entwicklung in heimischen Landen voran treibt (etwa zusammen mit dem Pow Pow Movement). In seiner zweiten Heimat Jamaika werden seine Alben ebenfalls veröffentlicht. Seine Styles tönen dort über den Äther. In Kingston wird dem weißen Raggamuffin die Ehre zuteil, vor einer 30.000 Mann starken Menge auftreten zu dürfen.
Die häufigen Aufenthalte in Jamaika und seine vorzüglichen Kontakte zu dortigen Künstlern, verleihen ihm nicht nur Glaubwürdigkeit. Sie ermöglichen Gentleman darüber hinaus, Teile seines Albums "Journey To Jah" in den Tuff Gong Studios vor Ort aufzunehmen.
Auch über die Grenzen Jamaikas hinaus anerkannte Stars wie zum Beispiel Bounty Killer geben sich die Ehre. Immer wieder peppen Gastauftritte von Größen des Genres Gentlemans Alben auf. Berührungsängste hegt der Kölner dabei keine, er bleibt dennoch seinen Prinzipien treu:
"Auf meinen Alben werden keine Minderheiten gedisst, sondern sie werden unterstützt. Kein Künstler, der mit mir zusammengearbeitet hat, disst auf meinem Album irgendwelche Schwulen, das ist mir wichtig." Auch wenn ihm klar ist: "Ich kann keine Gesellschaft verändern."
Gemeinsam mit der Far East Band, in der Gentlemans Frau Tamika im Background singt, nimmt er 2003 sein erstes Live-Album auf. Ein Jahr darauf folgt mit "Confidence" die dritte Platte des Wahljamaikaners.
2005 tritt Gentleman gemeinsam mit Mamadee beim Bundesvision Song Contest von Initiator Stefan Raab für sein Bundesland Nordrhein-Westfalen an. Im Jahr darauf gründet er mit seinem Manager Stephan Schulmeister das Label Bushhouse Records und veröffentlicht als erste Single "Lass Los" - von besagter Mamadee.
Irgendwann entdecken endlich auch die großen Plattenfirmen Gentlemans Potenzial. 2010 veröffentlicht er sein erstes Major-Album - unter dem Dach von Sony.
"Diversity" und "New Day Dawn" reihen sich nahtlos in Gentlemans solide Diskografie ein. Erneut gelingt ein Brückenschlag zwischen zwei weit auseinander klaffenden Kulturen. Die Traditionen und die Vibes von Jamaikas Bevölkerung und Musik bleiben bei Gentleman tief verwurzelt.
Werte wie Righteous- und Consciousness hat er verinnerlicht und macht sie zum Gegenstand seiner Lyrics. Keine Frage: In den Adern dieses Mannes fließt gelb-rot-grünes Blut.
Über "New Day Dawn", neue Medien und die Homophobie-Debatte.
1999 importierte Tilmann Otto die jamaikanischen Grooves nach Deutschland und heimste seither zahlreiche Gold- und Platinschallplatten ein. Schon bald sorgte der zunächst sehr roots-lastige Reggaesound des Kölners auch international für Begeisterung. An seinem 39. Geburtstag veröffentlicht Gentleman nun sein sechstes Studioalbum "New Day Dawn".
Für den ersten von drei Promotagen weilt Gentleman irgendwo in Kreuzberg, die Distanz Berlin-Bodensee überbrücken wir mal wieder per Mobilfunk. Im Interview spricht der Chartstürmer über notwendige Selbstzweifel, seine neue Rolle als Produzent und Komponist, die Arbeit mit Bob Marley-Mischer Errol Brown und den 'Arabischen Winter'.
In einem älteren laut.de-Interview hast du darüber gesprochen, wie dir vor "Another Intensity" zunächst die Inspiration fehlte und dass du immer wieder derartige Phasen durchlebst. Wie ging es dir in der Hinsicht vor der neuen Platte?
Ich habe wieder so eine Phase durchlebt. Was halt ganz wichtig ist, was auch schützt und weiterhilft, sind Zweifel. Zweifel sind ein ganz notwendiger Bestandteil. Und in der richtigen Dosierung sind sie auch antreibend. Dann gibt es aber auch immer wieder Momente, die dich motivieren, die dich wieder an dich glauben lassen.
Keine Inspiration zu haben, dieses Wort Schreibblockade, ist eigentlich nicht möglich. Denn du hast durch die Musik immer die Möglichkeit, dich auszudrücken. Selbst wenn du dich gerade mal leer fühlst. Dann kannst du ja auch einen Song darüber schreiben, dass du keine Inspiration hast. Es ist auch immer die Frage, wie hart du mit dir selber bist. Das kommt auch immer auf die Erfahrung an.
Ich entwickle mich weiter. Und bei "New Day Dawn" hatte ich schon das Gefühl, mich ausdrücken zu können. Ich hatte auch genug Stoff, den ich irgendwie musikalisch manifestieren wollte. Zum einen auf persönlicher Ebene, da ist einfach viel passiert. Musikalisch gesehen auch, ich habe mein Home-Recording-Studio in ein professionelles umgewandelt. So hatte ich die Möglichkeit, die Musik komplett bei mir zuhause auszuproduzieren.
Irgendwie habe ich insgesamt ganz anders gearbeitet. Ich habe bei keinem Album zuvor musikalisch mitgewirkt. "New Day Dawn" habe ich jetzt gemeinsam mit Ben Bazzazian, der bereits "It No Pretty" gemacht hat, und Giuseppe Coppola, dem Drummer meiner Band, produziert. Früher habe ich ganz viel auf fertig produzierte Musik geschrieben. Das ist der entscheidende Fortschritt.
Gleich auf den ersten Blick fällt auf, dass du diesmal komplett ohne Features auskommst. Gab es im Laufe der Produktion einen bestimmten Punkt, an dem du dich dafür entschieden hast?
Nicht wirklich, ich hatte bis zum Schluss den ein oder anderen Song, bei dem ich dachte, da könnte vielleicht noch jemand drauf. Dann hat aber irgendwann jemand gemeint, ich solle mal eins ohne Features machen. Ich weiß gar nicht mehr, wer das war. Den Gedanken fand ich schon immer cool. Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, manche Songs bräuchten das noch, hätte ich es schon gemacht. Aber es war nicht so. Ich hatte irgendwann 13 Songs aufgenommen, die waren in sich geschlossen und ich konnte sie auch durchhören. Dieses Mal brauchte es das einfach nicht.
In den letzten Jahren hast du immer mal wieder Künstler genannt, mit denen du mal noch gerne zusammengearbeitet hättest. In den meisten Fällen kam es anschließend dazu - gibt es jetzt überhaupt noch offene Wunschfeatures?
Ach, es gibt viele. Es gibt immer wieder welche. Aber es ist auch nicht mehr so, wie es früher mal war, dieser Wunschfeature-Gedanke. Der Wunsch muss viel mehr sein, dass man mit jemandem einen gemeinsamen Moment erlebt oder eine Erfahrung hat, die sich dann in der Musik widerspiegelt. Dass man sich im Studio trifft und gemeinsam an einem Song arbeitet. Das muss einfach passieren.
So was darf man auch nicht planen, sonst geht der Soul ein bisschen verloren. Das ist das Wichtigste. Aber es gibt so viele tolle Künstler. Im Moment höre ich Kendrick Lamar rauf und runter. Und auch im Reggae gibt es noch viele Leute, mit denen ich gerne mal was aufnehmen würde. Aber der Moment muss sich einfach ergeben.
Du nimmst deine Platten bekanntermaßen zu einem erheblichen Teil in Jamaika auf, was auch für "New Day Dawn" wieder gilt. Was bedeutet der Aufenthalt in der Karibik für den Sound der Platte? Würde sie ohne ihn anders klingen?
Das kann ich schwer beantworten. Größtenteils ist die Musik ja in Deutschland entstanden. Dann haben wir aber verschiedene Overdubs in Jamaika gemacht. Hier eine Gitarre und da ein Saxophon. Einen Großteil der Backings habe ich auch in Kingston gemacht. Ein Album an verschiedenen Orten aufzunehmen, ist heute einfach eine gängige Produktionsweise, die ich sehr zu schätzen weiß. Ich finde es aber auch ganz wichtig, dass es eine Basis gibt. Und die bestand zum einen aus meinem Studio und zum anderen in Berlin, wo Giuseppe das Schlagzeug aufgenommen hat.
Was für mich in Kingston aber nach wie vor ganz weit vorne steht, ist dieses direkte Feedback, das ich habe, wenn ich einen Song einsinge. Da sind ganz viele Menschen, die mir ein direktes Feedback geben. Das fehlt mir hier so ein bisschen. Hier ist die Mucke, die ich mache, einfach nicht so weit verbreitet, wie es in Kingston der Fall ist. Danny Brownie war bei dem Album eine Art Teacher, der gerade bei den Gesangsaufnahmen das Beste aus mir rausgekitzelt.
Das ist eine gute Frage. Denn das war tatsächlich ein großes Thema. Und das war auch ein bisschen meine Sorge: Hoffentlich klingt es nicht zu unterschiedlich. Das Album ist ja tatsächlich ein bisschen unterteilt. In traditionellen Roots-Reggae und modernen Dancehall, würde ich mal sagen. Das sind die beiden Dinger, die das Album ausmachen. Zum einen hat Moritz Enders in Deutschland gemischt, zum anderen Errol Brown in Jamaika. Letzerer hat damals schon Bob Marley-Sachen gemischt, das ist für mich eine absolute Ehre.
Der Roots-Sound ist aber eben ein anderer als der Dancehall-Sound. Daher hätte es auch unterschiedlich geklungen, wenn beides ein Mensch gemischt hätte. Aber dadurch, dass das Album keine Features enthält, sehe ich mich ein bisschen als roten Faden. Und es gibt ja auch Songs, die die beiden Welten miteinander verbinden können.
Die Platte beginnt ja mit dem recht typischen Roots-Reggae-Song "The Journey", driftet dann in ganz andere Gefilde, um im letzten Drittel wieder zum eher herkömmlichen Gentleman-Stil zurückzukehren. Das war also schon bewusst so gesetzt?
Ja. Die Setlist zu setzen, ist zwar sehr schwierig, aber eben auch extrem wichtig, was die Dynamik angeht. Ich wollte mit Roots-Reggae anfangen, um gleich ein klares Zeichen zu setzen. Und dann kommen eben direkt die moderneren Stücke. Aber ich finde, man kann das Album trotzdem gut durchhören.
Die erste Single heißt "You Remember", handelt es sich beim Anfang der Hook eigentlich um ein Zitat aus "Fields Of Gold"?
Genau. Gut rausgehört.
Im Text erinnerst du unter anderem an die Jahre ohne Facebook, YouTube und dergleichen - ein Thema, mit dem du dich schon vor Jahren kritisch auseinandergesetzt hast. Wie groß ist denn heutzutage deine Sehnsucht nach der alten Zeit? Ist die in den letzten Jahren noch gewachsen?
Sehnsucht nach alten Zeiten würde ich nicht sagen. Ich bin froh, im Jahr 2013 zu leben. Ich nutze auch die neuen Medien. Neue Medien kann man sie ja gar nicht mehr nennen, sie sind ja gar nicht mehr neu. Was sagt man denn jetzt? Jedenfalls gehe ich auch hin und wieder auf Facebook. Ich habe zwar kein persönliches Profil, also Tilmann Otto hat keins. Aber Gentleman hat eins und diesen Austausch von Informationen finde ich auch wichtig.
Und auch YouTube hat schon Regime gestürzt. Es gibt also auch positive Seiten. Was aber im Jahr 2013 unsere Herausforderung sein muss, ist die richtige Filterung von Informationen und die Beibehaltung der wahren Kommunikation. Aber wenn das Internet zur Flucht wird und die existenziellen Fragen des Lebens zur Seite schiebt, wird's irgendwann unangenehm. Und das wollte ich als Zeitzeuge in der Musik ausdrücken.
In "You Remember" schwingt natürlich ein bisschen Nostalgie mit. Ich vermisse in der globalisierten, immer schneller werdenden Welt dieses Persönliche, Individuelle. Es gibt also Sachen in der Vergangenheit, die ich vermisse, und Sachen in der Gegenwart, die ich schätze. Ich verurteile weder das eine, noch das andere.
"You Remember" ist ein Appell, die Sachen richtig zu filtern und sich auf die existenziellen Fragen des Lebens zu besinnen. Und ich glaube, da spreche ich vielen aus der Seele. Aber jede Entwicklung führt ja auch zu einer Gegenentwicklung. In dem Fall zu dem Wunsch, sich mal wieder persönlich zu treffen, sich in die Augen zu schauen und miteinander zu sprechen. Nicht mehr nur flüchtig zu sein, sondern auch noch zu träumen und zu staunen.
"Another Drama" fängt dagegen Eindrücke aus Kairo ein, wo du kurz nach der Revolution und vor den Wahlen ein Konzert gegeben hast. Mit welchen Gefühlen blickst du heute nach Ägypten? Welchen Wert hat die Revolution aus deiner Sicht heute noch?
Eine schwierige Frage. Als wir das Konzert in Kairo hatten, herrschte gerade noch der Arabische Frühling. Der ist aber ja dann immer mehr zum Herbst, beziehungsweise zum Winter geworden. Die aktuellen Geschehnisse spiegeln wider, dass der Verlauf der Geschichte oft der selbe ist. Irgendwann haben die Leute die Nase voll, es herrscht der Wunsch nach etwas Neuem. Das Alte wird abgeschlossen, man befindet sich im Niemandsland.
Aber es ist auch eine ganz eigene Herausforderung, mit dieser Freiheit umgehen zu können. Es zeigt sich, dass Demokratie einfach Zeit braucht. Und dass die Menschen Geduld brauchen. Das ist ein negativer Aspekt der Demokratie. Das beobachte ich gerade in ganz vielen Ländern immer wieder. Und diese Ungeduld ist nur menschlich.
Das meinte ich doch gar nicht so. (lacht) Es gab da eben ein paar einzelne Songs. Und das habe ich auf auf gewisse Foren bezogen, wo immer die selben Characters immer den selben Bullshit von sich geben. Das sollte man nicht so verallgemeinern.
Wie sehr hast du das nach "Diversity" verspürt, auf dem man ja recht wenig klassischen Roots-Reggae antrifft?
Ich fand das Album, was die Musik angeht, eigentlich gar nicht so experimentierfreudig. Es gab so zwei, drei Songs, die ein bisschen aus dem Rahmen fallen, aber komischerweise jamaikanische Produktionen sind. "To The Top" war zum Beispiel eine Produktion aus Kingston, den selben Riddim haben auch aktuelle Dancehall-Künstler besungen. Und dann gibt es noch "It No Pretty", was vielleicht ein bisschen Hip Hop-lastig ist.
Ich lasse mich eben ungern in eine Schublade stecken, es geht immer noch um Musik. Es ist ganz wichtig, sich Freiheiten zu nehmen und auch hier und da mal anzuecken. Ich kann ja nicht immer die selbe Mucke machen. Das wäre ja irgendwie fatal, da würde ich mich ja dauernd wiederholen. Am wichtigsten ist, dass man immer mit sich im Einklang bleibt. Die Leute sind nicht blöd und merken, ob der Künstler etwas so meint oder nicht.
Könntest du dir denn vorstellen, irgendwann noch mal ein reines Reggae-Album aufzunehmen?
Auf "New Day Dawn" ist mir, glaube ich, der Spagat gelungen, dass die Rootssongs extrem roots-lastig sind und die Dancehallsongs extrem dancehall-lastig. Aber ein ganzes Album nur Roots oder nur Dancehall? Ich weiß nicht, ob es das noch mal geben wird. Es wird immer wieder Rootssongs von mir geben, ganz klar. Die Leute, die nur das mögen, sollen sich dann halt nur die Songs anhören. Ich persönlich brauche aber beides. Dancehall und moderne Musik war von Anfang immer ein großer Bestandteil.
Zerbrichst du dir als international bekannter, in den Charts präsenter Künstler eigentlich den Kopf über sinkende Plattenverkäufe?
Nee, ich mache mir über andere Dinge Gedanken. Ich bin Zeitzeuge und sehe natürlich, dass sich viel verändert. Ob das die Urheberrechtsdiskussion ist oder die Art und Weise, wie Menschen mittlerweile Musik konsumieren. Gerade die jüngere Generation, ohne das jetzt verurteilen zu wollen, konsumiert ja fast ausschließlich über YouTube.
Aber da findet auch wieder direkt eine Gegenbewegung statt und Vinylplatten mit Downloadcode sind wieder im Kommen. Das finde ich super. Es gibt bei jeder Entwicklung positive und negative Begleiterscheinungen. Und ich bin auf gar keinen Fall verbittert. Ich glaube, wir sind alle auf einem guten Weg.
Die Begeisterung für jamaikanische Musik hat hierzulande mittlerweile leider ziemlich nachgelassen. Du hast für Reggae aus Deutschland Ende der Neunziger eine Art Startschuss markiert und jungen Künstlern den Weg geebnet. Wie fühlt es sich an, jetzt wieder ziemlich alleine dazustehen?
Dass ich alleine dastehe, würde ich so nicht unterschreiben. Denn es gibt einfach eine Menge Künstler, die eine Menge guter Musik raushauen. Die wird nur leider nicht so wahrgenommen. Das betrifft die Medien und auch die Radiostationen, die den Newcomern viel mehr Aufmerksamkeit schenken sollten.
Könnte das sinkende Interesse auch mit der Homophobie-Debatte zusammenhängen, die in den letzten Jahren immer wieder aufkam?
Klar, es sind einfach Dinge passiert, die der Musik sehr geschadet haben. Das gehört sicher dazu. Allerdings hatten die auch wieder positive Veränderungen zur Folge. Wenn man sich nämlich die Mühe macht und die ganzen Releases aus Jamaika mal inhaltlich anschaut, kann man feststellen, dass es eigentlich kaum noch homophobe Texte gibt. Und das war vor ein paar Jahren noch ganz anders. Das ist das Positive an der ganzen Debatte und der hitzigen Diskussion. Es hat zu etwas geführt. Auch wenn beide Seiten ein bisschen müde geworden sind und Jamaika nach wie vor ein sehr homophobes Land ist. Musikalisch gesehen haben sich die Inhalte aber auf jeden Fall verändert. Das muss man auch mal bemerken.
2010 hast du mit deiner Band ein berauschendes Konzert beim Summerjam-Jubiläum gespielt, dieses Jahr bist du wieder als Headliner dabei. Was treibt dich dazu immer wieder an? Wie wollt ihr das noch toppen?
Ich muss nicht weit fahren, es ist direkt um die Ecke. (lacht) Nee, es ist eben das größte Reggae-Festival Europas. Es gibt kein Festival, wo so viele Menschen zusammenkommen, um die Mucke zu hören. Und das Line-Up ist einfach immer gut. Es ist mein Wohnzimmer, ich bin zum neunten Mal da. Nach drei Jahren Abstinenz - es kommt mir vor wie letztes Jahr - ist es für mich mit neuem Album wieder ein absolutes Highlight des Jahres.
Und im Winter steht dann das 20-jährige Bandjubiläum an.
Genau, da spielen wir zwei Abende hintereinander im Palladium in Köln. Am ersten gibt's Songs aus den ersten zehn Jahren, am zweiten Songs aus den zweiten zehn Jahren. Es kommen viele Gäste und vom Event her wird es ein ganz anderes Ding, als eine Clubshow.
Über "Diversity", Missverständnisse, Homophobie und die Fußball-WM.
Mit seiner Scheibe "Diversity" zementierte Tilmann Otto seinen Status als Deutschlands Reggae-Export Nummer 1, beförderte sich zurück ins Bewusstsein - und mit missverständlichen Aussagen in einem Interview mit der taz aus Berlin auch gleich in die Schlagzeilen.
Der Kalender ist voll, trotzdem quetscht Gentleman auch für uns noch einen Termin dazwischen. Wir erreichen ihn unterwegs.
Schön, dass du Zeit für uns hast. Klingt stressig, so vom Auto aus ...
Jaaa, aber ich bin noch guter Dinge. Es ist ja noch nicht so ganz spät, du hast Glück.
Vielleicht sollte ich mich erst mal bedanken. Wenn ich nicht so um 1997 oder '98 'ne Party veranstaltet hätte, bei der du aufgetreten bist, wäre ich wahrscheinlich Biologe oder so'n Quatsch geworden.
Biologin ... das ist doch auch voll interessant. Vielleicht kann man das ja irgendwie verbinden?
Ich habs, ehrlich gesagt, nie versucht. Was du machst, das verfolge ich allerdings schon ein bisschen länger. Ich mochte "Trodin On", ich mochte "Journey To Jah", und ab da hab' ich immer den Mangel an Experimentierfreude bedauert. "Diversity" hat sich erstmals wieder nicht so stark auf eine musikalische Richtung, auf eine bestimmte Soundästhetik festlegt. Hat mir gut gefallen. Wie kommts?
Ich mach' mir vorher nicht unbedingt Gedanken, wie Sachen nachher bei irgendwem ankommen. Das würde mich nur bremsen. Es gab kein Veröffentlichungsdatum, es gab diese gewisse Leichtigkeit. Ich hab' einfach mal so gemacht, was da war. Ich war selbst überrascht, was dabei alles an Vielseitigkeit rausgekommen ist.
Es klingt ein bisschen paradox, dass ausgerechnet mit dem Wechsel zu einem Majorlabel eine gewisse künstlerische Freiheit gekommen sein soll.
Ach, das wird immer so böse dargestellt. Das hat damit gar nichts zu tun! Im Grunde hab' ich da genauso viele Freiheiten wie bei Four Music auch. Es ist nicht immer so, dass man eingeschränkt ist, wenn man zum Major geht, dass man dort keine Kreativität entfalten kann. Ganz im Gegenteil: Ich hab' da ein Team um mich herum, die sind sehr leidenschaftlich, sehr musikverliebt. Wir haben ganz viele Gespräche geführt. Das hat alles dazu beigetragen, dass man eben irgendwann zusammenkommt.
Ganz wichtig ist, dass eine Plattenfirma nicht versucht, einen Künstler zu verdrehen, sondern dass sie ihn so nimmt, wie er ist. Damit es eben auch authentisch bleibt. Das ist bei Universal der Fall. Wenn das jetzt irgendein Indie-Label wäre, dann wär' das halt ein Indie-Label. Aber es war in dem Fall Universal. Die Maschinerie, die dahinter steckt, nämlich international auch nochmal irgendwo an den Start zu kommen, das war für mich halt auch wichtig.
Dein Presseinfo erklärt, in deiner Band wurden "Schaltstellen neu besetzt". Liegt die Veränderung im Sound auch an solchen Umstrukturierungen?
Ich find' ja immer interessant, wie verschieden Leute das sehen. Und auch von "Veränderung im Sound" sprechen. Die erste Singleauskopplung, die ich je gemacht habe, war "Heat Of The Night". Das war ein Dancehall-Song, wie es sie jetzt auch wieder gibt. Ich hab' mal zwei Roots-Alben gemacht, die dich vielleicht nicht so angesprungen haben, die aber genauso eine Seite von mir sind. Man kann ja nicht immer dasselbe machen! Irgendwann kommt einfach ein Punkt - gerade jetzt auch bei diesem Album - wo man einfach einmal alle Facetten ausnutzt, die einem die Musik so bietet. Wo man auch dieses Entweder-Oder-Denken ablegt, bei dem man sich sagt: Ein Album muss jetzt so klingen, oder es muss elektronisch sein, oder es muss handgemacht sein.
Mir ist es mittlerweile völlig egal, wie irgendwas bei irgendwem ankommt. Wenn ich danach gehen, mich danach richten würde, dann könnte ich gar keine Musik mehr machen. Weil: Je mehr Leute du erreichst, um so verschiedener werden die Meinungen und um so weniger kannst du auch zufrieden stellen. Von daher ist es ganz, ganz wichtig, das zu machen, worauf ich Bock hab'. Egal, wie es jetzt irgendwem passt. Das ist ein wichtiger Punkt. Vielleicht wird das nächste Album rockiger - ich weiß es nicht.
Ich hab' erst mal ganz viele Songs aufgenommen und bin in dieses Ding gekommen, das man als "kreativen Fluss" bezeichnen kann. Gerade in der Zeit November, Dezember, Januar sind viele Songs entstanden, auch durch die enge Zusammenarbeit mit Corleone, der damals "Intoxication" produziert hat. Ich war selbst überrascht, dass sich die Songs, als ich sie dann hintereinander abgespielt habe, überhaupt nicht gebissen haben. Es muss nicht immer Entweder-Oder sein. Ich hab' gemerkt, dass ich der rote Faden bin.
Berührungsängste scheinst du völlig abgelegt zu haben. Weder zu Dancefloor-Sounds - noch zu Casting-Stars.
Es gibt solche und solche Casting-Shows. Du wirst mich bestimmt nicht mit Daniel Schuhmacher hören. Aber es gibt ja auch Formate, die beweisen, dass es anders geht. Dass die Künstler nicht gedisst werden, sich seelisch entkleiden und von einem Millionenpublikum belächelt werden. Sondern es gibt Casting-Shows, die sich qualitativ auf einem hohen Level bewegen. Mittlerweile! Die gab es vielleicht vorher noch nicht, aber mittlerweile gibts die. Gerade in Jamaika, wo einfach so viele talentierte Sänger herumlaufen. Ich denke, du spielst auf Christopher Martin an.
Klar.
Das ist einfach ein begnadeter Künstler, der eine unfassbare Stimme hat. Es ist scheißegal, ob der durch eine Casting-Show berühmt geworden ist oder durch die Straße.
Ich glaub' nicht, nee. Dafür liebe ich die Musik zu sehr. Dafür ist sie auch zu vielseitig. Ich kann mir schon vorstellen, mal Ausflüge zu machen. Die mach' ich ja jetzt schon immer wieder - wofür mir regelmäßig die Reggae-Polizei an die Gurgel geht. Ob das jetzt 'ne Combination mit Mustafa Sandal ist, ob das ein Song mit den Toten Hosen ist oder die Geschichte jetzt bei der Echo-Verleihung mit Till Brönner, Ich + Ich und Cassandra Steen - das ist ja alles kein Reggae. Aber Reggae ist meine Liebe, und das wird auch so bleiben.
Glaubst du, dass Rap - im Gegensatz zur Lebeseinstellung Reggae - eher ein Jugendphänomen ist?
(Überlegt) Ich weiß nicht. Es gibt ja solchen und solchen Rap. Man kann sich im Rap ja auch irgendwie weiterentwickeln. Ich glaub', an diesem Gangster-Gehabe, diesem Macho-Ding, muss man, wenn man vernünftig ist, mit einem gewissen Alter das Interesse verlieren. Alles andere wäre blöd. Ich find' es komisch, wenn man mit 40 noch Baggies trägt und über Rims singt.
Aber es gibt sehr intelligenten Rap, der vielleicht nicht so von den Medien gepusht wird. Das ist zwar schade - aber den gibts ja. Ob das jetzt Mos Def ist, manche Songs von Jay-Z oder Kanye West, oder ob das in Deutschland, weiß ich nicht, Dendemann ist. Es gibt wirklich intelligent geschriebene Texte - und es gibt eben stupiden Gangsterrap. Ich glaube, da ist es schon ein Alters-Ding, aus dem man irgendwann mal rauswachsen sollte.
Ich bin überzeugt davon, dass Hip Hop unter ähnlichen Verallgemeinerungen leidet wie Reggae, weil die Allgemeinheit, die sich nicht tiefer mit der Materie befasst hat, immer nur die langweiligste und kommerziell am besten ausschlachtbare Facette gezeigt bekommt.
Absolut, ja.
In anderen Interviews hast du dich kürzlich darüber beklagt, dass Reggae oft missverstanden wird, früher als Happyhappy-One-love-Kiffermusik, heute als ein Sprachrohr von Hasspredigern. Siehst du Möglichkeiten, gegen solche Fehleinschätzungen anzugehen?
Ich kann einfach versuchen, gute Musik zu machen. Aber was das Urteil der Leute angeht, die Ignoranz und dieses gefährliche Halbwissen: Daran werde ich nie etwas ändern können. Ich kann mich natürlich in Interviews immer wieder dazu äußern, kann Sachen richtig stellen und kann mich von bestimmten Texten immer wieder ganz klar distanzieren und sagen, dass es überhaupt nicht in mein Weltbild passt - ich spreche jetzt die Homophobie an.
Das sind Sachen, die mir extrem auf den Sack gehen, weil ich damit immer in Verbindung gebracht werde. Ich kann auch sagen, dass ich mittlerweile nicht mehr hinter Sizzla stehen kann, wenn er sich nach wie vor nicht von homophoben Scheiß löst, sich distanziert. Trotzdem gibt es neben dem homophoben Scheiß ganz, ganz viele Texte, die jetzt gar nicht mehr gehört werden, weil man eben nur noch sagt: Reggae ist Hassmusik. Es gibt im Reggae - genau wie im Hip Hop, im Rock und im Pop - immer wieder Leute, die Scheißtexte schreiben. Texte, die sich gegen Minderheiten richten, Texte, die gewaltverherrlichend sind, Texte, die einfach extrem oberflächlich sind.
Aber gerade im Reggae gibt es viel mehr Texte mit Tiefgründigkeit, viel mehr spirituelle als homophobe Texte. Die gibt es leider auch, die wird es auch, glaub' ich, immer geben. Ich glaube aber, dass sich in dieser Richtung schon was getan hat. Dass zwar nicht alle, aber viele Künstler mittlerweile begriffen haben, dass sie mit so einem homophoben Scheiß einfach nicht weit kommen.
Setzt du manchmal bewusst auf die Kluft zwischen dem Sound und den Worten? Ich denke beispielsweise an "It No Pretty" - da trifft eine zauberhafte, zudem elend eingängige Melodie auf drastische Worte und im Video zudem auf noch drastischere Bilder.
Vielleicht. Ich weiß jetzt gar nicht, ob das bewusst oder unbewusst geschieht. Für mich ist der Song aber schon vom Musikalischen her sehr traurig. Sehr melancholisch, was die Streicher, was den Pianolauf angeht. Das ist für mich nicht unbedingt etwas Seichtes, das gibt mir nicht den Happy-Vibe. Es ist eher etwas Trauriges, und das ist die Stimmung, die dann auch in den Text übergeht. Aber ich finde es auf jeden Fall interessant, mit Kontrasten zu spielen. Und dann eben auch ein Video dazu zu drehen, das wortwörtlich in die Fresse gibt.
Es hat wirklich wehgetan, das anzuschauen. Happy-Sound wollte ich der Nummer auch nicht unterstellen. Aber es handelt sich durchaus um einen Tune, bei dem der unbedarfte Zuhörer meint: Och, is' schön.
Ja, jeder hat ja einen anderen Zugang zur Musik. Man muss ja auch nicht unbedingt auf den Text hören. Ich finde es schön, wenn die Musik über das Entertainment hinausgeht und wenn die Leute noch etwas mitnehmen können. Wenn etwas vielleicht zum Nachdenken anregt oder Diskussionen auslöst, wie das ja bei "It No Pretty" der Fall ist. Aber es muss nicht. Ich bin in erster Linie Musiker, weder Psychologe noch Politiker. Ich will einfach gute Mucke machen. Ich will die Leute zum Bewegen bringen, gerade auch, was unsere Live-Shows angeht. Musik ist einfach etwas unglaublich Momentanes. Nur Musik und Sex gehen direkt in die Birne. Über alles andere denkst du nach. Das ist, was es ausmacht. Nicht an die Zukunft zu denken oder der Vergangenheit hinterher zu trauern, sondern einfach im Moment zu sein. Das ist Musik für mich.
Wobei deine Songs ja schon immer eine Botschaft transportiert haben. Hat es dich nie gejuckt, mal auf Deutsch zu singen?
Nee. Ich bin da zu sehr Kosmopolit. Ich hab' auch mittlerweile internationales Blut geleckt. Jetzt wieder auf Deutsch zu singen, das wäre wie bei Null anfangen. Dann würde ich außerdem nur in Deutschland, der Schweiz und in Österreich verstanden werden. Englisch ist nun mal die Sprache, die die meisten Menschen verstehen. Ich denk' da sehr international. Darin steckt ja auch gerade die Kraft, die Reggae hat. Dass es da ein internationales Netzwerk gibt.
War das eine bewusste Entscheidung? "So erreich' ich mehr Leute"?
Nee, überhaupt nicht. Es war auch keine bewusste Entscheidung, Reggae-Sänger zu werden. Ich hab' die Musik für mich in Jamaika kennengelernt, oder sagen wir intensiviert. Bewusst war das nicht. Früher hatten englische Songs für mich immer mehr Thrill als deutsche. Inzwischen gibts auch viele, die auf Deutsch singen, von den Jungs aus Mannheim angefangen über Max und Clueso, wo auch wirklich Soul drin steckt. Aber für mich wär' das wieder bei Null anfangen. Ich bin so weit gekommen mit dem, das ich mache. Warum soll ich das ändern?
Nein. Aber es geht um den Schaden, den Reggae dadurch im Allgemeinen nimmt. Natürlich wurde das ganz oft missverstanden - und ich hab' mich wahrscheinlich auch unsensibel ausgedrückt. Was das jetzt für eine Welle schlägt, das war mir selbst nicht bewusst. Ich werde da demnächst auch Einiges klarstellen. Wir werden einen Roundtable veranstalten, zu dem ich auch Volker Beck einladen werde und einen Verantwortlichen vom Schwulen- und Lesbenverband. Weil: Ich bin alles andere als homophob, und ich unterstütze eben auch keine Homophobie. Auch nicht im Reggae.
Natürlich sind gerade die Homosexuellen in der Minderheit. So war das gar nicht gemeint. Es ist aber halt oft so, dass viele Fragen auf einmal kommen und ich in einem Zusammenhang alles nenne, und dann erweckt das oft so den Anschein, als ob es anders aussehen würde. Was ich damit meinte, ist ganz klar, dass die ganze Musik, die nicht-homophoben Sänger auch, darunter leiden, was da passiert. Dass alles über einen Kamm geschoren wird, das ist immer schwierig. Dass Reggae eben gerade als Hassmusik dargestellt wird, nur weil eine Minderheit der Reggae-Artists ihren homophoben Kram nicht sein lassen kann. Das ist ja der Punkt.
Wenn man einer von denen ist, die eine Gegenposition zu dieser dämlichen Haltung beziehen, nervt es wahrscheinlich noch mehr, wenn man dann Doppelmoral vorgeworfen bekommt, nur weil man keine Patentlösung zur Hand hat.
Klar.
Denkst du, man sollte besser die Klappe halten, wenn man keine Lösung weiß?
Nein! Überhaupt nicht! Ich finde auch, dass man homophoben Sängern und denen, die solche Hasstiraden verbreiten, keine Plattform geben sollte. Wie gesagt: So sehr ich auch die ganzen anderen 80 Prozent von Sizzlas Songs liebe, kann ich nicht mehr hinter ihm stehen. Ich kann ihm auch nicht mehr den Rücken freihalten, wie ich das versucht habe, indem ich immer gesagt habe: Ey, ihr dürft nicht nur das sehen. Aber mittlerweile seh' ich eben auch die andere Seite. Man kann eine Meinung ja auch ändern, man reift ja auch. Ich mach' gerade einen Reifungsprozess durch. Ich sehe auch, dass ich Sachen gesagt habe, die verständlicherweise in falsche Hälse gekommen sind. Trotzdem versuche ich, dieses Über-einen-Kamm-Scheren zu vermeiden. Dass Reggae im Allgemeinen Hassmusik ist. Und dass man nach wie vor für Meinungsfreiheit plädieren sollte.
Natürlich gibt es einen Unterschied in den homophoben Texten. Es gibt Künstler, die einfach sagen: Das lässt sich mit meiner Religion nicht vereinbaren. Das, finde ich, muss man akzeptieren. Dann gibts aber Künstler, die sagen: Nimm' die Knarre und erschieß' sie. Dagegen muss man natürlich vorgehen. Da ist es auch völlig okay, wenn man Auftrittsverbote erteilt. Aber das alles über einen Kamm zu scheren und die ganze Musik in Mitleidenschaft zu ziehen - da hab' ich einfach versucht, zu vermitteln. Aber ich merke im Moment, ich muss da sehr, sehr vorsichtig sein.
Womit wir bei der alten Frage angelangt wären, wie weit man Intoleranz gegenüber tolerant sein muss - oder darf.
Ja. Ich sage ja: Es gibt Unterschiede in den Texten.
Und so Aussagen wie "Im Rap oder im Katholizismus gibts das auch" oder "Im Iran passieren auch schlimme Dinge", die stimmen zwar alle, machen es aber natürlich auch nicht besser.
Ja, absolut.
Was kann der Einzelne tun, um die Welt zu einem besseren Platz zu machen? "Go build a better tomorrow" - wie geht das?
Das ist eine sehr komplexe Frage. Ich glaub', man muss im Mikrokosmos anfangen. Man muss auf jeden Fall den Dialog suchen. Man muss sich eher an den Gemeinsamkeiten festhalten als an den Differenzen. Man muss ehrlich miteinander sein. Auch manchmal einer Konfrontation nicht aus dem Wege gehen, und trotzdem irgendwie zu sehen: Okay, wir leben alle auf diesem Planeten zusammen, wir haben alle verschiedene Kulturen, aber es gibt auf jeden Fall einen gemeinsamen Nenner. Aber die Frage ist viel zu komplex. Ich weiß es selber nicht. Gute Musik ist ein Teil, den ich beitragen kann. Du kannst gute Artikel schreiben.
Ich versuchs. In einem früheren Interview hast du gesagt, du würdest unheimlich gern mal mit Buju Banton zusammen arbeiten. Ist das inzwischen passiert?
Nee. Das will ich jetzt aber auch nicht mehr. Ich distanziere mich, wie gesagt, von homophoben Sängern und werde auch mit keinem homophoben Sänger einen Song zusammen machen. Ich hab' ja mit vielen Künstlern zusammen gearbeitet, die homophobe Texte schreiben. Aber das hat sich mittlerweile geändert, weil ich einfach sehe, was es anrichtet.
Im Fall Buju Banton wäre es ja gerade eh schwierig ...
Ja, der ist ja gerade sowieso nicht available.
Lass' uns noch schnell über eine andere Szene sprechen, in der es offiziell ebenfalls keine Schwulen gibt - über Fußball. Du hattest immer ein offen zelebriertes Faible für den Sport. Jetzt steht die WM an ...
Das ist natürlich ein Highlight für uns! Wir alle in der Band sind fußballverrückt - außer vielleicht die Backgroundsängerin, die hat eher eine harte Zeit. WM ist alle vier Jahre, WM ist Ausnahmezustand. Die Leute sind von ihrem Alltag abgelenkt, leben für den Fußball, in dieser Zeit. Die Welt rückt zusammen, in diesen paar Wochen. Die WM steckt auch voller Überraschungen. Wir müssen halt kucken, dass wir unsere Konzerte so legen, dass nicht gerade irgendein Spiel läuft. Und wenn wir irgendwo spielen, dann nehmen wir uns einen Fernseher mit auf die Bühne. Aber es macht natürlich keinen Sinn, ein Konzert zu spielen, wenn Deutschland gerade im Achtelfinale oder so spielt, weil dann ja keiner vor der Bühne stehen würde.
Frank Dellé von Seeed hat einen WM-Song geschrieben, wird auch nach Südafrika fahren und dort auftreten. Hast du Ähnliches vor?
Ich hab' ja einen Song geschrieben, "To The Top" mit Christopher Martin. Wenn du auf den Text achtest, passt der sehr gut als WM-Song. Sowas wie damals mit der Viererkette ist momentan nicht geplant, aber "To The Top" passt auf jeden Fall thematisch. (Singt) "Put your hand up on the price now. It's time, we're on the rise now. We can make it if we try. Only if we try. And only if we take Kuranyi."
... bloß schade, dass das der Bundestrainer nicht gehört hat.
Gentleman über Schwulenfeindlichkeit, deutschen Hip Hop und Religion.
Mit seinem letzten Album "Confidence" erreichte Tilmann Otto alias Gentleman Platz eins der Charts. Für ihn noch lange kein Grund, künftig immer den selben Sound zu machen ...
Die Minuten bis zum Gentleman-Interview in unserem kleinen abgegrenzten Telefonraum verrinnen unglaublich langsam. Wann ist es denn endlich 15 Uhr? Unser Italo-Bundespraktikant Windegger unterstützt mich in dieser Situation jedoch tatkräftig, in dem er mir die Nervosität einfach wegquatscht. Und dann klingelt auch schon das Telefon.
Wärst Du ein Vertreter, wie würdest Du Dein neues Album anpreisen?
Gentleman: Ist ein Superalbum, müsst Ihr Euch alle besorgen. (lacht) Es hat mich wirklich schlaflose Nächte gekostet. Ich hab ganz viel Liebe ins Detail gesteckt. Die Texte sind noch durchdachter. Der Punkt, einfach mal loslassen zu können, hat sich auch in die Länge gezogen. Es ist ein Album geworden, in dem Roots Reggae der rote Faden ist, denn ich will ja auch keinen vergraulen, und trotzdem hab ich mich auch für andere Mucke geöffnet. Zum Beispiel habe ich ein R'n'B-Stück aufgenommen "Soulfood" oder ein Singer/Songwriter-Stück wie "Tranquility".
Was grenzt Dich Deiner Meinung nach von anderen Reggae-Künstlern ab?
G: Meine Stimme. (lacht) Jeder Künstler ist anders. Man kann keinen Künstler mit einem anderen vergleichen. Und das ist auch das Schöne dran, jeder ist ein Individuum. Ich glaube, ich finde immer mehr meinen Stil. Und ich glaube, dass man meine Stimme raushören kann.
Hat sich Deiner Meinung nach im Vergleich zur letzten Platte etwas verändert?
G: Ja, es entwickelt sich halt weiter. Man kann ja nicht immer dasselbe machen. Auf einmal merkt man, man hat Lust auf das oder auf das. Geändert hat sich im Prinzip nichts, was das Musikmachen angeht. Ich glaube aber, es ist noch ausgereifter geworden.
Im Promoschreiben berichtest Du von der Schwierigkeit, Inspirationen für das Album zu finden. Was hattest Du für Probleme?
G: Es kommt immer wieder, dass Du Dich ausgelaugt und leer fühlst. Und das wird auch jetzt wieder kommen, nach der Tour. Es geht aber darum, sich irgendwann einzugestehen, okay, ich bin Künstler und kann das, was da ist, auch in Musik packen und umsetzen, egal was es für eine Emotion ist. Ich muss mir eingestehen, dass ich jede Möglichkeit habe, den Dingen eine Form zu geben. Außerdem muss ich mir bewusst machen, dass es kein Gut oder Schlecht gibt, keine Bewertung, sondern nur ehrlich oder nicht ehrlich; authentisch oder nicht authentisch; vom Herzen oder vom Kopf. Mit dieser Einstellung bin ich langsam wieder in meinen Rhythmus gekommen. Ich habe einfach mal angefangen, Sachen aufzunehmen, die mich am Anfang nicht so angeturnt haben. Und irgendwann war es dann einfach da. Ich glaube, manchmal braucht es einfach nur Zeit, an seinen Ruhepol zu kommen und vergangene Sachen zu verarbeiten und Inspirationen zu finden.
Könntest Du den Albumtitel etwas genauer erklären?
G: "Another Intensity" ist das, was ich mir am meisten wünsche, in allen Bereichen. Zum einen in zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich hab keinen Bock mehr auf Scheinheiligkeiten, Oberflächlichkeiten, sondern würde mir wünschen, zwei Level tiefer gehen zu können. Zum anderen ist "Another Intensity" auch eine politische Situation: die Angst bei den Leuten, der religiöse Fanatismus hat auch eine andere Intensität angenommen. Ich habe einfach diesen Satz gelesen, in dem Buch "The Good Life" (Charles Colson und Harold Fickett, Anm. d. Red.) und da stand drin: "We got to be still, but still moving into another intensity." Das hat mich umgehauen. Außerdem klingt das super: "Another Intensity" (ganz schwärmerisch)
Wie war die Kollaboration mit Diana King?
G: Total unerwartet. Ich kannte sie und ihre Musik vorher gar nicht, nur "Shy Guy", das war nicht so mein Song. Ich habe sie im Studio getroffen, bei einem Produzenten, bei dem ich auch aufnehmen sollte und habe da gewartet. Und dann hat sie da in fünf Oktaven gesungen, dass es mich total umgehauen hat. Sie fand meine Mucke auch cool und so haben wir das Stück, das ich eigentlich alleine machen sollte, zusammen gemacht. Es war ein ganz spontanes, unkompliziertes Ding. Das sind meistens die besten.
In Deinem letzten Interview bei laut.de hast Du von einer Zusammenarbeit mit Sizzla geträumt, die auf diesem Album ja tatsächlich stattgefunden hat. Hat sich der Traum bezahlt gemacht?
G: Die Zusammenarbeit war schwierig. Zum einen, weil er so ein unnahbarer Typ ist. Ich habe ihn immer wieder getroffen, doch es haben sich nie Connections entwickelt. Zum anderen, weil er mich sehr verwirrt hat. Auf der einen Seite höre ich Songs, die mir extrem Kraft geben und mich den Glauben an die Musik manchmal verlieren lassen, (lacht) weil er immer wieder mit unglaublichen Stücken kommt und irgendwie jeden Tag ein Album ausscheißen kann, da er ein unglaubliches kreatives Input hat. Auf der anderen Seite schreibt er aber auch Songtexte, bei denen ich mir denke, Alter Schwede, das kannst Du doch nicht bringen. Es war ein ganz schmaler Grad und trotzdem kann ich nur meinem inneren Bauch und meinem Gefühl folgen und sagen, es ist okay.
Wir hatten ein gemeinsames Konzert in Miami und haben uns auf einem ganz anderen Level kennen gelernt. Dort habe ich ihn getroffen, als einen total bescheidenen Down-to-Earth-Typen, der extrem kreativ ist und von dem ich eine Menge lernen konnte. Trotzdem haben wir verschiedene Ansichten, konnten in diesem Song aber das Level finden, das uns beide betrifft. Wie in Deutschland, nimmt auch auf Jamaika die Gewalt in der Gesellschaft ständig zu. Das Thema, dass wir ruhig mal ne Runde freundlicher miteinander umgehen könnten. Das ist schön, dass das gerade auch von ihm kommt.
Wie war es, mit Sizzla im Studio zu stehen?
G: Es war fast spirituell, da er einfach ein Typ ist, der eine Sache hört, in seinem Kopf selektieren muss und es dann einfach umsetzt. Er denkt gar nicht mehr nach, sondern es ist schon da, und Du kannst es greifen. Die Art und Weise, wie er im Studio arbeitet, was für ein Studio er hat und wie sich das anhört, das war einfach eine gute Erfahrung.
Gibt es nach Sizzla einen weiteren Künstler, mit dem Du gerne arbeiten würdest?
Es gibt viele. Mit Buju Banton würde ich gerne was machen, mit Patrice. Es gibt ganz viele.
G: Wir treffen uns hier und da. Wir sind beide super beschäftigt und sehen uns sehr selten. Ich freu mich tierisch, dass die Jungs noch mal an den Start kommen, für die Festivals. Das neue Lied, das sie rausgebracht haben, ich habe nur gedacht: "Die haben es echt geschafft, diesen alten Geist zu beschwören." Ich finde es so notwendig, dass Leute wieder Mucke machen, die cleverer ist und bei der auch etwas dahinter steht. Es ist schon echt krass, wenn ich mir anhöre, was im deutschen Hip Hop gerade abgeht. Ich blame ja gar nicht die Künstler, sondern die Leute, die denen eine Plattform geben. Wenn ich in jedem Interview gefragt werde: "Hör mal, Reggae ist ja schwulenfeindlich" und dann aber gleichzeitig die Bildzeitung diesen Hip Hop-Künstlern ein Forum bietet, in dem sie gelobt werden und gleichzeitig in ihren Songs Frauen vergewaltigen. Da denkt man doch: "Hör mal, was ist denn los hier."
Dazu haben wir natürlich auch ein paar Fragen. Hast Du die Geschichte um G-Hot verfolgt?
G: Nein, zu der Zeit war ich in Jamaika. Ist der schwarz oder weiß?
Weiß, er ist Sohn eines deutsch-türkischen Ehepaares. Sein Stück "Keine Toleranz", in dem er zur Gewalt gegen Schwule aufruft, wurde auf youtube.com veröffentlicht. Er hat zugegeben, den Track gemacht zu haben, jedoch habe ein unbekannter Dritter das Stück ins Netz gestellt.
G: Und das Album von ihm heißt "Neger Neger"?
Nein, das ist von B-Tight.
G: Ich bin da wirklich in einer anderen Welt. (lacht)
Einige Dancehall- und Reggae-Stars sind ja ebenfalls für ihre schwulenfeindlichen Texte bekannt. Ist das auf Jamaika ein Thema zwischen den Künstlern? Wirst Du auch darauf angesprochen?
G: In jedem Interview werde ich danach gefragt. Ich habe jetzt auch mit Sizzla einen Song gemacht, obwohl der schon gegen Schwule gesungen hat. In der Tat ist es recht kompliziert. Ich bin da auch mit mir in Schwierigkeiten gekommen. Aber wo fängst Du an? Okay, wenn ich mit dem jetzt keinen Song mache, weil er gegen Schwule singt, hätte ich mit dem auch nicht arbeiten können. Und der Schlagzeuger, der meine Sachen eingespielt hat, hat doch auch was gegen Schwule. Oh Gott, dann kann ich ja mit überhaupt gar keinem mehr arbeiten. Weil auf Jamaika alle gegen Schwule sind. Das ist ein altes, festgefahrenes, bibelfestes Ding, das in der Kultur verankert ist. Genau wie im Islam, genau wie in Afrika, genau wie in Indien, wenn Du mit Hindus redest und die sagen: "Was, Schwulsein, die größte Sünde" Also, wir sind eher die Minderheit, die sagen: "Wie kann man nur dagegen sein." Man muss damit auch echt vorsichtig sein. Bei der Musik, die auf meinen Alben zu hören ist, da werden keine Minderheiten gedisst, sondern sie werden unterstützt. Kein Künstler, der mit mir zusammengearbeitet hat, disst auf meinem Album irgendwelche Schwulen und das ist mir wichtig. Ich kann ja auch keine Gesellschaft verändern.
Das wäre die nächste Frage gewesen. Nämlich, wie man Deiner Meinung nach dagegen angehen könnte.
G: Das geht nicht.
Die Brother Keepers kritisieren einige Hip Hop-Künstler wegen ihren sexistischen und rassistischen Texten. Wie stehst Du dazu?
G: Ich glaube, das ist ein Altersding, das eine Zeitlang auch ok ist. Ich war 14 und fand N.W.A. total cool. Hab die kompletten Texte mitgesungen: "Fuck the police; coming straight from the underground" oder "fuck that bitch" und fand das cool - Gangstahiphop. Und dann bist du irgendwann 17, 18 und ich finde, dann muss es aufhören. Irgendwann muss der Punkt kommen, wo du sagst: "Es gibt auch Mucke, die mir was geben kann. Die für mich stimmt und mit der ich mich identifizieren kann." Und nicht dieses: "Haben wir kein Ghetto, dann machen wir uns eins." Das ist extrem lächerlich.
Als Sohn eines Pastors, wie ist Dein Zugang zu Religion?
G: Ich habe damit so meine Probleme. (lacht) Religion als Wort kommt ja aus dem Lateinischen 'religio' und heißt 'Zurückführung'. Das bedeutet sich auf den Ursprung zu besinnen, finde ich super. Das größte Missverständnis beruht meiner Meinung nach auf Religion und auf Glauben. Lass uns mal ehrlich sein.
Wenn es keine Religionen geben würde, gäbe es keinen 11. September und es gäbe keinen Israel-Palästina-Konflikt, es gäbe keine Akademiker, die nach Jungfrauen brüllend in irgendwelche Hochhäuser fliegen. Es wäre auch jeden Fall eine viel, viel, viel friedlichere Welt und das kann ja nur im Interesse von Gott sein, und nicht der heilige Krieg, der von Gott gewollt sein soll. Es ist der Wahnsinn, was da abgeht. Und wenn der mächtigste Mann der Welt, bevor er Afghanistan bebombt, eine Eingebung hat, und mit einem vor 2000 Jahren verstorbenen Prediger spricht ... Meine Fresse, was geht denn ab. Und das sind dann alles Sachen, die im Willen Gottes geschehen, im Namen der Liebe. Das ist wirklich das größte Missverständnis der Gesellschaft.
Und was mich so stört, ist, dass alle Religionen, außer im Buddhismus vielleicht, diesem Diesseits so entsagen und auf das Jenseits vorbereiten. Das mag ich an den Rastas. Das Paradies ist hier auf Erden und die Hölle ist ein Zustand. Das fand ich damals im Christentum auch schon so krass, als ich die Lieder im Gesangbuch, die ich jahrelang mitgesungen habe, gecheckt habe, dachte ich mir: "Alter Schwede, ist das heftig." Sowas wie: "Jesus ist der einzige Weg, sonst wirst du verdammt werden." C'mon irgendwie. Oder: "Der heilige Geist hat Maria geschwängert." Der alttestamentarische Gott, was war denn das bitte für ein Wichser - ein Kinderkiller, Korinthenkacker, Schwulenhasser - das hat doch mit Gott überhaupt nichts zu tun. Für mich ist mein Gott ein Spirit, und ich glaube irgendwie an das Gute im Menschen. Das findet alles fernab von Religionen statt.
Würdest Du sagen, dass Liebe gleich Gott ist?
G: Auf jeden Fall. Liebe ist göttlich.
G: Ich will auf jeden Fall mitgehen. Ich will nicht zu der Generation gehören, die sagt: "Ach damals war alles so schön und was ist denn heute los." Ich will am Ball bleiben und deswegen spiele ich auch mit. Ich bin auch bei youtube und habe auch eine MySpace-Seite, sehe die ganzen positiven Seiten und denke auf einmal: "Wow". Es gibt Künstler, die können auf einmal ihr Ding machen, ohne eine Plattenfirma. Die können auf einmal einen Song nehmen, ihn ins Netz stellen und er wird erhört. Die können auf MySpace Promotion machen, die selbst eine Plattenfirma manchmal nicht machen kann. Das finde ich super gut. Es entstehen Möglichkeiten. Ich habe alte Freunde wieder gefunden, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen habe, hammer.
Und wenn es darum geht, Informationen zu kriegen, ich liebe das Internet. Gerade in Afrika, in der Dritten Welt - dass auf einmal Information für jeden zugänglich ist, das ist so eine Freiheit, so ein Privileg und so ein Geschenk, deswegen ist das Internet der Hammer. Doch wenn es darum geht, der Realität durch das Internet zu entfliehen, dann ist das extrem gefährlich. Wenn ich jemanden frage: "Lass uns doch mal treffen und einen Tee trinken." Und er sagt: "Connect mich doch auf myspace." Dann denke ich mir nur: "Ach du Scheiße." Oder ich gehe in ein Café, sehe die Leute da sitzen und keiner unterhält sich. Alle haben ihren Laptop auf dem Schoß und schreiben Briefe. Da denke ich mir nur: "Meine Fresse, das kann es doch nicht sein." Ich glaube, dass du jede Minute, die du in einem Second Life-Ding verbringst, der Realität entsagst, und das kann es einfach nicht sein. Wenn es darum geht, Informationen zu holen, ist es super, aber mehr auch nicht.
Du hast eine 16-jährige Tochter. Weißt Du, ob sie stolz auf ihren Papa ist?
G: Ich habe einen sechsjährigen Sohn und meine Stieftochter ist jetzt 16. Stolz? Die stehen auf meine Mucke. Sie waren beim Summerjam auf dem Konzert und fanden es cool. Aber ich glaube, sie steht eher auf Sean Paul.
Du interessierst Dich auch sehr für die Gefühle der Jugend. Redest Du auch öfter mit Freunden Deiner Tochter über ihre Liebe zur Musik?
G: Auf jeden Fall und das ist mir auch sehr wichtig. Ich war bei der Abschlussfeier in der Gesamtschule Köln Porz (lacht) und da sind auch die Jungs rumgerannt, bei denen man denkt, dass man auf der Strasse eher einen Bogen um sie machen würde. "Hey, isch schwöre und so, weißt Du?" (Kriegt sich vor Lachen kaum ein) Aus der zweiten Instanz sieht man aber, dass die teilweise echt liebe, frische und aufgeweckte Teenager sind, die einfach verunsichert sind, so wie wir auch waren. Da sind auf jeden Fall auch Chancen und Möglichkeiten. Ich sehe aber auch, dass der Respekt voreinander so ein bisschen verloren gegangen ist. Wenn wir uns auf dem Schulhof gekloppt haben, und ich habe dreimal auf den Boden gehauen, dann heißt das aufgeben und dann war Schluss. So etwas gibt es heute gar nicht mehr. Es fehlt so ein bisschen an Ehrenkodex und es fehlt ein bisschen an Menschlichkeit. Das ist aber so ein Ding, wo die Eltern und die Familie, das Surrounding einfach eine große Rolle spielt, das in vielen Fällen vernachlässigt wird. Viele sagen: "Meine Eltern, die reden mit mir nicht."
Wie war das denn mit Deinen Eltern?
G: Ich habe sie mir, glaube ich, ausgesucht. Ich habe extrem Glück gehabt. Wenn ich es mit unserer damaligen Clique vergleiche, der eine hatte gute Eltern, der andere hatte keine guten Eltern. Und der, der keine guten Eltern hatte, der hatte auch erst mal das und das aufzuarbeiten und ihm wurde alles schwieriger gemacht.
Wie ist es in eher Reggae-ungewöhnlichen Ländern, wie Russland, Brasilien oder Israel bekannt zu sein?
G: Ich weiß nicht, ob ich das bekannt bin. Es gab da mal Anfragen. In Surinam bin ich bekannt. Es ist echt amazing, unglaublich zu sehen, wenn man sieht, wie weite Kreise das zieht, vor allem, wenn man damit auch nicht gerechnet hat. Man kommt in Südamerika an, wo man noch nie gespielt hat, wird staatsmännisch empfangen und man fährt zu einem Konzert, bei dem 15.000 Südamerikaner jede Textzeile mitsingen können, obwohl das Album da noch nicht veröffentlicht wurde und ich dort noch keinen Auftritt hatte. Da denkt man sich: "Wow." Das Internet wieder, weißt Du? (lacht)
Danke für das Interview!
G: Danke für das Interesse!
Der Chartsstürmer erklärt, warum Jamaika den Vibe hat und Deutschland nicht, und warum Reggae trotzdem ein universales Ding ist.
In den Adern dieses Mannes fließt gelb-rot-grünes Blut: Tilmann Otto spricht Patois. Er wohnt in Köln, und er macht Reggae, der genau so gut aus dem Herzen Jamaikas stammen könnte. Tilmann Otto ist Gentleman. Mit 17 Jahren reiste er das erste Mal völlig auf sich allein gestellt nach Jamaika. Damals hatten die Reggae-Platten seines Bruders ihn infiziert. Der Virus brach aus, und seither ist einiges passiert ...
Es ist ja bekannt, dass du auch im letzten Jahr häufig auf Jamaika warst, um an deinem neuen Album zu arbeiten. Erzähl doch einfach mal was darüber ...
Ja, ich bin jetzt fertig mit dem neuen Album. Ich bin erst vor kurzem erst aus Jamaika zurück gekommen und habe irgendwie kein Zeitgefühl mehr. Anschließend sind wir nach Kalifornien geflogen, um da eine Show zu spielen. Danach sind wir dann nach London und haben da das Album fertig gemastert. Jetzt gibts kein Zurück mehr ... Auf der Platte sind bis jetzt 19 Stücke, und ein Song mit Anthony B. kommt noch dazu, also werden es 20 Tunes. Ich bin echt zufrieden. Erst mal gibt es keine schlaflosen Nächte mehr, weil die meiste Arbeit im Kopf vorgegangen ist, und das ist jetzt beendet. Hauptsächlich ist das Ding mit Live-Bands eingespielt, z.B. mit meiner Band, mit Far East und Firehouse. Das Ganze haben Bobby Digital und Black Scorpio produziert. Es ist ein reines Roots-Album, es ist sehr layed back, geht aber auch sehr nach vorne. Ich glaube, dass es sehr kraftvoll geworden ist.
Wo du es ansprichst: Wie läuft das mit den ganzen Kollabos? Weißt du, bevor du nach Jamaika fliegst, schon ungefähr, mit wem du was machen willst? Hast du zu dem Zeitpunkt schon feste Zusagen, oder läuft das eher spontan ab und ergibt sich dann erst in Kingston in den Studios?
Was du, wenn du nach Jamaika fährst, echt nicht machen kannst, ist ein Plan. (lacht) Es ist immer alles sehr süß dilettantisch, weißt du? Und die ganzen Kollabos sind eigentlich aus einem spontanen Vibe entstanden. Es muss auch stimmen zwischen beiden Künstlern. Es darf nicht nur der musikalische Respekt zählen, man muss auch einen Vibe zusammen haben, um einen guten Song zu machen. Das ist mir am wichtigsten gewesen. Ursprünglich habe ich auch mit ganz anderen Leuten gerechnet. Dann habe ich die entweder nicht getroffen, oder es hat nicht gestimmt, weil wir teilweise eine andere Vision hatten. Dann habe ich Toni Rebell getroffen, wir haben uns gegenseitig Songs vorgespielt, haben einen Riddim gefunden, den ich vorher gebaut hatte und haben den Song direkt danach aufgenommen. Dadurch habe ich auch Cocoa Tea kennen gelernt usw.. Alles war sehr spontan ...
Wie ist das, wenn du nach Jamaika kommst, wie viel Material hast du dann aus Deutschland schon in der Tasche? Ist da schon relativ viel gediehen, von dem du sagst, dass du es gerne machen möchtest? Und ist es dann so, dass du in Jamaika weiter arbeiten und aufnehmen willst, weil da der Vibe stimmt?
Das Album ist komplett in Jamaika produziert und gemischt worden. Mir war es aber auch wichtig, dass ich mit der Band, mit der ich am meisten zusammen spiele, auch Musik mache, die dann auch auf dem Album ist. Deshalb haben wir in Deutschland in der ersten Phase bei Conny Plank in den Studios mit der Band Sachen eingespielt, die ich schon vorproduziert hatte, und dann habe ich diese Musik mit nach Jamaika genommen, um dort die Texte zu schreiben und das Ganze aufzunehmen. Danach hab ich dann in Europa noch ein paar Shows gespielt und bin dann wieder nach Jamaika geflogen. Da hab ich später mit Bobby Digital und Black Scorpio und Firehouse zusammen Musik gemacht und mit den anderen Artists die Songs aufgenommen. Wir sind dann noch einmal nach Jamaika geflogen, um das Album zu mischen. Also das war in mehreren Etappen.
Hast du in Jamaika ein favourite Studio, also eine Anlaufadresse, zu der du immer hingehst?
Naja, jedes Studio hat so seine eigene Story, und jedes Studio ist irgendwie auf seine eigene Art und Weise interessant. Es gibt aber vier Studios, würde ich mal sagen, in denen ich mich extrem wohl und zuhause fühle. Das ist zum einen Black Scorpio, dann Bobby Digital, Cellblock und Anchor-Music Works. Das sind die vier Studios, in denen ich die meisten Songs aufnehme. Und bei Steven Stanley, der die Songs mischt, der hat auch ein sehr geiles Studio. Es ist auch immer cool, in ein neues Studio zu kommen. Ich habe da mit Don Corleone einen Song aufgenommen, der schon viele Sachen für Sean Paul und Wayne Wonder und Vibes Kartell gemacht hat. Der hat mir dann komischerweise bei sich einen Rhythmus vorgespielt, der für ihn total untypisch war. Ein One-Drop-Rootsriddim, der aber total nice war. Daraufhin habe ich mit ihm einen Song gemacht. Alles sehr spontan ...
Weil du gerade solche Artist wie Vibes Kartell oder Jean Paul und einen Produzent wie Don Corleone nennst - in deiner Aufzählung der Kollabo-Artists vorhin sind solche, nun, sagen wir mal Hardcore-Artists nicht mit dabei ...
Nee, es gibt auch keine Hardcore-DJs. Das Album ist hardcore, aber auf eine andere Weise. Es ist wie gesagt kraftvoll. Aber ich glaube, ein Song mit Vibes Kartell würde ohnehin irgendwie nicht zu meiner Vision passen. Er ist ein netter Typ. Und Don Corleone ist einfach ein Genie, wenn es ans Producen geht, und deswegen hat es da gepasst.
Du sagst, dass es Hardcore sei. Bewegt es sich nicht eher im Roots- oder New-Roots-Bereich?
Na ja, man muss Hardcore definieren. Das tut halt jeder anders. Für die einen ist das irgendein Porno, für die anderen ist es Gabber-Techno-Musik oder Dancehall, und für mich ist einfach Roots-Reggae Hardcore. Auf jeden Fall mehr Hardcore als Dancehall-Musik, weil es für mich einfach viel kraftvoller ist. Ich stehe auch auf Dancehall und auf die Bumm-Bumm-Beats, aber das ist so schnelllebig und gerade, wenn es um Longplayer geht, will ich auch, dass es long geplayt wird. Und ich glaube, das ist mit Roots-Reggae wahrscheinlicher. Wenn ich mir das erste und zweite Album anhöre, kann ich die Roots-Tracks noch hören, bei den Dancehall-Liedern zippe ich dann eher vor, weil die Zeit einfach dafür vorbei ist.
Würdest du sagen, dass das neue Album für dich eine logische Fortsetzung von "Journey To Jah" ist?
Auf jeden Fall, es hat sich nichts geändert! Die Message ist die gleiche, die Musik ist auch die selbe geblieben. Ich glaube nur, dass es noch mehr aus einem Guss ist. Es gibt auch keinen Dancehall-Track mehr, was mir wahrscheinlich viele übel nehmen werden, aber ich wollte dieses mal etwas Kompromissloses machen. Ich denke andererseits auch darüber nac,h mit Don Corleone und Lanny von Germaican-Records Riddims zu sammeln und ein zwölf bis dreizehn Track-Dancehall-Album zu machen, um meine positive Lyrics in die Dances zu brennen. Meiner Meinung nach sind zur Zeit viele Scheiß-Lyrics am Start, und das nicht mal bewusst. Viele Künstler sind sich nicht bewusst, dass sie auch für die Inhalte Verantwortung tragen. Ich will, dass mein Sohn mal meine Musik hören und sagen kann, das hat Daddy mal gesungen. Und nicht Shit, was ist denn das. Schließlich machst du eine Platte für die Ewigkeit, sie wird immer da sein. Man sollte sich schon genau überlegen, was man sagt.
Du hast deinen Sohn angesprochen. Würdest du sagen, dass es dich in deinem künstlerischen Schaffen in einer gewissen Weise beeinflusst, dass du Vater bist?
Als meine Ex-Freundin schwanger war, habe ich gedacht, dass sich mit meinem Sohn alles verändern wird. Es hat sich aber gar nichts verändert. Alles ist nur viel intensiver geworden. Mir gibt mein Sohn auch eine unglaubliche Kraft. Man wird ruhiger und irgendwie fokussierter, man lässt sich nicht so leicht ablenken. Das ist, was mir mein Sohn an Power gibt. Natürlich findet sich das auch in den Texten dann wieder.
Um auf deine Texte zurück zu kommen. Wie weit verarbeitest du zeitgeschichtliche Themen, beispielsweise den 11. September oder den Herrn Bush?
Ja, wir kommen einfach nicht drum herum, wenn du keine Party-Lyrics machst, was ich teilweise auch mache, aber gerade auf Alben ganz selten. Und wenn du auch keine Minderheit disst, was ich nicht mache, dann bist du irgendwann einfach dazu gezwungen, über Politik und Religion zu singen. Texte entstehen oft einfach aus Dialogen mit anderen Menschen,, oder ich schaue Nachrichten und kann danach einen Text bauen. Es können auch Love-Lyrics sein, die meiner Freundin gewidmet sind. Das ist alles ziemlich breitgefächert, aber immer mit dem Glauben und dem Wissen, dass schon alles o.k. ist. Ich hatte schon immer deep-down ein Feeling, egal wie scheiße es mir in irgendwelchen Momenten ging, dass alles doch in einer Weise o.k. ist. Das will ich den Leuten da draußen mit meiner Musik rüberbringen. Ich sehe viele Menschen da draußen, die Angst haben und die keine Perspektiven mehr sehen. Außerdem sind sie in einem System groß geworden, was tierisch abgefuckt und limitiert ist. Wir als Künstler, die es geschafft haben, von dem zu leben, was wir sowieso machen würden, müssen tierisch dankbar sein. Ich habe großen Respekt vor Leuten, die jeden Tag normal zur Arbeit gehen, um ihre Familie zu ernähren, und trotzdem einen klaren Kopf behalten und in dem System nicht hopps gehen.
Weil du gerade vom System sprichst - du thematisierst ja häufig auch Babylon. Wie würdest du Babylon für dich definieren und was ist für dich eventuell eine Art Lösungsweg, den du in deinen Texten rüberbringen möchtest.
Ich finde, das beste und auch einzige Wort, das Babylon beschreibt, ist Ignoranz. Ignoranz trifft das am besten. Babylon kommt halt von der Bibel. Der Turmbau zu Babel. Die Geschichte, in der die Leute immer besser sein wollten, immer höher, immer weiter wollten, und Jah Jah gesagt hat, dass es so nicht abgeht, und jetzt gebe ich euch Babylon und das babylonische Kauderwelsch, und ihr versteht euch untereinander nicht mehr. Das Wort ist einfach Ignoranz. Es gibt aber kein Patent und keine Lösung dagegen. Es gibt eben immer ignorante Menschen, die in der Ignoranz geboren wurden und gar nichts anderes kennen. Trotzdem finde ich es einfach wichtig, Hoffnung zu spreaden. Ich sehe aber auch parallel zu der ganzen Wickedness, dass manche Dinge sich positiv entwickeln. Alles wächst irgendwie zusammen. Gerade in der Musik gibt es einen Weg, das Positive mit den Leuten zu teilen. Musik ist einfach ein Spirit, und in dem Moment, wo die Leute den Spirit fühlen, gibt es kein "Mind" mehr, und wo kein "Mind" ist, sind einfach nur noch Vibes. Deswegen sind wir hier. Wir sind ein Teil von Jah Jah, von der ganzen Existenz. Das ist halt ein Teil davon.
Du sprichst viel von Jah ...
... was das gleiche für mich ist wie Spirit, Energy oder Love, das ist alles ein Ding. Ich gehöre keiner Religion an, obwohl ich mich als religiösen Menschen betrachte. Sehr religiös sogar. Die Bibel ist ein unglaubliches Buch, das jeder mal lesen sollte. Mein Vater ist Pastor, aber ich habe mich in der Kirche nie wohl gefühlt. Ich habe zwar immer Gott gespürt, aber nie in der Kirche. Und Religionen sind im Moment - oder eigentlich schon immer - ein Grund für die ganzen Kriege. Es ist Wahnsinn, wenn die Leute sagen, dass ein Krieg heilig ist. Wenn Krieg heilig ist, was ist dann unheilig? Nein, das ist einfach Wahnsinn, wenn der Glaube fanatisch wird. Und ich glaube nicht einfach an Gott, sondern ich weiß, dass es ihn gibt. So ein Glauben auch ist ja auch immer ein Nicht-Wissen.
Wir haben über dein neues Album gesprochen. Ich denke, da ist ja wohl auch eine Tour geplant. Wie weit kommst du rum? Geht ihr inzwischen auch schon bis nach Japan?
In Japan waren wir bis jetzt noch nicht, aber was im Moment passiert, ist schon sehr international. Wir haben gerade eine Europa-Tour gespielt: Zwanzig Shows in Skandinavien, Spanien, Portugal, Frankreich, usw. ... Das war ein toller Erfolg, mit dem ich zuerst nicht gerechnet hätte. Ich hatte überhaupt keine Erwartungen. In Paris haben wir mit 200 Leuten gerechnet, das wäre schon cool gewesen und dann waren knapp 1000 Leute da, der Laden war rappelvoll, und alle haben die Texte mitgesungen. Da denkt man dann schon, wow, das ist jetzt echt ein internationales Ding! Letzte Woche hatte ich eine Show in Kalifornien, wir waren auf dem Sierra-Nevada Festival in der Nähe von San Francisco in den Pampas, und da haben die Leute ebenfalls mitgesungen. Ich glaube, das sind die guten Seiten des Brennens und des Internets, weil die Musik auf dem Globus viel leichter zu spreaden ist als früher.
Wenn wir gerade bei Auftritten sind. Du trittst ja auch in Jamaika, auf wenn du dort bist. Nun habe ich deinen Auftritt von vor einigen paar Jahren auf dem Reggae-Kwaanza in Jamaika erlebt. Da standen die Jamaikaner unten im Publikum, haben mit großen Augen hochgeschaut und fanden das cool. Mir kam das so vor, als habe ein Reggae-Artist aus Germany so eine Art Exotenbonus. War das so, und gibt es so was noch?
Nein, ich glaube der Exotenbonus ist weg. Irgendwann geht es nur noch darum, gute Songs abzuliefern, präsent zu sein, Stage-Shows zu spielen und zuversichtlich auf der Bühne zu sein. Das ist das, was die Leute sehen wollen. Das Kwaanza-Ding war damals spontan, ich war erst siebzehn. Es zählte auch einfach der Überraschungseffekt, das war einfach lustig, da hat dort keiner mit gerechnet. Ich war halt noch voll der Youthman. Die Leute haben nicht darauf geachtet, was ich gesungen habe. Es ging viel mehr um den Vibe. Ich glaube, dass ich damals nur Bullshit gesungen habe, aber ich weiß es nicht mehr so genau. In Jamaika wissen die Leute aber auch, dass ihre Musik wieder international an den Start kommt. Dann ist es egal, ob du aus Amerika, Deutschland oder Japan kommst. Wenn der Song gut ist, dann wirst du akzeptiert, und wenn nicht, dann eben nicht!
Um noch mal auf Gigs in Jamaika zurückzukommen. Ich weiß, dass es ein leidiges Thema ist, aber wie war das auf dem Sting Festival 2003 noch mal?
Ich rede darüber eigentlich total gerne ...
Wie war das?
Ich habe immer gedacht, dass das Allerschlimmste, das mir passieren könnte, sei, auf dem Sting gebottlet zu werden (auf der Bühne vom Publikum mit Flaschen beworfen werden, Anm. d. Red.). Aber ich habe nie damit gerechnet und war total selbstsicher. Ich dachte echt, das ist mein Ding, die Leute kennen "Dem Gone", und ich erhalte so ein gutes Feedback überall, und jetzt bringe ich das Kind nachhause. Es hat mir im Nachhinein so viel Kraft gegeben, das ist unglaublich. Ich glaube, es ist das Gesündeste für einen Artist, mal auf der Bühne gebottlet zu werden. Wenn Du auf dem Sting gebottled worden bist, kannst du danach überall auf der Welt auftreten, was soll dir noch passieren? Die ersten zehn Minuten danach waren aber schon ganz schön krass, weil ich mir überlegt habe, was ich falsch gemacht habe. Ich weiß das jetzt auch. Das Sting ist ein Festival für sich. Die Leute wollen dort Krieg, Action und Hardcorelyrics. Ich habe sie gefragt, was los ist, wollt ihr righteous Lyrics, wollt ihr mehr, aber du kannst mit denen Leuten da nicht reden, sondern musst direkt die Songs hin brettern. Das sind die Sachen, die man lernt. Aber es hat mich irgendwie auch aufgebaut, dass ich ein oder zwei Monate später beim Rebel Salute gespielt habe. Ungefähr die gleiche Größe wie das Sting. Das war genau das Gegenteil. Das war dann total "Dance mash-up". Es gehört eben beides dazu ... Es liegt aber nie an den Leuten, sondern an dir selbst.
Siehst du Jamaika als Quelle?
Ja, ich habe dort meine Musik entdeckt, ich mache dort Musik. Mein Freunde wohnen da und ich fühle mich dort super wohl und zuhause, genauso wie in Deutschland. In Jamaika wird Musik, die ich liebe, in einem solchen kleinen Land komprimiert. Weißt du, wenn ich in Kingston bin, stecke ich direkt in einem Music-Vibe drin, was in Deutschland eben nicht der Fall ist. Das ist auch o.k., weil es dann mal um andere Sachen als um Musik geht, und man kann wieder Inspirationen bekommen. Doch in jamaikanischen Studios steckt eben eine unglaubliche Power und Erfahrung, was die Mixer und Musicians angeht. Es ist ein großes Geschenk, dort akzeptiert zu sein und mit den Jungs zusammen arbeiten zu dürfen. Ich lerne einfach jedes Mal immer mehr in Jamaika. Da wird Musik aus dem Herzen und wenig aus dem Kopf gemacht. Die können dabei Fernsehen schauen, Karten spielen, das ist unglaublich (lacht) ... Das ist einfach in denen drin, pure Meditation. Es flowt einfach.
Du sprichst viel von jamaikanischen Producern und Studios. Wie viel Material hast du auf dem neuen Album, das aus Deutschland kommt, etwa Sachen von Pow Pow oder Silly Walks oder anderen? Wie viel davon hat es auf das Album geschafft?
Ich habe mit Far East Sachen eingespielt und in Deutschland aufgenommen. Pow Pow hat Riddims mit Firehouse zusammen gemacht. Es gibt vier Rhythmen, die Pow Pow produziert hat auf dem Album. Also auch "deutsche" Produktionen, aber für mich ist das sowieso ein universelles Ding. Auch die Frage, ob es aus Deutschland, Frankreich oder Jamaika ist. Das ist eigentlich fucking egal. Seeed bauen einen Riddim in Berlin, Tanja Stevens voicet das Ding in London, und in Trinidad wird es Nummer eins. It's a universal thing!
Okay, es kamen in letzter Zeit sehr viele Singles auf JA-Labels von dir raus, was ich bis vor einem halben Jahr noch nicht so empfunden habe. Sind die auf dem Album enthalten?
Zum Teil ja. Ich weiß selber gar nicht genau, was schon released worden ist. Ich war die letzten fünf, sechs Monate in Jamaika, grob gesagt, habe dort für viele Produzenten aufgenommen und mit vielen verschiedenen Künstlern zusammen gearbeitet. Mit Marcia Griffith. Habe mit Anthony Redrose und Bounty Killer einen Song aufgenommen für eine Juggling-Session. Für Taffari. Habe für Mark Wonders Album einen Song gevoicet und ganz viele Guest-Parts gemacht, die jetzt rausgekommen sind. Aber ich glaube, ungefähr sieben oder acht Singles des 20-Track-Albums sind schon als 7"-inches released worden.
Gibt es einen Artist, mit dem du noch nicht zusammen gearbeitet hast und mit dem du gerne noch was machen würdest?
Mittlerweile ist mir das, wie gesagt, echt wichtig, dass ich einen Vibe mit demjenigen habe, und wenn er nicht da ist, dann ist mir das gar nicht mehr so wichtig. Ich habe einen tierischen Respekt vor Sizzla, und er hat mich über die Jahre unglaublich inspiriert. Ich muss ehrlich gestehen, dass über 80 Prozent des Reggae, der bei mir lief, Sizzla-Tunes waren. Weil ich zum Beispiel "Da real ting" rauf und runter hören konnte. Das hatte ich schon lange nicht mehr bei einem Album. Der Typ ist unglaublich, was seine Power, seine Stimme und seine Lyrics angeht. Aber wir sind noch nicht wirklich miteinander warm geworden. Ich habe ihn ein paar mal getroffen, und das war auch immer o.k., aber es war nie so, dass wir spontan gesagt haben wir gehen jetzt ins Studio und machen einen Tune. Dann sage ich auch nicht, bitte lass uns einen zusammen Song machen. Es muss einfach flowen, und ich denke mir, das kommt noch. Irgendwann kommt der Mörder-Song mit Sizzla.
Eine abschließende Frage noch. Was wünscht du dir selbst und dem Reggae für die Zukunft?
Ach weißt du, wenn alles so bleibt, wie es ist, dann wäre es cool. Mir ist es egal, wie es sich entwickelt, weil sich die Musik in sich selber andauernd weiter entwickelt, unabhängig davon, wie sie angenommen wird. Ich habe eine solche Liebe für die Musik - I don't care. Ich glaube, dass es schon ein wenig so sein wird wie im Hip Hop, dass sich die Plattenfirmen im Moment auf alles stürzen, was sich nach Reggae anhört. In Deutschland gibt es schon viele gute Sachen. So Leute wie Nosliw oder auch Nikita-Mann, das find ich ziemlich cool. Es gibt da Jungs, die haben echt Flow und Vibes. Und ich merke das an tausend Interview-Fragen wie: "Ja, Reggae ist doch jetzt die Musik, der Boom und der Trend und der Hype und so ...?" Aber da glaube ich nicht dran, das sehe ich nicht so. Dafür hat sich die Musik zu lange entwickelt, und es gibt sie einfach schon zu lange dafür, als dass sie in sich zusammen fallen könnte. Es ist nicht nur ein Hype.
Danke für das Interview.
Bitte.
Das Interview führte Tobias Kraus
| So | 07.07.2013 | Gentleman Summerjam (Köln) | |
| Fr | 12.07.2013 | Gentleman Happiness Festival (Straubenhardt) | |
| Sa | 27.07.2013 | Gentleman Greenville Festival (Paaren/Glien) | |
| Mo | 14.10.2013 | Gentleman Kiel (Halle 400) | |
| Di | 15.10.2013 | Gentleman Hamburg (Docks) | |
| Sa | 19.10.2013 | Gentleman Wiesbaden (Schlachthof) | |
| Mo | 21.10.2013 | Gentleman Freiburg (Rothaus Arena) | |
| Mi | 23.10.2013 | Gentleman Biberach (Stadthalle) | |
| Fr | 01.11.2013 | Gentleman Saarbrücken (Garage) | |
| Sa | 02.11.2013 | Gentleman Stuttgart (Liederhalle) | |
| Do | 14.11.2013 | Gentleman Dortmund (FZW) | |
| Fr | 15.11.2013 | Gentleman Leipzig (Haus Auensee) | |
| Sa | 16.11.2013 | Gentleman Bremen (Aladin) | |
| Mo | 18.11.2013 | Gentleman Fürth (Stadthalle) | |
| Di | 19.11.2013 | Gentleman Berlin (C-Halle) | |
| Mi | 20.11.2013 | Gentleman Hannover (Capitol) | |
| Do | 21.11.2013 | Gentleman München (Zenith) |
| Thema | Posts | Letzter Beitrag | |
|---|---|---|---|
| {ersteller.avatar} |
{thread.titel} {ersteller.name} |
{thread.antworten} |
{letzter.zeit} {letzter.name} |
|
EMAs bigFM |
1 |
20.10.10, 16:19 bigFM |
|
|
Videointerview mit Gentleman SPIESSER.de |
2 |
31.07.10, 12:51 MannBeißtHund |
|
|
Eure Fragen an Gentleman auf SPIESSER.de SPIESSER.de |
1 |
23.06.10, 13:32 SPIESSER.de |
|
|
Gentlemans Anfang auf Jamaika - Doku MannBeißtHund |
3 |
14.04.10, 09:44 Benny0809 |
|
|
Gentleman persönich Treffen fifikus76 |
2 |
19.07.08, 23:52 Good_Charlotte_1995 |
Format
Homepage: